Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 21.02.1918 - Todestag von Hedwig Lachmann

      Die 1865 geborene Schriftstellerin und Übersetzerin war eine langjährige Freundin von Richard Dehmel (des Dichters der "Verklärten Nacht"; die Beziehung zerbrach an Dehmels Weltkriegsbegeisterung) und übersetzte - teils alleine, teils mit ihrem Ehemann Gustav Landauer >1870/1919< - u. a. Edgar Allan Poe, Sandor Petöfi, Honore de Balzac und Oscar Wilde. (R.Strauss nutzte ihre "Salome"-Übertragung für sein Opern-Libretto.) I. F. zwei kurze Ausschnitte aus dem zweiten Kapitel von Wildes einzigem Roman "The Picture of Dorian Gray" (1890) resp. vom Beginn des Romans "La vielle fille" (1836) von Honore de Balzac......

      .... ...weil, wer einen Menschen beeinflußt, ihm seine eigene Seele gibt. Er denkt nicht seine natürlichen Gedanken und glüht nicht in seinem natürlichen Feuer. Seine Tugenden gehören nicht wirklich ihm. Seine Sünden, wenn es so etwas wie Sünden gibt, sind geborgte. Er wird ein Echo der Musik irgendeines Fremden, Schauspieler einer Rolle, die nicht für ihn geschrieben wurde. Das Ziel des Lebens ist Selbstentfaltung. Seine eigene Natur vollkommen zu verwirklichen -- dafür ist jeder von uns da. Die Menschen von heutzutage haben Angst vor sich selbst. Sie haben die höchste aller Pflichten vergessen, die Pflicht, die man sich selbst gegenüber hat. Natürlich sind sie wohltätig. Sie nähren den Hungrigen und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen sterben Hungers... Die Furcht vor der Gesellschaft, die die Grundlage der Moral ist, die Furcht vor Gott, die das Geheimnis der Religion ist -- das sind die zwei Dinge, die uns beherrschen. Und doch ---"

      "Bitte, drehe den Kopf ein wenig mehr nach rechts, Dorian, sei so lieb!" sagte der Maler, der tief in seine Arbeit versenkt war und nur gewahrte, daß ein Zug in das Gesicht des Jünglings gekommen war, den er vorher nie darin gesehen hatte.

      "Und doch," fuhr Lord Henry mit seiner sanften, wohlklingenden Stimme...fort, die...er schon seinerzeit in Eton gehabt hatte, "ich glaube, wenn ein einziger Mensch sein Leben völlig und ganz ausleben wollte, jeder Empfindung Form, jedem Gedanken Ausdruck, jedem Traum Wirklichkeit gegen wollte -- ich glaube, die Welt erhielte einen solchen Schwung von Freudigkeit, daß wir all das Siechtum aus den Zeiten des Mittelalters vergäßen... Aber der Tapferste unter uns hat Angst vor sich selber. Die Selbstverstümmelung der Wilden lebt...in der Selbstverleugnung fort, die unser Leben verstümmelt. Wir werden für unser Verleugnen gestraft. Jeder Trieb, den wir ersticken möchten, wühlt sich im Geiste fort und vergiftet uns... Man hat wohl gesagt, die größten Geheimnisse der Welt ereigneten sich im Hirne. Im Hirne...ereignen sich auch die großen Sünden der Welt. Sie, Herr Gray, Sie selber mit ihrer rosigen Jugend und ihrer Knabenunschuld, die wie weiße Rosen ist, Sie haben Leidenschaften gehabt, die Ihnen bange machten, Gedanken, die Sie in Schrecken setzten, Träume bei Tag und Träume im Schlaf, die, wenn sie nur daran denken, das Blut der Scham in ihre Wangen jagen - - -"

      "Halten Sie ein!" rief Dorian Gray mit versagender Stimme, "halten Sie ein, mir wird wirr von ihren Reden. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es gibt eine Antwort auf ihre Worte, aber ich kann sie nicht finden. Sprechen Sie nicht! Lassen Sie mich nachdenken. Oder lieber, lassen Sie mich den Versuch machen, nicht nachzudenken."

      Fast zehn Minuten land stand er da, ohne sich zu regen, mit geöffneten Lippen und einem seltsamen Glanz in den Augen... Die paar Worte...hatten eine geheime Saite berührt, die zuvor nie berührt worden war, die er aber jetzt zittern und in seltsamer Wildheit rauschen hörte. Die Musik hatte ihn so ähnlich erregt. Die Musik hatte ihn oft wirr gemacht. Aber die Musik war unbestimmt. Sie erzeugte in einem nicht eine neue Welt, sondern eher ein neues Chaos. Worte! bloße Worte! Wie furchtbar sie waren! Wie deutlich und lebendig und grausam! Man konnte ihnen nicht entrinnen. Und was war doch in ihnen für eine feine Magie! Sie schienen imstande, gestaltlosen Dingen plastische Gestalt zu geben und eine Musik in sich zu bergen, die so süß war wie die der Bratsche oder der Laute... .... ((zit. v. zeno.org))

      Athanase Granson war ein magerer, blasser junger Mann von mittlerer Figur, mit hohlem Gesicht, in welchem zwei schwarze, geistsprühende Augen wie zwei Kohlen funkelten. Die etwas gequälten Linien seines Gesichts, die Krümmungen des Mundes, sein vorspringendes Kinn, der regelmäßige Schnitt der marmornen Stirn, ein Ausdruck der Melancholie, der von dem Gefühl des Elends herrührte, das im Widerspruch zu der innern Kraft stand, derer er sich bewußt war, bekundeten einen begabten Mann in Gefangenschaft... (Er) gehörte zu der Klasse begabter Menschen, die sich selbst nicht kennen und leicht mutlos werden. Seine Seele war beschaulich, er lebte mehr im Denken als im Tun... DIe Verachtung, welche die Welt über die Armut ergießt, lähmte (ihn); die entnervende Atmosphäre einer beklemmenden Einsamkeit erschlaffte seinen Geist, der sich immer wieder aufs neue anspannte, ein schreckliches Spiel ohne jeglichen Erfolg, das die Seele ermüdete...

      (In tiefer) Verborgenheit hielt er das Geheimnis seines Herzens, eine Leidenschaft, die seine Wangen aushöhlte und seine Stirn welk machte. Er liebte seine entfernte Verwandte, jene Mademoiselle Cormon, die seine unbekannten Rivalen, der Chevalier de Valois und Du Bousquier, umlauerten. Diese Liebe war von der Berechnung erzeugt worden. Mademoiselle Cormon galt für eine der reichsten Pesonen der Stadt: der arme Junge war also durch...den tausendmal gehegten Wunsch, die alten Tage seiner Mutter zu verschönen, durch die Sehnsucht nach einer behaglichen Existenz, die für geistig arbeitende Menschen so notwendig ist, dahin gebracht worden, sie zu lieben, und dieser recht unschuldige Ausgangspunkt entehrte seine Liebe in seinen Augen. Er fürchtete überdies, daß die Welt sich über die Liebe eines jungen Mannes von dreiunddreißig Jahren zu einer Vierzigjährigen lustig machen würde...

      Wer vermag die Leidenschaft, die Athanase...hegte, zu begreifen? Weder die Reichen, diese Sultane der Gesellschaft, die ihre Harems dort finden, noch die Spißbürger, welche auf der ausgetretenen Landstraße der Vorurteile enhertrotten, noch die Frauen, die der Leidenschaft der Künstler verständnislos gegenüberstehen und ihnen als Erwiderung ihre Tugenden entgegenhalten, weil sie glauben, daß die beiden Geschlechter von denselben Gesetzen regiert werden. Hier muß man sich wohl an die jungen Menschen wenden, die in der Zeit, wo alle ihre Kräfte sich spannen, unter ihren ersten unterdrückten Begierden leiden; an die an ihrem Genie krankenden Künstler, die in der Umklammerung der Not ersticken; an die mit Talenten Begabten, die oft jeden Halts und aller Freunde entbehren... Alle diese kennen die nagenden Schmerzen, die Athanase verzehrten; sie alle haben angesichts der großen Ziele, zu denen ihnen die Wege abgeschnitten warren, lange, ratlose Erwägungen in ihrem Hirn hin und her gewälzt; sie alle haben das Verdorren der Hoffnungskeime erfahren, wenn der Same des schaffenden Genies auf dürren Sand fällt... .... ((zit. v. projekt-gutenberg.org))
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      (Udo Lindenberg)
    • 24.02.1799 - Todestag von Georg Christoph Lichtenberg

      "Der Autor (und europaweit bekannter und geachteter Naturwissenschaftler) führte (seine Sudelbücher) mit aphoristischen Einfällen und naturwisenschaftlichen Kurznotizen seit seiner Studentenzeit...bis zu seinem Tod. Vom geschätzten ursprünglichen Bestand...blieben etwa 2/3 erhalten..." / v. wikipedia.org

      Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller. (D 139) /// Heftigen Ehrgeiz und Mißtrauen habe ich noch allemal beisammen gesehen. (A 46) /// Er hatte etwas an sich, was die Herrnhuter*** gemeiniglich gesalbtes Wesen, der stubensitzende Lehrer der Theologie Frömmigkeit, der vernünftige Mensch der die Welt kennt Einfalt und Unverstand nennt. (B 314) /// Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der linken tun sollte. (B 1) /// Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte Gesetze, alte Gebräuche und alte Religion hat man alles Übel in der Welt zu danken. (D 369) /// Mit dem Band das ihre Herzen binden sollte haben sie ihren Frieden stranguliert. (F 561) ((***Herrnhuter Brüdergemeinde: lt. Onkel Wiki 1457 in Böhmen gegründete, überkonfessionelle, calvinistisch und pietistisch geprägte, christl. Glaubensbewegung.))

      Beim Torheits-Fältgen. Leute haben es gemeiniglich die mit einem albernen nicht verschwindenden Lächeln alles bewundern und nichts verstehen. (F 247). /// Vorstellungen sind auch ein Leben und eine Welt. (F 542) /// Ich bin überzeugt, man liebt sich nicht bloß in andern, sondern haßt sich auch in andern. (F 450) /// Es gibt eine Art von leerem Geschwätz, dem man durch Neuigkeit des Ausdrucks, unerwartete Metaphern das Ansehen von Fülle gibt. Im Scherz geht es an. Im Ernst ist es unverzeihlich. (aus E 195) /// Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut. (E 286) /// Nichts kann mehr zu einer Seelen-Ruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat. (E 63)

      Was auf Shakespearisch in der Welt zu tun war hat Shakespear größtenteils getan (D 243) /// Man kann eine Sache wieder so sagen wie sie schon ist gesagt worden, sie vom Menschenverstand weiter abringen, oder sie ihm nähern, das erste tut der seichte Kopf, das zweite der Enthusiast, das dritte der eigentliche Weltweise. (D 364) /// Empfindsam schreiben heißen die Herren immer von Zärtlichkeit, Freundschaft und Menschen-Liebe reden. Ihr Schöpse, hätte ich bald gesagt, das ist nur ein Ästgen des Baumes. Ihr sollt den Menschen überhaupt zeigen, den zärtlichen Mann und den zärtlichen Gecken, den Narren und den Spitzbuben, den Bauer, den Soldaten, den Postillion, alle wie sie sind, das heiß ich empfindsam schreiben. (aus F 338)

      Kein Wort im Evangelio ist mehr in unsern Tagen befolgt worden, als das: Werdet wie die Kindlein. (L 435) /// Wenn wir mehr selbst dächten, so würden wir sehr viel mehr schlechte und sehr viel mehr gute Bücher haben. (D 425) /// common sense wird zu oft für einen vollkommenen Sinn gehalten, in der Tat ist aber weiter nichts, als eine immer wachsende anschauende Erkenntnis von der Wahrheit nützlicher allgemeiner Sätze. (F 56) /// Es muß untersucht werden, ob es überhaupt möglich etwas zu tun ohne sein eignes Bestes immer dabei vor Augen zu haben. (D 350) /// Man kann die Fehler eines großen Mannes tadeln, aber man muß nur nicht den Mann deswegen tadeln. Der Mann muß zusammengefaßt werden. (F 269)

      Es ist in vielen Dingen eine schlimme Sache um die Gewohnheit. Sie macht, daß man Unrecht für Recht, und Irrtum für Wahrheit hält. (L 572) /// So wie ein Taubstummer lesen und Sprachen lernt, so können wir auch Dinge tun deren Umfang wir nicht kennen, und Absichten erfüllen, die wir nicht wissen. (aus F 373) /// Habe keine zu künstliche Idee vom Menschen, sondern urteile natürlich von ihm, halte ihn weder für zu gut noch zu böse. (E 412) /// Es wäre wohl der Mühe wert ein Leben doppelt oder dreifach zu beschreiben, einmal wie ein allzu warmer Freund, dann wie es Feind, und dann wie es die Wahrheit selbst schreiben würde (L 219)

      Ob das Elend in Deutschland zugenommen hat, weiß ich nicht, die Interjektions-Zeichen haben gewiß zugenommen. Wo man sonst bloß! setzte, da steht jetzt!!! (L 147) /// Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein angenehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt. (L 320) /// Alles bis auf das äußerste hinaus zu verfolgen, so daß nicht die geringste dunkle Idee zurückbleibt, ist das einzige Mittel uns den so genannten gesunden Menschen-Verstand zu geben, der der Haupt-Endzweck unsrer Bemühungen sein sollte. Ohne ihn ist keine wahre Tugend. Er macht allein den großen Schriftsteller. (aus D 133) /// Nichts munter mich mehr auf, als wenn ich etwas Schweres verstanden habe, und doch suche ich so wenig Schweres verstehen zu lernen. Ich sollte es öfter versuchen. (L 672)

      zit. v. zeno.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 26.02.1770 - Todestag von Giuseppe Tartini

      (Seine Eltern) waren beide bürgerlichen Standes... Da aber sein Vater die Cathedralkirche zu Parenzo ansehnlich beschenkt hatte, so nahmen ihn die Bürger, aus Dankbarkeit, unter ihren Adel auf. (Guiseppe) war, nebst noch drey andern Brüdern, auf bürgerliche Art erzogen... Da er aber einen lebhaften Geist, und viel Fassungskraft verrieth, ward er in die Schule der Padri dell scuole zu Capo d'Istria geschickt, wo er sich vornehmlich auf die Humaniora und die Rhetorik legte, nebenher aber die Anfangsgründe der Musik und der Violin erlernte. Er hatte außerdem eine große Neigung zur Fechtkunst, in welcher er...es auch seinem Meister bald gleich that... Da (ihn seine Eltern nicht zum Eintritt in den Franciscanerorden der Minoriten) bereden konnten, schickten sie ihn...1710 auf die Universität nach Padua, um allda...sich zu einem Advokaten geschickt zu machen.

