Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 05.09.1836 - Todestag von Ferdinand Raimund

      ...mal wieder aus einem Lexikonartikel des hier bereits mehrfach zitierten Constantin von Wurzbach. Seine Ausführungen über F. R. sind seine umfangreichsten, die mir bisher untergekommen sind - nicht weniger als dreizehn Abschnitte... In Nr. 7 ("Raimunds Charakteristik als Dichter") stellt Wurzbach entsprechende Aussagen und Einschätzungen diverser zeitgenössischer Literaturkritiker zusammen. Die (eigtl. fünf, hier vier) Zitierten sind (i) Rudolf Gottschall >1823/1909<, (ii) Hermann Meynert >1808/1895<, (iii) Heinrich Kurz >1805/1873< und (iv) Wolfgang Menzel >1798/1873<.

      (i) Während die aristophanische Posse von namhaften Dichtern und Gelehrten gepflegt wurde, bereicherten Schauspieler die Bühne mit (deren) zweiten Gattung, welche wir die moralisch-sentimentale nennen möchten, und welche das Volk zu elektrisiren verstand. Sie vermischt...Scherz und Ernst, zieht Himmel und Erde in ihre Kreise und setzt dabei immer eine Moral in Scene, deren praktische Brauchbarkeit...auf Lebensverhältnisse nahe liegt. Das Glück, die Fortuna, ist (deren) eigentliche Göttin, und ihre...mannigfach modificirte Moral: daß...die innere Zufriedenheit() nicht von äußeren Glücksverhältnissen abhängig ist. Dem französischen Fortuna-Macher wird das...dauernd gegenwärtige Glück in den Tiefen des Gemüths entgegengestellt... Wenn bei den Franzosen der Nachdruck auf dem Rechte der Arbeit und auf den Forderungen liegt, welche auf eine Verbesserung der äußeren Lagen hinzielen, so liegt er bei den Deutschen auf dem Glücke der Arbeit und auf der inneren Befriedigung, welche sie gewährt; dort herrscht die praktische, juristische, national-ökonomische Wendung, hier die gemüthliche, sittliche, religiöse. Charakteristisch für die Form (der letzteren) ist das sangbare, bald humoristische, bald sentimentale Couplet, der Wechsel von Versen und Prosa, duftigste Poesie nach Art des "Sommernachtstraums" und derber hausbackener Realismus... Der Schöpfer dieser Gattung ist F. R.

      (ii) Bei all' den Fehlern, an welchen seine Stücke mehr oder weniger kränkeln, ist ihnen...echte Poesie, vor Allem aber Originalität nicht abzusprechen. Auf wunderbare Weise versteht er das...Alltägliche und Natürliche mit dem Uebersinnlichen und Fabelmäßigen, das Niedrig-Komische mit dem Pathetischen..., das Lächerliche, Läppische mit dem Hochtragischen, und das antike Märchenhafte mit...der compactesten Wirklichkeit zu verschmelzen. Seine Stücke bilden...eine unwillkürliche Ironie ihrer selbst: sie erzählen es...unbefangen, daß sie uns belügen wollen, und während andere Dramatiker das Natürliche dem Wunderbaren nahe zu bringen und die Körperwelt zu vergeistigen streben, strebt R. umgekehrt, das Wunderbare dem Natürlichen anzunähern und das Geistige grob zu verkörpern, kurz...(dem Uebersinnlichen) das Gespenstergewand der dichterischen Fabel abzureißen. Er frivolisiert Alles, das Entsetzliche wie das Erhabene.

      (iii) Raimund's...nicht genug anerkanntes Verdienst besteht darin, daß er das Volksschauspiel aus der Versunkenheit...wieder emporhob, daß er...neben (des Volkes) unerschöpflichem reinen Humor, der in den meisten Volksschauspielen durch gemeinen Straßenwitz verdrängt worden war, auch dessen...Gefühl für alles wahrhaft Edle und Schöne zur künstlerischen Anschauung brachte. In tiefer Erkenntniß...wählte er märchenhafte Stoffe, die dem Volke noch weit näher liegen, als man sich gewöhnlich einbildet; und wie Carlo Gozzi, ja in noch glücklicherer Weise, verstand er die Märchenwelt mit den Zuständen unserer Zeit in die innigste Verbindung zu bringen. Während uns (erstere) in den Darstellungen der Romantiker...immer als...eine der Wirklichkeit fremde Abstraction, als ein verlorenes Paradies entgegen tritt, die wir zwar ahnen, aber uns nicht aneignen können: erscheint sie bei R. in aller jugendlichen Frische und Wahrheit, wie sie sich nur im ewig jungen Gemüth des Volkes abspiegeln kann... Wie großartig seine Gestaltungsgabe war, zeigt sich nicht blos darin, daß alle seine Personen...die vollkommenste Individualität und Lebensfähigkeit besitzen, sondern ganz besonders darin..., wie uns...in seinen Dramen (allegorische Figuren,) die Hoffnung, die Jugend, das Alter in solcher Leibesfülle erscheinen, daß wir, wie ein Kritiker richtig bemerkt, "wider unsern Willen gezwungen werden, an sie zu glauben."

      (iv) R. verstieg sich in eine höhere Sphäre der Romantik, und seine Singspiele "Der Alpenkönig", "Der Bauer als Millionär", "Der Verschwender" sind so...echte Poesie, daß ich sie zu den trefflichsten zähle, was unsere Bühne in der heitern Gattung besitzt. Dazu Wenzel Müller's immer herzliche und fröhliche Musik. Die ernstgestimmte Seele kann keine wohlthätigere Zerstreuung finden, als wenn sie sich dieser lachenden Feerei ((?)) hingibt, hinter deren hinreißender Lustigkeit eine tiefe Menschenkenntniß...erkannt wird... (Ohne die Eigenthümlichkeit der Leopoldstädter Theatermanier) zu verfälschen, hat er sie doch dadurch veredelt, daß er die Gemüthlichkeit, derer sie fähig ist, in's glänzendste Licht setzte... Das Rührende (hat R.) - ohne alle Prätension - auf so natürliche Weise mit dem Lustigen verbunden, daß kaum Englands Bühne einen so wohl gelungenen Humor aufweisen kann

      (iv) Indem...das Reich der ungebundesten Phantasie mit der Alltäglichkeit...bunt vermischt wird, muß das gemeine Leben...so eng als möglich begrenzt sein... Modern Gebildete würden bei weitem nicht so gut mit jener Geisteswelt contrastiren, als es Bürger und Bauern thun, die...in einem engen Kreis von Gewöhnungen sich bewegen. Nur aus diesem Grunde hat schon Aristophanes Localsitten...mit Phantasterei contrastirt; die italienischen Masken und Gozzi sind demselben Gesetz gefolgt, und das Leopoldstädter Theater hat nur aus derselben Ursache so viel Glück gemacht.

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    • 07.09.1905 - Die Wochenzeitschrift "Die Schaubühne" (ab 04.04.1918 "Die Weltbühne") erscheint erstmals

      Bis zu ihrem Verbot nach dem Reichstagsbrand 1933 sollen c. 2500 (!!) Autoren für sie geschrieben haben. Leiter des Blattes war seit Mai 1927 Carl von Ossietzky

      Peter Panters (aka Kurt Tucholskys) Polemik "Maienklang und die soziologische Situation" erschien in der Ausgabe vom 12.07.1932, der Text "Die Kameliendame als Asta Nielsen" von Bela Balasz** am 22.05.1928... >>**Der Librettist zweier Bartok-Werke ("Der holzgeschnitzte Prinz" u. "Herzog Blaubarts Burg") publizierte seit 1919 nur noch belletristisch in seiner Heimatsprache!<<

      Der gebildete Mittelstand des neunzehnten Jahrhunderts sonderte, wenn entsprechend gereizt, lyrische Gedichte ab sowie auch Dramen - keine Biedermeier-Schublade ohne solches. Das hat man denn zum Schluß gar nicht mehr ernst genommen... Nicht Lyrik und Drama wurden lächerlich, sondern die kleinen Leute, die sich dieser Formen bedienten, um ihre Sechsergefühle auszudrücken. Sie fühlten sich durch die Klassiker angekratzt, nun rann ihre Bildungsdrüse aus, Leer klapperten die Jamben, es stelzten die Trochäen, und was Hebbel konnte, das vermeinte Herr Schuldirektor Gottschalk vom Realgymnasium in Pasewalk noch alle Tage zu können...

      Das hat sich geändert. Der gebildete, sanft abgerutschte Mittelstand sondert keine Dramen mehr ab, nur noch wenig Gedichte - er produziert in unendlichen Massen gebildeten Schmus... Der Kram häuft sich zu Büchern. Viele Leute reden sogar in diesem vertrackten Stil, und er hat ein untrügliches Kennzeichen: das sind...zu diesem Zweck erst erfundene Fachwörter. Die Kerle glauben, sie hätten eine Leistung vollbracht, wenn sie irgend eine Selbstverständlichkeit oder einen kleinen Gedanken mit dem Zusatz "religionspsychologisch" versehen; wenn sie "verkehrstechnisch" sagen oder wenn sie eine Überschrift "Zur soziologischen Situation des" formen...

      Ich spreche nicht von Facharbeitern: will sich einer mit den Nachfolgern Kants auseinandersetzen, dann muß er die überkommenen Fachausdrücke anwenden. Die eitle Dummheit aber, über jedem Gebiet des Lebens eine Wissenschaft zu errichten, und die dumme Eitelkeit, so zu tun, als sei man in allen diesen falschen Wissenschaften zuhause, das ist grauslich. Es besteht auch nicht der leiseste Grund, jede Untersuchung mit schmatzenden Fachausdrücken aller nur möglichen Gebiete zu beladen...

      "Ein Experiment organisieren" schreibt Bruder Brecht, aber das ist nichts als schlechtes Deutsch. Man kann etwas organisieren, zum Beispiel den Versand von Kali nach Amerika, und man kann ein Experiment machen - aber ein Experiment organisieren: das kann man nicht. Dergleichen ist hingesudelt…

      Zwischen Wonnige Stunden im Lenze! / Sonniger, duftiger Mai! / Tage der blühenden Kränze, / Seid ihr für ewig vorbei und Die Seinsverbundenheit des Wissens hält einer Analyse im anthropologischen Sinne schon deshalb nicht stand, weil die Frage Utopie und Ideologie in der gedanklichen und gesellschaftlichen Auflösung... ...ist kein Unterschied. Leer und sinnlos sind beide (Äußerungen), Äffereien von Formen, die bei andern einmal einen Sinn gehabt haben...

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      … Wir haben die Duse und die Sarah Bernhard noch als richtige Kameliendamen gesehen. Sehr verschieden, aber beide noch in der seelischen Originaltracht der romantisch-sentimentalen Dirne, die damit entschuldigt wird - weil sie ja noch entschuldigt werden muß -, daß sie gar keine Dirne, sondern eine geknickte Lilie ist. Die wunderbare Madame Pitoeff trug die Originalgestalt der Kameliendame bereits...mit Distanz und etwas Ironie im stilisierten Bühnenrahmen... Es war noch rührend wie ein altes, süßes, naives Chanson. Aber es war gewiß das allerletzte Auftreten der Marguerite Gautier...

      Jetzt erscheint sie dunkel und herb und gefährlich. Als Asta Nielsen! Sie ist gar nicht mehr schmachtend, sanft und zart empfindsam. Mit Trotz und Revolte und wütender Wucht, bisweilen fast ordinär, tritt sie jetzt auf, atemberaubend: als Asta Nielsen. Ganz ohne Lavendelduft. Die Kameliendame ist keine Dame mehr...

