Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 23.12.1597 - Geburtstag von Martin Opitz

      Klagelied bey dem Creutze unsers Erlösers

      … Seht euren Schöpffer an, den Gott von allen Zeiten, / Den König der Natur, seht seine weisse Seiten
      So jämmerlich durchbohrt, das Haupt, das güldne Haar, / Die Hände, welchen vor das Meer gehorsam war
      Und Eolus darzu, den Leib, die zarten Füsse. / Ein jeder mache sich zu uns her und vergiesse
      Die Zehren, wie auch er vor und vergossen hat, / Als Blut ihm vor den Schweiß aus seiner Stirne trat
      Und diese gantze Welt, ja, das noch mehr zu sagen, / Die Sünden allesampt ihm auff den Halse lagen
      Und druckten ihn für uns. Ach Schand, ach Laster, ach, / Der Bau des Himmels knackt, die Wolcken geben nach,
      Lufft, Feuer Erd` und Meer die scheinen auch zu leiden, / Und liegen gantz verwirrt, die Sonne selbst muß scheiden
      Und kan das Leid nicht sehn...

      Und wir sind doch verstockt? Was haben wir vor Sinnen, / Daß solche höchste Noth sie noch nicht kan gewinnen?
      Welch Tiger ist so grimm? Wie, wan der grosse Held, / In dieses Mittel sich nicht hette dargestelt;
      So kräfftig war die Gunst den Menschen zu erhalten, / Der jetzund sein Gemüth` hergegen lässt erkalten,
      Schlägt alles in den Wind. Auff, auff doch und erwacht, / Thut weg von euch den Schlaff, der all zu sicher macht,
      Ey, legt die Faulheit hin. Es wird doch nicht begehret, / Daß ihr ein sterblich Ding zum Opffer ihm gewehret,
      Stecht gar kein Lamb nicht ab, schlagt keine Ochsen nicht, / Kein Weyrauch darf hier seyn, kein eingeweytes Liecht;
      Gott siht im Finstern auch. Er fraget nach dem Hertzen, / Er fordert einig nur die Sinn, der Reu und Schmertzen
      Vor seine Laster trägt, er wil gebeten seyn / Mit eyffriger Begier, nur diß gefelt allein
      In seinen Augen wol...

      Deß Propheten Jeremias Gebett

      O Herr, bedencke doch, Herr, nim dir doch zu Hertzen / Das Leyd, so uns betrifft, schau` unsre Schmach und Schmertzen
      Mit Vatteraugen an, sieh` unser güld`nes Land, / Das Milch und Honig trug, ist nun in frembder Hand
      Und unsre Häuser auch; wir sind zu Waisen worden / Und unsre Mütter sind im armen Widwen Orden,
      Sie haben keinen Mann, wie keine Vätter nicht, / Und sind ohn Hülff` und Trost; wann Wasser uns gebricht,
      Das dennoch unser ist, so lassen wir es bringen / Umb unser eygnes Geld, und müssen Holtz erzwingen,
      Das uns im Pusche wächst, umb grossen Werth und Preiß...

      Wir dienen Knechten jetzt, Schand über alle Schande, / Und niemand rettet uns in diesem gantzen Lande
      Von ihrer Dienstbarkeit; wir holen unser Brod / Mit Aengsten und Gefahr, weil beydes Schwerdt und Todt
      Hier in der Wüsten sind, daß Fleisch und Beine knacken, / Die schwartze Haut sieht auß, als were sie gebacken
      Im Ofen und gedört für Mangel an der Kost / Und Hunger der uns plagt. Sie haben schnöde Lust
      Und Ueppigkeit verübt mit Zions schönen Weibern, / Den Jungfraun Juda auch von ihren zarten Leibern
      Den besten Schatz geraubt, die Fürsten auffgeschnürt, / Die Alten nicht geehrt, als wie sich wol gebührt.
      Das arme junge Volck hat Müller müssen werden, / Die Knaben bleiben schier erliegen auff der Erden,
      So das ihr Hals für Last deß Holtzes brechen wil. / Kein Alter sitzt am Thor`, es wird kein Seitenspiel
      Von unsrer Jugend mehr, wie zwar zuvor, gerühret, / Die Laut` ist ohne Laut; kein Neigen wird geführet,
      Kein Tantz nicht mehr gehegt; die Freuden sind nun auß, / Und unser Schauspielplatz wird jetzt ein Klagehauß…

      v. zeno.org
      >>>>Wer Rechtschreibefehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show) … … Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 25.12.1900 - Arthur Schnitzlers Novelle "Lieutenant Gustl" wird erstveröffentlicht . . .

      …. Wie weit renn` ich denn noch? Wenn ich so weiterrenn`, bin ich um Mitternacht in Kagran - - Haha! Herrgott, froh sind wir gewesen, wie wir im vorigen September dort eingerückt sind. Noch zwei Stunden, und Wien - - todmüd` war ich, wie wir angekommen sind - - den ganzen Nachmittag hab` ich geschlafen wie ein Stock, und am Abend waren wir schon beim Ronacher - - der Kopetzki, der Ladinser und - - wer war denn nur noch mit uns? Ja richtig, der Freiwillige, der uns auf dem Marsch die jüdischen Anekdoten erzählt hat - - Manchmal sind`s ganz nette Burschen, die Einjährigen - - aber sie sollten alle nur Stellvertreter werden, denn was hat das für einen Sinn? Wir müssen uns jahrelang plagen, und so ein Kerl dient ein Jahr und hat genau dieselbe Distinktion wie wir - - es ist eine Ungerechtigkeit! Aber was geht mich denn das alles an? Was scher` ich mich denn um solche Sachen? Ein Gemeiner von der Verpflegungsbranche ist ja jetzt mehr als ich: ich bin ja überhaupt nicht mehr auf der Welt - - es ist ja aus mit mir - - Ehre verloren, alles verloren! - - Ich hab` ja nichts anderes zu tun, als meinen Revolver zu laden und - - Gustl, Gustl, mir scheint, du glaubst noch immer nicht recht dran? Komm` nur zur Besinnung - - es gibt nichts anderes - - wenn du auch dein Gehirn zermarterst, es gibt nichts anderes! Jetzt heißt`s nur mehr, im letzten Moment sich anständig benehmen, ein Mann sein, ein Offizier sein, so daß der Oberst sagt: Er ist ein braver Kerl gewesen, wir werden ihm ein treues Angedenken bewahren! - - Wieviel Kompagnien rücken denn aus beim Leichenbegängnis von einem Lieutenant? - - Das müßt ich eigentlich wissen...

      Also morgen früh wird Schluß gemacht - - morgen früh um sieben Uhr - - sieben Uhr ist eine schöne Stund`. Haha, also um acht, wenn die Schul` anfangt, ist alles vorbei - - der Kopetzky wird aber keine Schul` halten können, weil er zu sehr erschüttert sein wird - - Aber vielleicht weiß er`s noch gar nicht - - man braucht ja nichts zu hören - - Den Max Lippay haben sie auch erst am Nachmittag gefunden, und in der Früh hat er sich erschossen, und kein Mensch hat was davon gehört - - Aber was geht mich das an, ob der Kopetzky Schul` halten wird oder nicht? - - Ha! also um sieben Uhr! Ja - - na, was denn noch? - - Weiter ist ja nichts zu überlegen. Im Zimmer schieß` ich mich tot, und dann ist basta! Montag ist die Leich`- - Einen kenn` ich, der wird eine Freud` haben: das ist der Doktor - - Duell kann nicht stattfinden wegen Selbstmord des einen Kombattanten - - Was sie bei Mannheimers sagen werden? Na, er wird sich nicht viel d`raus machen - - aber die Frau, die hübsche, blonde - - mit der war was zu machen - - O ja, mir scheint, bei der hätt` ich Chance gehabt, wenn ich mich nur ein bissl zusammengenommen hätt`- - ja, das wär` doch was anders gewesen, als die Steffi, dieses Mensch - - Aber faul darf man halt nicht sein - - da heißt`s: Kour machen, Blumen schicken, vernünftig reden - - das geht nicht so, daß man sagt: Komm` morgen nachmittag zu mir in die Kasern`! - - Ja, so eine anständige Frau, das wär` halt was g`wesen - - Die Frau von meinem Hauptmann in Przemysl, das war ja doch keine anständige Frau - - ich könn` schwören: der Libitzky und der Wermutek und der schäbige Stellvertreter, der hat sie auch g`habt - - Aber die Frau Mannheimer - - ja, das wär` was anders, das wär` doch auch ein Umgang gewesen, das hätt` einen beinah` zu einem andern Menschen gemacht, da hätt` man doch noch einen andern Schliff gekriegt...

      Jetzt wär` ich am End` schon verheiratet, ein liebes, gutes Mädel - - vielleicht die Anna, die hat mich so gern gehabt - - auch jetzt hab` ich`s noch gemerkt, wie ich das letztemal zu Haus war, obzwar sie schon einen Mann hat und zwei Kinder - - ich hab`s g`sehn, wie sie mich ang`schaut hat - - Und noch immer sagt sie mir "Gustl" wie früher - - Der wird`s ordentlich in die Glieder fahren, wenn sie erfährt, was es mit mir für ein End` genommen hat, aber ihr Mann wird sagen: Das hab ich vorausgesehen, so ein Lump! Alle werden meinen, es ist, weil ich Schulden gehabt hab` - - und es ist doch gar nicht wahr, es ist doch alles gezahlt - - nur die letzten hundertsechzig Gulden, na, und die sind morgen da - - Ja, dafür muß ich auch noch sorgen, daß der Ballert die hundertsechzig Gulden kriegt - - das muß ich niederschreiben, bevor ich mich erschieß` - - Es ist schrecklich, es ist schrecklich! - - Wenn ich lieber auf und davon fahren möcht`, nach Amerika, wo mich niemand kennt - - In Amerika weiß kein Mensch davon, was hier heut` abend gescheh`n ist - - da kümmert sich kein Mensch d`rum - - Neulich ist in der Zeitung gestanden von einem Grafen Runge, der hat fortmüssen wegen einer schmutzigen Geschichte, und jetzt hat er drüben ein Hotel und pfeift auf den ganzen Schwindel - - Und in ein paar Jahren könnt` man ja wieder zurück - - nicht nach Wien natürlich - - auch nicht nach Graz - - aber aufs Gut könnt` ich - - und der Mama und dem Papa und der Klara möcht`s doch tausendmal lieber sein, wenn ich nur lebendig blieb` - - Und was geh`n mich denn die andern Leut` an? Wer meint`s denn sonst gut mit mir? Außerm Kopetzky könnt` ich allen gestohlen werden - - der Kopetzky ist doch der einzige - - Und grad` der hat mir heut` das Billett geben müssen - - und das Billett ist an allem schuld - - ohne das Billett wär` ich nicht ins Konzert gegangen, und alles das wär` nicht passiert - - Was ist denn nur passiert? - - Es ist grad`, als wenn hundert Jahr` seitdem vergangen wären, und es kann noch keine zwei Stunden sein - - Vor zwei Stunden hat mir einer "dummer Bub" gesagt und hat meinen Säbel zerbrechen wollen - - Herrgott, ich fang` noch zu schreien an mitten in der Nacht!... ….

      v. wikisource.org (<= Wortlaut der 11. (!) Auflage, "Berlin 1906 S. Fischer, Verlag")
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    • 28.12.1736 - Todestag von Antonio Caldara

      … In der Composition u. im Generalbaß unterrichtete ihn sein Landsmann Legrenzi. Vom J. 1714-18 war er am Hofe zu Mantua Capellmeister, dann ging er nach Wien, wo Kais. Karl VI. sein Schüler im Generalbaß wurde, u. er bis 1765 ((sic !!)) als Hof-Vicecapellmeister wirkte. Im J. 1723 dirigirte C. bei der Krönung Karl VI. in Prag unter freiem Himmel eine große von Fuchs componierte Oper...

      Seine Compositionen, insbesondere aber seine Kirchenmusiken werden von Kennern geschätzt. Seine ersten Arbeiten zeichnen sich durch Einfachheit und Schmucklosigkeit im höchsten Grade aus; er schrieb damals seine meisten Compositionen a l l a C a p e l l a, streng contrapunctisch durchgeführt, würdig u. im Geist seines Vorbildes Palestrina. Als er später nach Wien kam, sich mit dem Geiste der deutschen Musik vertraut machte, und ihm...reiche Instrumentalmittel zu Gebote standen, begannen auch seine Partituren reich figurirt zu werden. Die Kunstkritik urtheilt über C.`s Kirchenmusik folgendermaßen: "...Man erkennt aus der besondern Farbengebung, dem leichten Melodienschwunge, der Anwendung der mannigfaltigsten Combinationen, den Verschlingungen canonischer Sätze in allen Stimmen sogleich den ausgezeichneten Charakter dieses Meisters... Das einfachste Thema gibt ihm hinreichenden Stoff, die Fuge in den verschiedensten sinnreichsten Nachahmungen, Rückungen und harmonischen Gängen durchzuarbeiten. Sein Styl...besitzt den seltenen Vorzug, den italienischen, fließenden, einschmeichelnden Gesang mit rigoroser deutscher Gründlichkeit zu vereinen..."...