      Sein fähiger Kopf fand bey dieser Art der Studien nichts Beschwerliches. Es blieb ihm Zeit genug zu ritterlichen Uebungen, besonders den Degen geschickt führen zu lernen... Da er nun sah, daß es hier niemand mit ihm aufnehmen könnte, beschloß er, entweder nach Neapel, oder nach Frankreich zu gehen, und daselbst einen Fechtmeister abzugeben. Die Violin ließ er indes nicht ganz liegen, ob er gleich nur langsame Progressen darauf machte...

      (Er verliebte) sich in ein junges Frauenzimmer, die er unterrichtete, so heftig, daß er sie..., aller Ungleichheit des Standes und des Vermögens ungeachtet, zu heyrathen beschloß. Die Heyrath war schon vollzogen, als seine Eltern...darüber so aufgebracht (wurden), daß sie...den sonst gereichten Zuschuß zurück behielten... Nachdem er bald da, bald dort, umherr geirrt war, begab er sich in das Minoritenkloster zu Assisi... Hier blieb er ein Paar Jahre()und...legte()sich nun ernstlicher auf das Violinspielen, und mit dem glücklichsten Erfolge. Er genoß hier öftern Unterricht...von dem Pater Boemeo, welcher hernach, als Organist in der Kirche des Klosters, berühmt ward...

      Nach seiner Zurückkunft ging er mit seiner Frau nach Venedig... Hier fand T. den berühmten Violinisten Veracini, aus Florenz, dessen kühne...Spielart ihn so erstaunt machte, daß er, Trotz des Ruhmes, den er vor sich hatte, ...Venedig zu verlassen beschloß. Er...begab sich nach Antona, um den Gebrauch des Bogens zu studiren, und es dem Veracini je eher je lieber gleich zu thun. Es geschah dieß im Jahre 1714, in welchem Jahre er auch das Phänomen des dritten Klanges*** entdeckte, welches er hernach zur Grundlegung aller musikalischen Zusammenstimmung, bey seiner Schule machte. Diese Schule nahm...1728 ihren Anfang, und dauerte fort, so lange er lebte. Schwerlich wird sich ein Musikmeister rühmen können, so viele Schüler, und aus so verschiedenen Ländern, gehabt zu haben, als Tartini; weswegen man ihn in Italien auch il mestro della nazioni nannte. Nardini ist einer seiner berühmtesten Schüler... // >***(T. hatte die) Erfahrung gemacht, daß nämlich wenn er auf der Violin zwey Töne in der Höhe, die in einem consonirenden Verhältnisse mit einander standen, zugleich anstrich, ein dritter tiefer Ton zugleich mitklang. Man kann darüber...sich aus Rousseau's Dictionaire im Artikel Systeme belehren.<

      1721()ward er bey der Kirche des heil. Antonius zu Padua, als erster Violinist angenommen°°°. Diesen Dienst zog er...allen vortheilhaften Anerbietungen vor, die ihm aus verschiedenen Ländern...gemacht wurden... Indeß folgte er im Jahre 1723 einer Einladung nach Prag...und blieb...drey Jahre in Diensten des Grafen Kinski. Bey dieser Gelegenheit hörte ihn Quanz, und sein Urtheil lautet folgender Gestalt: "Er...brachte einen schönen Ton aus dem Instrumente. Finger und Bogen hatte er in gleicher Gewalt. Die größten Schwierigkeiten führte er...sehr rein aus. Die Triller, sogar die Doppeltriller, schlug er mit allen Fingern gleich gut... Allein sein Vortrag war...der guten Singart ganz entgegen." Es ist kein Zweifel, daß in der Folge der Zeit, T....das (noch) vollkommen erreicht habe... Man kann es gewißermaßen aus der kleinen Anekdote schließen, daß (er), wenn sich ein Violinist hören ließ, der blos Fertigkeit der Finger und des Bogens zeigte, immer zu sagen pflegte: "Es ist schön, es ist schwer; aber hier >wobey er die Hand auf die Brust legte< hat es mir nichts gesagt."... // °°°Die musikalische Kapelle des heil. Antonius ist einer der besten in Italien. Sie besteht aus sechzehn Sängern und vier und zwanzig Instrumentisten...

      Nachdem die drey Jahre bey dem Grafen Kinski verflossen waren, kehrte T....wieder nach Padua zurück. Er gab auch nachher keinem Rufe zu auswärtigen Diensten mehr Gehör... Fleiß und Treue in seinem Berufe, Uneigennützigkeit, Menschenliebe, und ungeheuchelte Gottesfurcht, sind Tugenden, die man (ihm) mit Grunde nachrühmen kann. In seinen ältern Jahren bekam er einen Krebsschaden an einen Fuße, der ihm...Gelegenheit gab, sich zu seinem Tode vorzubereiten, welcher dann auch am 26. Februar 1770 erfolgte... Die sämtliche Kapelle des heil. Antonius war zur Aufführung des Requiems versammelt.

      (Die praktischen Werke des Tartini) bestehen aus zwey Büchern Sonaten für einen Violine und Baß, davon das erste zu Amsterdam...1734, das zweyte aber zu Rom...1745 in Kupfer gestochen ist. Die Zahl der Sonaten, die blos geschrieben in der Liebhaber Händen sind, beläuft sich auf mehr als zweyhundert. Eben so hoch rechnet man auch die Zahl der Concerte, von denen achtzehn...in Amsterdam, ohne Vorwissen des Autors, und mit so vielen Veränderungen in Kupfer gestochen sind, daß er sie nie für die seinigen erkennen wollte... ((Joh.Ad.Hiller; 1728/1804))

      zit. v. koelnklavier.de

      In ihrem heutigen Beitrag auf deutschlandfunkkultur.de erwähnt Yvonne Petitpierre Tartinis (möglicherweise erst posthum erschienene) "Traite des agrements de la musique". Dort finde sich die These, dass Musik keineswegs "einfache(s), sinnliche(s) Vergnügen sei", vielmehr aus "dem Erregen, Steigern oder Stillen von Affekten durch Töne" bestehe. Überlegungen Tartinis hätten sowohl in Leopold Mozarts Vioinschule wie auch in Hugo Riemanns Harmonielehre Eingang gefunden. Und noch ein Jahrhundert später hätte der Joseph Joachim - Assistent Josef Moser die "erstaunlichen Wendungen, ja geradezu kapriziösen Einfälle()" in vielen seiner Violinsonaten gerühmt... Und lt. Michael Stegemann (auf deutschlandfunk.de) sei "Tartinis Cantabile-Spiel...legendär" gewesen: ">In die Partitur notierte< Verse von Petrarca, Tasso oder Metastasio soll(t)en die Interpreten inspirieren, ihre Vioine quasi singen zu lassen." Stegemann zitiert ferner Charles Burney - "Tartini war einer der wenigen wirklich...originellen Komponisten diese Jahrhunderts, dessen Inspiration ganz aus ihm selbst heraus kam."
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      (Udo Lindenberg)
    • 04.03.1916 - Todestag von Franz Marc

      Zunächst einige Passagen aus seinem Essay Die konstruktiven Ideen der neuen Malerei, erstveröffentlicht in der "Wochenschrift Pan" zwischen Oktober 1911 und März 1912. / / / Eine zweibändige Auswahl seiner Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen erschien 1920 im Berliner Verlag Paul Cassirer. Der Abschnitt, aus dem hier einige Gedanken zitiert sind, ist dort überschrieben mit "Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht. Geschrieben Anfang 1915 im Felde."

      ... Die Kunst der Renaissance bewahrte sich, dank der unzulänglichen Mittel der damaligen Wissenschaft, eine große Straffheit, die sie uns noch heute so hehr und ehrwürdig erscheinen läßt. Die Bewegung des 19. Jahrhunderts aber ging an der Überlegenheit seines mächtigen Freundes, ...der dem Geiste des 19. Jahrhunderts seine Richtung gab, zugrunde. Die Kunst des Volkes und der Künstler wurde in einem kleinen Sarge zu Grabe getragen: der Kamera.

      (Eine ganz neue, in der Kulturwelt universale) Bewegung nimmt, soweit sie heute überhaupt historisch zu fassen ist, eine umgekehrte Richtung als alle früheren, in denen das Wollen und Können zu immer größerer Übereinstimmung mit dem äußeren Naturbilde strebte, das mit seinem hellen Tageslichte die geheimnisvollen und abstrakten Vorstellungen des Innenlebens verscheucht. Im Gegensatz hierzu strebt die neue Bewegung...zurück zu den Bildern des Innenlebens, das die Forderungen der wissenschaftlich faßbaren Welt nicht kennt. Wir sagen mit Nachdruck: auf einem a n d e r e n Wege, denn soweit die neuen Maler nur die Ausdrucksformen der ihnen wesensverwandten Primitiven wiederholen, bereiten sie vielleicht den Boden und leiten zu Neuem über, aber geben unserer Zeit nichts Positives an neuen Werten...

      (Die heute allein anerkannte naturwissenschaftliche Disziplin) vermag z. B. nicht, Konstruktionsfehler in einem Bilde von P i c a s s o oder K a n d i n s k y zu erweisen und versteht die künstlerische Richtigkeit von Formen nicht anders nachzuprüfen als mit ihren optischen Erfahrungsgesetzen, während der Bildungstrieb des Künstlers unentrinnbaren Gesetzen folgt, die für das Innenleben des Menschen die einzig bestimmenden sind. Die heutige Kunst sucht sich...direkt diesem Innenleben zuzuwenden und entkleidet darum ihre Werke von der äußerlichen Hülle, in die ihre Vorgänger, der Geistesrichtung ihrer Zeit folgend, gesteckt haben. Selbstverständlich blieb jenen eine große, künstlerische Wirkung nicht versagt. Das Ausschlaggebende bleiben hier stets die...Persönlichkeiten, die über das Zeitliche und Bedingte ihrer Ausdrucksformen hinauswachsen. Aber die Kunstanschauungen, die die Allgemeinheit aus ihren Werken folgerte..., scheint uns im höchsten Grade unheilvoll... ...

      (Zum Thema 'die oft so schwierigen Unterscheidungsmerkmale von starken und schwachen Bildern' liefert die japanische Kunst sehr instruktive Beispiele.) Ein mit ((letzterer)) innig Vertrauter könnte kein glücklicheres Material von Beispielen und Gegenbeispielen finden, um eine Dogmatik des "Seelenstaates", der seine eigenen Gesetze und Organisationen hat, aufzubauen. Heute liegen, soweit ich es zu übersehen vermag, nur zwei Versuche vor, die Grundlagen einer solchen Dogmatik zu schaffen. Einmal das geistreiche Buch von ***W i l h e l m W o r r i n g e r, Abstraktion und Einfühlung, das heute die allgemeinste Beachtung verdient und in welchem von einem streng historischen Geiste ein Gedankengang niedergeschrieben wurde, der den ängstlichen Gegnern der modernen Bewegung einige Beunruhigung verursachen dürfte. Das andere, "Über das Geistige in der Kunst", ist von...W. K a n d i n s k y geschrieben; es enthält Ideen zu einer H a r m o n i e l e h r e d e r M a l e r e i, in der die uns heute so faßbaren Gesetze über die Wirkungen von Formen und Farben formuliert werden und zugleich in seinen Bildern die lebendigste Gestalt gewonnen haben... .... ((***W.Worringer >1881/1965< mag unter all denjenigen, die schon sehr früh den dt. Expressionismus wissenschaftlich beschrieben und eingeordnet haben, der bedeutendste gewesen sein! Bei seiner oben erwähnten Veröffentlichung handelt es sich um seine Dissertation, die bereits 1907 erstmals >Piper Verl.: München< als Buch erschienen und 2007 >Verl. W.Fink: Paderborn/München< neu herausgegeben worden ist!))

      (1) Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und Wahrheit. Daß wir...im Scheine leben statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die Maske der Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, -- was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge?

      (9) Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen... Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen...

      (25) Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern und unerhörten Klängen leben. Viele, die die innere Glut nicht haben, werden...in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten.

