Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 28.12.1895 - In Paris veranstalten Angestellte der Brüder Lumiere die erste öffentliche Filmvorführung in Frankreich

      Dieser zweite Golem-Film ((= Der Golem, wie er in die Welt kam)) ist ein Markstein in der Geschichte der Lichtspielkunst... Hans Poelzig, der Schöpfer des Großen Schauspielhauses, hat die legendäre...Welt erbaut, in der der jüdische...Kabbalist Bezalel Löw dem tönernen Koloß Leben einhaucht, indem er den Stern Davids mit dem geheimnisvollen Namen des Judengottes, dem "Schem", in seine Brust legt und ihn als willenloses Werkzeug in seine Dienste zwingt. Durch diese Wunderwelt des Ghettos drängen sich...Gäßchen voll düsterer Melancholie... Abbröckelnde Mauern winden sich in Serpentinen. Märchenhafte Gänge, Treppen und Spitzbogenfenster. Ein faustisches Studierzimmer des Geister beschwörenden Rabbi, die kalte Pracht kaiserlicher Festsäle...

      Der Golem ist Paul Wegener... Von monumentaler Eindringlichkeit ist er, wenn er etwa im Schritt einer aufgezogenen Automatenfigur durch die Gassen tappt, mit eckigen, abgezirkelten Bewegungen Holz hackt oder den schweren Kopf stumm-beredt auf die Brust sinken läßt. Vor Wegeners ungestümer Kraft treten die übrigen Darsteller...bei allem Charakterisierungsvermögen in den Hintergrund. Auch als Regisseur bot (er) eine Meisterleistung. Keine Möglichkeit der Stimmungserzeugung wird ungenutzt gelassen. So, wenn aus einem verwitterten Glockenturm plötzlich ein Vogel auffliegt, wenn eine schwarze Katze spukhaft über Dächer schleicht..., oder wenn sich das Volk...in wildem Dankes- und Gebetstaumel in der...geweihten Altneu-Synagoge vor seinen Gott wirft... Verblüffend wirkt die Vielgestaltigkeit des Schauplatzes. Es gibt kaum zwei Szenen in dieser bilderrreichen Serie, die vor demselben Hintergrund spielen... ((Eugen Tannenbaum >1890/1936< am 30.10.1920; zit. v. filmportal.de))

      Ist der neue Chaplin-Film schon in Berlin? Ich glaube nicht. Vergessen Sie nicht, auf den Brötchentanz zu achten, und verlangen Sie ihn Dakapo... Chaplin hat in seiner Blockhütte schöne junge Mädchen zu Gast geladen... Sie kommen nicht, er schläft ein und träumt, sie seien gekommen. Und das ganze kleine Fest zieht an seinen Augen vorüber, und zum...Nachtisch muß er doch den Damen eine Unterhaltung servieren, und weil er nicht singen kann und auch kein Grammophon hat, tanzt er ihnen etwas vor. So: Er pikt auf zwei Gabeln zwei lange Brötchen, stellt die Gabeln auf den Tisch und packt sie... Zu den Klängen eines Foxtrotts wirft das Ding die Beine, rutscht und schleift, einmal macht es dieses Kunststück, ganz weit zu grätschen, daß man glauben muß, es werde gleich in der Mitte aufplatzen, es grüßt...und kokettiert mit den Beinen - und man vergißt völlig, daß es ja nur zwei Brötchen...sind, die uns etwas vortanzen. Diese schlumpige Grazie, dieser Spitzentanz in Lumpen, den wir so oft von ihm selbst gesehen haben: Chaplin wiederholt das mit einem Nichts, mit...der kindlichen Andeutung von Beinen...

      (The Gold rush) ist ein Goldgräberabenteuer aus Alaska; daß es eine Parodie sein soll, wüßte man nicht, wenn man's nicht wüßte... Es geschieht vorher und nachher viel Komisches, aber dies ist doch die dickste Perle. Ich habe den Film in Narbonne gesehen, und wenn Sie mich nach den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt fragen: Ich weiß nur diese eine, den Brötchentanz. ((Peter Panter aka Kurt Tucholsky am 15.12.1925; zit. v. wikisource.org))

      Ich habe, nicht des Effektes wegen sondern um die Klangfarben meiner Komposition der Wirklichkeit anzupassen, technische Instrumente verwandt, allerdings alles noch begenzt, um nicht durch zu gewalrsame Neuerungen die Aufnahme zu erschweren. Mein Bestreben geht dahin, eine musikalische Vorstoß-Arbeit zu leisten, die dem Ohr natürlich, ohne Anstrengung eingeht, meine Hoffnung, daß der Zuhörer sie sogar als...die Musik seiner täglichen Umgebung empfinden wird.

      Die Uraufführungskopie ist für ein Orchester von 75 Mann geschrieben gleichwohl liegt im Druck eine Bearbeitung für kleinere Besetzung vor, denn diese Sinfonie soll...überall und immer wieder gespielt werden können. Sie zerfällt im wesentlichen in folgende Teile: Aus der wellenförmigen, periodischen Urform entsteht in maschinellem Rhythmus das Leitmotiv "Berlin", das sich...zum Bläserchoral erweitert - Viertelton-Akkorde der schlafenden Stadt - Arbeitsmarsch - Maschinenrhythmus - Schulkindermarsch - Bürorhythmus - Verkehrsrhythmus - Kontrapunkt des Potsdamer Platzes - Mittagschoral der Großstadt - Verkehrsfuge - kontrapunktisches Stimmgewirr - Sportrhythmus - Signalmusik der Lichtreklamen - Tanzrhythmus - Steigerung aller Großstadtgeräusche in kontrapunktischer Durchführung der Hauptthemen zur Schlußfermate "Berlin"...

      Diese Komposition ist meine größte und liebste Arbeit. Meine größte Genugtuung würde sein, wenn der Zuschauer fühlt, daß dieser Film und diese Musik ihn etwas angehen... ((Edmund Meisel >1894/1930< üb. seine Arbeit für Berlin - Die SInfonie der Großstadt >Regie: Walther Ruttmann<; zit. v. filmportal.de))

      (The Circus) ist das erste Alterswerk der Filmkunst. Chaplin ist älter geworden seit seinem letzten Film. Aber er spielt sich auch so. Und das Ergreifendste an diesem neuen Film ist, daß Chaplin den Kreis seiner Wirkungsmöglichkeiten nun überblickt, entschlossen ist, mit ihnen und nur mit ihnen seine Sache zu Ende zu führen...

      (Der Dichter Philippe) Soupault hat gesehen, daß Chaplin zuerst >die Russen sind ihm darin gefolgt< den Film auf Thema, Variation, kurz auf Komposition, gestellt hat, und daß das Alles zum herkömmlichen Begriff von spannender Handlung in völligem Gegensatz steht. Soupaults hat...den Gipfel von Chaplins Produktion in ("A Woman of Paris")** erkannt. Jenem Film, ...der in Deutschland unter dem törichten Titel "Die Nächte einer schönen Frau" lief. >(Man) sollte ihn jedes halbe Jahr wiederholen. Er ist eine Stiftungsurkunde der Filmkunst.< Wenn wir erfahren, daß für dieses Werk von 3.000 m 125.000 m gedreht wurden, so gibt das einen Begriff von der gewaltigen hingebenden Arbeit, die in Chaplins Hauptwerken steckt. Es gibt aber auch einen Begriff von den Kapitalien, die dieser Mann mindestens so nötig wie ein Nansen oder Amundsen braucht, um seine Entdeckungsfahrten nach den Polen der Filmkunst auszurüsten... ((Desweiteren wird hier fälschlicherweise festgestellt, dass ** der eine Chaplin-Film sei, in dem dieser nicht mitspielt. Chaplin hat jedoch - c. bei 10'15'' - einen Cameoauftritt als Gepäckträger!))

      Es ist gut und nützlich, daß im Augenblick, da das Alter sich zum erstenmal in Chaplins Zügen abzeichnet, Soupaults an die Jugend und den territorialen Ursprung seiner Kunst erinnert. Natürlich ist (dieser)...London. "Auf seinen endlosen Gängen durch die Londoner Straßen mit ihren schwarzen und roten Häusern lernte Chaplin beobachten. Er selbst hat erzählt, daß der Gedanke, den Typ des Mannes mit der Melone...und dem Bambusstäbchen in die Welt zu setzen, ihm zum erstenmal beim Anblick der kleinen Angestellten vom Strand kam. Ihm sprach aus dieser Haltung und Kleidung die Gesinnung des Mannes, der etwas auf sich hält. Aber auch die anderen Typen, die ihn in seinen Filmen umgeben, stammen aus London..." An dieses Selbstzeugnis schließt Soupault eine Parallele zwischen Chaplin und Dickens an, die man nachlesen und weiterverfolgen mag... ((Walter Benjamin in "1929. Rückblick auf Chaplin"; zit. v. gutenberg.spiegel.de))
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    • 30.12.1819 - Geburtstag von Theodor Fontane

      Der folgende Ausschnitt ist der Veröffentlichung Aus England. Studien und Briefe über Londoner Theater, Kunst und Presse. Von Th. Fontane. Verl. v. Ebner & Seubert: Stuttgart 1860 entnommen....

