Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • 05.09.1836 - Todestag von Ferdinand Raimund

      ...mal wieder aus einem Lexikonartikel des hier bereits mehrfach zitierten Constantin von Wurzbach. Seine Ausführungen über F. R. sind seine umfangreichsten, die mir bisher untergekommen sind - nicht weniger als dreizehn Abschnitte... In Nr. 7 ("Raimunds Charakteristik als Dichter") stellt Wurzbach entsprechende Aussagen und Einschätzungen diverser zeitgenössischer Literaturkritiker zusammen. Die (eigtl. fünf, hier vier) Zitierten sind (i) Rudolf Gottschall >1823/1909<, (ii) Hermann Meynert >1808/1895<, (iii) Heinrich Kurz >1805/1873< und (iv) Wolfgang Menzel >1798/1873<.

      (i) Während die aristophanische Posse von namhaften Dichtern und Gelehrten gepflegt wurde, bereicherten Schauspieler die Bühne mit (deren) zweiten Gattung, welche wir die moralisch-sentimentale nennen möchten, und welche das Volk zu elektrisiren verstand. Sie vermischt...Scherz und Ernst, zieht Himmel und Erde in ihre Kreise und setzt dabei immer eine Moral in Scene, deren praktische Brauchbarkeit...auf Lebensverhältnisse nahe liegt. Das Glück, die Fortuna, ist (deren) eigentliche Göttin, und ihre...mannigfach modificirte Moral: daß...die innere Zufriedenheit() nicht von äußeren Glücksverhältnissen abhängig ist. Dem französischen Fortuna-Macher wird das...dauernd gegenwärtige Glück in den Tiefen des Gemüths entgegengestellt... Wenn bei den Franzosen der Nachdruck auf dem Rechte der Arbeit und auf den Forderungen liegt, welche auf eine Verbesserung der äußeren Lagen hinzielen, so liegt er bei den Deutschen auf dem Glücke der Arbeit und auf der inneren Befriedigung, welche sie gewährt; dort herrscht die praktische, juristische, national-ökonomische Wendung, hier die gemüthliche, sittliche, religiöse. Charakteristisch für die Form (der letzteren) ist das sangbare, bald humoristische, bald sentimentale Couplet, der Wechsel von Versen und Prosa, duftigste Poesie nach Art des "Sommernachtstraums" und derber hausbackener Realismus... Der Schöpfer dieser Gattung ist F. R.

      (ii) Bei all' den Fehlern, an welchen seine Stücke mehr oder weniger kränkeln, ist ihnen...echte Poesie, vor Allem aber Originalität nicht abzusprechen. Auf wunderbare Weise versteht er das...Alltägliche und Natürliche mit dem Uebersinnlichen und Fabelmäßigen, das Niedrig-Komische mit dem Pathetischen..., das Lächerliche, Läppische mit dem Hochtragischen, und das antike Märchenhafte mit...der compactesten Wirklichkeit zu verschmelzen. Seine Stücke bilden...eine unwillkürliche Ironie ihrer selbst: sie erzählen es...unbefangen, daß sie uns belügen wollen, und während andere Dramatiker das Natürliche dem Wunderbaren nahe zu bringen und die Körperwelt zu vergeistigen streben, strebt R. umgekehrt, das Wunderbare dem Natürlichen anzunähern und das Geistige grob zu verkörpern, kurz...(dem Uebersinnlichen) das Gespenstergewand der dichterischen Fabel abzureißen. Er frivolisiert Alles, das Entsetzliche wie das Erhabene.

      (iii) Raimund's...nicht genug anerkanntes Verdienst besteht darin, daß er das Volksschauspiel aus der Versunkenheit...wieder emporhob, daß er...neben (des Volkes) unerschöpflichem reinen Humor, der in den meisten Volksschauspielen durch gemeinen Straßenwitz verdrängt worden war, auch dessen...Gefühl für alles wahrhaft Edle und Schöne zur künstlerischen Anschauung brachte. In tiefer Erkenntniß...wählte er märchenhafte Stoffe, die dem Volke noch weit näher liegen, als man sich gewöhnlich einbildet; und wie Carlo Gozzi, ja in noch glücklicherer Weise, verstand er die Märchenwelt mit den Zuständen unserer Zeit in die innigste Verbindung zu bringen. Während uns (erstere) in den Darstellungen der Romantiker...immer als...eine der Wirklichkeit fremde Abstraction, als ein verlorenes Paradies entgegen tritt, die wir zwar ahnen, aber uns nicht aneignen können: erscheint sie bei R. in aller jugendlichen Frische und Wahrheit, wie sie sich nur im ewig jungen Gemüth des Volkes abspiegeln kann... Wie großartig seine Gestaltungsgabe war, zeigt sich nicht blos darin, daß alle seine Personen...die vollkommenste Individualität und Lebensfähigkeit besitzen, sondern ganz besonders darin..., wie uns...in seinen Dramen (allegorische Figuren,) die Hoffnung, die Jugend, das Alter in solcher Leibesfülle erscheinen, daß wir, wie ein Kritiker richtig bemerkt, "wider unsern Willen gezwungen werden, an sie zu glauben."