      (32) ... Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar wie der Schwerpunkt; sie ist...niemals auf der Oberfläche, niemals im Vordergrund. Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt, sondern das Primäre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt: das "Wissen um das Heil", das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der "Kultur" vorausgeht.

      (38) Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit..., um die Bedeutung der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen... Die Linie und Grenze, die wir ziehen, schlingt sich in geheimnisvollen Kurven vielfach weit zurück in Vergangen= und Vergessenheit und noch weiter vor in Fernen, die unserm trüben Auge entrückt sind...

      (87) Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine hohle Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen gelebt haben, die...das Abstrakte liebten wie wir. In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht uns mit seltsamen Augen an... Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts andres als unsre höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des s e n t i m e n t a l e n G e i s t e s. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte.

      (89) So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche Sehen, als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens. Alle hohen Völker und nicht am wenigsten die Orientalen verfielen alternd dieser Krankheit...

      zit. v. archive.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 05.03.1912 - Todestag von Rochus von Liliencron

      Die Königl. Bayer. Akademie der Wissenschaften beauftragte ihn 1869 mit der Redaktion der Allgemeinen Dt. Biographie. Ihre insg. 56 Bände mit mehr als 26.500 Artikeln erschienen von 1875 bis 1912 (zit. v. wikipedia.org) /// Seine c. 200seitige Schrift Frohe Jugendtage: Lebenserinnerungen, Kindern und Enkeln erzählt - aus der hier >ohne jede Kennzeichnung von Auslassungen und Umstellungen< einige wenige Sätze zitiert sind - erschien 1902 im Leipziger Verlag Duncker & Humblot......

      Was (der Märchendichter Andersen eines Vormittags) las, war ziemlich unbedeutend, aber dem Vorleser zuzuhören blieb trotzdem höchst anziehend. Seine ganze Originalität kam freilich erst zum Ausdruck, wenn man ihn seine Märchen erzählen hörte, wobei er das Buch auf den Knien zu halten pflegte. (Er) saß oder hockte vor seinen Hörern, als ob er eine Schar von Kindern vor sich hätte, und ganz so erzählte er auch -- eine männliche Märchenfrau! Mit unvergleichlichem Humor charakterisierte er alle die Helden seiner Erzählungen. Ich erinnere mich gelesen oder gehört zu haben, daß einer der Grimms ihn schwer gekränkt habe durch die Bemerkung, er wisse nicht, daß Andersen Märchen herausgegeben habe. Dabei liegt ein Mißverständnis oder, was mir wahrscheinlicher ist, wenn es sich um Wilhelm Grimm handelt, eine Neckerei zu Grunde. Das dänische Wort für Andersens kleine Erzählungen dieser Gattung ist: "Eventyr", worunter geradeso wie im Altdeutschen "Aventiure" ganz allgemein kleine Erzählungen verstanden werden; gleichviel, ob alt überlieferte oder frei gebildete. Da aber Andersen diesen reizenden, von ihm meistens frei geschaffenen Poesien die Form und Art des Kindermärchens gegeben hat, so blieb ihnen in der deutschen Übersetzung der Namen des Märchens.

      (Andersen) war eine lange schlottrige Gestalt. Die Kunst des Schneiders vermochte nicht die angeborne Manierlosigkeit seines Körpers zu verbergen; der Kopf wackelte in beständiger Beweglichkeit, auch die langgezogenen Gesichtszüge waren unschön, trotzdem leuchtete aus Mienen und Augen ebensoviel Geist wie kindliche Güte und Liebenswürdigkeit. Auch die maßlose Eitelkeit war von so kindlich naiver Art, daß man nur darüber lachen konnte. Er sah mich eines Morgens am andern Ende eines Frühstücks= und Zeitungslokals sitzen. Mit einer deutschen Zeitung in der Hand stürzte er auf mich zu und sagte strahlend vergnügt: "Lesen Sie mal! Jetzt nennen sie mich auch in Deutschland den b e r ü h m t e n Andersen!" Ich erfreute ihn noch mehr durch meine Antwort, daß ich das nicht erst zu lesen brauchte, daß ihn vielmehr in Deutschland alle großen und kleinen Kinder liebten und bewunderten. Sich auf Reisen als berühmten Dichter gefeiert zu sehen, war ihm immer eine besondere Freude; an sich ganz selbstverständlich, nur daß es bei ihm ein Reisebedürfnis war. Auf die Frage, ob er das schöne Spanien nie besucht habe, antwortete er nachmals meiner Frau einmal: "Ach nein, da mag ich nicht reisen, da kennt mich niemand." Als er im Sterben lag, freute er sich an der Vorstellung, wie glänzend und groß das Gefolge bei seinem Leichenbegängnis sein würde und meinte, er möchte wohl ein kleines Stuckfensterchen im Sargdeckel haben, um sehen zu können, wer Alles hinter ihm herginge.

      Mendelssohn kam wirklich im Herbst 1841 zeitweilig nach Berlin. Ich wanderte klopfenden Herzens zu dem großen Meister, der eine Wohnung dem alten Mendelssohnschen Hause schräg gegenüber bezogen hatte. Ich traf (ihn) zwar nicht zu Hause, aber kurz darauf kam der Meister zu mir, dem Studiosus, um mich in liebenswürdigster Weise zu begrüßen und mich aufzufordern, ihn abends zu besuchen. Es ist nicht nötig, den so oft beschriebenen noch einmal zu schildern: die innere und äußere Feinheit seines ganzen Wesens, das nie gestörte Ebenmaß trotz seiner leichten Erregbarkeit, seine heitere Offenheit und Zugänglichkeit. Jener Zug leise welkender Schwermut, den so manche seiner Kompositionen von jeher trugen, ist nicht lange nachher auch in seiner äußern Erscheinung zu Tage getreten, wie ein verschwiegener Vorbote des frühen Todes. Damals aber habe ich noch nichts dergleichen empfunden; mir erschien alles an ihm wie Sonnenschein.

      Ganz anders wirkte auf mich die hochbegabte Frau Fanny, die ich selbigen Abends im Gartensalon kennen lernte, wo sich, wie gewöhnlich, ein geistreicher Cercle um sie versammelt hatte. Während der Musik saß der Gatte Hensel vor seiner Staffelei und zeichnete Gesichter und Gäste fürs Hausalbum. Es waren höchst fein und sauber gezeichnete Bildchen, die aber, so viel mir schien, dem allgemeinen Begriff Mensch ebenso ähnlich sahen, wie dem besondern Individuum. Frau Fanny war eine kleine Gestalt, mit scharf geschnittenen, sehr orientalischen Gesichtszügen, mit dunklen, etwas stechenden Augen, die sie häufig beobachtend zukniff. Im Gegensatz zu ihren Bruder hatte sie etwas Herbes und Zurückhaltendes. Ihr wahres Wesen habe ich erst viel später aus ihren Briefen erkannt, und mich dann darüber geärgert, daß ich meine damalige Scheu vor dem kritischen Blick dieser braunen Augen nicht hatte überwinden können. Wohl aber habe ich ihr herrliches Spiel bewundert, in dem sie dem Bruder fast ebenbürtig zur Seite stand. Ich habe die beiden öfter vierhändig spielen hören; das war vollkommen, als wenn nur einer spielte, so gleich waren beide an Farbe und feinem Ebenmaß der Darstellung.

      Noch eines zweiten Heroen der Musikwelt muß ich gedenken, den ich zwar nicht persönlich kennen lernte, aber wiederholt spielen hörte: Franz Liszt, den seine Virtuosenfahrt 1842 zum erstenmal nach Berlin führte; seine damaligen Kompositionen, selbst die zum Teil wirklich genialen Übertragungen der Schubertschen Lieder, gehören noch überwiegend in das Gebiet des Virtuosentums. Und doch war auch in seinem Spiel etwas Höheres als die bloße, alle andern überflügelnde Beherrschung der Tonmittel.

      Es ward ihm gesagt, daß die allermeisten der armen Studenten nicht in der Lage seien, die teuren Preise seiner Konzerte zu zahlen. Sogleich verkündete er ein Konzert in der Aula der Universität, zu dem nur Mitglieder der Universität Billete erhalten sollten; der Ertrag ward für arme Studenten bestimmt. Nun hatten aber zur Universität sich auch die Professoren gerechnet, und dies war noch dazu auf wenig anständige Weise ausgebeutet worden. Es kamen Professoren mit Frau, Kindern und Freunden. Die ganze vordere Hälfte des Saales war besetzt, ehe man überhaupt einen Studenten hereinließ. Scharen der Musensöhne mußten wieder abziehen. Man sah Liszt die Verstimmung an.

      Als er (später) unten, wo die ganze sonstige Studentenschaft versammelt schien, unter immer neuen Hochrufen seinen Wagen bestiegen hatte, machten einige den Versuch, ihm die Pferde auszuspannen. Sobald er es gewahrte, sprang er zum Wagen heraus, faßte die beiden nächststehenden Studenten unter seinen rechten und linken Arm und setzte sich an die Spitze des Zuges bis zu seinem Hotel. Hier wandte er sich um und forderte uns auf, so viele unserer in den großen Saal gingen, mit hineinzukommen, damit er uns danken könne. Nun sprach Liszt liebenswürdige Worte; wohl über Kunst, Begeisterung und Jugend, ich erinnere mich nicht; dann fuhr er fort, er habe gehört, daß heute so viele von der Studentenschaft nicht hätten in die Aula hineinkommen können; er werde noch ein zweites Mal für uns spielen: "Da wollen wir aber unter uns sein, und es soll mir niemand hineinkommen, der nicht Student ist."

      Was Berlin selbst in jenen Tagen an Konzerten bot, z. B. die Symphoniekonzerte in der Singakademie, war so wenig bedeutend wie die Oper, trotz Meyerbeers Ernennung zum Generalmusikdirektor. Der ganze Apparat war alt geworden und bis auf einzelne Kräfte ungenügend.

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    • 08.03.1897 - Im Kölner Gürzenich wird Richard Strauss' op.35, die Tondichtung Don Quixote, uraufgeführt

      Dem ehrbaren Forum so wie sonstigen Lesern zur Freude, dem Chronisten zur Befriedigung: hier die capriccioexklusive :P short version von Prolog und Anfangskapitel des Romans Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha >1605-15< des Miguel de Cervantes Saavedra. Die Rechtschreibung folgt ohne Ausnahme >ein offensichtlicher Grammatikfehler ist stillschweigend berichtigt< der Ausgabe des Verlags Rütten & Loening >Berlin, 1966<, lediglich den Satzbau habe ich mir an einigen Stellen abzuändern erlaubt......

      Müßiger Leser! Das Kind meines Geistes wollte ich dir nackt und bloß überreichen, ohne die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette, Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor den Anfang der Bücher zusetzen pflegt. Ohne Schwur magst du mir glauben, daß ich wünsche, dieses Buch wäre das schönste, lieblichste und verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich habe aber unmöglich dem Naturgesetz zuwiderhandeln können, daß jedes Wesen sein Ähnliches hervorbringt; was konnte also mein unfruchtbarer, ungebildeter Verstand anders erzeugen als die Geschichte eines dürren, welken und grillenhaften Sohnes, der mit allerhand Gedanken umgeht, die vorher noch nie jemand beigefallen sind. Manchmal hat ein Vater einen häßlichen, unliebenswürdigen Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt, knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine Fehler nicht sieht oder sie wohl für Annehmlichkeit und geistreiche Züge hält. Ich aber, wenn ich auch nur der Stiefvater des Don Quixote bin, will nicht dem Strome der Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser, wie andere wohl tun, fast mit Tränen in den Augen bitten, daß du die Fehler, die du an diesem Kinde wahrnimmst, vergeben und übersehen mögest; und da du ja deine Seele für dich und den herrlichsten freien Willen hast, du auch in deinem Hause bist, wo du so unumschränkt herrschest wie der König in seinen Domänen, so darfst du von dieser Geschichte alles sagen, was dir gut dünkt, ohne Furcht, daß man dich für das Böse schelten noch für das Gute belohnen wird.

      In einem Dorfe von la Mancha lebte unlängst ein Edler, einer von denen, die eine Lanze auf dem Vorplatz haben, einen alten Schild, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, freitags Linsen, sonntags aber einige gebratene Tauben verzehrten drei Vierteile seiner Einnahme. Das übrige ging auf für ein Wams von bestem Tuch, Beinkleider von Samt für die Festtage, Pantoffeln derselben Art. Bei ihm lebte eine Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt, der sowohl den Klepper sattelte als auch die Axt zu führen wußte. Das Alter unsers Edlen war in den Funfzigern. Er war von frischer Konstitution, mager, von dürrem Gesichte, ein großer Frühaufsteher und Freund der Jagd.

      Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die Zeit, die ihm zur Muße blieb -- und dies betrug den größten Teil des Jahres --, dazu anwandte, Bücher von Rittern mit solcher Hingabe zu lesen, daß er darüber fast die Ausübung der Jagd als auch die Verwaltung seines Vermögens vergaß; ja, seine Begier und Torheit ging so weit, daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte, um so viele Bücher von Rittertaten anzuschaffen, als er derer habhaft werden konnte. Unter allen schienen ihm keine so trefflich als die Werke, die der berühmte ***Feliciano de Silva verfertigt hat, die Klarheit seiner Prosa und den Scharfsinn seiner Perioden hielt er für Perlen, fürnehmlich wenn er auf Artigkeiten stieß, als geschrieben steht: Das Tiefsinnige des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut, erschüttert also meinen Sinn. Oder wenn er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter seinen Verstand. Er erfüllte nun seine Phantasie mit solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand, bildete sich dabei fest ein, daß alle diesen erträumten Hirngespinste wahr wären, so daß es für ihn auf der Welt keine zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, °°°Cid Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen, aber durchaus nicht mit dem Ritter vom brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem einzigen Hiebe zwei stolze und ungeschlachte Riesen mitten durchgehauen habe. Über alle aber ging ihm """Reinald von Montalban, besonders wenn er sogar das Bild von Mahomed von jenseits des Meeres entführte, welches ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. ((***1491-1554 ... °°°kastilischer Ritter, eigtl. Rodrigo Diaz de Vivar, gen. El Cid, gest. 1099 ... """niemand anders als der hl. Reinoldus, der Stadtpatron von Dortmund seit dem 11. JH., müßte gemeint sein!))

      Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat: nämlich es schien ihm nützlich und nötig, ein irrender RItter zu werden und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen, um Abenteuer aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm und Namen schmücken würden.

      Sogleich ging er, seinen Klepper zu besuchen; ob dieser nun gleich unzählige Schäden und mehr Gebrechen als das Pferd des Gonela hatte, das nur Haut und Knochen war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der ***Bucephalus Alexanders ((des Großen)) noch der ***Babieca des Cid mit ihm messen dürften. Vier Tage verstrichen, indem er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle. Von den vielen, die er bildete, vernichtete und vertilgte, umarbeitete, wegwarf und wieder annahm, um den besten zu erfinden, wählte er endlich die Benennung Rozinante, ein nach seinem Urteil erhabener, volltönender und bedeutungsvoller Name. Da ihm dieser so nach seinem Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß er sich Don Quixote nannte. ((***gleichfalls keine Phantasienamen!))

      Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigner festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als eine Dame zu suchen, in die er sich verlieben könne: denn ein irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub und Frucht. Er sprach zu sich selbst: Wenn ich nun zu meinem Glücke gleich hier auf irgendeinen Riesen treffe -- wie dies denn gewöhnlich irrenden Rittern begegnet -- und ich ihn überwinde und bezwinge, wär es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schicke, sich zu präsentieren? Wenn er dann vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe und mit demütiger Stimme spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro, Herr der Insel Malindrania, den im Zweikampf der niemals hinlänglich gepriesene Ritter Don Quixote von von la Mancha überwand, und mir befahl, mich Euer Gnaden zu präsentieren, damit Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir schalte. -- O wie erfreut war unser wackrer Ritter, als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er wußte, wem er den Namen seiner Dame geben sollte. Es war in einem benachbarten Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber -- wie sich versteht -- nie erfahren hatte. Sie hieß Aldonza Lorenzo und schien ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken zu geben. Er suchte nun einen Namen, der dem seinigen etwas entspräche und der auch Fügung und Richtung zu einer Prinzessin und Herrscherin nähme, und er nannte sie daher Dulcinea von Toboso, denn sie war aus Toboso gebürtig. ((dt. v. L.Tieck; 1773/1853))

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    • 14.03.1803 - Todestag von Friedrich Gottlieb Klopstock

      Die oberen Ausschnitte entstammen dem Band Klopstocks Epigramme, gesammelt und erläutert von C.F.R.Vetterlein, Verl. Aug.Lehnhold: Leipzig 1830. Der aus zwei kurzen Teilen bestehende Essay Von der Freundschaft - hier einige Passagen von Teil I - erschien erstmals 1759 in Kopenhagen, Wortlaut und Rechtschreibung folgen der "Berliner Ausgabe, 2013" (Bearbeitung u. Einrichtung M.Holzinger).....

      (1) Vorrede Bald ist das Epigramm ein Pfeil, / trifft mit der Spitze; / ist bald ein Schwert, / trifft mit der Schärfe;
      ist manchmal auch >die Griechen liebten's so< / ein klein Gemäld', ein Strahl, gesandt / zum Brennen nicht, nur zum Erleuchten.

      (9) Ganz gute Bemerkung Die Dichter, die nur spielen, / verstehen nicht, was sie und was die Leser sind.
      Der rechte Leser ist kein Kind. / Er mag sein männlich Herz viel lieber fühlen, / als spielen.

      (13) Vom rechten Gebrauche der Feile Willst du dein Bild vom Untergange retten, / so mußt du es so sehr nicht glätten.
      Der Arm, an dem so viel die Feile macht und schafft, / die gar zu helle Stirn
      hat keine Kraft / und kein Gehirn.

      (18) Die Kritik Durch die Kritik zu zeigen neue Wege, / die sich der Dichter wählen würde, / wenn er nicht lieber eigne ginge,
      das wäre Meisterwerk!
      Die neuen Wege zu entdecken, / die Dichter, welch' Erfinder sind, betraten,
      das wär' nicht kleines Beifalls werth.
      Doch Wege, hundertmal gewiesen, / zum hundert erstenmal zu weisen, / und trifft man auch dabei auf unbemerkte Stege, / die seitwärts laufen, wiederkehren, --
      was ist denn das?

      (20) Von wenigen bemerkter Unterschied In zwanzig Versen des Homer / liegt wahrer, tiefgedachter Regeln mehr,
      als in des Lehrbuchs ausgedehnten, bis zum Schlafen / fortplaudernden zehn hundert Paragraphen.

      (36) Darstellung ohne Schönheit Warum man Shakespear mit der Bewundrung list, / ihn, dessen Gegenstand so selten Schönheit ist?
      Weil er, was er auch wählt / mit Leben beseelt.
      Was würd' er sein, hätt' er dis Leben / der Schönheit gegeben!

      (54) Die Antwort der Sängerin Freundin, was ist Gesang? "Gesang ist, wenn du nur hörest, / ernst wirst, oder weinst, oder dich inniger freust.
      Arien all der Bravura sind nur Schulübungen, die man / hält, zu lernen des Tons Bildungen für den Gesang."
      Also ist nicht Gesang die Bravura? "Sie sammelte schöne / Farben in Massen mit Kunst; aber hat sie gemalt?" // zit. v. books.google.de

      Die Freundschaft ist eine Glückseligkeit, die so wenige ganz kennen, daß es mich oft recht traurig macht...

      Einige legen dies Blatt schon weg, und haben...keine Lust, eine lange Abhandlung von der Freundschaft zu lesen. Sie irren sich zwar sehr, denn sie werden nichts weniger als eine Abhandlung von den Pflichten der Freundschaft zu lesen bekommen: unterdes bin ich doch sehr ungewiß ob sie es reizen wird, weiterzulesen, wenn ich ihnen sage, daß ich von der Glückseligkeit der Freundschaft, von dieser unerschöpflichen Materie, etwas berühren will. Aber mit wem soll ich reden? Mit Freunden? Mit diesen redte ich freilich am liebsten. Ich dürfte ihnen nur ein halbes Wort sagen, so verstünden sie mich... Aber ich wollte doch auch diejenigen, denen Freundschaft, Pflichten, Glückseligkeit der Freundschaft böhmische Dörfer sind, auf die Vermutung bringen, daß es vielleicht einigermaßen möglich sei, daß diese Wörter etwas bedeuten könnten...

      Ein Bekannter ist nun so einer, den man sehen kann, den man nicht sehen kann, ohne weiter an ihn zu denken. Ich habe ihrer leider! nicht wenige. Sie sind wie die Verleumder Shakespears, die, nach seinem Ausdrucke, den Ruhm andrer berupfen: Wer meine Zeit berupft, der stiehlt sich selbst nicht reich! Mich stiehlt er arm... Leute, die sich in ihren Begriffen von der Freundschaft nicht höher schwingen können, als daß sie alle gute Bekannte für Freunde halten, denken, daß nichts gewöhnlicher in der Welt als die Freundschaft sei. Wie betrügen sie sich! ...

      Ich habe noch keine Schrift von der Freundschaft gelesen, in welcher die Eigenschaften eines Freundes nicht durch ein Gemisch, durch kalte, durch weitschweifige und dann wieder übertriebne Beschreibungen verunstaltet worden wären. Der gebildete Verstand und das gebesserte Herz sind die beiden Grundsäulen der Freundschaft. Diese Grundsäulen haben einige sehr simple Zieraten: gewisse Züge eines Originalcharakters, ich meine, gewisse Wendungen des Verstandes und Herzens, die sich herausnehmen, die interessieren. Eine solche Freundschaft macht nur etwas weniger glücklich, als diejenige Liebe, die man allein darunter verstehen sollte, wenn man dieses so oft gemißbrauchte Wort ausspricht. Die Freundschaft und die Liebe sind zwo Pflanzen aus einer Wurzel. Die letzte hat nur einige Blumen mehr.

      Wenn ich sage, daß die Freundschaft, nach dem Bewußtsein, unsre Pflicht ausgeübt zu haben, die zweite große Glückseligkeit ist, die wir nicht allein in dieser, sondern auch in der künftigen Welt genießen können; so glaube ich zwar beinahe alles gesagt zu haben, was sich davon sagen läßt; aber wie weinige sind glücklich genug, dies nicht für eine Chimäre zu halten. Unterdes will ich gleichwohl noch ein wenig von der süßen Chimäre reden...

      Es sollte meinen Freund und mich nicht wirklich glücklich machen, daß wir uns für alles, was uns angeht, bis zu der geringsten Kleinigkeit interessieren? Daß wie nichts Geheimes für einander haben, sondern, unsrer beiderseitigen Verschwiegenheit gewiß, uns Alles...mit der offensten Aufrichtigkeit anvertrauen? Daß mein Freund oft nicht wartet, bis ich seine Fehler entdecke, sondern daß er sie mir eher sagt? Daß er haben will, daß ich so strenge gegen ihn sein soll, als er gegen sich selbst ist? Daß er überzeugt ist, daß ich auch alsdann, wenn ich ihm meine Neigung am lebhaftesten ausdrücke, die heilige Freundschaft nicht durch das Geringste von dem, was zur Schmeichelei gehört, entweihe? Ich kann mich wohl aus Liebe zu meinem Freunde irren; aber schmeicheln kann ich ihm nicht! Daß uns keine Freude natürlicher ist, als die Freude, uns zu sehen? Daß wir einander über (Gott und die Religion) immer mehr aufklären, und uns...unserm gemeinschaftlichen letzten Endzwecke zuführen? Wer die Heiterkeit, diese Ruhe...nicht kennt, die bei solchen Unterredungen die Freundschaft gibt, wie wenig Glückseligkeit kennt der! .... // zit. v. zeno.org
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    • 21.03.1888 - Geburtstag von Norbert von Hellingrath

      Zwei Texte dieses bedeutenden Hölderlinforschers ("H. u. die Deutschen"; "H.s Wahnsinn") sind 1922 im Münchener Verl. H.Bruckmann erschienen. Beide sind, nach den Worten des Herausgebers L.v.Pigenot, "nachträgliche() Niederschriften von Vorträgen, die von ihm im Frühj. 1915...in seiner Heimatstadt München vor einem weiteren Freundeskreise gesprochen wurden." --- hier eine kurze Passage aus der zweiten Niederschrift; die 'Erinnerung' ist um etwa die Hälfte gekürzt, die Auslassungen sind nicht gekennzeichnet....

      Norbert von Hellingrath fällt am 14.12.1916

      .... Hölderlin war...in die Heimat zurückgewandert und rastlos von einem Hauslehrerelend zum andern, zuletzt bis zu einem deutschen Kaufmann in Bordeaux verschlagen... Seiner Gestalt möchten wir einmal begegnen, wir können nicht glauben, daß der ganz in "himmlische Gefangenschaft Verkaufte" ganz wie ein anderer unter uns andern hinleben kann, in das Gebahren unseres Alltags gezwängt. So folge hier ein inhaltschwerer Bericht, den eine Madame de S . . . y im Jahre 1852 aus der Erinnerung auf ihrem Schlosse bei Paris dem deutschen Schriftsteller Moritz Hartmann gab:

      ''Es war zu Anfang dieses Jahrhunderts, also vor ungefähr 50 Jahren. Ich war ein Kind von vierzehn oder fünfzehn Jahren. Eines Tages bemerkte ich von (unserem) Balkon aus einen Mann, der, wie es schien, zwecklos auf der Ebene umherirrte, oft querfeldein ging, ohne doch etwas zu suchen. Zu wiederholten Malen kam er auf dieselben Stellen zurück, ohne es zu bemerken. Am selben Nachmittage ging (er) in Gedanken vertieft an mir vorüber, und einige Minuten sah er mit einer unaussprechlichen Sehnsucht in die Ferne. Jede andere Erscheinung, die mir in dieser Weise begegnet wäre, hätte mich damals außerordentlich erschreckt; dieser Fremde hingegen erfültte mich mit einer Art von Mitleiden, die ich mir nicht erklären konnte. Es war nicht das Mitleid, das man mit einem Armen, Hilfsbedürftigen empfindet, obwohl er hilfsbedürftig genug aussah, denn seine Kleider waren in arger Unordnung. Abends erzählte ich meinem Vater von dem Fremden. Er meinte, es werde wohl einer der zahlreichen Kriegs- oder politischen Gefangenen sein, die man halb und halb auf freiem Fuß und auf Ehrenwort in den internen Provinzen Frankreichs leben ließ.