      Unter allen Shakespeare'schen Dramen ist ("Othello") in England das populärste; es wird hier überall gegeben und häufig. Daher mag es kommen, daß die Aufführungen desselben...selbst da mit einer gewissen Tadellosigkeit vorübergehen, wo man sonst nur gewohnt ist, Halbes und Mittelmäßiges zu sehen... (Im Surrey=Theater gab Mr. Creswick) die Titelrolle und hob die Gegensätze zwischen dem harmlosen und dem tigerhaften Naturmenschen, die hinschmelzende Weichheit und die afrikanische Wuth, das noble Vertrauen und den rasch wachsenden Verdacht, in einer Weise hervor, wie sich's von einem Künstler seines Ranges erwarten ließ. Ein paar Worte hab' ich auch über die Emilia zu sagen. Bei uns ist das eine Nebenrolle; hier aber...wird überall, während des vierten und fünften Aktes, diese Rolle zur Hauptsache... Eine Miß Marriott...gastirte als Emilia, auch schon ein Beweis, wie hoch man die Rolle stellt. Miß Marriott war eine große, starke Dame mit blendend weißem Nacken und einer wohltönenden, mächtigen Altstimmme. Alles, was sie in den letzten zwei Akten sprach, war wie ein Sturmläuten gegen hereinbrechenden Verrath. Die bloße Wirkung der Stimme war außerordentlich. Ich sah nun erst klar in dieser Partie; Emilia ist nicht die zufällige Gesellschafterin Desdemona's, sie ist vielmehr deren Gegenstück, ihre Ergänzung. Sie hat den Muth der Treue und geht unter in diesem Kampf, wie eine noble Dogge, die ihren Herrn schützt...

      Das Lyceum=Theater ist ein ziemlich stattliches Gebäude, mit einem säulengetragenen Portikus...; es ist durchaus unenglisch. Während der Saison fällt das nicht auf. Um diese Zeit singen die Italiener ihre Trovatore's und Traviata's in dem hübsch dekorirten Hause mit dem sauber gemalten Vorhang, und Jeder, der sich verführen läßt, für passable Musik einen ungeheuren Preis bei ungeheurer Hitze zu bezahlen, wird Haus, Musik, Künstler und Publikum -- Alles im schönsten Einklang finden. Anders ist es im Winter, wenigstens an den Abenden, wo Shakespeare gegeben wird. Da will Alles nicht recht passen, und allerhand Theaterplunder..., goldbesetzte Sammtmäntel, kokette Frauenzimmer, die laut kichern und zu glauben scheinen, die Bühne sei nichts wie ein Sockel zur besseren Schaustellung aller ihrer Reize; -- all dieser Jammer...macht sich alsdann in störender Weise breit und widert denjenigen an, der um Hamlets und nicht um der ersten besten Blondine willen sein Billet gelöst hat.

      Ich habe Hamlet und Othello in diesem Theater gesehen... Lehrreich waren (mir diese beiden Vorstellungen) im höchsten Grade. Sie gaben mir nämlich Gelegenheit, die Probe zu machen auf eine wenigstens subjektive Richtigkeit der Urtheile, die ich bis dahin, zwischen kontinentalen und englischen Shakespeare=Aufführungen gewissenhaft abwägend, gefällt hatte. Ich leugne nämlich nicht, daß ich allmählig...anfing, die Befriedigung, ja zum Theil die Begeisterung, mit der ich den Vorstellungen im Sadlers=Wells Theater folgte, aus anderen Ursachen herzuleiten als aus dem Werth derselben. Von der Stunde an, wo ich im Lyceum=Theater gewesen war, wußt' ich, daß ich recht hatte, daß es nicht der Reiz des Fremdartigen und Abweichenden, oder die Unvertrautheit mit den Schwächen und Manierirtheiten der Schauspieler gewesen war, was mich im Sadlars=Wells Theater so sehr zu Gunsten der ganzen Truppe gestimmt hatte, sondern daß diese kleine Musterbühne in der That über all das verfügte, was unsern Hoftheatern im Großen und Ganzen fehlt, und >noch wichtiger als das< daß sie denselben negativ überlegen sei durch Nichtbesitz all er großen und kleinen Unausstehlichkeiten, die theils der Affectation entsprießen, theils einem mangelnden Verständniß von dem, worauf es eigentlich ankommt. Mit jeder neuen Scene fühlt' ich mehr und mehr: "Das ist gerade so wie bei uns daheim," und die Schwächen, an denen wir laboriren, wurden mir niemals klarer aufgedeckt. Es wäre unbillig, wenn ich verschweigen wollte, daß das Lyceum=Theater diese Schwächen in einem Grade zur Schau stellte, wie es bei uns nicht wohl möglich ist...

      Die Aufführung des Othello war keine ganz mißlungene... Einzelne Arrangements z. B. in der Trink= und Streitscene, dann das Dazwischentreten Othello's u. dgl. m. war alles untadelhaft. Im fünften Akt befand sich neben der Vertiefung der Nische, in der man das Lager Desdemona's sah, ...ein hohes, breites Balkonfenster, durch das der Vollmond sein helles, ruhiges Licht goß. Dieser Gegensatz zwischen dem Frieden...da draußen und dem wilden Sturm innerhalb des Gemachs kam zu voller Wirkung. Der Othello >Mr. Dillon< wurde brav gespielt. Desdemona >Mrs. Dillon< gab ihre Rolle in einer Weise, daß ich den Othello hätte sehen mögen, der nicht eifersüchtig geworden wäre. Sie lieh ihrer Stimme nichts Ordinaires, auch nichts Unweibliches, aber sehr viel schwach=Weibliches, etwas bedenklich Putzmacherinnenhaftes. Ihr Benehmen...(schien) sagen zu wollen: "allerdings bin ich es gewesen, aber sei vernünftig und verlange nicht, daß ich's bekennen soll." Der Rodrigo wird hier auf allen Bühnen gleich gegeben, er ist die komische Figur, und der Kavalier geht im Narren völlig unter. Die Emilia ähnlich wie im Surrey=Theater, nur nicht so gut... Auch der Jago >Mr. Stuart< im Lyceum=Theater gab nur den ganz trivialen Theater=Bösewicht, hier und da passend, im Allgemeinen aber unpassend, plump, unwahr und ohne alle Durchdringung des Charakters.

      Den Hamlet...konnt' ich nicht ertragen und mußte nach dem ersten Akt das Haus verlassen... (Er) hatte jedenfalls nicht in Wittenberg studirt und war von seines Gedanken Blässe angekränkelt; wär' er ganz dumm gewesen, so hätt' ich ihn vielleicht tolerirt, aber in seiner schnöden Mittelmäßigkeit konnt' ich ihn nicht aushalten... Das Tollste aber war Ophelia. Miß Woolgar, der Liebling des Publikums, maltraitierte diese Rolle. Nach dem Hamlet wurde noch, laut Theaterzettel..., eine Farce (gegeben,) in der Miß Woolgar die Hauptrolle spielt. Dagegen wäre nichts einzuwenden; aber wenn solche Publikums=Favoritin so weit geht, daß sie lacht und durch die Nase gähnt, während ihr Polonius Vorhaltungen macht, und dabei in's Parterre hineinsieht, als wollte sie sagen: "haltet nur aus, ich muß es ja auch aushalten, in zwei Stunden ist alles vorbei, und dann sollt ihr mich sehen, mit Silberflügeln und in Gaze...," so ist das wirklich mehr, als Jemand ertragen kann, der bis dahin gewohnt war, die Ophelia's wenigsten anständig erscheinen zu sehen.

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    • 31.12.1747 - Geburtstag von Gottfried August Bürger

      Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzuege und lustige Abentheuer des Freyherrn von Muenchhausen, wie er dieselben bey der Flasche im Cirkel seiner Freunde selbst zu erzaehlen pflegt. Aus dem Englischen nach der neuesten Ausgabe uebersetzt (und) hier und da erweitert... London 1786.