      (iv) R. verstieg sich in eine höhere Sphäre der Romantik, und seine Singspiele "Der Alpenkönig", "Der Bauer als Millionär", "Der Verschwender" sind so...echte Poesie, daß ich sie zu den trefflichsten zähle, was unsere Bühne in der heitern Gattung besitzt. Dazu Wenzel Müller's immer herzliche und fröhliche Musik. Die ernstgestimmte Seele kann keine wohlthätigere Zerstreuung finden, als wenn sie sich dieser lachenden Feerei ((?)) hingibt, hinter deren hinreißender Lustigkeit eine tiefe Menschenkenntniß...erkannt wird... (Ohne die Eigenthümlichkeit der Leopoldstädter Theatermanier) zu verfälschen, hat er sie doch dadurch veredelt, daß er die Gemüthlichkeit, derer sie fähig ist, in's glänzendste Licht setzte... Das Rührende (hat R.) - ohne alle Prätension - auf so natürliche Weise mit dem Lustigen verbunden, daß kaum Englands Bühne einen so wohl gelungenen Humor aufweisen kann

      (iv) Indem...das Reich der ungebundesten Phantasie mit der Alltäglichkeit...bunt vermischt wird, muß das gemeine Leben...so eng als möglich begrenzt sein... Modern Gebildete würden bei weitem nicht so gut mit jener Geisteswelt contrastiren, als es Bürger und Bauern thun, die...in einem engen Kreis von Gewöhnungen sich bewegen. Nur aus diesem Grunde hat schon Aristophanes Localsitten...mit Phantasterei contrastirt; die italienischen Masken und Gozzi sind demselben Gesetz gefolgt, und das Leopoldstädter Theater hat nur aus derselben Ursache so viel Glück gemacht.

      zit. v. wikisource.org
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • 07.09.1905 - Die Wochenzeitschrift "Die Schaubühne" (ab 04.04.1918 "Die Weltbühne") erscheint erstmals

      Bis zu ihrem Verbot nach dem Reichstagsbrand 1933 sollen c. 2500 (!!) Autoren für sie geschrieben haben. Leiter des Blattes war seit Mai 1927 Carl von Ossietzky

      Peter Panters (aka Kurt Tucholskys) Polemik "Maienklang und die soziologische Situation" erschien in der Ausgabe vom 12.07.1932, der Text "Die Kameliendame als Asta Nielsen" von Bela Balasz** am 22.05.1928... >>**Der Librettist zweier Bartok-Werke ("Der holzgeschnitzte Prinz" u. "Herzog Blaubarts Burg") publizierte seit 1919 nur noch belletristisch in seiner Heimatsprache!<<

      Der gebildete Mittelstand des neunzehnten Jahrhunderts sonderte, wenn entsprechend gereizt, lyrische Gedichte ab sowie auch Dramen - keine Biedermeier-Schublade ohne solches. Das hat man denn zum Schluß gar nicht mehr ernst genommen... Nicht Lyrik und Drama wurden lächerlich, sondern die kleinen Leute, die sich dieser Formen bedienten, um ihre Sechsergefühle auszudrücken. Sie fühlten sich durch die Klassiker angekratzt, nun rann ihre Bildungsdrüse aus, Leer klapperten die Jamben, es stelzten die Trochäen, und was Hebbel konnte, das vermeinte Herr Schuldirektor Gottschalk vom Realgymnasium in Pasewalk noch alle Tage zu können...