      C.v.Wurzbach in "Biograph. Lex. des Kaiserthums Oesterreich. Band:2 (1857)"; zit. v. wikisource.org

      (In Venedig) wurde er als Sänger in der St. Marcuskirche angestellt und von da...nach Mantua berufen. Seine Opern fanden rasch Verbreitung in Italien und bald drang sein Name auch nach Wien... Kaiser Karl VI....muß Gefallen gefunden haben an Caldara`s Musik, denn als der Componist...1715 um die erledigte Vice-Hofcapellmeisterstelle petitionirte, wurde (er) vorgezogen... In seiner neuen Stellung verlebte C. den Rest seines Lebens in Wien, war also 20 Jahre auf deutschem Boden thätig… C. (, der an Stelle des Jahre lang kränklichen ersten Hofcapellmeisters Joh. Jos. Fux fast alle Opern- und Cantaten-Aufführungen am kaiserlichen Hofe leitete,) stand...als Componist und als Lehrer in besonderer Gunst; sein Gehalt...stieg...bis auf...eine Summe, die selbst Fux...nicht bezog...

      In Caldara`s Kirchencompositionen aus seiner früheren Zeit herrscht der einfache, kindlich andachtsvolle Gesang bei höchst einfacher Begleitung; später ging C. mehr auf äußern Glanz und Lebhaftigkeit aus. Die Werke aus seiner besten Zeit können zum Theil noch heute als Muster gründlicher Arbeit gelten; was ansprechender Stil und contrapunktische, klare und durchsichtige Behandlung betrifft, werden namentlich hervorgehoben eine Messe in B., ein vierst. M a g n i f i c a t mit Orgel, ein vierst. meisterhaft fugirtes T e D e u m mit Orgel, ein R e g i n a C o e l i, ein sechzehnst. C r u c i f i x u s. (Eine vierst. Motette findet man in Gius. Paolucci`s "A r t e P r a t t i c a D e l C o n t r a p u n n t o"...als Musterbeispiel aufgestellt.) Seine Formengewandtheit gibt sich u. a. in der mit besonderem Fleiße gearbeiteten und im Jahre 1732 entstandenen Madrigalen-Sammlung zu 4 und 5 Stimmen kund. In seinen Opern und Kammercantaten...strebte C. seinem Vorbilde Alexander Scarlatti nach, doch waren diese wie auch seine Oratorien für die Kirche wegen Mangel an scharfer Charakteristik und wegen Einförmigkeit des Stils kaum im Stande, ihren Verfasser zu überleben...

      C.F.Pohl in "Allg. Dt. Biographie. Band 3 (1876) Duncker & Humblot, Leipzig"; zit. v. wikisource.org
      In beiden Zitaten ist, computertechnisch bedingt, die Orthographie ggb. dem Original geringfügig abgeändert!

      Bei "Capriccio" und "Tamino" sind nur wenige (durchweg aber sehr neugierig machende!) Aussagen über C. zu finden. FairyQueen z. B. notiert über Maddalena ai piedi di Christo: "Es handelt sich um Caldaras allererstes Oratorium >1700<...die Musik ist von Anfang bis Ende ein Hochgenuss." Peter Brixius hält Caldaras Missa Sanctorum Cosmae et Damiani für ein "großartiges Werk des venezianischen Spätbarock" und schreibt weiter: "Die Messe ist prachtvoll, melodiös und in kunstvollem Satz geschrieben...Eines der Werke, die ich mir ins Krankenhaus mitnehmen werde."

      Unten in Wien findet "der Lullist" die Rene Jacobs - Einspielung des eben erwähnten Caldara - Oratoriums "wunderbar", während user Ulli sich allgemein "absolut begeistert" von Caldaras "sehr warmherzig(er)" Musik zeigt. Und "romeo & Julia" weiß zu vermelden: "Telemann erwähnte ihn in seiner Autobiographie von 1740 als einen seiner Lehrmeister. (JS) Bach...bearbeitete >um 1740<...einen Satz aus einem Magnificat Caldaras".
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    • Lt. dem heutigen "DLF-Kalenderblatt" ist am 31.12.1668 "Der Abenteuerliche Simplizissimus Teutsch" erschienen...

      ...was mir (aus Gründen, mit denen ich den freundlichen Interessenten hier nicht behelligen möchte) nicht so recht einleuchten will, aber sei´s drum ;)
      Dieser "Schelmenroman" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621-76) besteht aus 5 Büchern mit insg. 139 Kapiteln.
      Im Folgenden ist (abgesehen von dem um die Hälfte gekürzten Lied) das 3. "Capitel" des 1. Buches vollständig wiedergegeben . . .

      von dem Mitleiden einer getreuen Sackpfeiff.

      DA fienge ich an mit meiner Sackpfeiffen so gut Geschirr zu machen / daß man den Krotten im Krautgarten damit haette vergeben moegen / also daß ich vor dem Wolff / welcher mir stetig im Sinn lag / mich sicher genug zu seyn bedunckte; und weilen mich meiner Meueder erinnert >also heissen die Muetter im Spessert und am Vogelsberg< daß sie offt gesagt / sie besorge / die Huener wuerden dermaleins von meinem Gesang sterben / als beliebte mir auch zu singen / damit das Remedium wider den Wolff desto kraefftiger waere / und zwar ein solch Lied / das ich von meiner Meueder selbst gelernet hatte.

      DU sehr-verachter Bauren-Stand / Bist doch der beste in dem Land / Kein Mann dich gnugsam preisen kan / Wann er dich nur recht sihet an.
      Wie stund es jetzund umb die Welt / Haett Adam nicht gebaut das Feld / Mit Hacken naehrt sich anfangs der / Von dem die Fursten kommen her.
      Es ist fast alles unter dir / Ja was die Erd nur bringt herfuer / Worvon ernaehret wird das Land / Geht dir anfaenglich durch die Hand.
      Der Kaeiser / den uns GOtt gegeben / Uns zu beschuetzen / muß doch leben / Von deiner Hand / auch der Soldat / Der dir doch zufuegt manchen Schad...
      Die Erde waer gantz wild durch auß / Wann du auff ihr nicht hieltest Hauß / Gantz traurig auff der Welt es stuend / Wenn man kein Bauersman mehr fuend…

      Biß hieher / und nicht weiter / kam ich mit meinem Gesang / dann ich ward gleichsam in einem Augenblick von einem Trouppen Courassirer sampt meiner Heerd Schaf umbgeben / welche im grossen Wald verirret gewesen / und durch meine Music und Hirten-Geschrey wieder zu recht gebracht worden waren.

      Hoho / gedachte ich / diß seynd die rechte Kaeutz! diß seynd die vierdeinigte Schelmen und Dieb / darvon dir dein Knan sagte / denn ich sahe anfaenglich Roß und Mann >wie hiebevor die Americaner die Spanische Cavallerey< vor ein einzige Creatur an / und vermeynte nicht anders / als es muesten Woelffe seyn / wolte derowegen diesen schroecklichen Centauris den Hundssprung weisen / und sie wieder abschaffen; Ich hatte aber zu solchem End meine Sackpfeiffe kaum auffgeblasen / da erdappte mich einer auß ihnen beym Fluegel / und schlendert mich so ungestuemm auff ein laeer Baurenpferd / so sie neben andern mehr auch erbeutet hatten / daß ich auff der andern Seiten wieder herab auff meine liebe Sackpfeiffe fallen muste / welche so erbaermlich anfieng zu schreyen / als wann sie alle Welt Barmhertzigkeit bewegen haette wollen: aber es halff nichts / wiewol sie den letzten Athem nicht sparete / mein Ungefaell zu beklagen / ich muste einmal wieder zu Pferd / GOtt geb was meine Sackpfeiffe sang oder sagte; und was mich zum meisten verdroß / war dieses / daß die Reuter vorgaben / ich haette der Sackpfeiff im fallen wehe gethan / darumb sie dann so Ketzerlich geschryen haette;

      Also gieng meine Mehr mit mir dahin / in einem stetigen Trab / wie das Primum mobile, biß in meines Knans Hof. Wunderseltzame Dauben stiegen mir damals ins Hirn / dann ich bildete mir ein / weil ich auff einem solchen Thierr saesse / dergleichen ich niemals gesehen hatte / so wuerde ich auch in einen eisernen Kerl veraendert werden / weil aber solche Verwandlung nicht folgte / kamen mir andere Grillen in Kopff / ich gedachte / diese fremde Dinger waeren nur zu dem Ende da / mir die Schafe helffen heimzutreiben / sintemal keiner von ihnen keines hinweg fraß / sondern alle so einhellig / und zwar deß geraden Wegs / meines Knans Hof zu-eyleten: Derowegen sahe ich mich fleissig nach meinem Knan umb / ob er und mein Meueder uns nicht bald entgegen gehen / und uns willkomseyn heissen wolten; aber vergebens / er und meine Meueder / sampt unserm Ursele / welches meines Knans einige Tochter war / hatten die Hinderthuer troffen / und wolten dieser Gaest nicht erwarten.

      Die Orthographie (mit den üblichen, computertechnisch bedingten, geringfügigen Abweichungen) folgt der auf deutschestextarchiv.de abgedruckten (HTML-)Version
      :cincinsekt: An dieser Stelle allen gelegentlichen Kalenderblätterern ein interessantes und befriedigendes ZwoTausend-Neunzehn :cincinsekt:
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    • 02.01.1803 - (Lt. AlexanderK) Geburtstag von Heinrich Herz

      …. Jedermann kennt die Geschichte von dem Engländer, welcher einen hohen Berg bestieg und sich den Ersten glaubte, der dieses Unternehmen vollbracht, als er aber die Hand in ein Felsenloch steckte, die Visitenkarte eines Landsmanns fand. Ungefähr eben so groß war das Erstaunen unseres Musikus, als er bereits einen Bruder Pianisten in Californien vorfand. "Sind Sie schon lange hier gewesen?" fragte er neugierig. "Nein, erst ein Jahr. Es waren erst zehn oder zwölf Buden da, als ich ankam. Ich fand schon einen Italiener vor, der Unterricht und Concerte gab. Aber als er eines Tages mit einem seiner Schüler, der etwas jähzorniger Gemüthsart war, in Streit gerieth, wurde er getödtet, und mir fiel sein Piano und seine Kundschaft zu. Es geht mir hier ziemlich gut. Ich habe ein Haus gekauft, und ich würde der glücklichste Mensch in der Welt sein, wenn der berühmte Heinrich Herz meine bescheidene Gastlichkeit nicht verschmähen wollte."... Kaum hatten sie das vollbracht, als die Seite des Hauses, in welcher H. geschlafen hatte, wich und mit donnerndem Geräusch einstürzte. Der junge Pianist war in Verzweiflung... Sein einziges Instrument war unter den Trümmern begraben, ein Piano von fünf Oktaven, von denen zwei freilich keinen Ton mehr gegeben hatten; dennoch hatte es ihn in den Stand gesetzt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jedoch H. H. hatte glücklicher Weise zwei seiner schönsten Piano`s nach St. Francisco vorausgeschickt, und mit ihnen beschloß er morgen ein Concert zu geben, von dessen Ertrag seines jungen Freundes Besitzthum wieder hergestellt werden sollte...

      Darnach forderte er seinen Wirth auf, ihn nach dem Bureau der Hauptzeitschrift zu führen, um die nöthigen Ankündigungen zu besorgen... (Der Hauptredacteur) trug einen gewaltigen, augenscheinlich nie von der Scheere berührten Bart, ein rothes Hemd und ungeheure Jagdstiefeln. Er schrieb, an einem Tische sitzend, einen Prügel und ein Paar Pistolen neben sich. Der Zweck der Besucher war bald erklärt; sie wünschten das Blatt zur Ankündigung ihres Concerts zu benutzen. "Gewiß! Die Gebühren für Anzeigen der Art betragen vier Dollars die Zeile." H. H. erschrak ein wenig und hätte gern gewußt, was man von solchen Preisen zu Paris denken würde. Aber er warf einen Blick auf den Redacteur, auf den Prügel und die Pistolen neben ihm, zog den Beutel und zahlte die verlangte Summe.

