Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 24.02.1876 - In Christiania wird die Bühnenfassung von Henrik Ibsens "Dramatischem Gedicht" Peer Gynt uraufgeführt

      I. F. einige Passagen aus der vierten Szene des Dritten Aktes. (dt. v. Chr.Morgenstern) / v. gutenberg.spiegel.de

      Aase Mein Gott, läßt er nimmer sich blicken? / Wie schleichend die Stunden vergehn! / Ich hab keinen Boten zu schicken, / Und hätt´ ihn so gern noch gesehn. / Jetzt geht`s ohne Gnade zur Rüste. / So jäh! Wer hätt` das gedacht! / Aase, wenn ich nur wüßte, / Ob du`s nicht zu schwer ihm gemacht!

      Peer Gynt Was schwer ist, das woll`n wir und sparen / Auf später, - das hastet ja nicht.
      So, Mutter, und jetzt laß uns plaudern, - / Doch alleine von Mein und Dein,
      Und nicht mehr von alledem kaudern, / Was quer ging und quält obendrein.
      Die Katz` ist auch noch lebendig, - / Guck` einer, - das alte Vieh!
      Aase Die tut immer nachts so elendig; / Du weißt, solch ein Tier irrt sich nie...
      Peer Gynt Bist Du durstig? Soll ich was holen? / Ist`s Bett zu kurz? Drückt es Dich? Sag`!
      Herrje; - sind das nicht die Bohlen, / Dadrin ich als Junge lag?
      Besinnst Dich noch, wie Du oft hocktest / Des Abends am Bettende dort
      Und mich, wer weiß wohin, locktest / Mit Märchen und Zauberwort?
      Aase Jawohl! Und dann spielten wir Schlitten, / Wann Vater herumfuhr im Rund.
      Die Deck` ward als Kutschpelz gelitten, / Und die Diel` war ein spiegelnder Sund.
      Peer Gynt Ja; aber der Knopf auf der Kappen, - / Besinnst Dich auch dessen noch, Du`-
      Das war`n doch die tollen Rappen! Aase DU traust mir wohl gar nichts mehr zu!
      Der Kari Katz` tat uns Fronde; / Wir setzten sie auf `ne Tonn`.
      Peer Gynt Nach dem Schloß im Westen vom Monde / Und dem Schloß im Osten der Sonn`,
      Nach dem Soria-Moria-Schlosse / Ging`s hurre-hopp über die Diel`,
      Und `ne alte Hühnerstallsprosse / Braucht`st Du als Peitschenstiel.
      Aase Dort vorn auf dem Kutschbock saß ich - Peer Gynt Und wer dann die Zügel verlor,
      Wer war das? Mein Alterchen, das sich / Umwandt` und mich fragt`, ob ich fror.
      Gott segne Dich; warst mir von Herzen / Stets gut, alter Widerwart -!
      Was stöhnst Du denn so? Aase Mich schmerzen / Die Knochen; das Brett ist so hart.
      Peer Gynt Komm; leg` Dich bequemer; so stillst Du / Den Schmerz. Na, gibt er jetzt Ruh?
      Aase Nein, Peer, ich will fort! Peer Gynt Fort willst Du? Aase Ja, fort möcht` ich, fort immerzu.
      Peer Gynt Schnack! Unter der Decke hübsch bleiben! Ich setz` mich aufs Bettende dort.
      Jetzt wollen wir die Zeit und vertreiben. / Und uns träumen, Gott weiß wohin, fort!
      Aase Ob die Bibel nicht besser paßte? Ich bin so unruhigen Sinns...
      Ich will liegen und schließen die Augen / Und vertrauen auf Dich, mein Jung`!

      Peer Gynt Da kann ich`s ganz nah schon gewahren. / Hü, Grane! Den Torweg empor! / Das ist ein Gewimmel! Jetzt fahren / Peer Gynt und Alt Aase vor. / Was sagst Du da, Herr Sankt Peter? / Der Mutter würd` nicht getraut? / Und ging einer suchen, erspäht` er / Nicht bald solch `ne ehrliche Haut! / Um mich mag nicht weiter gebangt sein; / Ich kann umdrehn, wenn es sein soll. / Wollt ihr laden mich, sollt Ihr bedankt sein; / Wenn nicht, scheid` ich auch ohne Groll. / Ich hab` viel geflaust und gefackelt, / Der Teufel konnt`s besser kaum tun, / Und Mutter dann, weil sie gegackelt / Und gekräht, geschimpft für ein Huhn. / Doch Sie sollt Ihr achten und ehren, / Wie`s billig für Leut` ihres Schlags; / Hier wird keine bessre vorkehren / Von irgendwo heutigen Tags. - / Da gebeut Gott-Vater selbst Ruhe! / Jetzt, Petruschen, blüht Dir was! Mit tiefer Stimme "Hör` auf mit dem Pförtnergetue; / Alt Aase hat freien Paß!" Lacht laut und wendet sich um zur Mutter

      Als hätt` ich das nicht gerochen! / Jetzt weht`s aus `nem anderen Strich! / Was schaust Du denn so gebrochen? / Du! Mutter! Was ist Dir denn -? Sprich -! / Du sollst nicht so stieren und glasen -! / Red`, Mutter! Ich bin`s doch, Dein Jung`! ...mit gedämpfter Stimme Ach so! - Jetzt, Grane, geh grasen. / Jetzt sind wir gefahren genug. Schließt ihre Augen und beugt sich über sie Hab` Dank für Dein ganzes Leben, / Für all Deine sorgende Art! - / Doch nun laß auch mich Dank erheben - Drückt seine Wange an ihren Mund So - das war der Dank für die Fahrt.

