Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 24.02.1876 - In Christiania wird die Bühnenfassung von Henrik Ibsens "Dramatischem Gedicht" Peer Gynt uraufgeführt

      I. F. einige Passagen aus der vierten Szene des Dritten Aktes. (dt. v. Chr.Morgenstern) / v. gutenberg.spiegel.de

      Aase Mein Gott, läßt er nimmer sich blicken? / Wie schleichend die Stunden vergehn! / Ich hab keinen Boten zu schicken, / Und hätt´ ihn so gern noch gesehn. / Jetzt geht`s ohne Gnade zur Rüste. / So jäh! Wer hätt` das gedacht! / Aase, wenn ich nur wüßte, / Ob du`s nicht zu schwer ihm gemacht!

      Peer Gynt Was schwer ist, das woll`n wir und sparen / Auf später, - das hastet ja nicht.
      So, Mutter, und jetzt laß uns plaudern, - / Doch alleine von Mein und Dein,
      Und nicht mehr von alledem kaudern, / Was quer ging und quält obendrein.
      Die Katz` ist auch noch lebendig, - / Guck` einer, - das alte Vieh!
      Aase Die tut immer nachts so elendig; / Du weißt, solch ein Tier irrt sich nie...
      Peer Gynt Bist Du durstig? Soll ich was holen? / Ist`s Bett zu kurz? Drückt es Dich? Sag`!
      Herrje; - sind das nicht die Bohlen, / Dadrin ich als Junge lag?
      Besinnst Dich noch, wie Du oft hocktest / Des Abends am Bettende dort
      Und mich, wer weiß wohin, locktest / Mit Märchen und Zauberwort?
      Aase Jawohl! Und dann spielten wir Schlitten, / Wann Vater herumfuhr im Rund.
      Die Deck` ward als Kutschpelz gelitten, / Und die Diel` war ein spiegelnder Sund.
      Peer Gynt Ja; aber der Knopf auf der Kappen, - / Besinnst Dich auch dessen noch, Du`-
      Das war`n doch die tollen Rappen! Aase DU traust mir wohl gar nichts mehr zu!
      Der Kari Katz` tat uns Fronde; / Wir setzten sie auf `ne Tonn`.
      Peer Gynt Nach dem Schloß im Westen vom Monde / Und dem Schloß im Osten der Sonn`,
      Nach dem Soria-Moria-Schlosse / Ging`s hurre-hopp über die Diel`,
      Und `ne alte Hühnerstallsprosse / Braucht`st Du als Peitschenstiel.
      Aase Dort vorn auf dem Kutschbock saß ich - Peer Gynt Und wer dann die Zügel verlor,
      Wer war das? Mein Alterchen, das sich / Umwandt` und mich fragt`, ob ich fror.
      Gott segne Dich; warst mir von Herzen / Stets gut, alter Widerwart -!
      Was stöhnst Du denn so? Aase Mich schmerzen / Die Knochen; das Brett ist so hart.
      Peer Gynt Komm; leg` Dich bequemer; so stillst Du / Den Schmerz. Na, gibt er jetzt Ruh?
      Aase Nein, Peer, ich will fort! Peer Gynt Fort willst Du? Aase Ja, fort möcht` ich, fort immerzu.
      Peer Gynt Schnack! Unter der Decke hübsch bleiben! Ich setz` mich aufs Bettende dort.
      Jetzt wollen wir die Zeit und vertreiben. / Und uns träumen, Gott weiß wohin, fort!
      Aase Ob die Bibel nicht besser paßte? Ich bin so unruhigen Sinns...
      Ich will liegen und schließen die Augen / Und vertrauen auf Dich, mein Jung`!

      Peer Gynt Da kann ich`s ganz nah schon gewahren. / Hü, Grane! Den Torweg empor! / Das ist ein Gewimmel! Jetzt fahren / Peer Gynt und Alt Aase vor. / Was sagst Du da, Herr Sankt Peter? / Der Mutter würd` nicht getraut? / Und ging einer suchen, erspäht` er / Nicht bald solch `ne ehrliche Haut! / Um mich mag nicht weiter gebangt sein; / Ich kann umdrehn, wenn es sein soll. / Wollt ihr laden mich, sollt Ihr bedankt sein; / Wenn nicht, scheid` ich auch ohne Groll. / Ich hab` viel geflaust und gefackelt, / Der Teufel konnt`s besser kaum tun, / Und Mutter dann, weil sie gegackelt / Und gekräht, geschimpft für ein Huhn. / Doch Sie sollt Ihr achten und ehren, / Wie`s billig für Leut` ihres Schlags; / Hier wird keine bessre vorkehren / Von irgendwo heutigen Tags. - / Da gebeut Gott-Vater selbst Ruhe! / Jetzt, Petruschen, blüht Dir was! Mit tiefer Stimme "Hör` auf mit dem Pförtnergetue; / Alt Aase hat freien Paß!" Lacht laut und wendet sich um zur Mutter

      Als hätt` ich das nicht gerochen! / Jetzt weht`s aus `nem anderen Strich! / Was schaust Du denn so gebrochen? / Du! Mutter! Was ist Dir denn -? Sprich -! / Du sollst nicht so stieren und glasen -! / Red`, Mutter! Ich bin`s doch, Dein Jung`! ...mit gedämpfter Stimme Ach so! - Jetzt, Grane, geh grasen. / Jetzt sind wir gefahren genug. Schließt ihre Augen und beugt sich über sie Hab` Dank für Dein ganzes Leben, / Für all Deine sorgende Art! - / Doch nun laß auch mich Dank erheben - Drückt seine Wange an ihren Mund So - das war der Dank für die Fahrt.

      Christian Morgenstern hat - was weniger bekannt sein dürfte - vereinzeltes von August Strindberg, Knut Hamsun und Björnsterne Björnson übersetzt, sowie (zwischen 1898 und 1904) das Gesamtwerk von Henrik Ibsen!
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      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 03.03.1860 - Uraufführung der Endfassung von Johannes Brahms` op.11 (Serenade D-Dur) in Hannover
      03.03.1870 - Uraufführung von Johannes Brahms` op.53 ("Alt-Rhapsodie") in Jena

      => aus "Kalbeck, Max: Johannes Brahms. Bd. 1, 4. Auflage, Berlin: Dt. Brahms -Gesellschaft, 1921" =>

      …. (Brahms) glaubte bemerkt zu haben, daß für ihn der Weg zur Symphonie nicht...von Beethovens Neunter ausging. Unmöglich konnte ihm verborgen bleiben, daß der Gedanke, die Entwicklung der Kunst...vollziehe sich durch eine immer größere Erweiterung und Komplikation ihrer Formen, ein verhängnisvoller Irrtum ist. Nicht weniger unsinnig aber mußte ihm das...in die Welt gesetzte Märchen vorkommen, welches eine bestimmte Gattung der Kunst mit einem Meister oder einer Epoche sich ein- für allemale erschöpfen lassen will, als ob es nach Beethoven keine Symphonie mehr geben dürfe... Er sagte sich, daß die Haydnsche Symphonie keineswegs als bloße Vorstufe...aufzufassen, sondern ein...den Namen der Gattung mit demselben Rechte führendes Kunstwerk sei, wie die der andern Meister... Haydns Symphonien hüpften in ihrer strahlenden Heiterkeit...und in der ermutigenden Einfachheit ihres instrumentalen Apparates dem über seinem schwerblütigen...d-moll-Konzert fast Verzweifelten wie eine fröhliche Kinderschar entgegen...

      Da überdies die vorzüglichen Bläser der Detmolder Hofkapelle beim Vortrage Mozartscher Serenaden ihm ein neues Reich zauberischer Klangwirkungen erschlossen und dem Lernbegierigen bequeme Gelegenheit verschafften, sich näher mit der Natur und dem Gebrauch ihrer Instrumente zu befreunden, so sah er sich in seiner Absicht, zur durchsichtigen Klarheit...instrumentaler Musik durchzudringen, gleichsam von verschiedenen Seiten...bestärkt. Der Charakter seiner ersten Serenade...schwankt zwischen der Gattung, zu der sie sich bekennt, der Symphonie und Kassation hin und her. Aus der Vereinigung mehrerer Elemente, die...doch sich erst miteinander vertragen lernen mußten, bei Brahms eine neue Form der Instrumentalmusik...statuieren zu wollen, wäre...verwegen oder übertrieben...

      Mit seiner zweiten Serenade führte sich Brahms wieder bei seinen Landsleuten in Hamburg ein. Sie...fand, wie die "Hamburger Nachrichten" melden, eine begeisterte Aufnahme, als sie am 10.(02.1860) in den Philharmonischen Konzerten erschien. Der Referent der "Nachrichten" meint, die Brahmsschen Serenaden seien keine Nachtständchen, sondern Szenen mit wechselnder Stimmung. Besonders erbaut war das Publikum von dem heiteren Schlussrondo mit seinen populären Melodien... Am 3. März fand die längst proponierte Aufführung der ersten Serenade in Hannover statt. Der König hatte sich von ((Joseph)) Joachim und Klara Schumann...bewegen lassen, den Befehl dazu zu geben. Was im Allerhöchsten Auftrag geschieht, findet selten Anklang beim großen Publikum... Das Klavierkonzert vom vorigen Jahre und sein Autor waren schon wieder vergessen. Die Kritik tat ein übriges, belehrte das Publikum noch einmal, daß der Komponist der Serenade der von Schumann angekündigte neue Messias sei, und fügte hinzu, Brahms scheine...den richtigen Weg zu gehen, "indem er zuvörderst einen Mittel- und Einigungspunkt zwischen Beethoven und den neuern romantischen Schulen >Berlioz eingeschlossen< zu finden suche...

      Als Brahms...1868 nach Bonn gekommen..., verkehrte er viel mit...dem ausgezeichneten Philologen und Musiker Hermann Deiters, der...zu den...eifrigsten Verehrern seiner Kunst gehörte. Bei ihm lernte er zuerst das Bruchstück des Goetheschen Gedichtes als einen verwendbaren Musiktext in der Komposition des alten (Johann Friedrich) Reichardt kennen... Der Kapellmeister dreier preußischer Könige gab unter dem Titel "Cäcilia" im Selbstverlag eine (Anthologie)...heraus. (Im dessem dritten Heft) befindet sich...das "Rhapsodie" betitelte Bruchstück aus Goethes Harzreise... Da (Brahms) sich über alles, was seine Kunst anging, genau zu unterrichten pflegte, und in Baden-Baden in Levi einen hervorragenden Goethekenner zur Hand hatte, so wird er wohl den Abschnitt der "Campagne in Frankreich" nachgelesen haben, die dem Abenteuer der winterlichen Harzreise und der Erklärung des dunklen Gedichtes gewidmet ist. Mitten im Winter unternahm der Dichter die romantische Bergfahrt über den Brocken nach Wernigerrode, um einen Unglücklichen >Plessing<, der sich ihm brieflich genähert hatte, aufzusuchen und zu trösten. Das Bild des vergrämten und verbitterten Menschenfeindes, ...dessen fruchtlose Liebe in Haß umzuschlagen droht, schwebte ihm, der aus dem fröhlichen Getümmel einer Hofjagd von Weimar weggeritten war, deutlich vor Augen...

      Nachdem Brahms den poetischen Gegenstand mit dem intuitiven Blick des kongenialen Musikers durchschaut hatte, schuf er ihn zu einem idealen lyrischen Monodrama um, das...uns Ersatz bieten will für ein halbes Dutzend nicht komponierter Opern. Wenn die vorausgreifende Instrumentaleinleitung auf dem Dominantseptakkord Halt macht, und das Rezitativ seine Schicksalsfrage stellt, ist es, als ob...der Vorhang in die Höhe schnellte; wir meinen, den Unglücklichen vor uns zu sehen... Neben ihm aber schwebt...die rettende Muse des Dichters, um mit dem Einsamen zu klagen und für ihn zu beten. Mit dem Plektron, das ihre Leier rührt, zerteilt sie den grauen Nebel, und während die Abendsonne...ihre erwärmenden Strahlen dem auf den rechten Weg Zurückgeleiteten ins Herz gießt, vereinigt ein Chor hilfreicher Geister seine Stimmen mit der der göttlichen Sängerin...

      Brahms zerlegt das Fragment in drei Teile und folgt darin genau dem Schema des Dichters. Aber, indem er das Gewicht des Inhalts prüft, gibt er jedem Abschnitt sein zukömmliches Maß, so daß sich die Proportionen zugunsten der Form verändern. Damit stimmt die Wirkung überein, die...so dramatisch ist, daß man von einer Exposition, Peripetie und Katastrophe im dramaturgischen Sinne sprechen könnte, musikalisch dargestellt als Rezitativ, Arie und Schlußchor. Die Dreiteilung des Ganzen wiederholt sich im mittleren Satze, der seiner Bedeutung nach der ausgedehnteste ist und sich durch den Sechsviertel-Takt rhythmisch von den im Vierviertel-Takt gehenden Außensätzen abhebt. Melodisch ist der zweite Teil mit dem ersten durch das den Eingang des Werkes wie ein finsterer Dämon bewachende Motiv der Bässe verbunden... ….

      v. zeno.org
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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 06.03.1619 - Geburtstag von Cyrano de Bergerac

      Der hierzulande wohl ziemlich unbekannte Edmond Rostard (ab 1901 Mitglied der Academie francaise) hat ihn zum Titelhelden eines (1897 uraufgeführten) 5aktigen Versdramas gemacht. Mit dieser heroischen Komödie...schuf er...ein echtes volkstümliches Stück, das weit über die Grenzen Frankreichs hinaus erfolgreich war (v. wikipedia.org). Hier Passagen aus dem zweiten und vierten Auftritt des ersten Aktes . . .

      Cuigy Le Bret, Sie spähen sicher / Nach Bergerac? Le Bret Ja, seltsam kommt`s mir vor ---
      Cuigy Ist`s nicht ein ungewöhnlicher Gesell? Le Bret Ein Edelstein der Menschheit, und ein echter!
      Ragueneau Gelehrter! Cuigy Musiker! Brissaille Poet! Le Bret Und Fechter! Ligniere Sein Aussehn auch ist sehr originell!
      Ragueneau Fürwahr, er paßt nicht gut als Gegenstand / Von des Champaigne feierlichen Bildern;
      Der selige Callot nur könnt` ihn schildern / Als tollsten Raufbold seiner Märchenwelt:
      Dreifacher Federbusch, sechsschößiger Rock / Und Mantel, den der Degenstock / Wie einen Hahnenschweif nach hinten schwellt.
      Stolzer als all die Meister der Emphase, / Die das Gascognerland erzeugt seit ältsten Tagen, / Schleppt er in seinem Pulcinellakragen
      `ne Nase meine Herrn, welch eine Nase! / Sieht man sie nur von ferne blitzen, / So ruft man: "Nein, weiß Gott, er übertreibt!"
      Dann fragt man lächelnd, ob sie haften bleibt, / Und richtig, Herr Cyrano läßt sie sitzen...