      Der Tag des Concerts kam, und schon frühzeitig war das Theater von einer unermeßlichen Menge belagert... Der Kassirer hatte eine Wage vor sich. Das Publikum defilirte an ihm vorüber, und Jeder gab ihm einen Beutel von schwarzem Leder in die Hand. Er öffnete denselben, nahm eine Prise Goldstaub heraus, wog sie und verabfolgte dann die Karte. Das Concert begann und schloß zur rechten Zeit. Der Triumph des Künstlers war vollständig, wie der Lärm und der Aufruhr bewies, der keinem Londoner Publikum Schande gemacht hätte. In den Logen erkannte H. eine Dame, welche früher in der Rue Vivienne einen Tabacksladen gehabt, und zwei französische Putzmacherinnen, die ihr Geschäft aufgegeben hatten. Hier lebten sie auf dem größten Fuße, daß man sie für Herzoginnen hätte halten können. Beim Schlusse des Concerts brachte der Kassirer dem Künstler einen großen, mit gelbem Staube angefüllten Teller. "Was ist dies?" fragte er. "Dies ist die Einnahme des Abends; es sind über zehntausend Franken." H. H. gab vierzehn Concerte in derselben Weise; Zudrang, Erfolg, Ertrag war derselbe. Er fühlte sich allmählig mit St. Francisco ausgesöhnt.

      Eines Morgens...besuchte ihn ein Herr, der sehr höflich war und ganz besonders durch die Eleganz seiner Kleidung und seines Benehmens auffiel. "Monsieur," sagte der Unbekannte, "ich bin ersucht, Sie zu fragen, ob es Ihnen paßt, in einem Privathause zu spielen?"... Sie brauchen jeden Abend nur eine halbe Stunde zu spielen unter Bedingungen, die Sie selbst bestimmen...." "Ihre Auftraggeber sind vermuthlich reiche Leute, welche die Musik leidenschaftlich lieben. Aber warum besuchen sie nicht lieber meine Concerte?" "Sie gehen nicht aus, sondern...amüsiren sich mit einer andern Art von Spiel. Aber sie wissen, selbst Karten und Würfel wird man zuletzt überdrüssig, und nichts ist angenehmer, als während der Pausen des Spiels eine hübsche Musik zu hören." "Ich verstehe Sie vollkommen," sagte der unwillige Musiker. "...Verlassen Sie sogleich das Zimmer, wenn Sie nicht mit all der Ehre die Sie verdienen, hinausgeleitet sein wollen."

      …(Am Sacramento) fand er eine prächtige Aufnahme und wurde von allen Seiten gedrängt, Concerte zu geben... Gegenwärtig war (kein Concertsaal) da, aber in acht Tagen sollte einer fertig sein. Der Künstler...beschloß inzwischen die Gruben zu besuchen. Er versah sich mit den Geräthen..., die ein Goldjäger bedarf, und miethete zwei Pferde und einen Führer. Halbtodt vor Hunger und Erschöpfung kam er bei den Minen an und bezahlte eine unglaubliche Summe für ein Stück schlechten Zwieback und ein Glas abscheuliches Bier. Er erhielt Erlaubniß zu graben...(und) kam mit der Ueberzeugung nach dem Sacramento zurück, daß für ihn die wahren Goldminen in den Tasten des Pianos lägen...

      v. wikisource.org (aus: Die Gartenlaube" Heft 25. Verl. Ernst Keil: Leipzig 1853 >Verf. offensichtl. unbek.<)
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      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show) … … Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 05.01.1902 - In Berlin wird Georg Büchners Drama "Dantons Tod" uraufgeführt . . .

      …. In Büchner verband sich der Geist der Weltschmerzzeit mit dem erbarmungslos scharfen Blick des Mediziners und Naturforschers... Die Zeit, in der er lebte, war ja jene Epoche der dumpfen Schwermut, in der Hamlet wieder lebendig geworden zu sein schien und düstere Monologe hielt mit sich selbst und dem Totenschädel. In Byron, in Heine, aber auch in unzähligen andern Spielarten, bald lebemännisch-kokett, bald melancholisch-ernst, bald dämonisch-blasiert, bald sentimental sind diese Stimmungen der Skepsis, des Pessimismus, des Weltschmerzes in der damaligen Litteratur typisch geworden; bei keinem aber ist diese Krankheit der Zeit zäher, stärker und schauriger aufgetreten als bei Büchner, von keinem ist sie tiefer und wilder durchlebt worden als von ihm... "Dantons Tod" (war) das erste (Drama), welches aus einer materialistischen Geschichtsauffassung erwachsen war und sie offen vertrat. In dem Werke schreit das Volk nirgends nach Freiheit, Menschenrechten oder sonstigen Idealen. Sein einziger Wille ist die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage, oft sogar nur der Trieb, den gegenwärtigen Hunger los zu werden...

      ("Dantons Tod") griff eine zwar wirkungsvolle, aber in keiner Weise abschließende oder abgeschloßne Episode heraus. Das dramatische Problem, das sich dem Dichter zur Bewältigung entgegenstellte, war die Herstellung einer Wirkungseinheit des autopsychologischen Elementes mit den übernommenen historischen Tatsachen. Doch schon die kleinen Mängel, die bei der Zusammenstellung der gegebnen Dinge unterliefen, lassen ahnen, daß der Verschmelzungsprozess übereilt und nicht ganz beendet wurde. So haben wir hier ein Drama vor uns, das als ein schon fast ganz aus dem Steine herausgewachsener Torso erscheint... Gewiß, wir dürfen "Dantons Tod" nicht als Sprossen einer flüchtigen...dichterischen Konzeption ansehn, aber es ist doch kennzeichnend, daß alle Briefstellen, die sich als Vordeuter des kommenden Dramas mit Sicherheit kundgeben, nur aus Äußerungen Büchnerscher Seelenqual bestehn, die nachher in das Seelengemälde Dantons eingingen. Und nur aus dem wilden Drange heraus, sich alle Qualen vom Herzen zu schreiben, ist eigentlich der 3. Akt in "Dantons Tod" zu verstehn; denn im Grunde genommen kann von einem Fortschritt der Handlung gar nicht mehr die Rede sein; der Tod ist ja für die Dantonister entschieden...

      Wenn Büchner Dantons Wesen in seinen Schwankungen und Spannungen...darstellte, wenn er in den Volksszenen den schwanken Boden, auf dem eine solche Individualität erwachen konnte, mit einer vorher ungekannten Treue zu zeigen suchte, so brauchte er...nicht zu befürchten, daß ähnlich wie im "Faust" der Danton der Geschichte...dem seinigen widersprechen werde; vielmehr wurde durch die von ihm dem Helden verliehenen Züge sein historisches Verhalten erst psychologisch erklärt. Die gänzliche Untätigkeit Dantons, die selbst die Todesgefahr lange nicht verscheucht, ist durch den reflektierenden, dem Solipsismus und der Vereinsamung notwendig verfallenden Charakter Dantons eher verständlich, als wenn man nur eine Ermattungsperiode nach einer Zeit der Tätigkeit annehmen wollte... Auch Robespierres Fanatismus, den Büchner unverändert hinnahm, ist ein fast so starker Wall gegen die Wirklichkeit als Dantons Reflexion; daher vermag auch er auf seine Gegner nicht modifizierend einzuwirken; auch er kann zu der Umwelt keine Beziehung finden - und sicher ist für ihn die Guillotine das einzige Mittel, wodurch er seinen Mitmenschen Eindruck machen kann. Dieses seltsame Verhältnis der beiden Gegenspieler...leuchtet in (I, 6) grell auf... Die Szene hat keine Entwicklung; die beiden denken gar nicht daran, die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken oder wenigstens für den Augenblick einen gemeinsamen Standpunkt zu gewinnen; wir fühlen den Frost, in dem die beiden Männer erstarrt sind, der jede Gegenseitigkeit, selbst die des Hasses vernichtet...

      An der Schwelle der Hebbelschen wie der Büchnerschen Entwicklung zur Reife steht der Kampf mit dem seelischen Erbe der Romantik, an dem sie litten; in Dramen der erwähnten Art dürfen wir eine Frucht des romantischen Subjektivismus sehn, der sich oft früher, als Vernichter der Dramatik erwies. - Aber eine Brücke, die von...Menschen zu Menschen führt, hat Büchner doch gebaut: Danton wie Robespierre wirken auf das Volk. Der Beifall, den die Menge Dantons Verteidigung zollt, das Mitgefühl, das sie mit seinem Lose hat, ihre Begeisterung, für den ihr wesensverwandt scheinenden Robespierre, das alles sind widerstreitende Empfindungen, die ihren Kampf im Volke ausfechten, während die Führer keine Beziehung kennen. Dieser Umstand erhebt die Volksmasse...zu einer selbständigen Bedeutung... Wir wissen von Büchners Liebe zum Volke und wenn überhaupt, so ist der dramatische Keim des Werkes in diesen Szenen aufgegangen. Dadurch erhebt sich "Dantons Tod" zum ersten, bedeutendsten Vorläufer der "Weber"... ….

      aus: M. Zobel v. Zabeltitz "G. B. - sein Leben und sein Schaffen" - G. Grote`sche Verlagsbuchhandlung: Berlin 1915; zit. v. archieve.org
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    • 16.01.1912 - Todestag von Georg Heym

      Die kurze Novelle "Der Irre" hat etwas über 20 (DIN-A-5)Seiten. Hier einige Passagen aus der ersten Hälfte . . .

      … Es war aber auch höchste Zeit, daß sie ihn herausgelassen hatten, denn sonst hätte er alle umgebracht, alle miteinander. Den dicken Direktor, den hätte er an seinem roten Spitzbart gekriegt und ihn unter die Wurstmaschine gezogen. Ach, was war das für ein widerlicher Kerl. Wie der immer lachte, wenn er durch die Fleischerei kam. Teufel, das war ein ganz widerwärtiger Kerl. Und der Assistenzarzt, dieses bucklige Schwein, dem hätte er nochmal das Gehirn zertreten. Und die Wärter in ihren weiß gestreiften Kitteln, die aussahen wie eine Bande Zuchthäusler, diese Schufte, die die Männer bestahlen und die Frauen auf den Klosetts vergewaltigten. Das war ja rein zum verrückt werden...

      Wenn er da morgens in die Fleischerei ging, über den großen Hof, wie sie da herumlagen und die Zähne fletschten, manche halb nackt. Dann kamen die Wärter und schleppten die fort, die sich besonders schlecht aufführten. Sie wurden in heiße Bäder gesteckt. Da war mehr wie einer verbrüht worden, mit Absicht, das wußte er. Einmal wollten die Wärter einen Toten in die Fleischerei bringen, daraus sollte Wurst gebracht werden. Das sollten sie dann zu essen bekommen. Er hatte es dem Arzt gesagt, aber der hatte es ihm ausgeredet. So, der hatte also mit unter der Decke gesteckt. Dieser verfluchte Hund. Wenn er ihn jetzt hier hätte. Den würde er in das Korn schmeißen, und ihm die Gurgel abreißen, diesem verfluchten Schwein, diesem Sauhund, verfluchten.

      Überhaupt, warum hatten sie ihn eigentlich in die Anstalt gebracht? Doch nur aus Schikane. Was hatte er denn weiter gemacht? Er hatte seine Frau ein paar Mal verhauen, das war doch sein gutes Recht, er war doch verheiratet. Auf der Polizei hätte man seine Frau rausschmeißen sollen, das wäre viel richtiger gewesen. Statt dessen hatten sie ihn vorgeladen, verhört, lauter Theater mit ihm aufgestellt. Und eines Morgens war er überhaupt nicht mehr fortgelassen worden. Sie hatten ihn in einen Wagen gepackt, hier draußen war er abgeladen worden. So eine Ungerechtigkeit, so eine Unverschämtheit. Und wem hatte er das alles zu verdanken? Doch nur seiner Frau. So, und mit der würde er jetzt abrechnen...

      Es war ihm, als wenn er über einen weiten Platz ginge. Da lagen viele, viele Menschen, alle mit dem Kopfe auf der Erde. Es war so, wie auf dem Bild in der Wohnung des Direktors, wo viele tausend Leute in weißen Mänteln und Kapuzen vor einem großen Stein lagen, den sie anbeteten. Und dies Bild hieß Kaaba. "Kaaba, Kaaba," wiederholte er bei jedem Schritt. Er sagte das wie eine mächtige Beschwörungsformel, und jedesmal trat er dann rechts und links um sich auf die vielen weißen Köpfe. Und dann knackten die Schädel; es gab einen Ton, wie wenn jemand eine Nuß mit einem Hammer entzweihaut. Manche klangen ganz zart, das waren die dünnen, das waren die Kinderschädel. Da gab es einen Ton wie Silber, leicht, luftig wie eine kleine Wolke. Manche wieder schnarrten, wenn man auf sie trat, ähnlich wie Waldteufel. Und dann kamen ihre roten, flatternden Zungen aus dem Munde heraus, wie es bei den Gummibällen war. Ach, es war wunderschön...