      (Sie) war eine der ersten Oppositionen gegen die bürgerliche Moralideologie. Aber von der bürgerlichen Seite natürlich... Nun bekommt die Gestalt das Licht plötzlich von der andern Seite. Von der Straßenseite. Vor allem merkt man jetzt, zum ersten Mal, diesem Mädchen ihren Beruf an... Der Text bleibt diskret, wie er war, aber Marguerites Stimme hat jetzt jenen gewissen heisern Unterton der abgehärteten, sachlichen Handwerkstüchtigkeit...

      Aber sie erwischt es doch. Die Liebe. Nein, keine selig aufgelöste Verklärung. Diese Marguerite bekommt die Liebe von Armand, als wenn sie die Syphilis bekommen hätte. Ein Pech ist das. Eine Katastrophe. Nun ist ihr alles egal. Jetzt will sie wenigstens etwas davon haben. Das riecht nicht nach Lavendel, das riecht nach blutendem Fleisch. Eine wilde, verzweifelte Gier, fiebernd, krank und wie im Kokainrausch..

      Und als der Vater da kommt und ihr Vorwürfe macht, ist diese Marguerite Nielsen weder gerührt noch opferwillig... Und beschimpfen läßt sie sich schon gar nicht. Aus gereiztem Hochmut, in aufbrausendem Dirnenstolz wirft sie den Alten samt seinem Söhnlein hinaus.

      Dann schreibt Asta Nielsen den Abschiedsbrief und weint. Ganz vorne...weint sie wirkliche Tränen aus blutunterlaufenen Augen... Die verprügelte und bestohlene Dirne. Von den vornehmen und feinen Bürgersleuten um ihr bißchen Glück gebracht.

      Und dann ihr Sterben! Kein poetisch-sanftes Hinwelken, kein wehmütig verklingender Ton. Ein angeschossenes Raubtier bäumt sie sich wütend auf gegen den Tod... Und hochgereckt mit offenem Mund fällt sie um. Wie ein Baumstamm, abgehackt...

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    • 11.09.1825 - Geburtstag von Eduard Hanslick

      Diesen ("Eduard Hanslicks Lebenswerk" überschriebene) Nachruf - aus dem hier nur sehr ausschnittsweise zitiert werden kann - hat der Musikwissenschaftler Guido Adler >1855/1941< einen Tag nach dessen Tod für die (Wiener) "Neue Freie Presse" verfasst . . .

      Das Feuilleton ist eine literarische Leistung... Und darin war E. H. Meister. Die Wertbemessung solcher Leistung richtet sich danach, ob nicht nur die Fachleute...darin Anregung...finden, sondern ob ein weiterer Kreis von...solchen, die an ihrer Bildung...arbeiten, davon angezogen wird... Dies war in höchstem Grade bei (ihm) der Fall... Nicht selten hörte ich von manchem: "Ich verstehe zwar gar nichts von Musik; aber die Feuilletons von H. lese ich gerne."

      (Man kann von ihm als Kritiker und als Mann das Wort anwenden, welches Goethe über die Kritiker der französischen Zeitschrift "Le Globe" sagt: "Die Mitarbeiter sind Leute von Welt, heiter, klar, kühn bis zum äußersten Grade.") H. war ein Vertreter der "Gaya scienza", der fröhlich-freudigen Wissensbereicherung. Dabei mischte sich nicht selten...ein Witz dazu, der ätzend und scharf war...und dabei Empfindlichkeiten hervorrief und traf. Abgesehen von dieser Schärfe hatte (sein) Stil große Vorzüge: eine knappe Ausdrucksweise, die zu vergleichen ist mit derjenigen der besten juristischen Schriftsteller... Als Jurist hatte er ja auch seine Laufbahn begonnen...

      In der Schrift "Vom Musikalisch=Schönen" läßt sich (sein) Wesen so recht erkennen. In ihrer...Zurückweisung der Gefühlsschwelgerei...hat sie reinigend...wie ein Arzneimittel gewirkt. In der Zeit des Hervordrängens der Programmusik bildete sie einen festen Halt für die Musiker und Musikfreunde, die am Rein=Musikalischen Erhebung und Befriedigung finden. Sie erreicht dies, wie es...dem Charakter des Feuilletons nahe kommt, nicht durch systematische Darstellung, sondern durch eine Reihe geistvoller Apercus… (Dieses anregende Büchlein) hat...auch eine gewisse symptomatische Bedeutung gewonnen, indem seine Devise "die Musik ist tonerfüllte Form" auf das Panier der Partei geschrieben wurde, welche sich jenen entgegenstellte, die in der Musik nur Ausdruck und Schilderung suchen und finden...

      H. stand zeitlebens auf dem Boden der Kunst der Wiener Klassiker... Den Werken der dritten Periode Beethovens, welche Wagners "Kunstwerk der Zukunft" zeitigten, stand er...mit einer gewissen Abneigung gegenüber. Darin traf er mit so vielen...trefflichen und hochgebildeten...Künstlern und Kunstfreunden zusammen. In seiner Jugend hatte (er) für Berlioz geschwärmt und auch für Wagners Werke der mittleren Periode; besonders für "Tannhäuser" hatte er sich mit Begeisterung eingesetzt. Je weiter sich die neudeutsche Richtung von ihrem Ausgangspunkte entfernte, desto heftiger wurde (seine) Opposition...

      (Es waren innere Gründe, die...in Wagners letzter Periode zu jener melodischen Ausgestaltung führten, die der Forderung nach formaler Abrundung zu widersprechen schien. Im Kampfe der Parteien wurde übersehen, daß dieser behauptete Mangel nur...dem Scheine nach vorhanden war... Die "unendliche Melodie" Wagners ist durchaus keine asymmetrische, keine unproportionierte... Tiefere Untersuchungen über das Formungsprinzip Wagners waren >>jedoch<< noch nicht angestellt...)

      Neben der Bewunderung für (dessen) Persönlichkeit waren es besonders zwei Umstände, welche dazu beigetragen haben dürften, daß H. unentwegt für die Brahmssche Kunst eintrat... Vorerst (der, daß H. in Brahms einen Vertreter...der "tonerfüllten Form" sah... Der zweite Umstand ist) jener sinnige Zug des Tonsetzers..., der ihn nach Wien führte und hier mit den Weisen Schuberts in Cisleithanien und der Zigeuner in Transleithanien einen Bund schließen ließ... Die tiefgründigeren Stellen...fanden in H. schwächeren Widerhall. Für jene Werke, in denen Brahms an...Händel und Bach sich anschließt oder an die Acapellisten des sechzehnten Jahrhunderts, konnte (er) sich nicht erwärmen. ((Cis- resp. Transleithanien: inoffizielle Bezeichnungen für den nördlichen u. westlichen resp. den südlichen Teils Österreich-Ungarns.))

      Für das Unterhaltende der Auberschen Oper, für die feine Ausarbeitung und stilvolle Behandlung in den Werken von Boieldieu und anderer französischer Meister hatte er warme Empfägnis... Denjenigen Verken (Verdis), welche...mit Rücksicht auf die überkommenen Formen ausgestaltet waren(, hing er treu an). Jenes Wunderwerk des Achtzigjährigen, "Falstaff", in welchem sich der Meister...mehr an die dichterische Vorlage als an musikalische Schemen hielt, achtete H. mehr in Rücksichtnahme (dessen) hohen Alters..., als in der Erkenntnis, daß Verdi mit diesem Werke die Bahn gewiesen...

      Nach der Veröffentlichung (seiner - an sich verdienstlichen - "Geschichte des Konzertwesens in Wien" >musikgeschichtliche() Studien wurden damals...noch nicht in jener strengen Weise betreiben, wie dies jetzt der Fall ist<) wurde H. zum ordentlichen Professor der Geschichte und Aesthetik der Tonkunst an der Wiener Universität ernannt. Es war die erste ordentliche Professur für Musik in deutschen Landen. Er...sah es als seine Aufgabe an, ...in einer populärwissenschaftlichen Weise seinem Hörerkreise vorzutragen... Er fand es nicht unter seiner Würde, am Klavier dem Auditorium vorzuspielen und ein oder das andere Beispiel auch von einem Sänger vortragen zu lassen. So gelang es ihm, Studierende auf das Fach aufmerksam zu machen, die in weiterer Verfolgung desselben den Anforderungen...zu entsprechen bestrebt waren...

      In seinen Umgangsformen war er vollendeter Weltmann. Man konnte...in der zurückhaltenden Weise, wie er sich persönlich zu Gegnern verhielt, die Gesinnung seines Wesens erkennen. Selbst mir gegenüber, als ich ihm als junger Mann begegnete als einer der begeistertsten Wagner=Jünger, hat er...keine Bemerkung fallen lassen, die meinen Enthusiasmus verletzt hätte...

      Aussee, 7. August 1904. >>zit. v. anno.onb.ac.at<<
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    • 13.09.1944 - Die "satirische Wochenzeitschrift" Simplicissimus erscheint letztmals...

      Otto Julius Bierbaum >1865/1910<, in Leipzig aufgewachsen, seit 1893 in Berlin, seit 1897 in München lebend, ist zwar nie im Leitungsteam dieser Zeitschrift gewesen, dürfte jedoch, zweitweise wenigstens, zum engeren Kreis der Mitarbeiter gehört haben... Hier von ihm jedoch kein "Simplicissimus"-Text: diese (ihier stark gekürzte) Quasi-Laudatio auf Dostojewski erschien erstmals 1914 . . .

      Vielleicht ist Nietzsche ein sublimes Ende und Dostojewski ein riesiger Anfang; jener das Ende der westlichen: europäischen, auf der Antike beruhenden Kultur, dieser der Anfang der östlichen: russischen, die von Byzanz stammt. Das Künstliche in der Erscheinung Nietzsches läßt dieses bange, ja tragische Gefühl aufkommen, und die beklemmende Wucht, mit der uns der slawische Byzantiner D. entgegentritt als Fürsprech einer ungeheuren, uns trüb chaotisch erscheinenden Masse von urchristlichen Barbaren, verdichtet diese Empfindung zu einer nebligen Beängstigung... Das Wort Weltliteratur, zum ersten Male von Goethe ausgesprochen und zwar im Sinne eines deutschen Kultur-Postulats, darf keiner als beherzigt im Munde führen, der...nicht auch diesen wahrhaft großen Modernen kennt... Je intensiver wir fühlen, daß (dessen Welt) nicht die unsere ist und daß wir uns in der unseren bestärken müssen gegen sie, um so nützlicher wird uns die Bekanntschaft mit ihr werden ohne doch dadurch an Reiz einzubüßen.

      Denn das ist das Wunderbare an D.: er verletzt nicht. Er ist zu groß dazu. Er kann bedrücken, wie Gewitterluft bedrückt, aber er entschädigt dafür durch herrliche Entladungen des souveränen Genies. Doch dieses ist nicht der Hauptgrund, weshalb bei ihm das, was uns unsympathisch, fremd pathologisch berühren könnte, schließlich als Reiz wirkt. Der Hauptgrund liegt im Elementaren der Anlage und Darstellung. Es wäre verkehrt, zu sagen, daß D. das habe, was man reine Objektivität nennt. Er ist vielmehr tendenziös, aber er ist es in so kolossaler Art, wie es nur ein Genie sein kann, dessen verstandesmäßige Absichten nicht als Absichtlichkeiten, sondern als Selbstverständlichkeiten seines jeweiligen Stoffes zutage treten. Man weiß bei ihm schon nach den ersten Seiten gleich das "Wie und Wann", genau wie bei Shakespeare. Mit anderen Worten: Er hat die geniale Naivität der Tendenz...