      Cyrano Vernimm, stumpfnäsiger Mikrocephale, / Daß ich voll Stolz mit diesem Vorsprung prahle; / Denn zu erkennen ist an solcher Form
      Der Mann von Geist, Charakter, Edelsinn, / Von Herz und Mut, kurz alles, was ich bin...
      Fällt Ihnen nichts mehr ein? Mir vielerlei, / Und auch die Tonart läßt sich variieren!

      Ausfallend: "Trüg` ich diese Nasenmasse, / Ich ließe sie sofort mir amputieren." / Freundlich: "Trinkt sie nicht mit aus ihrer Tasse? / Aus Humpen schlürfen sollten Sie die Suppe." / Beschreibend. "Felsgeklüfte, Berg und Tal, / Ein Kap, ein Vorland, eine Inselgruppe." / Neugierig: "Was ist in dem Futteral? / Ein Schreibzeug oder eine Zuckerzange?" / Anmutig: "Sind Sie Vogelfreund, mein Bester, / Und sorgten väterlich mit dieser Stange / Für einen Halt zum Bau der Schwalbennester?" / Zudringlich: "Wenn sie Tabak rauchen / Und ihr der Dampf entsteigt zum Firmament, / Schreit dann die Nachbarschaft nicht laut Es brennt?" / Warnend: "Sie sollten große Vorsicht brauchen; / Sonst zieht das Schwergewicht Sie noch kopfüber." / Zartfühlend: "Spannen Sie ein Schutzdach drüber; / Weil sonst im Sonnenschein sie bleichen muß." / Pedantisch: "Das aristophanische Tier / Hippokampelephantokamelus / Trug ganz unfraglich gleiche Nasenzier." / Modern: "Wie praktisch diese Haken sind, / Um seinen Hut dran aufzuhängen!" / Begeistert: "Wenn sie niest im scharfen Wind, / Braucht nur ein Teil von ihr sich anzustrengen." / Tragisch: "Ein Turm von Babel, wenn sie schwillt!" / Bewundernd: "Für Odeur welch Aushängschild!" / Lyrisch: "Ist dies die Muschel des Tritonen?" / Naiv: "Wann wird dies Monument besichtigt?" / Respektvoll: "Wird nicht ein jeder Wunsch beschwichtigt / Durch solch ein Häuschen zum Alleinbewohnen?" / Bäurisch: "Potz Donnerschlag, was sagst du, Stoffel? / Zwergkürbis oder riesige Kartoffel?" / Soldatisch: "Dies Geschütz ist schwer beweglich." / Geschäftlich: "Haben Sie vielleicht im Sinn, / Sie zu verlosen erster Hauptgewinn?" / Zuletzt im Stil des Pyramus, recht kläglich: "Weil sie das Gleichmaß im Gesicht getötet, / Ist sie voll Schuldbewußtsein und errötet."

      Dergleichen hätten Sie zu mir gesagt, / Wenn Sie Gelehrsamkeit und Geist verbänden;
      Jedoch, von Geist, dem Himmel sei`s geklagt, / Ist keine Spur in Ihren Schädelwänden;
      Ihr Kopf ist nicht gelehrt und doch so leer! / Und hätten Sie genug Erfindungskraft, / Um hier vor dieser edlen Hörerschaft
      Mir all dies Feuerwerk zu bieten und noch mehr, / Dann müßten Sie bereits beim ersten Ton / Vom ersten Wort des ersten Satzes stoppen;
      Denn nur mir selbst erlaub ich, mich zu foppen; / Ein anderer kommt nicht ungestraft davon.
      Guiche Komm, laß ihn stehen! Valvert Großtun will so einer! / Das will ein Junger sein! Nicht zu begreifen! / Geht ohne Handschuh, Quasten, Schleifen!
      Cyrano In meinem Innern bin ich um so feiner. / Den Stutzern, die so teuren Aufputz tragen, / Steh ich an Reinlichkeitsgefühl nicht nach
      Und würde nie mich unter Menschen wagen / Mit einer noch nicht abgewaschnen Schmach,
      Mit schmutzigem Sinn, schlaftrunkenem Gewissen / Und einem Ruf, der schäbig und zerschlissen.
      Ich bin, wenngleich so schmucklos von Gestalt, / Mit Unabhängigkeit und Mut geschmückt;
      Zwar hat mich keine Schnürbrust je gedrückt; / Doch in der Brust die Richtschnur gibt mir Halt.
      Vollbrachte Taten dienen mir als Bänder; / Den Witz hab ich zum Zierrat mir erkoren,
      Und ritterlich, bei müßigem Geschlender, / Laß ich die Wahrheit klirren statt der Sporen... ….

      v. gutenberg.spiegel.de (dt. v. L.Fulda >1862/1939<)
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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 09.03.1859 - Geburtstag von Peter Altenberg (eigtl. Richard Engländer)

      Alban Berg hat nicht nur mit seinen "Orchesterliedern op.4", sondern auch mit dreien seiner (erst 1985 herausgegebenen) Jugendlieder Skizzen von P. A. verwendet. Onkel Wiki erwähnt ferner eine Altenberg-Vertonung von Hanns Eisler ("Und endlich") aus dem Jahr 1953

      Die ersten drei Notizen sind dem Band "Bilderbögen des kleinen Lebens" (E.Reiss Verl.: Berlin-Westend 1909), die drei folgenden dem Band "Märchen des Lebens" (Fischer Verl.: Berlin 1911) entnommen. "Brangäne" findet sich im Band "Neues Altes" (ebenf. Fischer Verl. Berlin) von 1919, dem Todesjahr des Dichters.

      >>Der Ausstatter Alfred Roller (später Mitbegründer der Salzburger Festspiele) war 1903 von Gustav Mahler an die Wiener Hofoper verpflichtet worden...<<

      Schubert Über meinem Bette hängt ein Kohledruck des Bildes von Gustav Klimt: Schubert. Schubert singt mit drei Wiener Mädchen Lieder zum Klavier beim Kerzenschein. Darunter steht von mir geschrieben: "Einer meiner Götter! Die Menschen schufen sich die Götter, um ihre eigenen, in ihnen versteckten und unerfüllbaren Ideale dennoch irgendwie zu lebendigerem Dasein zu erwecken!"...

      Auf der Strasse ...Niemand, der die friedeatmende Natur lieb hat..., den lässigen behäbigen Nachmittag, und den Vormittag voll...lebendiger Pracht, niemand, der das Reh abends am Waldesrand betrachten möchte, die hungrige Krähe im Schneefelde, die aufblühenden und die absterbenden Gebüsche an den endlosen Straßen, die stürmischen Symphonien der Gebirgswässer..., niemand würde dann durch die Welt dahinrasen in seinem heiligen Privatluxuszuge "Automobil", und so Menschen, Tiere und sich selbst gefährden! Könnt ihr euch Beethoven, Goethe, Kant, rasend dahinfahrend vorstellen, ihr reichen Menschen?!?... Der Edelfiaker im Prater, der doch gewiß den Ehrgeiz besitzt, raschestens zu fahren, läßt uns dennoch den Genuß von taudampfenden Auen, von vereinsamten Wäldern..., von alten Weiden und kreischenden Krähennesternkolonien. Aber das rasende Automobil will dir deine ohnedies vom schweren Dasein tief bedrängte Seele einfach wegrasieren!...

      Kunstschau 1908 in Wien Raum 22, die Gustav Klimt-Kirche der modernen Kunst... Nr. 1 des Katalogs: Drei Alter. Die Alte weint über ihre körperliche Zerstörung. Sie hat den Nimbuß eingebüßt, was nützt ihr da...ihre tiefe Erkenntnis? Die junge Mutter...hat ihre Edelkraft dem süßen Kindchen abgegeben, in jeder Beziehung, ist müde, müde. Das Kindchen ist auch müde, schläft vor noch nicht leben können, geduckt, behütet in den Armen der Mutter. Es liegt alles in dem Bilde vom Tragischen und Romantischen des Frauendaseins, dabei das Nirwana und der Blick ins Leere--. Bist du ein...zartester Freund der Natur?! Dann trinke die Bilder in dein Auge hinein : Bauerngarten, Buchenwald, Rosen, Sonnenblume, blühender Mohn!... Gustav Klimt, ein mysteriöses Gemisch von Ur-Bauernkraft und historischer Romantik, dir sei der Preis!

      XIX. Ausstellung der "Secession", Wien Ferdinand Hodler in Genf, mit...der Poesie des weisen und kühlen Endgereiften gibst du Natur und Menschen wieder!... In ernster, schweigsamer Kraft dich betätigend, wortekarg, aber nahe der Natur mit ihren schweigsamen Tiefen! Keusch und unverbraucht! Wie wenn jemand die Flitter des Kulturtages nie zu überwinden gehabt hätte, weil er von vornherein gepanzert war mit Ernst und Würde und gleichsam von Geburt aus in anderen Regionen atmete! Sauerstoffreich!...

      Beethoven, ganz, ganz tief in dich hienein, lauschest du, Tauber, vernahmst so die Geräusche der ganzen Welt: Das Konzert des Sturmes, das Konzert der Stille, das Konzert der Klagen, das Konzert des Kicherns! Und du gabst es einfach wieder, wie Bergwände das Echo - - -. So wurde es die Musik der Welt!

      Aufführung der Walküre Ich erblickte in der vordersten Reihe des Parketts eine junge Dame mit braunroten Haaren... Ich sah tausend Fremde wie angezogene Wachspuppen, aber diese wurde mir durch ihre Schönheit...der Seele nahegerückt... Ich dachte: "Fräulein, passen sie mir doch ja recht auf, Sieglinde nahm einen Hunding zum Manne!" Und ins düstere Gemach brach der Frühling herein. Wie wunderbar hat Meister Roller dieses Hereinbrechen gemalt, wie einen mysteriösen Gruß aus lichteren Welten! Tore und Zaun sind schwarz und in die mondlichtblauen Nebel ragen drei alte Bergföhren, mondlichtblau verklärt in ihren Knorrigkeiten. Junge, arme, wunderbare Mädchen, weshalb rückt ihr die Kunst so endlos weit von eurem Leben ab?!?... Im zweiten Akte hat Meister Roller in die Steinblöcke des umsprießenden Tales das schreckliche Schicksal gelegt. Zwischen Berchtesgaden und der Ramsau ist so ein Felstrümmertal, wo das Leben stockt! Was kann hier vorgehen?!? Ideale und ihre Zertrümmerung!... Wunderbar rührend ist es, wie die Walküre "sinkt" und frauenhaftes Mitempfinden fühlt. Aber noch wunderbarer ist dieses süße, tiefe, sichere Schlafen Sieglindens im Schoße des Geliebten. Wie wenn ein Baby vor einem Eisenbahnzusammenstoß ruhig an der Mutterbrust schliefe, die Händchen in die Kleidfalten geklammert... Als alles zu Ende war und Wotan in Traurigkeit...sein besseres idealeres Selbst in ihm in Schlaf versenkt hatte >wir tun das alle<, traf ich am Ausgang...das braunrote, wunderbar schöne Mädchen... Sie war blässer als vorher und sah ermüdet aus, erschöpft. Ich fühlte: "Möge es dich...bedenklich machen und dich aufstören wie der Stock des Wanderers den geordneten Ameisenhaufen!"...

      Brangäne Ich kenne eine Sache im Leben, die mich am tiefsten ergreift von allen, die ich erlebt habe. Es ist in der Stille des nächtlichen Liebesgartens der Gesang der edlen Wächterin Brangäne. Es ist die tönend gewordene Selbstlosigkeit, inmitten der nächtlichen Liebesgefahren. Es ist die Warnung an die Allzuirdischen, die in der Melodie des Herzens zugleich eigentlich von selbst ertönt; es ist die Klage der tiefsten, echtesten Freundschaft, hineingesungen in den dunklen Garten. In jedem Menschen sind solche Gefühle aufgespeichert, besonders in den alten Kinderfrauen, die man entläßt von ihren Lieblingen, wenn man sie nicht mehr braucht. Aber sie weinen sich im stillen aus, alle diese Herzvollen, während bei Brangäne...die edle Sorge um einen geliebten Menschen helltönend wird, und in die dunkle, harte, grausame Welt hinaus stöhnt!...

      v. archieve.org (w i r d M o r g e n K o r r e k t u r G e l e s e n)
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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 10.03.1943 - Todestag von Otto Modersohn

      … (Im Rahmen der Jahresausstellung 1895 im "Münchener Glaspalast" war O. M.) mit nicht weniger als acht Bildern vertreten..., in denen alles Glanz, Klang und atemraubende Bewegung war. Sein "Sturm im Teufelsmoor" wirkte wie eine Ballade, gesprochen von einem greisen Rhapsoden mit weißem wehendem Barte. Und derselbe, der einen Sturm so erleben konnte wie man ein Drama erlebt, derselbe hatte auch dieses helle, stille, gleichsam erwachende Bild gemalt, diesen "Herbstmorgen im Moorkanal", mit seiner friedlichen Tiefe und dem einsamen Haus, das, von durchscheinenden schütteren Schatten verdunkelt, hinter den hell glänzenden, goldtragenden Birken steht. Das waren Kontraste. Krieg und Frieden, Hymne und Hirtenlied. Aber man sah auf den ersten Blick, daß sie ein Mensch in sich trug, ein schauender Mensch mit einer weiten Seele, in der alles Farbe und Landschaft wurde. Man stand vor Erlebnissen. Es waren confessions, was da gegeben war. Bekenntnisse in...breiten, langzeiligen, rauschenden Versen. Die Sprache war neu, die Wendungen ungewöhnlich, die Kontraste klangen aneinander wie Gold und Glas. Man hatte ähnliches nie gesehen, man war beunruhigt, getroffen, ungläubig... Um diesem Künstler gerecht zu werden, war es notwendig, statt der nächstliegenden Entwickelungen entferntere zu betrachten und einen Augenblick abzuwarten, wo in weite und geheimnisvolle Zusammenhänge ein Leuchten fiel...