      So ein Buechlein...ist freylich weder...Tractatus, noch Commentarius, noch Synopsis, noch Compendium, und es hat keine einzige von allen Classen unserer vornehmsten Academien und Societaeten der Wissenschaften daran Antheil. Wenn es indessen auch weiter nichts thut, als daß es auf eine unschuldige Art zu lachen macht, so braucht...der Vorredner eben nicht gerade...in Mantel, Kragen und Stutzperuecke aufzutreten, um es dem geneigten Leser ehrbarlich zu empfehlen. Denn es ist alsdann, so klein und frivol es immer scheinen mag, leicht mehr werth, als eine ganze große Menge dickbeleibter ehrenvester Buecher, wobey man weder lachen noch weinen kann, und worin weiter nichts steht, als was in hundertmal mehr andern dickbeleibten ehrenvesten Buechern laengst gestanden hat...

      ... Hierauf ging alles gut, bis ich nach Rußland kam, wo es eben nicht Mode ist, des Winters zu Pferde zu reisen... So nahm ich dort einen kleinen Rennschlitten auf ein einzelnes Pferd und fuhr wohlgemuth auf St. Petersburg los... Es war mitten in einem fuerchterlichen Walde, als ich einen entsetzlichen Wolf, mit aller Schnelligkeit des gefraeßigsten Winterhungers hinter mir ansetzen sah. Er hohlte mich bald ein; und es war schlechterdings unmoeglich, ihm zu entkommen. Mechenisch legte ich mich platt in den Schlitten nieder und ließ mein Pferd zu unserm beiderseitigen Besten ganz allein agiren. Was ich...kaum zu hoffen...wagte, das geschah unmittelbar. Der Wolf...sprang ueber mich hinweg, fiel wuethend auf das Pferd, ...und verschlang...den ganzen Hintertheil des armen Thieres, welches vor Schrecken und Schmerz nur desto schneller lief. Wie ich nun...gut davon gekommen war, so erhob ich ganz verstohlen mein Gesicht und nahm mit Entsetzen wahr, daß der Wolf sich beynahe ueber und ueber in das Pferd hineingefressen hatte... Er strebte mit aller Macht vorwaerts; der Leichnam des Pferdes fiel zu Boden, und siehe! an seiner Statt steckte mein Wolf in dem Geschirre. Ich...hoerte nun noch weniger auf zu peitschen, und wir langten in vollem Galopp gesund und wohlbehalten in St. Petersburg an...

      Ich will Ihnen, meine Herren, mit Geschwaetz von...den Kuensten, Wissenschaften und andern Merkwuerdigkeiten dieser praechtigen Hauptstadt Rußlands keine lange Weile machen; vielweniger Sie mit allen Intriguen und lustigen Abentheuern der Gesellschaften...unterhalten. Ich halte mich vielmehr an...edlere Gegenstaende Ihrer Aufmerksamkeit, nehmlich an Pferde und Hunde...; ferner an Fuechse, Woelfe und Baeren, von welchen...Rußland einen groeßern Ueberfluß, als irgend ein Land auf Erden hat; endlich an solche Lustparthien, Ritteruebungen und preisliche Thaten, welche den Edelmann besser kleiden, als ein Bischen muffiges Griechisch, und Latein, oder alle Riechfaechelchen, Klunkern und Capriolen franzoesischer Schoengeister...

      Eines Morgens sah ich durch das Fenster meines Schlafgemachs, daß ein großer Teich...mit wilden Enten gleichsam ueberdeckt war. Flugs nahm ich mein Gewehr aus dem Winkel, sprang zur Treppe hinab, und das so ueber Hals und Kopf, daß ich...mit dem Gesichte gegen die Thuerpfoste rennte. Feuer und Funken stoben mir aus den Augen; aber das hielt mich keinen Augenblick zurueck. Ich kam bald zum Schuß, allein wie ich anlegte, wurde ich...gewahr, daß durch den so eben empfangenen heftigen Stoß sogar der Stein von dem Flintenhahne abgesprungen war... Gluecklicher Weise fiel mir ein, was sich so eben mit meinen Augen zugetragen hatte. Ich riß also die Pfanne auf, legte mein Gewehr gegen das wilde Gefluegel an und ballte die Faust gegen eins von meinen Augen. Von einem derben Schlage flogen wieder Funken genug heraus, der Schuß ging los, und ich traf fuenf Paar Enten, vier Rothhaelse, und ein Paar Wasserhuehner. Gegenwart des Geistes ist die Seele mannhafter Thaten...

      Einst, als ich alle meine Bley verschossen hatte, stieß mir ganz wider mein Vermuthen, der stattlichste Hirsch von der Welt auf. Er blickte mir so, mir nichts, dir nichts, ins Auge, als ob ers auswendig gewußt haette, daß mein Beutel leer war. Augenblicklich lud ich indessen meine Flinte mit Pulver und darueber her eine ganze Hand voll Kirschsteine, wovon ich, so hurtig sich das thun ließ, das Fleisch abgesogen hatte. Und so gab ich ihm die volle Ladung mitten auf seine Stirn zwischen das Geweyhe. Der Schuß betaeubte ihn zwar -- er taumelte -- machte sich aber doch aus dem Staube. Ein oder zwey Jahre darnach war ich in eben demselben Walde auf der Jagd; und siehe! zum Vorschein kam ein stattlicher Hirsch, mit einem vollausgewachsenen Kirschbaume, mehr denn zehn Fuß hoch, zwischen seinem Geweyhe. Mir fiel gleich mein voriges Abentheuer wieder ein; ich betrachtete den Hirsch als mein laengst wohl erworbenes EIgenthum, und legte ihn mit einem Schusse zu Boden, wodurch ich denn auf einmal an Braten und Kirschtunke zugleich gerieth. Denn der Baum hing reichlich voll Fruechte, die ich in meinem ganzen Leben so delicat nicht gegessen hatte...

      Was sagen Sie zum Exempel vom folgenden Casus? -- Mir waren einmal Tageslicht und Pulver in einem pohlnischen Walde ausgegangen. Als ich nach Hause ging, fuhr mir ein ganz entsetzlicher Baer, mit offenem Rachen, bereit mich zu verschlingen, auf den Leib. Umsonst durchsuchte ich in der Hast alle meine Taschen nach Pulver und Bley. Nichts fand ich, als zwey Flintensteine, die man auf einen Nothfall wohl mitzunehmen pflegt. Davon warf ich einen aus aller Macht in den offenen Rachen des Ungeheuers, ganz seinen Schlund hinab. Wie ihm nun das nicht allzuwohl deuchten mochte, so machte mein Baer links um, so daß ich den andern nach der Hinterpforte schleudern konnte. Wunderbar und herrlich ging alles von Statten. Der Stein fuhr nicht nur hinein, sondern auch mit dem andern Steine im Magen dergestalt zusammen, daß es Feuer gab und den Baer mit einem gewaltigen Knalle auseinander sprengte. Man sagt, daß so ein wohl applicirter Stein a posteriori, besonders wenn er mit einem a priori recht zusammen fuhr, schon manchen baerbeißigen Gelehrten...in die Luft sprengte. -- Ob ich nun gleich diesmal mit heiler Haut davon kam, so moechte ich...doch eben nicht noch einmal...mit einem Baer, ohne andere Vertheidigungsmittel, anbinden... ....

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    • 01.01.1823 - Geburtstag von Sandor Petöfi

      Toast beim Sautanz Mäuler und Ohren auf! / Paßt auf, fein still, / Weil ein gewichtig Wort / Ich reden will!

      Vernehmt, was jetzt mein Mund / Verkündet euch, / Und auch der Himmel hör' / Es gnadenreich!
      Lang spinne sich -- lang, wie / Die Würste dort -- / An unsrem Lebensrad / Der Faden fort!

      Wie wir jetzt schmunzeln nach / Dem Braten hier, / So lächle das Geschick / Und für und für!
      Es überschütte uns / Mt seiner Gnad' / Wie's hier den Brei mit Schmalz / Beflutet hat!

      Und hält sein grimmes Mahl / Der Tod zuletzt, / Der, zu verspeisen uns, / Sich niedersetzt:
      Dann mög' ein Riesenkloß / Der Himmel sein, / War aber seien bloß / Das Füllsel drein!