      Das hat sich geändert. Der gebildete, sanft abgerutschte Mittelstand sondert keine Dramen mehr ab, nur noch wenig Gedichte - er produziert in unendlichen Massen gebildeten Schmus... Der Kram häuft sich zu Büchern. Viele Leute reden sogar in diesem vertrackten Stil, und er hat ein untrügliches Kennzeichen: das sind...zu diesem Zweck erst erfundene Fachwörter. Die Kerle glauben, sie hätten eine Leistung vollbracht, wenn sie irgend eine Selbstverständlichkeit oder einen kleinen Gedanken mit dem Zusatz "religionspsychologisch" versehen; wenn sie "verkehrstechnisch" sagen oder wenn sie eine Überschrift "Zur soziologischen Situation des" formen...

      Ich spreche nicht von Facharbeitern: will sich einer mit den Nachfolgern Kants auseinandersetzen, dann muß er die überkommenen Fachausdrücke anwenden. Die eitle Dummheit aber, über jedem Gebiet des Lebens eine Wissenschaft zu errichten, und die dumme Eitelkeit, so zu tun, als sei man in allen diesen falschen Wissenschaften zuhause, das ist grauslich. Es besteht auch nicht der leiseste Grund, jede Untersuchung mit schmatzenden Fachausdrücken aller nur möglichen Gebiete zu beladen...

      "Ein Experiment organisieren" schreibt Bruder Brecht, aber das ist nichts als schlechtes Deutsch. Man kann etwas organisieren, zum Beispiel den Versand von Kali nach Amerika, und man kann ein Experiment machen - aber ein Experiment organisieren: das kann man nicht. Dergleichen ist hingesudelt…

      Zwischen Wonnige Stunden im Lenze! / Sonniger, duftiger Mai! / Tage der blühenden Kränze, / Seid ihr für ewig vorbei und Die Seinsverbundenheit des Wissens hält einer Analyse im anthropologischen Sinne schon deshalb nicht stand, weil die Frage Utopie und Ideologie in der gedanklichen und gesellschaftlichen Auflösung... ...ist kein Unterschied. Leer und sinnlos sind beide (Äußerungen), Äffereien von Formen, die bei andern einmal einen Sinn gehabt haben...

      zit. v. wikisource.org

      … Wir haben die Duse und die Sarah Bernhard noch als richtige Kameliendamen gesehen. Sehr verschieden, aber beide noch in der seelischen Originaltracht der romantisch-sentimentalen Dirne, die damit entschuldigt wird - weil sie ja noch entschuldigt werden muß -, daß sie gar keine Dirne, sondern eine geknickte Lilie ist. Die wunderbare Madame Pitoeff trug die Originalgestalt der Kameliendame bereits...mit Distanz und etwas Ironie im stilisierten Bühnenrahmen... Es war noch rührend wie ein altes, süßes, naives Chanson. Aber es war gewiß das allerletzte Auftreten der Marguerite Gautier...

      Jetzt erscheint sie dunkel und herb und gefährlich. Als Asta Nielsen! Sie ist gar nicht mehr schmachtend, sanft und zart empfindsam. Mit Trotz und Revolte und wütender Wucht, bisweilen fast ordinär, tritt sie jetzt auf, atemberaubend: als Asta Nielsen. Ganz ohne Lavendelduft. Die Kameliendame ist keine Dame mehr...

      (Sie) war eine der ersten Oppositionen gegen die bürgerliche Moralideologie. Aber von der bürgerlichen Seite natürlich... Nun bekommt die Gestalt das Licht plötzlich von der andern Seite. Von der Straßenseite. Vor allem merkt man jetzt, zum ersten Mal, diesem Mädchen ihren Beruf an... Der Text bleibt diskret, wie er war, aber Marguerites Stimme hat jetzt jenen gewissen heisern Unterton der abgehärteten, sachlichen Handwerkstüchtigkeit...

      Aber sie erwischt es doch. Die Liebe. Nein, keine selig aufgelöste Verklärung. Diese Marguerite bekommt die Liebe von Armand, als wenn sie die Syphilis bekommen hätte. Ein Pech ist das. Eine Katastrophe. Nun ist ihr alles egal. Jetzt will sie wenigstens etwas davon haben. Das riecht nicht nach Lavendel, das riecht nach blutendem Fleisch. Eine wilde, verzweifelte Gier, fiebernd, krank und wie im Kokainrausch..

      Und als der Vater da kommt und ihr Vorwürfe macht, ist diese Marguerite Nielsen weder gerührt noch opferwillig... Und beschimpfen läßt sie sich schon gar nicht. Aus gereiztem Hochmut, in aufbrausendem Dirnenstolz wirft sie den Alten samt seinem Söhnlein hinaus.