      Lange Zeit (ist) so gut wie ganz übersehen worden, daß dieser mächtige Zauberer, der zu spannen und zu überraschen versteht wie Balzac, nicht bloß ein höchst interessanter Schilderer russischer Zustände..., sondern ein bewußter Apostel der innerlichsten Kräfte des russischen Volkes ist, von dem er die tiefe Überzeugung hat, daß sie...die westliche Kultur in ihrer jetzigen Richtung brechen und...zu etwas Neuem umbilden werden. Sein Glaube ist, daß am russischen Wesen die Welt einmal genesen soll, denn für ihn ist der Westen krank, die russische Oberschicht davon angesteckt und nur das russische Volk gesund. Es wurde das nicht bemerkt, weil sein Apostolat viel weniger das eines Predigers, als das eines Gestalters ist und weil seine Kunst der Gestaltung die ganz seltene Kraft hat..., daß sie oberhalb aller Meinungen...aus ungeheurem Überflusse schafft: Gerechte und Ungerechte, Weise und Toren, Gesunde und Kranke, Ehrfurchtgebietende und Alberne, - alle mit der gleichen Gelassenheit ihren Weg verfolgen lassend und nur in der Auswage des Ganzen zu einer Weltharmonie einen höheren Sinn fühlend und wollend...

      Aus D. spricht Christus, und man muß sehr weit zurückgehen..., um bis zu einem zu gelangen, aus dem er so mächtig gesprochen hat, wie aus ihm. Ich für meinen Teil gelange bis zu Franz von Assisi. Und doch wird ein Deutscher, wie christlich er auch empfinden möge..., kaum mit gutem Gewissen sagen können, daß dieser Christus der seine ist; ja er wird diesen Christus als ein Zerrbild des seinen empfinden, und wahrscheinlich wird er erklären, es sei ein mit inbrünstiger Gewalt entstellter Christus: unheimlich und gespenstisch...

      Dennoch ist dieser Christus von einer furchtbaren Echtheit... Und auch der unsere, selbst den nicht ausgenommen, den die starke Seele des ehemaligen Mönchs Martin Luther gesehen hat, wirkt klein daneben: als eine Kompromißgestalt, zugeschnitten auf die religiösen Bedürfnisse von Völkern, zu denen die Lehre des Nazareners als etwas Fremdes gekommen ist. Der Russe D. aber...hat ihn mit russisch-mystischer Inbrunst in tausend Gestalten >lauter Ausstrahlungen seines russischen Herzens< zerlegt, wiedergeboren und zum künstlerischen Ereignis gemacht, das nicht bloß für Rußland, ja für dieses urchristliche Land weniger als für uns ein Ereignis ist. Dies muß man sich, will man das Phänomen D. in seiner ganzen...Bedeutung verstehen, immer wieder vergegenwärtigen. Hie Nietzsche, dessen Zarathustra die alten Tafeln >die vom Sinai< zerbricht, hie Dostojewski, der aus seinem russischen Herzen den Ur-Christus aufrichtet. In diesen beiden...verkörpert stehen sich zwei wirkliche Weltmächte gegenüber: ein ungeheures Schauspiel, dessen Perspektive wir heute nur ahnen, nicht übersehen können...

      Die Wehleidigkeit, die sich gern ästhetisch drapiert, wo sie nichts weiter ist, als Sentimentalität im seichtesten Sinne, wird sich über die Grausamkeit beklagen, mit der D. manchmal zu scherzen beliebt, indem er Trauriges, ja Tragisches zum Untergrund seiner Späße macht, - aber eben darin liegt das genial Eigentümliche des scherzenden D., daß sein...Humor das Maß landläufig munterer Gefühle überschreitet, daß seine Komik zur Groteske und Karikatur wird, wie die der Alten. Unsere wohltemperierten Humoristen...haben sich leider von den dunklen Quellen allen Humors so weit entfernt, daß sie glauben, Humor sei identisch mit dem, was sie Optimismus nennen... Sie fälschen das Leben, indem sie es als etwas "Lustiges" hinstellen. Wenn sie sich schon nicht an D. ein Muster nehmen wollen >oder an Shakespeare, Cervantes, Rabelais<, so sollten sie wenigstens Wilhelm Busch nacheifern, der freilich in der Grausamkeit und pessimistischen Resignation etwas zu weit geht... >>zit. v. gutenberg.spiegel.de<<

      Die vier bekanntesten sich auf Dostojewski beziehende Kompositionen dürften sein: "Der Spieler (S.Prokofjew, Oper, frz. UA 1929), "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" (L.Janacek, Oper, UA 1930), "Der Großinquisitor" (B.Blacher, Oratorium, 1947) sowie "Der Idiot" (M.Weinberg, Oper, 1991)
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    • 15.09.1789 - Geburtstag von James Fenimore Cooper

      Unser Geburtstagskind (der Allgemeinheit vermutl. allenfalls bekannt als Verfasser der - ursprünglich fünfbändigen - "Lederstrumpf-Erzählungen") soll einer der ersten amerikanischen Intellektuellen gewesen sein, der eine mehrjährige Bildungsreise nach Europa unternommen hat. Von dieser berichtet u. a. seine zweiteilige Veröffentlichung "Wanderungen in Italien". Hier eine kleine "Collage" aus den Briefen fünfzehn und sechzehn des ersten Teils - die zahlreichen Umstellungen und Auslassungen sind nicht gekennzeichnet, Coopers Ausdrucksweise ist jedoch unverändert übernommen...

      Die Schweiz setzt in Erstaunen, und entzückt oft durch die Verschmelzung des Ländlichen mit dem Erhabenen; die Italienische Natur zieht dagegen immer mehr und mehr an, bis man sie zuletzt wie eine Freundin liebt. Diese Landschaften wirken so mächtig auf den Beschauer, als wären ihnen Leben und Seele eingehaucht. Sie rufen in dem Geiste eine Fluth von Empfindungen hervor, die von den gewöhnlichen Gefühlen des Staunens und der Bewunderung eben so sehr verschieden sind, als die Ideen, welche durch eine schöne Landschaft von Claude Lorrain genährt werden, verglichen mit den Träumereien, in die wir bei einem Salvator Rosa versinken. Die Vergeistigung Italienischer Natur unterscheidet sie eben so sehr von anderen Gegenden, als dieselbe Eigenschaft den Mann von Gefühl und Verstand von gewöhnlichen Menschen auszeichnet.

      Die Insel (Ischia) ist vulkanisch, und Lavablöcke, die so frisch aussehen, als die am Fuße des Vesuvs, liegen auf der Küste zerstreut. Dennoch spricht keine Tradition davon, daß hier einst ein (thätiger) Vulkan existierte. Diese sichtlichen Beweise von der Unvollkommenheit unserer Erinnerungen und von der Alles verwischenden Macht der Zeit, führen nothwendig dahin, über manche Sachen andere Ansichten zu erzeugen. So beginnen jetzt Philosophen und Theologen die Möglichkeit einzusehen, daß die Welt unendlich älter ist, als die gewöhnlichen Auslegungen der Mosaischen Bücher uns früher annehmen ließen. Damit will ich jedoch keineswegs sagen, daß ich die Lava von Ischia für uralt halte, und für die geologischen Erscheinungen auf der Oberfläche der Erde, die ich kenne, reichen die fünftausend Jahre, welche die Bibel annimmt, auch vollkommen aus.

      Etwa halbwegs zwischen dem Golf von Salerno und der Bucht von Neapel, liegt ein zweites Camaldoli. Letzthin hatte ich einen genußreichen Morgen, als ich dieses Kloster zu Fuß und allein besuchte. Es war ein Sonntag, der Wind blies gerade kühl genug, um angenehm zu sein, und den Gliedern neues Leben einzuhauchen. Unmöglich kann ich Ihnen die eigentliche Natur der Gefühle, die mich an diesem Morgen bewegten, beschreiben. Es war ein Tag des Herrn, und die Natur schien zugleich mit den Menschen dessen Feier zu begehen. Eine heitere Ruhe hatte sich über die Ebene ausgebreitet, als ob die vegetabilische Welt sich mit der animalischen vereinige, um den großen Schöpfer des Alls anzubeten.--- Hätte ich den Auftrag erhalten, die Klöster aufzuheben, so würde ich meine Arbeit in den Städten begonnen haben, die Abteien auf den Höhen hätte ich verschont. Man sollte glauben, daß die Bewohner solcher Orte Gott vom Morgen bis zum Abend anbeten müßten. Und doch ist dem nicht so, denn der Mensch wird zuletzt eben so sehr gegen eine edle Gesinnung, als gegen eine schöne Aussicht abgestumpft. So viel ist wenigstens gewiß, der Teufel kann so gut klettern, als schleichen, wenn auch die meisten unserer Amerikanischen bösen Geister zum genus Dämon, species Kriechthier, gehören mögen.--- Ich verließ die herrliche Einsamkeit mit dem Gefühle, daß ich wohl ein Mönch werden, und hier mein ganzes Leben zubringen könnte.

      Der Sirocco machte uns einen langen Besuch, und zwei bis drei Wochen lang hatten wir nichts, als starke Südwinde, die gelegentlich von Regen begleitet waren. Der Einfluß dieser Winde macht sich in Italien auf eine höchst unangenehme Art geltend. An einem oder zwei Tagen, an denen der Sirocco am stärksten wehte, schien das Haus unter mir zu rollen, wie ein Schiff auf dem Meere; zu solchen Zeiten ist die Abspannung des Geistes wirklich traurig, und läßt sich nur mit jener Stimmung vergleichen, die ein Londoner Novembertag hervorruft.

      Vor einiger Zeit sah ich einen Priester die Straße, welche nach dem Landungsplatze führt, heraufkommen. Ein anderer Geistlicher begleitete ihn, und beide sangen ein frommes Lied. In einer geringen Entfernung folgte ihnen einer der schwärzlichen, nacktbeinigen Fischer des Orts, der auf dem Kopfe einen flachen Weidenkorb trug, in welchen die Fische gewöhnlich gelegt werden. Dieses Mal schien ein reicher Fang darin zu ruhen. Da der Fischer immer hinter den Geistlichen etwas zurückblieb, so vermuthete ich, daß diese ein kirchliches Geschäft verrichteten, und der Andere deshalb bei ihnen nicht vorbeigehen wollte. Die Neugier bewog mich, das Herannahen der Gesellschaft abzuwarten, und jetzt entdeckte ich, daß das Lied, welches die Geistlichen sangen, ein Todtengesang war. In dem Korbe lag nämlich die Leiche eines kleinen Mädchens von sechs Jahren. Sie war weiß gekleidet, mit hellfarbigen Bändern geschmückt, und auf dem Munde ruhte ein Blumenstrauß. Die Blüthen bildeten einen sonderbaren Kontrast mit der blassen Farbe der Todten. Ich rief einen Florentinischen Diener herbei, und verlangte eine Erklärung. Das Mädchen war die Tochter des Fischers, dieses ihr Leichenbegängnis. Ich hörte, daß der Leichnam in ein Gewölbe gelegt würde, das alle Diejenigen aufnähme, welche man auf dieselbe Weise zur Ruhe bestatte.-- Ich wohnte dieser Ceremonie nicht bei; denn ich halte es für unschicklich, wenn die Neugier eines Reisenden sich aufdrängt. >>n. d. Englischen v. Dr.Friedr.Steger (1811/1874); Verl. v. G.Westermann: Braunschweig 1838<<

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    • Dresden, ab 24.09.1906 - Die Künstlervereinigung "Die Brücke" macht mit ihrer ersten großen Ausstellung auf sich aufmerksam
      >Die Unternehmung wird ein kapitaler Misserfolg :huh: <

      "Einmal brachte (Gründungsmitglied Ernst Ludwig) Kirchner aus einer Bibliothek einen Band von Julius Meier-Graefe >1867/1935< über moderne französische Kunst mit. (Fritz) Bleyl sagte dazu: 'Wir waren begeistert'" (v. wikipedia.org). Um welche Veröffentlichung es sich hierbei gehandelt hat, dürfte nur noch schwer zu ermitteln sein... Hier jedenfalls (zit. v. archive.org - die zahlreichen Auslassungen sind nicht gekennzeichnet!) einige Gedanken Meier-Graefes zu Camille Corot und Paul Cezanne......