      Die Straße war leer. In der Ferne verlor sich der Weg. Oben auf einem Hügel hinter ihm saß ein Mann vor einem Leierkasten. Jetzt kam über den Hügel eine Frau herauf, die einen kleinen Handwagen hinter sich herzog. Er wartete, bis sie heran war, ließ sie an sich vorbei und ging ihr nach. Er glaubte, sie zu kennen. War das nicht die Grünkramfritzen von der Ecke? Er wollte sie ansprechen, aber er schämte sich. Ach, die denkt, ich bin ja der Verrückte aus Nr. 17. Wenn die mich wiedererkennt, die lacht mich aus. Und ich lasse mich nicht auslachen, zum Donnerwetter. Eher schlage ich Ihr den Schädel ein. Er fühlte, daß in ihm wieder die Wut aufkommen wollte. Er fürchtete sich vor dieser dunklen Tollheit. Pfui, jetzt wird sie mich gleich wieder haben, dachte er. Ihn schwindelte, er hielt sich an einem Baum und schloß die Augen. Plötzlich sah er das Tier wieder, das in ihm saß. Unten zwischen dem Magen, wie eine große Hyäne. Hatte die einen Rachen. Und das Aas wollte raus. Ja, ja, du mußt raus.

      Jetzt war er selber das Tier, und auf allen Vieren kroch er die Straße entlang. Schnell, schnell, sonst läuft sie weg. Wie die laufen kann, aber so eine Hyäne ist noch schneller. Er bellte laut wie ein Schakal. Die Frau sah sich um. Als sie da einen Mann auf Händen und Füßen hinter sich herlaufen sah, das wirre Haar in dem dicken Gesicht, weiß von Staub, da ließ sie ihren Wagen stehen und laut schreiend rannte sie die Straße herunter. Da sprang das Tier auf. Wie ein Wilder war er hinter ihr her. Seine lange Mähne flog, seine Krallen schlugen in die Luft, und aus seinem Rachen hing seine Zunge heraus...

      aus: "G. H. Der Dieb. Ein Novellenbuch. Leipzig 1913 Ernst Rowohlt Verlag"; zit. v. archieve.org
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    • 17.01.1600 - Geburtstag von Pedro Calderon de la Barca

      Sein "auto sacramental" El gran teatro del mundo dürfte 1655 erschienen sein. Hier einige Sätze aus dem "Vorspiel" . . .

      Der Meister. ...Aus eigner Macht bereiten / Will ich ein Fest mir, denn zu allen Zeiten,
      Um meine Kraft und Herrlichkeit zu preisen, / Wird die Natur sich festlich mir erweisen;
      Und da, vor allen Festen, / An würd`gem Schauspiel sich am allerbesten / Die Geister kräftigen und heben / Und nur ein Spiel ja alles Menschenleben,
      So mag auf deinen Auen / Der Himmel auch ein Schauspiel heute schauen, / Das, bin ich Herr hier eben, / Notwendig von den Meinen wird gegeben.
      So hab ich denn aus diesen / Die Menschen, als die tüchtigsten, erkiesen,
      Die in gemeßnen Weisen / Auf den vierfach geschiednen Erdenkreisen / Des Welttheaters wacker spielen sollen;
      Ich selbst verteil` die Rollen / Nach eines jeglichen Natur und Richtung...

      Die Welt. ...Gleich im Anbeginn des Schauspiels, / Wo die schlichte und unschuld`ge / Weltintrige der Natur / Durch den ersten Akt geschlungen,
      Soll empor ein Garten tauchen. / Mit den zierlichsten Konturen, / Wunderbaren Perspektiven, / Daß man staune, wie`s gelungen
      Der Natur, so mächt`ges Bild / Zu entwerfen ohne Studien.
      Kaum noch aus den ros`gen Knospen / Äugelnd, sollen zarte Blumen / Da zum erstenmal den Morgen / Schüchtern grüßen und verwundert,
      Und aus dunklem Laub der Bäume / Lockend goldne Früchte lugen...
      Berge zieh` ich, wo Gebirge, / Täler tief, wo Niederungen / Zu dem Bilde passend scheinen, / Und wo schon in Aquädukte
      Selber sich die Erde klüftet, / Lass` ich schlau durch diese Furten / Abgefangne Meeresarme / Weit durchs Land als Ströme funkeln.

      Zeigen auch die ersten Szenen / Nirgends eines Bauwerks Spuren, / Soll man doch bald Wunder sehn, / Wie ich in ein paar Minuten
      Staaten gründe, Städte baue / Und die Höhen krön` mit Burgen;
      Und wenn endlich, überwüchsig, / Der Gebirge Felsenwuchten / Alles zu erdrücken drohen / Und die Lüfte zu verdunkeln,
      So verwandl` ich rasch die Bühne, / Daß, vom Sturm aus tiefstem Grunde / Aufgewühlt, ein Ozean / Alle Gipfel überflute
      Und in unermeßnen Leer / Zwischen grauer Wolken Zuge / Nur ein einsam Schiff erscheine, / Das durch alle Schrecken furchtlos
      Auf noch nie befahrner Bahn / Sicher stille Gleise furchet, / Und Geflügel, Tier und Menschen / Rettend birgt in seinem Rumpfe...

      Aber diese zweite Akt / Bricht in Schrecken aus zum Schlusse: / Wie im Todesschlummer dämmernd, / Wird die Sonne sich verdunkeln,
      Und in tiefen Fieberschauern / Wird man da die Himmelskugel / Irre wanken sehn und weichen / Alle Kreis` aus ihren Fugen,
      Berge bersten und die Mauern / Taumeln, wie von Wahnsinn trunken, / Bis der ganze morsche Bau / Rings in Trümmern ist gesunken.

      Drauf beginnt der dritte Akt, / Der von Ahnungen durchklungen, / Daß hier Höheres im Spiel: / Das Gesetz des neuen Bundes.
      Eitel Streben, zu ergründen / Dieses Wunder aller Wunder!
      Also wird man in drei Akte / Nach den dreierlei Statuten / Einst die Weltenalter teilen / Von Jahrhundert zu Jahrhundert,
      Bis zuletzt die ganze Bühne / Mit all ihrem reichen Prunke - / Daß auch Feuerwerk nicht fehle / Bei dem Fest - im Blitzeszucken
      Unversehns von einem grimmen / Feuermeere wird verschlungen...

      Doch das jeglicher imstande, / Auf der Bühne, deinem Rufe / Folgend, auf- und abzutreten, / Habe ich zwei Türen hurtig
      Eingerichtet: hier die Wiege, / Dort das Grab im Hintergrunde.
      Und nicht minder auch gedacht` ich / Des Kostüms und nöt`gen Putzes, / Wie die Rollen ihn erheischen...
      Auch den Landmann, der um eines / Toren Schuld in Angst und Kummer / Muß den harten Boden bauen, / Rüst` ich aus mit Hack` und Pfluge.
      Doch vor allen dann des Schauspiels / Dame zier ich mit dem Schmucke / Höchster Schönheit, diesem süßen / Gifte für so viel Unschuld`ge;
      Nur den Bettler lass` ich laufen, / Weil das seines Parts Natur so... ….

      v. gutenberg.spiegel.de (dt. v. J.v.Eichendorff, 1846)
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    • 28.01.1939 - Todestag von William Butler Yeats

      Seinen Essay "William Blake und die Phantasie" schrieb er 1897, also als 32/33jähriger. Die letzten beiden Absätze entstammen dem Aufsatz "Die Philosophie in den Dichtungen Shelleys", entstanden drei Jahre später . . .

      … Heutzutage sind wir darüber einig, daß wir "etwas für unsere Seele erwerben", wenn wir uns mit einem der großen Dichter aus alten Zeiten oder mit Shelley, Wordsworth, Goethe, Balzac oder Flaubert beschäftigen oder mit den Büchern von Tolstoi aus der Zeit, bevor er ein Prophet geworden und so in eine tiefere Klasse hinabgesunken... Wir schreiben über große Schriftsteller, sogar über solche, deren Schönheit einst als unheilig gegolten hätte, in Worten des Entzückens, wie sie unsere Väter für die Schönheiten und die Mysterien der Kirche gebraucht, und ganz gleichgültig, was wir mit den Lippen bekennen, glauben wir in unseren Herzen..., schöne Dinge seien "brennend auf der Hand Gottes gelegen", und wenn die Zeit hinzuschwinden begonnen, werde die Hand Gottes schwer auf dem schlechten Geschmack und der Gemeinheit ruhen. Zur Zeit, als noch kein Mensch diese Dinge glaubte, hat William Blake sie geglaubt...

      Von Jakob Böhme und den alten Alchimisten hatte er gelernt, wie die Einbildungskraft die erste Äußerung des Göttlichen ist..., und er zog den Schluß…, daß die Künste der Einbildungskraft die größten der geistlichen Offenbarungen seien, und die von den Künsten der Phantasie erweckte Zuneigung zu allen lebendigen Wesen, sündigen wie gerechten, sei jene Vergebung der Sünden, die Christus anbefohlen. Die Vernunft, und darunter verstand er Schlußfolgerungen aus den Beobachtungen der Sinne, bindet uns an die Sterblichkeit, weil an die Sinne, und sie trennt uns voneinander, weil sie uns die widerstreitenden Interessen zeigt; die Einbildungskraft aber scheidet uns von der Sterblichkeit vermöge der Ewigkeit des Schönen, und sie kettet uns aneinander, weil sie die geheimen Tore des Herzens auftut. Immer wieder verkündet er mit lauter Stimme, alles Leben sei heilig und es gebe nichts Unheiliges, außer den toten Dingen, der Lethargie, Grausamkeit und Furchtsamkeit und jener Verleugnung aller Phantasie, der Wurzel, aus der diese von alters her emporwachsen. Leidenschaften sind, weil im höchsten Grade Leben, am meisten geheiligt - dies war zu seiner Zeit eine anstößige Paradoxie -, und auf ihren Flügeln soll der Mensch in das Reich der Ewigkeit eingehen...

      Infolge dieser Philosophie ist er ein einfacherer Dichter geblieben, als irgendeiner zu seiner Zeit, denn ihrethalben hat er sich damit zufrieden gegeben, jedes schöne Gefühl anzusprechen, das ihm in den Sinn kam, ohne sich um dessen Nützlichkeit zu kümmern oder es mit einer solchen in Beziehung zu bringen. Manchmal fühlt man, selbst wenn man Dichter aus einer besseren Zeit liest, z.B. Tennyson oder Wordsworth, wie sie alle Kraft und Einfachheit ihrer leidenschaftlichen Phantasien beeinträchtigt haben, weil sie sich darum gekümmert, ob sie dabei der Welt förderlich oder hinderlich, anstatt daran zu glauben, daß alle schönen Dinge "brennend auf der Hand Gottes gelegen" sind. Wenn man dagegen Blake liest, ist es, als schlüge einem ein Sprühregen aus einer unerschöpflichen Quelle von Schönheit ins Gesicht...

      Blake hat nach einer Mythologie geschrien, und hat versucht, selbst eine zu schaffen, weil er keine vorfinden konnte. Wäre er ein Katholik aus den Zeiten Dantes gewesen, dann möchten ihm Maria und die Engel wohl genügt haben; als ein Forscher unserer Tage hingegen hätte er seine Symbole von dort genommen, woher Wagner sie nahm: aus der nordischen Mythologie, oder...er würde nach Irland gegangen sein - er ist wahrscheinlich ein Irländer gewesen - und hätte zu seinen Symbolen die heiligen Berge erkoren, an deren Abhängen der Landmann noch jetzt zauberhafte Feuer sieht und die Gottheiten, die noch nicht aus dem Glauben...gewichen sind. Seine Rede wäre dann frei gewesen von jenen Ungereimtheiten, da er von Dingen sprach, die lange Zeit in Erregung untergetaucht gewesen, und er wäre weniger dunkel gewesen, weil eine überlieferte Mythologie an der Schwelle seiner Absichten und am Rande seiner heiligen Dunkelheit gestanden hätte...