      Dann schreibt Asta Nielsen den Abschiedsbrief und weint. Ganz vorne...weint sie wirkliche Tränen aus blutunterlaufenen Augen... Die verprügelte und bestohlene Dirne. Von den vornehmen und feinen Bürgersleuten um ihr bißchen Glück gebracht.

      Und dann ihr Sterben! Kein poetisch-sanftes Hinwelken, kein wehmütig verklingender Ton. Ein angeschossenes Raubtier bäumt sie sich wütend auf gegen den Tod... Und hochgereckt mit offenem Mund fällt sie um. Wie ein Baumstamm, abgehackt...

      zit. v. archive.org
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • 11.09.1825 - Geburtstag von Eduard Hanslick

      Diesen ("Eduard Hanslicks Lebenswerk" überschriebene) Nachruf - aus dem hier nur sehr ausschnittsweise zitiert werden kann - hat der Musikwissenschaftler Guido Adler >1855/1941< einen Tag nach dessen Tod für die (Wiener) "Neue Freie Presse" verfasst . . .

      Das Feuilleton ist eine literarische Leistung... Und darin war E. H. Meister. Die Wertbemessung solcher Leistung richtet sich danach, ob nicht nur die Fachleute...darin Anregung...finden, sondern ob ein weiterer Kreis von...solchen, die an ihrer Bildung...arbeiten, davon angezogen wird... Dies war in höchstem Grade bei (ihm) der Fall... Nicht selten hörte ich von manchem: "Ich verstehe zwar gar nichts von Musik; aber die Feuilletons von H. lese ich gerne."

      (Man kann von ihm als Kritiker und als Mann das Wort anwenden, welches Goethe über die Kritiker der französischen Zeitschrift "Le Globe" sagt: "Die Mitarbeiter sind Leute von Welt, heiter, klar, kühn bis zum äußersten Grade.") H. war ein Vertreter der "Gaya scienza", der fröhlich-freudigen Wissensbereicherung. Dabei mischte sich nicht selten...ein Witz dazu, der ätzend und scharf war...und dabei Empfindlichkeiten hervorrief und traf. Abgesehen von dieser Schärfe hatte (sein) Stil große Vorzüge: eine knappe Ausdrucksweise, die zu vergleichen ist mit derjenigen der besten juristischen Schriftsteller... Als Jurist hatte er ja auch seine Laufbahn begonnen...

      In der Schrift "Vom Musikalisch=Schönen" läßt sich (sein) Wesen so recht erkennen. In ihrer...Zurückweisung der Gefühlsschwelgerei...hat sie reinigend...wie ein Arzneimittel gewirkt. In der Zeit des Hervordrängens der Programmusik bildete sie einen festen Halt für die Musiker und Musikfreunde, die am Rein=Musikalischen Erhebung und Befriedigung finden. Sie erreicht dies, wie es...dem Charakter des Feuilletons nahe kommt, nicht durch systematische Darstellung, sondern durch eine Reihe geistvoller Apercus… (Dieses anregende Büchlein) hat...auch eine gewisse symptomatische Bedeutung gewonnen, indem seine Devise "die Musik ist tonerfüllte Form" auf das Panier der Partei geschrieben wurde, welche sich jenen entgegenstellte, die in der Musik nur Ausdruck und Schilderung suchen und finden...

      H. stand zeitlebens auf dem Boden der Kunst der Wiener Klassiker... Den Werken der dritten Periode Beethovens, welche Wagners "Kunstwerk der Zukunft" zeitigten, stand er...mit einer gewissen Abneigung gegenüber. Darin traf er mit so vielen...trefflichen und hochgebildeten...Künstlern und Kunstfreunden zusammen. In seiner Jugend hatte (er) für Berlioz geschwärmt und auch für Wagners Werke der mittleren Periode; besonders für "Tannhäuser" hatte er sich mit Begeisterung eingesetzt. Je weiter sich die neudeutsche Richtung von ihrem Ausgangspunkte entfernte, desto heftiger wurde (seine) Opposition...

      (Es waren innere Gründe, die...in Wagners letzter Periode zu jener melodischen Ausgestaltung führten, die der Forderung nach formaler Abrundung zu widersprechen schien. Im Kampfe der Parteien wurde übersehen, daß dieser behauptete Mangel nur...dem Scheine nach vorhanden war... Die "unendliche Melodie" Wagners ist durchaus keine asymmetrische, keine unproportionierte... Tiefere Untersuchungen über das Formungsprinzip Wagners waren >>jedoch<< noch nicht angestellt...)