      Wer Corot ungenügende Zeichenkunst vorwirft, tadelt auch an Velasquez, Rembrandt und Rubens diesen vermeintlichen Mangel.

      "Confiance et conscience" war seine Parole, zwei Worte, die für ihn im Grunde dasselbe bedeuteten, denn er bezog die conscience nur auf den eigenen Maßstab, die eigene Empfindung. Nichts anderes ließ er gelten, an nichts anderes denken, auch nicht an die alten Meister. Kind sein, die Augen aufmachen, träumen, et voila.

      Während der zwei Jahre seines Aufenthalts in Rom ging er kein einziges Mal in die Sixtina, und als er 15 Jahre später zurückkehrte, ließ ihn Michelangelo kalt. Also nicht der Umriß war seine Sache, und wie sollte es auch bei einem Künstler sein, für den es in der Natur im Grunde nur Töne gab, der aber mit dem Ton alles zu schaffen wußte. Seine Zeichnungen setzen sich aus zaghaften Kritzeleien zusammen. Man findet zuweilen kleine Kreise und Quadrate, die seine Stenographie darstellen. Der Kreis besagt Helligkeit, das Quadrat Schatten. Niemandem wird einfallen, solche Notbehelfe mit meisterhaften Zeichnungen zu vergleichen, und insofern hatte die Kritik recht, daß er "schlecht" zeichnete. Sobald er aber den Ton auf das Papier ließ, wurde es anders. Mit drei Flecken Schatten und ebenso vielen Strichen machte Corot eine Landschaft. "Was es in der Malerei zu sehen gibt," sagte er einmal, "oder vielmehr, was ich suche, ist die Form, das Ganze, das Gleichgewicht der Töne. Die Farbe kommt für mich erst nachher"

      Es ist kein sehr merklicher Unterschied zwischen den ersten römischen und den vorher in Frankreich entstandenen Bildern. Der Stil scheint mehr in der Wahl des Sujets, im Ausschnitt, weniger in der Mache zu stecken. Aber unter diesem Schein verbirgt sich der ganze Corot. Tatsächlich hat er aus mancher Landschaft der ersten römischen Zeit ein viertel Jahrhundert später die Szene zauberischer Feste geschaffen. Die Zeichnungen dieser >römischen< Zeit sind die korrektesten, die er je gemacht hat, zuweilen von rührendem Fleiß, um die Einzelheit genau zu erfassen. Aber schon damals spielte die Hand ihm den Streich, mehr zu wollen, als das Auge aufnahm. Aus den Felsen wurden von selbst Terrassen, die Baumgruppen fließen in geschwungenen Linien zusammen, der Rhythmus bildet sich.

      Er ist fleißig des Sonntags in das Haus Gottes gegangen und hat dort sogar viele Bilder gemalt. Die Kirche aber, in der er sicher am liebsten betete und malte, lag draußen im Freien. Die Pfeiler waren seine geliebten Bäume, die Sonne machte die Predigt, die Vögel den Gesang und die frommen Engel wurden zu tanzenden Bajaderen.

      <= aus "COROT und COURBET... Insel - Verl.: Leipzig 1905"

      Wenn man von van Gogh absieht, hat niemand in der modernen Kunst an die Geschmeidigkeit des ästhetischen Aufnahmevermögens stärkere Zumutungen gestellt als Cezanne.

      Jede Kunst ist Übertreibung in irgend einem Sinne; hier frappiert, daß sich der Sinn versteckt. Wenn ich einen schönen schwarzen Katzenbuckel sehe, so habe ich manchmal eine sehr angenehme Empfindung; es ein Tastgefühl in Verbindung mit der Freude an der, durch die einzelnen kaum wahrnehmbaren Härchen vertieften, Schwärze. Es trifft sich zufällig, daß die Katze in einem Zimmer oder vor einer merkwürdig kahlen Mauer steht. Außerdem leuchten ihre Augen dazwischen, ohne daß ich sie sehe, und die schlanken Beine bewegen sich, ohne daß meine Augen darauf achten. Alles das gibt das Schwarz des Katzenfells.

      Aber wie ist so etwas im Bilde möglich? Das latente Tastbedürfnis scheidet aus, das bei Katzenliebhabern keine geringe Rolle spielt, und trotzdem habe ich hier ein noch stärkeres Lustgefühl. Die Bewegung scheidet aus, es handelt sich um ein blödes Stilleben; trotzdem fühle ich förmlich, wie etwas in meiner Pupille lebhaft zuckt, wie angesteckt von einer in einer höheren Dimension stattfindenden Bewegung. Es fehlt auch die merkwürdige, zufällige Wandwirkung des Zimmers, die der Katze zugute kam, weil sie dem Schwarz eine Menge kleiner Gegensätze gab; hier ist es eine große, platte Fläche, die gleich in den Rahmen läuft, und trotzdem findet sich in dem Bild, in den drei oder vier Farben eine Fülle unendlich gesteigerter Gegensätze.

      Man könnte Cezannes Koloristik mit einer Art Kaleidoskop vergleichen, in dem das Gesehene zusammengeschüttelt wird; und er schüttelt so, daß Mosaikbilder daraus werden von ungeheuerlich kräftigen Farbenkontrasten. Die Zusammenhänge scheinen fast versehentlich zu entstehen, und trotzdem gehört das Ganze auf fast unheimliche Art zusammen. Seine Harmonien sind so stark, daß man versucht ist, zu glauben, es wäre der Farbe eine ähnliche starke überzeugende Macht gegeben wie der rhythmischen Linie.

      Der Zufall kann unmöglich ungeschickter so ein paar Äpfel und Birnen auf einen Tisch rollen lassen wie er sie hinlegt; es ist nicht das Atom von Absicht dabei zu spüren. Seine Stilleben sind sich zum Verwechseln ähnlich. Es ist mir noch jedesmal, nachdem ich solche gesehen habe, gewesen, als wäre mir ein halbes Dutzend unerhört primitiver Skulpturen oder dergleichen begegnet. Primitiv wirkt er, ohne sich auch nur im geringsten darum zu bemühen; primitiv in der Wirkung; d. h. in dem eiskalten Größegefühl, das wir an gelungenen uralten Dingen genießen, stilistisch ohne die Hilfe der Linie, nur durch dieses fabelhafte Farbenmosaik, das - es scheint fast Unsinn, es auszusprechen - nur die genaueste Sachlichkeit ausdrückt.

      <= aus "Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst. Bd. I Verl. Jul Hoffmann: Stuttgart 1904"
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    • 26.09.1940 - Todestag von Walter Benjamin

      => aus: "Einbahnstrasse von W. B. E.Rowohlt Verl.: Berlin 1928" =>

      Achtung Stufen! Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen: eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endlich eine textile, auf der sie gewoben wird.

      Hochherrschaftlich möbilierte Zehnzimmerwohnung Vom Möbelstil der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gibt die einzig zulängliche Darstellung und Analysis zugleich eine gewisse Art von Kriminalromanen, in deren dynamischem Zentrum der Schrecken der Wohnung steht. Die Anordnung der Möbel ist zugleich der Lageplan der tödlichen Fallen und die Zimmerflucht schreibt dem Opfer die Fluchtbahn vor. Daß gerade diese Art des Kriminalromans mit Poe beginnt - zu einer Zeit also, als solche Behausungen noch kaum existierten -, besagt nichts dagegen. Denn ohne Ausnahme kombinieren die großen Dichter in einer Welt, die nach ihnen kommt, wie die Pariser Straßen von Baudelaires Gedichten erst nach neunzehnhundert und auch die Menschen Dostojewskis nicht früher da waren. Das bürgerliche Interieur der sechziger bis neunziger Jahre mit seinen riesigen, von Schnitzereien überquollenen Büfetts, den sonnenlosen Ecken, wo die Palme steht, dem Erker, den die Balustrade verschanzt und den langen Korridoren mit der singenden Gasflamme wird adäquat allein der Leiche zur Behausung. …. Dieser Charakter der bürgerlichen Wohnung, die nach dem namenlosen Mörder zittert, wie eine geile Greisin nach dem Galan, ist von einigen Autoren durchdrungen worden, die als "Kriminalschriftsteller" - vielleicht auch, weil in ihren Schriften sich ein Stück des bürgerlichen Pandämoniums ausprägt - um ihre gerechten Ehren gekommen sind. Conan Doyle hat, was hier getroffen werden soll, in einzelnen seiner Schriften, in einer großen Produktion hat die Schriftstellerin A. K. Green es herausgestellt und mit dem "Phantom der Oper", einem der großen Romane über das neunzehnte Jahrhundert, Gaston Leroux dieser Gattung zur Apotheose verholfen.

      Moskau Basilius-Kathedrale Was die byzantinische Madonna im Arm hat ist nur eine hölzerne Puppe in Lebensgröße. Ihr Schmerzensausdruck vor einem Christus, dessen Kindsein nur angedeutet...bleibt, ist intensiver, als sie je mit einem lebenswahren Knabenbilde ihn zur Schau tragen könnte.

      Freiburger Münster Mit dem eigensten Heimatgefühl einer Stadt verbindet sich für ihren Bewohner - ja vielleicht noch für den verweilenden Reisenden in der Erinnerung - der Ton und der Abstand, mit dem der Schlag ihrer Turmuhren anhebt.

      Neapel Museo Nationale Archaische Statuen tragen im Lächeln das Bewußtsein ihres Leibes dem Betrachter entgegen wie ein Kind die frisch gepflückten Blumen ungebunden und zerstreut uns entgegenhebt, während die spätere Kunst strenger die Mienen schürzt, gleich dem Erwachsenen, der mit schneidenden Gräsern den dauernden Strauß flicht.

      Masken-Garderobe …. Immer wieder, bei Shakespeare, bei Calderon füllen Kämpfe den letzten Akt und Könige, Prinzen, Knappen und Gefolge 'treten fliehend auf'. Der Augenblick, da sie Zuschauern sichtbar werden, läßt sie einhalten. Der Flucht der dramatischen Personen gebietet die Szene halt. Ihr Eintritt in den Blickraum Unbeteiligter und wahrhaft Überlegener läßt die Preisgegebenen aufatmen und umfängt sie mit neuer Luft. Daher hat die Bühnenerscheinung der 'fliehend' Auftretenden ihre verborgene Bedeutung. In das Lesen dieser Formel spielt die Erwartung von einem Orte, einem Licht oder Rampenlicht herein, in welchem auch unsere Flucht durch das Leben von betrachtenden Fremdlingen geborgen wäre.