      Tags darauf sah ich den sonderbaren Fremden endlich sogar in unseren Park eintreten. Er schien sich in dieser Umgebung bald zu behagen. Der große Rasenplatz in der Mitte war damals nicht da; an seiner Stelle befand sich ein großes, eingefaßtes Wasserbecken und auf der Ballustrade stand eine Gesellschaft von vierundzwanzig großen und kleinen griechischen Gottheiten, meist Kopien antiker Statuen oder anderer aus dem sechzehnten Jahrhundert. Als der Fremde diese erblickte, eilte er ihr in freudigster Begeisterung entgegen. Vom Zimmer aus schien es uns, als ob er zu seinen enthusiastischen Bewegungen entsprechende Worte ausriefe. Dann ging er rings um das Becken, von einer Statue zur anderen, immer mit dem Ausdrucke eines Kenners oder wenigstens eines Kunstliebhabers.

      Eine garde champetre stürzte plötzlich auf den Fremden los, dem er bedeutete, daß dies Privateigentum sei und daß er sich zu entfernen habe. Der Fremde aber lächelte, kehrte ihm den Rücken und ging zu einer anderen Statue. Der Flurschütz bestürmte ihn mit Reden, die immer heftiger wurden. Mein Vater eilte sogleich hinaus und ich folgte ihm. Er verwies dem Wächter seine Art und sagte zum Fremden, daß er sich nur nach Muße im Park umsehen solle.

      Dieser wandte sich sogleich zu meinem Vater und sagte lächelnd: "Die Götter sind keines Menschen Eigentum, sie gehören der Welt, und wenn sie uns lächeln, gehören wir ihnen. Sehen Sie diese Aglaia, wie sie mich anlächelt und mich gefangen nimmt; sie lächelt nicht ihrem Besitzer allein."

      Ich freute mich sehr, als ihn mein Vater einlud, uns ins Haus zu folgen. Er nahm die Einladung ohne Zeremonie an und ging mit uns, immer sprechend. Er freute sich sehr an unserem Weine und wurde sehr heiter. Er erzählte vielerlei aus Deutschland und aus dem südlichen Frankreich und ich erinnere mich, daß er uns, trotz der Unbehilflichkeit seiner französischen Sprache, eine pompöse und höchst poetische Beschreibung des Meeres machte, das er bei Bordeaux gesehen hatte. Manchmal brach er mitten in seinen Erzählungen ab, als ob er fürchte, daß er, fortfahrend, an unangenehme Punkte in seiner eigenen Lebensgeschichte gelangen könnte.

      Meine Tante horchte ihm mit wachsender Teilnahme zu. Sie war fromm und liebte es, über metaphysische Gegenstände zu philosophieren, und so lenkte sie das Gespräch auch auf solche Texte. Da sagte er sonderbare Sachen, ohne sich auf ihre Bibelstellen weiter einzulassen. Ich erinnere mich des Inhalts einer langen Rede, da sie die Tante selbst am folgenden Tage in ihr Album schrieb und ich sie später öfters lesen konnte.

      "Alles Gute, was wir schön denken, wird zu einem Genius, der uns unsichtbar, aber in schönster Gestalt durchs ganze Leben begleitet. Von unserem Grabhügel aus nimmt er seinen Flug und gesellt sich zu den Heeren der Genien, die schon die Welt erfüllen. Diese Genien sind Teile unserer Seele, und in diesen Teilen ist sie allein unsterblich. Die großen Künstler haben uns in ihren Werken die Abbilder ihrer Genien hinterlassen, aber es sind nicht die Genien selbst. Es ist nur ihre Abspiegelung im Dunstkreis unserer Erde, wie sich die Sonne im Nebel widerspiegelt. Die schönen Götter Griechenlands sind solche Abbilder der schönsten Gedanken eines ganzen Volkes."

      Mit all dem wußten wir nichts von ihm, von seinem Schicksal -- wir wußten nicht einmal seinen Namen. Mein Vater fragte ihn einmal (danach); da legte er den Kopf in beide Hände und antwortete: "Glauben Sie mir, es ist mir manchmal schwer, mich meines Namens zu erinnern."

      "Allerdings", sagte Papa zu der Tante, "glaube ich, daß dieser Mann im Geiste gestört ist, aber dieser gestörte Geist ist edel und von Natur groß und tief." (Er) nahm sich vor, ihn morgen geradeheraus nach seinem Schicksal zu fragen, das ein sehr unglückliches schien. "Der Mann", sagte er, "habe ein ungeheures Wissen, das man vielleicht noch nützlich verwenden könne."

      Aber die Nacht sollte alle Pläne zunichte machen. Nach Mitternacht weckte die hilferufende Stimme eines Bedienten das ganze Haus. (Er) lag auf der obersten Treppe, von seiner Furcht niedergeworfen; vor ihm stand der Fremde im sonderbarsten Anzuge. Er hatte das weiße Bettuch um den Leib geschlagen, und da dies sein einziges Gewand war, hatte er etwas von einer griechischen Statue; in der linken Hand hielt er ein Licht, in der rechten einen alten Degen, ein schönes Kunstwerk des sechzehnten Jahrhunderts, das meinem Vater gehörte. Mein Vater nahm ihm die Waffe ab und führte ihn in das Zimmer zurück.

      Des Morgens ging der Fremde ruhig, aber mit traurig gesenktem Kopfe im Park umher. Er hielt sich diesmal nicht bei den griechischen Göttern auf, sondern ging langsamen Schrittes ins Dickicht. Da er durch Stunden nicht zum Vorschein kam, ging mein Vater, um ihn aufzusuchen. Er war nicht mehr im Parke. Mein Vater stieg zu Pferde und durchkreuzte die ganze Gegend. Er war und blieb verschwunden; wir haben ihn nie wiedergesehen.''

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    • 23.03.1842 - Todestag von Stendhal (eigtl. Marie-Henri Beyle)

      => aus "Briefe üb. d. berühmten Komponisten J. H. von S. >Verl. Tal & Co: Leipzig, Wien, Zürich 1922< (dt. v. Th.Herz; 1878/1934)" =>

      Wien, den 5. April 1808 ... Vor ganz kurzer Zeit erst sind Cimarosa...und Mozart von der Bühne des Lebens abgegangen. Noch führt man ihre unsterblichen Werke auf, aber rasch genug wird man sie beiseiteschieben...und wir werden völlig in das Dunkel der Mittelmäßigkeit versinken. Diese Gedanken beschäftigen mich immer, wenn ich mich der bescheidenen Behausung Haydns nähere. Man klopft, ein gutes altes Weiblein, seine einstige Wirtschafterin, öffnet mit freundlichem Lachen; man steigt eine kleine Holztreppe empor und im zweiten Zimmer einer sehr schlichten Wohnung sieht man...einen stillen Greis sitzen, der versunken ist in dem traurigen Gedanken, daß das Leben ihm entgleitet, und der im übrigen so nichtssagend scheint, daß er Besucher braucht, um sich selbst daran zu erinnern, was er einst war. Wenn er jemanden eintreten sieht, erscheint ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen, eine Träne feuchtet sein Auge, sein Gesicht belebt sich, die Stimme wird heller, er erkennt seinen Gast und spricht ihm von seinen jungen Jahren, derer er sich viel besser erinnert als der späteren; man glaubt, der Künstler sei noch lebendig -- aber nur zu bald verfällt er...in seinen gewohnten Zustand von Lethargie und Traurigkeit... E'l nom d'esser mortale, par che si sdegni. / Cadono le citta, cadono i regni. Tasso

      Salzburg, den 8. Juni 1809 ... Dieser große Meister oder vielmehr jener Teil von ihm, der noch auf Erden weilt, (kennt) nur zwei Sorgen: die Angst, krank zu werden und die Angst vor dem Geldmangel. Jeden Augenblick nimmt er ein paar Tropfen Tokaier und er ist beglückt, wenn man ihm Wildbret zum Geschenk macht, was seinen kleinen Haushalt ein wenig entlastet. Die Besuche seiner Freunde regen ihn ein wenig an; manchmal ist er sogar ganz gut fähig, einem Gedankengang zu folgen. Zum Beispiel berichteten die Zeitungen 1805 über seinen Tod, und da er Ehrenmitglied unserers Pariser Instituts ist, ließ diese vornehme Gesellschaft, die nicht die deutsche Schwerfälligkeit hat, eine Messe zu seinem Andenken aufführen. Dieser Gedanke amüsierte Haydn sehr und er sagte immerfort "Wenn die Herren mich nur rechtzeitig benachrichtigt hätten, wäre ich selbst hingefahren und hätte den Takt zu der schönen Mozart=Messe gescglagen..." Obwohl er darüber scherzte, war er im Grunde seines Herzens sehr dankbar dafür.

      Kurze Zeit danach feierten die Witwe und der ältere Sohn Mozarts den Geburtstag Haydns durch ein Konzert, das sie in dem schönen Wiedener Theater gaben. Es wurde eine Kantate aufgeführt, die der junge Mozart zu Ehren von seines Vaters unsterblichem Rivalen komponiert hatte. Man muß die tiefe Güte deutscher Herzen kennen, um die Wirkung dieses Konzertes zu ermessen. Ich glaube, während der vollen drei Stunden, die es dauerte, wurde im ganzen Hause kein guter oder schlechter Witz gemacht... ....

      Hundertsechzig Musiker vereinigten sich (zur Aufführung der Schöpfung...) beim Fürsten Lobkowitz... Mehr als fünfzehnhundert Personen waren anwesend. Der arme Greis wollte...noch einmal das Publikum sehen, für das er soviel geschaffen hatte. Man trug ihn auf einen Lehnsessel in den schönen Saal, der in diesem Augenblick von gerührten Herzen erfüllt war... Man weist ihm seinen Platz in der Mitte jener drei Reihen an, die für seine Freunde bestimmt waren und für alles, was sich in Wien an Leuten von Namen und Rang befand. Salieri, der das Orchester leitete, nahm Haydns Wünsche entgegen, bevor er begann. Sie umarmen sich; Salieri macht sich los, eilt an seinen Platz und das Orchester setzt inmitten der allgemeinen Rührung ein. Man kann sich vorstellen, wie diese tiefreligiöse Musik in dem Augenblick wirkte, in dem ein großer Meister sich anschickte, der Welt Lebewohl zu sagen...

      Haydn...fühlte sich am Ende des ersten Teils ermatten. Man trägt seinen Sessel hinaus: in dem Augenblick, in dem er den Saal verlassen soll, läßt er die Träger halten, dankt zuerst dem Publikum durch eine Verneigung, dann wendet er sich dem Orchester zu und -- ein Einfall, den wohl nur ein Deutscher haben kann -- hebt die Hände zum Himmel und segnet mit Tränen in den Augen die einstigen Gefährten seiner Arbeit.

      Wien, den 22. August 1809 ... Haydn wurde in Gumpendorf als der kleine Privatmann begraben, der er war. Angeblich beabsichtigt aber der Fürst Esterhazy, ihm ein Grabmal errichten zu lassen. Einige Wochen nach seinem Tode führte man ihm zu Ehren in der Schottenkirche Mozarts Requiem auf. Ich wagte mich in die Stadt, um dieser Zeremonie beizuwohnen und gewahrte dort einige Generale und Verwaltungsbeamte der französischen Armee. Sie schienen von dem Verlust tief ergriffen zu sein...

      Sein lebelang war Haydn sehr fromm. Man kann sogar sagen, ohne sich den Anschein eines Predigers geben zu wollen, daß sein Talent durch den tiefen Glauben gesteigert wurde, den er den Wahrheiten der Religion entgegenbrachte... Wenn er...seine Einbildungskraft ermatten fühlte oder sah, daß ihn irgend eine unübersteigliche Schwierigkeit aufhielt, so stand er vom Klavier auf, nahm seinen Rosenkranz und fing an zu beten. Er erzählte, daß dieses Mittel immer erfolgreich gewesen sei...

      Haydns Erbe war ein Hufschmied, dem er achtunddreißigtausend Papiergulden hinterließ abzüglich der zwölfhundert Gulden, die er seinen treuen Dienern vermachte. Seine Manuskripte wurden versteigert und vom Fürsten Esterhazy erworben. Der Fürst Liechtenstein wollte den alten Papagei unseres Tondichters erwerben. Man erzählte Wunderdinge vo diesem Vogel: in jüngeren Jahren soll er gesungen und mehrere Sprachen gesprochen haben... Die Verblüffung des Marschalls ((?)), als der Papagei mit vierzehnhundert Gulden bezahlt wurde, unterhielt die ganze der Auktion beiwohnende Gesellschaft. Ich weiß nicht, wer die Taschenuhr erstanden hat. Der Admiral Nelson besuchte Haydn, als er sich in Wien auf der Durchreise befand, ersuchte ihn um eine der Schreibfedern, die er benützte, und bat ihn, als Gegengeschenk die Uhr anzunehmen, die er in so vielen Schlachten bei sich getragen hatte.

      Haydn hat selbst seine Grabschrift verfaßt: Veni, scripsi, vixi. Er hinterließ keine Nachkommenschaft. Als seine Schüler kann man Cherubini, Neukomm*, Pleyel und Weigel* ansehen... ((Sigism.Ritter v.Neukomm >1778/1858<; Stifter v. Haydns Grabstein, Lehrer v. Mozarts Sohn Carl Thomas ... Jos.Weigl >1766/1846<; Assistent anlässlich der UA des "Nozze di Figaro" bzw. der Wiener EA von "Don Giovanni" u. "Cosi" <= alle Angaben nach Tante Wiki!))