      Das geraubte Rosz Dem Sandkorn gleich, jagt es / Der Sturmwind fort, -- / Fliegt auf dem Roß dahin / Der Bursche dort.
      "Woher in solcher Eil', / Gevatter, sprich?" / "Von jener Pußta holt' / Ich was für mich!

      Gar munter weidet dort / Just das Gestüt, / Dies braune Füllen da / Nahm ich mir mit!
      Zum Turer Markt ist's ja / Von hier nicht weit, / Das Rößlein bring' ich hin / Zu Markt noch heut!"

      "Gevatter, Landsmann, halt! / Ich sage nein! / Gent mir's nur gleich zurück, / Das Roß ist mein!
      Denn mein ist das Gestüt / Auf jenem Fleck, / Und mir habt ihr geraubt / Dies Füllen weg!"

      Der Bursche aber hört / Nicht auf das Wort, / Und weiter auf dem Pferd / Sprengt er sofort.
      Dann wendet er sich doch / Noch einmal um: / "O seid mir, bester Herr, / Nicht böse drum!

      Verschmerzen könnt Ihr leicht / Dies eine Pferd, / Sind doch so viele ja / Euch noch beschert!
      Ich aber nannte nur / Ein Herze mein, / Und das hat mir geraubt / Eu'r Töchterlein!"

      Die Waldschenke Warum nach der Schenk' im Walde / Zieht's, mein Rößlein, immer? / Kehr' doch um, -- das arme Liebchen / Finden wir dort nimmer.

      Böse Schenke! Deinen Anblick / Kann ich nicht ertragen: / Hast dem Burschen Wein gegeben, / Der mein Lieb erschlagen!

      Auf der Donau Wie oft, du stolzer Strom, verwundet deine Brust / Des Bootes scharfer Kiel, des Sturmes wilde Lust!
      Wie ist die Wunde tief, wie tief ist da der Schmerz, / Wie schneidet's da so weh und grausam dir ins Herz!

      Und doch, -- enteilt das Schiff und schweigt des Sturmes Wut, / Dann ist die Wunde heil, und alles, alles gut.
      Fürs Menschenherz jedoch, ward einmal es verwundet, / Gibt's keinen Balsam mehr, durch den es je gesundet!

      Geigenklang und Flötenton und Zimbalschlag, / Gibt's noch einen, den da Leid bedrücken mag?
      Ei, der bringe alle Trübsal rasch zum Schweigen, / Eh noch wir dazu den rechten Weg ihm zeigen!
      Denn der Kummer ist ein bitterböser Gast, / Der uns gleich an unsrem Blut und Leben faßt,
      Und der Gram ein Wurm, der nagt an unsrem Herzen, / Wegzuspülen nur mit Wein und auszumerzen!

      Wein ist Leben, Wein ist Feuer, wie der Kuß! / Küsse, Mädchen, weil ich Küsse haben muß!
      Heiß sind deine Küsse wie der Sonne Glühen, / Das den kahlen Baum des Lebens macht erblühen!
      Nur am frischen Zweige sprießen Blätter grün, / Ohne solchen Schmuck werf' auch den Zweig ich hin.
      Den entlaubten Stamm, den dürren, blätterarmen, / Fegt der Sturmwind "Tod" von hinnen, ohn' Erbarmen!

      "Tod", ein schweres, dunkles Rätsel! Weder Zeit / Noch der Witz des Menschen wüßte da Bescheid!
      Ist mir Segen, Fluch beschieden nach dem Leben? / Gibt's ein Jenseits? Wird's da Wein und Liebe geben?
      Doch, was scher' ich mich s viel um Grabesnacht? / Froh genieß' ich, was das Leben heiter macht!
      Und was wäre da, als Wein und Mädchen feiner? / Wein und Mädchen sollen leben! -- Spiel', Zigeuner! ((dt. v. Ign.Schnitzer; 1839/1921))

      zit. v. zeno.org
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      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
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    • 04.01.1785 - Geburtstag von Jakob Grimm

      = = > > aus "Über den altdeutschen Meistergesang*. Von J. G. Verl. H.Dieterich: Goettingen 1811" = = > >
      >* Meinen zwei lieben Bruedern Wilhelm u. Ferdinand G. zugeeignet aus Liebe, Treue und Einigkeit.<

      ((letztendlich habe ich mich - mal wieder - dazu entschlossen, die hier zahlreich vorgenommenen Auslassungen und Umstellungen nicht zu kennzeichnen; J.Grimms Ausdrucksweise und Orthographie ist jedoch unverändert übernommen. / wesW))

      Schon lange vordem, ehe das in Deutschland zu gelten anfing, was in meiner ganzen Abhandlung unter dem Meistergesang verstanden wird, waren Gesaenge und Saenger. Was die Gesaenge angeht, so zeigte sich ih ihnen ein hoechst einfoermiges Gebaeude; wir haben wenig Gruende zu bezweifeln, daß die Weisen von vier langen Zeilen das alte und recht volksmaeßige Maas gewesen, aber wir duerfen dieß nicht auf die epischen Lieder beschraenken. Auch alte Minnelieder, und gewiß im zwoelften Jahrhundert, haben sich darin bewegt.

      Gegen das dreizehnte Jahrhundert hin, bis wo man nichts als die Laute alter Heldenlieder gehoert, erschallt auf einmal ein wunderbares Gewimmel. Von weitem meinen wir denselben Grundton zu vernehmen, treten wir aber naeher, so will keine Weise der andern gleich seyn. Tausend reine Formen liegen dahin gebreitet, grell froehlich an einander gesetzt, gar selten vermischt. Diese Dichter haben sich selbst Nachtigallen genannt*, und gewißlich konnte man auch durch kein Gleichniß, als das des Vogelsangs, ihren ueberreichen Ton besser ausdruecken. (* ich begnuege mich hier an Gottfried's von Straßburg bekannte Stelle im Tristan zu erinnern. An einen Unterschied zwischen Meistern und Minnes. denkt aber der Dichter nicht, ja er nennt die Nachtigall von der Vogelweide selber eine Meisterinne, wenn auch im allgemeinen Sinn.)

      Aus diesem Bestehenden ging nun ein Neues hervor, wohin schon der Name selber weist. Der innere Grundbau der Lieder wurde hervorgehoben, und ihnen zugleich eine Fuelle der Entfaltung gelassen, weßhalb man denn die alten Meisterlieder einmal fester und strenger, dann auch freier und gewandter als den Volksgesang erkennen muß. Andrerseits blieb die persoenliche Sitte bestehen, die Meistersinger lebten an den Hoefen, und wandten ihre Kunst auf den Lohn des Fuersten, nur ist entscheidend, daß sich die Dichter eben ihres Kunstmaeßigen, Eigenthuemlichen bewußt werden* und sich darum auf einer hoehern Stufe glauben mußten, um so mehr als vermuthlich die Lebensart der Volkssinger in der oeffentlichen Achtung gesunken war. (* Conrad von Wirzburg°° singt: "Edelsang sey eine innerliche Kunst, die nicht gelchrt werden koenne, sondern von selber kommen muesse.") ((°° um 1225 Würzburg - 1287 Basel))

      Das Verfeinern der Form wurde befoerdert und veranlaßt durch einen laengst zeitigen Hang zu dem subjektiven, lyrischen Prinzip. Die Zeit stand mitten in zwischen der rastlosen Heldenthaetigkeit und dem ernsten Niedersetzen des Geistes; es war eine sehnende seelige Bewegung des Gemueths, das sich ueber sich selbst zu besinnen anfing und an seiner Zierde und Pracht ein reines Wohlgefallen trug.

      Regel und Meister gab es mit dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts schon genug und dafuer haben wir gluecklicherweise mittelbare Documente uebrig. Die Verherrlichung der Gegenwart schien viel reitzender, als er todten Helden Thaten und Ruhm, die Poesie wurde lebendiger und ins Leben eingreifender, so wie das Verdienst der Person des Dichters ehrenvoller war. In Staedten, auf dem Lande mag der Minnegesang wenig Eingang gefunden haben, und wiederum verschmaehten es die meisten Hofdichter, sich durch Ergoetzung des ungebildeten Volks gleichsam zu erniedrigen. Diesem mußten die Liebesklagen zu fein und gestaltlos vorkommen, wie haette es fuer allegorische Deutung, Gelehrsamkeit und Tiefe Sinn gehabt?