      Christian Morgenstern hat - was weniger bekannt sein dürfte - vereinzeltes von August Strindberg, Knut Hamsun und Björnsterne Björnson übersetzt, sowie (zwischen 1898 und 1904) das Gesamtwerk von Henrik Ibsen!
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      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 03.03.1860 - Uraufführung der Endfassung von Johannes Brahms` op.11 (Serenade D-Dur) in Hannover
      03.03.1870 - Uraufführung von Johannes Brahms` op.53 ("Alt-Rhapsodie") in Jena

      => aus "Kalbeck, Max: Johannes Brahms. Bd. 1, 4. Auflage, Berlin: Dt. Brahms -Gesellschaft, 1921" =>

      …. (Brahms) glaubte bemerkt zu haben, daß für ihn der Weg zur Symphonie nicht...von Beethovens Neunter ausging. Unmöglich konnte ihm verborgen bleiben, daß der Gedanke, die Entwicklung der Kunst...vollziehe sich durch eine immer größere Erweiterung und Komplikation ihrer Formen, ein verhängnisvoller Irrtum ist. Nicht weniger unsinnig aber mußte ihm das...in die Welt gesetzte Märchen vorkommen, welches eine bestimmte Gattung der Kunst mit einem Meister oder einer Epoche sich ein- für allemale erschöpfen lassen will, als ob es nach Beethoven keine Symphonie mehr geben dürfe... Er sagte sich, daß die Haydnsche Symphonie keineswegs als bloße Vorstufe...aufzufassen, sondern ein...den Namen der Gattung mit demselben Rechte führendes Kunstwerk sei, wie die der andern Meister... Haydns Symphonien hüpften in ihrer strahlenden Heiterkeit...und in der ermutigenden Einfachheit ihres instrumentalen Apparates dem über seinem schwerblütigen...d-moll-Konzert fast Verzweifelten wie eine fröhliche Kinderschar entgegen...

      Da überdies die vorzüglichen Bläser der Detmolder Hofkapelle beim Vortrage Mozartscher Serenaden ihm ein neues Reich zauberischer Klangwirkungen erschlossen und dem Lernbegierigen bequeme Gelegenheit verschafften, sich näher mit der Natur und dem Gebrauch ihrer Instrumente zu befreunden, so sah er sich in seiner Absicht, zur durchsichtigen Klarheit...instrumentaler Musik durchzudringen, gleichsam von verschiedenen Seiten...bestärkt. Der Charakter seiner ersten Serenade...schwankt zwischen der Gattung, zu der sie sich bekennt, der Symphonie und Kassation hin und her. Aus der Vereinigung mehrerer Elemente, die...doch sich erst miteinander vertragen lernen mußten, bei Brahms eine neue Form der Instrumentalmusik...statuieren zu wollen, wäre...verwegen oder übertrieben...

      Mit seiner zweiten Serenade führte sich Brahms wieder bei seinen Landsleuten in Hamburg ein. Sie...fand, wie die "Hamburger Nachrichten" melden, eine begeisterte Aufnahme, als sie am 10.(02.1860) in den Philharmonischen Konzerten erschien. Der Referent der "Nachrichten" meint, die Brahmsschen Serenaden seien keine Nachtständchen, sondern Szenen mit wechselnder Stimmung. Besonders erbaut war das Publikum von dem heiteren Schlussrondo mit seinen populären Melodien... Am 3. März fand die längst proponierte Aufführung der ersten Serenade in Hannover statt. Der König hatte sich von ((Joseph)) Joachim und Klara Schumann...bewegen lassen, den Befehl dazu zu geben. Was im Allerhöchsten Auftrag geschieht, findet selten Anklang beim großen Publikum... Das Klavierkonzert vom vorigen Jahre und sein Autor waren schon wieder vergessen. Die Kritik tat ein übriges, belehrte das Publikum noch einmal, daß der Komponist der Serenade der von Schumann angekündigte neue Messias sei, und fügte hinzu, Brahms scheine...den richtigen Weg zu gehen, "indem er zuvörderst einen Mittel- und Einigungspunkt zwischen Beethoven und den neuern romantischen Schulen >Berlioz eingeschlossen< zu finden suche...

      Als Brahms...1868 nach Bonn gekommen..., verkehrte er viel mit...dem ausgezeichneten Philologen und Musiker Hermann Deiters, der...zu den...eifrigsten Verehrern seiner Kunst gehörte. Bei ihm lernte er zuerst das Bruchstück des Goetheschen Gedichtes als einen verwendbaren Musiktext in der Komposition des alten (Johann Friedrich) Reichardt kennen... Der Kapellmeister dreier preußischer Könige gab unter dem Titel "Cäcilia" im Selbstverlag eine (Anthologie)...heraus. (Im dessem dritten Heft) befindet sich...das "Rhapsodie" betitelte Bruchstück aus Goethes Harzreise... Da (Brahms) sich über alles, was seine Kunst anging, genau zu unterrichten pflegte, und in Baden-Baden in Levi einen hervorragenden Goethekenner zur Hand hatte, so wird er wohl den Abschnitt der "Campagne in Frankreich" nachgelesen haben, die dem Abenteuer der winterlichen Harzreise und der Erklärung des dunklen Gedichtes gewidmet ist. Mitten im Winter unternahm der Dichter die romantische Bergfahrt über den Brocken nach Wernigerrode, um einen Unglücklichen >Plessing<, der sich ihm brieflich genähert hatte, aufzusuchen und zu trösten. Das Bild des vergrämten und verbitterten Menschenfeindes, ...dessen fruchtlose Liebe in Haß umzuschlagen droht, schwebte ihm, der aus dem fröhlichen Getümmel einer Hofjagd von Weimar weggeritten war, deutlich vor Augen...

      Nachdem Brahms den poetischen Gegenstand mit dem intuitiven Blick des kongenialen Musikers durchschaut hatte, schuf er ihn zu einem idealen lyrischen Monodrama um, das...uns Ersatz bieten will für ein halbes Dutzend nicht komponierter Opern. Wenn die vorausgreifende Instrumentaleinleitung auf dem Dominantseptakkord Halt macht, und das Rezitativ seine Schicksalsfrage stellt, ist es, als ob...der Vorhang in die Höhe schnellte; wir meinen, den Unglücklichen vor uns zu sehen... Neben ihm aber schwebt...die rettende Muse des Dichters, um mit dem Einsamen zu klagen und für ihn zu beten. Mit dem Plektron, das ihre Leier rührt, zerteilt sie den grauen Nebel, und während die Abendsonne...ihre erwärmenden Strahlen dem auf den rechten Weg Zurückgeleiteten ins Herz gießt, vereinigt ein Chor hilfreicher Geister seine Stimmen mit der der göttlichen Sängerin...