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      (Udo Lindenberg)
    • 24.03.1826 - Todestag von Georg Nikolaus Nissen

      Der dänische Diplomat und Schriftsteller heiratete 1809 Mozarts Witwe Constanze. Seine 1824 zusammen mit ihr begonnene Mozart-Biographie erschien erstmals 1828 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig. I. F. einige Passagen aus dem - mit Abstand! - umfangreichsten Kapitel "Mozart als Künstler und Mensch". Die Rechtschreibung folgt der "Berliner Ausgabe 2013", die Sperrdrucke sind original. Die unten von Mozart besonders herausgestellten Komponisten sind zur besseren Übersicht unterstrichen......

      Der zurückgebliebene Wuchs seines Körpers mochte von seiner frühen Anstrengung und Entwickelung seines Geistes herkommen, nicht aber von dem Mangel an freyer Bewegung in seiner Kindheit; denn gerade in seiner Kindheit und Jugend hatte er bey seinen vielen weiten Reisen die meiste Bewegung; aber in seinen späteren Jahren bey seinen Studien und Compositionen kann ihm Mangel an Bewegung schädlich gewesen sein... Da Mozart bekanntermaassen in der Nacht am liebsten spielte und componirte und die Arbeit oft dringend war; so ist leicht begreiflich, wie sehr ein so fein organisirter Körper darunter leiden musste. Dass eine keineswegs starke Constitution eine so starke Prüfung, als seine ungemeine Arbeitsamkeit war, aushalten sollte, war nicht zu erwarten; aber dass bey fehlendem Wohlbefinden der Eifer des Tonkünstlers noch zunahm, davon liegt die Erklärung darin, dass sein Geist sich auf Kosten des Leiblichen ausbildete, bey dieser Ausbildung sich ganz für's leibliche vergaass und nur das Eine zu pflegen bestrebt war. Daher gab die Zeit seiner nahenden Auflösung seinen Anstrengungen neues Feuer, und spornte oft seinen Fleiss bis zur Ohnmacht...

      Sophie, seine noch lebende Schwägerin, bestätigt seine anhaltende Geistes-Thätigkeit, indem sie von ihm und seinen späteren Jahren erzählt: Er war...selbst in der besten (Laune) sehr nachdenkend, einem dabey scharf ins Auge blickend, auf Alles, es mochte heiter oder traurig seyn, überlegt antwortend, und doch schien er dabey an ganz etwas Anderm tiefdenkend zu arbeiten. Selbst wenn er sich in der Frühe die Hände wusch..., (blieb er) nie ruhig stehen, schlug dabey eine Ferse an die andere und war immer nachdenkend... In seinen Unterhaltungen war er für eine jede neue sehr passionirt, wie für's Reiten und auch für Billard. Um ihm vom Umgange misslicher Art abzuhalten, versuchte seine Frau geduldig Alles mit ihm. Auch sonst war er immer in Bewegung mit Händen und Füssen, spielte immer mit Etwas, z.B. mit seinem Chapeau, Taschen, Uhrband, Tischen, Stühlen, gleichsam Clavier. Just so war sein jüngster Sohn in der Kindheit...

      Aus der Geschichte seiner Jugend haben wir gesehen, wie sorgfältig er jede Gelegenheit benutzte, um zu lernen, wie weise und streng ihn sein Vater dazu leitete und wie tief er in die Geheimnisse der Kunst so früh schon eingedrungen war. Aber wir wollen ihn selbst einmal darüber hören... "Ueberhaupt irrt man, wenn man denkt, dass mir meine Kunst so leicht geworden ist. Ich versichere..., Niemand hat so viel Mühe auf das Studium der Composition verwendet, als ich. Es giebt nicht leicht einen berühmten Meister in der Musik, den ich nicht fleissig...durchstudirt hätte." Und in der That, man sah die Werke grosser Tonkünstler, z.B. Seb. Bach's, Durante's, Porpora's, Leo's, Händel's, u. dgl. auch da noch, als er bereits klassische Vollkommenheit erreicht hatte, auf seinem Pulte; besonders waren Bach's und Händel's Fugen und Präludien immer auf seinem Claviere... Wo ihm...etwas Gutes aufstiess, mochte es alt oder neu seyn, war er voll Freude und wusste es zu schätzen. Worin er nicht etwas von eigenem Geiste fand, das warf er weg, mit den Worten: Es ist ja Nichts darin. Aber auch das leichte Blinken der Funken des Genie's übersah er nicht, nahm den jungen Künstler von Talent in seinen Schutz, und trug bey zu seiner Bildung, Empfehlung, Belohnung und zu seinem Fortkommen...

      Die Kunstrichter (thun) Unrecht, die behaupten, (Mozart) habe nur kunstvolle Harmonie, nur gelehrte Arbeit an Anderen geschätzt. Er liess der durchsichtigsten Musik, nur musste sie etwas Geist und Eigentümlichkeit haben, Gerechtigkeit wiederfahren. So sprach er sehr vorteilhaft von Paisiello... Er sagte: Man kann dem, der in der Musik nur leichtes Vergnügen sucht, nichts Besseres empfehlen. Unter den älteren Componisten schätzte er ganz besonders einige Italiener, die man längst vergessen hat; am allerhöchsten aber Händeln. Die vorzüglichsten Werke diese...Meisters hatte er so inne, als wenn er lebenslang Director der Londner Akademie zur Aufrechterhaltung der alten Musik gewesen wäre: Händel, sagte er oft, weiss am Besten unter uns Allen, was grossen Effect macht; wo er es will, schlägt er ein, wie ein Donnerwetter... Wenn er da auch manchmal...nach der Weise seiner Zeit hinschlendert, so ist doch überall Etwas darin. Er hatte sogar die Grille, eine Arie in seinem Don Juan nach Händels Manieren zu setzen, und seiner Partitur diess offenherzig beyzuschreiben: man soll sie bei der Aufführung allenthalben weggelassen haben. Eben so findet sich in seinen Clavierheften eine Ouverture nach Händels Style. Von Hasse und Graun schien er weniger zu halten, als sie verdienen. Vielleicht kannte er ihre Werke nicht. Jomelli schätzte er hoch: Der Mann, sagte er, hat sein Fach, worin er glänzt, und so, dass wir's wohl werden bleiben lassen müssen, ihn...daraus zu verdrängen... Keiner, sagte er ferner, kann Alles -- schäkern und erschüttern, Lachen erregen und tiefe Rührung machen -- und Alles gleich gut, wie Joseph Haydn... ....

      Von der allzugewöhnlichen Virtuosengrille, sich nur nach überschwenglichem Bitten und Flehen hören zu lassen, war wohl kein Virtuos der Welt mehr frey als Mozart: im Gegenteil machten es...gnädige Herren in Wien ihm zum Vorwurf, dass er vor jedem, der ihn gern hörte, eben so gern spielte. Nur war dabey sein grösstes und oft von ihm selbst beklagtes Leiden, dass man gewöhnlich von ihm nur mechanische Hexereyen und gaukelhafte Seiltänzerkünste...erwartete und zu sehen wünschte; aber dem hohen Fluge seiner Phantasie...nicht folgen konnte...

      Unbefangene Herzensgüte, und eine seltene Empfindlichkeit für alle Eindrücke des Wohlwollens und der Freundschaft waren seine Grundzüge. Er überliess sich diesen liebenswürdigen Regungen ganz, und wurde daher mehrmals das Opfer seines guthmütigen Zutrauens. Oft beherbergte...er seine ärgsten Feinde und Verderber bey sich... Es freute ihn aber, wenn seine Tischgäste >leider! falsche Freunde und Blutsauger ohne sein Wissen, werthlose Menschen, die ihm zu Tischnarren dienten< es sich bey ihm schmecken liessen. Ihr Umgang schadete ihm an Credit und Ruf...

      (Mozart) hatte eine reiche Gabe von Witz... Dass er diesen Schatz oft auf seltsame, nicht eben ausgewählte Weise an den Tag legte, konnte nicht anders kommen, da er, ausser seiner Kunst und dem dieser Nachstehenden, zu wenig verschiedenartige Ideen...besaass, an deren Formirung sein Witz sich hätte auslassen können. Aber wie leicht floss ihm die fröhliche Quelle in seiner Kunst! -- Wenn er z.B. auf dem Fortepiano phantasirte, wie leicht war es ihm da, ein Thema so zu bearbeiten, dass es hier possierlich, dort gravitätisch, nun halsbrechend und spitz, oder flehentlich oder miserabel auftretend oder hervorlauschend, oder sich hindurch arbeitend zeigte und deuten liess, so dass er mit seinen Zuhörern machen konnte, was er wollte... Er parodirte mit nicht übel gemeinter Persiflage nicht selten die Kunst- und Geschmackverderber. Seine musikalische Satyre ging jedoch über Schäkerey hinaus, wenn er auf gewisse italienische Componisten und ihre Nachahmer und die ausübenden Künstler kam, welche damals hoch gepriesen waren, und von denen freylich sich Einige gar übel um ihm verdient gemacht hatten. Da führte er...Opernscenen aus dem Stegreife in jener Manier auf, und es war unmöglich, ihm mit Gleichgültigkeit zuzuhören...

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      27.03.1770 - Todestag von Giovanni Battista Tiepolo

      Der Schöpfer des (jedenfalls lt. Wiki) "größten zusammenhängenden Deckenfreskos der Welt" (1752/3; Treppenhaus der Würzburger Residenz) wird hier noch bei anderer Gelegenheit gewürdigt werden...

      => aus "Fr.Herm.Meißner >1863/1925< Tiepolo. Verl. von Velhagen & Klafing: Bielefeld u. Leipzig 1897" (Ab ** sind die Auslassungen und Umstellungen nicht mehr gekennzeichnet.)

      Wie verändert ist im XVIII. Jahrhundert das Menschensein in (Venedig) gegenüber dem reichen und ausgegohrenen Bild der Kultur im XVI. Jahrhundert!. Nur die ewig farbenvolle und milde Natur ist noch da und nur noch die architektonische Kulisse von einst; auch der Karneval lebt noch, und die großen Feste mit ihrem reichen Prunk werden noch ebenso ceremoniell...gefeiert wie einst, aber es sind andere Menschen... Volkskomödie, Ballett, Spieloper, der geschickte Moralphilister Goldoni, ein bißchen Kirchenmusik, ein bißchen dekorative Malerkunst machen ihr ganzes geistiges Bedürfnis aus. Dante mußte sogar eines Tages besonders für sie wieder entdeckt werden, -- Boccaccio freilich und besonders die Liebesabenteuer in Tasso's "Jerusalem"...haben sie...nicht vergessen.

      Von der alten Aristokratie waren nur noch die Namen da. Die Männer...(waren) nach französischem Muster vergeckt und schwenkten mit zierlicher Verbuhltheit gegen die noch immer schönen Frauen den Dreispitz... Luxus, Spiel, Maitressenwirtschaft fraßen in gleicher Weise an Vermögen und Lebenskraft, -- eine nervöse Unstetigkeit trieb diese Verfallvenezianer zügellos von Genuß zu Genuß... Handel und Gewerbe siechten; die stolzen Flotten waren auf eine Hand voll untüchtiger Schiffe zusammengesunken; es gab keine lebensfähige Staatsidee mehr, man vertraute vielmehr den Ränken einer...skrupellosen Diplomatik, um sich innerhalb der politischen Zustände zu behaupten. Die stolze Zeit, in der Venedig als Großmacht alle Meere beherrscht, ...(war) ein verblaßter Traum von einst... Diese romantische Vergangeneits...poesie ist ohnehin die Stimmungssphäre Italiens im vorigen Jahrhundert; sie greift von dort mit dem sinnlichen Geschmack des Barocco >und Rokoko< nach dem übrigen Europa hinüber, wo sie sich mit einer empfindsam=pathetischen...Auffasssung von der Antike im Stil der lateinischen Verfallschriftsteller verband. In Venedig fehlten diese Beziehungen zur Antike, gab vielmehr der Orient die charakteristische Färbung dieser Romantik. Jener Orient, welcher in S. Marco und im Dogenpalast alle Zauber seines...die Phantasie erotisch entzündenden Stils abgedrückt und auch sonst allerorten...durch die milde Luft zog... Wer die Malereien und großen Bauten betrachtet, welche °°Giovanni Bellini, Tizian, Tintoretto, Veronese..., Palladio in Venedig hinterlassen haben, der erkennt...dieses orientalische Stimmungselement teils offen liegend teils verborgen überall; mit ursprünglicher Kraft aber entfaltet es sich wieder zur Zeit des Barockstils... ((°°Das Todesjahr des hier erwähnten Bellini ist 1516, die Sterbejahr der anderen hier aufgezählten liegt um 1585; wesW))

      Hervorgegangen aus der Verschmelzung der italienischen Renaissance mit den nationalen Stilen des übrigen Europa, aus einer dadurch hervorgerufenen Verwilderung des Geschmacks, ist (dieser Entartungsstil der Renaissancebewegung) mit der Übertreibung der natürlichen Formen, der Durchbrechung aller ruhigen Linien und Flächen so recht ein Ausdruck der despotischen Willkür, des virtuosen Alleskönnens, dem das reine Gefühl für die Natur verloren gegangen ist. Launisch, willkürlich, gewaltsam, sinnlich=frivol, war er der natürliche Lieblingsstil der Machthaber im XVII. und XVIII. Jahrhundert. Fast ohne eine neue...Idee findet er ein...die leidenschaftlichen Aufregungen suchendes Wohlgefallen am Bilden um der Kunststücke willen. Er sucht nicht mehr die Natur um ihrer selbst willen, er versteht sie gar nicht mehr, -- er häuft vielmehr...alle Reize, welche die Kunst der Vergangenheit hervorgebracht, ohne Frage nach Absicht und Bedingung ihres Entstehens an einer Stelle zusammen, um einen rauschenden Orchestertusch hervorzubringen. Nicht zufällig ist der posaunende Engel eines der beliebtesten Inventarstücke in seinem dekorativen Vorrat... ....