      Die zweite Epoche ist erst im vierzehnten Jahrhundert besonders hervorgegangen. Die Fuersten ermueden die Minnelieder nach und nach, das Volk kann sie nicht brauchen. Die Meister klagen ueber den Verfall des hoefischen Sangs, die Loblieder auf die Fuersten und Herren gerathen immer haeufiger, schmeichelnder und gezierter, je schlechter sie bezahlt werden. Die Lust, große Romane zu reimen, verliert sich, aber die Lust, den Weltlauf zu ergruenden, die goettlichen und menschlichen Dinge zu betrachten wird immer reger. Dabei versieht sich von selbst, daß (die Dichter) die Form der Worte aufs hoechste trieben und durch deren geheimnißvolle Stellung das Geheimißreiche zu ehren strebten, eben so glaublich ist es, daß sie ihre aeußerliche Verbindung unter einander in manchen Ceremonien zu befestigen suchten. Man darf die im vierzehnten Jahrhundert erschienenen Meisterlieder nicht sogleich schlecht heißen, noch weniger ihre Verfasser heruntersetzen.

      In der dritten Epoche, welche ich vom funfzehnten Jahrhundert bis ans Ende rechne, wies es sich nun noch deutlicher aus, daß fuer die Meisterpoesie die Zeit des Hoflebens und Wanderns vorueber war, denn es hatten die Fuersten den Meistern alle Gunst entzogen. Dagegen gerith die Kunst in den Buergerstand allmaelig herab, nicht als ob vorher keine Buerger derselben theilhaftig gewesen, sondern weil jetzo eine Menge aus diesem Stande sie umfaßten und bluehender als je machten.

      Nirgends haette der sinkende Meistergesang so lange gehalten, wenn er nicht in die deutschen Staedte gelangt waere, wo die wohlhabenden Buerger es sich zur Ehre ersahen, daß sie die Kunst einiger ihrer Vorfahren nicht ausgehen ließen, und bald war sie durch eine Menge Theilnehmer in Ansehen und Foermlichkeit gesichert*. Von den tiefen, subtilen Forschungen wandte sich der einfache Sinn allmaelig ab und hielt sich an die Darstellung von Wahrheiten der heiligen Schrift und leichter Allegorien. In den protestantischen Staedten, den Hauptsitzen des spaeteren Meistersangs, kam die Reformation hinzu, die ueberall reines Haus haben wollte, es wurden daher weltliche Gegenstaende durch Sitte oder vielleicht selbst in einigen Ordnungen vom Gesang ausgeschlossen. Man darf aber durchaus nicht diese Einschraenkung aus dem Princip des Meistergesangs ableiten, dem sie nur aufgedrungen war; wir haben sogar nicht wenig wirkliche Meisterlieder aus der letzten Zeit, welche von Liebe oder lustigen Spaeßen handeln. Wenn das auch nicht gern auf den Schulen oeffentlich abgesungen wurde, so schrieben es doch zu Haus die Meister in ihre Buecher mitten unter die andern. (* Hans Sachs soll den Meistergesang so aufgebracht haben, daß mit ihm 250 zu Nuernberg gewesen.)

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    • 09.01.1876 - Geburtstag von Hans Bethge

      Oshikoshi no Mitsune (Japan, 898/922) Trübsinn Du flohest in die Berge, voller Haß / Gegen die Welt. Wenn in den Bergen nun
      Dich auch der dunkle Trübsinn überfällt, - / Wohin dann willst du weiter fliehn, o Freund?

      Dschami (Persien, 1414/1492) Erkenntnis Gottes
      Demütig lerne Gottes Wesen aus / Dem Wesen Gottes selber, nimmermehr / Aus klügelnden Beweisen zu erfassen.
      Sind etwa Fackel oder Kerze nötig, / Um dich den Glanz der Sonne sehn zu lassen?

      Omar Kahayyam (Persien, 1048/1131) Von der Freiheit
      Weißt du, o Freund, warum wir die Zypresse / Den Baum der Freiheit nennen und die Lilie / Der Freiheit Blume heißt? Wohl hundert Arm
      Von stolzem Wuchs hat die Zypresse, dennoch / Greift sie nicht zu. Zehn Blütenblätter hat / Die Lilie, das sind Zungen, dennoch redet
      Sie nicht ein Wort. Ahnst Du, was Freiheit ist?

      Sa'di (Persien, c. 1210/1290) An den Leser Aus vielen fernen Ländern kehrt ich heim: / Aus Indien, Arabien, Ägypten.
      Wer aus Ägypten heimkehrt, der bringt Zucker / Den Freunden mit als süßes Angebinde.
      Ich habe keinen Zucker mitgebracht, / Doch Verse, die noch süßer sind als Zucker:
      Sie laben zwar die Zunge nicht, die eitle, / Wohl aber Deinen Geist, der ewig ist.

      Der Pilger Ein Frommer, der nach Mekka pilgerte, / Warf sich im Laufe seiner strengen Wallfahrt / Zahllose Male nieder zum Gebet.
      Wenn sich, indes er wanderte, ein Dorn / In seinem Fuß vergrub, ließ er ihn stecken / Und wallte weiter, als verspürt' er nichts.

      Er litt jedoch in seinem frommen Dünkel, / Es schien ihm gut und edel, was er machte, / Stolz war er auf sein Tun, der Törichte.
      Er meinte, daß er Gottes Wege schreite; / Da, eines Tages, jählings, drang es warnend / Von unsichtbarem Munde an sein Ohr:

      "Du strenger Mann der Pflicht, meinst du denn wirklich, / Gebet und Andacht und Sichquälen seinen / Die wahren Opfer auf des Herrn Altar?
      Viel lieber als ein Leib, der tausendmal / Sich niederwirft, ist unserm Gott ein Herz, / Das wohlzutun und Glück zu spenden weiß."

      Kalidasa (Indien, um 400) Sommer Der Duft nach Sandel, den die seidnen Fächer / Über die Brüste schöner Frauen wehn,
      Die Perlen auf der braunen Haut, Gesänge, / Der Klang der Harfen und das Lied der Vögel -
      Das alles weckt den Gott der Liebe auf, / Und neue Lust und neue Qual beginnt.

      Bhartrihari (Nordindien, um 500) Viel lieber...
      laß ich mich von einer Schlange, / Von einer länglichen, beweglichen, / Die bläulich schimmert wie die Lotusblumen, / Anblicken als von eines Weibes Aug, / Das auch so blau erstrahlt: Bin ich gebissen, / So find ich sicher einen Arzt, der gerne / Mich heilen wird; wer aber heilt mich wohl / Vom Liebesblicke einer schönen Frau?

      Nizami (Persien, 1141/1209) Jesus und der tote Hund
      Als Jesus, der auf Erden wanderte, / Dereinst an einem Markt vorüberkam, / Sah er am Wege einen toten Hund.

      Es standen viele Menschen um die Leiche. / Sie plauderten. Der eine sagte mürrisch: / "Pfui, der Gestank verpestet uns das Hirn."
      Ein andrer sagte: "Solch ein Aas bringt Unglück." / Und ähnlich schwatzten alle. Jeder schmähte / Auf seine Art das tote Hundetier.

      Da öffnete auch Jesus seinen Mund / Und sagte ruhig und in großer Güte: / "Seht, seine Zähne leuchten schön wie Perlen . . ."
      Wie da verstummten die Umstehenden / Und heiße Scham ihr Inneres durchrann / Und sie heimschlichen mit gesenkten Häuptern.

      zit. v. yinyang-verlag.de

      Bethges Nachdichtungen haben neben Gustav Mahler ("Das Lied von der Erde") noch zahlreiche andere Komponisten zu Vertonungen inspiriert! Erwähnt seien hier nur Walter Braunfels, Gottfried von Einem, Hans Eisler, Ernst Krenek, Bohuslav Martinu und Krzysztof Penderecki... Auf Bethges Textsammlung "Die chinesische Flöte" (der Quelle, der sich Mahler bediente) geht übrigens auch "Von Apfelblüten einen Kranz" (aus F.Lehars 'Land des Lächelns') zurück - nur dass im Original von Birnenblüten die Rede ist.....
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    • 12.01.1876 - Geburtstag von Jack London

      Die Story The Apostate ist Bestandteil seiner 1911 erschienenen Sammlung When God Laughs. Die erste deutsche Übersetzung - aus der hier einige Passagen wiedergegeben sind - findet sich 1929 im Auswahlband "Nur Fleisch" (Verl. Peter J. Oestergard G.m.b.H., Berlin-Schöneberg).

      Das amerik. Original ist mit diesem Zitat eingeleitet: "Now I wake me up to work; / I pray the Lord I may not shirk. / If I should die before the night, / I pray the Lord my work's all right. / Amen."