      … (Man gelangt) bald dahin, zu begreifen, wie die Freiheit bei (Shelley) soviel mehr gewesen als die der "Politischen Gerechtigkeit"..., und daß die Wiedergeburt, die er vorausgesehen, weit mehr war als jene Erneuerung, die vielen politischen Träumern vorgeschwebt... In seiner "Verteidigung der Dichtkunst", dem tiefsten Essay über die Grundlagen der Poesie, den es im Englischen gibt, zeigt er, wie Dichter und Gesetzgeber ihre Stellung auf Grund desselben Rechtstitels einnehmen, der eine, da er seine Gesichte von der göttlichen Ordnung, von der intellektualen Schönheit in Worten, der andere, indem er sie in den Gestaltungen der menschlichen Gesellschaft zum Ausdruck bringt.

      "Die Dichter wurden...in den frühesten Zeiten Gesetzgeber genannt, oder Propheten, und in seinem Wesen begreift und vereint ein Dichter tatsächlich diese beiden Charaktere in sich. Er...entdeckt nicht allein jene Gesetze, denen die vorhandenen Dinge unterworfen sind: er erblickt auch im Gegenwärtigen das Zukünftige, und seine Gedanken sind die Keime von den Blüten und Früchten spätester Zeiten"..."Die Tätigkeit der Phantasie ist von allen am meisten beglückend, aber man muß bedenken, daß die der Vernunft die nützlichere ist... Wenn der Mechaniker die Arbeit verkürzt und der Nationalökonom sie vereinigt, mögen sie sich wohl in acht nehmen, daß ihre Spekulationen aus Mangel an Beziehung zu jenen ersten Prinzipien der Einbildungskraft nicht...dahin zielen, die Gegensätze von Luxus und Armut zu verschärfen..." Diese Worte könnte beinahe Blake gesprochen haben, der dafürhielt, daß die Vernunft nicht nur Häßlichkeit hervorbringt, sondern auch alle anderern Übel...

      v. gutenberg.spiegel.de (dt. v. Friedr.Eckstein >1861/1939<)
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    • 01.02.1896 - In Turin wird Giacomo Puccinis Oper "La Boheme" uraufgeführt.

      Hier einige Passagen aus der literarischen Vorlage. Henri Murgers Scenes de la vie de boheme (entstanden 1847-49) enthalten 22 Kapitel plus Vorwort . . .

      XI. Eine Aufnahme in den Zigeunerbund …. Am nächsten Morgen geriet Colline gerade zur Frühstückszeit in den Kreis seiner Freunde. Die drei Liebespaare gaben sich zufällig einer Orgie von Artischocken mit gepfefferter Sauce hin. "...Ich komme als Gesandter des edelmütigen Sterblichen, mit dem wir gestern hier im Cafe zusammen waren." "Will er schon wieder sein Geld zurückhaben, das er für uns ausgelegt hat?" fragte Marcel. "Oh," sagte Fräulein Mimi, "das hätte ich nicht von ihm gedacht, er macht einen so anständigen Eindruck." "Nicht darum handelt es sich", fuhr Colline fort. "Dieser junge Mann wünscht, einer der Unsrigen zu werden... Edle Seele, Sittenstrenge, gute Schulbildung, ist die Offenheit selbst, spielt die Baßgeige, wechselt oft Fünffrankstücke." "Sehr gut", sagte Schaunard. "Und was will er?" "Ich habe es schon gesagt. Er hegt den grenzenlosen Ehrgeiz, und duzen zu dürfen." "Das heißt, er will uns ausbeuten", erwiderte Marcel. "Er will vorwärtskommen, indem er sich auf unsern Wagen setzt." "Was für eine Kunst treibt er?" fragte Rudolf. "Kunst?" sagte Colline. "Nun, Literatur und Philosophie gemischt." "Was für philosophische Kenntnisse besitzt er?" "Seine Philosophie ist etwas rückständig. Er nennt die Kunst ein Priestertum." "Priestertum hat er gesagt?" fragte Rudolf verblüfft. "So sagte er... Er nimmt eine ansehnliche Stellung ein. Er ist Lehrer für alles im Schoße einer reichen Familie. Er heißt Carolus Barbemuche und verzehrt seine Einkünfte in vornehmer Weise. Seine Wohnung ist in der Rue Royale." "Wohnt er möbliert?" "Nein, er hat eigene Möbel."

      "Ich bitte ums Wort", sagte Marcel. "Es ist für mich klar, daß Colline bestochen ist. Er hat sich für eine Reihe von Likörgläschen verkauft und uns ein Bild von diesem Fremden entworfen, das viel zu günstig ist, um wahr zu sein. Nein, wie ich schon gesagt habe, der Fremde will nur auf uns spekulieren, durch uns Ruhm erwerben." "Sehr gut", sagte Schaunard. "Ist denn keine Sauce mehr da?" "Nein," antwortete Rudolf, "die Auflage ist vergriffen." "Auf der anderen Seite", fuhr Marcel fort, "hegt vielleicht dieser arglistige Fremde noch schwärzere Pläne. Wir sind hier nicht allein, meine Herren", fuhr er fort und warf einen sprechenden Blick auf die Damen. "Wie wäre es, wenn dieser Schützling Collines, der sich unter dem Mantel der Literatur bei uns einschleicht, ein schurkischer Verführer wäre? Überlegen Sie wohl. Ich jedenfalls stimme gegen seine Aufnahme." ….

      XIII. Fräulein Mimi … Da Fräulein Mimi...sich durchaus nicht zierte und, ohne Kopfschmerzen zu bekommen, das Pfeifenrauchen und die literarischen Unterhaltungen ertrug, so gewöhnte man sich an sie und behandelte sie als Kameradin. Mimi war eine entzückende Frau und entsprach ganz den körperlichen und poetischen Idealen Rudolfs. Sie war jung, klein, zierlich und munter. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Aristokratisches, wurden aber ganz überstrahlt von dem milden Glanz ihrer blauen, feuchten Augen. Manchmal jedoch, in Momenten der Langeweile oder schlechten Laune, konnten sie auch einen brutalen Charakter annehmen, dann trat die ihrem Wesen zugrunde liegende Eigenliebe und Gefühllosigkeit hervor. Aber meistens zeigte sie ein liebenswürdiges Gesicht mit einem frischen, naiven Lächeln, einen hingebenden oder verführerischen Blick. Junges Blut floß heiß und schnell durch ihre Adern und überzog ihre zarte, kamelienweiße Haut mit einem rosigen Schein. Diese etwas krankhafte Schönheit verführte Rudolf, und er verbrachte manche Stunde der Nacht damit, die bleiche Stirn seiner schlafenden Geliebten mit Küssen zu bekränzen, während die feuchten, müden Augen hinter den halbgeschlossenen Lidern unter dem Vorhang der prächtigen braunen Haare hervorblitzten. Was aber vor allem Rudolf wahnsinnig verliebt in Fräulein Mimi machte, das waren ihre Hände, die sie trotz der häuslichen Arbeiten wundervoll weiß zu bewahren wußte. Und doch sollten diese kleinen zarten Hände, die so süß zu küssen waren, bald dieses Herz eines Dichters mit ihren rosigen Nägeln zerfleischen.

      Nach einem Monat begann Rudolf einzusehen, daß er sich mit einem flatterhaften Wesen verbunden hatte, dessen Hauptvergnügen es war, sich mit den ausgehaltenen Frauen des Viertels zu unterhalten... "Ein so hübsches Mädchen wie Sie", sagten ihr diese Ratgeberinnen, "wird mit Leichtigkeit ein besseres Verhältnis finden. Sie brauchen nur zu suchen." Und Fräulein Mimi begann zu suchen. Angesichts ihrer häufigen Ausgänge, für die sie nur schlecht begründete Vorwände fand, hegte Rudolf einen immer mehr anwachsenden Argwohn. Aber jedesmal, wenn er einer wirklichen Untreue auf die Spur kam, legte er sich selbst eine Binde vor die Augen, um nichts zu sehen. Und er betete Mimi noch immer an. Er empfand für sie eine eifersüchtige, überspannte und zanksüchtige Liebe, die das junge Mädchen nicht begriff, weil es für Rudolf nur jene Neigung hegte, die aus der Gewohnheit entsprang. Und im übrigen hatte Mimi die Hälfte ihres Herzens schon in der ersten Zeit ihrer ersten Liebe verschwendet, und die andere Hälfte war noch ausgefüllt mit den Erinnerungen an ihren ersten Liebhaber.

      Acht Monate verflossen so, während gute und schlimme Tage miteinander abwechselten. Zwanzigmal war Rudolf in dieser Zeit entschlossen gewesen, sich von Fräulein Mimi zu trennen, die für ihn alle diese rohen Grausamkeiten einer nicht liebenden Frau bereit hielt. Tatsächlich war das Leben für beide Teile eine Hölle geworden. Aber Rudolf hatte sich an diese täglichen Kämpfe gewöhnt, und er fürchtete nichts so sehr, als daß dieses ganze Verhältnis aufhören könnte, weil er fühlte, daß damit auch die fieberhaften Erregungen seiner Jugend ein Ende nehmen würden. ….

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    • 02.02.1922 - An seinem 40. Geburtstag beendet James Joyce die Arbeit an "Ulysses".

      Sein erstes veröffentlichtes Buch ist "Chamber Music" (1907), bestehend aus 36 kurzen Gedichten . . .

      II The twilight turns from amethyst / To deep and deeper blue, / The lamp fills with a pale green glow / The trees of the avenue

      The old piano plays on air, / Sedate and slow and gay; / She bends upon the yellow keys, / Her head inclines this way.

      Shy thought and grave wide eyes and hands / That wander as they list -- - / The twilight turns to darker blue / With lights of amethyst.

      V Lean out of the window, / Goldenhair, / I hear you singing / A merry air.

      My book was closed, / I read no more, / Watching the fire dance / On the floor.

      I have left my book, / I have left my room, / For I heard you singing / Through the gloom.

      Singing and singing / A merry air, / Lean out of window, / Goldenhair.

      X Bright cap and streamers, / He sings in the hollow: / Come follow, come follow, / All you that love.
      Leave dreams to the dreamers / That will not after, / That song and laughter / Do nothing move.

      With ribbons streaming / He sings the bolder; / In troop at his shoulder / The wild bees hum.
      And the time of dreaming / Dreams is over -- - / As lover to lover, / Sweetheart, I come.

      XVII Because your voice was at my side / I gave him pain, / Because within my hand I held / Your hand again.

      There is no word nor any sign / Can make amend -- - / He is a stranger to me now / Who was my friend.

      XXI He who hath glory lost, nor hath / Found any soul to fellow his,
      Among his foes in scorn and wrath / Holding to ancient nobleness,
      That high unconsortable one -- - / His love is his companion.

      XXVIII Gentle lady, do not sing / Sad songs about the end of love; / Lay aside sadness and sing / How love that passes is enough.

      Sing about the long deep sleep / Of lovers that are dead, and how / In the grave all love shall sleep: / Love is aweary now.

      XXXV All day I hear the noise of waters / Making moan,
      Sad as the sea-bird is when, going / Forth alone,
      He hears the winds cry to the water`s / Monotone.

      The grey winds, the cold winds are blowing / Where I go.
      I hear the noise of many waters / Far below.
      All day, all night, I hear them flowing / To and fro.

      v. theotherpages.org
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    • 05.02. :P 1916 - Hugo Ball und Emmy Hennings eröffnen in Zürich das Cabaret Voltaire . . .

      Besagter Hugo Ball hält am 07.04.1917 (in der Zürcher Galerie DADA) einen Vortrag über Wassily Kandinsky, aus dem i. F. einige Passagen zitiert sind...

      I. Die Zeit … Der Mensch verlor seine Sonderstellung, die ihm die Vernunft gewahrt hatte. Er wurde Partikel der Natur, vorurteilslos gesehen ein Wesen frosch- oder storchenähnlich, mit disproportionierten Gliedern, einem vom Gesicht abstehenden Zacken, der sich Nase nennt, abstehenden Zipfeln, die man gewohnt war "Ohren" zu nennen. Der Mensch, der göttlichen Illusion entkleidet, wurde gewöhnlich, nicht interessanter als ein Stein es ist... Man hatte alle Veranlassung, ihn nicht zu genau zu betrachten, wenn man nicht...den letzten Rest von Achtung vor diesem Jammer-Abbild des gestorbenen Schöpfers verlieren wollte...

      Angst wurde ein Wesen mit Millionen Köpfen. Kraft wurde...nach zehntausenden Pferdestärken gemessen. Turbinen, Kesselhäuser, Eisenhämmer, Elektrizität ließen Kraftfelder und Geister entstehen, die ganze Städte und Länder in ihrer furchtbaren Gewalt hatten... Metaphysik donnerte, bebte, unterminierte. Zarteste Vibrationen und unerhörteste Massen-Monstra zeichneten sich auf den Horizonten, vermengten, zerschnitten, durchdrangen einander...