      ** Es ist überliefert, daß (G. B. T.) ein frühreifes Genie war. Ob es (sein) Bedürfnis nach unersättlicher Aufnahme war, das ihn hintereinander drei Lehrmeister verbrauchen ließ, oder ob er ein unruhiger Brausekopf oder ein Muttersöhnchen war, das nirgends aushielt, ist unbekannt. Dieser Umstand ist jedenfalls auffällig, denn es war damals nicht üblich, seine Lehrmeister so schnell zu wechseln. Von 1712 etwa ab beginnt die frühe Thätigkeit Tiepolos in den Kirchen und Palästen und war sein Ruf als Darsteller und Freskentechniker vorhanden und mit einer großen Zukunft in den Augen der Zeitgenossen verknüpft. Ein besonderes Ansehen verlieh ihm dabei der Umstand, daß er schon in dieser Frühzeit die heikelsten Probleme der Perspektive sicher gelöst haben soll.

      Tiepolo ist als frühreifes Wunderkind in die Kunst getreten und darin lag in künstlerischer HInsicht ein Unheil für ihn sein Lebenlang. Das thätige Wunderkind ist auf das Virtuosentum angewiesen, und ist der Geist erst einmal darauf dressiert, auf äußerlich überraschende Wirkungen hin zu arbeiten, so kommt er nicht wieder los davon. Ich kenne nur eine Ausnahme davon: Mozart. Von der reichen Fülle (von Tiepolos) Schöpfungen ist die Mehrzahl so ganz das Erzeugnis einre Dekorationsmalerwerkstatt. Nur der kleinste Teil seines Werkes besteht eine ernsthafte Kritik.

      Das früheste sicher datierte Werk und zugleich eine der Hauptschöpfungen von Tiepolos ruheloser Hand ist der große Freskencyklus in der Villa Valmarana bei Vicenza, der 1737 entstanden ist. Tiepolo war bereits 41 Jahre alt, und sein zehnjähriger Sohn Domenico war bereits als Schüler dabei thätig. Es ist ein so jugendlicher Reiz darin spürbar, und Tiepolo erscheint darin in so liebenswürdiger Künstlergestalt - man meint zu spüren, als wäre beim raschen Niederwerfen der Kompositionen liebliche Musik in der Seele des Malers vorhanden gewesen -, daß man dies Werk ohne allzu große Kühnheit mit Veroneses Malereien in der Villa Barbaro zu Maser in Vergleich setzen darf. Das Kunstunternehmerrum, das in Italien seit der Renaissance in hoher Blüte stand und bis auf eine beschränkte Zahl von Meisterwerken fremde Beiklänge in die monumentalen Werke brachte, tritt in diesen Cyclen sehr zurück. Als 1848 die Österreicher Vicenza besetzten, hauste die Soldateska auch in der Villa Valmarana in böser Weise, -- an die Bilder aber wagte sich keine vandalische Hand heran.

      In diesem gleichen Jahr 1737 schloß Tiepolo mit den Dominikanern der Jesuitenkirche einen Vertrag über die Ausmalung ihrer Kirchendecke. Er verwendet fast ausschließlic Fresko und seine Decken werden zu unmittelbaren Rapportvermittlern zwischen den Andächtigen und den Paradiesischen. In feinen Glorien schweben die Heiligen und Madonnen aus dem Kirchenraum zum Himmel empor und auf vorgelagerten Architekturen begehen sie symbolische Handlungen und liefern den greifbaren Beweis, daß sie vollkommen schwindelfrei sind. Tiepolo geht über das Bisherige in solchen Capricen noch hinaus und scheut keine Unmöglichkeit, um einen imponierenden Gesamteffekt aus lauter Fortissimi der Technikerphantastik zu erhalten. Seine Gestalten sind rund, von realistischer Treue, er weiß wirkungsvoll zu gruppieren, interessant zu zeichnen, und dann hat er außer abgestimmten, lebendigen Farben ein prachtvolles Licht, wie es in dieser Kraft und Durchsichtigkeit keiner vor ihm malen gekonnt oder zu malen gewagt hat. ....

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      (Udo Lindenberg)
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      28.03.1868 - Geburtstag von Maxim Gorki

      => aus "M. G. Ausgewählte Erzählungen Vierter Band: Verlorene Leute... Verl. Bruno Cassirer: Berlin 1902" =>

      .... "Es war vor acht Jahren in Poltawa, Bruder. Ich war damals im Comptoir eines Kaufmanns angestellt, der sich mit Waldankäufen befaßte. Ein Jahr lang ging die Sache ganz gut, ich führte ein schmuckes Leben; dann aber begann ich zu trinken, brachte sechshundert Rubel durch, die dem Prinzipal gehörten. Ich kam vor's Gericht, wurde auf drei Monate eingelocht -- na, u. s. w. u. s. w. -- alles ganz nach Vorschrift. Wie meine Zeit herum war, stand ich ratlos da. Was beginnen? In der Stadt kannte man mich, und um mir anderswo was zu suchen, dazu fehlte es am Besten, nicht mal was anzuzieh'n hatt' ich. Ich ging also zu einem Bekannten, einem dunklen Ehrenmann, der ein Schanklokal hielt (und) sich mit allerhand Spitzbübereien befaßte...

      Ein gutherziger Mensch, sehr ehrbar dabei und ein heller Kopf. Er war ein großer Bücherfreund... Stundenlang saß er oft hinter seinem Schenktisch und las aus irgend einem Buche von französischen Räubern vor -- alle seine Bücher handelten von Räubern -- und ich hörte zu, hörte zu - - - Wunderbare Jungen waren's und wunderbare Thaten vollführten sie... Bald schienen sie im Sumpfe zu versinken, daß nur noch Kopf und Hände zu sehen waren, bald waren sie wieder obenauf -- bis dann plötzlich...sie doch der Henker erwischte und alles pardauz! zum Teufel ging...

      Zwei Monate also sitz' ich bei diesem Pawel Petrow und hör' mir seine Räubergeschichten und sonstigen Gespräche an. Und ich seh', wie allerhand verdächtige Gestalten bei ihm hin und her huschen und ihm lauter glänzende und schöne Sachen bringen: kleine Uhren und Armbänder und ähnliches Zeug der Art -- und ich sag' mir, daß in dieser Sorte von Geschäften doch nicht für'n Groschen Verstand liegt. Hat so'n Junge was gestohlen, giebt ihm Pawel Petrow doch höchstens den halben Preis dafür, was immer noch gut bezahlt war... 'Pawel Petrow,' sag ich, 'das sind alles Bagatellen, die nicht wert sind, daß man die Hand drum rührt.' -- 'Hm,' meint er..., 'wenn man's richtig überlegt, liegt wirklich ein Mangel an Selbstachtung in dieser Art von Geschäften, und jemand, der auf sich hält, sollte seine Hand nicht um zwanzig Kopeken mit 'nem Diebstahl beschmutzen...

      Müßtest mal 'ne ganz große Sache ganz auf eigene Rechnung...riskieren. Da ist zum Beispiel der Kaufmann Oboimow,' sagt er 'der kommt heut ganz allein von seinem Waldhof zurück. Wie Du weißt, hat er immer viel Geld bei sich... Dreihundert Rubel und mehr setzen (er und sein Verwalter im Forstcomptoir) täglich um. Er muß über die Worskla fahren, und die Brücke ist augenblicklich gerade schadhaft...'"

      Jemeljan schwieg eine Weile.... Das buntfarbige Dämmerlicht war fast erloschen, nur ein schmales rosiges Band...färbte noch...den Rand einer Federwolke, die wie in einer Art Ermattung unbeweglich am dunklen Himmel stand. In der Steppe war es still und traurig, und das unaufhörliche, sanfte Plätschern der Wogen hob durch seinen eintönig weichen Klang diese Traurigkeit und Stille noch mehr hervor. Von allen Seiten huschten seltsame graue Schatten heran und schwebten lautlos über die...in tiefem Schlummer liegende Steppe...

      "Ja Bruder", fuhr Jemeljan in seiner Erzählung fort, "ich hab' die Sache also genau erwogen und legte mich...am Ufer der Worskla im Gebüsch auf die Lauer. Einen zwölfpfündigen eisernen Bolzen hatte ich mitgenommen. Es war im Oktober..., so viel ich mich erinnere. Es war 'ne Nacht, wie geschaffen für mein Werk -- dunkel war's wie in 'ner Menschenseele... Dicht an der Brücke war's, auf der ein paar Bretter ausgebrochen waren, so daß der Kaufmann hier langsam fahren mußte. Ich lieg' also da und warte, und 'ne Bosheit war damals in mir, Bruder -- für zehn Kaufleute hätt's gereicht... Du bist jedenfalls der Ansicht, der Mensch sei in sich selber frei, er könne sich ganz nach seinem Willen entscheiden. Unsinn, Bruder! Sag Du mir doch mal, was Du morgen thun wirst! Frei -- he he! Dummes Zeug...

      Auf einmal seh' ich nämlich jemanden von der Stadt her auf mich zukommen - - - Betrunken schien er und schwankte, und hatte 'nen Stock oder was Aehnliches in der Hand. Wirres Zeug schwatzt er vor sich hin und...ganz deutlich hör' ich ihn schluchzen. Wie er noch näher heran kommt, seh' ich -- es ist ein Weibsbild! Pfui Teufel, denk' ich, verdammte Hexe..., (dir) will ich den Hals schon einseifen! Sie aber geht grade auf die Brücke zu, und auf einmal schreit sie 'O mein Geliebter, weshalb thatst Du mir das!' Ich sag' Dir, Bruder, dieser Schrei - - - durch und durch ging er mir... Mit einem Male trat der Mond zwischen den Wolken hervor, und zwar so hell und klar, daß mich Angst befiel. Ich stützte den Kopf auf den Ellenbogen und sah sie mir an - - - Und da, Bruder, gingen alle meine Pläne und Absichten zum Teufel! Ich schau' hin und seh' mit Herzklopfen: ein ganz junges Mädchen ist's, ein Kind noch förmlich... ...

      Wir brachen zusammen auf. Ich fühlte meine Beine kaum unter mir, sie aber erzählte mir, wie alles gekommen. Sie war die einzige Tochter ihrer Eltern, ein Kaufmann war ihr Vater, und verwöhnt war sie natürlich sehr. Und da kam ein Student, der gab ihr Unterricht, und sie verliebten sich in einander. Er reiste dann ab, und sie erwartete ihn - - - Wenn er mit dem Studieren fertig wäre, sollt' er kommen und sich mit ihr verloben, so war's zwischen ihnen abgemacht. Er aber kam nicht, sondern schickt ihr einen Brief: 'Du bist mir nicht gut genug,' u. s. w...., und da wollt' sie denn 'ne Dummheit machen, die liebe Kleine...

      So kamen wir an das Haus, in dem sie wohnte. 'Jetzt,' spricht sie, 'mein Guter, lebt wohl. Morgen fahr' ich von hier fort. Habt Ihr vielleicht Geld nötig? Sagt's nur, Ihr braucht Euch nicht zu genieren.'... Ich aber, obschon ich ganz abgerissen und ausgehungert war, nahm doch nichts von ihr an. Nicht um Geld war mir's zu thun, Bruder...

      'Wo hast Du Dich herumgetrieben?' fragt (Pawel Petrow) lachend. Ich blick' ihn an und sehe: derselbe Mensch ist's wie gestern, doch glaub' ich an ihm was Neues zu sehen - - - Na, ich erzähl' ihm nun alles, wie sich's zugetragen. Er hörte aufmerksam zu und sagte dann zu mir: 'Ihr seid ein großer Dummkopf, Jemeljan Nikitysch, und ein Tölpel dazu. Vielleicht ist's Euch gefällig, so rasch wie möglich aus meinem Hause zu verduften!' -- Was blieb mir weiter übrig? War er nicht im Recht? Ich ging also meiner Wege, und damit Basta... ((dt. v. Aug.Scholz; 1857/1923))

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      29.03.1879 - Tschaikowskis "Lyrische Szenen" Eugen Onegin - nach A.Puschkins Versroman - werden in Moskau uraufgeführt

      aus einem Gespräch mit der Regensburger Musikwissenschaftlerin Dr. Lucinde Braun, veröffentl. am 24.01.2018 auf atavist.com
      >"nacherzählt" von wesW<

      Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Cajkovskij (aus meiner Sicht spricht vieles für diese Schreibweise!) ist inzwischen soweit, dass wir so manchen Tagesablauf des Komponisten fast im Detail rekonstruieren könnten. Demgegenüber ist bzgl. seiner Musik so manches in den letzten c. 20 Jahren nahezu liegen geblieben, nicht zuletzt das Thema Instrumentenbehandlung. Dass C. da auf eine durchaus sehr spezielle Art russisches und französisches quasi fusioniert hat, hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen. Und noch weitgehend unerforscht scheint mir, inwieweit er hiermit Komponisten wie Gustav Mahler und Richard Strauss, auch Puccini übrigens, beeinflußt hat. Dass letztere Cs Orchesterwerk recht gut gekannt haben, halte ich für unstrittig.

      Ästhetisch gesehen wird man C. einen Klassizisten nennen dürfen - jedenfalls ist er mehr und mehr zu einem solchen geworden. Vielleicht wäre gar Vorbote des Neoklassizismus am treffendsten. Er war eben durchaus, wie bewußt oder unbewußt auch immer, zaristisch geprägt, und diese Kreise waren westlichen Neuerungen gegenüber grundsätzlich "abwartend" eingestellt, um es höflich zu sagen. Aufallend ist ja, wie immer zurückhaltender C. bezüglich formaler Experimente geworden ist. Nehmen wir die beiden ersten Klavierkonzerte. Nummer eins - deren Uraufführungsversion wir bis heute nur selten hören können - erst die Drittfassung von 1889 enthält ja die uns so bekannten wuchtigen Anfangsakkorde, aber das nebenbei. >Übrigens ist, nach meinem Kenntnisstand jedenfalls, keineswegs gesichert, dass C. diese 89er Version überhaupt autorisiert hat!< Das erste Klavierkonzert also ist in vielem experimenteller als das zweite geraten, das beispielsweise hinsichtlich Themenaufbau erheblich lehrbuchmäßiger daherkommt.

      Übrigens halte ich es - mindestens! - für eine legitime These, dass sich C. nicht zuletzt als Reaktion auf den ihn abstoßenden Wagner Kult (er ist ja bei den Bayreuther Festspielen 1876 als Reporter dabei gewesen) sich wieder mehr an der französischen Musik (an Bizet z. B.) orientiert hat. An letzterer faszinierte ihn wohl v. a. das klanglich Interessante in Verbindung mit dem formal Gebändigten - und in seinen späten Ballettmusiken scheint mir die Nummernstruktur geradezu die Vorraussetzung dafür zu sein, klangliche Versuche zu wagen!

      Ob die wissenschaftliche Arbeit mit C. noch für Überraschungen gut ist? Naja, wer weiss bisher schon etwas über Cs französische Vorfahren! Ein Urgroßväter z. B. - ein gewisser Michel Victor Acier - ist Mitarbeiter in der Meißener Porzellanmanufaktur gewesen; einige seiner Rokokofiguren sind sogar in Dresden zu sehen! Und welche Musik von C. ich für noch immer unterschätzt halte? C. hat die russische Literaturoper natürlich nicht "erfunden" - aber dass Pique Dame und Mazeppa ganze Passagen der literarischen Vorlage wortwörtlich vertonen, ist wirklich etwas Neues. Und gerade Mazeppa wird in seiner Bedeutung nach wie vor völlig verkannt!

      Es gibt nur zwei Komponisten auf der Welt, mit denen das Publikum keine Probleme hat, Johann Strauss und Piotr Tchaikovsky. >D.Kitajenko im Juni 2011 auf kitajenko.com<

      Der Mann ist die Aufrichtigkeit in Person. Wie müssen seine Musik so spielen, wie er war. Es reicht nicht aus, nur schöne Töne zu spielen. >S.Bychkov am 08.09.2016 auf bachtrack.com<

      (C.) hat sich...enorm um Phrasierungen gekümmert, um ausgleichende Balance in der Orchestrierung. >C.v.Dohnany am 15.01.2019 auf br-klassik.de<

      Mahler learnt to be Mahler by listening to what T. did to Symphonic form. >P.R.Bullock am 07.11.2016 auf csosoundsandstories.org<

      T. war ein kluger Philosoph. entdeckt den Kampf zwischen Leben und Tod neu in seinen letzten Sinfonien. Alle geben unterschiedliche Antworten. >V.Petrenko am 21.07.17 auf niusic.de<

      Es gibt keine Figur in der Oper ("Eugen Onegin"), die er nicht mag. Die psychologische Struktur jedes einzelnen ist musikalisch ganz fein gezeichnet. >F.Bollon am 21.09.2018 auf badische-zeitung.de<

      T. substituted the beautiful "Meditation" that he originally wrote for the ((Violin-))Concerto** with the "Canzonetta," and that's also a very interesting choice. >P.Quaint am 10.09.2014 auf violinist.com<

      I do see a lot of continuation of Mozart. There is some lightness, there is some sparkle. There is an ease and joy that is special in this** peace. >L.Batiashvili am 07.11.2016 auf violinist.com<
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      31.03.1914 - Todestag vom Christian Morgenstern

      Dem Chronisten widerstrebt es, eines der Schlüsselwerke der lyrischen Moderne dem hiesigen Forum zum raschen Konsum darzubieten. An Stelle dessen zunächst einige Passagen von des Schöpfers eigenen einführenden Worten (aus "C. M. über die Galgenlieder. Verl. v. Bruno Cassirer: Berlin 1921").

      Daß Dir, wie manchem andern, die 'Galgenlieder' nicht gleich eingehen würden, dachte ich mir schon... Man kommt ihnen vielleicht am besten bei, wenn man sie von der Seite ergreift, die ihre wesentlichste ist, indem man sie etwa nimmt wie Federzeichnungen eines ungemein kecken und kühnen Humors, in denen nur die Grundidee mehr oder minder grotesk ist, die Aus- und Durchführung aber durchaus organisch und konsequent. Ohne diesen letzten Umstand könnten sie leicht nur Spielereien seien, so aber...erheben sie sich in die Region rein künstlerischer Objekte. Aber auch das ist noch nicht ihr Letztes, Wesentlichstes, sondern ein gewisses Unwägbares, das man eben nur mit dem Namen 'Humor' bezeichnen, und das wohl nur da ausströmen kann, wo die Fähigkeit besteht, das Leben zugleich mit einem unbeirrbaren Ernst, wie mit einer herzlichen, ja kindlichen Liebe zu betrachten...

      Die ersten, noch den neunziger Jahren entstammenden Galgenlieder entstanden für einen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter 'Galgenberg' gezeigt wird, ...mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. Aus dem Namen erwuchs alsdann das Weitere, denn man wollte sich doch, war man schon nun einmal eine so benannte Vereinigung, auch das Gehörige dazu denken und vorstellen. Später kam dann noch dies und das hinzu, und schließlich wurde das Ganze -- was ursprünglich nicht im entferntesten gedacht worden war -- von (meinem Verleger Bruno Cassirer) ans Tagelicht gezogen...

      Sie werden das Lalula nicht mehr ganz so unsinnig finden, wenn sie bedenken, daß es weniger der Ausdruck irgend eines Un-Sinns, Ohne-Sinns sein sollte, als der eines ganz privatpersönlichen, jugendlichen Übermuts, der sich in Lautverbindungen gefiel, ein Gefallen, das unter Kindern wohl alltäglich ist, das der Erwachsene aber, wie so vieles, vergißt, und...nur noch als Bizarrerie anzusprechen weiß. Warum soll sich ein phantasiereicher Junge zum Beispiel nicht einen Indianerstamm erfinden samt allem Zubehör, also auch Sprache, Nationalhymne? Und warum soll künstlerischer Spieltrieb derlei nicht...einmal wiederholen? Ich habe noch als Gymnasiast 'Sprache erfunden', war seinerzeit einer der eifrigsten Volapükisten -- -- nun, was weiter, wenn ich da einem für solches besonders begabten Bundesbruder ein Vortragsstück in einem eigenen Volapük schrieb? Denn all dieses Anfängliche war auf Vortrag und Musik gestimmt, ohne jeden Gedanken an jemalige Öffentlichkeit...

      Ich habe nur eine Bitte: Sollte, was ja immerhin möglich wäre, in ((Ihrer Rezension)) das Wort Blödsinn oder Stumpfsinn, wenn auch noch so glänzend epithetiert, vorkommen, so ersetzen Sie es meinethalben durch Wahnwitz oder Tollheit oder dergleichen; da Sie es wahrlich begreifen werden, daß es auf die Dauer nicht angeht, einen Humor, dessen vielleicht einziger Vorzug gerade in einer gewissen Art von Geistigkeit, von Helligkeit und Schnelligkeit besteht, mit diesen zwei üblen deutschen Philister- und Bierbankausdrücken...abzustempeln. 'Höherer Blödsinn' oder jener so beliebte deutsche 'Stumpfsinn'...ist so ziemlich das Billigste und Törrichteste, was sich sagen läßt. Wer so urteilt, gebraucht...eine Formel, ohne sich wirklich Rechenschaft von dem Vorhandenen zu geben. Es kann von Unsinn nirgends die Rede sein; dazu war ich immerhin vor 15 Jahre nicht mehr unreif genug...

      Ich bin oft gefragt worden, was ich mit den Galgenliedern eigentlich bezweckt hätte. Nun, ...sie vermitteln, wenn ich hier selbst richtig sehe, dem gegenwärtigen Menschen vor allem eine gewisse -- Entspannung. Von einer Zeit umfangen, die im wesentlichen von Gelehrten ihre Parolen empfängt und demgemäß auf allen Seiten zur Sackgasse verurteilt ist, meint er vor solchen Versen gleichsam aufzuatmen... Außer dem aber, daß sie entspannen, machen sie zugleich Lust, ihre närrische, aber darum in sich nirgends unlogische, nirgends unkonkrete Welt geistig nachzuimprovisieren und locken damit die heute so...zurückgedrängte Phantasie auf einen höchst erwünschten Tummelplatz.

      Soweit der Jubilar selbst mit einem Teil seiner kryptischen, schwer zu rezipierenden Erläuterungen. Dankenswerterweise hat uns der Privatgelehrte Dr. Jeremias Müller einige entscheidene Hinweise für das tiefere Verständnis des Schlüsselwerkes hinterlassen, von denen die Wertvollsten hier wiedergegeben sind...

      (Trotz mehrfacher Anstrengung war es dem Chronisten nicht möglich, Dr. Müllers Lebens- und Sterbedaten zu eruieren. Im Falle des Falles, vor allem also, falls der Betreffende noch nach dem 30. März 1950 lebend gewesen ist, wird hiermit das hiesige Direktionsbüro freundlichst um entsprechende, sich gewaschen habende, Hinweise gebeten.)

      Die Luft. Wir befinden uns in vorgeschichtlicher Zeit. Die Luft ist, vornehmlich infolge Mangels an Bewegung, sterbensunglücklich -- und der Mensch noch nicht erschaffen. Aber er wird es: und zwar eben für die Luft. Und siehe da: sein alsbald anhebendes...Geschwätz und Geschrei massiert sie in förderlichster Weise... Das große Lalula. Man hat diesem Gesang bisher viel zu viel untergelegt. Er verbirgt einfach ein -- Endspiel. Keiner, der Schachspieler ist, wird ihn je anders verstanden haben... Der Rabe Ralf. In diesem Gedicht wird die Sozialdemokratie charakterisiert bzw. ihr Übergang von Lasalleschen zu Marxistischen Ideen.

      Der Walfafisch. Bemüht sich, in biederer Holzschnittmanier die in den Mythologien aller Völker vorkommende große Flut in ländliche deutsche Verhältnisse zu übertragen. Wir finden ein Dorf, eine Eule, eine Eiche, ein Kind, alles Gegenstände einer sichern und vertrauten Heimatkunst. Auch der Walfisch, welcher auftritt, ist durchaus deutsch. Er könnte vorher vor dem Gehäus des Heiligen Hieronymus gelegen haben. Daß er das Kind sowie die Eule am Schluß 'frißt'..., widerspricht dem nicht. Erstens sind Kind und Eule ja doch verloren, und dann macht sich z. B. das Deutsche Reich von heute ja auch nichts daraus, zu fressen, wo es eben etwas zu fressen gibt...

      Das Knie... Manche wollen in dem Knie nur einfach den Begriff der Zeit sehen. Sie gehen von der Mittelstrophe aus und fassen sie insofern als einen Angriff auf die Kantische Lehre von der Transzendentalen Idealität von Raum und Zeit auf, als sie in ihren ersten zwei Zeilen Kant im Krieg der Geister unterliegen lassen: aber freilich nur zur Hälfte. Der Raum wird nämlich mit Kant 'erschossen'. Die Zeit aber bleibt, als diejenige sinnliche Form der Anschauung, auf welche sich zuletzt alles, also auch der Raum, zurückführen läßt... Bim, Bam, Bum. Ist von einigen politisch interpretiert worden: Sie sehen in Bim den Fürsten Bülow, in Bam den Liberalismus und in Bum das Zentrum... Gegen diese Deutung ist nur einzuwenden, daß sie sich auf das Jahr 1908 bezieht, während das Poem schon 1898 existiert haben dürfte. Trotzdem ist sie nicht schlechterdings abzulehnen. Dichter pflegen ihrer Zeit um 50 Jahre voraus zu sein...

      Fisches Nachtgesang. Das tiefste deutsche Gedicht. Die Mitternachtmaus. Ist die sittliche Weltordnung

      Das Mondschaf... 'auf weiter Flur' bedeutet das unabsehbare Gefilde des Menschlichen. 'harrt und harrt' Man beachte den unwillkürlichen Gleichklang mit hart, wodurch die Unabwendbarkeit des Wartens phonisch illustriert erscheint... 'rupft sich einen Halm' Der Mensch bescheidet sich in Resignation... Man könnte auch sagen Entsagen sollst du, sollst entsagen... 'im Traum' Der Traum ist dem Mondschaf dasjenige Element, was dem Fisch die Flut...

      zit. v. archive.org
      Durchhängen iss nich !!
      (Udo Lindenberg)