      ... seine Arbeit erforderte keine Bewegung, nichts, was seine Gedanken erregte, und er träumte immer weniger, während seine Seele träge und schläfrig wurde. Dennoch verdiente er zwei Dollar wöchentlich, und die zwei Dollar trennten ihn von akutem Hunger und chronischer Unterernährung. Mit neun Jahren aber verlor er diese Stellung. Die Masern waren schuld daran. Als er wieder gesund war, erhielt er Arbeit in einer Glasfabrik. Der Lohn war höher, und die Arbeit erforderte eine gewisse Tüchtigkeit. Es war Akkordarbeit, und je tüchtiger er war, um so höher war sein Lohn. Hier hatte er einen Ansporn zur Arbeit, und unter diesem Ansporn entwickelte er sich zu einem ausgezeichneten Arbeiter. Es war eine einfache Arbeit - die Befestigung von Glaspropfen auf kleinen Flaschen. Am Gürtel trug er eine Rolle Bindfaden. Die Flaschen hielt er zwischen den Knien, so daß er mit beiden Händen arbeiten konnte, und in dieser Stellung saß er zehn Stunden täglich, die mageren Schultern hochgeschoben und die Brust eingeengt. Es war nicht gesund für die Lunge, aber er schaffte dreihundert Dutzend Flaschen täglich.

      Der Fabrikleiter war sehr stolz auf ihn und benutzte ihn als Schauobjekt für Besucher. Im Laufe von zehn Stunden gingen dreihundert Dutzend Flaschen durch seine Hände. Das heißt, daß er tatsächlich die Vollkommenheit einer Maschine erlangt hatte. Alle Bewegungen, die eine Vergeudung von Kräften bedeuteten, waren beseitigt. Jede Bewegung der mageren Arme, jede Bewegung in den Muskeln der dünnen Finger war schnell und genau. Er arbeitete unter beständigem Hochdruck, und das Ergebnis war, daß er nervös wurde. Nachts arbeiteten seine Muskeln weiter, und am Tage konnte er sich nie von der inneren Erregung befreien und sich ausruhen. Er blieb dauernd bis zum äußersten angespannt, und seine Muskeln arbeiteten weiter. Er wurde gelb und blaß...

      Es hatte mehrere große Ereignisse in seinem Leben gegeben. Eines davon war gewesen, wie seine Mutter einige kalifornische Pflaumen kaufte. Die beiden anderen Male hatte sie Creme für die Kinder bereitet. Das waren wirklich Ereignisse gewesen. Er erinnerte sich ihrer mit Freundlichkeit. Und einmal hatte seine Mutter ihm von einem ganz wunderbaren Gericht erzählt, das sie ihnen einmal machen wollte - "Götterspeise" hatte sie es genannt - etwas, das "viel besser als die Creme" war. Mehrere Jahre lang hatte er sich auf den Tag gefreut, da er sich an den Tisch setzen und Götterspeise essen sollte - bis er schließlich den Gedanken als eines der unerreichbaren Ideale beiseite schob.

      Einmal fand er fünfundzwanzig Cent auf dem Bürgersteig. Das war auch ein großes Ereignis in seinem Leben - aber ein tragisches. Im selben Augenblick, als er die Silbermünze erblickte, noch ehe er sie aufgehoben hatte, wußte er, was seine Pflicht war. Zu Hause hatte sie wie gewöhnlich nichts zu essen, und er hätte das Geld heimbringen sollen, wie er es an jedem Sonnabend mit seinem Wochenlohn tat... Er versuchte nicht, sich etwas vorzumachen. Er wußte, daß es Sünde war, und er sündigte mit voller Überlegung, als er ganze fünfzehn Cent für Bonbons gebrauchte... In der Erinnerung erschien ihm dieses Ereignis immer noch als die einzige große verbrecherische Tat seines Lebens, und wenn er daran dachte, erwachte stets sein Gewissen wieder und quälte ihn. Es war der einzige dunkle Punkt seines Lebens. Seine Veranlagung ließ ihn stets mit Bedauern auf diese Tat zurückblicken...

      Es gab noch eine Erinnerung an die Vergangenheit, unklat und verblichen, aber für alle Ewigkeit seiner Seele durch die grausamen Füße seines Vaters eingehämmert. Es war mehr ein böser Traum als die Erinnerung an etwas wirklich Erlebtes... (Er) machte ihn stets ganz wach, und in dem Augenblick, wenn das erste würgende Gefühl von Angst ihn überkam, war ihm, als läge er quer über dem Fußende des Bettes. Im Bett konnte er undeutlich die Umrisse seines Vaters und seiner Mutter unterscheiden. Er wußte nicht, wie sein Vater ausgesehen hatte. Er hatte nur einen einzigen Eindruck von seinem Vater, und der war, daß er sehr harte und schonungslose Füße hatte...

      Er bewahrte alle Erinnerungen aus seinen frühesten Jahren, aus seinen späteren aber besaß er keine. Ein Tag war wie der andere. Gestern oder vorgestern war dasselbe wie tausend Jahre - oder eine Minute. Es geschah nie etwas. Es gab keine Ereignisse, die den Flug der Zeit angegeben hätten. Die Zeit flog überhaupt nicht. Sie stand immer still. Nur sie wirbelnden Maschinen bewegten sich...

      Seinen sechzehnten Geburtstag feierte er damit, daß er in die Websstube versetzt wurde, wo man ihn an einen eigenen Webstuhl setzte... Er war noch nicht zwei Jahre (dort), als er schon mehr Ellen produzierte als jeder andere Weber und mehr als doppelt so viel wie die weniger tüchtigen. Zu Hause begannen sich die Verhältnisse auch zu bessern, da er ungefähr den Wochenlohn eines Erwachsenen verdiente. Nicht, daß sein größerer Verdienst ihm je mehr als das Notwendigste verschafft hätte. Die Kinder wuchsen heran. Sie aßen mehr. Sie gingen zur Schule, und Schulbücher kosten Geld. Und wie dem nun war oder nicht war, je mehr er arbeitete, desto höher stiegen die Preise von allem. Selbst die Miete stieg, obwohl das Haus immer mehr verfiel...

      ...nachdem er ein paar Löffel voll gegessen hatte, fügte er hinzu: "Ich glaube, ich habe heute abend keinen Hunger." Er...schob seinen Stuhl zurück und erhob sich müde vom Tisch... Er schleppte die Füße noch mehr als gewöhnlich nach, als er durch die Küche ging. Sich zu entkleiden, bedeutete eine...ungeheure Abrackerei für ihn, und er weinte vor Schrecken, als er, noch mit einem Schuh, ins Bett kroch. Er hatte das Gefühl, als...schwölle etwas in seinem Kopf und machte sein Hirn dickflüssig. Seine mageren Finger fühlten sich ebenso dick an wie sein Handgelenk, und in den Fingerspitzen hatte er ein Gefühl, als gingen sie ihn nichts an, und als wären sie ebenso unbestimmt und dickflüssig wie sein Hirn. Seine Lenden schmerzten unerträglich. Jeder Knochen in seinem Körper schmerzte. Und in seinem Kopfe begann es zu kreischen und zu klopfen, zu knarren und zu poltern wie von Millionen Webstühlen... ... ((dt. v. E.Magnus; 1881/1947))

      zit. v. projekt-gutenberg.de
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    • 18.01.1689 - Taufe von (Baron de La Brede de) Montesquieu

      aus "Schriften von M., ...als ein Nachtrag zu seine Werken herausgegeben. Uebersetzt von Elieser Gottlieb Küster... C.H.Richter: Altenburg 1798"

      Für die folgende kleine Zusammenstellung (v. a. deren Anordnung!!) aus dem Abschnitt Sammlung einzelner Gedanken des obigen Buches ist der Kalendermann - ob's ihm nun behagt oder nicht - alleinig verantwortlich :)

      Es entstehen eben so viele Laster daher, wenn man sich nicht genug schätzt, als wenn man sich zu sehr schätzt. / / / Sehnsucht ist eine Fessel, die alle unsere Vergnügen lähmt. / / / Ich mag die Bauern wohl leiden; sie sind nicht gelehrt genug, um verkehrte Schlüsse zu machen.

      Das Studiren ist für mich das allgemeine Mittel wider den Ueberdruß des Lebens gewesen, und nie habe ich eine verdrießliche Laune gehabt, die ich nicht durch ein einstündiges Lesen verscheucht hätte.