      Brahms zerlegt das Fragment in drei Teile und folgt darin genau dem Schema des Dichters. Aber, indem er das Gewicht des Inhalts prüft, gibt er jedem Abschnitt sein zukömmliches Maß, so daß sich die Proportionen zugunsten der Form verändern. Damit stimmt die Wirkung überein, die...so dramatisch ist, daß man von einer Exposition, Peripetie und Katastrophe im dramaturgischen Sinne sprechen könnte, musikalisch dargestellt als Rezitativ, Arie und Schlußchor. Die Dreiteilung des Ganzen wiederholt sich im mittleren Satze, der seiner Bedeutung nach der ausgedehnteste ist und sich durch den Sechsviertel-Takt rhythmisch von den im Vierviertel-Takt gehenden Außensätzen abhebt. Melodisch ist der zweite Teil mit dem ersten durch das den Eingang des Werkes wie ein finsterer Dämon bewachende Motiv der Bässe verbunden... ….

      v. zeno.org
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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 06.03.1619 - Geburtstag von Cyrano de Bergerac

      Der hierzulande wohl ziemlich unbekannte Edmond Rostard (ab 1901 Mitglied der Academie francaise) hat ihn zum Titelhelden eines (1897 uraufgeführten) 5aktigen Versdramas gemacht. Mit dieser heroischen Komödie...schuf er...ein echtes volkstümliches Stück, das weit über die Grenzen Frankreichs hinaus erfolgreich war (v. wikipedia.org). Hier Passagen aus dem zweiten und vierten Auftritt des ersten Aktes . . .

      Cuigy Le Bret, Sie spähen sicher / Nach Bergerac? Le Bret Ja, seltsam kommt`s mir vor ---
      Cuigy Ist`s nicht ein ungewöhnlicher Gesell? Le Bret Ein Edelstein der Menschheit, und ein echter!
      Ragueneau Gelehrter! Cuigy Musiker! Brissaille Poet! Le Bret Und Fechter! Ligniere Sein Aussehn auch ist sehr originell!
      Ragueneau Fürwahr, er paßt nicht gut als Gegenstand / Von des Champaigne feierlichen Bildern;
      Der selige Callot nur könnt` ihn schildern / Als tollsten Raufbold seiner Märchenwelt:
      Dreifacher Federbusch, sechsschößiger Rock / Und Mantel, den der Degenstock / Wie einen Hahnenschweif nach hinten schwellt.
      Stolzer als all die Meister der Emphase, / Die das Gascognerland erzeugt seit ältsten Tagen, / Schleppt er in seinem Pulcinellakragen
      `ne Nase meine Herrn, welch eine Nase! / Sieht man sie nur von ferne blitzen, / So ruft man: "Nein, weiß Gott, er übertreibt!"
      Dann fragt man lächelnd, ob sie haften bleibt, / Und richtig, Herr Cyrano läßt sie sitzen...

      Cyrano Vernimm, stumpfnäsiger Mikrocephale, / Daß ich voll Stolz mit diesem Vorsprung prahle; / Denn zu erkennen ist an solcher Form
      Der Mann von Geist, Charakter, Edelsinn, / Von Herz und Mut, kurz alles, was ich bin...
      Fällt Ihnen nichts mehr ein? Mir vielerlei, / Und auch die Tonart läßt sich variieren!

      Ausfallend: "Trüg` ich diese Nasenmasse, / Ich ließe sie sofort mir amputieren." / Freundlich: "Trinkt sie nicht mit aus ihrer Tasse? / Aus Humpen schlürfen sollten Sie die Suppe." / Beschreibend. "Felsgeklüfte, Berg und Tal, / Ein Kap, ein Vorland, eine Inselgruppe." / Neugierig: "Was ist in dem Futteral? / Ein Schreibzeug oder eine Zuckerzange?" / Anmutig: "Sind Sie Vogelfreund, mein Bester, / Und sorgten väterlich mit dieser Stange / Für einen Halt zum Bau der Schwalbennester?" / Zudringlich: "Wenn sie Tabak rauchen / Und ihr der Dampf entsteigt zum Firmament, / Schreit dann die Nachbarschaft nicht laut Es brennt?" / Warnend: "Sie sollten große Vorsicht brauchen; / Sonst zieht das Schwergewicht Sie noch kopfüber." / Zartfühlend: "Spannen Sie ein Schutzdach drüber; / Weil sonst im Sonnenschein sie bleichen muß." / Pedantisch: "Das aristophanische Tier / Hippokampelephantokamelus / Trug ganz unfraglich gleiche Nasenzier." / Modern: "Wie praktisch diese Haken sind, / Um seinen Hut dran aufzuhängen!" / Begeistert: "Wenn sie niest im scharfen Wind, / Braucht nur ein Teil von ihr sich anzustrengen." / Tragisch: "Ein Turm von Babel, wenn sie schwillt!" / Bewundernd: "Für Odeur welch Aushängschild!" / Lyrisch: "Ist dies die Muschel des Tritonen?" / Naiv: "Wann wird dies Monument besichtigt?" / Respektvoll: "Wird nicht ein jeder Wunsch beschwichtigt / Durch solch ein Häuschen zum Alleinbewohnen?" / Bäurisch: "Potz Donnerschlag, was sagst du, Stoffel? / Zwergkürbis oder riesige Kartoffel?" / Soldatisch: "Dies Geschütz ist schwer beweglich." / Geschäftlich: "Haben Sie vielleicht im Sinn, / Sie zu verlosen erster Hauptgewinn?" / Zuletzt im Stil des Pyramus, recht kläglich: "Weil sie das Gleichmaß im Gesicht getötet, / Ist sie voll Schuldbewußtsein und errötet."