      II. Der Stil … Wie können (die Künstler) noch nützlich sein, oder versöhnlich, oder beschreibend oder entgegenkommend? Sie lösen sich ab von der Erscheinungswelt, in der sie nur Zufall, Unordnung, Disharmonie wahrnehmen. Sie verzichten freiwillig auf die Darstellung von Naturalien, die ihnen von allem Verzerrten das Verzerrteste scheinen. Sie suchen das Wesentliche, Geistige, noch nicht Profanierte, den Hintergrund der Erscheinungswelt, um...ihr neues Thema in klaren, unmißverständlichen Formen, Flächen und Gewichten abzuwägen, zu ordnen, zu harmonisieren...

      Das ganze Geheimnis Kandinskys ist, daß er als der erste und radikaler als die Kubisten alles Gegenständliche als unrein ablehnte und auf...den Klang der Dinge, ihre Essenz, ihre Wesenskurve zurückging. In Picasso, dem Faun, und in Kandinsky, dem Mönch, hat unsere Zeit ihre stärksten künstlerischsten Nenner gefunden. Bei Picasso...die Qual der Zeit, ihre Askese, ihre infernalische Fratze..., ihr Leichengesicht und den schwarzen Schmerz. Bei Kandinsky...ihre Erzengelfuge, ihre bunten Donquichoterien…, ihr Untergang gesegnet, ihr Aufschwung ein Cherubinenflug von gelb-blauen Fanfaren ins Unendliche gerufen.

      III. Die Persönlichkeit … Im "Blauen Reiter" (schreibt Kandinsky) über die Formenfrage: "...(unter Anarchie) versteht man fälschlich ein planloses Umwerfen und Unordnung. Die Anarchie ist aber Planmäßigkeit und Ordnung, welche nicht durch eine äußere und schließlich versagende Gewalt hergestellt, sondern durch das Gefühl des Guten geschaffen werden." Dieses "Gefühl des Guten" oder die "innere Notwendigkeit" ist das einzige und letzte Schaffensprinzip, das er anerkennt... Die innere Notwendigkeit...verteilt die Farben, Formen und Gewichte, sie trägt die Verantwortung auch für das gewagteste Experiment. Sie allein ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Urgrund der Bilder. In ihr dokumentieren sich die drei Elemente, aus denen das Kunstwerk besteht: Zeit, Persönlichkeit und Kunstprinzip...

      Das bunte Rußland ist in (Kandinskys) Werken wie bei keinem sonst. Die weite Schneefläche, darüber das Abend- oder Morgenrot, die Himbeerfarbe der Troika-Glöckchen, die bunten Glasmalereien der Bauernstuben, die...blauen Muttergottesmäntel, eisige Klarheit und Luzidität, daneben das Schimmern der Farben, wie sie in Nordlichtern stehen... Wenn man Rußland einmal gefunden hat in seinen Bildern, dann findet man...Kompositionsformen, die an einen auf beiden Schultern beladenen Wasserträger erinnern. Dann findet man...das rührend einfache, christlich-reine, unberührte, stille und märchenhaft atmende Rußland, das wie ein aufwachender Morgen groß und gewaltig am Himmel entbrennt...

      IV. Der Maler … Die Gefahren seiner eigenen Kunst sieht Kandinsky in zwei Bereichen: in der...ganz emanzipierten Anwendung der Farbe in geometrischer Form, dem Ornament, das aus nicht mehr sprechenden Allegorien und Hieroglyphen besteht, und...(im) Abgleiten der Form ins Märchenhafte, das dem Beschauer starken seelischen Vibrationen entzieht, weil er...nur noch das Spiel der Illusion, nicht mehr aber den Ernst empfindet. Zwischen diesen beiden Polen...liegt Kandinskys Thema...

      Am Schlusse der Selbstbiographie heißt es: "Meine Mutter ist eine geborene Moskowitin und vereint in sich alle Eigenschaften, die für mich Moskau verkörpern: äußere, auffallende, durch und durch ernste und strenge Schönheit..., eigenartig aus starker Nervosität, imponierender majestätischer Ruhe und heldenhafter Selbstbeherrschung geflochtene Vereinbarung von Tradition mit echtem Freigeist... Dieses gesamte äußere und innere Moskau halte ich für den Ursprung meiner künstlerischen Bestrebungen." ….

      v. zeno.org (Zwei offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend bereinigt; an einer Stelle schien es mir sinnvoll, Hugo Balls Ausdrucksweise in "heutiges Deutsch" zu übersetzen...)
      >>>>Wer Rechtschreibefehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show) … … Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 09.02.1885 - Geburtstag von Alban Berg

      Aus der Unmenge von offensichtlichen Unwahrheiten, die (Emil Petschnigs) Artikel "Atonales Opernschaffen" enthält, (seien) einige besonders krasse richtig gestellt. Es ist falsch, daß die 2. Szene des 1. Akts "Insofern dem Wesenszug einer Rhapsodie, als sie musikalisch sehr zerrissen gehalten ist". Sie ist vielmehr, da ihr...eine Folge von drei Akkorden zugrunde liegt, auf die frei variierend die ganze Entwicklung der Szene aufgebaut ist, ein vollständig geschlossenes Stück, das außerdem seine deutliche Gliederung dadurch enthält, daß darin die einzelnen drei Strophen eines...Jägerlieds in konstruktiv wohlerwogenen Abständen eingeordnet sind. Ebenso ist die "Phantasie" der 2. Szene des 2. Akts keineswegs "das bei den Atonalisten übliche plan- und ziellose Herumwirtschaften", sondern...eine Vorbereitung der ihr nachfolgenden Tripelfuge, was hier u. a. dadurch geschieht, daß ihre Themen planmäßig eingeführt und >vorerst auf mehr harmonischer Grundlage< verarbeitet werden... Sein Geständnis, "sich die Sonate >II/1.< aus ihrer infusorienhaften Thematik zu rekonstruieren nicht gekonnt zu haben", ist keineswegs ein Beweis dafür, daß ihre Form nicht doch einem ganz klassischen Sonatensatz...entspricht, dessen als Haupt-, Überleitungs-, Seiten- und Schlußsatz deutlich zu erkennenden Themen...nicht infusorienhafter sind als die vieler Beethoven-Sonaten. Mit der weiteren Behauptung, "den Scherzoteil >II./4.< bestreitet ein Ländler und ein Walzer", ist auch die Form dieser Szene...ganz unzulänglich wiedergegeben und damit ihre Gestaltung als Sinfoniesatz geleugnet...

      Bestünde (das Formprinzip der Rhythmus-Invention der 3. Szene des 3. Akts) wirklich nur darin, daß sich in ihr ein bestimmter Rhythmus "hier und da wiederholt", so wäre das tatsächlich nichts, was Anspruch hätte, formal gewertet zu werden. In Wirklichkeit aber ist dieses ganze Stück auf diesem einen gleichsam als Thema hingestellten Rhythmus aufgebaut: Alle erdenklichen Kombinationen, kontrapunktischen Formen >Fugato, Engführungen< und Gestalten >Vergrößerungen, Verkleinerungen, Verschiebungen usw.< unterworfen, durchsetzt dieser eine Rhythmus das ganze harmonische, thematische und gesangsmelodische Geschehen dieser Szene. Dieses...zu erkennen müßte ja nicht schwer sein. Allerdings gehört...ein gewisser Grad von Urteilsfähigkeit dazu, der...auch auf anderem Gebiet nicht gegeben zu sein scheint. Sonst könnte z. B. Büchners Werk nicht so mißverstanden werden, wie dies allein die Bemerkung beweist, daß "es sich hier in der Hauptsache nur um ganz schlichte, naiv ihrem sexuellen Triebleben hingegebene Menschen handelt"...

      a. d. Aufsatz "Die musikalischen Formen in meiner Oper Wozzeck" (1924); zit. v. archive.org

      (Von den ersten zehn Takten von Arnold Schönbergs Streichquartett op.7 ist) zu sagen, daß, will man beim Erstenmal-Hören überhaupt nur die Hauptstimme erkennen und sie bis ans Ende dieser zehn Takte verfolgen..., sich dem Hörer >dem es um solches zu tun ist< schon im dritten Takt Schwierigkeiten des Verständnisses entgegenstellen. Gewöhnt an eine Melodik, deren wesentliche Eigenschaft die Symmetrie des Periodenbaus ist, eingestellt auf eine Themenkonstruktion, die überhaupt nur geradzahlige Taktverbindungen kennt..., wird ein derart einseitig vorgebildetes Ohr schon an der Richtigkeit der Anfangstakte einer Melodie irre, die wider Erwarten aus zweieinhalb-taktigen Phrasen besteht... Bussler sagt ganz richtig, daß "gerade die größten Meister der Form >er meint Mozart und Beethoven< freie und kühne Konstruktionen lieben und sich keineswegs gern in die Schranken der geradzahligen Taktverbindungen einzwängen". Aber...wie ist diese im 18. Jahrhundert und früher so selbstverständlich gewesene Fähigkeit >wenn man von der Brahms`schen Volksliedmelodik absieht< in der Musik der Romantik und der Wagners und damit der gesamten Neudeutschen Schule verloren gegangen!

      Selbst das seinerzeit so kühn anmutende Heldenleben-Thema ist durchwegs vier- bezw. zweitaktig und führt nach den üblichen sechzehn Takten...zur wörtlichen Wiederholung der ersten Phrase. Auch die Musik Mahlers und...Debussys kennt fast nur Melodiebildungen mit gerader Taktzahl. Und wenn als einzige Ausnahme >neben Schönberg< Reger ziemlich freie und >wie er selbst sagt< an Prosa...gemahnende Konstruktionen bevorzugt, so ist dies auch der Grund der relativ schweren Eingängigkeit seiner Musik. Ja der einzige Grund, möchte ich behaupten; denn weder die sonstigen Eigenschaften seiner Thematik >motivische Entwicklung der vieltönigen Phrasen<, noch seine Harmonik, geschweige der Kontrapunkt seiner Setzweise sind darnach angetan, das Verständnis seiner musikalischen Sprache zu erschweren...

      Zum Eindringen in die Psychologie (von Schönbergs) Schaffen sind die Skizzenbücher, derer er sich in der Epoche dieses Streichquartetts ausschließlich bediente, von größter Wichtigkeit. Niemand, der einen Blick in sie geworfen hat, wird sagen können, (seine) Musik sei konstruiert, intellektuell und wie alle die Schlagworte heißen mögen, mit denen man sich von der Überlegenheit seiner überreichen Phantasie zu schützen sucht. Denn: "Jeder thematische Einfall ist eben gleich mit allen seinen Gegenstimmen erfunden." >Arnold Schönberg, von Egon Wellesz< Und das will alles auch gehört werden! ...

      a. d. Aufsatz "Warum ist Schönbergs Musik so schwer verständlich?" (1924); zit. v. schoenberg.at
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    • 10.02.1881 - UA von Jacques Offenbachs Oper "Les contes d`Hoffmann"

      Eine der literarischen Vorlagen ist E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann", lt. wikipedia.org "eine Erzählung in der Tradition des Kunstmärchens der Schwarzen Romantik, die erstmals 1816 veröffentlicht wurde."

      …. Hast Du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte...? Es gärte und kochte in dir; zur siedenden Glut entzündet, sprang das Blut durch die Adern... Und nun wolltest du das innere Gebilde mit allen...Schatten und Lichtern aussprechen und mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen... Doch jedes Wort, alles, was Rede vermag, schien dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen wie eisige Windeshauche hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will...

      So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfüllte meine ganze Seele, aber ebendeshalb und weil ich dich, o mein Leser! gleich geneigt machen mußte, Wunderliches zu ertragen, welches nichts Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend - originell, ergreifend, anzufangen; "Es war einmal" - der schöne Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! - "In der kleinen Provinzstadt S. lebte" - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax... Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien. Ich beschloß, gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriß des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe hineinzutragen mich bemühen werde...

      Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig ist, ist jenen Briefen noch hinzuzufügen, daß bald darauf, als Nathanaels Vater gestorben, Klara und Lothar, Kinder eines weitläuftigen Verwandten, der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels Mutter ins Haus genommen wurden. Klara und Nathanael faßten eine heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort verließ, um seine Studien in G. fortzusetzen. Da ist er nun...und hört Collegia bei dem berühmten Professor Physices, Spallanzani…

      Klara hatte...ein tiefes weiblich-zartes Gemüt, einen gar hellen, scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zuviel zu reden, was überhaupt in Klaras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der helle Blick und jenes feine ironische Lächeln: Liebe Freunde! was möget ihr mir denn zumuten, daß ich eure verfließenden Schattengebilde für wahre Gestalten ansehen soll mit Leben und Regung? - Klara wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefaßt, liebten ungemein das gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr als Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter bewegte...