      Lehrmittel …. Eine Periode, die, metrisch konzipiert, nachträglich an einer einzigen Stelle im Rhythmus gestört wird, macht den schönsten Prosasatz, der sich denken läßt. So fällt durch eine kleine Bresche in der Mauer ein Lichtstrahl in die Stube des Alchemisten und läßt Kristalle, Kugeln und Triangel aufblitzen.

      Stereoskop Riga. Der tägliche Markt, die gedrängte Stadt aus niedrigen Holzbuden zieht auf...einem breiten, schmutzigen Steinwall...sich am Wasser der Düna entlang. Kleine Dampfer, die oft kaum mit dem Schornstein über die Kaimauer reichen, haben die schwärzliche Zwergenstadt angelaufen. Schmutzige Bretter sind der tonige Grund, auf dem, in der kalten Luft leuchtend, einige wenige Farben zergehen. An manchen Ecken stehen hier das ganze Jahr neben Fisch-, Fleisch-, Stiefel- und Kleiderbaracken Kleinbürgerweiber mit den bunten Papierruten, die nach Westen nur um die Weihnachtszeit vordringen... Mehrere Läden für Schifferbedarf in kleinen Häuschen unweit der Mole. Taue sind aufgemalt. Überall sieht man die Ware abgemalt auf Schildern oder auf die Hauswand gepinselt... Ein niedriges Eckhaus mit einem Laden für Korsetts und Damenhüte ist mit geputzten Damengesichtern und strengen Miedern auf ockergelbem Grunde bemalt. Im Winkel davor steht eine Laterne, die auf den Glasscheiben Ähnliches darstellt. Das Ganze ist wie die Fassade eines Phantasiebordells. Ein anderes Haus, ebenfalls unweit des Hafens, hat Zuckersäcke und Kohlen grau und schwarz plastisch auf grauer Hauswand... Eisenwaren sind bis ins einzelne, Hämmer, Zahnräder, Zangen und kleinste Schräubchen auf ein Schild gemalt, das wie eine Vorlage aus veralteten Kindermalbüchern aussieht. Mit solchen Bildern ist die Stadt durchsetzt: gestellt wie aus Schubladen. Dazwischen aber ragen viel hohe festungsartige, todtraurige Gebäude heraus, die alle Schrecken des Zarismus wachrufen.

      zit. v. archive.org >ein offensichtl. Druckfehler ist stillschweigend bereinigt!<
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    • 28.09.1803 - Geburtstag von Prosper Merimee

      Der studierte Jurist, mit Victor Hugo bekannt, mit Stendhal befreundet, war seit seiner Aufnahme in die Academie francaise 1844 nur noch selten belletristisch tätig. Carmen ist bereits die letzte seiner seit 1830 erschienenen, c. 25 Erzählungen. Im 'Original' ist Carmen sogar verheiratet, aber ihr Mann sitzt im Gefängnis; genauso zeigt es später Carlos Saura in seinem Carmen-Film. (Die Geschehnisse werden von P. M. als) Lebensbeichte des zum Tode verurteilten (Don Jose wiedergegeben.) <= zit. v. tamino-klassikforum.at (user Theophilus am 04.04.2005)

      … Wir Basken haben eine Aussprache, an der man uns leicht von den Spaniern unterscheidet, wohingegen kein Spanien unser: Bai, jaona >Ja, Herr!< richtig herauskriegt. Also erriet Carmen ohne weiteres, daß ich aus den Provinzen bin. Bekanntlich sprechen die Zigeuner, die keinen festen Sitz haben und durch alle Länder wandern, auch alle Sprachen; sie sind in Portugal, in Frankreich, in den Provinzen, in Katalonien, kurz allerorts wie zu Hause. Sogar mit den Mauren und Engländern verständigen sie sich - - -

      Carmen konnte leidlich baskisch. Laguna ene bihotsarena! >Freund meines Herzens!< rief sie mir plötzlich zu, seid ihr nicht Baske?... Ich bin aus Elizondo, erwiderte ich ihr baskisch, gerührt, weil ich meine Muttersprache gehört hatte. - Und ich bin aus Etchalar, sagte sie. >Das ist vier Stunden weit von meinem Heimatorte.< Zigeuner haben mich nach Sevilla geschleppt. Ich bin in der Tabakfabrik, um mir das Geld zu erarbeiten zur Rückkehr nach Navarra zu meiner armen Mutter, deren einzige Stütze ich bin, und die nichts besitzt als einen kleinen Barratcea >Garten< mit zwanzig Apfelbäumen zum Weinmachen. Ach, wäre ich in meiner Heimat vor den weißen Bergen! Man hat mich beschimpft, weil ich nicht von hier bin, wo es nichts als Spitzbuben gibt, die mit faulen Orangen handeln. Diese Bettelweiber sind alle gegen mich, weil ich ihnen gesagt habe, die Maulhelden von Sevilla mit ihren Messern wären alle miteinander nicht imstande, einen einzigen Burschen aus unsrer Gegend in seiner blauen Mütze und mit seinem Maquila auszustechen - - - Sag an, Landser, kannst du nichts für eine aus deiner Heimat tun?

      Sie log; sie hat immer gelogen. Ich weiß nicht, ob dies Weib je in ihrem Leben ein wahres Wort gesprochen hat. Aber als sie so redete, glaubte ich ihr. Dem allem zu widerstehen, dazu war ich nicht stark genug... Ihre Augen und ihre Haarfarbe hätten mir sagen müssen, daß ich eine Zigeunerin vor mir hatte. Ich Narr sah nicht mehr richtig. Ich dachte bei mir, wenn Spanier sich unterstanden hätten, Schlechtes von meiner Heimat zu reden, ich hätte ihnen das Gesicht ebenso zersäbelt wie sie das ihrer Arbeitsgenossin. Kurz, ich war wie ein Bezechter. Ich fing an, dummes Zeug zu schwatzen, und dumme Dinge zu tun, lag dem nicht fern...

      … Du ganz dummer Kanari, sagte sie zu mir, du machst nichts als Torheiten! Na, wie gesagt, ich bringe dir bloß Unglück. Aber es kommt alles ins Lot, wenn man eine Zigeunerin zur guten Freundin hat. Binde dir dies Taschentuch um den Kopf und wirf dein Koppel fort! Warte auf mich da im Flur! In zwei Minuten bin ich wieder da... Alsbald brachte sie einen gestreiften Mantel. Wer weiß, wo sie ihn herholte. Ich mußte meine Uniform ausziehen und den Mantel übers Hemd nehmen. In diesem Aufzug, das Taschentuch als Verband über der Stirn, glich ich einigermaßen einem Valencianer Bauern, wie man sie häufig in Sevilla ihre Zwiebeln verkaufen sieht... Zusammen mit einer anderen Zigeunerin wusch und verband sie mich, und zwar besser als ein Stabsarzt gemacht hätte...

      Wahrscheinlich hatten die Weiber heimlich ein Schlafmittel in mein Getränk gemischt, denn ich erwachte am folgen Tag erst sehr spät... Es bedurfte einiger Zeit, bis ich mich des schrecklichen Vorfalls tags zuvor erinnerte. Nachdem Carmen und ihre Freundin meinen Verband erneuert hatten, kauerten sie sich neben meiner Matratze nieder und wechselten in ihrer Sprache ein paar Worte. Offenbar war das eine ärztliche Beratung. Darauf versicherten mir beide, ich werde binnen kurzer Zeit geheilt sein, müsse aber Sevilla so bald wie nur möglich verlassen; denn wenn man mich erwische, würde ich ohne Gnade erschossen!

      Mein Junge, fügte Carmen hinzu, du mußt irgend was machen. Jetzt, wo dir der König keinen Reis und keinen Stockfisch mehr spendiert, mußt du daran denken, deinen Unterhalt zu verdienen. Um a pastesas >mit List, ohne Gewalt< zu stehlen, dazu bist du zu dumm. Doch du bist flink und stark, und wenn du Mut hast, so geh ans Meer und werde Schmuggler! Habe ich dir nicht verheißen, dich an den Galgen zu bringen? Das ist besser als erschossen zu werden. Wenn du die Sache geschickt anfassest, kannst du wie ein Fürst leben, solange dir die Minons >Hilfspolizei< und die Strandwächter nicht an den Hals kommen...

      … Das Schmugglerleben gefiel mir besser als das Soldatenleben. Ich machte Carmen Geschenke; ich hatte Geld und eine Liebste. Reue plagte mich kaum; denn wie es unter den Zigeunern heißt: Krätze macht nichts aus, lebt man in Saus und Braus. Wir wurden überall gut aufgenommen. Meine Kameraden waren gut zu mir und erwiesen mir sogar besondre Achtung; denn ich hatte jemanden umgebracht, und es gab welche unter ihnen, die noch keine solche Tat auf dem Gewissen trugen... (Carmen) war zu mir freundschaftlicher denn je. Allerdings, vor den Genossen gab sie nicht zu, daß sie meine Geliebte war. Ich hatte ihr sogar hoch und heilig schwören müssen, mich hierüber nicht zu äußern. Ich war diesem Geschöpf gegenüber so schwach, daß ich mich allen ihren Launen fügte. Übrigens benahm sie sich vor mir zum ersten Male mit der Zurückhaltung einer anständigen Frau, und ich war einfältig genug zu glauben, ihr bisheriges Wesen habe sich gewandelt... ….

      ((dt. v. A.Schurig; 1870/1929)) zit. v. gutenberg.spiegel.de
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    • 05.10.1762 - In Wien wird Christoph Willibald Glucks "Azione teatrale per musica" Orfeo ed Euridice uraufgeführt

      Die um die Zeitenwende entstandenen Metamorphosen von >Publius< Ovid<ius Naso< verarbeiten in insg. dreizehn "Büchern" c. 250 Sagen. Die sicher allgemein bekannteste Begebenheit im Leben des thrakischen Sängers und Dichters Orpheus schildert der Beginn des zehnten Buches, von dem hier (in der Übers. v. Joh.H.Voß >1751/1826<) c. ein Fünftel wiedergegeben ist.....

      … Als zu dem Himmel empor der rhodopeische Sänger * Lange die Gattin beweint, jetzt auch zu versuchen die Schatten, * Wagt er hinab zur Styx durch des Tänarus Pforte zu steigen. * Und durch luftige Schatten bestatteter Totengebilde * Naht er Persephonen nun, und des anmutslosen Bezirkes * Könige drunten in Nacht... ((Rhodope: Rumpfgebirge im heutigen Grenzgebiet Griechenl./Bulg. … Persephone: griech. Unterwelts- und Fruchtbarkeitsgöttin; die röm. Entsprechung ist Proserpina.))

      und sanft zum Getöne der Saiten * Singet er: O ihr Gewalten des unterirdischen Weltraums, * Welcher uns all aufnimmt, so viel wir sterblich erwuchsen! * Wenn ihr, ohne der falsch umschweifenden Worte Beschönung, * Wahres zu reden vergönnt; nicht hier zu schauen den dunkeln * Tartarus, stieg' ich hinab... * Nein, ich kam um die Gattin, der jüngst die getretene Natter * Gift in die Wund' einhaucht', und die blühenden Jahre verkürzte. * Dulden wollt' ich als Mann, und strengte mich; aber es siegte * Amor. Man kennet den Gott sehr wohl in der oberen Gegend. * Ob ihr unten ihn kennt? Nicht weiß ich es, aber ich glaube. * Wenn nicht täuscht das Gerücht des altbesungenen Raubes, * Hat euch Amor gefügt. (("Tartaros" ist der Strafort der Unterwelt.))