      Dergleichen hätten Sie zu mir gesagt, / Wenn Sie Gelehrsamkeit und Geist verbänden;
      Jedoch, von Geist, dem Himmel sei`s geklagt, / Ist keine Spur in Ihren Schädelwänden;
      Ihr Kopf ist nicht gelehrt und doch so leer! / Und hätten Sie genug Erfindungskraft, / Um hier vor dieser edlen Hörerschaft
      Mir all dies Feuerwerk zu bieten und noch mehr, / Dann müßten Sie bereits beim ersten Ton / Vom ersten Wort des ersten Satzes stoppen;
      Denn nur mir selbst erlaub ich, mich zu foppen; / Ein anderer kommt nicht ungestraft davon.
      Guiche Komm, laß ihn stehen! Valvert Großtun will so einer! / Das will ein Junger sein! Nicht zu begreifen! / Geht ohne Handschuh, Quasten, Schleifen!
      Cyrano In meinem Innern bin ich um so feiner. / Den Stutzern, die so teuren Aufputz tragen, / Steh ich an Reinlichkeitsgefühl nicht nach
      Und würde nie mich unter Menschen wagen / Mit einer noch nicht abgewaschnen Schmach,
      Mit schmutzigem Sinn, schlaftrunkenem Gewissen / Und einem Ruf, der schäbig und zerschlissen.
      Ich bin, wenngleich so schmucklos von Gestalt, / Mit Unabhängigkeit und Mut geschmückt;
      Zwar hat mich keine Schnürbrust je gedrückt; / Doch in der Brust die Richtschnur gibt mir Halt.
      Vollbrachte Taten dienen mir als Bänder; / Den Witz hab ich zum Zierrat mir erkoren,
      Und ritterlich, bei müßigem Geschlender, / Laß ich die Wahrheit klirren statt der Sporen... ….

      v. gutenberg.spiegel.de (dt. v. L.Fulda >1862/1939<)
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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 09.03.1859 - Geburtstag von Peter Altenberg (eigtl. Richard Engländer)

      Alban Berg hat nicht nur mit seinen "Orchesterliedern op.4", sondern auch mit dreien seiner (erst 1985 herausgegebenen) Jugendlieder Skizzen von P. A. verwendet. Onkel Wiki erwähnt ferner eine Altenberg-Vertonung von Hanns Eisler ("Und endlich") aus dem Jahr 1953

      Die ersten drei Notizen sind dem Band "Bilderbögen des kleinen Lebens" (E.Reiss Verl.: Berlin-Westend 1909), die drei folgenden dem Band "Märchen des Lebens" (Fischer Verl.: Berlin 1911) entnommen. "Brangäne" findet sich im Band "Neues Altes" (ebenf. Fischer Verl. Berlin) von 1919, dem Todesjahr des Dichters.

      >>Der Ausstatter Alfred Roller (später Mitbegründer der Salzburger Festspiele) war 1903 von Gustav Mahler an die Wiener Hofoper verpflichtet worden...<<

      Schubert Über meinem Bette hängt ein Kohledruck des Bildes von Gustav Klimt: Schubert. Schubert singt mit drei Wiener Mädchen Lieder zum Klavier beim Kerzenschein. Darunter steht von mir geschrieben: "Einer meiner Götter! Die Menschen schufen sich die Götter, um ihre eigenen, in ihnen versteckten und unerfüllbaren Ideale dennoch irgendwie zu lebendigerem Dasein zu erwecken!"...

      Auf der Strasse ...Niemand, der die friedeatmende Natur lieb hat..., den lässigen behäbigen Nachmittag, und den Vormittag voll...lebendiger Pracht, niemand, der das Reh abends am Waldesrand betrachten möchte, die hungrige Krähe im Schneefelde, die aufblühenden und die absterbenden Gebüsche an den endlosen Straßen, die stürmischen Symphonien der Gebirgswässer..., niemand würde dann durch die Welt dahinrasen in seinem heiligen Privatluxuszuge "Automobil", und so Menschen, Tiere und sich selbst gefährden! Könnt ihr euch Beethoven, Goethe, Kant, rasend dahinfahrend vorstellen, ihr reichen Menschen?!?... Der Edelfiaker im Prater, der doch gewiß den Ehrgeiz besitzt, raschestens zu fahren, läßt uns dennoch den Genuß von taudampfenden Auen, von vereinsamten Wäldern..., von alten Weiden und kreischenden Krähennesternkolonien. Aber das rasende Automobil will dir deine ohnedies vom schweren Dasein tief bedrängte Seele einfach wegrasieren!...

      Kunstschau 1908 in Wien Raum 22, die Gustav Klimt-Kirche der modernen Kunst... Nr. 1 des Katalogs: Drei Alter. Die Alte weint über ihre körperliche Zerstörung. Sie hat den Nimbuß eingebüßt, was nützt ihr da...ihre tiefe Erkenntnis? Die junge Mutter...hat ihre Edelkraft dem süßen Kindchen abgegeben, in jeder Beziehung, ist müde, müde. Das Kindchen ist auch müde, schläft vor noch nicht leben können, geduckt, behütet in den Armen der Mutter. Es liegt alles in dem Bilde vom Tragischen und Romantischen des Frauendaseins, dabei das Nirwana und der Blick ins Leere--. Bist du ein...zartester Freund der Natur?! Dann trinke die Bilder in dein Auge hinein : Bauerngarten, Buchenwald, Rosen, Sonnenblume, blühender Mohn!... Gustav Klimt, ein mysteriöses Gemisch von Ur-Bauernkraft und historischer Romantik, dir sei der Preis!

      XIX. Ausstellung der "Secession", Wien Ferdinand Hodler in Genf, mit...der Poesie des weisen und kühlen Endgereiften gibst du Natur und Menschen wieder!... In ernster, schweigsamer Kraft dich betätigend, wortekarg, aber nahe der Natur mit ihren schweigsamen Tiefen! Keusch und unverbraucht! Wie wenn jemand die Flitter des Kulturtages nie zu überwinden gehabt hätte, weil er von vornherein gepanzert war mit Ernst und Würde und gleichsam von Geburt aus in anderen Regionen atmete! Sauerstoffreich!...