      Ich begreife nicht, wie die Fürsten so leicht glauben können, daß sie Alles seyen, und wie das Volk so geneigt seyn kann zu glauben, daß es nichts sey. / / / Wenn man nach Witz haschet, so erhascht man oft Aberwitz. / / / Nie muß man turch Befehle und Verordnungen etwas auszurichten suchen, was man durch Beyspiel und gute Sitten ausrichten kann.

      Für nichts und wieder nichts zu lachen, und jedes noch so kleinliche Stadtgeschichtchen aus einem Hause in das andere zu tragen, heißt jetzt Welt = und Menschenkenntniß. Man fürchtet diese zu verlieren, wenn man sich auf andere Kenntnisse legte.

      Sophokles, Euripides, Aeschylus, haben gleich Anfangs die Art und Weise der Erfindung zu einer so vorzüglichen Stuffe gebracht, daß wir seitdem an den Regeln, die sie uns hinterlassen haben, und die sie ohne eine vollkommene Kenntniß der Natur und der Leidenschaften nicht festsetzen konnten, nichts geändert haben. / / / Virgil, der dem Homer in Ansehung der Größe und Mannigfaltigkeit der Charaktere, so wie in Rücksicht auf die vorteffliche Erfindung nachsteht, kommt ihm in Ansehung der Schönheit der Dichtkunst völlig gleich. / / / Cicero ist, meiner Meinung nach, einer der größten Köpfe, die die Welt je gesehen hat.

      Wenn man nichts weiter als glücklich seyn wollte, so wäre das Ding leicht gethan; aber man will glücklicher seyn, als Andere, und da findet denn die Sache fast immer große Schwierigkeiten, weil wir glauben, daß Andere glücklicher seyen, als sie es wirklich sind.

      Spöttereien sind Reden, wodurch man seinem Verstande auf Kosten seines guten Herzens ein Kompliment macht. / / / Meine Tochter sagte sehr richtig: Rauhe Sitten sind nur das erste mal rauh. / / / Die Frömmeley findet Gründe, böse Thaten zu begehen, auf welche ein Mensch von gemeiner Rechtschaffenheit nie verfallen würde.

      Um die Menschen richtig zu beurtheilen, muß man die Vorurtheile ihrer Zeiten kennen. / / / Immer habe ich bemerkt, daß, wenn man in der Welt gut fortkommen will, man einfältig aussehen, und als ein Weiser handeln muß. / / / Ich sagte zu Madame du Chatelet: Sie enthalten sich des Schlafs, um die Philosophie zu studiren, man sollte vielmehr die Phillosophie studiren, damit man den Schlaf beförderte.

      Sehe ich einen Mann von Verdiensten, so suche ich ihn nie anzutasten; einen mittelmässigen Menschen, der nur einige gute Eigenschaften hat, und doch dabei etwas vorstellen will, pflege ich wohl auf die Zähne zu fühlen und ihn ein wenig aus der Fassung zu bringen.

      Den meisten Fürsten und Ministern fehlt es am guten Willen nicht; sie wissen nur ihre Sachen nicht recht anzufangen. / / / Zweierlei Arten von Menschen: denkende und unterhaltende. / / / Leute, die viel Verstand haben, laufen oft Gefahr, Alles mit Verachtung anzusehen.

      Bey Allen, wo es auf Staat, Schmuck oder Aufwand ankommt, muß man immer etwas weniger thun, als man thun kann. / / / Sein Vermögen muß man als seinen Sklaven betrachten; aber man muß auch seinen Sklaven nicht zu Grunde richten.

      zit. v. archive.org
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      21.01.1872 - Todestag von Franz Grillparzer

      I. F. einige Passagen vom Beginn seiner (1831 u. 42 geschriebenen, 1848 erstveröffentlichten) Novelle Der arme Spielmann. Brigittenau ist der heutige 20. Wiener Gemeindebezirk - dort befindet sich auch eine an diese Zeilen erinnernde Spielmanngasse --- --- Zwei offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend bereinigt....

      (Am Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli jedes Jahres) feiert die mit dem Augarten, der Leopoldstadt, dem Prater in ununterbrochener Lustreihe zusammenhängende Brigittenau ihre Kirchweihe... Wald und Wiese, Musik und Tanz, Wein und Schmaus, Schattenspiel und Seiltänzer, Erleuchtung und Feuerwerk (vereinigen sich zu einem) pays de cocagne, einem Eldorado, einem eigentlichen Schlaraffenlande...

      (Jedes Volksfest ist mir) ein eigentliches Seelenfest, eine Wallfahrt, eine Andacht. Wie aus einem aufgerollten, ungeheuren, dem Rahmen des Buches entsprungenen Plutarch, lese ich aus den heitern und heimlich bekümmerten Gesichtern, dem lebhaften oder gedrückten Gange, dem wechselseitigen Benehmen der Familienglieder, den einzelnen halb unwillkürlichen Äußerungen, mir die Biographien der unberühmten Menschen zusammen, und wahrlich! man kann die Berühmten nicht verstehen, wenn man die Obskuren nicht durchgefühlt hat. Von dem Wortwechsel weinerhitzter Karrenschieber spinnt sich ein unsichtbarer, aber ununterbrochener Faden bis zum Zwist der Göttersöhne, und in der jungen Magd, die halb wider Willen, dem drängenden Liebhaber seitab vom Gewühl der Tanzenden folgt, liegen als Embryo die Julien, die Didos und die Medeen...

      Ich hatte mich dem Zug der Menge hingegeben..., nur leider zu stets erneutem Stillstehen, Ausbeugen und Abwarten genötigt. Da war denn Zeit genug, das seitwärts am Wege Befindliche zu betrachten. Damit es nämlich der genußlechzenden Menge nicht an einem Vorgeschmack der zu erwartenden Seligkeit mangle, hatten sich...einzelne Musiker aufgestellt, die, wahrscheinlich die große Konkurrenz scheuend, hier an den Propyläen die Erstlinge der noch unabgenützten Freigebigkeit einernten willten. Eine Harfenspielerin mit widerlich starrenden Augen. Ein alter invalider Stelzfuß, der auf einem entsetzlichen, offenbar von ihm selbst verfertigten Instrument, halb Hackbrett und halb Drehorgel, die Schmerzen seiner Verwundung dem allgemeinen Mitleid auf eine analoge Weise empfindbar machen wollte. Ein lahmer, halb verwachsener Knabe, er und seine Violine einen einzigen ununterscheidbaren Knäuel bildend, der endlos fortrollende Walzer mit all der hektischen Heftigkeit seiner verbildeten Brust her abspielte. Eindlich...ein alter, leicht siebzigjähriger Mann...mit lächelnder, sich selbst Beifall gebender Miene... (Er) bearbeitete eine alte vielzersprungene Violine, wobei er den Takt nicht nur durch Aufheben und Niedersetzen des Fußes, sondern zugleich durch übereinstimmende Bewegung des ganzen gebückten Körpers markierte... Aber all diese Bemühung, Einheit in seine Leistung zu bringen, war fruchtlos, denn was er spielte, schien eine unzusammenhängende Folge von Tönen ohne Zeitmaß und Melodie. Dabei war er ganz in sein Wetk vertieft: die Lippen zuckten, die Augen waren starr auf das vor ihm gerichtete Notenblatt gerichtet -- ja wahrhaftig Notenblatt! Denn indes alle andern, ungleich mehr zu Dank spielenden Musiker sich auf ihr Gedächtnis verließen, hatte der alte Mann mitten in dem Gewühle ein kleines...Pult vor sich hingestellt mit schmutzigen, zergriffenen Noten, die das in schönster Ordnung enthalten mochten, was er so außer allem Zusammenhange zu hören gab...

      Er spielte noch ein Weile fort. Endlich hielt er ein, blickte, wie aus einer langen Abwesenheit zu sich gekommen, nach dem Firmament, das schon die Spuren des nahenden Abends zu zeigen anfing; darauf abwärts in seinen Hut, fand ihn leer, setzte ihn mit ungetrübter Heiterkeit auf, steckte den Geigenbogen zwischen die Saiten...und arbeitete sich mühsam durch die dem Feste zuströmende Menge in entgegengesetzte Richtung, als einer der heimkehrt...