      Der Schein dieser Lampe...beleuchtet ein Stück Mauer, das zu einem alten, kleinen Hause gehört, und einen Baum, von dem es sich zeigt, daß er...in die Höhe gewachsen ist, weil es ihm an Raum gefehlt hat, sich auszubreiten. Und dabei ist es kein ganz kleiner Garten: wenn man die Mauern aus verwittertem grünem Stein, von denen schwer der schwarze Efeu niederhängt, fortnehmen könnte, würde er ordentlich groß werden, aufatmen. Aber so sind die Gärten von Soest. So liegen sie..., jeder in seinen vier Mauern, über welche nur die Wipfel rauschend herüberragen... In den meisten Gärten stehen keine Häuser mehr... Aber selbst, wo noch Häuser sind, ist es schwer zu sagen, wer sie bewohnt. Man hört nur die Stimmen manchmal... Gewichtige Stimmen von Ratsherren, sanfte, gleichsam beschattete Frauenstimmen und Stimmen von jungen Mädchen und Kindern, die hell und herzlich zusammenklangen. Denn Soest war einmal eine große Stadt. Und wenn man da aufwächst, so denkt man immerfort an die Vergangenheit... Und da finden sich vor allem zwei Dinge: Die Kirchen und die Gärten. Zu sagen, daß sie die Kindheit Otto Modersohns beeinflußten, ist zu wenig: sie waren sie. In den Kirchen sah er die Vergangenheit aufbewahrt, festgehalten, dort konnte sie nicht vergehen... Anders in den Gärten. Auch sie redeten von der Vergangenheit, aber sie...lebten, sie veränderten sich, sie gehörten jeder Stunde die kam, dem Regen, dem Wind, dem Abend und der Stille, und im März...konnte man sehen, daß sie voll Zukunft waren. Das Gefühl für Sage und Märchen, das sich in O. M. und in seiner Kunst später so wundervoll entwickelt hat, ist aus diesen Eindrücken geboren worden; denn was sind Sagen anderes, als Vergangenheiten, die sich in der Natur aufgelöst haben, Gestalten, die sich verschenkt haben an sie; ihre Zeit ist vorübergewesen, aber die Natur...hat Leben genug, um ihnen davon anzugeben und sie zu erhalten. Sie haben sich ihr angepaßt; die Männer haben die Gebärden der Bäume angenommen und die Mädchen haben von den Bächen singen und von den Winden tanzen gelernt. Und nun leben sie in der Natur, wie in einem See, aus dem sie manchmal auftauchen um Atem zu holen und um zu schauen, ob nicht am Ende der Gartenwege ein Mensch erscheint, den sie betrachten können...

      Eines Morgens erwachte der Held dieser Geschichte in einem fremden Bette, und vor den Fenstern seiner Stube lag...die Gasse einer alten Stadt, die an Soest erinnerte, nur daß ihr die Gärten fehlten. Kirchen waren da, ja es gab sogar eine große Menge davon und sie waren alle voll Gesang, Klang und Pracht; denn sie waren katholisch. In Münster war das. Oft erschien da ein junger, hagerer Gymnasiast bei den Franziskanern wenn die langen Maiandachten abgehalten wurden und sah...den braunen Mönchen zu, die da in der Dämmerung des Chores nach unbekannten Gesetzen sich bewegten. Dieser junge Mensch...konnte stundenlang stehen und irgendwelche Leute beobachten ohne alle Befangenheit. Er...lernte Bewegungen, die in seltsamer Übereinstimmung standen mit dem Kleide, das einer trug, lernte in das geheimnisvolle Durcheinander einer Menge Rhythmus legen, lernte, daß die Umgebung auf merkwürdige Art an den Gestalten teilnimmt und daß diese wieder...sich verlieren in ihr, verkleidet, mit einem lautlosen Mimikry angetan, das sich abstuft, einstimmt, unterordnet; lernte mit einem Wort, daß auf diese Weise überall ein Stück Natur entsteht, daß Wesen und Welt seltsam verwoben erscheint für das Auge dessen, der...zurücktritt und in ruhigem Schauen ein Ganzes zu fassen sucht...

      Nun lag die eigentliche Arbeit erst vor ihm. Er fühlte es vielleicht in den ersten Wochen schon, daß hier in der seltsamen, geheimnisvoll reichen Natur Worpswedes seine Sprache auf ihn wartete... Hier waren Morgen voll Hoffnung und Heiterkeit und Nächte voll Sterne und Stille. Tage brachen an, in denen Unruhe war, Wucht und Sturm und die Ungeduld junger Pferde vor dem Gewitter. Und wenn es Abend wurde, so war eine Herrlichkeit in allen Dingen, gleichsam ein flutendes Überfließen... Immer, wenn dieser Überschwang verklungen war, kam eine Stunde, die noch nicht Nacht war und nichtmehr Tag. Der Glanz war noch da, aber er...lag still an die Dinge geschmiegt und schien aus ihren Poren auszuströmen in die lautlos dunkelnde Luft. Eigentümlich vereinfacht waren die Konturen der Bäume; alles Kleinliche war von ihnen genommen... Der Boden war schwarzbraun, fast schwarz, aber er konnte sich dem Rot zuneigen oder dem Violett, wie es nur in alten Brokaten gleich schwer und leuchtend zu finden war. Oft war er weithin mit Heide überzogen und das gab ihm eine rauhe Oberfläche, die bald stark farbig, bald verblichen schien und fleckig, hell und dunkel, wie ungleichmäßig aufgekämmter Sammet. Und neben der Heide stand in weiten Streifen ein weiches, wehendes Gras, blaß, blond, immer bewegt, und ohne Glanz... ((Rainer Maria Rilke 1902))

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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 13.03.1846 - Uraufführung von Friedrich Hebbels Drama Maria Magdalene in Königsberg

      Seine grimmige Psycho-Studie Der Schneidermeister Nepomuk Schlägel auf der Freudenjagd soll bereits gegen 1835 entstanden sein, ist jedoch erst 1847 erstmals publiziert worden. Hier (sozusagen) deren Kalenderblatt-Kurzfassung - diesmal ohne Kennzeichnung der Kürzungen . . .

      Wenn Dir, lieber Leser, in der Augustiner-Gasse der Stadt München um die Zeit, wo ein ordnungsliebender Bürger ins Bierhaus zu gehen pflegt, ein Mann von untersetzter Statur begegnen sollte, an dem dir ein ungewöhnlich großer Mund mit trefflichem Gebiß und ein plötzliches Stehenbleiben nebst der damit verbundenen scharfen Musterung deiner Rückseite auffällt, so fürchte nur nicht etwa, daß es ein Gauner sei; es ist kein anderer als der ehrsame Schneidermeister Nepomuk Schlägel, und bloß um sich zu ärgern, bloß um sich zu sagen: was sind das Stiefel! welch ein Rock gegen den deinigen, Nepomuk! schenkt er dir seine Aufmerksamkeit.

      Eben begegnet ihm sein einziger Kunde, der Unteroffizier, dem er zuweilen die Zivil-Hose flickt, weil keiner seiner Kollegen sich aus gerechtem Kleidermacherstolz damit befassen will. Nepomuk grüßt ihn, aber unmöglich könnte ein Prinz von Geblüt den kahlen Hut des Schneidermeisters mit größerem Abscheu berühren, als der Schneidermeister selbst, er scheint ihn nur abzuziehen und zu schwenken, um ihn von sich zu schleudern. Wenn der Pudel, der, auf seiner Abendpromenade begriffen, eben, ein Bild der personifizierten Zufriedenheit, die Straße herunterkömmt, dem Schneidermeister nicht beizeiten ausweicht, so versetzt er ihm gewiß einen derben Stoß mit dem Fuße, denn das wohlbeleibte Tier ist Schlägel schon eine Minute lang ein Dorn im Auge. Solch eine Kreatur - denkt er - die die Garderobe mit auf die Welt bringt, frißt und säuft, und macht sich Pläsir, und krepiert zuletzt ohne Qual und Krankenbett.

      Einem weinenden blondhaarigen Mädchen von sieben Jahren, das den Sechsbätzner, wofür es das Nachtbier holen sollte, verloren hat und sich nicht zum jähzornigen Vater zurückgetraut, gibt er, statt der Münze, die das Kind für die Erzählung seiner Jammergeschichte erwartete, den Rat, ein ander Mal die Hand fester zuzuhaken und sich nicht wieder am Juwelier-Laden durch Betrachtung der blitzenden Goldsachen zu zerstreuen; er mögte des Strafamts wegen wohl auf eine Viertel-Stunde Vater zum Mädchen sein. Einige Wonne würd er spüren, wenn einmal plötzlich unter seinen Augen ein großes Verbrechen - ein Totschlag wäre groß genug - begangen würde, er müßte aber zu spät kommen, um die Tat zu verhüten, und früh genug, um den Missetäter der Gendarmerie zu überantworten. So war, da einst in einem Dorf, wo er übernachtete, Feuer ausbrach, niemand geschäftiger, schrecklichen, d. h. erschreckenden, Lärm zu machen und die Sturmglocke zu läuten, als Nepomuk, nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß das Löschen bei dem starken Winde und der Gebrechlichkeit der Spritzen unmöglich sei. - Neujahrs ermuntert er mutwillig junge Leute eifrigst zum Freuden-Schießen, teils, weil es von der Polizei verboten ist, teils , weil es den unvorsichtigen Schützen oft die Hand kostet, oder doch einen Finger. Am Oktober-Fest hält er sich am liebsten in der Nähe des sogenannten Rettungszelts für Verunglückende auf, hat aber selten Satisfaktion, einen Erquetschten, vom Pferde Gestürzten, oder sonst Beschädigten hineinbringen zu sehen, und schimpft darum das ganze Fest eine Lumperei.

      Die schönste Militär-Musik beim Aufziehen der Haupt-Wache am Schrannen-Platz ergötzt ihn zuweilen sehr, aber nur dann, wenn es grimmig kalt ist, oder viel Schnee fällt, so daß den Spielleuten die Finger erstarren; jetzt - denkt er - wissen sie doch, wofür der König sie löhnt. An Theater-Abenden versäumt er selten, sich vor dem Schauspielhause einzufinden. Es verdrießt ihn, daß das Haus nie bei einer Oper, wie es doch in anderen Städten schon geschah, in Flammen aufgeht, denn das wäre ein Schauspiel, das in seinen Augen jedes sonstige überträfe, und ein römisch-unentgeltliches obendrein. - Ließe sich bei der Aufmerksamkeit des zahlreichen Aufsichtspersonals an ein Einschleichen nur irgend denken, so hätte Nepomuk es längst versucht, nicht, um sich an Schiller oder Kotzebue zu delektieren - er verlacht beide, und das Publikum, das sich durch sie täuschen läßt, obendrein - sondern um sich zu sagen: also die kleine geschminkte Wachspuppe da ist Mamsell die und die, die dafür, daß sie hopst oder das Gesicht verzieht und sich stellt, als ob sie weinte, dreitausend Gulden einstreicht, und der zum Barbier herausstaffierte Narr ist Herr der und der, dem man seine Triller und Läufer, seit ihm viertausend nicht mehr genug sind, mit sechstausend bezahlt!

      Da ich ein Knabe war - denkt er - und es nicht zu schätzen wußte, mangelte mirs an nichts; meine Hemden mußten immer etwas feiner sein, als die der Nachbarkinder, kein Sonntagmorgen ging vorüber, wo ich nicht mit Lebkuchen vor der Tür oder ans Fenster treten und auf die rothaarige Böttcher-Tochter, die ihre trockene Semmel verzehrte, stolz herabschauen konnte. Wurde nicht damals mein Geburtstag so gut gefeiert, wie der des Königs, und gabs dann nicht Gänse, mit Äpfeln und Rosinen gefüllt, und mit herrlicher brauner Sauce übergossen? O verflucht und drei Mal verflucht sei jene Zeit! Hätt ich solche Gänse nie gefressen, so würde mir jetzt nicht das Maul darnach wässern! Bier- und Speisehäuser sind Bet- und Fluch-Häuser für ihn; seine nah an den Atheismus streifende Überzeugung von der gebrechlichen Einrichtung der Welt hat er in dieser trüben Atmosphäre und im eigentlichsten Verstande aus Bierkrügen, aus solchen nämlich, die er nicht stürzen durfte, geschöpft.

      Die Orthographie folgt der Ausgabe "M. Ritzer (Hg.) - F. H. Meistererzählungen. DTV: München 2013"
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    • 21.03.1763 - Geburtstag von Jean Paul (eigtl. Johann P. Friedrich Richter)

      … Dem Hrn. Verfasser dieses Werks ((<= "Fantasiestücke in Callots Manier")) wird es gefallen, daß auf diesem Wege die Rezension fast noch früher...erscheint als das Buch selber, während andere Autoren Gott und den Literaturzeitungen schon danken, wenn die Rezensionen endlich eintreffen, nachdem die Bücher längst abgegangen, entweder mit Tod oder durch Absatz. Hier ist nun die Rezension selber abzuschreiben... Sogleich (machen wir) über den Titel die Bemerkung, daß er richtiger sein könnte. Bestimmter würde er Kunstnovellen heißen; denn Callots Maler - oder vielmehr Dicht-Manier herrscht weder mit ihren Fehlern noch, einige Stellen ausgenommen, mit ihren Größen im Buche... Unserem Verfasser dürfen wir ein Lob anderer Gattung erteilen. In seiner dunkeln Kammer bewegen sich an den Wänden heftig und farbenecht die koketten Kleister- und Essigaale der Kunst gegeneinander und beschreiben schnalzend ihre Kreise. In...launiger Verkleinerung sind die ekeln Kunstliebeleien mit Künsten und Kunstliebhabern zugleich gemalt; der Umriß ist scharf, die Farben sind warm, und das Ganze voll Seele und Freiheit. Am dichtesten läßt der Verfasser seinen satirischen Feuerregen auf die musikalische Schöntuerei niederfallen, zumal in der trefflichen Nro. III. "Kreisleriana".

      Da die Musik eigentlich die allgemeinste...Volks-Kunst ist, und jeder wenigstens singt, z.B. in der Kirche und als Bettler... - und da man diese Kunst, wenn man seine Kehle oder seine Finger bei sich führt, in jedem Besuchzimmer in jeder Minute auspacken kann, um durch seine Kunstausstellung auf eigne Hand die Preise aller derer zu gewinnen, welche Tee mittrinken, so ist keine Narrheit natürlicher, verzeihlicher und häufiger als die, daß die Gefallsucht, besonders die weibliche, ihre musikalischen Pfauenräder in Modestädten vor jedem schlägt, der Augen hat zu sehen, wie Kunst und Künstlerin zu einer Schönheit verschmelzen. Was den wahren Virtuosen, wie hier den Kapellmeister Kreisler, dabei so ingrimmig auf dieses Stuben-Chariwari macht, ist vielleicht weniger die Beleidigung der Kunst, als die des Künstlers selber, welchen man in vornehmen Residenzhäusern als Musikdirektor zum Platzkommandanten musikalischer Abc-Schützen anstellt. "Könnte man nicht", denkt der zum Freudenmeister heruntergesetzte Musikmeister laut genug und schreibt es vielleicht hin, "ohne Kosten meiner Ohren vielen Hohen und Schönen schmeicheln? Und soll", fährt er noch hitziger fort, "von weiblichen Paradiesvögeln den Männern noch das Kunstparadies entführt oder verspottet werden, und sie stellen sich dann als Engel davor und bewachen es treu? O Teufel und deren Großmutter!" beschließt er dann wild genug. Ein Künstler kann leicht genug...aus Kunstliebe in Menschenhaß geraten und die Rosenkränze der Kunst...zum Züchtigen verbrauchen. Inzwischen bedenk` er doch sich und die Sache! Die durch Kunstliebe einbüßende Menschenliebe rächt sich stark durch Erkältung der Kunst selber; denn Liebe kann wohl der Meßkünstler, Denkkünstler, Wappenkünstler entbehren, aber nicht der Künstler selber...