      Beethoven, ganz, ganz tief in dich hienein, lauschest du, Tauber, vernahmst so die Geräusche der ganzen Welt: Das Konzert des Sturmes, das Konzert der Stille, das Konzert der Klagen, das Konzert des Kicherns! Und du gabst es einfach wieder, wie Bergwände das Echo - - -. So wurde es die Musik der Welt!

      Aufführung der Walküre Ich erblickte in der vordersten Reihe des Parketts eine junge Dame mit braunroten Haaren... Ich sah tausend Fremde wie angezogene Wachspuppen, aber diese wurde mir durch ihre Schönheit...der Seele nahegerückt... Ich dachte: "Fräulein, passen sie mir doch ja recht auf, Sieglinde nahm einen Hunding zum Manne!" Und ins düstere Gemach brach der Frühling herein. Wie wunderbar hat Meister Roller dieses Hereinbrechen gemalt, wie einen mysteriösen Gruß aus lichteren Welten! Tore und Zaun sind schwarz und in die mondlichtblauen Nebel ragen drei alte Bergföhren, mondlichtblau verklärt in ihren Knorrigkeiten. Junge, arme, wunderbare Mädchen, weshalb rückt ihr die Kunst so endlos weit von eurem Leben ab?!?... Im zweiten Akte hat Meister Roller in die Steinblöcke des umsprießenden Tales das schreckliche Schicksal gelegt. Zwischen Berchtesgaden und der Ramsau ist so ein Felstrümmertal, wo das Leben stockt! Was kann hier vorgehen?!? Ideale und ihre Zertrümmerung!... Wunderbar rührend ist es, wie die Walküre "sinkt" und frauenhaftes Mitempfinden fühlt. Aber noch wunderbarer ist dieses süße, tiefe, sichere Schlafen Sieglindens im Schoße des Geliebten. Wie wenn ein Baby vor einem Eisenbahnzusammenstoß ruhig an der Mutterbrust schliefe, die Händchen in die Kleidfalten geklammert... Als alles zu Ende war und Wotan in Traurigkeit...sein besseres idealeres Selbst in ihm in Schlaf versenkt hatte >wir tun das alle<, traf ich am Ausgang...das braunrote, wunderbar schöne Mädchen... Sie war blässer als vorher und sah ermüdet aus, erschöpft. Ich fühlte: "Möge es dich...bedenklich machen und dich aufstören wie der Stock des Wanderers den geordneten Ameisenhaufen!"...

      Brangäne Ich kenne eine Sache im Leben, die mich am tiefsten ergreift von allen, die ich erlebt habe. Es ist in der Stille des nächtlichen Liebesgartens der Gesang der edlen Wächterin Brangäne. Es ist die tönend gewordene Selbstlosigkeit, inmitten der nächtlichen Liebesgefahren. Es ist die Warnung an die Allzuirdischen, die in der Melodie des Herzens zugleich eigentlich von selbst ertönt; es ist die Klage der tiefsten, echtesten Freundschaft, hineingesungen in den dunklen Garten. In jedem Menschen sind solche Gefühle aufgespeichert, besonders in den alten Kinderfrauen, die man entläßt von ihren Lieblingen, wenn man sie nicht mehr braucht. Aber sie weinen sich im stillen aus, alle diese Herzvollen, während bei Brangäne...die edle Sorge um einen geliebten Menschen helltönend wird, und in die dunkle, harte, grausame Welt hinaus stöhnt!...

      v. archieve.org (w i r d M o r g e n K o r r e k t u r G e l e s e n)
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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 10.03.1943 - Todestag von Otto Modersohn

      … (Im Rahmen der Jahresausstellung 1895 im "Münchener Glaspalast" war O. M.) mit nicht weniger als acht Bildern vertreten..., in denen alles Glanz, Klang und atemraubende Bewegung war. Sein "Sturm im Teufelsmoor" wirkte wie eine Ballade, gesprochen von einem greisen Rhapsoden mit weißem wehendem Barte. Und derselbe, der einen Sturm so erleben konnte wie man ein Drama erlebt, derselbe hatte auch dieses helle, stille, gleichsam erwachende Bild gemalt, diesen "Herbstmorgen im Moorkanal", mit seiner friedlichen Tiefe und dem einsamen Haus, das, von durchscheinenden schütteren Schatten verdunkelt, hinter den hell glänzenden, goldtragenden Birken steht. Das waren Kontraste. Krieg und Frieden, Hymne und Hirtenlied. Aber man sah auf den ersten Blick, daß sie ein Mensch in sich trug, ein schauender Mensch mit einer weiten Seele, in der alles Farbe und Landschaft wurde. Man stand vor Erlebnissen. Es waren confessions, was da gegeben war. Bekenntnisse in...breiten, langzeiligen, rauschenden Versen. Die Sprache war neu, die Wendungen ungewöhnlich, die Kontraste klangen aneinander wie Gold und Glas. Man hatte ähnliches nie gesehen, man war beunruhigt, getroffen, ungläubig... Um diesem Künstler gerecht zu werden, war es notwendig, statt der nächstliegenden Entwickelungen entferntere zu betrachten und einen Augenblick abzuwarten, wo in weite und geheimnisvolle Zusammenhänge ein Leuchten fiel...