      Neben der Bewunderung für (dessen) Persönlichkeit waren es besonders zwei Umstände, welche dazu beigetragen haben dürften, daß H. unentwegt für die Brahmssche Kunst eintrat... Vorerst (der, daß H. in Brahms einen Vertreter...der "tonerfüllten Form" sah... Der zweite Umstand ist) jener sinnige Zug des Tonsetzers..., der ihn nach Wien führte und hier mit den Weisen Schuberts in Cisleithanien und der Zigeuner in Transleithanien einen Bund schließen ließ... Die tiefgründigeren Stellen...fanden in H. schwächeren Widerhall. Für jene Werke, in denen Brahms an...Händel und Bach sich anschließt oder an die Acapellisten des sechzehnten Jahrhunderts, konnte (er) sich nicht erwärmen. ((Cis- resp. Transleithanien: inoffizielle Bezeichnungen für den nördlichen u. westlichen resp. den südlichen Teils Österreich-Ungarns.))

      Für das Unterhaltende der Auberschen Oper, für die feine Ausarbeitung und stilvolle Behandlung in den Werken von Boieldieu und anderer französischer Meister hatte er warme Empfägnis... Denjenigen Verken (Verdis), welche...mit Rücksicht auf die überkommenen Formen ausgestaltet waren(, hing er treu an). Jenes Wunderwerk des Achtzigjährigen, "Falstaff", in welchem sich der Meister...mehr an die dichterische Vorlage als an musikalische Schemen hielt, achtete H. mehr in Rücksichtnahme (dessen) hohen Alters..., als in der Erkenntnis, daß Verdi mit diesem Werke die Bahn gewiesen...

      Nach der Veröffentlichung (seiner - an sich verdienstlichen - "Geschichte des Konzertwesens in Wien" >musikgeschichtliche() Studien wurden damals...noch nicht in jener strengen Weise betreiben, wie dies jetzt der Fall ist<) wurde H. zum ordentlichen Professor der Geschichte und Aesthetik der Tonkunst an der Wiener Universität ernannt. Es war die erste ordentliche Professur für Musik in deutschen Landen. Er...sah es als seine Aufgabe an, ...in einer populärwissenschaftlichen Weise seinem Hörerkreise vorzutragen... Er fand es nicht unter seiner Würde, am Klavier dem Auditorium vorzuspielen und ein oder das andere Beispiel auch von einem Sänger vortragen zu lassen. So gelang es ihm, Studierende auf das Fach aufmerksam zu machen, die in weiterer Verfolgung desselben den Anforderungen...zu entsprechen bestrebt waren...

      In seinen Umgangsformen war er vollendeter Weltmann. Man konnte...in der zurückhaltenden Weise, wie er sich persönlich zu Gegnern verhielt, die Gesinnung seines Wesens erkennen. Selbst mir gegenüber, als ich ihm als junger Mann begegnete als einer der begeistertsten Wagner=Jünger, hat er...keine Bemerkung fallen lassen, die meinen Enthusiasmus verletzt hätte...

      Aussee, 7. August 1904. >>zit. v. anno.onb.ac.at<<
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • 13.09.1944 - Die "satirische Wochenzeitschrift" Simplicissimus erscheint letztmals...

      Otto Julius Bierbaum >1865/1910<, in Leipzig aufgewachsen, seit 1893 in Berlin, seit 1897 in München lebend, ist zwar nie im Leitungsteam dieser Zeitschrift gewesen, dürfte jedoch, zweitweise wenigstens, zum engeren Kreis der Mitarbeiter gehört haben... Hier von ihm jedoch kein "Simplicissimus"-Text: diese (ihier stark gekürzte) Quasi-Laudatio auf Dostojewski erschien erstmals 1914 . . .

      Vielleicht ist Nietzsche ein sublimes Ende und Dostojewski ein riesiger Anfang; jener das Ende der westlichen: europäischen, auf der Antike beruhenden Kultur, dieser der Anfang der östlichen: russischen, die von Byzanz stammt. Das Künstliche in der Erscheinung Nietzsches läßt dieses bange, ja tragische Gefühl aufkommen, und die beklemmende Wucht, mit der uns der slawische Byzantiner D. entgegentritt als Fürsprech einer ungeheuren, uns trüb chaotisch erscheinenden Masse von urchristlichen Barbaren, verdichtet diese Empfindung zu einer nebligen Beängstigung... Das Wort Weltliteratur, zum ersten Male von Goethe ausgesprochen und zwar im Sinne eines deutschen Kultur-Postulats, darf keiner als beherzigt im Munde führen, der...nicht auch diesen wahrhaft großen Modernen kennt... Je intensiver wir fühlen, daß (dessen Welt) nicht die unsere ist und daß wir uns in der unseren bestärken müssen gegen sie, um so nützlicher wird uns die Bekanntschaft mit ihr werden ohne doch dadurch an Reiz einzubüßen.