      Bei den Orten des Grauns und Entsetzens, * Bei der verstummenden Öd' und diesem unendlichen Chaos, * Löst der Eurydice, fleh' ich, o löst das beschleunigte Schicksal! * Alle gehören wir euch; wann wenige Frist mir geweilet, * Etwas früher und später ereilen wir einerlei Wohnung. * Hierher müssen wir all; hier ist die letzte Behausung; * Ihr beherrscht am längsten die elenden Menschengeschlechter. * Jen' auch, wenn sie gereift die beschiedenen Jahre gelebet, * Kommt zu euch, nur kurzen Genuß verlang' ich zur Wohltat. * Wenn mir das Schicksal versagt das Geschenk der Vermähleten, niemals * Kehr' ich von hinnen zurück! Dann freut euch des doppelten Todes.

      Also rief der Sänger und schlug zum Gesange die Saiten; * Blutlos horchten die Seelen und weineten. Tantalus haschte * Nicht die entschlüpfende Flut; und es stutzte das Rad des Ixion; * Geier zerhackten die Leber nicht mehr; die belischen Jungfrau'n * Rasteten neben der Urn; und Sisyphus saß auf dem Marmor. * Damals ist, wie man sagt, den gerühreten Eumeniden * Bei dem Gesange zuerst die Trän' auf der Wange geflossen. * Nicht die Königin kann, nicht kann der untere König * Weigern das Flehn; und sie rufen Eurydice... ((Ixion ist als Strafe für Götterfrevel an ein Rad gebunden … Eumeniden: griech. Entsprechung der röm. Furien.))

      Und nicht waren sie ferne dem Rand der oberen Erde. * Jetzo besorgt, sie bleibe zurück, und begierig des Anschauns, * Wandt' er die Augen voll Lieb'; und sogleich war jene versunken. * Streckend die Arm', und ringend, gefaßt zu sein und zu fassen, * Haschte der Unglückliche nichts, als weichende Lüfte. * Wieder starb sie den Tod; doch nicht ein Laut um den Gatten * Klagete. Konnte sie wohl, so geliebt zu sein, sich beklagen? * Fernher rief sie zuletzt, und kaum den Ohren vernehmlich: * Lebe wohl! Und gerafft zu der vorigen Wohnung entflog sie.

      Orpheus starrte wie Fels bei dem doppelten Tode der Gattin. * Jammernd bat er und fleht', und wollt' hinüber von neuem: * Charon scheucht' ihn hinweg. Doch saß er sieben der Tage * Trauernd in Wust am Bord', unerquickt von den Gaben der Ceres. * Gram und tränender Schmerz und Kümmernis waren ihm Nahrung. * Grausam schalt er die Götter des Erebus; und zu dem steilen * Rhodope wandt' er den Fuß und dem sausenden Hämos im Nordsturm... ((Ceres: röm. Göttin des Ackerbaus … Erebos: griech. Gott der Finsternis … Hämos: evtl. Sammelbezeichnung f. verschiedene Gebirge, evtl. Chiffre f. den gesamten Balkan.))

      Siehe, die Frau'n der Cikonen, mit zottigen Häuten des Waldes * Um die verwilderte Brust, von des Bergs Felshöhen erschaun sie * Orpheus, welcher das Lied den geschlagenen Saiten gesellet. * Eine des taumelnden Schwarms, die das Haupthaar schwang in den Lüften: * Ha! dort, rief sie, er ist's, der Verächter der Frau'n! und der Thyrsus * Flog zu dem tönenden Munde des apollonischen Sehers... ((Cikonen: wg. seiner Wildheit berüchtigter thrakischer Volksstamm … Thyrsos: mitunter auch als Waffe benutzter Stab.))

      Stets noch bleiben erstaunt von dem Wohllaut seines Gesanges, * Vögelschwärm' und Schlangen und drängende Tiere des Waldes; * Doch die Mänaden zerstürmen des Orpheus Wunderversammlung. * Gegen ihn selbst dann strecken sie wild die blutigen Hände, * Alle geschart: wie die Vögel, wenn einst am Tage sie flattern * Sehn den Vogel der Nacht; wie zur Schau dem Doppeltheater * Früh im besandeten Raum ein Hirsch zu sterben bestimmt wird, * Hunden ein Raub. Sie bestürmen den göttlichen Sänger und schleudern * Laubumwundene Stäbe, zu anderem Dienste geweihet… ((Mänaden: fanatische Anhängerinnen des Dionysos.))

      zit. v. gutenberg.spiegel.de. … Die "Dt. Akademie f. Sprache u. Dichtung" verleiht seit 1958 den "Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung".
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    • 07.10.1909 - In Moskau wird Nikolai Rimski-Korsakows Oper "Der goldene Hahn" uraufgeführt

      Der Librettist Wladimir Bjelski stützt sich hierbei auf das gleichn. Puschkin-Märchen, welches wiederum auf die von Washington Irving (1783/1859) aufgezeichnete "Sage vom arabischen Astrologen" zurückgeht. Irvings Text ist Bestandteil seiner (1832 erschienenen) Kurzgeschichtensammlung "Tales of the Alhambra". Hier der um c. 60% gekürzte Beginn dieser Sage. Der Text ist der der dt. Erstausgabe in der Übers. v. Chr.Aug.Fischer…..

      (Der maurische König Aben Haduz) war ein...Mann, der in seinen jüngeren Tagen ein stetes Raub- und Plünderleben geführt hatte, und nun...sich nach Ruhe sehnte und nichts mehr wünschte, als...sich der Besitzungen ruhig zu erfreuen, die er seinen Nachbarn entrissen hatte... Ferne Distrikte seiner eigenen Länder, welche er...sehr hochfahrend behandelt hatte, zeigten...große Lust, sich aufzulehnen und drohten, ihn in seiner Hauptstadt zu umzingeln... Da Granada von...rauhen Bergen umgeben ist, welche den annähernden Feind verstecken, war der unglückliche Aben Haduz in einem steten Zustand der Unruhe...

      Ein alter arabischer Arzt (kam) an seinen Hof. Sein grauer Bart ging ihm bis auf den Gürtel und er hatte jedes Zeichen des höchsten Alters, und doch hatte er fast den ganzen Weg von Egypten zu Fuß gemacht, ohne einen andern Beistand, als einen mit Hieroglyphen gezeichneten Stab. Sein Ruf war ihm vorangegangen. Er hieß Ibrahim Ebn Abu Ajeeb (und) hatte, wie man sagte, seit den Tagen Mahomed's immerwährend gelebt... Als Kind war er dem siegreichen Heer Amru's nach Egypten gefolgt, wo er viele Jahre geweilt und bei den egyptischen Priestern die verborgenen Wissenschaften, besonders Magie, studirt hatte...

      (Der weise Ibrahim wurde der vetrauteste Rath des Königs. Dieser) Sternenkundige zog (als Wohnung) eine Höhle an der Seite des Hügels vor, der sich über Granada erhebt und derselbe ist, auf welchem seitdem die Alhambra gebaut wurde. Er ließ die Höhle erweitern, so daß sie einen geräumigen Saal bildete, an dessen Decke eine runde Öffnung war, durch welche er...die Sterne selbst am hellen Mittag sehen konnte. Die Wände dieses Saals waren mit...cabalistischen Symbolen und mit den Sternbildern in ihren Kreisen bedeckt. Diesen Saal verzierte er mit mancherlei Geräthschaften…, deren geheime Eigenschaften...ihm allein bekannt waren...

      Aben Haduz...beschwerte sich über die rastlose Wachsamkeit, welche er üben müsse... Als er geendigt hatte, schwieg der Astrolog eine Zeitlang, dann sagte er: "Wisse, o König, daß ich...in Egypten ein großes Wunder sah, das einer der alten heidnischen Priester erdacht hatte. Auf einem Berge, über der Stadt Borsa…, war die Figur eines Widders und darüber die eines Hahns, die beide, aus gegossenem Erz gefertigt, sich auf einem Stifte drehten. Wenn dem Lande ein Einfall drohte, so drehte sich der Widder in der Richtung des Feindes und der Hahn krähte, worauf die Bewohner der Stadt...bei Zeiten Vorsorge treffen konnten... Nachdem der siegreiche Amru >möge er in Frieden ruhen< die Eroberung Egyptens vollendet hatte, blieb ich bei den alten Priestern des Landes...und suchte mich in den Besitz der geheimen Weisheit zu setzen, wegen welcher sie so berühmt sind. Ich saß eines Tages an den Ufern des Nils und unterhielt mich mit einem alten Priester, als dieser auf die mächtigen Pyramiden zeigte, die sich wie Berge aus der benachbarten Wüste erhoben. 'Alles, was wir dich lehren können', sagte er, 'ist nichts gegen die Weisheit, die in jenen mächtigen Gebäuden aufbewahrt wird. In dem Mittelpunkt der mittlern Pyramide ist ein Grabgemach, in welchem die Mumie des Hohenpriesters eingeschlossen ist, welcher dieses erstaunliche Gebäude errichten half; und bei ihm ist ein wundervolles Buch der Weisheit vergraben... Dieses Buch war Adam nach seinem Fall gegeben worden und kam dann...auf Salomon den Weisen, welcher durch seine Hülfe den Tempel von Jerusalem baute; wie er in den Besitz des Erbauers der Pyramide gekommen, ist dem allein bekannt, der alles weiß'....

      Ich hatte über die Dienste vieler Krieger aus unseren siegreichen Heeren und über eine Anzahl Eingebornen zu gebieten, mit diesen ging ich an's Werk... (Ich) beschritt ein furchtbares Labyrinth, durch das ich... grade in das Grabgemach kam, wo die Mumie des Hohenpriesters seit Jahrhunderten lag... Durch das Studium (des besagten) Buches unterrichtete ich mich in allen magischen Künsten und habe über den Beistand der Geister zur Förderung meiner Pläne zu gebieten. Das Geheimiß des Talismans von Borsa ist mit daher bekannt und ich kann einen solchen Talisman, ja, einen von noch höherer Kraft fertige."...

      Der Astrologe...ließ auf der Höhe des königlichen Palastes...einen großen Thurm bauen. (Dieser) ward von Steinen erbaut, die aus Egypten gebracht worden und, wie man sagte, von einer der Pyramiden genommen waren. In dem obern Teil des Thurmes war ein runder Saal, dessen Fenster nach allen Punkten des Compasses sahen, und vor jedem Fenster war ein Tisch, auf welchem...ein kleines Heer von Reiterei und Fußvolk nebst einem Ebenbild des Potentaten...aufgestellt waren. Für jeden dieser Tische war eine kleine Lanze da, nicht dicker als eine Nadel, auf welcher gewisse chaldäische Charaktere gegraben waren. Dieser Saal wurde stets verschlossen gehalten...; der Schlüssel dazu befand sich in des Königs Händen.

      Auf der Spitze des Thurmes war die...Bronzestatue eines maurischen Reiters, mit einem Schild in dem einem Arm und seine Lanze senkrecht tragend. Das Gesicht dieses Reiters war der Stadt zugewendet, als wache es über sie; wenn aber ein Feind sich näherte, wandte sich die Statue in dieser Richtung und legte die Lanze wie zum Angriff an.