      "Sieht es doch beinahe aus", sagte (er) lächelnd, "als ob Sie, verehrter Herr, der Beschenkte wären, und ich, wenn es mir erlaubt ist zu sagen, der Wohltäter, so freundlich sind Sie, und so widerwärtig ziehe ich mich zurück. Ihr vornehmer Besuch wird meiner Wohnung immer eine Ehre sein; nur bäte ich, daß Sie den Tag Ihrer Dahinkunft mir großgünstig im voraus bestimmten... Ich weiß wohl, daß die übrigen öffentlichen Musikleute sich damit begnügen, einige auswendig gelernte Gassenhauer, Deutschwalzer, ja wohl gar Melodien von unartigen Liedern...fort und fort herab zu spielen. so daß man ihnen gibt, um ihrer los zu werden, oder weil ihr Spiel die Erinnerung genossener Tanzfreuden oder sonst unordentlicher Ergötzlichkeiten wieder lebendig macht. Daher spielen sie auch aus dem Gedächtnis und greifen falsch mitunter, ja häufig. Von mir aber sei fern zu betrügen. Ich habe deshalb...diese Hefte mir selbst ins Reine geschrieben." Er zeigte dabei durchblätternd auf sein Musikbuch, in dem ich zu meinem Entsetzen...ungeheuer schwierige Kompositionen alter berühmter Meister, ganz schwarz von Passagen und Doppelgriffen erblickte. Und derlei spielte der alte Mann mit seinen ungelenken Fingern! "Indem ich nun diese Stücke spiele", fuhr er fort, "bezeige ich meine Verehrung den...längst nicht mehr lebenden Meistern und Verfassern, tue mir selbst genug und lebe der angenehmen Hoffnung, daß die mir mildest gereichte Gabe nicht ohne Entgelt bleibt durch Veredlung des Geschmackes und Herzens der...irregeleiteten Zuhörerschaft. Da derlei aber...eingeübt sein will, sind meine Morgenstunden ausschließlich diesem Exerzitium bestimmt. Die drei ersten Stunden des Tages der Übung, die Mitte dem Broterwerb, und der Abend mir und dem lieben Gott...

      Wie ich vorwärts ging, schlug der leise, langgehaltene Ton einer Violine an mein Ohr, der aus dem offen stehenden Bodenfenster eines wenig entfernten ärmlichen Hauses zu kommen schien... Ich stand stille. Ein leiser, aber bestimmt gegriffener Ton schwoll bis zur Heftigkeit, senkte sich, verklang um gleich darauf wieder bis zum lautesten Gellen emporzusteigen und zwar immer derselbe Ton mit einer Art genußreichem Daraufberuhen wiederholt. Endlich kam ein Intervall. Es war die Quarte. Hatte der Spieler sich vorher an dem Klange des einzelnen Tones geweidet, so war nun das gleichsam wollüstige Schmecken dieses harmonischen Verhältnisses noch ungleich fühlbarer. Sprungweise gegriffen, zugleich gestrichen, durch die dazwischen liegende Stufenreihe höchst holperig verbunden... Und das nannte der alte Mann Phantasieren! -- Obgleich es im Grunde allerdings ein Phantasieren war, für den Spieler nämlich, nur nicht auch für den Hörer... ....

      zit. v. zeno.org
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      25.01.1909 - Uraufführung von Richard Strauss' Einakter **Elektra (op.68) in Dresden wird morgn Früh ergänzt

      ** ... O heiliges Licht, / Und erdumwebende Luft, o wie hast / Du so manch lautweinendes Klaglied
      Und manchen so schmerzlichen Schlag schon / Aus blutiger Brust vernommen von mir, / Wenn die finstere Nacht am Morgen entweicht !
      ...Nein, niemals wird / Mein Weinen gestillt, mein düsterer Gram, / So lang' ich den schimmernden Glanzstrahl / Der Gestirne noch schau' und den Tag hier !
      Wie die Nachtigall weint dem verlorenen Kind, / So will ich die Klag' am Ahnen = Palast / Unter Gestöhn' hier vor der Welt ausschrei'n !

      ...Denn erstlich meiner Mutter, deren Schooß mich trug, / Ihr Herz ist ganz verfeindet mir : dann leb' ich hier
      Im Hause mit den Mördern meines Vaters selbst / Zusammen, ihnen unterthan : in ihrer Macht / Steht's, ob ich was anfangen oder darben soll.
      Dann welche Tage, denke dir ! verleb' ich, wenn / Ich auf den Thron der Ahnen muß Aegisthen seh'n / Sich niederlassen ? Seh'n dieselben Festgewand'
      Ihn tragen wie den Vater, und am Hausesheerd / Die Spenden gießen, wo er jenen umgebracht ?
      Seh'n endlich noch den allergrößten Uebermuth, / Den Mörder unsres Vaters in des Vaters Bett / Mit dieser Greuel = Mutter, wenn ich Mutter darf
      Ein Weib noch nennen, welches dem zur Seite ruht, / So gottverlassen, daß sie mit dem Höllen = Mann / Zusammenlebt, und fürchtet keinen Rachegeist !
      Ja, wie zum Hohn und Spotte dessen, was sie that, / Indem sie ausgerechnet hat den Tag, an dem
      Sie einstens meinen Vater meuchlings mordete, / So führt sie Reigentänze auf und schlachtet froh / Den Rettungsgöttern Opferschaf' allmonatlich.
      Und ich, die Aermste, wenn ich das im Hause seh' / Zerrinn' in Thränen, schluchze laut bei diesem Mahl,
      Dem jammervollen Mahl Agamemnons, wie man's nennt, / Allein für mich; denn auch zu weinen ist mir nicht / So viel vergönnt, als meines Herzens Drang begehrt.
      Denn diese nach den Worten hochgesinnte Frau / Sie fährt mich an mit Schelt und Schimpf, indem sie spricht : / "Du gottverhaßter Greuel ! ist denn dir allein
      Der Vater todt, und trauert sonst kein Mensch um ihn ? / Verdirb im Elend ! mögen dich von diesem Gram / Die unterird'schen Mächte nimmermehr befrei'n !"

      ... (Chrysothemis Was schreist du wieder, vor des Tores Pforten her / Getreten, liebe Schwester, solchen Klageruf ?
      Und willst auch in der langen Zeit nicht lernen noch, / Unnützem Unmuth nicht umsonst zu fröhnen so ?
      Zwar kann ich so viel auch von mir versichern, daß / Mir unsre Lage Kummer macht, und würde mir / Die Macht, so thät' ich ihnen, was ich fühle, kund.
      Jetzt aber zieh' ich bei der Noth die Segel ein, / Will nicht mir schaden, wo ich nichts ausrichten kann, / Und wünsche, daß du deinerseits ein Gleiches thust.
      Zwar sei das Richtige nicht bei meinem Worte, nein, / Bei deinem Urtheil ! aber fügen muß ich mich / Den Mächtigen, wenn ich frei mit Anstand leben soll.)

      ...Bekenne denn von Zweien Eins : entweder bist / Du thöricht, oder ungetreu bei klugem Sinn.
      Denn eben sagst du, würde dir die Macht zu Theil, / Du zeigtest ihnen deinen Abscheu offenbar : / Und dennoch stehst du nicht zu mir, die überall
      Den Vater rächt, und wehrest mir, indem ich's thu'. / Heißt dieses nicht, zum Uebel Feigheit fügen noch ?
      Denn lehr' mich oder lern' von mir, was wär es mir / Gewinn, sofern ich meine Klag' einstellen will ? / Ich lebe ! elend freilich : doch genügt es mir !
      Und ärgre sie, so daß ich damit Ehre doch / Dem Todten zolle, wenn man Wohlthat dort noch fühlt.
      Doch du, du Hasserin, hassest blos dem Scheine nach, / Und hältst es mit den Vatermördern durch die That.
      Ich meinestheils mag nimmermehr, und böte man / Mir all das Gute dar, worin du schwelgest jetzt, / Mich ihnen unterwerfen...

      (Chor Nur alles ohne Leidenschaft, beim Himmel ! denn / In beider Worten ist Gewinn, wenn du nur lernst, / Auf ihre eingeh'n, sie auf deine wiederum.)

      (Chrysothemis Ich meinestheils bin ihre Reden ziemlich schon / Gewohnt, ihr Frauen, hätt' es auch niemals erwähnt,
      Vernähm' ich nicht, daß ein besondres Ungemach / Ihr droht, was ihre ewigen Klagen hemmen soll... / >zu Elektra< Man will dich, so du diesen Klagen nicht entsagst,
      Dahin versetzen, wo du nie das Sonnenlicht / Mehr schau'n, in finstrer Kammer eingemauert, noch / Lebendig, jenseits dieses Lands, dein Leiden singst.
      Demnach bedenk' es, mach' auch mir nicht hinterher / Im Leiden Vorwurf : noch ist's, klug zu werden, Zeit... .... ((dt. v. J.A.Hartung; 1801/1867))

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      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
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