      Denn das ist das Wunderbare an D.: er verletzt nicht. Er ist zu groß dazu. Er kann bedrücken, wie Gewitterluft bedrückt, aber er entschädigt dafür durch herrliche Entladungen des souveränen Genies. Doch dieses ist nicht der Hauptgrund, weshalb bei ihm das, was uns unsympathisch, fremd pathologisch berühren könnte, schließlich als Reiz wirkt. Der Hauptgrund liegt im Elementaren der Anlage und Darstellung. Es wäre verkehrt, zu sagen, daß D. das habe, was man reine Objektivität nennt. Er ist vielmehr tendenziös, aber er ist es in so kolossaler Art, wie es nur ein Genie sein kann, dessen verstandesmäßige Absichten nicht als Absichtlichkeiten, sondern als Selbstverständlichkeiten seines jeweiligen Stoffes zutage treten. Man weiß bei ihm schon nach den ersten Seiten gleich das "Wie und Wann", genau wie bei Shakespeare. Mit anderen Worten: Er hat die geniale Naivität der Tendenz...

      Lange Zeit (ist) so gut wie ganz übersehen worden, daß dieser mächtige Zauberer, der zu spannen und zu überraschen versteht wie Balzac, nicht bloß ein höchst interessanter Schilderer russischer Zustände..., sondern ein bewußter Apostel der innerlichsten Kräfte des russischen Volkes ist, von dem er die tiefe Überzeugung hat, daß sie...die westliche Kultur in ihrer jetzigen Richtung brechen und...zu etwas Neuem umbilden werden. Sein Glaube ist, daß am russischen Wesen die Welt einmal genesen soll, denn für ihn ist der Westen krank, die russische Oberschicht davon angesteckt und nur das russische Volk gesund. Es wurde das nicht bemerkt, weil sein Apostolat viel weniger das eines Predigers, als das eines Gestalters ist und weil seine Kunst der Gestaltung die ganz seltene Kraft hat..., daß sie oberhalb aller Meinungen...aus ungeheurem Überflusse schafft: Gerechte und Ungerechte, Weise und Toren, Gesunde und Kranke, Ehrfurchtgebietende und Alberne, - alle mit der gleichen Gelassenheit ihren Weg verfolgen lassend und nur in der Auswage des Ganzen zu einer Weltharmonie einen höheren Sinn fühlend und wollend...

      Aus D. spricht Christus, und man muß sehr weit zurückgehen..., um bis zu einem zu gelangen, aus dem er so mächtig gesprochen hat, wie aus ihm. Ich für meinen Teil gelange bis zu Franz von Assisi. Und doch wird ein Deutscher, wie christlich er auch empfinden möge..., kaum mit gutem Gewissen sagen können, daß dieser Christus der seine ist; ja er wird diesen Christus als ein Zerrbild des seinen empfinden, und wahrscheinlich wird er erklären, es sei ein mit inbrünstiger Gewalt entstellter Christus: unheimlich und gespenstisch...

      Dennoch ist dieser Christus von einer furchtbaren Echtheit... Und auch der unsere, selbst den nicht ausgenommen, den die starke Seele des ehemaligen Mönchs Martin Luther gesehen hat, wirkt klein daneben: als eine Kompromißgestalt, zugeschnitten auf die religiösen Bedürfnisse von Völkern, zu denen die Lehre des Nazareners als etwas Fremdes gekommen ist. Der Russe D. aber...hat ihn mit russisch-mystischer Inbrunst in tausend Gestalten >lauter Ausstrahlungen seines russischen Herzens< zerlegt, wiedergeboren und zum künstlerischen Ereignis gemacht, das nicht bloß für Rußland, ja für dieses urchristliche Land weniger als für uns ein Ereignis ist. Dies muß man sich, will man das Phänomen D. in seiner ganzen...Bedeutung verstehen, immer wieder vergegenwärtigen. Hie Nietzsche, dessen Zarathustra die alten Tafeln >die vom Sinai< zerbricht, hie Dostojewski, der aus seinem russischen Herzen den Ur-Christus aufrichtet. In diesen beiden...verkörpert stehen sich zwei wirkliche Weltmächte gegenüber: ein ungeheures Schauspiel, dessen Perspektive wir heute nur ahnen, nicht übersehen können...