      (Unseres Verfassers) Feuereifer gegen gemißbrauchte Kunst ist recht; das Schöne und Ewige sei nie Schminke des Unschönen und Zeitlichen, und das Heiligenbild verziere keine unheiligen Körper. Der Gefallsucht verzeiht man lieber eine schöne Flucherin, als eine schöne Beterin, denn mit dem Teufel kann man spaßen, aber nicht mit Gott...

      Bei Nro. V. "Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza" merkt der Herr Verf. bloß an, daß er eine Fortsetzung der beiden Hunde Scipio und Berganza in Cervantes` Erzählungen gebe. Er gibt etwas Gutes, und seinen Hund benützt er zum Gespräche mit einem Menschen, oft humoristischer als selber Cervantes. Sein Hund fällt, richtig geleitet und angehetzt, tief genug in die verschiedenen Waden der Schauspielherren >Regisseurs<, welche den Dichter verstümmeln, um die Spieler >ja die Hörer< zu ergänzen, und die an ihren Gestalten...die Nasen abschlagen, damit sie nicht lebendig werden. Wer nicht verlängern könnte, sollte nicht zu verkürzen wagen: kaum ein Goethe würde Schillern durch Nehmen zu geben suchen: hingegen die Verschnittenen der Kunst verschneiden keck die Künstler...

      Höflich wär` es vom Herrn Verfasser gewesen, wenn er die Anspielung auf Cervantes` Erzählung, wenigstens nur mit einer Note, hätte erklären wollen. Aber Verfasser sind jetzo nicht höflich. Denn weil Goethe zuweilen seine Mitwelt für eine Nachwelt ansieht, um deren künftige Unwissenheit sich ein Unsterblicher nicht zu bekümmern braucht..., - so wollen ihn die übrigen Goethes >wir dürfen ihre Anzahl rühmen< darin nichts zuvorlassen, sondern tausend Dinge voraussetzen... Überhaupt ist man jetzo grob gegen die halbe Welt, wenn anders die Lesewelt so groß ist; Verzeichnisse des Inhalts - Kapitel - erläuternde Noten... - auch Vorreden >z.B. diesem Buche< und Absätze >wie hier< fehlen neuerer Zeiten gewöhnlich...

      Nach dem gewöhnlichen kritischen Herkommen, welchem zufolge der namenlose Rezensent den Namen jedes Autors anzugeben hat, der seinen verschwiegen, berichten wir denn, daß der Herr Verfasser Hoffmann heißt und Musikdirektor in Dresden ist. Kenner und Freunde desselben...versichern von ihm die Erscheinung eines hohen Tonkünstlers. Desto besser und desto seltener! denn bisher warf immer der Sonnengott die Dichtgabe mit der Rechten und die Tongabe mit der Linken zwei so weit auseinander stehenden Menschen zu, daß wir noch bis diesen Augenblick auf den Mann harren, der eine echte Oper zugleich dichtet und setzt...

      Baireuth, den 24. Nov. 1813. Jean Paul Friedr. Richter

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    • 28.03.1911 - Lt. Kollege AlexanderK wird Modest Mussorgskis Oper Sorotschinskaja jamarka in St. Petersburg posthum uraufgeführt

      Der Oper liegt eine (1831 erschienene) Kurzgeschichte von Nikokai Gogol zugrunde. Hier einige Passagen aus den ersten beiden (von insg. dreizehn) "Miniatur - Kapiteln"

      … Abseits schleppte sich ein...mit Säcken, Hanf, Leinwand und allerlei Hausrat beladener Wagen, dem sein Besitzer in reinem Leinenhemd und schmutziger Leinenhose folgte. Mit träger Hand wischte er sich den Schweiß ab, der...sogar von seinem langen Schnurrbart tropfte... Neben ihm schritt eine...Stute, deren demütiges Aussehen von ihrem hohen Alter zeugte. Viele von den Leuten...griffen nach den Mützen, wenn sie diesen Mann einholten. Es war aber weder sein Schnurrbart noch sein würdiger Gang, was sie dazu trieb; man brauchte nur die Augen ein wenig zu heben, um den Grund dieser Hochachtung zu sehen: oben...saß die hübsche Tochter mit dem runden Gesichtchen, ...mit den sorglos lächelnden rosa Lippchen, mit den roten und blauen Bändchen auf dem Kopfe, die zusammen...mit einem Strauß von Feldblumen als eine reiche Krone auf ihrem entzückenden Köpfchen ruhten. Alles schien sie zu beschäftigen... Wie sollte sie sich auch nicht zerstreuen! Zum ersten Male auf dem Jahrmarkte! Ein achtzehnjähriges Mädchen zum ersten Male auf dem Jahrmarkte!

      Aber keiner von all den Leuten, die zu Fuß und zu Wagen vorbeizogen, wußte, welche Mühe es sie gekostet hatte, beim Vater durchzusetzen, daß er sie mitnehme; er hätte es auch herzlich gerne getan, wenn die böse Stiefmutter nicht wäre, die sich angewöhnt hatte, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er seine alte Stute, die jetzt zum Lohne für ihren langen Dienst verkauft werden sollte. Die energische Gattin --- Aber wir haben vergessen, daß auch sie...auf dem Wagen thronte… Sie trug...einen Rock, so bunt wie ein Schachbrett, und ein farbiges Häubchen aus Kattun, das ihrem...Gesicht eine besondere Würde verlieh, dem Gesicht, das zuweilen einen so...wilden Ausdruck zeigte, daß jeder sich sofort beeilte, den entsetzten Blick auf das lustige Gesichtchen der Tochter zu richten...

      Der Wagen mit unseren Bekannten fuhr...über die Brücke, und der Fluß bot sich ihren Blicken in seiner ganzen Pracht...wie ein einziges Stück Glas. Der Himmel, die grünen und die blauen Wälder, die Menschen, die Wagen mit den Töpfen, die Brücken - alles stand auf einmal auf dem Kopfe und bewegte sich mit den Füßen nach oben, ohne in den blauen, herrlichen Abgrund zu stürzen. Unsere Schöne wurde...nachdenklich und vergaß sogar, ihre Sonnenblumenkerne zu knacken, mit denen sie sich während der ganzen Fahrt mit großem Eifer beschäftigt hatte, als plötzlich die Worte: "Ei, was für ein Mädel!" an ihr Ohr schlugen. Sie wandte sich um und sah einen Haufen Burschen..., von denen der eine, der etwas feiner gekleidet war als die anderen, einen weißen Kittel trug und eine graue Lammfellmütze aufhatte, die Hände in die Hüften gestemmt, kühn die Vorüberfahrenden ansah. Die Schöne konnte nicht umhin, sein sonnverbranntes, doch anmutiges Gesicht und seine feurigen Augen zu bemerken, die sie durchbohren wollten... "Ein feines Mädel!" fuhr der Bursche im weißen Kittel fort, ohne ein Auge von ihr zu wenden. "Ich würde meine ganze Wirtschaft darum geben, wenn ich sie nur einmal küssen könnte!"... Diese Bemerkung gefiel der aufgeputzten Lebensgefährtin des langsam dahinschreitenden Gemahls recht wenig; ihre roten Wangen wurden zu feuerroten, und ein Geprassel auserlesener Worte regnete auf den Kopf des lustigen Burschen herab. "Ersticken sollst du, nichtsnutziger Barkenschlepper! Ein Topf möge deinem Vater auf den Schädel fallen! Auf dem Eise möge er ausgleiten, der verdammte Antichrist! Der Teufel möge ihm in jener Welt den Bart anbrennen!" "Hört nur, wie die schimpft!" sagte der Bursche, sie anstarrend, gleichsam verblüfft durch eine so starke Salve unerwarteter Begrüßungen. "Wie tut bloß der hundertjährigen Hexe bei solchen Worten die Zunge nicht weh!" … ….

      Ihr habt wohl sicher einmal gehört, wie irgendwo in der Ferne ein Wasserfall herabstürzt, die ganze aufgestörte Umgebung mit Dröhnen erfüllend, so daß ein Chaos wunderlicher, unbestimmter Töne vor euch wirbelt. Nicht wahr, die gleichen Empfindungen erfassen euch plötzlich im Strudel eines ländlichen Jahrmarkts... Lärmen, Fluchen, Brüllen, Meckern, Blöken - alles fließt zu einem einzigen unharmonischen Geräusch zusammen. Ochsen, Säcke, Heu, Zigeuner, Töpfe, Weiber, Pfefferkuchen, Mützen - alles wirbelt in grellen, bunten, unordentlichen Haufen... Verschiedenstimmige Reden ertränken einander, und kein einziges Wort kann dieser Sintflut entgehen; kein einziger Schrei kann deutlich vernommen werden. Man hört nur an allen Enden und Ecken des Jahrmarkts den den Kauf besiegelnden Handschlag der Händler. Ein Wagen zerbricht, Eisen klirrt..., und der vom Schwindel erfaßte Kopf weiß nicht, wohin er sich wenden soll.

      Unser zugereister Bauer mit der schwarzbrauigen Tochter...trat an den einen Wagen, betastete die Waren auf einem anderen und erkundigte sich nach den Preisen; seine Gedanken drehten sich indessen ununterbrochen um die zehn Säcke Weizen und die alte Stute, die er zum Verkauf hergebracht hatte. Dem Gesicht der Tochter konnte man ansehen, daß es ihr nicht allzu angenehm war, sich zwischen den Wagen...herumzudrücken. Sie hätte gern dahin gewollt, wo unter leinernen Zeltdächern rote Bänder, Ohrringe, Kreuze aus Zinn und Messing und Dukaten hübsch aufgehängt waren. Auch hier fand sie vieles zur Beobachtung: es amüsierte sie außerordentlich, wenn ein Zigeuner und ein Bauer einander den Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz schrien; wenn ein betrunkener Jude ein Bauernweib von hinten puffte; wenn die in Streit geratenen Händlerinnen einander mit Schimpfwörtern und Krebsen bewarfen; wenn ein Moskowiter mit der einen Hand seinen Ziegenbart streichelte und mit der anderen --- Plötzlich spürte sie aber, wie sie jemand am gestickten Ärmel ihres Hemdes zupfte. Sie sah sich um, und der Bursche im weißen Kittel mit den strahlenden Augen stand vor ihr. Alle ihre Adern bebten, und ihr Herz klopfte so, wie es noch nie, bei keiner Freude und bei keinem Kummer geklopft hatte...

      v. gutenberg.spiegel.de (dt. v. A.Eliasberg; 1878/1924)
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      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 31.03.1948 - Todestag von Egon Erwin Kisch

      Der folgende (hier um etwa die Hälfte gekürzte) Text folgt buchstabengetreu der Ausgabe "Aus Prager Gassen und Nächten. Von E. E. K. .. 2. Auflage .. 1912. Verlag von A. Haase, Prag, Wien, Leipzig."

      Jawohl, ein tadelnder Ballbericht. Du traust, lieber Leser, deinen Augen nicht, da du dieses liest. Du glaubst..., es könne keinen Ballbericht geben, in dem nicht stünde, daß das heutige Fest alle bisherigen und künftigen weit übertroffen habe, daß ein Flor bezaubernd schöner und junger Damen in noch nicht dagewesenen Toiletten, von einem Heer tanzlustiger Herren umschwärmt, das Tanzbein geschwungen bis sogar dem Morgen graute,...und daß sich auf der Estrade diesmal wirklich alle hervorragenden Vertreter der hohen Beamtenschaft, der Großindustrie und des Großhandels, Advokaten, Ärzte, Offiziere u. dgl., sowie...Herr Jarosch in Vertretung der Ortsgruppe Prag des Südwestböhmischen Briefträgervereins eine Stelldichein gegeben haben etc. etc.

      Und doch: Ich kenne einen tadelnden Ballbericht... Man muß in den alten "Bohemia"-Blättern um fünfzig Jahre zurückblättern, bevor man den seltsamen Rapport findet. Am 26. Jänner 1861 steht zu lesen: "Die Maskenbälle im Neustädter Theater wurden heuer nicht mit demselben Erfolge eröffnet, wie im vorigen Jahre. Der Besuch war bedeutend schwächer... Etwas Hervorragendes machte sich unter den Masken nicht bemerklich. Das sah man...die alljährlich wiederkehrenden altdeutschen Krieger, Griechinnen, Türken, Bäuerinnen, Pierrots, Polinnen, Harlekins, Matrosen etc. Das täte jedoch der Redoute keinen Eintrag. Wenn nur die Masken gesprächiger gewesen wären. In dieser Beziehung zeigten sie jedoch mit einzelnen Ausnahmen eine sehr scheue Zurückhaltung."

      Am Abend des Tages, an dem ich dieses alte Referat entdeckt hatte, war ich auf einem Maskenball... Weil doch Schweigen Gold ist, so waren die Masken wahrhaft goldige Leute, und wenn eine doch den Mund zu einer scherzhaften Bemerkung auftat, so hätte man wünschen mögen, daß sie es nicht getan hätten: Sie waren nämlich so raffiniert, sich nicht durch geistreiche und witzige Bemerkungen zu verraten, sondern benützten die Maskenfreiheit kluger Weise dazu, die Angesprochenen durch die ärgsten Gemeinplätze und dümmsten Dummheiten famos zu verspotten.

      Oben im Saale, ganz nahe an der Musikkapelle, während die absolvierten...Musikschüler mit Todesverachtung die Tichinellen aneinander schlugen und in die Flöten bliesen, schrieb ich den Ballbericht. Ich ließ mich durch den Ton des Referates von 1861 nicht beeinflussen und lobte das Fest über den grünen Klee...

      Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte, trat ich wieder in den Saal hinab, um dort zu gähnen. Das veranlaßte eine vorübergehende Maske in spanischem Kostüm zu der Äußerung: "Na Kleiner, du langweilst dich wohl?" Diese geistsprühende Anrede, die Geistesgegenwart und die scharfe Logik, die sich darin kundtat, daß sie aus meinem Gähnen daraus geschlossen hatte, daß ich mich langweile, imponierten mir. Ich schmiß mich der Spanierin an..., ich erzählte ihr von dem tadelnden Ballberichte und war begeistert über die Summe richtiger Folgerungen, die sie daraus schloß: "Was würde der gestrenge Ballkritiker...heute alles zu tadeln haben," meinte sie. "Damals gab es gewiß noch nicht...die Unsitte, während eines Walzers eine tanzende Dame zur Fortsetzung des Tanzes aufzufordern, sie dem Anderen förmlich aus der Hand zu reißen, bevor noch dieser zu tanzen oder zu sprechen begonnen hat. Andererseits konnte damals gewiß keine Dame am Arme eines Herrn den ganzen Abend kleben bleiben oder gar als Mauerblümchen mit schmerzerfülltem Herzen und von höhnischen Blicken gemustert, vor der Mama den ganzen Abend stehen bleiben..."