      Als dieser Talisman fertig war, wurde der König ganz ungeduldig, seine Kraft zu erproben und sehnte sich eben so sehr nach einem Einfall, als er je nach Ruhe geseufzt hatte. Sein Wunsch wurde bald erfüllt... ….

      zit. v. books.google.de
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      15.10.1934 - Todestag von Samuel Fischer

      Der Gründer des S. Fischer Verlags (1886) dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, dass Autoren wie Ibsen, Tolstoi und Dostojewski zeitnah in dt. Übersetzung gelesen werden konnten..... Unter den von ihm betreuten deutschsprachigen Autoren zählt Jacob Wassermann >1873/1934< (heute) zu den weniger bekannten. Sein Text Faustina. Ein Gespräch über die Liebe erschien (ohne Gattungsbezeichnung) erstmals 1908 in der dem S. Fischer Verlag angeschlossenen Zeitschrift "Die neue Rundschau"...

      … Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete "Was kann es andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die drei Frauen, die lieben können, --- Marianne, Aurelie, Mignon, -- sterben läßt… Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch. Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff ist...

      Gibt es heutzutage noch eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der...Erfinder, der Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie Julie de Lespinasse äußert rührend, man erstaunt über Ninon de l'Enclos, aber...man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der Künstler, sie sind heute nichts weiter...; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert. Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den Geist hinaus, über ein...welthistorisches Wirken hinaus noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten. Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten..., und nicht einmal der berufensten, denn die stellen sich würdigere Aufgaben..."

      "Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit...sind (solche) des Geschmacks..., der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren Verlust wir beklagen müssen--." "Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die einander halbwegs fremd sind. Angesehen davon, daß Sie Gespräche hören werden, bei dem einen die Haut schaudert, wird auch der Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden." "Wir sind eben schweigsam geworden..."

      "...man hat aufgehört, die Liebe als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr Ritus und Zeremoniell...verloren gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf, vielleicht die Bildung... Der eine Moloch verschlingt die Zeit, die schöne Muße zweckloser Träume, der andere vernichtet die Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die...das Talent haben, sich zu langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind... Ich sah...ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die...schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen, deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur...Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen abrisse und zwischen den Fingern zerriebe...

      ...mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche, die ihr halbes Leben darnach versehen, sich in einem großen Gefühl verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie plötzlich voller Ausflüchte, voller...Angst, den Geist ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee und in der Sehnsucht verausgabt... Diese Art Empfindsamkeit...ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen, oder...um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie sie mir heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um...sich von ihren...Sünden des Geistes und des Herzens...zu erholen. Wäre dabei die Ehe nur eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet..., wo wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, die ihr die Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte…"

      Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung... ….

      zit. v. storage.lib.chicago.edu
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      18.10.1837 - Todestag von Johann Nepomuk Hummel

      Der folgende (hier erheblich gekürzte) Text des Juristen und Publizisten August Kahlert (1807/1864) erschien in drei aufeinander folgenden Nummern der Wiener Wochenzeitschrift "Deutsche Musik-Zeitung" im Februar 1860. (Die Eigennamen sind im Original gesperrt gedruckt, was im vorliegenden "Format" m. E. eher störend als dem Lesen förderlich wäre.)

      Das Andenken einer...vielfach verdienten Fürstin, welche Schiller...prophetisch gefeiert hat, fand in dem abgelaufenen Jahre...vielfach beredten Ausdruck, nicht ohne Hinweisung auf die zahlreichen Talente, welchen sie als Gönnerin förderlich war. Zu diesen muß mit vollem Rechte Hummel gezählt werden, denn die Großherzogin Maria Pawlowna von Weimar, der Kunst des Clavierspiels mit...wirklicher Einsicht zugetan, zog Hummeln zwar erst in seinem reiferen Alter nach Weimar, aber gerade beim Beginn der Periode seiner Meisterschaft... Sie empfing seine dankbare Huldigung in der Widmung des edlen Clavierquintetts in Es und in der Einwebung des russischen Liedes in dem großen so kunstvoll instrumentirten B-Dur Rondo... Werfen wir...einen Rückblick auf den einst überall gefeierten Meister...

      Der Zeitraum, der zwischen den Befreiungskriegen...und dem Bewegungsjahre 1830 liegt, war ruhigem, behaglichen Kunstgenusse sehr günstig... Das Virtuosenwesen besonders eroberte sich allerwärts das größte Interesse, denn wenn es dereinst auf die höheren Stände...angewiesen blieb, so durchdrang es jetzt auch die übrigen. Ein ganz besonderer Reiz lag in dem ((unleserlich)) über die Geschicklichkeit des einzelnen Menschen; nur insofern derselben sich zu entwickeln Gelegenheit gegeben war, fand das von ihm vorgetragene Tonstück Lob. Die Gesangsvirtuosen namentlich wurden vor vierzig Jahren mit einer Fülle von Läufen, Trillern, Figuren und Figürchen aller Art versorgt, welche damals...ausführen zu können für Ehrensache galt, während heute schon deshalb darüber gespottet wird, weil Niemand mehr auf ihren Vortrag eingeübt ist.

      In Deutschland, wo große Meister den Sinn für Würde und Heiligkeit der Musik erschlossen hatten, ließ dieser sich nicht so leicht unterdrücken, und rief viele literarische Streitigkeiten hervor. Doch traten jetzt Talente auf, welche den Geschmack an der Virtuosität mit dem an höherer Kunstweihe zu vermitteln berufen waren. Sie durften sich...auf Mozart berufen und stützen, und bedachten zwei Instrumente...durch ihre aus (dessen) Schule hervorgegangenen Werke. Für die Geige sorgte Spohr, für das Clavier Hummel. Beide...sind sich darin verwandt, daß Ruhe, Ebenmaaß, Klarheit der Gestaltung und Entwickelung des Tongebäudes ihnen heilig ist, sie unterscheiden sich jedoch sehr scharf durch dasjenige Gepräge, welches gewöhnlich mit dem...Ausdruck "Colorit" bezeichnet wird. Das Hummel'sche ist ungleich mannigfaltiger..., und doch sorgte (dieser) vorzugsweise nur für die Bedürfnisse der Clavierspieler, Spohr aber...für alle Gattungen der musikalischen Composition. Beide wurden, als später in der Welt ein...unverkennbarer Ausdruck des unbefriedigten wehevollen Daseins, des geheimnisvollen Seelenleids eindrang, durch and're Künstler abgelöst, nach Spohr erschien Paganini, nach Hummel Chopin...

      Mit Hummel's Art des Spiel's sind seine Compositionen auf's Genaueste verwachsen... Der Umstand (muß) deshalb hervorgehoben werden, weil es wenige Virtuosen, auf was immer für einem Instrumente gegeben hat, die zur musikalischen Composition solch' entschiedenen Beruf mitbrachten, ja, es ist zu fragen erlaubt, ob Hummel, wenn er gar nicht Clavierspieler gewesen wäre, nicht vielleicht Tonwerke...von unzweifelhafter Unsterblichkeit geschaffen haben würde. Wer Hummel jemals hat frei phantasiren hören, möchte dies beinahe glauben, denn alsdann trat der Virtuos bescheiden hinter den Tondichter..., die Gabe der Formenbildung zeigte sich in vollem Lichte, die Geistesgegenwart...ließ ein Adagio oder ein Rondo vor dem Sinne des Hörers erblühen, welches wahrlich aufgezeichnet zu werden verdient hätte. In seinen niedergeschriebenen Tonstücken, oft in meisterhaften Schöpfungen, mischt sich doch gar nicht selten kühle Reflexion ein, und hemmt den freien Flug der Begeisterung; die Selbstkritik ließ ihn vieles glücklich Erfundene...verwerfen, wie er denn besonders bei den ihm reichlich zuströmenden thematischen Einfällen höchst wählerisch war, weil...ihm bei der freien Phantasie zwar manches unscheinbare Thema die herrlichsten Dienste leistete, der Aufbewahrung jedoch nicht würdig schien. Hieraus erklärt sich die Langsamkeit seines künstlerischen Schaffens...

      Durch Mozart war eine Bahn vorgezeichnet, woraus sich der Schüler nicht weit zu entfernen getraute. Ein weites Feld der Erweiterung und Fortbildung bot dem Virtuosen das Gebiet der sogenannten Passagen, welche bei Mozart als...dienendes Beiwerk erscheinen, bei Hummel aber so viel Neues enthalten, daß in ihnen vorzüglich der Beweis seiner ((schwer zu entziffern; vermutl.: Empfindsamkeit)) ruht. Wie kritisch er hier verfährt, um Langweiliges zu vermeiden, Gemeinplätzen aus dem Wege zu gehen und Steigerung des Eindruckes hervorzubringen, dies zu studieren ist sehr der Mühe werth, und wird schnell die Ueberzeugung liefern, daß er aus der polyphonen Schule Bach's seinem Talente dauernde Stützen geholt hatte. Allein in diesem Punkte stoßen wir auch auf Hummel's Schwäche, nämlich übertriebene Ausdehnung des Tonstück's, Aufhäufung des Nebenwerks und Hinneigung zu jenem gefährlichen Auswuchs, der in der Rhetorik den Namen: "Phrase" führt. Von dieser Phraseologie kann ihn nicht immer freisprechen, wer seinen ordnenden künstlerischen Verstand...bewundert. In ihr liegt der Grund, weshalb er vielen Hörern gegenwärtig veraltet erscheint; durch sie wird mancher liebliche melodische Gedanke, der in dem Passagenmeere untergeht, um sein Recht...gebracht. Man sollte halt glauben, daß zu Hummel's Zeit das Publikum...geduldiger zuzuhören vermocht hätte, als jetzt...

      Gewiß ist denjenigen Hummel'schen Werken, worin das Orchester neben dem Clavier betheiligt ist, als Vorzug einzuräumen, daß die Breite der mehr glänzenden, als zu dem Tonstück nothwendigen Passagen durch die Verknüpfung mit andern Klangwirkungen weniger fühlbar wird, als es z. B. in den großen Trio's der Fall ist, denn der treue Schüler Mozart's bewährte sich in jener geschickten Verknüpfung, wie er sich in dem Bau der musikalischen Form jedem Kenner verrieth...

      zit. v. reader.digitale-sammlungen.de
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      16.10.1944 - Viktor Ullmann wird von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und ein oder zwei Tage später ermordet

      Zusammen mit V. U. werden auch Hans Krasa, Pavel Haas, Gideon Klein und Karel Ancerl deportiert. Krasa und Haas ereilt das gleiche Schicksal, Gideon Klein stirbt im Januar 1945 im KZ Fürstengrube (poln. Myslowice)

      An einen Springbrunnen / v. Johann Klaj
      Hellglänzendes Silber, mit welchem sich gatten / Der ästigen Linden weitreisende Schatten, / Deine sanft kühlende, ruhige Luft / Ist jedem bewußt.
      Es lispeln und wispeln die schlüpfrigen Bronnen, / Von ihnen ist diese Begrünung geronnen. / Sie schauern, betrauern und fürchten bereit / Die schneeige Zeit.
      zit. v. books.google.de

      Das Angenehme dieser Welt hab' ich genossen, / Die Jugendsünden sind wie lang! wie lang! verflossen,
      April und Mai und Julius sind ferne, / Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne! / v. Friedrich Hölderlin
      zit. v. textlog.de

      ...vertont von Gideon Klein als Nr.1 u. 2 aus op.1 ("Drei Lieder"; 1940)

      Keine Frage, daß...Schönberg, wäre er hier gewesen, allen Grund gehabt hätte, die Prager Wiedergabe seiner 'Gurrelieder' als vollendet zu rühmen. Nicht unterlassen sei es, die von...den Kapellmeistern Pella und Ullmann (beim Vorstudium der Chöre) geleistete Arbeit hervorzuheben. / Alexander v. Zemlinsky im Juni 1921; zit. v. gko.uni-leipzig.de