      Recht hatte aber Nathanael doch..., daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael...in seinem ganzen Wesen durchaus verändert sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene... Ganz erzürnt, daß Klara die Existenz des Dämons nur in seinem eignen Innern statuiere, wollte (Nathanael) dann hervorrücken mit der ganzen mystischen Lehre von Teufeln und grausen Mächten, Klara brach aber verdrüßlich ab, indem sie irgend etwas Gleichgültiges dazwischenschob, zu Nathanaels nicht geringem Ärger...

      (Nathanael kehrte) zurück nach G., wo er noch ein Jahr zu bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren gedachte... Wie erstaunte (er), als er in seine Wohnung wollte und sah, daß das ganze Haus niedergebrannt war... Unerachtet das Feuer...von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch...gelungen, noch zu rechter Zeit in Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen und Bücher, Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in ein anderes Haus getragen und dort ein Zimmer in Beschlag genommen, welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete er darauf, daß er dem Professor Spallanzani gegenüber wohnte, und ebensowenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, daß er aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia einsam saß, so daß er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl die Züge des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es ihm endlich auf, daß Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung, wie er sie einst durch die Glastür entdeckte, ohne irgendeine Beschäftigung an einem kleinen Tische saß...

      v. wikisource.org (ein offensichtlicher Druckfehler ist stillschweigend bereinigt...)
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    • 11.02.1869 - Geburtstag von Else Lasker-Schüler

      In Elberfeld an der Wupper geboren, in Gedanken im Himmel, betreue ich die Stadt Theben und bin ihr Prinz Jussuf. Ich bin weder siebzehn noch siebzig Jahre, habe keine Uhr und keine Zeit. Meine Bücher laufen so herum und werden einmal im Meer ertrinken. Geld habe ich einmal sehr viel und einmal gar keines... Auf meinem Geburtsschein steht noch immer Goldelse; aber ich bin nicht zu versetzen. In all den Jahren, die ich lebte, ist mir eines ganz gewiß geworden: ich kann keinen Bohnenkaffee vertragen...

      Wenn ich auch immer irgendwo anders war im Gedanken, so rettete mich das doch nicht vor den vielen Strafarbeiten und dem Nachsitzen im Schulzimmer in Elberfeld an der Wupper, darin die Arbeiter und Arbeiterinnen die gefärbte Baumwolle auf ihre Echtheit ausprobierten. Ich aß immer Korinthenbrötchen, die wir uns während der Pause neben dem Schulhof in einer kleinen Bäckerei holten. Mit fünf Jahren dichtete ich mein erstes Buch; es erschien in einer Auflage von 30000 Stück bei Ullstein. Seitdem leiste ich nichts mehr... v. deutschlandfunk.de

      Ein alter Tibetteppich
      Deine Seele, die die meine liebet, / Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet / Strahl in Strahl, verliebte Farben, / Sterne, die sich himmellang umwarben.
      Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit / Maschentausendabertausendweit. / Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron
      Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl / Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?
      v. literaturundkunst.net

      Ich erzähle etwas von Palästina … Und fragt man mich auch abermals und immer noch einmal, ob Palästina und seine Hauptstadt Jerusalem schön? So bin ich, selbst im Interesse des Landes, zu ehrlich zu antworten, Palästina ist schön. Palästina ist Gestein, Schöpfungsgestein, der kostbarste Edelstein des Herrn... Zwischen Gestein und Gestein wuchsen Gegenden, schlängelten sich Landstreifen bis an Meer. Es ragten Höhlen empor und stürzten kratergrausig sich auf Täler und höhlten sie aus. Auf ihren wiesigen Abhängen weidet das Lamm. Ein methodisches Chaos denke man sich Palästina, arbeitsam und von der Sonne verklärt. Auf die sandfarbene Leinwand...malt die sonnige Goldmalerin, auf der Himmelsleiter sitzend, ihre zauberischen Träume. Viele mit lila Hintergründen, etliche orangengelb und zitronengelb. Setzt plötzlich eine Flamme aus heißgepaarten Farben...

      Auf der Fahrt zum Toten Meer begegnen uns Reisenden bunte Wanderer, aus der Bibelzeit noch übrig. Ihrem Wandel entströmt Gläubigkeit und Vertrauen zu ihrem Herrn. Sie schreiten...geruhsam den Weg inmitten der Wüste entlang und die tauben schnellen Räder unseres Wagens erreichen die Pilger doch nicht. Auf einmal sehe ich sie verschwinden, wie über Stufen hinabgleiten ins Innere der Welt. Unser schweres Auto fährt gedankenlos über ihren frommen Wandel hinweg. Diesen unerklärlichen Vorgang erlebten nur ich und meine kleine Freundin Trudmiriam, denn die Menschen auf ihren Sitzen schlummerten den 60-Grad-Hitzeschlaf...

      Die fleißigen hebräischen Arbeiter bauten Salzwerke; die stehen, Schutzpatrone, vor dem biblischen Gewässer. Das Tote Meer ist in Wirklichkeit ein See, aber sein Charakter ozeanisch. Die Berge Moabs bewachen das geölte majestätische Wasser. Von der Hausterrasse eines großen Dichters in Talpioth erblickte ich zum ersten Male die kuppelförmigen Höhen... Es ließe sich wohl reiten auf diesen Dromedarbuckeln, meinte ich ernsthaft, zur Freude des Adon und seiner Frau. Es war noch frühester Morgen, die Sonne hatte sich zum ersten Male verschlafen. Die herrlichen Berge noch in ihrer Naturfarbe, braunfaserig und grau wie das Fell an enthäuteten Stellen der lieben stolzen Wüstentiere... So weit dehnte sich der Strand! Wie mag einem Schiffbrüchigen wohl zumute gewesen sein vor tausend Jahren!...

      Ich schrieb an den Großbauer von Tel Joseph: Lieber Nehemia Cymbalist… Verarge mir nicht mein Dir gegebenes und nicht gehaltenes Wort, Dich zu besuchen... Ich bin übersättigt und erschöpft wie eine Biene, die zu viel Honig naschte aus dem Silberkelch der Königin der Nacht. Trunken bin ich, eine flatternde schwankende Geiertaube von Narden der Engelslüfte, die die Heilige Stadt umsüßen. Aber ich kehre heim zum dritten Male, zum dreißigsten Male zurück in unsere ureigenste Heimat...

      Ich hatte mir Nazareth ganz anders vorgestellt - ähnlich wie...das noch kleinere Bethlehem, das ich oft als Kind schaute in der Schulaula unter dem großen Tannenbaum; das heilige Städtchen aus der Spielschachtel auf dem Moos am Fuße der geschmückten Tanne... Nazareth ist keine kleine Stadt, auch keine zerfallene. Auf ihren Hügeln stehen guterhaltene villenartige Häuser, auch neuerrichtete Bauten, und an den Hecken der Gärten wiegen sich weiche weiße Winden. Gern wäre ich zu Fuß durch Nazareth gegangen und mein guter Begleiter tröstete mich: "Wenn wieder Frieden herrscht."... v. else-lasker-schueler-gesellschaft.de
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      12.02.1837 - Todestag von Ludwig Börne

      Sein Gesamtwerk unterteilt wikisource.org in fünfzehn verschiedene Abschnitte. Abschnitt II. ("Dramaturgische Blätter") verzeichnet 68 musikalische od. literarische Betrachtungen, verf. zwischen 1818 und 1828. An dessen vorletzter Stelle steht der hier sehr ausschnittsweise zitierte Aufsatz . . .

      … Dem bunten Scherze, der flatternden Freude, der entschiedenen Leidenschaft...gab (Shakespeare) den blauen sonnigen Süden, wo die Nacht nur ein schlafender Tag ist; den wehmütigen, brütenden, träumerischen Hamlet versetzte er in ein Land des Nebels, unter einen düstern Himmel, wo der Tag nur eine schlaflose Nacht ist. Gleich dem...feuchten Kerker der Natur, hält uns dieses Trauerspiel gefangen, und es erquickt und wie der Sonnenstrahl, der durch einen Ritz der Mauer in das Dunkel dringt... Der Schauplatz ist ein nordischer Hof... Der Rost der Politik fing schon an, den kriegerischen Stall fleckig zu machen. Gradsinn und krumme Wege ziehen nebeneinander her, Grobheit und Schmeichelei begegnen sich. Die Hofleute haben schon die Witterung des 18. Jahrhunderts und wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Verstand gewahren wir genug, aber nicht Geist, nicht Witz noch Bildung...

      Werfen wir zuerst einen Blick auf die Umgebungen unseres Leidenshelden... Vor allem rüsten wir uns männlich gegen den Irrtum, der uns im Leben wie auf der Bühne so oft besiegt. Im Leben beurteilen wir die Menschen nach ihrem Rufe; auf der Bühne glauben wir von den dargestellten...alles, was die Tugendhaften im Schauspiele von ihnen denken und sagen. Das ist nicht die rechte Art; wir müssen sie selbst beobachten und prüfen. Hamlet ist gar nicht so edel und liebenswürdig, wie er seinem Mädchen erscheint; der König ist lange nicht so nichtswürdig, wie ihn Hamlet lästert... Wie mir scheint, ist nur (die Hülle des Geistes) umpanzert, seine innere Seele aber ist weich und bloß. Die Familienähnlichkeit zwischen ihm und...Hamlet ist gar nicht zu verkennen... Hamlets Vater spricht gern, viel und kunstrednerisch; man könnte glauben, einen verklärten Schauspieler zu hören... Statt mit...seiner Ermordung anzufangen, erzählt er zuerst von seinen Höllenqualen und zeigt die größte Lust, eine große dichterische Schilderung davon zu machen. Er will einen regelmäßigen Klimax beobachten und mit dem Fürchterlichsten...endigen; das ist aber hier ein Fehler... Auch scheint der Geist in jener Welt seine Menschenkenntnis nicht verbessert zu haben, sonst hätte er jeden andern eher als Hamlet zum Vollstrecker der Rache gewählt...

      Ophelia ist...beschränkt wie ein Bürgermädchen. Der Hof hat sie nicht verdorben und nicht verfeinert. Hamlet verführte sie, und sie bemerkte nicht eher, was sie verloren, bis sie mit dem Mörder ihres Vaters es unersetzlich verloren. Zum Glück für ihre Tugend kam die Etikette der Pietät, die Politik der Moral zu Hülfe. Sie verliert die Vernunft und das Leben und weiß nicht, worüber... Dem alten (Polonius) ist sein Verstand zu schwer geworden, und er kann ihn nicht mehr aus der Scheide bringen. Er trägt ihn gern zur Schau, als könnte er ihn noch führen... Auf Liebe, Wahnsinn und Schwärmerei versteht er sich zwar nicht viel; denn diese Krankheitsfälle sind ihm in seiner Hofpraxis noch nicht vorgekommen. Doch versteht er sich auch nicht auf geheime Tücke, und er ließe sich für die Biederkeit seines Königs totschlagen... Seiner Tochter macht er zwar ernste, doch zugleich milde und freundliche Vorstellungen über ihren Umgang mit Hamlet, und der Ehrgeiz verleitet ihn nicht, ein Verhältnis zu unterhalten, das seiner Staatsdienerpflicht als unschicklich erscheint...

      (Der König) ist sehr nachsichtig, sehr langmütig gegen Hamlet, dessen wahre Stimmung er, und er allein, durchschaut, sobald er ihn nur einmal unbemerkt beobachtet. Er ist ein vornehmer Geist, dem sein untergebenes Gewissen nur in der stillen Zurückgezogenheit vertraulich nahen darf. Einmal, da es ihn überrascht, und er seine starken Knie vor Gott beugt, sind wir bewegt, und es schmerzt uns, daß ihm das Beten nicht gelingt... Er behandelt den alten, unbrauchbar gewordenen Polonius mit schonender Achtung, Laertes und die übrigen Hofleute mit einschmeichelnder Aufmerksamkeit... Er hat eine bewunderungswürdige Geistesgegenwart, die er nie verliert. Wenn er Hamlets Schauspiel plötzlich verließ, geschah es nicht, weil er seine innere Bewegung nicht bemeistern konnte; denn wäre das, wäre er gleich nach der Pantomime aufgebrochen, die doch als der erste Eindruck am meisten überraschen mußte. Er entfernt sich nur, sich zu retten; denn er fürchtet, das Spiel könnte ernsthaft endigen und auf Hamlets peinliches Gericht möge gleich die Hinrichtung folgen...