      Der Schein dieser Lampe...beleuchtet ein Stück Mauer, das zu einem alten, kleinen Hause gehört, und einen Baum, von dem es sich zeigt, daß er...in die Höhe gewachsen ist, weil es ihm an Raum gefehlt hat, sich auszubreiten. Und dabei ist es kein ganz kleiner Garten: wenn man die Mauern aus verwittertem grünem Stein, von denen schwer der schwarze Efeu niederhängt, fortnehmen könnte, würde er ordentlich groß werden, aufatmen. Aber so sind die Gärten von Soest. So liegen sie..., jeder in seinen vier Mauern, über welche nur die Wipfel rauschend herüberragen... In den meisten Gärten stehen keine Häuser mehr... Aber selbst, wo noch Häuser sind, ist es schwer zu sagen, wer sie bewohnt. Man hört nur die Stimmen manchmal... Gewichtige Stimmen von Ratsherren, sanfte, gleichsam beschattete Frauenstimmen und Stimmen von jungen Mädchen und Kindern, die hell und herzlich zusammenklangen. Denn Soest war einmal eine große Stadt. Und wenn man da aufwächst, so denkt man immerfort an die Vergangenheit... Und da finden sich vor allem zwei Dinge: Die Kirchen und die Gärten. Zu sagen, daß sie die Kindheit Otto Modersohns beeinflußten, ist zu wenig: sie waren sie. In den Kirchen sah er die Vergangenheit aufbewahrt, festgehalten, dort konnte sie nicht vergehen... Anders in den Gärten. Auch sie redeten von der Vergangenheit, aber sie...lebten, sie veränderten sich, sie gehörten jeder Stunde die kam, dem Regen, dem Wind, dem Abend und der Stille, und im März...konnte man sehen, daß sie voll Zukunft waren. Das Gefühl für Sage und Märchen, das sich in O. M. und in seiner Kunst später so wundervoll entwickelt hat, ist aus diesen Eindrücken geboren worden; denn was sind Sagen anderes, als Vergangenheiten, die sich in der Natur aufgelöst haben, Gestalten, die sich verschenkt haben an sie; ihre Zeit ist vorübergewesen, aber die Natur...hat Leben genug, um ihnen davon anzugeben und sie zu erhalten. Sie haben sich ihr angepaßt; die Männer haben die Gebärden der Bäume angenommen und die Mädchen haben von den Bächen singen und von den Winden tanzen gelernt. Und nun leben sie in der Natur, wie in einem See, aus dem sie manchmal auftauchen um Atem zu holen und um zu schauen, ob nicht am Ende der Gartenwege ein Mensch erscheint, den sie betrachten können...

      Eines Morgens erwachte der Held dieser Geschichte in einem fremden Bette, und vor den Fenstern seiner Stube lag...die Gasse einer alten Stadt, die an Soest erinnerte, nur daß ihr die Gärten fehlten. Kirchen waren da, ja es gab sogar eine große Menge davon und sie waren alle voll Gesang, Klang und Pracht; denn sie waren katholisch. In Münster war das. Oft erschien da ein junger, hagerer Gymnasiast bei den Franziskanern wenn die langen Maiandachten abgehalten wurden und sah...den braunen Mönchen zu, die da in der Dämmerung des Chores nach unbekannten Gesetzen sich bewegten. Dieser junge Mensch...konnte stundenlang stehen und irgendwelche Leute beobachten ohne alle Befangenheit. Er...lernte Bewegungen, die in seltsamer Übereinstimmung standen mit dem Kleide, das einer trug, lernte in das geheimnisvolle Durcheinander einer Menge Rhythmus legen, lernte, daß die Umgebung auf merkwürdige Art an den Gestalten teilnimmt und daß diese wieder...sich verlieren in ihr, verkleidet, mit einem lautlosen Mimikry angetan, das sich abstuft, einstimmt, unterordnet; lernte mit einem Wort, daß auf diese Weise überall ein Stück Natur entsteht, daß Wesen und Welt seltsam verwoben erscheint für das Auge dessen, der...zurücktritt und in ruhigem Schauen ein Ganzes zu fassen sucht...

      Nun lag die eigentliche Arbeit erst vor ihm. Er fühlte es vielleicht in den ersten Wochen schon, daß hier in der seltsamen, geheimnisvoll reichen Natur Worpswedes seine Sprache auf ihn wartete... Hier waren Morgen voll Hoffnung und Heiterkeit und Nächte voll Sterne und Stille. Tage brachen an, in denen Unruhe war, Wucht und Sturm und die Ungeduld junger Pferde vor dem Gewitter. Und wenn es Abend wurde, so war eine Herrlichkeit in allen Dingen, gleichsam ein flutendes Überfließen... Immer, wenn dieser Überschwang verklungen war, kam eine Stunde, die noch nicht Nacht war und nichtmehr Tag. Der Glanz war noch da, aber er...lag still an die Dinge geschmiegt und schien aus ihren Poren auszuströmen in die lautlos dunkelnde Luft. Eigentümlich vereinfacht waren die Konturen der Bäume; alles Kleinliche war von ihnen genommen... Der Boden war schwarzbraun, fast schwarz, aber er konnte sich dem Rot zuneigen oder dem Violett, wie es nur in alten Brokaten gleich schwer und leuchtend zu finden war. Oft war er weithin mit Heide überzogen und das gab ihm eine rauhe Oberfläche, die bald stark farbig, bald verblichen schien und fleckig, hell und dunkel, wie ungleichmäßig aufgekämmter Sammet. Und neben der Heide stand in weiten Streifen ein weiches, wehendes Gras, blaß, blond, immer bewegt, und ohne Glanz... ((Rainer Maria Rilke 1902))

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      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 13.03.1846 - Uraufführung von Friedrich Hebbels Drama Maria Magdalene in Königsberg

      Seine grimmige Psycho-Studie Der Schneidermeister Nepomuk Schlägel auf der Freudenjagd soll bereits gegen 1835 entstanden sein, ist jedoch erst 1847 erstmals publiziert worden. Hier (sozusagen) deren Kalenderblatt-Kurzfassung - diesmal ohne Kennzeichnung der Kürzungen . . .

      Wenn Dir, lieber Leser, in der Augustiner-Gasse der Stadt München um die Zeit, wo ein ordnungsliebender Bürger ins Bierhaus zu gehen pflegt, ein Mann von untersetzter Statur begegnen sollte, an dem dir ein ungewöhnlich großer Mund mit trefflichem Gebiß und ein plötzliches Stehenbleiben nebst der damit verbundenen scharfen Musterung deiner Rückseite auffällt, so fürchte nur nicht etwa, daß es ein Gauner sei; es ist kein anderer als der ehrsame Schneidermeister Nepomuk Schlägel, und bloß um sich zu ärgern, bloß um sich zu sagen: was sind das Stiefel! welch ein Rock gegen den deinigen, Nepomuk! schenkt er dir seine Aufmerksamkeit.