      Schönberg fand damals seine ars nova auf polyphonem Wege. Indem er zunächst alle Bande der musikalischen Sippe löste, nach dm revolutionären Prinzip: >Alle Töne werden Brüder<, sah er alsbald die Gefahr der Anarchie in dieser Tongemeinschaft lauern, welche zur >Urhorde< zurückführen konnte. Er bannte diese Gefahr durch ein großes Tabu, das Zwölftonsystem. Ob...die >lex-Zwölfton die Basis zu einem gewaltigen Staatengebilde gelegt hat oder ob bloß eine provisorische Regierung geschaffen wurde, läßt sich schon deswegen nicht voraussagen, weil Schönberg selbst eine neue Tonalität - im weitesten Sinne - erwartet, deren Wesen und unbekannt ist. / V. U. 1930; zit. v. repositorium.ub.uni-osnabrueck.de

      (i) Sag immer wieder und noch einmal sag, / Daß Du mich liebst. Obwohl dies Wort vielleicht,
      so wiederholt, dem lied des Kuckucks gleicht / wie du's empfandest: über Tal und Hag
      und Feld und Abhang, beinah allgemein / und überall, mit jedem Frühling tönend.
      Geliebter, da im Dunkel redet höhnend / ein Zweifelgeist mich an; ich möchte schrein:
      "Sag wieder, daß du liebst." Wer ist denn bang, / daß zu viel Sterne werden: ihrem Gang
      sind Himmel da. Und wenn sich Blumen mehren, / erweiter sich das Jahr. Laß wiederkehren
      den Kehrreim deiner Liebe. Doch entzieh / mir ihre Stille nicht. Bewahrst du sie? v. Rainer Maria Rilke nach Elizabeth Barrett Browning

      (ii) Schnitterlied / v. Conrad Ferdinand Meyer

      Wir schnitten die Saaten, / wir Buben und Dirnen, / mit nackenden Armen und triefenden Stirnen, / von donnernden dunkeln / Gewittern bedroht.
      Gerettet das Korn. / Und nicht Einer, der darbe. / Von Garbe zu Garbe / ist Raum für den Tod. / Wir schnellen die Lippen / des Lebens so rot!

      Hoch tronet Ihr Schönen, / auf güldenen Sitzen, / in strotzenden Garben, / umflimmert von Blitzen. / Nicht Eine, die darbe! Wir bringen das Brot!
      Zum Reigen! Zum Tanze! / Zur tosenden Runde! / Von Munde zu Munde / ist Raum für den Tod. / Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot! / (i)-(iii) zit. v. lieder.net

      ...vertont von V. U. als (i) Nr.2 aus op.29 ("Drei Sonette aus dem Portugiesischen"; 1940) resp. als (ii) Nr.1 aus op.37 ("Drei Lieder"; 1942 "erneuert in Theresienstadt")

      (a) Früher, wo man Wucht und Last des stofflichen Lebens nicht fühlte, weil der Komfort, diese Magie der Zivilisation, sie verdrängte, war es leicht, die schöne Form zu schaffen. Hier (in Theresienstadt), wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische im vollen Gegensatz zur Umwelt steht: Hier ist die wahre Meisterschule... Ich habe (hier) ziemlich viel neue Musik geschrieben, meist um den Bedürfnissen und Wünschen der Freizeitgestaltung des Ghettos zu genügen. Sie aufzuzählen scheint mir ebenso müßig wie etwa zu betonen, daß man in Theresienstadt nicht Klavier spielen konnte... Auch der empfindliche Mangel an Notenpapier dürfte für kommemde Geschlechter uninteressant sein. Zu betonen ist nur, daß ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt...nicht etwa gehemmt worden bin, daß wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war; und ich bin überzeugt davon, daß alle, die bestrebt waren, in Leben und Kunst die Form dem widerstrebenden Stoffe abzuringen, mit Recht geben werden.

      (b) Ballade vom Schachspiel
      Dein Leben ist der Preis, um den sie spielen. / Zwar Weiss zieht an, doch Schwarz folgt immer nach -
      will Ahriman das Menschentier erzielen, / spielt Luzifer um deinen Engel Schach.
      Es wird auf Raub gespielt, es fallen Bauern / und nie wird einer von den beiden satt, / Weil sie einander auf den König lauern, / setzt keiner je den andern Spieler matt.
      Du lern' an diesem Spiel die Steine wählen / und ziehe selber deine Schachpartie - / sonst spielen ewig sie um deine Seelen / und besten Falles endet es remis.

      (a), (b): V. U. o. näh. Ang.; zit. v. musica-suprimata.eu
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      19.10 - Todestag von Jonathan Swift

      1844 erschien (im Stuttgarter Verlag Scheible, Rieger & Sattler) eine deutschsprachige, dreibändige, "Swift's humoristische Werke" genannte Ausgabe. Während die Bände zwei und drei seine hierzulande bekanntesten Arbeiten enthalten ("A Tale of a Tub"/"Märchen von der Tonne" resp. "The travels into several remote nations...by Lemuel Gulliver"), vereint Band eins 21 "prosaische Schriften", von denen die erste hier ausschnittsweise wiedergegeben ist.....

      Memoiren eines Dorfküsters und Vorsängers ...(Ich ward) in demselben Jahre geboren(), worin unser würdiger Wohlthäter und Gutsherr, der gnädige Herr von Steinbutte, eine Glocke zu den Laut = Instrumenten unseres Kirchthurms hinzufügte; deshalb ist mit Scharfsinn gesagt worden, einer und derselbe Tag habe unserer Kirche zwei seltene Gaben verliehen, ihre große Glocke und ihren verdienstvollen Küster. Schon als ich in die Schule ging, hat mich meine Schulmeisterin stets vor den übrigen Knaben erhoben, weil ich eine so lobenswerthe Stimme besaß... Ja, oft habe ich mich als Knabe im Singen von Psalmen und gottesfürchtigen Balladen...geübt, nicht aber wie andere Kinder in liederlicher und gemeiner Bänkelsängerei...

      Doch muß ich leider bekennen, daß ich...durch meine außerordentliche Liebe zum Glockenläuten zu Dingen voll Eitelkeit verführt (ward); selbige aber war so stark im Herzen gewurzelt, daß ich mich mit allen Glocken aller Kirchthürme im ganzen Lande bekannt machte; auch konnte man mich niemals dahin bringen, daß ich die Kirchweihen nicht all besuchte, denn ich ward durch die Harmonien des Glockenthurmes zu denselben berufen. Als ich noch in diese Gesellschaften kam, ergab ich mich ungeistlichem Zeitvertreib, dem Balgen, dem Klopffechten und Tanzen; so kam ich denn oft in meines Vaters Haus mit zerschlagenem Schädel heim...

      Doch reichte ich mir Trost im Herzen und sprach zu mir: Wo ist der Mann, der geschickt in einer Kunst, zu jeglicher Zeit auf der Hut gewesen wäre? Eine Woche darauf ward mir ein sündhaft geborenes Kind vor die Thüre gelegt; denn in den Tagen meiner Jugend blickte man auf mich als auf einen Jüngling voll Liebesphantasie; so ward ich durch die Lieblichkeit der Susanna Schmid zur Sünde verleitet, die zuerst mich in Versuchung führte und dann der Scham und Schande mich preis gab, denn wahrlich, sie war eine Magd von verführendem Auge und lieblichem Antlitz. Da demüthigte ich mich vor dem Polizeicommissär, gestand meine Schuld dem Pfarrer und ward in heiliger Ehe am nächsten Sabbat mit der Magd verbunden, um meine Schuld zu tilgen...

      Wie oft gereichen die Dinge dieser Welt, die man im Wahne für Unglück und Strafe hält, zu unserem Heil und Segen! Denn der Herr Pfarrer, welcher schon lange Zeit auf Susanna als auf die liebliche Magd seiner Heerde das Auge gerichtet hatte, war über mein Betragen so hoch erfreut, daß er mich zur Ehre sein Küster zu sein empfahl, ein Amt, daß gerade durch den Tod des ehrlichen Meisters Hagebuch erledigt war...

      Ich war fest entschlossen, die mannigfache Verderbniß und die vielen Mißbräuche auszurotten, welche sich in das heilige Institut der Kirche eingeschlichen haben. Erstens erwies ich unerbittliche Strenge, die Hunde aus dem Tempel zu peitschen, mit Ausnahme des Schooshundes der frommen Wittwe Howard, eines Hundes von anständigen Sitten, welcher nicht heulte; auch kam kein böser Anstoß aus seinem Munde. Zweitens schritt ich sogar zu finsterer Strenge, wie sehr mir auch mein Herz im Busen blutete, indem ich armen Kindern die halbgegessenen Aepfel aus den Händen riß, die sie heimlich in der KIrche naschten. Aber wahrlich, es gereichte mir zum Erbarmen, denn ich gedachte der Tage meiner Jugend. Drittens ebnete und glättete ich mit dem Schweiße meiner Hände die Eselsohren in unserer großen Bibel. Viertens ließ ich die Kirchstühle und Bänke, welche früher nur einmal in drei Jahren gefegt wurden, jeden Sonnabend Abend mit einem Besen fegen und putzen. Fünftens und letzlich ließ ich das Chorhemd...in frisches Lavendelwasser legen, ja bisweilen sogar es mit Rosenwasser besprengen. Und so ward mir manch großes Loben und Preisen von allen benachbarten Pfarrern, denn kein Kirchspiel hielt für ihre Ehrwürden so reinliche geistliche Wäsche...

      (Auf daß die Scham der Weiber nicht ewig dauere, übergehe ich die unehelichen Kinder, auch will ich die Mütter nicht nennen, obgleich manche ehrwürdige und ernste Weiber der Pfarre sich deß erfreuen möchten; auch jene, die einst Kirchenbuße im Sünderhemde thun mußte, will ich hier mit Stillschweigen übergehen, insofern als die Kirche ihrer Schande Zeugnis erhielt; mag der Vater welcher genügende Ausgleichung mit den Kirchspielaufsehern getroffen hat, auf daß seine Schwäche verborgen bleibe, auch jetzt noch in Frieden ruhen; meine Feder soll ihn nicht verrathen, denn auch ich war ein Sünder...)

      Jetzt nahete die lang erwartete Zeit, worin König David's Psalmen in denselben Weisen lobsungen werden sollten, worin er sie vor Zeiten auf seiner Harfe spielte. Jetzt ward der Auswuchs mehrer Triller und langen Noten hinweggethan… Da wurden uns Singlehrer aus London in jede Pfarre geschickt...; und auch ich erhielt den Ruf, mich ihnen zu vereinen, ob auch ein unwürdiger Schüler, auf daß ich meine Brüder und Genossen in Christo...in dieser neuen Weise den Herrn zu preisen unterweise. Nun zwar erhoben jene gegen mich Anklage, ich bliese durch die Nasenlöcher wie ein Dudelsack, doch nimmer wollte ich mich dieser Harmonie mich entschlagen, denn die würdigen Küster Londons ermahnten mich, auf derselben zu verharren. Ich unterwies Jünglinge und Jungfrauen, ihre Stimmen wie den Klang der Psalterharfe erklingen zu lassen, und jeden Sonntag ward die Kirche mit neuen Halleluja's erfüllt... …. ((dt. v. F.J.Kottenkamp; 1806/1858))

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