      Fortinbras und Laertes...hat der Dichter mit bedächtiger Kunst dem Königssohne zur Seite gestellt, daß sie Licht werfen auf seine Schatten. Fortinbras streckt mit schöner Keckheit seine Hand aus nach Hamlets künftigem Erbgut, und als er ertappt wird, wendet er sich ruhig zu eines andern Tasche. Er trommelt, wie zum Spotte, in Hamlets stillen Schlaf, und als dieser ausgeträumt und stirbt, ist er auf der Stelle wieder da, bei hellem Tage den Thron zu besteigen, zu dem er früher im Dunkeln hat hinaufschleichen wollen. Laertes...verläßt im Fluge das liderliche Paris, den Tod seines Vaters zu rächen, und ist sehr bereit, sich die Zinsen seiner Ungeduld mit einer Krone bezahlt zu machen - und der ernste tugendhafte Hamlet, dem man auch einen Vater gemordet, kommt...her und schleicht fort und träumt und besinnt sich und vollbringt nichts. Mit Laertes` lauter Trauer um Ophelia sucht er zu wetteifern; seinen stillen Schmerz um sie teilt er nicht...
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      13.02.1947 - Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" wird vom Nordwestdeutschen Rundfunk urgesendet.

      Die Kurzgeschichte Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels (erstveröffentlicht im März 1947) gehört zu seinen raren "heiteren" Texten . . .

      … Seine Hände zitterten. Seine Augendeckel. Seine Knie. Vor allem aber zitterte seine Stimme. Sie zitterte vor Schmerz und Wut und Fassungslosigkeit, als er sich jetzt Mühe gab, auch etwas geschützdonnerähnlich zu antworten: "Esch ischt schamlosch von Schie, schich über mich schu amüschieren, taktlosch ischt dasch, bitte schehr." Nun zitterte alles an ihm. Seine Jackenzipfel. Seine pomadenverklebten Haarsträhnen. Seine Nasenflügel und seine sparsame Unterlippe.

      An meinem Onkel zitterte nichts. Ich sah ihn ganz genau an: Absolut nichts. Ich bewunderte meinen Onkel. Aber als der Kellner ihn schamlos nannte, da stand mein Onkel doch wenigstens auf. Das heißt, er stand eigentlich gar nicht auf. Das wäre ihm mit seinem einen Bein viel zu umständlich und beschwerlich gewesen. Er blieb sitzen und stand dabei doch auf. Innerlich stand er auf. Und das genügte auch vollkommen. Der Kellner fühlte dieses innere Aufstehen meines Onkels wie einen Angriff, und er wich zwei kurze zittrige unsichere Schritte zurück. Feindselig standen sie sich gegenüber. Obgleich mein Onkel sass. Wenn er wirklich aufgestanden wäre, hätte sich sehr wahrscheinlich der Kellner hingesetzt. Mein Onkel konnte es sich leisten, sitzen zu bleiben, denn er war noch im Sitzen ebenso groß wie der Kellner, und ihre Köpfe waren auf gleicher Höhe.

      So standen sie nun und sahen sich an. Beide mit einer zu kurzen Zunge, beide mit demselben Fehler. Aber jeder mit einem völlig anderen Schicksal.

      Klein, verbittert, verarbeitet, zerfahren, fahrig, farblos, verängstigt, unterdrückt: der Kellner. Der kleine Kellner. Ein richtiger Kellner: verdrossen, stereotyp höflich, geruchlos, ohne Gesicht, nummeriert, verwaschen und trotzdem leicht schmuddelig. Ein kleiner Kellner. Zigarrenfingrig, servil, steril, glatt, gut gekämmt, blaurasiert, gelbgeärgert, mit leerer Hose hinten und dicken Taschen an der Seite, schiefen Absätzen und chronisch verschwitztem Kragen - der kleine Kellner.

      Und mein Onkel? Ach, mein Onkel! Breit, braun, brummig, basskehlig, laut, lachend, lebendig, reich, riesig, ruhig, sicher, satt, saftig - mein Onkel!

      Der kleine Kellner und mein großer Onkel. Verschieden wie ein Karrengaul vom Zeppelin. Aber beide kurzzungig. Beide mit demselben Fehler. Beide mit einem feuchten wässerigen weichen sch. Aber der Kellner ausgestoßen, getreten von seinem Zungenschicksal, bockig, eingeschüchtert, enttäuscht, einsam, bissig.

      Und klein, ganz klein geworden. Tausendmal am Tag verspottet, an jedem Tisch belächelt, belacht, bemitleidet, begrinst, beschrien. Tausendmal an jedem Tag im Gartenlokal an jedem Tisch einen Zentimeter in sich hineingekrochen, geduckt, geschrumpft. Tausendmal am Tag bei jeder Bestellung an jedem Tisch, bei jedem "Bitte schehr" kleiner, immer kleiner geworden. Die Zunge, gigantischer, unförmiger Fleischlappen, die viel zu kurze Zunge, formlose zyklopische Fleischmasse, plumper unfähiger roter Muskelklumpen, diese Zunge hatte ihn zum Pygmäen zerdrückt: kleiner, kleiner Kellner!

      Und mein Onkel! Mit einer zu kurzen Zunge, aber: als hätte er sie nicht. Mein Onkel, selbst am lautesten lachend, wenn über ihn gelacht wurde. Mein Onkel, einbeinig, kolossal, slickzungig. Aber Apoll in jedem Zentimeter Körper und jedem Seelenatom. Autofahrer, Frauenfahrer, Herrenfahrer, Rennfahrer. Mein Onkel, Säufer, Sänger, Gewaltmensch, Witzereisser, Zotenflüsterer, Verführer, kurzzungiger sprühender sprudelnder spuckender Anbeter von Frauen und Kognak. Mein Onkel, saufender Sieger, prothesenknarrend, breitgrinsend, mit viel zu kurzer Zunge, aber: als hätte er sie nicht!

      So standen sie sich gegenüber. Mordbereit, todwund der eine, lachfertig, randvoll mit Gelächtereruptionen der andere. Ringsherum sechs- bis siebenhundert Augen und Ohren. Spazierläufer, Kaffeetrinker, Kuchenschleckerer, die den Auftritt mehr genossen als Bier und Brause und Bienenstich...

      Mein Onkel sprach jetzt absichtlich so laut, dass den sechs- bis siebenhundert Ohren kein Wort entging. Der Asbach regte ihn in angenehmer Weise an. Er grinste vor Wonne über sein großes gutmütiges, breites, braunes Gesicht. Helle salzige Perlen kamen aus der Stirn und rieselten abwärts über die massiven Backenknochen. Aber der Kellner hielt alles an ihm für Bosheit, für Gemeinheit, für Beleidigung und Provokation. Er stand mit faltigen hohlen leise wehenden Wangen da und rührte sich nicht von der Stelle...

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      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show) … … Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
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      15.02.1621 - Todestag von Michael Praetorius

      … P. entwickelte in den wenigen Jahren, die wir von seinem Leben überblicken können, eine staunenswerthe Arbeitskraft. Nicht nur, daß er die Wolfenbütteler Capelle leitete: er wurde auch zeitweise vom Erzbischof von Magdeburg ersucht, seine Capelle in Ordnung zu halten und bei großen Festen die Direction zu übernehmen, ebenso hatte ihn in gleicher Eigenschaft der Kurfürst von Sachsen engagirt und so befand er sich stets unterwegs, um den vielfachen Pflichten zu genügen... In dem Wendepunkt lebend, wo sich die Musik der bisherigen Anschauungen entschlug und ganz neue Bahnen betrat..., war er recht eigentlich berufen, das theoretische, praktische und historische Material der eben vergangenen Zeit...der Nachwelt aufzubewahren. Kein einziger Autor jener und späterer Zeit hat diese Idee in so umfassender Weise...ausgeführt und es bildet daher sein dreibändiges umfangreiches Werk, das "Syntagma musicum" von 1614 - 1618 die Grundlage der historischen Kenntnisse, die uns ein deutliches Bild einstiger Kunstausübung gewährt. Der erste Band...handelt über die Geschichte der Kirchenmusik, der zweite Band...erklärt alle Musikinstrumente und fügt einen Teil "Theatrum instrumentorum" mit Abbildungen der Instrumente bei. Dieser Band wurde...1884 von der Gesellschaft für Musikforschung...neu herausgegeben. Der dritte Band umfaßt die Erklärungen aller damals gebräuchlichen Musikformen im Gesangs- und Instrumentalfache... P. zeigt...noch das Erscheinen eines vierten an, der...die eigentliche Musiktheorie umfaßte, doch wurde er durch den Tod an der Ausführung desselben behindert...

      Seine sämmtlichen Werke gab er auf eigene Kosten heraus und verschenkte sie größtentheils an Schulen und Kirchen... Vom Jahre 1605 ab erschienen...die umfangreichsten...Compositionen; man muß wohl annehmen, daß er in jüngeren Jahren schon fleißig...componirt habe, aber keine Gelegenheit gefunden, seine Werke herauszugeben, denn selbst, wenn es ihm leicht von der Hand gegangen wäre, hätte allein das Copiren mehr Zeit in Anspruch genommen, als ihm seine vielfachen Dienstobliegenheiten und die Correcturen übrig ließen. Obenan steht das neunbändige Sammelwerk "Musae Sioniae". Der erste Teil erschien 1605 in Regensburg und enthält "Geistliche Concert Gesänge über die fürnembste Herrn Lutheri vnd anderer Teutsche/Psalmen mit 8 Stimmen gesetzt". Der 2., 3. und 4. Theil erschienen 1607 in Jena und Helmstedt und enthalten die Fortsetzung des ersten Theils, bringen aber noch Gesänge bis zu 9 und 12 Stimmen... Sie umfassen zusammen 95 Gesänge in Motettenart componirt… Der 8. Theil, 1610 in Wolfenbüttel erschienen, umfaßt 302 vierstimmige geistliche Lieder und ist für hymnologische Zwecke der werthvollste, denn er verwendet hier vorzugsweise alte Melodien, die vielfach auf weltlichen Ursprung zurückgeführt sind...

      Praetorius` Setzweise ist...ohne große Kunst, aber tief empfunden und zum Herzen sprechend. Sein vierstimmiger Satz ist...maßgebend für den Choral geworden. Sein Bestreben ging stets darauf, der Kirche und Schule gute und brauchbare Gesänge zu geben und zugleich das Gute der italienischen Meister...der deutschen Kunst nutzbar zu machen...

      Im J. 1612 setzte ihm der Herzog von Braunschweig eine Summe von 2000 Thlr. aus, die er ratenweise...erhalten sollte, durch die Kriegszeiten aber...nie vollständig empfing. Nach seinem Tode...mußten sogar die Kinder noch um Auszahlung des rückständigen Gehaltes bitten... Der uns vorliegende Leichensermon, vom Prediger Petrus Tuckermann verfaßt, hebt seinen Fleiß in der Musik und die Ehrenbezeugungen, die er von "Königen, Kurfürsten und Herren" empfangen habe, wohl hervor, doch im Uebrigen ist der geistliche Herr schlecht auf ihn zu sprechen, und weiß nur von seinen Sünden und Gebrechen zu berichten, und daß ihn der Herr dafür "mit Creutz und Unglück geschlagen" habe. Zum Kirchengehen mag allerdings P. keine Zeit übrig geblieben sein und das wurde damals, wo die Geistlichkeit noch mit souveräner Gewalt ins bürgerliche Leben eingriff, übel vermerkt...

      verf. v. R.Eitner 1888; zit. v. deutsche-biographie.de

      Der (von Veronika Greuel verfasste) booklet-Text zur CD "M. P. Puer natus in Bethlehem" (Bremer Barock Consort / Manfred Cordes: cpo 777 327 - 2) enthält keine Angaben, die denen im obigen Lexikonartikel widersprechen. Über Praetorius` Leben und Wirken vor 1605 scheint nach wie vor nur sehr wenig bekannt zu sein. Inzwischen ist offenbar gesichert, dass der Vater (Michael Schultheiss) eine Zeitlang in Wittenberg gewesen ist, um Luther und Melanchthon persönlich zu hören. Sohn Michael nahm später (erst in Frankfurt/Oder, dann in Helmstedt) das Studium der Philosophie und Theologie auf, dass er dann jeweils (im ersten Fall sicher, im zweiten vermutlich auch-) finanziell bedingt abgebrochen hat. Ab und an soll er später ausdrücklich bedauert haben, nicht selbst Theologe geworden zu sein.

      Ab 1613 soll sich P. in der Tat häufiger auf Reisen als an seinem Erstwohnsitz befunden haben. Der booklet - Text erwähnt Halle, Sondershausen, Halberstadt, Bückeburg, Leipzig, Dresden und Prag als gelegentliche Aufenthaltsorte. Über seine Kompositionsweise heißt es: "Der Komponist arbeitet mit Raumklängen, mit Besetzungskontrasten, die...auch strukturbildend wirken. Textexegese ist ihm Herzenssache..."
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