      Ich nickte Bestätigung. Die Spanierin aber fuhr fort: "Und die Herren! Ist es nicht ein Skandal, daß sie kein Entree bezahlen, die Kosten des Festes von den Damen bestreiten lassen und womöglich noch, wenn sie im Komitee sind, den unverdienten Reingewinn dazu verwenden, Kavaliere zu spielen? Dabei tanzen sie aber gar nicht. Blasiert...stehen sie in der Herreninsel und machen hämische Bemerkungen über den Ruf der armen, wehrlosen Mädchen. Nur wenn sie die bevorstehende Veranstaltung eines Hausballes mit famosem Fraß wittern - da sind sie mit Feuereifer beim Tanz. Hab ich nicht recht?"

      Ich erklärte, daß sie sogar sehr recht habe. Darauf begann sie über den Vortanz zu schimpfen. "Vortanz - so ein Blödsinn. Die paar Mädel, deren Väter Geld haben oder so tun, als wenn sie welches besäßen, und die jungen Topfgucker ((?)) in ihren Fracks schreiten da mit komischer Grandezza die Stiegen hinab und tanzen dann mit möglichst verschrobener Figur...An der schönen blauen Donau. Die anderen Herren aber, die Sterblichen, die werden inzwischen wie ein Stück Weideviehs mit einem Stricke umbunden und dürfen aus dieser Umpferchung nicht hinaus. Die Mädchen aber, die nicht des Vortanzes wert befunden wurden, die dürfen bewundernd dem Göttertanze zuschauen..."

      Ich rückte näher an die Spanierin heran und begann zärtlich mit ihrer Hand zu spielen. Sie aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: "Dazu noch die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer und wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend ein Promenadenstück spielt, so tanzt man - Walzer. Vor fünfzig Jahren, da hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka gegeben, aber heute - wer kann heute bei diesen wilden Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?"...

      So klug war sie, meine kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den übrigen jungen Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne des Ballfiebers...an den freien Eintritt der Herren, an den Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire von Tänzen gar nicht denken, gar nicht denken wollen. Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite, die konnte ihr Beobachtungstalent...auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen - ein ideales, ein einziges Weib. "Du mußt dich endlich demaskieren," flehte ich dringender, da sie sich noch immer weigerte dies zu tun, "du mußt, du mußt,"

      Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm die Maske ab und ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin wahrscheinlich an dem Feste von 1861 teilgenommen hatte.

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    • 01.04.1919 - Walter Gropius gründet das "Bauhaus" in Weimar

      "Dieser Essay ((Über die moderne Kunst - hier zwei >fast< zusammenhängende Passagen vom Beginn)) aus dem schriftlichen Nachlaß von Paul Klee ist nach vierjähriger pädagogischer Tätigkeit am Bauhaus in Weimar entstanden ... Copyright 1945 by Verlag Benteli Bern-Bümpliz"

      Ich verhelfe Ihnen zu einem Blick in die Malerwerkstatt und im Übrigen werden wir uns dann schon verständigen können. Irgend ein gemeinsames Gebiet muß es zwischen Laien und Künstlern doch geben, auf dem ein gegenseitiges Entgegenkommen möglich ist, und von wo aus Ihnen der Künstler gar nicht mehr als abseitige Angelegenheit zu erscheinen braucht. Sondern als ein Wesen, das wie Sie ungefragt in eine vielgestaltige Welt gesetzt wurde, und das wie Sie sich wohl oder übel darin zurechtfinden muß. Das sich von Ihnen nur darin unterscheidet, daß es mit seinen spezifischen Mitteln sich aus der Affäre zieht, und damit manchmal vielleicht glücklicher ist als der Unschöpferische, zu keiner erlösenden realen Gestaltung gelangende. Diesen relativen Vorteil müssen Sie dem Künstler schon gerne zugestehn, weil er es in anderer Hinsicht wieder schwer genug hat.

      Lassen Sie mich ein Gleichnis gebrauchen, das Gleichnis vom Baum. Der Künstler hat sich mit dieser vielgestaltigen Welt befaßt, und er hat sich, so wollen wir annehmen, in ihr einigermaßen zurechtgefunden; in aller Stille. Er ist so gut orientiert, daß er die Flucht der Erscheinungen und der Erfahrungen zu ordnen vermag. Die Orientierung in den Dingen der Natur und des Lebens, diese vielverästelte und verzweigte Ordnung möchte ich dem Wurzelwerk des Baumes vergleichen. Von daher strömen dem Künstler die Säfte zu, um durch ihn und durch sein Auge hindurchzugehn. So steht er an der Stelle des Stammes. Bedrängt und bewegt von der Macht jenes Strömens, leitet er Erschautes weiter ins Werk.

      Wie die Baumkrone sich zeitlich und räumlich...entfaltet, so geht es auch mit dem Werk. Es wird niemand einfallen, vom Baum zu verlangen, daß er die Krone genau so bilde, wie die Wurzel. Jeder wird verstehn, daß kein exaktes Spiegelverhältnis zwischen unten und oben sein kann... Aber gerade dem Künstler will man zuweilen diese schon bildnerisch notwendigen Abweichungen von den Vorbildern verwehren. Man ging sogar im Eifer so weit, ihn der Ohnmacht und der absichtlichen Fälschung zu zeihn. Und er tut an der ihm zugewiesenen Stelle beim Stamme doch gar nichts anderes als aus der Tiefe Kommendes zu sammeln und weiterzuleiten. Weder dienen noch herrschen, nur vermitteln. Er nimmt also eine wahrhaft bescheidene Position ein. Und die Schönheit der Krone ist nicht er selber, sie ist nur durch ihn gegangen....

      Beim Kunstwerk, das der Krone verglichen wurde, handelt es sich um die deformatorische Notwendigkeit durch den Eintritt in die spezifischen Dimensionen des Bildnerischen. Denn dahin erstreckt sich die Wiedergeburt der Natur. Welches sind also diese spezifischen Dimensionen? Da gibt es zunächst mehr oder weniger begrenzte formale Dinge, wie Linie, Halldunkeltöne und Farbe.

      Am meisten begrenzt ist die Linie, als eine Angelegenheit des Maßes allein. Es handelt sich bei ihrem Gebahren um längere oder kürzere Strecken, um stumpfere oder spitzere Winkel, um Radienlängen, um Brennpunktdistanzen. Immer wieder um Meßbares! Das Maß ist das Kennzeichen dieses Elementes und wo die Meßbarkeit fraglich wird, ist man mit der Linie nicht in absolut reiner Weise umgegangen. Etwas anderer Natur sind die Tonalitäten, oder wie man sie auch nennt: die Helldunkeltöne, die vielen Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß. Bei diesem zweiten Element handelt es sich um Gewichtsfragen. Der eine Grad ist dichter oder lockerer an weißer Energie, ein anderer Grad ist mehr oder weniger schwarzbeschwert. Die Grade sind unter sich wägbar... Drittens die Farben, welche offenbar wieder andere Charakteristika aufweisen. Denn man kommt ihnen weder mit Messen, noch mit Wägen ganz bei: Da wo mit Maßstab und mit Waage keine Unterschiede mehr festzustellen sind, z.B. von einer rein gelben zu einer rein roten Fläche von gleicher Ausdehnung und gleichem Helligkeitswert, bleibt immer noch die eine wesentliche Verschiedenheit bestehen, die wir mit den Worten gelb und rot bezeichnen. So wie man Salz und Zucker vergleichen kann bis auf ihr Salziges und ihr Süßes...

      Die Farbe ist erstens Qualität. Zweitens ist sie Gewicht, denn sie hat nicht nur einen Farbwert, sondern auch einen Helligkeitswert. Drittens ist sie auch noch Maß, denn sie hat...noch ihre Grenzen, ihren Umfang, ihre Ausdehnung, ihr Meßbares. Das Helldunkel ist erstens Gewicht, und in seiner Ausdehnung bzw, Begrenzung ist es zweitens Maß. Die Linie aber ist nur Maß. So haben wir nach drei Richtlinien beurteilt, die sich auf dem Gebiet der rein kultivierten Farbe alle schneiden, von denen sich im reinen Helldunkel nur noch zwei schneiden, und von denen auf das Gebiet der reinen Linie nur noch eine sich erstreckt. Die drei Richtlinien bezeichnen je nach ihrer Beteiligung: drei sozusagen ineinander verschachtelte Gebiete. Die größte Schachtel enthält drei Richtlinien, die mittlere zwei und die kleinste nur eine. >Von hier aus ist vielleicht das Wort Liebermanns, daß Zeichnen die Kunst des Weglassens sei, am besten zu verstehen.< ….

      v. portal.dnb.de
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      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

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    • 02.04.1937 - Uraufführung des Theaterstücks Figaro lässt sich scheiden (von Ödön von Horvath) am "Deutschen Theater" in Prag

      Hier zwei >fast< zusammenhängende Passagen aus dem 1. Bild des Zweiten Aktes (= dem dritten v. insg. sieben Bildern)… Von Horvaths (vergleichsweise knappe) "Regieanweisungen" habe ich mir wegzukürzen erlaubt...

      …. Figaro Den Herren Lehrern täts auch nicht schaden, wenn sie mal die Eltern aufklären würden, daß sie ihre Kinder nicht immer am Samstagnachmittag herschicken - die schönsten Vollbärt muß man auslassen wegen so einem Saububen, wo man doch am Kinderhaarschneiden eh nichts verdient... Ich muß ein ernstes Wort mit dir reden, Susanne. Es wird allmählich Zeit. Vor dreiviertel Jahren haben wir hier diesen Salon übernommen und es ist meiner Kunst gelungen, daß sich alle örtlichen Honoratioren...bei uns behandeln lassen, rasieren, frisieren, ondulieren, maniküren, ja sogar das Pediküren hab ich eingeführt, etcetera, etcetera - aber die größere Kunst ist es nicht, Kundschaft zu erobern, sondern selbe nicht wieder zu verlieren, und hierbei kommts...auf gewisse diplomatisch-psychologische Kniffe (an), indem man der Kundschaft menschlich entgegenkommt, sich für ihre Probleme interessiert, mit ihrem Urteil übereinstimmt, ihren Eitelkeiten schmeichelt, ihre Sorgen teilt, ihre Fragen beantwortet, lacht, wenn sie lacht, weint, wenn sie weint --- >Susanne Ist das deine Freiheit?< Verwirr mich nicht, bitte, und laß mich ausreden! Meine Freiheit äußert sich nicht zuletzt darin, daß ich heucheln darf, und geheuchelt muß werden, sonst liegen wir eines Tages draußen im Dreck! Du verkennst den Ernst der Situation. Unlängst auf der Reunion...hast du die Bürgermeisterin fast geschnitten -- >Sie hat in einer Tour von ihrem Bruch erzählt, das hält kein Mensch aus.< Bruch her, Bruch hin, du hast es auszuhalten! Du trägst eine Verantwortung, und es ist auch deine selbstverständliche Pflicht, morgen abend das dramatische Fest des humanitären Vereines zu besuchen! Die Frau Konditor ist eine prima Kundschaft, und du mußt du ihre Tochter Irma anschauen! >Ich bleibe lieber zuhaus und lese einen Roman --< Du hast keinen Roman zu lesen, du hast dir die Irma anzuschauen! >Das häßlichste Mädel der Welt! Ein schielender Zwerg mit so einen Wasserkopf --< Wasserkopf her, Wasserkopf hin! Du hast diese Mißgeburt für äußerst herzig zu halten und hast zu applaudieren, bist du rote Hände kriegst, bitt ich mir aus! >Ich hasse diese Spießer!< Wir leben von diesen Spießern, ob du sie liebst oder haßt! >Wenn sie en masse nur nicht so riechen würden --< Die Zeiten, wo wir von Herrschaften umgeben waren, die eine parfümierte Existenz hatten, diese Zeiten sind tot. Endgültig tot... >In diesem Nest verkomm ich noch -- Ich bin nicht dazu geboren, eine Frau Konditor zu frisieren und Mißgeburten für charmant zu halten, ich hab schon an den größten Sängerinnen Kritik geübt, ich bin nicht dazu geboren, in verräucherten Wirtshäusern Bier zu trinken, ich hab schon mal in meinem Leben Champagner getrunken, ich bin nicht dazu geboren, in Damenkränzchen über Brüche zu diskutieren, ich war die Vertraute einer Gräfin -- Wären wir doch bei Almavivas geblieben!

      …(Hebamme So. Jetzt ist es heraußen. Ich gratuliere, gratuliere!...) ...Ein so ein Unglück. >Unglück?< Soll ich vielleicht jubeln? >Du bist ein Unmensch.< Wie oft soll ich es dir noch sagen, daß ich kein Unmensch bin. Ich besitze lediglich Verantwortungsgefühl und du weißt, ich kann prophezeien. Soll ich es vom Himmel droben mitansehen, wie mein Kind im nächsten Krieg fällt? >Ich glaube, du hast für den Himmel zuviel Verantwortungsgefühl. Du kommst in die Hölle.< Überlaß das mir bitte! Mir ruhigem Gewissen kann man sich in unserer Zeit kein Kind leisten. Liest du denn keine Zeitungen? Jeden zweiten Tag ein neuer Tod - alle werden daran glauben müssen. Hier in Großhadersdorf wird sichs ja relativ noch am längsten leben lassen, keine Festung in der Nähe, kein Knotenpunkt, nichts, was wert wäre, zerstört zu werden. Sie werden aber auch das Wertlose zerstören und die Erdbeben werdens vollenden. Wir leben in einer Völkerwanderung, Susanne, und noch nie haben Menschen mit mehr Recht wie du und ich sagen dürfen: nach uns die Sintflut! Setz du dein Kind in die Welt, setz es nur! Es wird in einer Mondlandschaft leben, mit Kratern und giftigem Dunst -- ich muß mal mit dieser braven Hebamme reden, sie wird schon einen Ausweg wissen -- >Red nur mit ihr, red nur! Ich will auch kein Kund mehr von dir -- Und wenn ich eins bekäme, ich würd mich verkriechen wie eine Hündin, damit du es nicht weißt, wo dein Kind das Licht der Welt erblickt, damit du es nicht behext, denn du wünschst ihm ja nicht das Leben -- nie würd ich dir dein Kind zeigen, nie! Du verdienst es ja nicht anders, du bist der Tod! Der Tod!< Nicht so laut, Susanne! Wahren wir wenigstens die Form. Die Leut tuscheln bereits -- ….

      v. gutenberg.spiegel.de
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    • 07.04.1726 - Geburtstag von Charles Burney

      I. F. Passagen aus dem Hamburg-Kapitel seines dreibändigen (1772 und 73 erschienenen) "Tagebuchs einer musikalischen Reise"; Übers. v. J.J.C.Bode (1731/93)...