      Eben begegnet ihm sein einziger Kunde, der Unteroffizier, dem er zuweilen die Zivil-Hose flickt, weil keiner seiner Kollegen sich aus gerechtem Kleidermacherstolz damit befassen will. Nepomuk grüßt ihn, aber unmöglich könnte ein Prinz von Geblüt den kahlen Hut des Schneidermeisters mit größerem Abscheu berühren, als der Schneidermeister selbst, er scheint ihn nur abzuziehen und zu schwenken, um ihn von sich zu schleudern. Wenn der Pudel, der, auf seiner Abendpromenade begriffen, eben, ein Bild der personifizierten Zufriedenheit, die Straße herunterkömmt, dem Schneidermeister nicht beizeiten ausweicht, so versetzt er ihm gewiß einen derben Stoß mit dem Fuße, denn das wohlbeleibte Tier ist Schlägel schon eine Minute lang ein Dorn im Auge. Solch eine Kreatur - denkt er - die die Garderobe mit auf die Welt bringt, frißt und säuft, und macht sich Pläsir, und krepiert zuletzt ohne Qual und Krankenbett.

      Einem weinenden blondhaarigen Mädchen von sieben Jahren, das den Sechsbätzner, wofür es das Nachtbier holen sollte, verloren hat und sich nicht zum jähzornigen Vater zurückgetraut, gibt er, statt der Münze, die das Kind für die Erzählung seiner Jammergeschichte erwartete, den Rat, ein ander Mal die Hand fester zuzuhaken und sich nicht wieder am Juwelier-Laden durch Betrachtung der blitzenden Goldsachen zu zerstreuen; er mögte des Strafamts wegen wohl auf eine Viertel-Stunde Vater zum Mädchen sein. Einige Wonne würd er spüren, wenn einmal plötzlich unter seinen Augen ein großes Verbrechen - ein Totschlag wäre groß genug - begangen würde, er müßte aber zu spät kommen, um die Tat zu verhüten, und früh genug, um den Missetäter der Gendarmerie zu überantworten. So war, da einst in einem Dorf, wo er übernachtete, Feuer ausbrach, niemand geschäftiger, schrecklichen, d. h. erschreckenden, Lärm zu machen und die Sturmglocke zu läuten, als Nepomuk, nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß das Löschen bei dem starken Winde und der Gebrechlichkeit der Spritzen unmöglich sei. - Neujahrs ermuntert er mutwillig junge Leute eifrigst zum Freuden-Schießen, teils, weil es von der Polizei verboten ist, teils , weil es den unvorsichtigen Schützen oft die Hand kostet, oder doch einen Finger. Am Oktober-Fest hält er sich am liebsten in der Nähe des sogenannten Rettungszelts für Verunglückende auf, hat aber selten Satisfaktion, einen Erquetschten, vom Pferde Gestürzten, oder sonst Beschädigten hineinbringen zu sehen, und schimpft darum das ganze Fest eine Lumperei.

      Die schönste Militär-Musik beim Aufziehen der Haupt-Wache am Schrannen-Platz ergötzt ihn zuweilen sehr, aber nur dann, wenn es grimmig kalt ist, oder viel Schnee fällt, so daß den Spielleuten die Finger erstarren; jetzt - denkt er - wissen sie doch, wofür der König sie löhnt. An Theater-Abenden versäumt er selten, sich vor dem Schauspielhause einzufinden. Es verdrießt ihn, daß das Haus nie bei einer Oper, wie es doch in anderen Städten schon geschah, in Flammen aufgeht, denn das wäre ein Schauspiel, das in seinen Augen jedes sonstige überträfe, und ein römisch-unentgeltliches obendrein. - Ließe sich bei der Aufmerksamkeit des zahlreichen Aufsichtspersonals an ein Einschleichen nur irgend denken, so hätte Nepomuk es längst versucht, nicht, um sich an Schiller oder Kotzebue zu delektieren - er verlacht beide, und das Publikum, das sich durch sie täuschen läßt, obendrein - sondern um sich zu sagen: also die kleine geschminkte Wachspuppe da ist Mamsell die und die, die dafür, daß sie hopst oder das Gesicht verzieht und sich stellt, als ob sie weinte, dreitausend Gulden einstreicht, und der zum Barbier herausstaffierte Narr ist Herr der und der, dem man seine Triller und Läufer, seit ihm viertausend nicht mehr genug sind, mit sechstausend bezahlt!

      Da ich ein Knabe war - denkt er - und es nicht zu schätzen wußte, mangelte mirs an nichts; meine Hemden mußten immer etwas feiner sein, als die der Nachbarkinder, kein Sonntagmorgen ging vorüber, wo ich nicht mit Lebkuchen vor der Tür oder ans Fenster treten und auf die rothaarige Böttcher-Tochter, die ihre trockene Semmel verzehrte, stolz herabschauen konnte. Wurde nicht damals mein Geburtstag so gut gefeiert, wie der des Königs, und gabs dann nicht Gänse, mit Äpfeln und Rosinen gefüllt, und mit herrlicher brauner Sauce übergossen? O verflucht und drei Mal verflucht sei jene Zeit! Hätt ich solche Gänse nie gefressen, so würde mir jetzt nicht das Maul darnach wässern! Bier- und Speisehäuser sind Bet- und Fluch-Häuser für ihn; seine nah an den Atheismus streifende Überzeugung von der gebrechlichen Einrichtung der Welt hat er in dieser trüben Atmosphäre und im eigentlichsten Verstande aus Bierkrügen, aus solchen nämlich, die er nicht stürzen durfte, geschöpft.

      Die Orthographie folgt der Ausgabe "M. Ritzer (Hg.) - F. H. Meistererzählungen. DTV: München 2013"
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    • Neu

      21.03.1763 - Geburtstag von Jean Paul (eigtl. Johann P. Friedrich Richter)

      … Dem Hrn. Verfasser dieses Werks ((<= "Fantasiestücke in Callots Manier")) wird es gefallen, daß auf diesem Wege die Rezension fast noch früher...erscheint als das Buch selber, während andere Autoren Gott und den Literaturzeitungen schon danken, wenn die Rezensionen endlich eintreffen, nachdem die Bücher längst abgegangen, entweder mit Tod oder durch Absatz. Hier ist nun die Rezension selber abzuschreiben... Sogleich (machen wir) über den Titel die Bemerkung, daß er richtiger sein könnte. Bestimmter würde er Kunstnovellen heißen; denn Callots Maler - oder vielmehr Dicht-Manier herrscht weder mit ihren Fehlern noch, einige Stellen ausgenommen, mit ihren Größen im Buche... Unserem Verfasser dürfen wir ein Lob anderer Gattung erteilen. In seiner dunkeln Kammer bewegen sich an den Wänden heftig und farbenecht die koketten Kleister- und Essigaale der Kunst gegeneinander und beschreiben schnalzend ihre Kreise. In...launiger Verkleinerung sind die ekeln Kunstliebeleien mit Künsten und Kunstliebhabern zugleich gemalt; der Umriß ist scharf, die Farben sind warm, und das Ganze voll Seele und Freiheit. Am dichtesten läßt der Verfasser seinen satirischen Feuerregen auf die musikalische Schöntuerei niederfallen, zumal in der trefflichen Nro. III. "Kreisleriana".

      Da die Musik eigentlich die allgemeinste...Volks-Kunst ist, und jeder wenigstens singt, z.B. in der Kirche und als Bettler... - und da man diese Kunst, wenn man seine Kehle oder seine Finger bei sich führt, in jedem Besuchzimmer in jeder Minute auspacken kann, um durch seine Kunstausstellung auf eigne Hand die Preise aller derer zu gewinnen, welche Tee mittrinken, so ist keine Narrheit natürlicher, verzeihlicher und häufiger als die, daß die Gefallsucht, besonders die weibliche, ihre musikalischen Pfauenräder in Modestädten vor jedem schlägt, der Augen hat zu sehen, wie Kunst und Künstlerin zu einer Schönheit verschmelzen. Was den wahren Virtuosen, wie hier den Kapellmeister Kreisler, dabei so ingrimmig auf dieses Stuben-Chariwari macht, ist vielleicht weniger die Beleidigung der Kunst, als die des Künstlers selber, welchen man in vornehmen Residenzhäusern als Musikdirektor zum Platzkommandanten musikalischer Abc-Schützen anstellt. "Könnte man nicht", denkt der zum Freudenmeister heruntergesetzte Musikmeister laut genug und schreibt es vielleicht hin, "ohne Kosten meiner Ohren vielen Hohen und Schönen schmeicheln? Und soll", fährt er noch hitziger fort, "von weiblichen Paradiesvögeln den Männern noch das Kunstparadies entführt oder verspottet werden, und sie stellen sich dann als Engel davor und bewachen es treu? O Teufel und deren Großmutter!" beschließt er dann wild genug. Ein Künstler kann leicht genug...aus Kunstliebe in Menschenhaß geraten und die Rosenkränze der Kunst...zum Züchtigen verbrauchen. Inzwischen bedenk` er doch sich und die Sache! Die durch Kunstliebe einbüßende Menschenliebe rächt sich stark durch Erkältung der Kunst selber; denn Liebe kann wohl der Meßkünstler, Denkkünstler, Wappenkünstler entbehren, aber nicht der Künstler selber...

      (Unseres Verfassers) Feuereifer gegen gemißbrauchte Kunst ist recht; das Schöne und Ewige sei nie Schminke des Unschönen und Zeitlichen, und das Heiligenbild verziere keine unheiligen Körper. Der Gefallsucht verzeiht man lieber eine schöne Flucherin, als eine schöne Beterin, denn mit dem Teufel kann man spaßen, aber nicht mit Gott...

      Bei Nro. V. "Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza" merkt der Herr Verf. bloß an, daß er eine Fortsetzung der beiden Hunde Scipio und Berganza in Cervantes` Erzählungen gebe. Er gibt etwas Gutes, und seinen Hund benützt er zum Gespräche mit einem Menschen, oft humoristischer als selber Cervantes. Sein Hund fällt, richtig geleitet und angehetzt, tief genug in die verschiedenen Waden der Schauspielherren >Regisseurs<, welche den Dichter verstümmeln, um die Spieler >ja die Hörer< zu ergänzen, und die an ihren Gestalten...die Nasen abschlagen, damit sie nicht lebendig werden. Wer nicht verlängern könnte, sollte nicht zu verkürzen wagen: kaum ein Goethe würde Schillern durch Nehmen zu geben suchen: hingegen die Verschnittenen der Kunst verschneiden keck die Künstler...

      Höflich wär` es vom Herrn Verfasser gewesen, wenn er die Anspielung auf Cervantes` Erzählung, wenigstens nur mit einer Note, hätte erklären wollen. Aber Verfasser sind jetzo nicht höflich. Denn weil Goethe zuweilen seine Mitwelt für eine Nachwelt ansieht, um deren künftige Unwissenheit sich ein Unsterblicher nicht zu bekümmern braucht..., - so wollen ihn die übrigen Goethes >wir dürfen ihre Anzahl rühmen< darin nichts zuvorlassen, sondern tausend Dinge voraussetzen... Überhaupt ist man jetzo grob gegen die halbe Welt, wenn anders die Lesewelt so groß ist; Verzeichnisse des Inhalts - Kapitel - erläuternde Noten... - auch Vorreden >z.B. diesem Buche< und Absätze >wie hier< fehlen neuerer Zeiten gewöhnlich...

      Nach dem gewöhnlichen kritischen Herkommen, welchem zufolge der namenlose Rezensent den Namen jedes Autors anzugeben hat, der seinen verschwiegen, berichten wir denn, daß der Herr Verfasser Hoffmann heißt und Musikdirektor in Dresden ist. Kenner und Freunde desselben...versichern von ihm die Erscheinung eines hohen Tonkünstlers. Desto besser und desto seltener! denn bisher warf immer der Sonnengott die Dichtgabe mit der Rechten und die Tongabe mit der Linken zwei so weit auseinander stehenden Menschen zu, daß wir noch bis diesen Augenblick auf den Mann harren, der eine echte Oper zugleich dichtet und setzt...

      Baireuth, den 24. Nov. 1813. Jean Paul Friedr. Richter

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