      Die Wehleidigkeit, die sich gern ästhetisch drapiert, wo sie nichts weiter ist, als Sentimentalität im seichtesten Sinne, wird sich über die Grausamkeit beklagen, mit der D. manchmal zu scherzen beliebt, indem er Trauriges, ja Tragisches zum Untergrund seiner Späße macht, - aber eben darin liegt das genial Eigentümliche des scherzenden D., daß sein...Humor das Maß landläufig munterer Gefühle überschreitet, daß seine Komik zur Groteske und Karikatur wird, wie die der Alten. Unsere wohltemperierten Humoristen...haben sich leider von den dunklen Quellen allen Humors so weit entfernt, daß sie glauben, Humor sei identisch mit dem, was sie Optimismus nennen... Sie fälschen das Leben, indem sie es als etwas "Lustiges" hinstellen. Wenn sie sich schon nicht an D. ein Muster nehmen wollen >oder an Shakespeare, Cervantes, Rabelais<, so sollten sie wenigstens Wilhelm Busch nacheifern, der freilich in der Grausamkeit und pessimistischen Resignation etwas zu weit geht... >>zit. v. gutenberg.spiegel.de<<

      Die vier bekanntesten sich auf Dostojewski beziehende Kompositionen dürften sein: "Der Spieler (S.Prokofjew, Oper, frz. UA 1929), "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" (L.Janacek, Oper, UA 1930), "Der Großinquisitor" (B.Blacher, Oratorium, 1947) sowie "Der Idiot" (M.Weinberg, Oper, 1991)
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • 15.09.1789 - Geburtstag von James Fenimore Cooper

      Unser Geburtstagskind (der Allgemeinheit vermutl. allenfalls bekannt als Verfasser der - ursprünglich fünfbändigen - "Lederstrumpf-Erzählungen") soll einer der ersten amerikanischen Intellektuellen gewesen sein, der eine mehrjährige Bildungsreise nach Europa unternommen hat. Von dieser berichtet u. a. seine zweiteilige Veröffentlichung "Wanderungen in Italien". Hier eine kleine "Collage" aus den Briefen fünfzehn und sechzehn des ersten Teils - die zahlreichen Umstellungen und Auslassungen sind nicht gekennzeichnet, Coopers Ausdrucksweise ist jedoch unverändert übernommen...

      Die Schweiz setzt in Erstaunen, und entzückt oft durch die Verschmelzung des Ländlichen mit dem Erhabenen; die Italienische Natur zieht dagegen immer mehr und mehr an, bis man sie zuletzt wie eine Freundin liebt. Diese Landschaften wirken so mächtig auf den Beschauer, als wären ihnen Leben und Seele eingehaucht. Sie rufen in dem Geiste eine Fluth von Empfindungen hervor, die von den gewöhnlichen Gefühlen des Staunens und der Bewunderung eben so sehr verschieden sind, als die Ideen, welche durch eine schöne Landschaft von Claude Lorrain genährt werden, verglichen mit den Träumereien, in die wir bei einem Salvator Rosa versinken. Die Vergeistigung Italienischer Natur unterscheidet sie eben so sehr von anderen Gegenden, als dieselbe Eigenschaft den Mann von Gefühl und Verstand von gewöhnlichen Menschen auszeichnet.

      Die Insel (Ischia) ist vulkanisch, und Lavablöcke, die so frisch aussehen, als die am Fuße des Vesuvs, liegen auf der Küste zerstreut. Dennoch spricht keine Tradition davon, daß hier einst ein (thätiger) Vulkan existierte. Diese sichtlichen Beweise von der Unvollkommenheit unserer Erinnerungen und von der Alles verwischenden Macht der Zeit, führen nothwendig dahin, über manche Sachen andere Ansichten zu erzeugen. So beginnen jetzt Philosophen und Theologen die Möglichkeit einzusehen, daß die Welt unendlich älter ist, als die gewöhnlichen Auslegungen der Mosaischen Bücher uns früher annehmen ließen. Damit will ich jedoch keineswegs sagen, daß ich die Lava von Ischia für uralt halte, und für die geologischen Erscheinungen auf der Oberfläche der Erde, die ich kenne, reichen die fünftausend Jahre, welche die Bibel annimmt, auch vollkommen aus.