      Wenn die Erzählung von den...fruchtvollen Arbeiten eines Genies am Schreibpulte, ein Buch ebenso unterhaltend machen könnten, als die öffentlichen Thaten im Felde: so, würde die Lebensbeschreibung eines...Künstlers, eben so begierig gelesen werden, als die...Thaten eines Cäsars oder Alexanders. So aber erfährt itzt die Nachwelt genau Tag und Stunde, wann Städte verwüstet oder Armeen geschlagen sind; hingegen ist man selten bekümmert die Zeit richtig anzumerken, in welcher die...grössesten Produkte des Genies gezeugt worden...

      Die Stadt Hamburg ist lange wegen ihrer Opern berühmt gewesen, und aus dem Verzeichnisse, das Mattheson in seinem musikalischen Patrioten davon anführt, erhellet, daß die Anzahl derer, welche zu Ende des vorigen und zu Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts aufgeführt worden, grösser ist, als die in irgend einer andern Stadt im deutschen Reiche... In diese Stadt kommt man ohne examinirt...zu werden. Der Reisende wird an dem Thore bloß um seinen Namen und Stand befragt... Aus den Mienen und Betragen der Einwohner...leuchtet eine Zufriedenheit...und Freyheit hervor, die man an andern Orten Deutschlands nicht häufig zu sehn bekömmt…

      Von Mattheson seh` ich mich genöthigt, etwas umständlicher zu seyn, weil er...lange in dem dreyfachen Charakter, als Sänger, Komponist und Schriftsteller Figur gemacht hat. Er machte sich einen Ruhm daraus..., daß er eben so viel Bücher über die Musik geschrieben habe, als er Jahre alt geworden, und daß er den Exekutoren seines Testaments eine gleiche Anzahl zum Gebrauche für die Nachwelt hinterlassen würde... Dieser Schriftsteller, war nicht allein in Beurtheilung der Schriften, die in seine Hände fielen, spitzfindig und scharf, sondern er zankte sich auch beständig mit seinen Lesern herum. Indessen war er fleissig, Thatsachen aufzusuchen und setzte sie genau ins Licht. Wer gerne Nachricht von Händels Lebensgeschichte seiner jüngern Jahre...haben will, der kann solche in Matthesons Schriften finden. In der That hat die Tradition so viele Anekdoten über seine musikalischen Arbeiten in Hamburg aufbewahrt, daß manche musikalische Leute, die zu spät in die Welt gekommen sind, ihn zu hören, glauben, sie haben vergebens gelebt. Eben in dieser Stadt wars auch, daß Händel seine Laufbahn als Komponist antrat, ob er gleich anfangs mit der Stelle eines zweyten Violinisten im Orchester vorlieb nehmen mußte… (1703) war Händel neunzehn, und Mattheson zwey und zwanzig Jahr alt... Als in Lübeck eine Organistenstelle besetzt werden sollte (Buxtehude, dem man einen Nachfolger aussuchen wollte, lebte noch und war ein vortrefflicher Organist), reiseten sie zusammen dahin, und komponirten auf dem Wagen viele Doppelfugen... (Sie) traten von dem Vorhaben ab, sich um diese Stelle zu melden, wegen einer dabey verknüpften Nebenbedingung, welche keine andre war, als daß das Amt und eine Braut zugleich empfangen werden sollte. Sie bedankten sich also der Ehren und reiseten geschwind wieder nach Hamburg zurück... Händel hielt sich fünf bis sechs Jahre in dieser Stadt auf... Während seines Aufenthalts, gesteht Mattheson, habe Händel seinen Styl um ein merkliches gebessert, dadurch daß er fleissig Opern gehört, und sagt von ihm, daß er auf der Orgel im Fugen und Contrapunktstyle noch stärker gewesen, als der berühmte Kuhnau zu Leipzig, der damals als ein Wunder angesehn ward...

      Hamburg besitzt gegenwärtig ausser dem Herrn Kapellmeister, Carl Philip Emanuel Bach, keinen hervorragenden Tonkünstler, dagegen aber gilt dieser auch für eine Legion! Ich hatte schon längst seine eleganten und original Kompositionen mit dem höchsten Grade von Vergnügen betrachtet, und sie hatten ein so heftiges Verlangen in mir erzeugt, ihn zu sehen und zu hören, daß es keiner andern musikalischen Versuchung brauchte, mich nach dieser Stadt zu locken... Herr Bach empfing mich sehr gütig, sagte aber, daß er sich schämte, wenn er daran dächte, wie wenig mir meine Mühe belohnt werden würde... "Funfzig Jahre früher", sagte er, "da hätten sie kommen sollen!" Er bespielte ein neues Fortepiano, und mit einer Art als ob er kaum ans Spielen dächte, warf er seine Gedanken und solche Sachen hin, worauf sich ein jeder andrer hätte etwas zu gute thun können... (Er sagte,) er müßte mich einen ganzen Tag allein haben, und der würde nur halb zureichen, uns unsre Ideen mitzutheilen… (Er brachte mich) nach der Catharinen Kirche, woselbst ich eine schöne Musik von seiner Komposition hörte, die aber für die grosse Kirche zu schwach besetzt war, und die auch von der Versammlung zu unaufmerksam angehört wurde. Dieser Mann war ohne Zweifel gebohren, für...stark besetzte Orchester von sehr geschickten Spielern, und für ein sehr feines Auditorium zu komponiren. Itzt scheint er nicht völlig in seinem Elemente zu leben...

      (Der Herr Professor Büsch und der Herr Magister Ebeling sind die Vorsteher einer im Jahr 1768...errichteten Handlungs-Academie.) Des Abends war Herr Ebeling so gütig, so viel hamburgische Musiker und Liebhaber zusammen zu bringen, als ihm möglich gewesen, um mich mit einem Concert zu tracktiren, und Herr Bach war da zum Presidio… Herr Bach hat ein deutsches Passionsoratorium im Musik gesetzt, und aus dieser vortrefflichen Komposition wurden...einige Stellen gemacht. Besonders ward ich von einem Chor entzückt, welches in Ansehung der Modulation, der Ausarbeitung und der Wirkung, es wenigstens dem besten Chore in Händels unsterblichen Messias gleich that. Eine Adagioarie, da Paulus innig weint, als ihn der Hahn zur Reue weckt, war so innig rührend, daß fast alle Zuhörer den Jünger mit ihren Thränen begleiteten... Es wurden noch verschiedene Sinfonien...gemacht, die aus einer sehr angenehmen Vermischung von langsamen und Bravourasätzen bestund, in welchen die Instrumentisten viele Arbeit hatten. Und ob diese gleich nicht in so beständiger Uebung sind...; so machten sie doch einige sehr schwere Stücke, mit einem ziemlichen Grade von Accuratesse.

      Es ist, um die Biegsamkeit eines Genies zu beweisen, daß ich der Sing- und vermischten Komposition...Bachs erwähne. Aber nicht sowohl darauf, als auf seine Arbeiten für sein eignes Instrument, das Clavier und Fortepiano, möchte ich seinen Ruhm gründen; denn hier steht er allein, ohne einen Nebenbuhler...

      v. wikisource.org
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    • 08.04.1697 - Todestag von Nikolas Bruhns
      08.04.1858 - Todestag von Anton Diabelli

      Nicolas Bruhns >oder Bruhn< ist An. 1665 . zuSchwabstaedt im Schleswigischen gebohren. Sein Vater, Paul Bruhns, war daselbst Organist, von welchem er die Ton=Kunst erlernete und so weit gebracht wurde, daß er nicht allein wohl spielen, sondern auch gute Clavier=undSingsachen zu setzen wußte. Im 16. Jahre seines Alters, sandten ihn seine Eltern zu seinem Bruder, Peter Bruhns, nach Luebeck, wo derselbe Raths=Musikant war: da er denn auf der Violadigamba, und vornehmlich auf der Violine,solche Fertigkeit erlangte, daß er von allen damahls lebenden Musikbeflissenen, die ihn kannten, sehr werth und hochgehalten wurde. Im Clavier und in der Composition ist er sonderlich bemuehet gewesen, dem beruehmten Dieterich Buxtehude, Luebekischen Organisten an der Marien=Kirche,nachzuahmen; hat es auch darin zu solcher Vollkommenheit gebracht, daß ihn dieser, auf Verlangen, nach Copenhagen recommandirt: woselbst er sich einige Jahre aufgehalten, und nach deren Verfliessung nach Husum, an die Stadtkirche, zum Organisten berufen worden.

      Weil er sehr starck auf der Violine war, und solche mit doppelten Griffen, als wenn ihrer 3. oder 4. waeren, zu spielen wußte, so hatte er die Gewohnheit, dann und wann auf seiner Orgel die Veraenderung zu machen, daß er die Violine zugleich, mit einer sich dazu gut=schickenden Pedalstimme ganz allein, auf das annehmlichste hoeren ließ.

      Ein Viertel=Jahr nach seiner Wahl hat die Stadt Kiel ihn zwar zum Organisten verlanget; da aber die Husumsche Obrigkeit und Gemeine ((?)) sehr grosse Liebe zu ihm trugen, und seine Besoldung jaehrlich mit hundert Thalern verbesserten, ist er daselbst bey ihnen geblieben, und 1697. durch den Tod abgefordert worden. Seines Alter 31. und ein halb Jahr.

      In des Herrn Pastor Kraffts Husumschen Jubelgedaechtniß stehet p.318. "Es habe jedermann unsern Nicolas Bruhn bedauret, daß ein solcher trefflicher Meister in seiner Profession, auch vertraegsamer Mann, nicht laenger leben sollen." Diese Glocken klingen schoen! Sein Bruder, Georg Bruhn, der auch die Gruende der Musik, bey dem Vater zuSchwabstaedt, recht wohl geleget, und hernach, bey dem Organisten ((unleserlich)) in Luebeck, ausgearbeitet hatte, ist 1697. im April sein Nachfolger geworden.

      Diabelli, Anton. Erhielt von seinem Vater, Stiftmusiker in Maittsee, den ersten Unterricht in Musik, kam...>1790< in das Capellhaus zu Salzburg. 15 Jahre alt ging er nach München wo er...sich immer mehr mit Musik beschäftigte. In seinem 19. Jahre wurde er in das Cistercienserstift zu Raitenhaßlach (Gräffer nennt es Raitenhoßbach) in Baiern aufgenommen, von wo aus er mit Michael Haydn in Salzburg correspondirte, und ihm seine Compositionen zur Durchsicht und Correctur schickte. Von dort ging er >1802< mit Empfehlungen an Joseph Haydn nach Wien und gab Unterricht in der Musik, bis er...>1824< eine selbständige Musikalienhandlung eröffnete. In der Folge verband sich mit ihm als öffentlicher Gesellschafter Anton Spina, unter dessen Firma die Handlung fortblüht. Unter seinen Verlagsartikeln ist besonders zu nennen: Reicha`s "Lehrbuch der Compositionslehre", nach dem Französischen von Karl Czerny, 10 Thle...

      Die Zahl seiner Compositionen - darunter Singspiele, Sonaten, Rondos, Variationen, Lieder, Vokalquartette, viele anonym erschienene Arrangements, Harmoniemusiken u. d. m. . kommt der Summe von 200 nahe... (Sie) sind voll von lieblichen Gedanken und Melodien; seine Kirchenmusik ist leicht ausführbar, und seine sehr zahlreichen Arrangements zeichnen sich durch Zweckmäßigkeit aus. Ein bleibendes Verdienst hat er sich um die Jugend erworben, für deren Bedarf er sehr entsprechende Compositionen geschrieben hat...

      J.Mattheson in "Grundlage einer Ehren-Pforte … In Verlegung des Verfassers Hamburg 1740"; zit. v. google.de
      C.v.Wurzbach in "Biograph. Lexikon d. Kaiserthums Oesterreich. 3. Theil … Univ.bibliothek Graz 1858"; zit. v. literature.at
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    • 09.04.1936 - Todestag von Ferdinand Tönnies

      Seine letzte Veröffentlichung ("Geist der Neuzeit", Hans Buske Verlag: Leipzig 1935) besteht aus 3 Abschnitten mit insg. 48 "Paragraphen" - Der letzte § des mittleren Abschnitts (überschr. m. "Die Neuzeit als Evolution") ist hier vollständig wiedergegeben...

      § 35. Die großen Leistungen in Kunst und Wissenschaft

      Das Mittelalter ist eine Zeit vorwaltender Phantasie, die vorzugsweise im religiösen Glauben und Dichten sich auslebte. Es war auch eine Zeit wohlgedeihender, ja blühender Künste; aber sie erreichte sehr selten die Höhe der Vollendung; wenngleich sie dieser fortwährend näher kam. In der Neuzeit, die durch das Emporkommen der W i s s e n s c h a f t e n sich auszeichnet, tritt auch die Begabung für ein starkes Denken häufiger auf und mit ihr das individualistische persönliche Wollen. So darf man erwarten, daß beim Zusammentreffen der Zeitalter die höchsten künstlerischen Leistungen, die großen Genies am meisten Chancen für sich haben; diese Erwartung wird durch die historische Erfahrung bestätigt. Die große Blütezeit der bildenden Künste liegt in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters, in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit: sie geht als ein Erbe der mittelalterlichen Kultur in die moderne hinüber. Poesie und Musik haben zwar in allen Zeitaltern der Liebe und Pflege sich erfreut. Aber die großen und edlen Wege, denen man ihre Unsterblichkeit weissagt, drängen sich zumeist auch in eine verhältnismäßig kurze Folge von Jahrhunderten oder gar nur von Jahrzehnten zusammen; und die Bedingungen für ihre Entstehung und ihr Wachstum sind in jedem Menschenalter, in jedem Lande verschieden, trotz der gegenseitigen Förderung und Befruchtung.

      In Italien hatte, was man die Wiedergeburt der Künste und Wissenschaften nannte, ihre erste Heimstätte schon in früher Zeit, die wir gewohnt sind, dem Mittelalter zuzurechnen, also im 13. und 14. Jahrhundert; und bald hat dieser Geist den anderen romanischen Nationen, dann auch England und den germanischen Ländern sich mitgeteilt. So finden wir zuerst in Italien so große Genies wie Lionardo, Michel Angelo, Raffael, Brabante; aber noch erstaunlicher den poetischen Verklärer der mittelalterlichen Weltanschauung im Dante Allighieri. Auch in Spanien große Maler und Dichter, wie Velasquez, Murillo, Greco; Meister des Baustils und der Plastik; ferner eine glänzende Dichtung in der castilischen Literatur vom 16. Jahrhundert ab, mit dramatischen Dichtern, wie Lope de Vega und Calderon. Von Spanien wie von Italien aus wurde die Entwicklung Frankreichs fortwährend angeregt, und hier fand diese zwiefache Saat einen fruchtbaren Boden, indem gerade in Frankreich die Begabungen beider Arten häufig sind und vielfach zusammenwirken, wenn auch die höchste Gestaltung beider um so seltener vorkommt. Ganz anders liegen die Bedingungen bei den Inselvölkern, Großbritannien und Irland. Früh entwickelt war die kleine Insel der keltischen Kultur, die dem Christentum eine, man darf sagen begeisterte Aufnahme gewährte. Sie ist später durch den so viel größeren und mächtigeren Nachbarn in ihrer Entwicklung stark beeinträchtigt worden, und ihr geistiges Leben mußte notgedrungen an dasjenige des großen Nachbarn, der sich niemals brüderlich zu ihr verhielt, sich anlehnen. Das Gebiet seiner großen Leistung hat insbesondere England in der dramatischen Dichtung gefunden: der Name Shakespeare überschattet viele andere Namen der Literatur, und er steht nicht allein, sondern er ragt noch unter manchen Größen bedeutender, auch dramatischer Dichter, mächtig hervor.

      Daß Deutschland durch die politische Verbindung mit Italien auch geistig dem römischen Einfluß immer seine Pforten geöffnet hielt, trat früh auch in der künstlerischen Wirkung zutage: die allgemeine Gesittung und mit ihr die Kunst erreicht schon im Mittelalter eine Blütezeit, aber die Zeiten des Überganges, der Gärung und Vermischung, nahmen noch mehr als in den anderen großen Ländern durch die Krise der religiösen Interessen und die Wirrsale, die von hier aus das ganze öffentliche, auch das Staatsleben ergriffen, mehr noch als in Frankreich und England, die Geister gefangen, zum Schaden der edleren Kultur und ihrer freieren und moderneren Art. Erst im 18. Jahrhundert erfüllt sich hier die Glanzzeit, die das deutsche Volk den anderen europäischen Nationen als das Volk der Denker und Dichter voranleuchten ließ, einen Kant, einen Goethe, einen Lessing und einen Schiller hervorbrachte: in denen diese Vermählung sonst vielfach einander ausschließender Anlagen teils mit einem Übergewicht des denkerischen, teils einem solchen des dichterischen Wesens sich offenbart hat. Und zu gleicher Zeit fand auch die M u s i k, in der schon immer der deutsche Geist den Spuren des italienischen folgte, eine sonst kaum erreichte Ausbildung; so daß sie durchaus in allen Gestalten zu den Künsten gehört, die zum Ruhme der deutschen Gesittung gehörten und auch ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus über den Erdball hin sich verbreiteten und wesentlich dazu beitrugen, daß diese neueste Zeit nicht ausschließlich mit dem Genusse ihrer größten Leistungen im Gebiet der Wissenschaften und der Technik sich begnügt, sondern auch den freien Künsten die diesen gebührenden vornehmen Plätze gewahrt hat. Auch hier sind die großen Leistungen, sei es auf dem Gebiete der Kunst oder der Wissenschaft, bedingt durch ein Zusammenwirken von Verstand und Phantasie, von Gedanken und Gefühlen, und das bedeutet durch starke Persönlichkeiten, die in der Entwicklung des Individualismus beruhen und auch, wenn dieser ein sonst für schädlich gehaltenes Übergewicht gewinnt, noch wachsen und gedeihen können.

      v. reader.digitale-sammlungen.de
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    • 10.04.1931 - Todestag von Khalil Gibran

      Seine Aphorismen - Sammlung "Sand and Foam" (i. F. eine kleine Auswahl) entstand 1926. Lt. Tante Wiki veröffentlichte K. G. (seit 1912 in N. Y. lebend) "von 1918 an ...hauptsächlich auf Englisch". Dass er auch "Sand and Foam" auf Englisch verfasst hat, habe ich nicht zweifelsfrei herausbringen können. Auf der unten benannten HP ist jedenfalls kein engl. Übers. mit angegeben......

      It was but yesterday I thought myself a fragment quivering without rhythm in the sphere of life.
      Now I know that I am the sphere, and all life in rhythmic fragments moves within me.

      The Sphinx spoke only once, and the Sphinx said,
      "A grain of sand is a desert, and a desert is a grain of sand; and now let us all be silent again."
      I heard the Sphinx, but I did not understand.

      Should we all confess our sins to one another we would all laugh at one another for our lack of originality.
      Should we all reveal our virtues we would also laugh for the same cause.

      We were fluttering, wandering, longing creatures a thousand thousand years before the sea and the wind in the forest gave us words.
      Now how can we express the ancient of days in us with only the sounds of our yesterdays?

      A thousand years ago my neighbor said to to me, "I hate life, for it is naught but a thing of pain."
      And yesterday I passed by a cemetery and saw life dancing upon his grave.

      Should you really open your eyes and see, you would behold your image in all images.
      And should you open your ears and listen, you would hear your own voice in all voices.

      Should you care to write >and only the saints know why you should< you must needs have knowledge and art and music -
      the knowledge of the music of words, the art of being artless, and the magic of loving your readers.

      Inspiration will always sing; inspiration will never explain.

      If the other person laughs at you, you can pity him; but if you laugh at him you may never forgive yourself.
      If the other person injures you, you may forget the injury; but if you injure him you will always remember.
      In truth the other person is your most sensitive self given another body.

      If the Milky Way were not within me how should I have seen it or known it?

      Yes, there is a Nirvanah;
      it is in leading your sheep to a green pasture, and in putting your child to sleep, and in writing the last line of your poem.

      Art is a step from nature toward the Infinite.

      When night comes and you too are dark, lie down and be dark with a will.
      And when morning comes and you are still dark stand up and say to the day with a will, "I am still dark."
      It is stupid to play a role with the night and the day.
      They would both laugh at you.

      v. gutenberg.net.au
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    • 11.04.1819 - Geburtstag von Sir Charles (eigtl. Karl) Halle

      Das von ihm 1858 gegründete "Halle Orchestra" leitete er bis zu seinem Tode i. J. 1895. Zu seinen Amtsnachfolgern zählen u. a. Hans Richter, Thomas Beecham, John Barbirolli und Kent Nagano. Die folgenden Passagen entstammen der Veröffentlichung "Life and Letters of Sir Charles Halle. Being an Autobiography >1819-1890< with Correspondance and Diaries. Edit. by His Son, C. E. Halle And His Daughter, Marie Halle. London: Smith, Elder & Co...1896"

      The most important friendship I formed at that time >or it may have been at the end of 1837< was that with Hector Berlioz 'le vaillant Hector,' as he was often called whose powerful dominating personality I was glad to recognise. How I made his acquaintance is now a mystery to me... Perhaps it was because we could both speak with the same enthusiasm of Beethoven, Gluck, Weber, even Spontini, and, perhaps, not less because he felt that I had a genuine admiration for his own work. There never lived a musician who adored his art more than did Berlioz; he was, indeed, 'enthusiasm personified.' To hear him speak of, or rave about...'Armada', 'Iphigenia', or the C Minor Symphony, the pitch of his voice rising higher and higher as he talked, was worth any performance of the same. And what a picture he was at the head of his orchestra, with his eagle face, his bushy hair, his air of command, and glowing with enthusiasm. He was the most perfect conductor that I ever set eyes upon, one who...played upon (his troops) as a pianist upon the keyboard...

      Berlioz was no executant upon any Instruments >for being able to strum a few chords on the guitar does not count<, and he was painfully aware how much this was a hindrance to him, and to his knowledge of musical literature, which, indeed, was limited. I was often astonished to find that works, familiar to every pianist, were unknown to him; not merely works written for the piano,such as Beethoven's sonatas, of which he knew but few, but also orchestral works, oratories, &c., known to the pianist through arrangements, but of which he had not chanced ((<= no chance??)) to see a score. Perhaps many undoubted crudities in his works would have been eliminated had he been able to hear them committing them to paper...

      In the summer of 1842 I made a short concert tour through Germany... At Frankfort I had the happiness to meet Mendelssohn, and to spend a few weeks closely associated with him and rich in musical delight. At the concert I gave, he and Hiller played with me Bach's triple concerto in D minor, and at Hiller's house, where we usually met, I became acquainted with the Scotch symphonie..., of which he had just finished the admirable arrangement as a pianoforte duet, which we played over and over again from the manuscript… Mendelssohn's playing was not exactly that of 'virtuoso'..., but it was remarkable perfect, and one felt the great musician, the great composer, in every bar he played. He was also a great organist, and I had the privilege of hearing him improvise, and also play two of his fine organ sonatas. The greatest treat, however, was to sit with him at the piano and listen to innumerable fragments from half-forgotten beautiful works by Cherubini, Gluck, Bach, Palestrina, Marcello, 'tutti quanti'...

      His memory was indeed prodigious. It is well known that when he revived Bach's 'Passion Music', and conducted the first performance of that immortal work after it had been dormant for about a century, he found, stepping to the conductor's desk, that a score similar in binding and thickness, but of another work, had been brought by mistake. He conducted this amazingly complicated work by heart, turning leaf after leaf of the book he had before him, in order not to create any feeling of uneasiness on the part of the executants...

      From the year 1836 to 1846, a period during which (Chopin) created many of his most remarkable works, it was my good fortune to hear him play them successively as they appeared, and each seemed a new revelation. It is impossible at the present day, when...there is hardly a concert-programme without his name, to realise the impression which these works produced upon musicians when...they were played by himself… In listening to him you lost all power of analysis...; you listened, as it were, to the improvisation of a poem and were under the charm as long as it lasted...

      In 1845 or 1846...I once ventured to observe to him that most of the Mazurkas >those dainty jewels<, when played by himself, appeared...in 4-4 time, the result of his dwelling so much longer on the first note in the bar. He denied it strenuously, until I made him play one of them and counted audibly four in the bar, which fitted perfectly. Then he laughed and explained that it was the national character of the dance which created the oddity… I understood later how ill-advised I had been to make that obversation to him and how well disposed toward me he must have been to have taken it with such good humour...

      When I first knew him he was still a charming companion, gay and full of life; a few years later his bodily decline began; he grew weaker and weaker, to such a degree, that when we dined together…, he had to be carried upstairs, even to the first floor… After having written his sonata for piano and violoncello, he invited a small circle of friends to hear it played by himself and Franchomme. On our arrival we found him hardly able to move, bent like a half opened penknife... We entreated him to postpone the performance, but...soon he sat down to the piano, and as he warmed to his work, his body gradually resumed its normal position, the spirit having mastered the flesh…

      v. archive.org
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      14.04.1843 - Todestag von Joseph Lanner

      Ohne einen eigentlichen Unterricht erhalten zu haben, (spielte er) bald die Violine mit großer Fertigkeit...und (studirte ohne Anleitung) die Composition aus theoretischen Werken. Bei dem aufstrebenden Geiste, der ihm innewohnte, ließ er es bei diesen Selbstübungen...nicht lange bewenden. So jung er war, so wollte er schon dirigieren, und nachdem er einige Collegen gefunden, die gleich ihm die Musik liebten und trieben, versammelte er dieselben um sich...und führte mit ihnen Quartetten oder Quintetten auf, zu welchem Zwecke er die damals beliebtesten Opernstücke, Märsche, Ouvertüren u. dgl. m. selbst arrangirte. In diesem Vereine musikalischer Jünglinge befand sich auch sein nachmaliger Rival Johann Strauß, der bei (ihm) längere Zeit die Viola spielte. Um diese Zeit schon begann (er) Walzer zu componiren.

      So kam es, daß zu Anfang der Zwanziger Jahre an schönen Frühlingsnachmittagen vor Jüngling's Kaffeehause...ein schmächtiger Jüngling unter Begleitung einer Viola und Guitarre sich auf der Violine hören ließ. Bogenführung und Vortragsweise...erregten bald die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden. Der Geiger aber, nachdem er einige Zeit gespielt, legte Bogen und Geige nieder, ergriff einen Teller, verließ seinen Platz und sammelte bei den...mit jedem Tage sich zahlreicher einfindenden Kaffeehausgästen sein Honorar, welches...ungewöhnlich reichlich ausfiel... Bald vermehrte L. seine Begleitung...noch um zwei Stimmen und verlegte seinen Schauplatz aus der Vorstadt nach dem Innern der Stadt. In verschiedenen Gasthauslocalitäten...spielte und entzückte dieses Quintett seine Zuhörer, unter denen sich zu jener Zeit auch Franz Schubert befand... Wie Schubert überhaupt, selbst eine echte herzliche Künstlernatur, keinen Künstlerstolz und Künstlerneid nannte, ermunterte den jungen Walzergeiger durch Beifall und Anerkennung, worüber dieser nicht geringe Freude empfand und gehobenen Sinnes sich dieser Anerkennung würdig zu machen suchte.

      Da hieß es..., im ersten Kaffeehause des Praters werde ein größeres Orchester aus Streichinstrumenten von Lanner dirigirt aufspielen... Bisher hatte sich in öffentlichen Gärten nie noch Streichmusik, sondern nur die sogenannte Harmoniemusik, die vorzugsweise aus Blech- und Blasinstrumenten besteht, hören lassen. Mit diesem Tag beginnt so zu sagen die neue Aera der Wiener Volksmusik... (Als) Lanner das Ballorchester beim "Bock" auf der Wieden dirigirte, da hatten seine Walzercompositionen...Alt und Jung bereits elektrisirt… Zu seinen ersten Nummern zählt der unter dem Titel "Bock's Klage" bekannte Walzer, im welchem sich zuerst jene Eigenthümlichkeit, die alle seine Compositionen charakterisirt, der von keinem seiner Nebenbuhler und Nachahmer...erreichte musikalische Humor Lanner's, in seiner ganzen unwiderstehlichen Lieblichkeit ausspricht. Wenn auch Fachmänner wissen wollen, daß Strauß in der Kunst, einen großen musikalischen Körper energisch zu leiten, unsern Lanner bei weitem übertraf, so gestehen ihm doch eben diese zu, daß er seinem Orchester mit Umsicht und Rührigkeit vorstand und daß er eifrig jenen Sinn der Einheit hervorzubringen verstand..., daß ihm selbst strenge Kunstkenner ihre Anerkennung nicht versagten. Bald beeiferten sich die Inhaber der...besuchtesten Erlustigungs-Plätze Wiens, Lanner (der de(n) Walzer...aus dem Joche des achttactigen Rhythmus...befreite) für sich zu gewinnen...

      **Der Ländler...fand in L. den Vertreter, der ihn aus dem Volksleben in den Salon verpflanzte und die vornehme Welt damit berauschte. Doch L. selbst trug ihn zugleich zu Grabe; nicht allein, daß er ihm eine Ausdehnung und ein Gepränge mitgab, die das einfache Volksgebilde nicht vertrug, sondern er wurde ihm auch später ungetreu und taufte ihn in den Walzer um... (L. hat) noch eine große Anzahl Pantomimen geschrieben; über diese schreibt der Verfasser des Artikels im Schilling`schen Tonkünstlerlexikon >Bd. VI. S. 519<: "sie sind...originell und meist wahrhaft interessant, mit hinreißender Genialität instrumentirt, daher auch von überraschender Wirkung, besonders wenn sein feuriger Bogenstrich das Losungswort angibt".

      Bei Gelegenheit der Krönung Sr. Majestät des Kaisers Ferdinand in Mailand, fiel auf (Lanner) die Wahl der Besorgung der Festmusik...in Innsbruck, Mailand, Venedig und Triest. Eine lange Reihe von Jahren führte L. auch die Direction der Tanzmusik in den k. k. Redoutensälen, und auf den Hofbällen leitete er abwechselnd mit Strauß das Orchester... In Anerkennung seiner mehrfachen Verdienste als Musiker und als Mensch - denn gern war er jederzeit bereit, für wohlthätige Zwecke mitzuwirken - wurde...ihm von der Stadt Wien das Ehrenbürgerrecht verliehen; überdieß haben ihm auch mehrere Musikvereine ihre Diplome übersandt... Als Mensch zeichnete sich L. durch seltene Herzensgüte und einen biederen gemüthlichen Charakter aus. Seine letzte Aufführung hatte am 21. März 1843...stattgefunden. Zwei Tage später befiel ihn in Folge einer Verkühlung das Nervenfieber, dem er nach dreiwöchentlichen Leiden ((43jährig)) erlag. Sein Leichenbegängniß in Döblin, wo er gewohnt, fand unter einem Zusammenlaufe von mehr als 20.000 Menschen Statt. Sein College Strauß begleitete den Conduct an der Spitze der Bande des ersten Bürger-Regiments.

      aus C.v.Wurzbach: Biograph. Lexik. d. Kaiserth. Oesterreich. 14. Theil. K. - k. Hof- u. Staatsdruckerei: Wien 1865
      **aus R.Eitner: Allg. Dt. Biographie. Bd. 17. Duncker & Humblot: Leipzig 1883
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      15. April 1874 - Geburtstag von Karl Ernst Osthaus

      … Durch den Tod meines Großvaters (sah ich mich)...plötzlich in die Lage versetzt, Gedanken zu verwirklichen, die mich im Laufe der Zeit sehr beschäftigt hatten. Sie zielten auf die kulturelle Hebung des industriellen Westens ab, dessen...Verwahrlosung ich stark empfand. Meine Absicht ging auf die Gründung mehrerer Institute... Der Zufall, daß ich zwei naturwissenschaftliche Sammlungen von Bedeutung um diese Zeit erwerben konnte, dann auch persönliche Beziehungen zu dem unternehmungslustigen Hagener Gelehrten J. H. H. Schmidt bestimmten mich, mit einem Museum für Naturwissenschaft zu beginnen. Ein naturwissenschaftliches Studium von einigen Semestern schien diesem Plane förderlich. Ich begab mich daher...nach Bonn >WS 97-98, SS 98<. Die Osterferien benutzte ich in Gesellschaft des obgenannten Entomologen zu einer wissenschaftlichen Exkursion in den Atlas und in die Sahara. Hier führte die lebendige Berührung mit der islamischen Kultur zwar nicht zu einer Aufgabe meiner nächsten Pläne, doch zu einer lebhaften Wiederaufnahme meiner kunstgeschichtlichen Studien, die nunmehr in selbständigere Bahnen einlenkten.

      Die Vorbereitungen zum Hagener Museumsbau hielten mich zunächst noch in Deutschland fest. Im Herbst >98< aber löste ich mich endgültig aus dem akademischen Leben, um auf einer Reise nach dem Orient ein tieferes Verhältnis zu den großen Kulturen des Orients zu gewinnen. Ich besuchte Ungarn, Rumänien, die Türkei, Griechenland, Kleinasien, Syrien und Aegypten. Die Reise machte mich zum Sammler..., und als ich im Frühjahr 1899 nach Hagen zurückkehrte, war das Problem der Aufstellung meiner Kunstsammlungen bereits dringend geworden. Dazu trat ein weiterer, unvorhergesehener Umstand. Der Orient hatte mein Urteil über Architektur geschärft, und meinem empfindlich gewordenen Auge hielt weder das deutsche Bauwesen im ganzen noch mein eigenes, im Bau befindliches Museum stand. Ich faßte sehr bestimmte Begriffe von einem modernen Stil und war überrascht genug, dasselbe Bestreben bei einigen Künstlern lebendig zu finden, die in diesen Tagen von sich reden machten. Mich berührte besonders das Schaffen des Vlamen Henry van de Velde. Ein kurzer Entschluß machte ihn...1900 zum Nachfolger meines Museumsarchitekten; leider stand der Rohbau damals fertig, und die Gestaltung des Künstlers, der alsbald seinen Wohnsitz von Brüssel nach Deutschland verlegte, konnte sich nur noch auf die Innenausstattung beziehen...

      Es wird verständlich sein, daß die lebhafte Einstellung auf moderne Kunst nun auch zu einer eingehenden Beschäftigung mit den Werken zeitgenössischer Maler und Bildhauer führte. Als das Museum...1902 eröffnet wurde, umschloß es drei selbständige Abteilungen: eine Galerie von Werken moderner Kunst, eine Sammlung von historischem Kunstgewerbe und - die naturwissenschaftlichen Objekte, für die es gebaut war. Die Beachtung der Öffentlichkeit aber wandte sich nicht ihnen zu, und hierin lag die Bestätigung einer Einsicht, zu der ich auf andern Wegen längst gelangt war. Das große Problem der Zeit war die Zurückführung der Kunst ins Leben, und dieser Aufgabe hat das Museum sich seither zu widmen versucht...

      Besonders war mein Augenmerk darauf gerichtet, Künstler an die Stätte meines Wirkens zu ziehen und ihnen Aufgaben zuzuwenden. Das preußische Kultusministerium kam mir dadurch zu Hilfe, daß es ein staatliches Handfertigkeitsseminar nach Hagen legte, als dessen Lehrkräfte hervorragende Künstler herangezogen wurden. Aus dieser ineinandergreifenden Tätigkeit entwickelten sich Werkstätten, insbesondere die Hagener Silberschmiede, die Kunstwerke aus Edelmetall in hoher Vollendung ausführte und dazu beitrug, die künstlerische Verwendung deutscher Halbedelsteine neu zu beleben. Als bauliche Dokumente dieser Bestrebungen kamen...eine Reihe von Anlagen und Ausstattungen in und bei Hagen zustande. So das Krematorium von Peter Behrens, ein Turbinenhaus von Bruno Taut, ein Maschinenhaus von van de Velde..., ein Bankraum von Lauweriks...

      1906 (erwarb ich) ein Areal von etwa 100 Morgen, entwarf mit Peter Behrens den Bebauungsplan und verteilte die Baublöcke und Straßen unter verschiedene Künstler. An den Verkauf dieser Grundstücke wurde die Bedingung geknüpft, daß die bauliche Gestaltung einzig in die Hände dieser Künstler gelegt werden dürfe. Die Ungewöhnlichkeit dieses Ansinnens weckte viel Widerspruch; es sind jedoch im Anschluß an mein eigenes Wohnhaus, den Hohenhof, den van de Velde 1906-08 erbaute, inzwischen drei weitere Villen von Behrens und elf von Leuweriks entstanden, deren Bewohner mit den hohen Vorzügen einer durchgeistigten Gesamtanlage wohl zufrieden sind...

      Zum Schluß sei noch einer Neugründung gedacht, die...ihre volle Wirksamkeit aber erst später wird entfalten können. Es ist die Hagener Verlagsanstalt für Kunst und Kunstgeschichte. Sie hat sich zur Aufgabe gestellt, bisher vernachlässigte oder neuentdeckte Gebiete der Kunstgeschichte durch photographische Aufnahmen bester Qualität für die Wissenschaft zu erobern. Zunächst sind der süddeutsche Barock, die Schweiz und Belgien in Angriff genommen worden, daneben Werke der islamischen und ostasiatischen Kunst, schließlich Schöpfungen der Architektur und des Kunstgewerbes seit 1900...

      >Geschrieben im Juni 1918 / Anlage zur Diss.: Grundzüge der Stilentwicklung, Folkwang Verlag, 1919< ((K.E.Osthaus verstirbt 1921 an den Folgen einer Kriegsverletzung.))

      zit. v. osthausmuseum.de
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      17.04.1882 - Geburtstag von Artur Schnabel … dreimal Beethoven

      Sonate op.31,2; 3. Satz - A. S. (Apr. 1934, London) vs. Murray Perahia (1986, N. Y.) >5'40 / 06'46<

      Der erste Gedanke, als ich fast unmittelbar nach S. begann, die P.-Aufnahme zu hören: S. war als Gestalter hinter den Komponisten zurückgetreten (sich in etwa sagend Der pure Notentext ist Eigensinn genug - wozu da meinen Eigensinn noch dazugeben), während P. den Notentext nutzt, um eine Geschichte zu erzählen. Dass ich letzteres nicht mehr aus dem Kopf bekam, andererseits es mir nicht möglich war, die mir hierzu passende Geschichte "in Worte zu bringen", schiebe ich mal darauf, dass mir, ein knapper Tag danach, die brennende Notre-Dame und der leichenblasse Macron noch gar zu gegenwärtig waren. Bei Min. 6 der P.-Aufnahme zusätzlich das Gefühl ein bisschen Zuviel P. und Zuwenig der ihm anvertraute Komponist! (Ob ich eben dies gleichfalls gespürt und gedacht hätte ohne direkt davor S. gehört zu haben, kann ich freilich nicht wissen!)

      P.-hörend freilich auch plötzlich das Gefühl "Das ist Mozarts Geist aus... ...Ph. E. Bach's Händen!" (Hatte Haydn nicht irgendwo notiert, dass er letzterem enorm viel verdanke?) - derart "figurativ", wie er diverse Phrasen aufscheinen lässt! Ab und an schiebt P. besagte Bach-Reminiszenzen mit Verve beiseite, um es im Bass derart krachen zu lassen, dass die Assoziation Schubert (und beinahe noch Brahms) mir nicht fern ist. Übrigens spielt P. für mein Gefühl (ich besitze kein Metronom mehr, mit dessen Hilfe ich's überprüfen könnte!) das von Beethoven vorgeschriebene Allegretto, während ich bei S. eher ein Allegro moderato empfinde...

      Zweites Vergleichshören - diesmal zuerst P., dann S.... So wie P. die ersten 94 Takte >zweimal< gestaltet (insg. hat der Satz knappe 400 Takte!), könnte Beethoven für die r. Hd. nicht eilen notiert haben, für deren Wiederholung gar so etwas wie träumerisch. Etwa bei Min. 4 mein Gedanke, dass drei Beethoven-Sonaten hintereinander (vor gerade einem Jahr hatte Sokolov ja drei Haydn Sonaten hintereinander im Programm!), von P. derart gelesen (derart viele kleine Beethoven-Wunder aufscheinen lassend) eher anstrengend als beglückend oder erhebend wären.

      Nach 2 Min. des Wiederhörens der S.-Aufnahme plötzlich die Erinnerung daran, dass die Sonate ja auch ihren Beinamen hat. Der mag historisch noch so "ungesichert" sein - das Wörtchen stürmisch scheint mir S. jedenfalls quasi im Hinterkopf zu haben: so wie bei ihm manche Phrasen der l. Hd. verwischen, lässt mich dass an Baumstrukturen denken, die stark sich im Wind wiegend ja auch nicht mehr auszumachen sind. Eine halbe Min. später dann meine Assoziation Nicht "So pocht das Schicksal an die Pforte", sondern "So kann das Schicksal einen beuteln". Übrigens fällt beim Wiederhören auf, dass bei etwa Min. 4 aus S's Allegro moderato nahezu ein Allegro con fuoco geworden ist - das kaum 30sec. später dann fast in ein Allegretto a la Perahia zu mündet...… Letztendlich habe ich den Eindruck, dass S. kaum einmal 50 Takte lang in ein- und denselbem Tempo verbleibt: Beethoven's Kraft und Eigensinn sprechen zu lassen, scheint ihm erheblich wichtiger zu sein als die genaue Beachtung von Tempo-Vorschriften!

      Konzert op.37; 2. Satz: T. 1 - 12 (Klavier - Solo) … A. S. (1933, London) vs. Svjatoslav Richter (21.06.1962, Prag) >1'26 / 1'14<

      Hier spielt für mich S. das von Beethoven vorgegebene Largo, während ich bei R. eher ein Adagio molto spüre... R. gestaltet diese 12 Takte eher nur als Einleitung, während S. sich die Gelegenheit zu einer ureigenen Miniaturszene nicht entgehen lässt: die Phrase in den Takten 9 u. 10 wird (für mich) mozartianisch ausgesungen, und aus den Zweiunddreißigstel-Triolen in T. 12 (bei R. lediglich der lange Auftakt zu den beiden dann allerdings berückend hingetupften "Schlussakkorden"!) bastelt er geradezu ein Miniatur-Arioso, v. a. indem er ein dort gar nicht notiertes ritartando einbaut...

      Sonate op.53; 2. Satz - A. S. (Apr. u. Mai 1934, London) vs. Maurizio Pollini (Febr. 1997, Wien) >5'10 / 3'54<

      Nun höre ich bei P. das notierte Adagio molto - das bei S. nahezu zum Largo wird: "Beethoven'sches Erschauern" vorzuführen scheint S. erheblich wichtiger zu sein als das exakte Befolgen des vorgegebenen Tempos! Während ich bei S. das Gefühl bekomme Hier erschauert jemand, nach Tagen (Wochen?) wieder Notre Dame betreten dürfend, angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen, gestaltet P. (traurige Romanze könnte man m. E. seine Lesart geradezu überschreiben) eher nur das Betroffen-Sein eines Zuhörers, der sich von einem Augenzeugen entsprechendes schildern lässt.

      Einen gewissen Gestus des Dozierens mag ich P. einfach nicht absprechen!. Innerhalb dieser gerade einmal 29 Takte (eigtl. ja nur die Introduzione in's an- und abschließende Rondo) scheint er mir demonstrieren zu wollen, von wem Beethoven u. a. gelernt hat: Gluck'sche (?) Arien (Motiv T. 9 u. 10), Mozart - Fantasien (stockende Überleitung zum "dramatischen" Schlussteil) WTK (l. Hd. im Schlussteil selbst). Während P. also musikalisch doziert und demonstriert (keineswegs übertrieben, aber im Vergleich doch auffallend!), gestaltet S. pure pianistische Schönheit und Erhabenheit - auch schon mal ureigene Akzente setzend: im aus 4 Akkorden bestehenden T. 8 erfindet er zwei gar nicht notierte Bindebögen, in T. 12 spielt er zwar das dort notierte sforzato, allerdings an anderer Stelle als von Beethoven vorgegeben. Und während P. die erwähnte "stockende Überleitung" lediglich als solche gestaltet, lässt sie S. am Ende verdämmern, um sich dann vom Drama des Schlussteils - für den Hörer geradezu überfallartig! - mitreißen zu lassen!
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