      Etwa halbwegs zwischen dem Golf von Salerno und der Bucht von Neapel, liegt ein zweites Camaldoli. Letzthin hatte ich einen genußreichen Morgen, als ich dieses Kloster zu Fuß und allein besuchte. Es war ein Sonntag, der Wind blies gerade kühl genug, um angenehm zu sein, und den Gliedern neues Leben einzuhauchen. Unmöglich kann ich Ihnen die eigentliche Natur der Gefühle, die mich an diesem Morgen bewegten, beschreiben. Es war ein Tag des Herrn, und die Natur schien zugleich mit den Menschen dessen Feier zu begehen. Eine heitere Ruhe hatte sich über die Ebene ausgebreitet, als ob die vegetabilische Welt sich mit der animalischen vereinige, um den großen Schöpfer des Alls anzubeten.--- Hätte ich den Auftrag erhalten, die Klöster aufzuheben, so würde ich meine Arbeit in den Städten begonnen haben, die Abteien auf den Höhen hätte ich verschont. Man sollte glauben, daß die Bewohner solcher Orte Gott vom Morgen bis zum Abend anbeten müßten. Und doch ist dem nicht so, denn der Mensch wird zuletzt eben so sehr gegen eine edle Gesinnung, als gegen eine schöne Aussicht abgestumpft. So viel ist wenigstens gewiß, der Teufel kann so gut klettern, als schleichen, wenn auch die meisten unserer Amerikanischen bösen Geister zum genus Dämon, species Kriechthier, gehören mögen.--- Ich verließ die herrliche Einsamkeit mit dem Gefühle, daß ich wohl ein Mönch werden, und hier mein ganzes Leben zubringen könnte.

      Der Sirocco machte uns einen langen Besuch, und zwei bis drei Wochen lang hatten wir nichts, als starke Südwinde, die gelegentlich von Regen begleitet waren. Der Einfluß dieser Winde macht sich in Italien auf eine höchst unangenehme Art geltend. An einem oder zwei Tagen, an denen der Sirocco am stärksten wehte, schien das Haus unter mir zu rollen, wie ein Schiff auf dem Meere; zu solchen Zeiten ist die Abspannung des Geistes wirklich traurig, und läßt sich nur mit jener Stimmung vergleichen, die ein Londoner Novembertag hervorruft.

      Vor einiger Zeit sah ich einen Priester die Straße, welche nach dem Landungsplatze führt, heraufkommen. Ein anderer Geistlicher begleitete ihn, und beide sangen ein frommes Lied. In einer geringen Entfernung folgte ihnen einer der schwärzlichen, nacktbeinigen Fischer des Orts, der auf dem Kopfe einen flachen Weidenkorb trug, in welchen die Fische gewöhnlich gelegt werden. Dieses Mal schien ein reicher Fang darin zu ruhen. Da der Fischer immer hinter den Geistlichen etwas zurückblieb, so vermuthete ich, daß diese ein kirchliches Geschäft verrichteten, und der Andere deshalb bei ihnen nicht vorbeigehen wollte. Die Neugier bewog mich, das Herannahen der Gesellschaft abzuwarten, und jetzt entdeckte ich, daß das Lied, welches die Geistlichen sangen, ein Todtengesang war. In dem Korbe lag nämlich die Leiche eines kleinen Mädchens von sechs Jahren. Sie war weiß gekleidet, mit hellfarbigen Bändern geschmückt, und auf dem Munde ruhte ein Blumenstrauß. Die Blüthen bildeten einen sonderbaren Kontrast mit der blassen Farbe der Todten. Ich rief einen Florentinischen Diener herbei, und verlangte eine Erklärung. Das Mädchen war die Tochter des Fischers, dieses ihr Leichenbegängnis. Ich hörte, daß der Leichnam in ein Gewölbe gelegt würde, das alle Diejenigen aufnähme, welche man auf dieselbe Weise zur Ruhe bestatte.-- Ich wohnte dieser Ceremonie nicht bei; denn ich halte es für unschicklich, wenn die Neugier eines Reisenden sich aufdrängt. >>n. d. Englischen v. Dr.Friedr.Steger (1811/1874); Verl. v. G.Westermann: Braunschweig 1838<<

      zit. v. archive.org
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki