Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • Ab hier sind die diversen (i) Auslassungen nicht mehr gekennzeichnet (ii) Sperrdrucke von mir (w.w.) zur besseren Übersicht eingefügt...

      < < = = (Pietro Metastasios) ganzes Leben ist eben so sanft hinfliessend als seine Schriften. Seine häusliche Ordnung geht pünktlich nach Glockenschlag, wovon er nicht abweicht. Seit den letzten dreissig Jahren hat er nicht ausser dem Hause gegessen; er ist so wenig für neue Personen als neue Dinge. Nur mit drey oder vier Personen hält er einen vertrauten Umgang, und die kommen täglich ohne alle Umstände zu ihm. Er hat schon lange den Titel, als Kayserlicher Hofdichter; und wenn jemand von der Kayserlichen Familie es befiehlt, setzt er sich hin und schreibt, aber nicht länger als zwo Stunden auf einmal, grade als ob er ein fremdes Gedicht abschriebe. Er wartet auf keine Begeisterung, ruft keine Muse an, ja, wollen sie ihm ihre Gunstbezeugung ertheilen, so müssen sie zu der von ihm festgesetzten Zeit sich einstellen. Ein sehr vornehmer Mann versicherte mich, er sey fünf Jahre zu Wien gewesen, eh' er ihn einmal habe sprechen können. In der That schlug man mich, als ich vor meiner Abreise aus England mich um Empfehlungsschreiben an diesen vortrefflichen Dichter bewarb, mit der Versicherung nieder: ''es würde vergebene Mühe seyn, zu versuchen, den M. auch nur zu sehen zu bekommen, weil er ungesprächig und ein Feind von allen Gesellschaften wäre.'' Diese Nachricht war gleichwohl in zu starken Ausdrücken, denn ich fand, daß er noch alle Morgen einer Art von Cour annahm, wobey ihn viele Personen von hohem Stande und vorzüglichen Verdiensten besuchten.

      Zufolge der Anfrage, die Lord Stormont sehr gütiger Weise für mich bey M. hatte thun lassen, hatte er die sehr höfliche Antwort von ihm erhalten: es solle ihm lieb seyn, den Lord und mich bey sich zu sehen, welchen Abend es Sr. Excellenz selbst gefallen würde, zu bestimmen. Dieß war ein sehr erwünschter Umstand. Da Lord Stormont schon bis auf den Sonnabend täglich versagt war: so wählte er diesen Nachmittag, um meine Begierde zu befriedigen, diesen Lieblingsdichter jedes Tonkünstlers, der nur das Geringste vom Italiänischen versteht, kennen zu lernen.

      Er empfing uns mit der äussersten Freundlichkeit und guter Lebensart, und meine Verwundrung war eben so groß als meine Freude, ihn von so munterm Ansehn zu finden: er scheint nicht über Fünfzig zu seyn, ob er gleich in den Achtzigern ist. In seinen Mienen sind die Milde und Sittlichkeit gemahlt, wodurch sich beständig seine Schriften vor andern auszeichnen. Sein Gesicht war so betrachtungswürdig, daß ich meine Augen nicht davon wegwenden konnte. Seine Unterredung war fein, lebhaft und ungezwungen. Wir brachten ihn dahin, daß er viel mehr von der Musik sprach als wir erwarteten. Gleichwohl unterließ er nicht zu sagen, er würde mir über meinen Gegenstand wenig neue Einsichten mittheilen können. Indessen zeigte er im Laufe der Unterredung, daß er eine sehr gute Kenntniß sowohl von der Geschichte als der Theorie der Musik besaß; und es schmeichelte mir nicht wenig, zu finden, daß er in verschiedenen zweifelhaften Punkten einerley Meinung mit mir war. Er war mit mir einig, daß die Theatermusik zu instrumentalisch geworden wäre; und daß die Cantaten aus dem Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts, die keine andre Begleitung hatten, als ein Clavecimbel oder ein Violonschell, viel mehr Singekunst erforderten als unsre neumodischen Arien, bey welchen das rauschende Accompagnement sowohl Fehler als Schönheiten verbergen. Es schien der Meinung zu seyn, daß die Musik aus dem vorigen Jahrhunderte zu voller Fugen, mit zu vielen Stimmen und Künsteleyen überhäuft gewesen, daß sie jemand anders, als der Artist hätte empfinden oder verstehen können. Alle die besondern Bewegungen der verschiedenen Stimmen in den Partituren, ihre Verkehrungen und Brechungen, sagt er, wären unnatürlich, versteckten und entstellten die Melodie und richteten nichts an, als Unordnung.

      (M.) hat vielleicht nicht das Feuer eines Corneille oder den Witz und die Mannichfaltigkeit eines Voltaire; dagegen aber hat er allen Pathos und alle das Korreckte eines Racine, und dabey mehr Eigenthümliches. Er ist zu bequem zum Disputiren. Wenn etwas gesagt wird, das er für irrig hält: so läßt ers stillschweigend vorüber gehen. In seinem Leben scheint sich eben die sanfte Heiterkeit zu befinden, welche durch seine Schriften herrscht. worin er, selbst wenn er Leidenschaft mahlt, mehr mit gelaßner Vernunft, als mit Heftigkeit spricht. Und diese ebene, gleichschwebende Anständigkeit und Korrecktheit, welche man durch alle seine Gedichten bemerkt, liegt im Grunde seines Charakters. Man kann ihn den Dichter aus der goldnen Zeit nennen, in welcher, wie man sagt, Einfalt und Sittsamkeit mehr herrschte, als grosse und heftige Leidenschaften.

      aus C. B. Tagebuch einer musikalischen Reise. Zweyter Band. Durch Flandern, die Niederlande und am Rhein bis Wien. Berliner Ausgabe, 2014, 3. Auflage; dt. v. Chr.D.Ebeling >1741/1817<; zit. v. zeno.org
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      (Udo Lindenberg)
    • Geduld...Kollege...Geduld ---

      ;) ;) --- kann schon mal anderthalb Tage dauern bis solch ein Eintrag vervollständigt ist...

      mein Tinnitus kracht seit ein paar Jährchen schon ganz ordentlich - da musste ich mir irgendwann dann mal stark überlegen, was ich in diesem meinem Leben überhaupt noch kreatives reißen kann...

      wirklich ureigenes er-schaffen ist mir nicht mehr gegeben (dafür macht besagter Krach zu viele Konzentrationsprobleme!!), aber ich kann doch nach-schaffen, sei's (anderweitig) als Rezitator, sei's hier als Chronist...

      dass ich nicht das allergeringste Talent dazu habe, aus längeren (+ mitunter munter-weitschweifigen) Texthaufen ein paar essentielle Passagen ( :!: hoffe doch mehr als nur halbwegs-) sinnvoll zu ''destillieren'', war mir schon zu Zeiten aufgefallen, als an so etwas wie Internet noch kaum jemand dachte.....

      aber auch so ein Destillieren kann mich ganz schön alle machen - und öfters ist dann erstmal Schicht und ich verschieb den Rest auf morgen, weil ich jetzt anderthalb Stunden bräuchte für ganze drei sinnvolle zusammenhängende Sätze.....

      also vielleicht lasst Ihr mir besagte 36Std.-Frist - ich vergesse niemals die nötigen Quellenangaben: über schludrigen Journalismus habe ich mich ein paar mal zu oft grün und blau ärgern müssen !!!!!!

      < < = = kann gerne demnä. gelöscht werden ... oder auch nicht, ich überlass es Euch!! ... gut's Nächtle :) :)
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      (Udo Lindenberg)
    • Mit den eben erwähnten 36Std. war ich wohl ein bisken zu optimistisch :| ... habe es übr. durchaus mit sehr gemischten Gefühlen entgegengenommen, dass es hier (bzgl. neuer Einträge) seit einigen Wochen erst nach 72Std. heißt Die Frist ist um :alter1: < = bin aber doch recht zuversichtlich, dass ich letztere ab und an nicht bis zum Exzess ausnutze......

      08.01.1896 - Todestag von Paul Verlaine

      Initium Ich sah sie auf dem Ball im Wirbeltanz der Paare, ° Der Geigen Lachen einte sich dem Flötenklang,
      Hold spielten um ihr Ohr die feinen, blonden Haare, ° Ihr Ohr, zu dem mein Wunsch gleich einem Kuss sich schwang,
      Als spräch' er gern und wäre doch zu reden bang.

      Und die Mazurka trug in schwebend-stillem Tanze ° Mild tönend wie ein Lied sie weiter durch die Reih'n,
      Ein Reim von süssem Klang, ein Bild von lichtem Glanze, ° Und ihre Kinderseele strahlte hell und rein
      Durch ihrer Augen sinnlich weichen Schein.

      Und unbewegt seit diesem Augenblicke bete ° Ich ihre Schönheit an, der sich mein Herz geweiht,
      So schreitet bang, als ob in Tempels Nacht sie träte, ° In die Erinnerung der Liebe Herrlichkeit.

      Und hier, ich fühl' es wohl, ach hier beginnt mein Leid. ((dt. v. #))

      Belgische Landschaften ii Charleroi Kobolde gehen * Durchs russ'ge Feld. * Ein Weinen schwellt * Der Winde Wehen.

      Welch seltsam Schwirrn? * Die Halme pfeifen, * Gebüsche streifen * Des Wandrers Stirn.

      Weithin Spelunken, * Kein wohnlich Haus. * Ins Land hinaus * Loh'n rote Funken.

      Was spürst du da? * Dumpf dröhnt die Brücke, * Erstaunte Blicke: * Die Stadt ist nah.

      Im Qualm verloren * welch dumpfer Klang? * Welch Rasseln drang * Zu meinen Ohren?

      Das Land haucht fahl * Glutheissen Odem, * Ein schweiss'ger Brodem, * Gekreisch von Stahl.

      Kobolde gehen * Durchs russ'ge Feld. * Ein Weinen schwellt * Der Winde Wehen.

      Belgische Landschaften iii Mecheln Fernher sucht des Windes Flügel * Mit den Wetterfahnen Streit, * Auf des Schöffen Schloss, wo weit
      Schiefer glänzt und rote Ziegel * Auf der Wiesen hell Gebreit.

      Eschen, wie im Märchen, ziehen * Tausend Wellen rings durch das * Weite Land, so zart und blass.
      Die Sahara der Prärien * Prangt mit Klee und weissem Gras.

      Die Waggons ziehn leise ihre * Bahn durchs Land, das friedlich ruht. * Schlaft ihr Kühe, schlummert gut
      In der Ebne, sanfte Stiere * Mit des Blicks gedämpfter Glut.

      Lautlos sanft dahingetrieben * Wird ein jeglicher Waggon * Sacht ein plaudernder Salon,
      Wo die schöne Flur wir lieben, * Wie geschmückt für ++Fenelon. ((dt. v. #Wolf v. Kalkreuth >1887/1906<; zit. v. zeno.org))

      Ruhe Ein großer schwarzer Traum ´ legt sich auf mein Leben; ` alles wird zu Raum, ` alles will entschweben.

      Ich kann nichts mehr sehn, ` all das Gute, Schlimme; ` kann dich nicht verstehn, ` o du trübe Stimme.

      Eine dunkle Hand ` schaukelt meinen Willen; ` glättet mein Gewand, ` still im Stillen. ((Rich.Dehmel >1863/1920<))

      Herbstlied Hohler Ton, ° Violenton, ° Bang im Herbste, ° Stöhnt mit ein- ° Töniger Pein ° Lang im Herzen.

      Ganz verstummt, ° Wenn Turm summt, ° Stunden schlagen, ° Bleich und wach ° Wein ich nach ° Früheren Tagen.

      Und ich geh ° Im Wehn und Weh ° Hingetrieben, ° Da, dort, ° Wie verdorrt ° Blätter stieben. ((Alfr.Wolkenstein >1883/1945))

      Sonnenuntergang Ein Nebel verschleiert * die Felder und winkt, * voll Wehmut feiert * die Sonne und sinkt.
      Voll Wehmut feiert * mein Herz mit und klingt * vergessenumschleiert, * nun die Sonne sinkt.

      Von seltsamen Träumen, * wie Sonnen glühn * in den himmlischen Räumen, * flammend und kühn,
      siehst du noch schäumen * die Lüfte und sprühn, * wie Sonnen verglühn * in den himmlischen Räumen. ((Fr.Evers >1871/1947<))

      Winter So öde das Land, ° es endet nimmer; ° das Schneegeflimmer ° schimmert wie Sand.

      Der kupferne Himmel ° gibt keinen Glanz, ° der Mond tanzt am Himmel ° den Totentanz.

      Wie Wolkengespinste ° schwanken im Grauen ° die Eichen, es brauen ° die Nebeldünste.

      Der kupferne Himmel ° gibt keinen Glanz, ° der Mond tanzt am Himmel ° den Totentanz. ((Fr.Koegel >1860/1904<; zit. v. aphorismen.de))

      ++gem. vermutl. Schloss F., lt. Onkel Wiki ''eines der besterhaltenen Schlösser ((im Südwesten)) Frankreichs...seit 1927...als 'Monument historique' anerkannt''
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      (Udo Lindenberg)
    • 10.01.1917 - Todestag von William Frederick Cody, gen. ''Buffalo Bill''

      aus 'B. B. der letzte große Kundschafter --- Ein Lebensbild..., erzählt von seiner Schwester Helen Cody Wetmore >1850/1911< / Autorisierte Übersetzung...von Alwina Vischer... Verl. Meidinger's Jugendschriften: Berlin W. 1966' ..... I. F. einige Passagen aus dem 25. (v. insg. 28) Kapitel(n) Der erste Besuch im Big-Horn-Tal - insg. drei :huh: offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend bereinigt...

      Die genauen Lebensdaten der Übersetzerin sind offensichtlich nicht (mehr) zu ermitteln - lt. worldcat.org hat sie '1895/96' erstmals, '1938/39' letztmals veröffentlicht!

      ... Der Indianer richtete sich in die Höhe, sein Gesicht belebte sich, und sehnsüchtig blickten seine Augen in die Ferne, als er durch Vermittlung des Dolmetschers antwortete: ''Das Land im Norden und Westen ist das Land des Überflusses. Der Büffel ist dort größer und sein Kleid dunkler. Herdenweise tummeln sich dort die Bu-Ya(i), hier sieht man sie nur vereinzelt. Die ganze Gegend ist mit dem kurzen, saftigen Gras bedeckt, das unsere Ponies lieben. Dort wachsen auch die wilden Pflaumen, an denen sich mein Volk im Sommer und im Winter labt. Die Quellen des großen Wundermannes Tel-ya-ki-y sprudeln dort. Wer darin badet, dem geben sie neues Leben; wer sie trinkt, wird von allen körperlichen Leiden geheilt. In den Bergen jenseits des Blauwasserflusses gibt es Gold und Silber in Menge, jene Metalle, die der weiße Mann so sehr liebt. Dort leben Adler, deren Federn der Indianer zu seinem Kriegsschmuck braucht, und ohne Unterlaß scheint dort die Sonne. Es ist der Ijis(ii) des rothäutigen Mannes. Mein Herz schreit danach. Die Herzen meines Volkes können fern von Eithiy-Tugala nicht glücklich sein.''... Später erfuhr Will auf sein Befragen, daß Eithiy-Tugala mit dem Bergkessel des Big Horns identisch sei. Im Sommer 1882 unternahm (er) eine Erforschungsreise des Big-Horn-Tales. Er verließ mit seiner Begleitung die Eisenbahn bei Cheyenne und machte sich, mit Pferd und Packeseln ausgerüstet, auf den Weg... (( i = Antilopen / ii = Himmel))

      ''Zu meiner Rechten dehnte sich eine hohe, schneegekrönte Gebirgskette aus, die hie und da von steilen, an Minaretts, Obelisken oder Säulen erinnernden Bergspitzen unterbrochen wurde. Die üppige Doppelreihe kanadischer Pappeln, die sich zwischen mir und diesen scheinbar in den Himmel hineinragenden Bergen hinzog, sagte mir, daß sich ein Fluß durch dieses Tal schlängle. Der bunte...Wiesenteppich, auf dem mein Fuß stand, ...senkte sich...anmutig dem Flusse zu. Alle Arten von Wild tummelten sich..., während buntschillernde Vögel darüber hinflatterten... In einem solchen Augenblick sieht der Mensch, welches Glaubensbekenntnis er auch haben mag, ...die gewaltige Hand des Weltenschöpfers, und zugleich überkommt ihn ein tiefes Bewußtsein seiner eigenen Ohnmacht und Kleinheit... ....

      Eine seltsame Sage knüpft sich an den am Ende des Big-Horn-Tales gelegenen See. Er ist klein...(,)seine Tiefe aber unergründlich. Hohe, mächtige Tannen, Zitterespen und Birken beschatten seine Ufer. Sein Wasser ist kristallklar und eiskalt das ganze Jahr hindurch. Auch heilsame, dem Weißen noch fast unbekannte Kräfte bergen seine Fluten... ''Einer alten Sitte unseres Stammes folgend,'' erzählte (ein alter Cheyenneindianer), ''versammelte man sich jeden Monat einmal um Mitternacht und bei Vollmond um diesen See. Bald nach zwölf Uhr stieß ein mit den Geistern von abgeschiedenen Cheyennekriegern gefülltes Boot vom östlichen Ende des Sees ab und fuhr rasch bis zum westlichen Ufer. Dort verschwand es plötzlich. Niemals kam ein Wort oder Laut von den Lippen der Gespenster. Steif und schweigend saßen sie da und bewegten nur emsig die Ruder... So deutlich war das Schiff mit seinen Insassen zu sehen, daß man die Züge der Krieger unterscheiden und Verwandte und Freunde erkennen konnte.''

      Jahrelang wiederholten sich der Sage nach diese Fahrten, und zwar immer vom östlichen bis zum westlichen Ufer des Sees. Da, Im Jahre 1876, blieb das Boot plötzlich aus und tiefer Schrecken erfüllte die Indianer... Jede Nacht wurden Posten aufgestellt, da man glaubte, die geisterhaften Schiffer hätten vielleicht den Zeitpunkt geändert. Drei Monate lang aber war weder vom Schiff noch von dessen Insassen die geringste Spur zu bemerken, was man als eine schlimme Vorbedeutung ansah.

      Bei einer von den Ärzten, Häuptlingen und Gelehrten des Stammes abgehaltenen Beratung wurde ausgesprochen, daß jenes frühere Erscheinen des Gespensterschiffes...eine Mahnung des Großen Geistes gewesen sei. Er habe die Geister der Abgeschiedenen...geschickt, um anzuzeigen, daß der Stamm weiter nach dem Westen ziehen solle. Da dies nun aber nicht geschehen sei, bedeute das plötzliche Ausbleiben des allmonatlichen göttlichen Zeichens sicherlich das baldige Erlöschen des Stammes.

      Als Will eines Tages am Ufer dieses Sees stand, kam ein Siouxindianer auf ihn zu... ''Im 'Großen Buche' der weißen Männer steht geschrieben,'' sagte (er) zu Will, ''daß der 'Große Geist'...einstens wieder auf die Erde kommen werde. Die in den Städten wohnenden Weißen gehen in ihre 'Rathäuser' und sprechen von der Zeit seiner Wiederkunft. Die einen sagen zu dieser, die anderen zu jener Zeit, sie alle aber wissen, daß der Tag kommen wird... Im 'Großen Buche' der Weißen steht ferner geschrieben, daß alle menschlichen Wesen auf der Erde die Kinder eines 'Großen Geistes' seien. Er schützt und versorgt sie alle. Dafür verlangt er nichts weiter, als daß sie einander lieben, sich gegenseitig nicht richten und nicht töten und nicht stehlen sollen. Habe ich die Worte aus des weißen Mannes Buch richtig gesagt?''

      Etwas überrascht...nickte Will bejahend mit dem Kopfe. Der andere aber fuhr fort: ''Auch der Indianer besitzt ein großes Buch... kein Weißer hat es je erblickt, denn hier ist es verborgen.'' Dabei drückte er die Hand auf sein Herz. ''Die Lehren der beiden Bücher sind dieselben. Was der 'Große Geist' den Weißen befiehlt, das befiehlt Nan-tan-in-chor auch dem rothäutigen Manne. Auch wir gehen in unsere 'Rathäuser', um von einem zweiten Wiederkommen der Heiligen zu sprechen. Auch wir halten unsere Gottesdienste ab... Der Unterschied ist nur der, daß der Weise mit ernster, trübseliger Miene seine Feste feiert, der Indianer dagegen heiter und fröhlich dabei ist. Wir tanzen und freuen uns, der weiße Mann aber schickt Soldaten, die uns niederschießen. Befiehlt ihnen der 'Große Geist', dies zu tun?

      In der 'Großen Stadt', wo ich einmal gewesen bin, liegt noch ein zweites 'Großes Buch', in dem es heißt, daß der weiße Mann die religiöse Freiheit des anderen nicht beeinträchtigen solle. Und doch kommen sie in unser Land und töten uns, wenn wir Nan-tan-in-chor unsere Fröhlichkeit bezeugen...

      zit. v. projekt-gutenberg.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 16.01.1901 - Todestag von Arnold Böcklin

      Über die Malerin u. Kunsthistorikerin Henriette Mendelssohn (geb.1856) ist nur sehr wenig bekannt. Zumindest zeitweilig scheint sie als Henri M. veröffentlicht zu haben :| Ihre ausgreifende Abhandlung über Böcklin (Verl. E.Hofman & Co.: Berlin 1901) enthält zwanzig Kapitel - hier eine Kurfassung des fünften Kapitels (''Erster römischer Aufenthalt'') ohne jede Kennzeichnung von Auslassungen und Umstellungen. Die i. F. schräg gestellten Wörter sind im Original gesperrt gedruckt.

      Es war eine trübe Mondnacht im Herbst 1850, als die Postkutsche, welche über die Porta dei Cavalieri nach Rom rollte, Böcklin seiner Bestimmung entgegentrug. (Er) ist fast aller Mittel entblößt. Monatelang schläft er nur auf Stroh und ernährt sich von den Abfällen, welche er auf dem Markte findet. Verzweifelte Pläne tauchen auf, nach Amerika auszuwandern oder sich unter die päpstliche Garde einreihen zu lassen. Im Sommer 1851 liegt er fieberkrank. In einem Brief vom 27. Juli wendet er sich an eine mütterliche Freundin: er bittet, ohne seine Lage zu verraten, unter dem Vorwande, er müsse für einige Zeit aufs Land, seine Mutter zu veranlassen, ihm einiges Geld zu schicken. Wieder gesund, rafft er sich auf und sucht sich kümmerlich Geld zu verschaffen. So hat er ein paarmal das Forum romanum gemalt. Oder auch: er hilft den jungen Künstlern; den Landschaftern setzt er die Figuren in ihre Bilder, den Figurenmalern malt er den erforderlichen Hintergrund.

      1853 vermählte sich B. mit einer armen Waise aus dem Volke, Angela Pascucci, die er nur wenige Tage zuvor gekannt. Nur ein den wirklichen Verhältnissen gänzlich abgewandter Mensch konnte es wagen, seine schwierige Lage noch sorgenvoller zu gestalten. Nun wurde er von seiner Familie "seiner dummen Streiche wegen" ganz aufgegeben. Die Böcklinsche Ehe ist frei von den romantischen Verirrungen, die sonst Künstlerehen kennzeichnen. Die langen, schweren Jahre hat (Angela) geduldig mit ihm getragen. Immer wieder tauchen aus des Meisters Schöpfung die Züge ihres klassisch geschnittenen Gesichtes auf: aus den Porträtköpfen mit dem kindlichen Liebreiz der ersten Zeit, aus dem kummervollen Haupte der Mutter Gottes und dem edlen Matronenantlitz, das mit heiterer Resignation aus der Gartenlaube schaut. An seinen (vierzehn) Kindern hing er mit zärtlicher Liebe; der Tod eines derselben - der größere Teil von ihnen ist zu Grunde gegangen - konnte ihn auf Monate brach legen.

      Gestärkt wurde Böcklin nur durch den Beifall eines kleinen, kunstverständigen Kreises. Anfangs der fünfziger Jahre knüpften sich die Beziehungen zu Franz Dreber >1825/1875<, dem ''Lyriker unter den Klassizisten''. (i) (Dieser), ein Schüler Ludwig Richters, lebte seit 1843 bis zu seinem Tode in Rom. Seine vielfach in Privatsammlungen zerstreuten Bilder weisen sowohl im Stimmungsgehalt wie in der Farbe eine große Verwandtschaft mit Böcklins frühen Bildern auf. Nur das Ringen nach gleichen Zielen verbindet (Böcklon) mit Feuerbach. Ende 1856 suchte (dieser) (ii) B. zum erstenmale auf. Gleich darauf stürzt er in das Zimmer seines Freundes Allgeyer - Kupferstecher und späterer Biograph von F. (iii) - mit den Worten: ''Ich muß von vorn beginnen!" Besonders soll es Böcklins technische Meisterschaft gewesen sein, die ihm diesen Ausruf abgerungen; und technische Probleme sollten auch ferner im Verkehr der beiden Meister eine große Rolle spielen. Nicht gerade schmeichelhaft hat B. sich in späteren Jahren über seinen großen Zeitgenossen geäußert. Zwar erkennt er Feuerbachs große Begabung besonders für das Dekorative an, in seinen späteren Bildern sei er aber konventionell. ''Es schwebe ihm unbestimmt vor, daß das Bild wie ein Tizian oder Caracci (iv) aussehen müsse, und dies suche er zu verkörpern, gleichviel ob mit naturgerechten Mitteln oder nicht. Nicht dem Wesen der Sache ginge er nach, sondern der Farbenidee.''

      Das Haus des Herrn von Landsberg am Corso war damals der Mittelpunkt der nach Rom strömenden Fremden. (Dieser) handelte mit Musikinstrumenten und jagte nebenher den Künstlern ihre Werke um ein billiges ab. Mit der Zeit erwarb er sich den Namen eines Kunstmäcens. Hier ertönten denkwürdige Quartette - Begas (v) und Feuerbach hießen die Tenoristen, Böcklin und Allgeyer die Bassisten. Zu Begas gestalteten sich Böcklins Beziehungen weit herzlicher als zu Feuerbach. Die Freunde statteten auch Liszt einen Besuch ab, der damals als abbate auf dem monte Mario wohnte. Zum innigen Entzücken der musikalischen Maler gab er ihnen das Adagio der A=Dur=Sonate von Beethoven zum Besten. Begreiflich, daß Begas, der selbst den Schritt aus dem kalten, tüftelnden Antikisieren ins Land einer lebensvollen, sinnlichen Kunst that, noch heute zu Böcklins wärmsten Anhängern gehört. Das spätere gemeinsame Lehramt in Weimar befestigte das Freundschaftsband.

      Jetzt enthüllt sich uns B. als Sohn der historischen Landschaftsmalerei. Vielfach finden sich Anklänge an **Schirmer, an Dreber. Sind die Anklänge an (S.) nur äußerlich - gewisse Schulprinzipien im Aufbau, die etwas arrangierte Durchsicht in der ***'römischen Landschaft', in der 'Nymphe' oder ein in den Vordergrund etwas absichtlich gelegter malerischer Baum in 'Landschaft' - so traf B. in Dreber auf einen Künstler, mit dem er innere Verwandtschaft hatte. Das was Muther (vi) zu (dessen) Charakteristik sagt, könnte man fast wörtlich auf B. anwenden: ''Seine Natur lacht mit den Heiteren und trauert mit den Weinenden, strahlt Licht um den Freudigen, hüllt sich in Sturm und Gewitterschauer um die Gequälten.'' D. ist der erste Künstler, der nicht in der Natur herumsuchte, bis er eine passende Landschaft für einen bestimmten Vorgang fand: aus der Stimmung der Landschaft selbst quillt ihm der Vorgang hervor. ''Sich von der Natur anregen zu lassen'' fordert auch Böcklin. Nur das sein künstlerisches Programm in der Entfaltung der malerischen Mittel weit über Dreber hinausging.

      Es haben sich eine ganze Reihe Blätter vorgefunden, welche beweisen, daß B. anfangs viel im Freien nach der Natur gearbeitet hat. Diese Studien sind wohl selten in der Absicht entworfen, sie für ein bestimmtes Bild zu verwerten. Sie scheinen nur einem emsigen Studium nach dem Intimen entsprungen. Mit der Sorglichkeit eines Realisten und einer fast an Menzel gemahnenden Treue sind die Blätter durchgeführt; mit liebevoller Versenkung in alle Einzelheiten sind Büsche, Steine, Gräser, jedes in seiner stofflichen Eigenart wiedergegeben. Bald ging (B.) zu der ihm eigenen Studienweise über. Während die Genossen fleißig mit Blei und Öl die Natur festzuhalten suchen, studiert er nur mit dem Auge. Frei von dem Momentanen der Einzelerscheinung, giebt er nun eine Landschaft, die sich überall vorfinden könnte und doch nirgends findet. So oft er auch sonst technische und andere künstlerische Ansichten gewechselt hat - dieser Anschauung ist er bis zuletzt treu geblieben; er predigt dieselbe allen denen, die sich im Laufe der Zeit als seine Schüler um ihn geschart haben. ''Das viele Naturstudienarbeiten ist nicht besonders förderlich. Die Alten haben fast stets nur den Eindruck aus sich heraus gemalt; und das macht ihre Darstellungen so ungemein interessant.'' Ein andermal nennt er das ''Studienmalen ein Verderb''; ''man erinnere sich dann der gebrauchten Farben und Mischungen und verderbe leicht damit die imaginäre Skala des Bildes.''

      Erst ganz allmählich streift Böcklin die Zeiteinflüsse ab. Vorübergehend mischt er auf seiner Palette den goldigen Gallerieton alter Bilder - dann stellt er sich wieder Farbenprobleme auf Grau gestimmt, nur mit leichtem Hauch getönt, und sieht die Landschaften im silbernen Lichte des Corot (vii) . Erst ausgangs der sechziger Jahre findet (er) die volle Farbenskala und die harmonische Verschmelzung, die ihn zum Schöpfer des modernen Kolorismus macht. / zit. v. archive.org

      (i) ab 1836 5jährige Ausbildung auf der Kunstakademie Dresden ...''eine() Fülle...unmittelbar nach der Natur gezeichneter Blätter >Feder u. Blei<, die...durch den erlesenen Geschmack in der Wiedergabe des Geschauten faszinieren'' (v. deutsche-biographie.de) (ii) 1848 in München, 1850 Antwerpen, 1851 Paris ... ''eine Beschäftigung mit...Gustave Courbet (und) Eugene Delacroix...(gilt) als gesichert'' (v. lempertz.com) (iii) gem. Julius Allgeyer; tätig auch als Fotograf u. Schriftsteller, engere Bekanntschaft mit Cl. Schumann, Herm. Levi u. Joh. Brahms!

      (iv) Annibale Caracci >1560/1609< (v) gem. Oscar Begas >1882/1883<, Sohn v. Carl Jos. Begas, heute weitgehend vergessen ... ''Als Porträtist blieb er bis zu seinem Tode in...höchsten Kreisen gefragt'' (v. wikipedia.org) (vi) Rich. Muther, geb. 1860, ab 1895 Prof. f. Künstgeschichte in Breslau, bekannt mit R. M. Rilke (vii) Cam. Corot >1796/1875< ''seine Darstellungen der ital. u. frz. Landschaft zeigen ein subtiles Gefühl f....Licht u. Atmosphäre'' (v. sammlung.staedelmuseum.de)

      **Joh. Ludw. Schirmer: S. Kalenderblatt-Eintrag v. 07.09.2018
      ***Roman Landscape - Arnold Böcklin — Google Arts & Culture

      unmittelb. v. A. B. inspiriert sind u. a. Max Regers op.128 (''Vier Tondichtungen nach A. B.''), Sergei Rachmaninows op.29 (''Die Toteninsel'') sowie ein bis heute weitgehend unbekanntes Frühwerk von Bohuslav Martinu, ''Ballade zu Böcklins 'Bild am Meer'" H. 97
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      (Udo Lindenberg)
    • Am 19.01.1942 schreibt Jacob Schulmann, der Rabbi von Grabow... ((engl. Übers. zit. v. uiowa.edu))


      My very dear friends,

      I waited to confirm what I'd heard.

      Alas, to our grief, we now know all.

      I spoke to an eyewitness who escaped. He told me everything.


      They 're exterminated in Chelmo, near Dombie, and they 're all buried in Rzuzow forest.

      The Jews are killed in two ways: by shooting or gas. It' s just happened to thousands of Lodz Jews.


      Do not think that this is being written by a madman. Alas, it is the tragic, horrible truth.

      Horror, horror!

      Man shed thy clothes, cover thy heads with ashes, run in the streets and dance in the madness.


      I am so weary that my pen can no longer write.

      Creator of the universe, help us!


      Abramovicz Bentzion (Father's name) Moshe (Age) 46 (Place of residence) Poland (Place of death) Auschwitz Abramson Sara Moshe 46 Poland Livani Adler Pnina Yeshaiahu 42 Czecholslovakia Auschwitz Adam Feiga Reuven 25 Poland Warszawa Auerbach Rika Eliezer 65 Pland Lodz Augustowski Shabtai Jakob 39 Poland Janow Awroblanski Chajm Yaakov 47 Poland Treblinka Altman Bernhard Israel 47 Romania Kopaygorod Amsterdamski Chaim Beniamin 60 Poland Buczacz Apelbojm Sendl Fishel 37 Poland Treblinka Akselrad Eti Avraham 19 Poland Jagielnica Oslerner Chana Shmuel 41 Poland Treblinka Aranowicz Moshe Tzvi 64 Poland Lodz Aaronson Micheline Albert 23 France Auschwitz Obstbaum Sara Yakob 30 Poland Warszawa Ogurek Mose Arie 55 Poland Warszawa Ozerowicz Liba Moshe 41 Poland Zdzieciol Ojcer Hersch Avraham 30 Poland Lodz Ostfeld Avraham Merl 51 Romania Bershad Ostrer Salom Mikhael 32 Romania Stanesti Oselka Joshua Shmuel 44 Poland Treblinka Ostrzega Jospa Shlomo 41 Poland Warszawa Oskola Szmil Mordekhai 38 Poland Auschwitz Openheimer Frida Meir 54 Germany Auschwitz Ofin Chana Ycchak 19 Poland Warszawa Order Boruch Ben Cijon 65 Poland Trisk Openstein Chaja Moshe 23 Poland Siedlice Ungar Mirjam Yaakov 37 Hungary Auschwitz Iwanier Josef Efraim 54 Romania Kopaygorod Itzikzon Elizabet Leib 46 Poland Auschwitz Ickovski Shifra Pinkhas 62 Poland Mishenitz Ickovicz Jeno Mor 44 Hungary Auschwitz Eisner Matilda Avraham 50 Austria Minsk Eiderman Elena Welwil 47 Ussr Babi Yar Eidelsztein Machla Ber 28 Poland Majdanek Eisenbaum Benzion Jakob 44 Poland Brzesc Eisenthal Hersch Menachem 42 Romania Bershit Aineshtain Aharon Nesil 38 Poland Dereczyn Ajszenbojm Estera Shmuel 48 Poland Treblinka Eis Rivka Kalman 24 Poland Sambor Eiferman Dawid Volf 28 France Auschwitz Eberson Eduard Shmuel 57 Poland Lwow Ephraim Felix Maurice 52 France Auschwitz Ehrlich Flora Stanislaus 40 Germany Auschwitz Erlihman David Salom 18 Romania Novoselita Ermann Else David 40 Germany Auschwitz Brinnitzer Georg Louis 76 Germany Oppeln Ten Brink Lowis Nachman 68 Germany Theresienstadt Gandelman Woli Moni 25 Romania Ukraine Goldztein Margarete Albert Germany Bergen-Belsen Guttmann Yedl Idel 22 Romania Moghilev Gelbart Rachel Ichak 40 Poland Auschwitz Dayan Jacob Meyer 30 Lithuania Petrashon Vainman Efraim Abram 35 USSR Vinkovitsy Weinstein Klara David 48 Czechoslovakia Auschwitz Weisberg Feiga Jacov 18 Romania Mogilev Chrabolowski Bejla Mosze 40 Poland Majdanek Teufel Erzsebet Dezso 32 Hungary Auschwitz Teutsch Hedwig Hermann 25 Germany Riga Kirschenbaum Hinda Wolf 59 Czecholslovakia Auschwitz Tenenbaum Jacob Herschel 45 Poland Mauthausen Tenenbaum Jonasz Oscar 47 Poland Lwow Triebfeder Nathan Wolf 66 Austria Italy Joskovicz Judith Mendel 60 Poland Lodz Kats Samuel Wolf 57 Poland Boryslaw Katz Samuel Menochem 42 Poland Belzec Katz Shandor Herman 42 Rachovo Auschwitz Cohen Esther Hendrik 49 Netherlands Auschwitz Kohn Bluma Fajwel 58 Poland Lodz Cohen Marie Avraam 43 Greece Auschwitz Cohen Roland Emmanuel 22 Athens Germany Kohn Jcchak Hersz 56 Poland Auschwitz Kohn Lea Adolf 50 Hungary Auschwitz Laub Chana Schmuel 61 Poland Auschwitz Lazar Neny Israel 25 Poland Majdanek Lautman Erno Rezso 46 Banya Auschwitz Lubliner Berta Yosef 65 Poland Zabie Mehr Naftali Michel 37 Poland Nadworna Polak Stafania Juljan 58 Poland Warszawa Pikowski Mrisja Assnial 43 Poland Aisheshuk Pirovicz Ester Rochmil 30 Poland Warszawa Choina Chana Moszck 46 Poland Warszawa Pirovicz Iankel Moszek 46 Poland Varsovia Pirovicz Mayer Moszek 36 Poland Varsovia Pirovicz Maszck Hersz 72 Poland Warszawa Paist Bluma Salamon 60 Poland Jasionka Paist Yenta Binyamin 32 Poland Kropiwnik Paist Israel Samuel 32 Poland Ukraine Paist Sara Samuel 27 Poland Jasionka Peper Eva Benjamin 63 Netherlands Auschwitz Peper Philip Jacob 65 Netherlands Auschwitz Placzek Bertha Mendel 42 Poland Auschwitz Placzek Mejloch Yeruchim 45 Poland Auschwitz Prawidlo Minycha Rubin 48 Poland Kaluszyn Pristin Tauba Simon 68 Poland Riga Pristin Movsha Salmon 68 Poland Riga Prenska Genia Israel 48 Poland Bialystok Pszygoda Sua Ancil 60 Poland Auschwitz Przygoda Jasrael Szmel 60 Poland Auschwitz Faust Aron Moses 67 Poland Sendiszow Fang Rachel Mordchai 50 Poland Belzec Teufel Hermina Lazar 71 Hungary Auschwitz Farkach Adolf Jonas 38 Hungary Germany Farkas Jdes Arje 44 Romania Auschwitz Farkas Lili Jakob 32 Romania Auschwitz Folchenflig User Levi 25 Romania Novo Selitsa Folkenflick Rachmiel David 52 Poland Treblinka Fudiman Grisha Shloima 30 Ussr Vonkovci Fudiman Yoina Shloima 43 USSR Vinkovci Fudiman Shmuel Yona 18 USSR Dunayets Futricky Hirsz Tanchum 39 Poland Slonim Fuks Hane Jsaja 22 Poland Sarnaki Fuks Leib Hirsz 62 Poland Otwock Furman Efraim Jacov 18 Romania Transnistria Fingher Rivca Volf 30 Poland Poland Kamil Antschel Nathan 30 Austria Auschwitz Kirschen Schlomo Fischel 52 Austria Zborow Rapaport Jennie Szeja 42 Poland Belzec Scwarz Vigdor Mordechai 60 Poland Buczacz Stadtfeld Regina Manes 62 Poland Gorlica Stein Fajga David 21 Pacanow Belzec Stein Sidonie Josef 90 Austria Yugoslavia Steinberg Rose Albert 55 Germany Auschwitz Steinlauf Chaja Leizer 43 Poland Belzec Sterenberg Hava Moise 36 Romania Transnistria Shmulevitch Jakob Abraham 61 Poland Lowicz Goldman Jacob Samuel 29 Poland Arkhangelsk Amaratji Eleonora Raphael 48 Greece Auschwitz Amaratji Suzanne Albert 24 Greece Auschwitz Amaratji Solomon Albert 30 Greece Auschwitz Arous Prosper Isaac 20 France Auschwitz Ungar Ferenc Bela 21 Yugoslavia Auschwitz Uszerowicz Rachel Wolf 63 Poland Piotrkow Trybunalski Ichenhauser Fanny Eduard 22 Netherlands Bergen-Belsen .... .... ((zit. v. yadvashem.org))
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      (Udo Lindenberg)
    • 21.01.1851 - Todestag von Albert Lortzing

      = > aus G.R.Kruse - A. L. 'Harmonie'-Verl.Gesell.: Berlin 1899 = >

      In der Probe schüttelte mancher der Herren im Orchester bedenklich den Kopf über dieses Lied (i)... Schon wollte ich das Ding weglassen, doch besann ich mich anders und sagte: Wir wollen's doch mal wenigstens in der ersten Vorstellung damit probiren... Ja, es schlug durch, wie man zu sagen pflegt, und ist wohl in 20 000 Exemplaren durch die Welt geflattert. Warum soll ein Fürst wie Peter der Grosse, in dessen Seele zwar das Gemeine und Rohe, daneben aber auch das Grosse und Erhabene wohnte, nicht einmal beim Rückblick in die goldene Jugendzeit durch den Kontrast mit den laufenden Herrschersorgen weich und wehmütihg gestimmt worden sein? Was erfahren wir von öffentliche(n) Charaktere(n), Staatsmänner(n), Herrscher(n), Kaiser(n), Könige(n)?? Ihre politischen Thaten, die...nicht von dem Herzen dirigirt werden, dazu einige Anekdoten, flüchtige Züge, oft erfunden, oft verdreht, von Schmeichlern und Feinden! Jagt nur Eure allgemeinen Ideen zum Teufel und dringt ins wirkliche Leben ein, wie Shakespeare und Goethe gethan, da werden die schroffen Kategorienmenschen von der Bühne verschwinden und wirkliche darauf erscheinen. ((Lortzing zit. v. J. C. Lobe, lt. G. R. Kruse 'Componist u. Theoretiker, gest. 1881 in Leipzig'.))

      Mit weiser Oekonomie hat (L.) seine Lieder als Ruhepunkte...eingestreut... Voll tiefen Gemüthsgehalts()sprechen die schlichten, melodischen Weisen unmittelbar zum Herzen und sind darum Eigenthum des Volkes geworden, wie das Zarenlied am besten beweist, das an Popularität kaum von Webers 'Jungfernkranz'...oder Mozarts 'Reich mir die Hand mein Leben' übertroffen wird. Nicht minder ansprechend stehen die Romanze Chateauneufs...und das russische Brautlied Mariens...da, denen die nationale Färbung noch einen besonderen Reiz verleiht... Die...Schwatzhaftigkeit des hohlköpfigen Bürgermeisters kann nicht treffender wiedergegeben werden als in der Auftrittsarie, die in dem köstlichen - übrigens als Leitmotiv auch später verwendeten - 'O, ich bin klug und weise' culminirt. Wieviel Selbstgefälligkeit...spricht der Mittelsatz...aus, in dem sich das Solofagott als secundirende Stimme der Vocalpartie gesellt und zu einem Duett von unendlich komischer Wirkung vereinigt. Einen liebenswürdigen Gegensatz dazu bildet Mariens Ariette von der Eifersucht..., in die...der Ausdruck wahrer Herzlichkeit...so warm hineintönt...

      Der naiv-fröhliche Peter Iwanow ist in den Duetten mit van Bett und Marie mit schalkhaftem Humor geschildert und auch für den...lebhaften Franzosen wie für den phlegmatischen Engländer sind die Tonfarben glücklich gewählt. Die Chöre sind bei L. gewöhnlich nicht bedeutend...; in der Anfangsscene des dritten Actes aber hat er auch dem Chor eine wichtige Rolle zuertheilt, die an Dankbarkeit ihres gleichen sucht. Den Höhepunkt seiner Kunst erreicht der Componist in der Gestaltung der Ensembles... So fliessend und abgerundet, immer die Person und die Situation charakterisirend, und dabei so reich an Wohlklang als die beiden ersten Finales und das Männersextett finden sich nicht allzu viele Nummern in der Opernliteratur. Mit Glück verwendet L. auch den a cappella-Satz, einen in neuerer Zeit nur wenig benutzten Effect. So bedeutet im Zaren (ii) fast jede Nummer einen Treffer...

      Wie bescheiden L. selbst von seinem Werke dachte, geht aus einem Briefe an...den Jugendfreund aus Strassburg (Gollmick)(iii)()hervor, in dem er schreibt: Die Oper ist auch leicht darzustellen und die letztere Eigenschaft hat nicht wenig dazu beigetragen, sie durch die Welt zu bringen. Nehmen Sie jede Rolle und Sie werden mir Recht geben. Der Bürgermeister ist nicht umzubringen, wie man zu sagen pflegt, Buffos mit und ohne Spiel haben sich daran versucht und alle Glück gemacht. Der Zar kann steifer sein, als man es vom Sänger verlangt, versteht er nur das Lied im dritten Acte gehörig zu säuseln, so hat er gewonnen. Die Marie ist im Gesange nicht bedeutend und daher leicht zu finden. Den Iwanow habe ich damals auf meine umfangreiche Stimme zugeschnitten, er ist also auch leicht durch einen singenden Schauspieler zu repräsentiren. Der Marquis ist ebenfalls nicht bedeutend, ist er gut, desto besser, ist er schlecht, so hat er auf den Totaleffect zu wenig Einfluss. .... ....

      Am 14. December ((1849)) starb in Riga...Conradin Kreutzer. Der in seinem...Empfinden L. so nah verwandte Meister theilte auch dessen Schicksal: den Mangel an Anerkennung, der ihm ebenfalls eine bleibende Heimstätte und Schutz vor Nahrungssorgen versagte. Wie ein Bild der eigenen Zukunft musste es L. gemahnen, als er vernahm, dass der Componist des Nachtlager und Verschwender (iv)...nach mehr als 30jähriger ehrenvoller Thätigkeit an den hervorragendsten Theatern (v), ...von der Mitwelt vergessen, nur durch die Mildthätigkeit seiner Tochter erhalten..., dahingeschieden sei. Und seltsam, am Tage, da diese Nachricht durch die Welt lief, fand...in Leipzig die Aufführung des 'Verschwender' statt, worin (L.) als Valentin Holzwurm zum letzten Male die Bretter des dortigen Theaters betrat, und gar wehmütig mag er wohl an diesem Abend die letzte Strophe des Hobelliedes gesungen haben: ''Da leg' ich meinen Hobel hin und sag' der Welt ade''

      ...das neue (Jahr) schien denn endlich wieder einen Sonnenstrahl von Hoffnung in Lortzings Leben werfen zu wollen. Der *Director des Coventgarden-Theaters...kündigte ihm in schmeichelhaftester Weise an, dass er beabsichtige, ...den Zaren()während der italienischen Opernsaison in April zur Aufführung zu bringen. Man kann denken, mit welchem Eifer L. die Verhandlungen führte. Bald war man im Reinen: ein Honorar stand dem Componisten in England ja nicht zu, aber *Lumley wollte Reise und Aufenthalt vergüten und ihm die italienische Übersetzung zu freier Verfügung, also auch zur Herstellung eines Clavierauszuges in dieser Sprache überlassen, für den sich in London schon ein Verleger finden würde... (L.) scherzte schon über die Geschäftchen, die vielleicht noch abzumachen, wenn er erst mit Alberten und Victorien intim geworden - aber es war Alles nur eine schöne Hoffnung, deren Nichterfüllung den armen Meister dann umso tiefer herabdrückte...

      Noch bevor diese glänzende Aussicht ihn wieder etwas belebte, hatte er einige auswärtige Gastspiele abgeschlossen und eröffnete Ende Januar ein solches in Gera... Die Verhältnisse werden dadurch illustrirt, dass L. am Tage nach seinem Auftreten das Gastspielhonorar nicht erhalten konnte, weil gerade Gagetag war und die Direction seinen Antheil zur Deckung der Gagen mit verwendete. Er musste darum den Brief an seine, des Geldes harrende Frau leer abschicken und sie an einen helfenden Freund...verweisen, dass er ihr mit ein paar Thalern auf einige Tage aushelfe. In dieser traurigen Lage öffnet er dem Freunde (Reger**) das Herz... Darauf fing ich an, die Umgegend unsicher zu machen, dirigirte, gastirte und verdiente...ganz passabel Geld; könnte mich auch wohl dabei fühlen, hätte ich nicht in Leipzig so mancherlei zu decken, dass wenig zum Unterhalte übrig bleibt und wäre nicht mein Inneres - das gewiss von festem Zeuge war - so zerrissen. Der deutsche Componist A. L. muss alle 8-10 Tage seine Familie verlassen! Ihre geringe Baarschaft reicht kaum so weit, bis er wieder etwas verdient hat! Er selbst hat kaum so viel, um den Dampfwagen bezahlen zu können...

      Unterdessen hatten...die Freunde (vi), Düringer und Reger**, ...vorgeschlagen, er solle aus irgendwie zusammen zu bringenden Mitteln nach Paris gehen..., doch das Projekt will ihm nicht einleuchten - er mochte wohl der vergeblichen Versuche Wagners und Kreutzers, dort Boden zu gewinnen, gedenken... Ich habe es erfahren, ...wie es thut, wenn man...so einsam in einem unfreundlichen Zimmer eines Gasthauses sitzt und unwillkürlich über Gegenwart wie Zukunft Betrachtung anstellen muss; ich bin manchmal fast verzweifelt... Ich habe auf meinen sämmtlichen Pilgerfahrten nicht drei Noten geschrieben und mit dem Dichten gings nun erst recht nicht. Dann...glaube ich noch gar nicht, dass es mit gelingen würde, eine meiner Opern auf einem französischen Theater zur Aufführung zu bringen; das Volk hat mehr Nationalstolz wie die Deutschen...(vii) // zit. v. archive.org // Anmerk. v. w.w = >

      (i) Sonst spielt ich mit Zepter, mit Krone und Stern, * das Schwert schon als Kind, ach ich schwang es so gern. * Gespielen und Diener bedrohte mein Blick * froh kehrt ich zum Schoße des Vaters zurück * Und liebkosend sprach er: Lieb Knabe bist mein * O selig, o selig, ein Kind noch zu sein // Nun schmückt mich die Krone, nun trag ich den Stern * das Volk, meine Russen, beglückt ich so gern. * Ich führ sie zur Größe, ich führ sie zum Licht * mein väterlich Streben erkennen sie nicht. * Umhüllet von Purpur, nun steh ich allein: * O selig ....

      (ii) operone.de verzeichnet für L. unter I. Opern u. Singspiele ((II.: Einlagen / III. Schauspielmusiken)) insg. 20 Werke - die dreiaktige 'komische Oper' Zar (eigtl. Czaar) und Zimmermann oder Die beiden Peter (UA in Leipzig am 22.12.1837) steht hierbei chronologisch an neunter Stelle... (ii) C.Gollmick, Musikkritiker u. Komponist, auch mit L.Spohr persönl. bekannt (iv) beide Versionen seiner Oper Das Nachtlager in Granada - ohne u. mit komponierten Rezitativen - sind (1834 u. 37) in Wien uraufgeführt worden, ebenso (1834) F.Raimunds 'Original-Zaubermärchen' Der Verschwender, zu dem C. K. die Musik beigesteuert hat (v) weitere UA-Stätten seiner Opern sind Stuttgart, Prag und Berlin (vi) Phil. S. Reger u. Phil. J. Düringer, Schauspieler, 1837-44 bzw. 1835-43 in Leipzig; zusammen mit L. schufen sie das Libretto zu 'Hans Sachs' (UA 1840) (vii) welcher Quelle dieses L.-Zitat entnommen ist, verrät uns Herr Kruse leider nicht...
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      (Udo Lindenberg)
    • 22.01.1934 - Dmitri Schostakowitschs Oper 'Lady Macbeth von Mzensk' wird in Leningrad uraufgeführt

      Die literarische Vorlage - eine frühe Erzählung von °°Nikolai S. Ljesskow >1831/1895< - besteht aus fünfzehn kurzen Kapiteln. I. F. sind die Kapitel eins und fünf vollständig wiedergegeben... >°° 'Gorki stellte L....neben Tolstoi, Turgenjev u. Gontscharov. Vor allem aber (steht er) in der Nachfolge von Gogol'; zit. v. perlentaucher.de<

      In unserer Gegend kommen manchmal so seltsame Charaktere vor, daß man sich ihrer nicht ohne tiefste Erschütterung erinnern kann, selbst wenn schon viele Jahre nach der letzten Begegnung mit ihnen vergangen sind. Zu solchen Charakteren zählte die Kaufmannsfrau Katerina Lwowna Ismajlowa, die einst im Mittelpunkt eines grausamen Dramas gestanden hatte und bei unseren Gutsbesitzern unter dem treffenden Namen ''Lady Macbeth des Mzensker Landkreises'' bekannt war.

      Katerina Lwowna war nicht, was man eine Schönheit nennt, doch von angenehmem Äußeren. Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt, nicht sehr groß, doch schlank, hatte einen wie aus Marmor gemeißelten Hals, rundliche Schultern, einen prallen Busen, eine gerade, feine Nase, schwarze, lebhafte Augen, eine hohe weiße Stirne und schwarzes, sogar blauschwarzes Haar. Man verheiratete sie mit einem Landsmann, dem Kaufmann Ismajlow aus Tuskarj im Kursker Gouvernement. Sie fühlte zwar keine Neigung zu ihm; Ismajlow hatte aber den Antrag gemacht, und sie durfte als armes Mädchen nicht wählerisch sein. Die Ismajlows waren in unserer Gegend angesehen: Sie betrieben einen großen Mehlhandel, hatten auf dem Land eine große Mühle in Pacht, einen einträglichen Garten vor der Stadt und ein schönes Haus in der Stadt und gehörten zu den wohlhabendsten Kaufleuten. Die Familie war obendrein nicht zu groß und bestand nur aus dem Schwiegervater Boris Timofejitsch Ismajlow, der schon an die achtzig Jahre alt und seit langem verwitwet war, seinem Sohn Sinowij Borissowitsch, Katerinas Mann, der auch nicht mehr jung - über fünfzig - war, und Katerina Lwowna selbst. Nach fünfjähriger Ehe hatte Katerina Lwowna noch immer kein Kind. Sinowij Borissowitsch hatte auch von seiner ersten Frau, mit der er zwanzig Jahre gelebt hatte, bevor er Katerina Lwowna heiratete, keine Kinder. Er hatte gehofft, daß Gott ihm wenigstens in seiner zweiten Ehe Kinder schenken würde, die seine Firma und sein Kapital erben könnten. Er hatte aber auch mit Katerina Lwowna kein Glück.

      Die Kinderlosigkeit machte Sinowij Borissowitsch großen Kummer, und nicht nur ihm allein, sondern auch dem alten Boris Timofejitsch. Auch Katerina Lwowna selbst war darüber sehr traurig. Die tödliche Langeweile in dem verschlossenen Kaufmannshaus mit dem hohen Zaun und den bösen Kettenhunden machte die junge Kaufmannsfrau oft erstarren, so daß sie Gott weiß wie froh gewesen wäre, wenn sie ein Kindchen zu pflegen gehabt hätte; dann hatte sie auch die ewigen Vorwürfe satt: ''Warum bist du diese Ehe eingegangen, warum hast du dem Menschen sein Schicksal gebunden, du Unfruchtbare?!'' Als ob sie tatsächlich ein Verbrechen an ihrem Mann, am Schwiegervater und am ganzen ehrbaren Kaufmannsgeschlecht begangen hätte!

      Bei allem Reichtum war das Leben Katerina Lwownas im Hause des Schwiegervaters öde und traurig. Sie kam fast nie aus dem Haus, und selbst wenn sie mit ihrem Mann irgendwo in Kaufmannsfamilien Besuch machte, hatte sie wenig Freude daran. Es waren lauter strenge Leute, die immer beobachteten, wie sie saß, wie sie ging, wie sie stand. Katerina Lwowna hatte aber einen feurigen Charakter und war als Mädchen ein freies Leben gewohnt. Einst durfte sie mit den Eimern zum Fluß laufen, im Hemd am Landungssteg baden oder einen vorbeigehenden Burschen über die Gartenpforte mit Schalen von Sonnenblumenkernen überschütten; hier ist aber alles anders. Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller Herrgottsfrühe auf, trinken um sechs Uhr Tee und gehen gleich an ihre Geschäfte. Sie aber wandert von Zimmer zu Zimmer. Überall ist es so rein, so still und so leer, vor den Heiligenbildern brennen die Lämpchen, und im ganzen Hause ist kein lebender Ton, keine menschliche Stimme.

      Katerina Lwowna irrt eine Zeitlang durch die leeren Zimmer, beginnt vor Langeweile zu gähnen und geht die Stiege in das eheliche Schlafzimmer im Mezzanin** hinauf. Sie sitzt da, schaut zum Fenster hinaus, wie man vor den Speichern den Hanf aufhängt oder das Mehl in Säcke füllt; sie muß wieder gähnen und freut sich, daß sie eine oder zwei Stunden schlafen kann. Und wenn sie erwacht, überkommt sie wieder die Langeweile des altrussischen Kaufmannshauses, vor dem man sich, wie es heißt. mit Freuden erhängt. Katerina Lwowna fand auch am Lesen keine Freude, und im Hause gab es keine Bücher außer dem Kiewer Heiligenbuch. ((** lt. Tante Wiki 'Halb- od. Zwischengeschoss eines mehrstöckigen Gebäudes'))

      So öde war das Leben Katerina Lwownas in dem reichen Hause, in dem sie nun schon fünf Jahre am der Seite eines lieblosen Gatten lebte. Aber wie es so geht, niemand schenkte ihrer Langeweile auch nur die geringste Beachtung... ....

      Boris Timofejitsch aß an diesem Abend einen Brei mit Pilzen und fühlte gleich darauf ein Brennen im Schlund; es zwickte ihn im Magen, er bekam Erbrechen und starb gegen Morgen auf die gleiche Weise wie die Ratten in seinem Speicher. Für die Ratten aber pflegte Katerina Lwowna mit eigenen Händen eine Speise mit einem gefährlichen weißen Pulver, das sie in Verwahrung hatte, anzurichten.

      Katerina Lwowna ließ ihren Ssergej sofort aus der gemauerten Kammer heraus und legte ihn, ganz ohne Scheu vor den Leuten, auf das Bett ihres Mannes, damit er sich nach den Schlägen des Schwiegervaters erhole; dem Schwiegervater Boris Timofejitsch aber gab sie ein christliches Begräbnis. Seltsamerweise machte sich niemand über den Tod des Alten irgendwelche Gedanken. Boris Timofejitsch war eben gestorben, wie viele nach dem Genuß von Pilzen starben. Man beerdigte ihn in aller Eile, ohne selbst die Rückkehr des Sohnes abzuwarten, denn die Tage waren heiß; der nach Sinowij Borissowitsch geschickte Bote hatte ihn auf der Mühle nicht angetroffen. Sinowij Bosrissowitsch hatte gerade die Gelegenheit, einen Wald, der hundert Werst weiter lag, billig zu kaufen; er war hingefahren, um sich den Wald anzusehen, und hatte bei niemandem hinterlassen, wo dieser Wald liege.

      Nachdem Katerina Lwowna das erledigt hatte, geriet sie ganz außer Rand und Band. Sie war ja auch sonst keine schüchterne Frau; jetzt konnte man aber unmöglich erraten, was sie noch alles vorhatte. Sie geht stolz einher, kommandiert das ganze Haus und läßt Ssergej nicht von ihrer Seite. Das kam dem Hausgesinde anfangs etwas merkwürdig vor. Katerina Lwowna verstand aber, die Leute so reich zu beschenken, daß ihnen das Staunen verging. Sie sagten sich nur: Die Frau hat wohl mit dem Ssergej angebandelt. Das ist ihre Sache, und sie allein wird sich dafür zu verantworten haben.

      Ssergej genas indessen von seinen Wunden, ging wieder aufrecht einher, tänzelte stolz wie ein Falke um Katerina Lwowna, und die beiden hatten wieder das allerschönste Leben. Die Zeit rollte aber nicht für sie beide dahin: Der beleidigte Gatte Sinowij Borissowitsch eilte nach langer Abwesenheit nach Hause... .... ((dt. v. A.Eliasberg >1878/1924<))

      zit. v. projekt-gutenberg.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 25.01.1905 - Arnold Schönbergs 'Sinfonische Dichtung' ''Pelleas und Melisande'' (inspiriert vom gleichn. Bühnenstück von Maurice Maeterlinck) wird in Wien uraufgeführt

      = > aus *Ed.Steiger. Das Werden des neuen Dramas. Zweiter Teil - von Hauptmann bis Maeterlinck. F. Fontane & Co: Berlin 1898 = >

      >*1858/1919 -- abgebrochenes Philosophiestudium in Basel (dort Hörer von Nietzsche u. Jac.Burckhardt) -- später u. a. im Feuilleton der 'Leipziger Volkszeitung'; persönl. Bekanntschaft m. Aug.Bebel u. Wilh.Liebknecht -- ab 1898 in München, dort u. a. c. 400 Artikel f. d. 'Simplizissimus'<

      Wer die Geschichte der decadence schreiben will, wird an Maeterlinck nicht achtlos vorübergehn dürfen. Die Müdigkeit einer überreizten Zeit hat in ihm ihre letzte und wahre Sprache entdeckt. Die sich selbst höhnenden Satanisten und die inbrünstigen Schwärmer a la M. sind deutliche Zeichen der Zeit für den, der im Buch der Völkergeschichte zu lesen versteht. Wir stehen am Sterbebett einer Welt, die noch einmal in religiösen Delirien fiebert.

      Wollte man M. nur nach dem beurteilen, w a s er gedichtet, so müßte man ihn für eine französische Wiedergeburt der wüstesten deutschen Romantik halten. Nebelhafte Sagenkönige von irgendwo und irgendwann, böse Königinnen, die schuldlose Kinder morden, verliebte Prinzessinnen, die über Land reiten, um ihren Prinzen zu suchen, Orgelton und singende Nonnen - kurz der ganze Hokuspokus der Achim von Arnim und Clemens Brentano kehrt hier wieder.

      Nietzsche sagte einmal das große Wort: Die Korruptionszeiten sind die Reifezeiten der Völker. Mir will das Wort nicht aus dem Sinn, wenn ich an die Dekadenten vom Schlage eines M. denke. Gewiß ihre Ahnungen und Träume können mir sehr gleichgültig sein, nicht aber ihr Ahnen und Träumen. Es ist das alte Lied vom Was und vom Wie. W a s sie dichten, ist kindisch; diese Nebelkönige und Traumprinzessinnen sind, wie M. selbst einmal zugestand, Marionetten. Aber w i e sie dichten, das ist - ich finde keinen bescheideneren Namen dafür - eine neue Kunstoffenbarung.

      Das Rätsel des Lebens selbst - die Empfindung und das hinter und in (ihr) zitternde Gefühl - soll...leibhaftig vor uns hingestellt werden. Daher die ewigen Wiederholungen derselben gleichförmigen Wendungen, die immer wiederkehrenden Ausrufe, die Ah! und Ach! und Oh!, die das Unsagbare aussprechen wollen. Es liegt etwas Rührendes in dieser unfreiwilligen Komik, ein gewisser Heroismus der Entsagung und doch wieder etwas von der Kühnheit eines Entdeckers neuer Welten, der, unbekümmert um das Gelächter der Menge, stolz und hoffnungsvoll seinem fernen Ziele zusteuert. Und dieses Ziel? Die Entschleierung der Menschenseele in ihren einfachsten Regungen, damit sich aus ihnen ganz von selbst das ganze Weltbild zusammensetze. Wozu große Gedanken? Wozu aufregende Ereignisse? Wozu eine kunstvoll verschlungene Handlung? Wozu eine peinliche Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit? Die kleinsten Gefühle, die einfachsten Seelenfetzchen thun dieselbe Wirkung. Man braucht sie nur, so wie sie in zwei oder drei Menschen mit und nebeneinander auftauchen und verschwinden, in stammelnden Worten festzuhalten und wie Perlen auf eine Schnur zu reihen. Ton und Ton und Bildchen auf Bildchen, bis sich all die kleinen Seufzer zum großen Grauen zusammengeballt haben.

      Offenbar hat (E. T. A. Hoffmann), dessen unheimliche Größe unsere wackeren Literaturgeschichtschreiber bis heute nicht begriffen haben, (M.) zu seinen Fahrten in die Nacht des Dämonischen verlockt. Die Angst vor dem, was jenseits der Sinne sein soll - das seltsame Gefühl, eine Seele zu haben, die das einzige ist, was man sicher hat, und die man doch nicht mit Händen fassen kann - und die dunkle Ahnung, daß vielleicht alles, auch das Tote und Starre, nur eine Grimasse dieser Seelen ist - dieser ganze Hokuspokus von Gefühlen, Bangnissen, Erwartungen und Träumen ist das Lieblingsthema des Genter Dichters wie des deutschen Geisterbeschwörers. Aber während Hoffmann die wirren Träume der wüst ausschweifenden Phantasie mit erstaunlicher Meisterschaft in greifbare Wirklichkeiten verwandelt, so läßt M. die Alltäglichkeiten des wirklichen Lebens zu geheimen Offenbarungen des Unsichtbaren und Übersinnlichen werden. Er erweist sich hierin, wie der ihm geistesverwandte Amerikaner Edgar Poe, als echter Sohn des naturwissenschaftlichen Zeitalters, freilich als ein müdgewordener Wirklichkeitsanbeter, der sich nach dem verloren gegangenen Wunder zurücksehnt. Dem, der ihn genau betrachtet, (erscheint er) wie ein Kopf mit zwei Gesichtern, einem runzligen, alten, das längst verschollene Gebete zu lallen scheint, und einem jungen, begeisterten, das von neuentdeckten Ländern erzählt. Man darf weder das eine noch das andere vergessen, wenn man diesem seltsamen Menschen gerecht werden will.

      Wie bei Ibsen schon, wird auch bei M. die ganze Natur ein Sinnbild der menschlichen Seele. Man hat deshalb (beide) direkte Nachkommen der deutschen Romantiker genannt. Ich habe nichts dagegen, solange man dabei nicht vornehm die Achseln zuckt. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß es gerade die vielgeschmähte Romantik war, die mit ihren Ahnungen, Träumen, Gespenstern und Wundern, so plump sie oft angebracht wurden, der Dichtung den Stimmungszauber wiedergab, den ihr der Klassizismus fast ganz abgestreift hatte. Man lebt nicht ungestraft jahrzehntelang in Athen und Rom; man vergißt dabei, daß die, für die man dichtet, im nordischen Nebel wohnen, und daß dieser ebensogut Wirklichkeit ist, wie der klare Himmel des Südens. Die Romantik hat bei all ihren mittelalterlichen Verirrungen die deutsche Dichtung wieder an den Boden erinnert, auf dem sie gewachsen ist. M. ist echter Romantiker. Die Bühne wimmelt bei ihm von Tieren. Wie bei Tieck Löwen über das Theater trollen, so sieht man hier Raben flattern und hört Eulen schreien. Ja, sogar Springbrunnen beben und seufzen mit den unglücklichen Liebenden, die sich bei ihrem Geplätscher zusammenfinden.

      Die Nacht ist Niemandes Freund, lautet ein altes Sprichwort. Und eine geheime Scheu vor der Finsternis hat sich bis in die Tage des elektrischen Lichtes erhalten. Wir glauben an keine Gespenster mehr und schauern doch unwillkürlich zusammen, wenn sich etwas im Dunkel neben uns zu regen scheint. Der Selbsterhaltungstrieb macht uns mißtrauisch, sobald uns das Auge im Stiche läßt. WIr sind schreckbarer und feinhöriger, sobald sich die Sonne zur Ruhe gelegt hat. Aber wir sind ästhetisch genug, um auch in den geheimen Angstgefühlen...einen seltsam wohligen Reiz zu finden, der mit dem Tragischen eine flüchtige Verwandtschaft hat. Seit E. T. A. Hoffmann hat keiner mehr unter uns gelebt, der es so meisterlich verstanden hätte, uns Gruseln zu machen, wie M. M.

      Man mag (ihn) bespötteln - und wer wollte leugnen, daß das Kindliche dieser Poesie geradezu den Parodisten herausfordert? - : er ist eine so charakteristische Erscheinung inmitten der künstlerischen Gährung unserer Tage, daß der Freund der neuen Schönheit, die wir alle suchen, nicht achtlos an ihm vorübergehn darf. Gewiß, er ist ein echt bürgerlicher Dichter, der sich ins Mittelalter flüchtet, um statt mit Menschen mit romantischen Marionetten zu spielen; er ist ein Sohn der alten Kirche, der wieder in Glockenklang und brünstigen Gebeten seine Erlösung sucht. Aber trotz alledem - oder soll ich lieber sagen: eben darum? - hat er der Dichtung bisher unentdeckte Länder entdeckt und in seinen lallenden Seelen das Gefühl, das in jeder Empfindung zittert, nackt und blos auf die Bühne gestellt.

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      (Udo Lindenberg)
    • 29.01.1905 - In Wien werden Gustav Mahlers 'Kindertotenlieder' (nach Friedrich Rückert)* unter Leitung des Komponisten uraufgeführt

      *Als (solche) bezeichnete...F. R. >1788/1866< die 428 Gedichte, die er unter dem Eindruck des Todes seiner ((damals 3- u. 4jährigen)) Kinder Luise und Ernst 1833 u. 34 schrieb... H. Wollschläger nannte sie 'die größte Totenklage der Weltliteratur' / v. wikipedia.org

      (61) Gar zu schnakisch, gar zu schnakisch * War mit anzusehn dein Tanz,
      Ob kosakisch, ob hanakisch, * ob polakisch, ob morlakisch, * Wußt' ich nicht zu sagen ganz.
      Gar zu schnakisch, gar zu schnakisch * War mir anzusehn dein Tanz.

      Immer feiner, immer feiner * Tanztest du im Jugendglanz;
      Weil dir deiner Brüder keiner * Glich in seiner Kunst, nicht einer, * Tanztest du allein den Tanz.
      Immer feiner, immer feiner * Tanztest du im Jugendglanz.

      Noch gesungen und gesprungen * Vor acht Tagen unterm Kranz;
      Heut bezwungen und umrungen, * Und umschlungen, und gedrungen * Von dem Tod an seinen Tanz!
      Noch gesungen und gesprungen * Vor acht Tagen unterm Kranz.

      (40) Und soll ich nicht der Sitte fluchen * Ein Fest zu feiern beim Begraben?
      Man bäckt im Hause Mandelkuchen, * Weil wir der Tochter Leiche haben,
      Und ofenwarm läßt ihn versuchen, * Die Leichenfrau den kranken Knaben;
      Er soll wol auch den Ort besuchen, * Den sie der armen Schwester gaben!
      Und soll ich nicht der Sitte fluchen * Ein Fest zu feiern beim Begraben?

      (9) Im Verluste zu gewinnen, * Ist ein schwieriges Beginnen, * Und gelinget andern nie * Als der Lieb' und Poesie.

      Liebe läßt sich nichts entrinnen, * Hat nicht außen, sondern innen; * Und das Nichts, sie weiß nicht wie, * Macht zum Etwas Poesie.

      Nicht dahin ist, was von hinnen, * Bleibt im Sinn, nicht in den Sinnen; * Fest auf ewig haltens die * Beiden, Lieb' und Poesie.

      (89) Die Vernunft, wie sträubig * Sie sich wehren mag, * Sie wird abergläubig * Mit dem Unglückstag.

      Einmal ist in Schrecken * Das Gemüth gesetzt, * Und in allen Ecken * Stehn Gespenster jetzt.

      (12) Also sei ich selbst, und also mein Gedicht, * Wie die Stechpalm' unten rauh von Blättern sticht, * Wo das Vieh sie wollte nagen;
      Aber oben stechen ihre Blätter nicht, * Um mit Schaukeln Himmelslüfte, Frühlingslicht, * Oder Vogelsang zu tragen.

      (16) Von Freuden floß um mich vorzeiten * Ein Überfluß; * Und wie ich schöpfte, blieb beizeiten * Ein Überschuß.

      Wie dacht' ich, daß versiegen könnte * Der Überschwang? * Ergossen war nach allen Weiten * Der Überguß.

      Wohin verlaufen hat das Wasser * Sich über Nacht? * Es eilt wohl, um mir zu bereiten * Nicht Überdruß!

      Vorüber eilt des Glückes Fülle, * Und rauscht von fern * Mir einen noch, und keinen zweiten * Vorübergruß.

      Ihr Augen, wollt Ersatz ihr weinen? * So weinet nur! * Und mich durchs Leben soll begleiten * Ein trüber Fluß.

      Wo ich am Strom der Wehmuth lausche * Im Hauch der Nacht, * Weht her von jenseit goldner Saiten * Herübergruß.

      Am Ufer pflanz' ich dunkle Lieder, * Ihr Duft weht hin, * Bis ich geflügelt selber schreiten * Hinüber muß.

      zit. v. projekt-gutenberg.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 07.02.1870 - Geburtstag von Alfred Adler

      Unter dem Titel ''Praxis u. Theorie der Individualpsychologie'' hat Dr. A. A. (im Verl. v. J. F. Hergmann: München u. Wiesbaden) etliche seiner ''Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen u. Lehrer'' i. J. 1920 zusammengefasst. Seine Anmerkungen über (m. E. eigentl. eine Laudatio auf) Fjodor M. Dostojewski >1821/1881< - aus dem hier einige Passagen zitiert sind - hat er 1918 in Zürich referiert...

      ''15 Jahre lang war ich ein Idiot'', sagt (i)Fürst Mischkin..., der jeden Schnörkel einer Schrift deuten konnte, der seine eigenen Hintergedanken unbefangen aussprach und die Hintergedanken jedes anderen sofort erriet. Ein Gegensatz, wie wir ihn uns grösser nicht denken können. ''Bin ich Napoleon oder bin ich eine Laus?'' brütet (ii)Raskolnikow einen Monat lang in seinem Bette, um die (iii)Grenze zu überschreiten, die ihm...durch sein Gemeinschaftsgefühl und durch seine Lebenserfahrungen gesetzt war. Auch hier wieder der grosse Gegensatz, den wir staunend miterleben... Nicht anders...in seinem eigenen Leben. ''Wie ein Feuerbrand wirbelte der junge D. im Hause seiner Eltern umher(iv)'', und wenn wir seine Briefe an seinen Vater und an seine Freunde lesen, so finden wir erheblich viel Demut, Unterwürfigkeit und Unterordnung unter sein oft trauriges Schicksal. Hunger, Qual, Elend waren ihm auf seinen Wegen genug verstreut. Er ist seinen Weg gegangen, wie seine Pilger. Der junge Feuerbrand hatte das Kreuz auf sich genommen, ...Schritt für Schritt...und in einem weiten Bogen den ganzen Lebenskreis umfassend, um wissend zu werden... Wer solche Gegensätze in sich birgt und...zu überbrücken genötigt ist, der muss tief schürfen, um einen Ruhepunkt zu gewinnen. Ihm bleibt keine...Mühe erspart, er kann am kleinsten Wesen nicht vorübergehen, ohne es auf seine Formel zu prüfen. Alles in ihm drängt zu einer einheitlichen Auffassung des Lebens... Aus dürftigen Verhältnissen war er gekommen, und als er starb, da folgte im Geiste ganz Russland seinem Trauerzug. Er, der...immer Trost für sich und seine Freunde wusste, er war der Arbeitsunfähigste unter allen, war mit...Epilepsie behaftet, die ihn für...Wochen oft an jedem Vorwärtsschreiten gehindert hat...

      Als D. in die Öffentlichkeit trat, gärte es gewaltig, und insbesondere die Frage der Bauernbefreiung regte alle Gemüter auf. D. trieb es immer...zu den Kindern, zu den Leidenden. Und seine Freunde wissen viel davon zu erzählen, wie er sich leicht mit jedem Bettler befreundete, der etwa als Patient zu einem seiner Freunde kam, wie er ihn in seine Stube zog, um ihn zu bewirten, ihn kennen zu lernen. In der Katorga war es seine stärkste Pein, dass ihn die anderen Sträflinge als den Edelmann mieden, und es war seine immerwährende Sehnsucht, den Sinn der (v)Katorga, ihr inneres Gesetz für sich zu...erkennen und die Grenzen zu gewinnen, innerhalb derer ihm Verständnis und Freundschaft mit den anderen möglich würde...

      Er selbst sagt von sich: ''Ich bin in unerlaubter Weise ehrgeizig''. Aber es war ihm gelungen, seinen Ehrgeiz für die Gesamtheit nutzbar zu machen. Und also verfuhr er auch mit seinen Helden: er...trieb sie mit dem Stachel des Ehrgeizes...und der Eigenliebe bis in die äussersten Sphären, hetzte ihnen dann aber den Chor der Eumeniden an den Hals und jagte sie zurück bis an die Grenze, die ihm durch die menschliche Natur gegeben erschien, um sie dort in Harmonie ihre Hymne singen zu lassen. Es gibt bei D. kaum ein Bild, das so oft wiederkehrt als das Bild von der Grenze, gelegentlich auch das Bild von der Wand. Von sich sagt er: ''Ich liebe es unsinnig, bis an die Grenze des Realen vorzudringen, wo bereits das Phantastische beginnt''.

      ...Immer wieder zog es ihn und seine Helden bis zur Peripherie des Erlebens, wo er dann tastend...die Verschmelzung mit der Allmenschheit in tiefer Demut vor Gott, Kaiser, Russland vollzieht. Dieses Gefühl, das ihn bannte, - man könnte es das Grenzgefühl nennen, ein Grenzgefühl, das ihn Haltmachen heisst, das sich bei ihm bereits zum sichernden Schuldgefühl umwandelte, - seine Freunde berichten oft darüber, - für das er aber keine Ursache weiss und das er eigenartig mit seinen epileptischen Anfällen im Zusammenhang brachte. Die Hand Gottes langte abwehrend herüber, wenn der Mensch in verstiegener Eitelkeit die Grenze des Gemeinschaftsgefühls überschreiten wollte... Raskolnikow, der...in dem Impuls, das alles erlaubt sei, wenn man zu den auserlesenen Naturen gehöre, bereits an das scharf geschliffene Beil denkt, liegt monatelang im Bett, bevor er die Grenze überschreitet. Und als er dann...die letzte Treppe hinaufsteigt, um den Mord zu vollführen, spürt er Herzklopfen. In diesem Herzklopfen spricht die Logik des menschlichen Lebens, drückt sich dieses feine Grenzgefühl Dostojewskis aus... ....

      Von allen Biographen, die sich eifrig mit D. beschäftigten, wird eine seiner frühesten Kindheitserinnerungen berichtet und gedeutet, die er selbst in den ''Memoiren(vi) aus dem Totenhause'' erzählt... Als er bereits daran verzweifelt hatte, den Anschluss an seine Kameraden im Gefangenenhaus zu finden, wirft er sich resigniert auf sein Lager und überdenkt seine...ganze Entwickelung und seinen ganzen Lebensinhalt. Da bleibt seine Aufmerksamkeit plötzlich an folgender Erinnerung haften: er entfernte sich einst...weit vom Gute seines Vaters..., als er plötzlich erschrocken stehen blieb, da er einen Ruf vernommen hatte: ''der Wolf kommt!'' Rasch eilte er zurück...und erblickte...einen Bauern, zu dem er sich flüchtete. Weinend und ängstlich...berichtete (er) ihm von dem Schrecken, der ihm widerfahren war. Der Bauer...machte das Kreuz über den Knaben...und versprach, er werde ihn nicht vom Wolf fressen lassen. Diese Erinnerung wird vielfach so aufgefasst, als ob sie Dostojewskis Bund mit dem Bauerntum (und dessen Religion) charakterisieren sollte. Es ist aber vielmehr der Wolf, der hier in Frage kommt, der Wolf, der ihn zu den Menschen zurücktreibt... Was ihn erzittern machte vor dem isolierten Heldentum, glich dem Wolf aus seinem Erlebnis. Der trieb ihn zurück zu den Armen und Erniedrigten, dort versuchte er im Namen des Kreuzes den Anschluss zu finden... = > = >
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      (Udo Lindenberg)
    • (i)u.(ii) Onkel Wiki verzeichnet für D. neun Romane, beginnend mit ''Arme Leute'' (1846), endend mit ''Die Brüder Karamasow'' (1880) - Raskolnikow resp. Fürst Mischkin sind die männlichen Hauptfiguren von Nr.4 (''Schuld und Sühne''; 1866) u. Nr.6 (''Der Idiot''; 1869) ... bzgl. Raskolnikow existieren zwei Ouvertüren von E.N.v.Reznicek (1925 u.30) sowie Veroperungen von H.Sutermeister (1948) u. G.Klebe (1956) / von den fünf Veroperungen von ''Der Idiot'' sei hier diej. von M.Weinberg erwähnt (UA als Kammeroper 1991 in Moskau, UA der Originalversion 2013>sic!< in Mannheim).

      (iii) die hier schräggestellten Wörter und Passagen sind im Original gesperrt gedruckt. (iv) über die Herkunft der von ihm verwendeten Zitate verrät uns Herr Dr. A. A. leider nichts...

      (v) Katorga = Straflager; eine entspr. Verurteilung war in aller Regel mit dem lebenslangen Verlust der Bürgerrechte sowie anschließender lebenslanger Verbannung verbunden. Dostojewski, der sich 1850 - 54 in einem Straflager nahe des sibir. Omsk befand, erhielt jedoch 1857 seine Bürgerrechte zurück und durfte sich 1859 wieder in St. Petersburg ansiedeln! (vi) an diesem (von Tante Wiki ''Prosaarbeit'' genannten) Text arbeitete D. seit 1856 - als Fortsetzungsgeschichte ist sie dann 1861 u.62 veröffentlicht worden. L.Janacek nahm diese zur Vorlage für seine letzte, 1930 posthum uraufgeführte Oper!

      Sein Glaubensbekenntnis war einfach: ''Für mich ist Christus die...erhabenste Person in der ganzen Weltgeschichte.'' Hier enthüllt uns D. in unheimlicher Schärfe sein leitendes Ziel. So hat er seine Anfälle der Epilepsie geschildert, wie er unter Wonnegefühl seinen Aufstieg bewerkstelligte, zur ewigen Harmonie gelangte und sich der Gottheit nahe füllte. Sein Ziel war: jederzeit bei Christus zu sein, seine Wunden zu tragen und seine Aufgabe zu erfüllen. Dem isolierten Heldentum, das er schärfer als jeder andere als krankhaften Eigendünkel ansprach, der Eigenliebe im Gegensatz zum Gemeinsinn, der ihm aus...der Nächstenliebe entgegenquoll, diesem Heldentum trat er entgegen: ''Beuge dich, stolzer Mensch!'' Dem Resignierten aber, der gleichfalls in seiner Eigenliebe verletzt nach Befriedigung derselben strebte, rief er zu: ''Arbeite, müssiger Mensch!'' Und wer ihn auf die menschliche Natur verwies und ihre scheinbar ewigen Gesetze..., dem hielt er entgegen: ''Die Biene und die Ameise, die kennen ihre Formel, der Mensch aber kennt seine Formel nicht!'' Wir müssen aus dem ganzen Wesen Dostojewskis ergänzen: Der Mensch muss seine Formel suchen, und er findet sie in der Hilfsbereitschaft für andere, in der Hingabe an das Volk...

      Nun zur Frage, wodurch (seine) Gestalten auf uns eine so starke Wirkung ausüben. Die wesentliche Grundlage (dafür) liegt in ihrer geschlossenen Einheit. Sie können einen (seiner) Helden an welchem Punkte immer fassen und untersuchen, sie finden das gesamte Rüstzeug seines Lebens und Strebens immer wieder beisammen. Wenn wir vergleichen wollten, müssten wir bis zur Musik gehen, wo wir ähnliches finden, dass in einer Melodie im Laufe einer Harmonie sämtliche Strömungen, Bewegungen immer wieder zu finden sind. Ebenso bei Dostojewskis Gestalten. Raskolnikow ist derselbe, als er im Bette...über seinen Mord nachbrütete, als er mit Herzklopfen die Stiege hinaufging, und er ist derselbe, als er den Trunkenbold unter den Rädern des Wagens hervorholte und mit seinen letzten Kopeken dessen darbende Familie unterstützte. Dies ist der Grund der einheitlichen Wirkung, und wir tragen unbewusst mit jedem Namen seiner Helden ein festgefügtes, plastisches Bild in uns, als ob es aus unvergänglichem Erz gemeisselt wäre, nicht anders als die biblischen Gestalten, als die homerischen Helden und als die Helden der griechischen Tragödien, deren Namen nur zu erklingen brauchen, um uns den ganzen Komplex ihrer Wirkungen vor die Seele zu führen...

      Noch ein Wort über D. als Ethiker. Er war durch die Umstände gedrängt, durch die Gegensätze in seinem eigenen Wesen...zu Formeln zu kommen, die sein tiefstes Sehnen nach einer aktiven Betätigung der Nächstenliebe umschlossen und förderten. So kam er auch zu jener Formel, die wir weit über den kategorischen Imperativ Kants stellen dürfen, ''dass jeder teilhaftig ist an der Schuld des andern''. Wir fühlen heute mehr als je, wie tief diese Formel geht... Wir können (diese) leugnen, sie wird immer wieder hervortauchen und uns Lügen strafen. Sie löst...eine unglaublich stärkere Aktivität aus als etwa der Begriff der Nächstenliebe, der oftmals missverstanden oder in Eitelkeit geformt wird, oder als der kategorische Imperativ, der auch in der Isoliertheit...seine Geltung behält. Wenn ich teilhaftig bin an...der Schuld aller, dann trage ich ewig eine Verpflichtung, die mich treibt, die mich haftbar macht...

      Was (Dostojewski) als Psychologe geleistet hat, ist heute noch unausgeschöpft. Wir wagen es zu behaupten, dass sein psychologisches Späherauge tiefer drang, weil er mit der Natur vertrauter war als Psychologie, die sich aus dem Begrifflichen gestaltet. Und wer Betrachtungen angestellt hat, wie es D. tat über die Bedeutung des Lachens..., wer soweit gekommen ist, dass er den Begriff der zufälligen Familie findet, wo jedes Mitglied isoliert...lebt und in die Kinder die Tendenz zur weiteren Isolierung...pflanzt, der hat mehr gesehen, als man heute noch von einem Psychologen...erwarten kann. Wer gesehen hat, wie D. in seinem ''Schüler'' schildert, dass der Knabe unter seiner Decke eingehüllt, alle Phantasien ausströmen lässt in dem einen Begriff: Macht!, wer die Entstehung von Gemütskrankheiten...so fein und treffend geschildert hat, wer in der menschlichen Seele die Neigung zur Despotie so erkannt hat wie D., der darf heute noch als unser Lehrer gelten, als den ihn auch Nietzsche gefeiert hat. Sein Verständnis und seine Erörterungen über den Traum sind heute noch nicht überholt, und sein Begriff, dass niemand handelt und denkt, ohne dass ein Ziel...vor seinen Augen steht, trifft mit den modernsten Leistungen der Seelenforscher zusammen...

      zit. v. archive.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 09.02.1842 - Todestag von Johann Diederich Gries

      <= bitte wer ;) <= n u r ein Übersetzer...

      ''Der in seiner Materialfülle unübertroffene...Katalog '...Übersetzen im Jahrhundert Goethes' hat ihm ein...detailreiches Kapitel gewidmet'' (zit. v. uelex.de); ''...bedeutender Übersetzer von romanischen Klassikern. Bekanntschaft mit...Goethe, Fichte, Novalis u. besonders dem Kreise um Schlegel'' (zit. v. kollerauktionen.ch)

      J. D. Gries hat auch (v. 1804 - 09) den ''Orlando Furioso'' des Ludovico Aristo >1474/1533< übersetzt - worauf der Kalendermann jeden, der demnä. mit einer Umsetzung des 'Roland' von J.B.Lully >1685<, des 'Orlando generoso' von A.Steffani >1691<, des 'Orlando furioso' von A.Vivaldi >1727<, des 'Ariodante' von G.F.Händel >1735<, des 'Orlando paladino' von J.Haydn usw. usw. befasst ist, jedenfalls mal hinweisen würde... ...hier einige Zeilen aus der kurzen 'Vorrede' sowie aus dem ersten Gesang - es sind insgesamt sechsundvierzig:

      (iii) ...Was einst im höchsten Glanze * Athen und Rom, Florenz, Ferrara sahn, * Das sah man hier; mit Staunen sah das ganze
      Germanenland, was Du allein gethan. * Die deutsche Muse, mit bescheidnem Kranze, * Kaum noch gekannt auf ihrer stillen Bahn,
      Du hast zuerst sie an des Thrones Stufen, * Die Schüchterne, mit Huld heran gerufen.

      (iv) Da reihten sich, vereint durch schöne Bande, * Die Helden des Gesangs um DEINEN Thron...
      Schon Manche schwanden weg vom Erdenlande, * Doch ihrer Lieder Hall ist nicht entflohn;
      Und Einer lebt, und wie vor funfzig Jahren * Entzückt sein Lied noch heut unzähl'ge Schaaren.

      (5.) Graf Roland, den Angelica seit Jahren * Von Liebesglut für sie entbrannt gesehn, * Und der bei Indern, Medern und Tartaren
      Für sie erhöht unsterbliche Trophä'n, * War wieder abendwärts mit ihr gefahren, * Wo, an dem Fuss der hohen Pyrenä'n,
      Des Frankenreichs und Deutschlands Kriegesbanden, * Geführt von König Karl, im Felde standen;

      (7.) ((Doch)) leider musst' er seine Schöne missen; * So falsch ist oftmals unsers Urtheils Gang! * Die er, umringt von tausend Hindernissen,
      Beschützt vom Aufgang bis zum Niedergang; * Wird mitten unter Freunden ihm entrissen, * In seiner Heimat, ohne Schwerdtes Zwang.
      Der kluge Kaiser war's, der sie ihm raubte, * Und so gar schweren Brand zu löschen glaubte.

      (8.) Vor kurzem hatt' ein Zwist sich angefangen * Rolands und seines Vetters, des Rinald; * Denn Beiden glüht' ein liebevoll Verlangen
      Im Herzen nach der reizenden Gestalt. * Karl, dem der Ritter Zwiespalt nah gegangen, * Der ihrer Hülf' entzog den sichern Halt,
      Gab diese nun, die unter beiden Freiern * Den Streit erweckt, dem Herzog über Baiern;

      (10.) ...Und sie, die man bestimmt zum Siegeslohn, * Bestieg ein Ross, noch vor dem harten Schlage,
      Und als es Noth that, war sie rasch entflohn; * Wohl ahnend, wie das Glück an diesem Tage * Dem Christenglauben Unheil würde drohn.
      Sie floh in's Holz, und auf den engen Wegen * Kam ihr zu Fuss ein Rittersmann entgegen.

      (13.) Die Jungfrau eilt ihr Ross herum zu schwenken * Und jagt es schlaffen Zügels durch den Hain,
      Durch dick und dünn, ohn' an den Weg zu denken; * Ob's mag der beste, der bequemste seyn. * Bleich, ausser sich, unfähig es zu lenken,
      Lässt sie des Weges Wahl ihm ganz allein, * Streift auf und ab durch rauhe Waldespfade * Und kommt zuletzt an eines Stroms Gestade.

      (15.) Das Fräulein kam, von grosser Angst beklommen, * Daher gerannt und schrie aus aller Macht.
      Der Heide springt, da er den Ton vernommen, * Zum Ufer auf, beschaut sie mit Bedacht * Und sieht sogleich bei ihrem Näherkommen,
      Obwohl die Angst sie trüb' und blass gemacht * Und längst von ihr ihm jede Nachricht fehlte, * Es sey Angelica, die Auserwählte.

      (16.) Und weil er höflich ist und wohl so heftig * Von Liebe glüht, wie jenes Vetternpaar, * Zeigt er sich gleich zu ihrem Schutz geschäfftig.
      Verwegen, kühn, obwohl des Helmes baar, * Zieht er das Schwerdt und rennt, laut drohend, kräftig * Ein auf Rinald, dem wenig bange war.
      Sie hatten sich gesehn verschiedne Male, * Auch schon im Kampf erprobt mit blankem Stahle.

      (19.) Wohl, spricht er, ist mein Weh nur dein Verlangen, * Doch gleiches Weh hast du dir selbst verhängt.
      Wenn dies geschieht, weil jenes helle Prangen * Der neuen Sonne dir die Brust versengt; * Was kannst du denn durch mein Verziehn erlangen?
      Denn ob dein Arm mich tödtet oder fängt, * Hast du die Schöne dennoch nicht gewonnen; * Indess wir zaudern ist sie längst entronnen.

      (22.) O Biederkeit der alten Rittersitten! * Die Nebenbuhler waren, die entzweit * Im Glauben waren, bittern Schmerz noch litten
      Am ganzen Leib vom feindlich wilden Streit, * Frei von Verdacht und in Gemeinschaft ritten * Sie durch des krummen Pfades Dunkelheit.
      Das Ross, getrieben von vier Sporen, eilte * Bis wo der Eine Weg in Zwei sich theilte.

      (23.) Und da sie nun nicht wissen oder wähnen, * Ob da, ob dorthin ihre Schöne flieht; * Denn wirklich sehn sie diesen Weg, wie jenen,
      Voll neuer Spur ohn' ein'gen Unterschied; * So führt das Glück auf d e n den Saracenen, * Indess Rinald die andre Strasse zieht.
      Der Heide trabt im Dickicht auf und nieder * Und sieht zuletzt am ersten Ort sich wieder.

      (25.) Mit einem glatten Ast vom stärksten Schusse, * Woraus er eine Stange sich gemacht, * Sucht er bis auf den Grund umher im Flusse,
      Lässt keinen Ort mit Stössen ausser Acht. * Nachdem er so mit grimmigem Verdrusse * Gar lange Zeit vergeblich zugebracht,
      Steigt mitten aus dem Strom ein Ritter kecklich * Bis an die Brust empor, von Ansehn schrecklich.

      (29.) Als das Gespenst so schnell entsteigt den Wogen, * Sträubt sich dem Heiden jedes Haar sofort,
      Dem Angesicht wird Blut und Farb' entzogen * Und in dem Halse stecken bleibt das Wort. * Doch als Argalia sich verwogen
      (So hiess der Mann, den er erschlug alldort), * Den Treuebruch so schnöd' ihm vorzuwerfen, * Da brennen Schaam und Zorn durch alle Nerven. ....

      Der Wortlaut folgt der Ausgabe v. 1827 (Verl. Friedr. Frommen: Jena); zit. v. babel.hathitrust.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 12.02.1861 - Geburtstag von Lou Andreas-Salome

      Die hochgebildete u. -angesehene Publizistin (Bekannte von F. Nietzsche, 1896 - 1900 Lebenspartnerin von R. M. Rilke....) praktizierte ab 1913* (1915?)** als Psychoanalytikerin (i). Ihr Essay Vom Kunstaffekt ist am 01.07.1912 in der ''Dt. Monatsschrift f. Russland'' erschienen und hier zu c. Zweidrittel wiedergegeben... Bei der Quellenangabe ganz am Ende dieses (Doppel-)Eintrages handelt es sich keineswegs um einen seltsamen Schreibfehler - der einzige mir (bisher) bekannte vollständige ''virtuelle Abdruck'' dieser Veröffentlichung findet sich tatsächlich auf einer lettischen Homepage :!: Die im Original in Anführungszeichen gesetzten Wörter u. Ausdrücke sind i. F. schräggestellt....

      Wer einmal in träger Siestastimmung...Bücher oder Bilder durchblättert hat, kennt das berüchtigte Surrogat des Kunstgenusses, jenen passiven Unterhaltungsgenuß, zu dem auch künstlerische Erzeugnisse mißbraucht werden... Und dann ist ihm vielleicht die alte Frage aufgestiegen, woher es wohl kommt, daß diese zwei so wesensverwandten Welten des Genießens nicht nur innerhalb eines breiten Publikums...verwechselt werden, sondern selbst in ästhetisch-theoretischen Streitigkeiten oftmals nur ungenau präzisierte Grenzen aufweisen. Es ist nämlich psychologisch interessant..., wie sehr die Ursache dieser Erscheinung...auf einer unleugbar praktischen Analogie beruht, die das bloße Unterhaltungsvergnügen zur rein künstlerischen Hingebung bildet.

      Der Hauptpunkt dieser scheinbaren Wesensähnlichkeit ist zunächst im Negativen zu suchen: in dem - in beiden Fällen analogen - Fortfall von allerlei...Momentsorgen und Tagesinteressen, aus denen wir sowohl im tiefen Kunstgenuß als auch in der...Siestastimmung uns hinüber retten wie auf eine stille grüne Insel... Nur weil es so ist, darum konnte einem publizistischen Unternehmen der köstlich unfreiwillige Witz passieren, daß es eine Novellensammlung mit der Versicherung anpries Meisterstücke erster Autoren, höchst geeignet für ein Viertelstündchen nach Tisch. Im leichten Halbschlaf der Seele gleitet in solchem Viertelstündchen der Leser...willenlos dorthin, wohin die fremde Phantasie ihn entführen mag, und gehorcht mit seinem gelähmten Gehirn wenigstens gewissen ihrer Suggestionen... Ja, sogar eine Art von Geschmacksauswahl - individuell verschiedener Siesta-Kunstgeschmack - macht sich mitunter deutlich geltend; der Eine wünscht vorzugsweise von solchen Bildern im Halbschlummer umgauckelt zu werden, die ihn möglichst weit aus allem Irdisch-Trüben hinweglocken, während der Andere mit Entschiedenheit eine realistische Färbung vorzieht, die ihm die Illusion erleichtert, sich wirklich mitten in der fremden Phantasiewelt zu befinden. Auch über den Siesta-Geschmack läßt sich nicht streiten, eben so wenig wie über den künstlerischen, und um dieser ihnen gemeinsamen negativen Grundlage willen hören sich die Meinungsverschiedenheiten in beiden Fällen manchmal so verblüffend ähnlich an. Nur deshalb ist es möglich, daß noch immer eine große Menge von Leuten eine Ahnung von anderem Geschmack in Kunstdingen überhaupt nicht besitzt, - und auch nicht zugibt, es könne dabei etwas anderes in der Seele zum Durchbruch kommen, außer allenfalls noch die verständnisvolle Freude am rein Technischen, wovon der Laie freilich nichts habe. Auch hier berühren sich die Extreme, - scheinen wenigstens sich zu berühren, gerade weil zwischen ihnen in Wahrheit nicht mehr und nicht minder liegt als die Gesamtheit des...menschlichen Innenlebens.

      Das träge Behagen am Unterhaltungsstoff stammt aus...dem momentanen Nachlassen der verbrauchten Kräfte, die...ein wenig die klaren Willensimpulse und wachen Gedanken betäuben wollen; am entgegengesetzten Ende aber, in der äußersten Steigerung der Lebensenergie..., findet man das Wesen alles Kunstschöpferischen und in schwächerem Anklang daran auch das Wesen des Kunstgenusses, der nichts Anderes als ein leise mitklingendes Nachschaffen, Wiedererschaffen ist. In beiden Fällen also besteht das Genießen...in einer gewissen Heimkehr zu einem verträumten Gesamtzustande der Seele, nur daß in einem Falle die Mattigkeit schuld daran ist, in der alle Einzelbetätigungen...abnehmen, im anderen Fall eine so tiefe, produktive Erregung, daß ihr das Sonderspiel der vereinzelten Kräfte nicht genugtun kann, sie vielmehr alle in gewaltigem Griff einheimsen muß, um sich zu entladen. Diese Konzentration wirkt eben so besiegend auf störende...Tageszerstreuungen, durch die Macht ihres Entzückens, wie es der seelische Halbschlummer des behaglich genießenden Philisters in seiner Weise auch zustande bringt: so kommt es beide Male...zum künstlerischen Rausch und Traum, dem alles Einzelne sich im Jubel einer schöpferischen Gesamtstimmung löst, oder zu jenem willenlosen Phantasieren des Müden, Geschwächten, der seine Kräftelähmung als Fesselfreiheit genießt.

      Während bloßer Unterhaltungsgenuß daher stets...wie das bewußte Viertelstündchen nach Tisch wirkt und somit in seinen verschiedensten Formen als Produkt einer Siestastimmung aufgefaßt werden kann, ist aller tiefere Kunstgenuß - wenn auch nicht dem Grade, so doch dem Wesen nach - ähnlich angreifend und anspannend wie das Kunstschaffen selbst. Denn das Wesentliche am Kunstschaffen ist...der Seelenzustand, aus dem heraus sie ermöglicht wird und der kräftezehrend bleibt, auch wenn die Arbeit leicht fließt... - oder einen Gegenstand behandelt, der harmlos oder idyllisch scheinen mag. Was den Künstler aufreibt, gleichviel, ob seine Kunst einen Mord oder eine kleine Blume findet, setzt auch im wahrhaft nachempfindend genießenden noch eine Kraftsteigerung voraus, denn der Künstler ist der einsame Mensch, von dem aus keine andere Brücke zu den übrigen Menschen führt als die Übertragbarkeit seines schöpferischen Rauschzustandes...auf verwandte Seelen. Diese Brücke ist in unseren...Alltagszuständen unauffindbar, unbetretbar - ja, sie ist auch für den Künstler selbst...abgebrochen in seinen eigenen matten oder trivialen Stimmungen; auch er nimmt, je nach der gerade vorherrschenden Sinnesverfassung, dem eigenen Werk gegenüber alle drei möglichen Standpunkte ein: den des Schaffenden, den des Genießenden und des Ermüdeten..., Gelähmten, der...nur noch Alltägliches begehren kann. Nur daß diese dritte Möglichkeit für ihn etwas ganz anderes bedeutet als für unschöpferische Menschen, weil er sich darin von seinem wirklichen Ich abgeschnitten fühlen muß: nicht gleich Ihnen von anstrengenden Zumutungen ausruhend... Er identifiziert sich mit dem notwendig intermittierenden Schaffensrausch und spürt außerhalb dieses Rausches nur dessen schmerzliche Abwesenheit... Daher schätzt er meistens die...klarsten Geisteszustände nur gering gegenüber dem Traum, in dem er sie manchmal alle überfliegen kann; der bestgeordnete Haushalt in seinen Fähigkeiten erscheint ihm unerträglich und verkehrt, weil er sich selbst in den Zwischenzeiten von Rausch zu Rausch doch immer nur als den Schauplatz...empfindet, wo solche hohe Feier stattfand und wieder stattfinden soll, wo aber jetzt die erwartungsvolle öde Leere eines Festsaales herrscht, aus dem die Gäste sich entfernt haben... = = > >

      (i) die sich hier widersprechenden Quellen sind *fembio.org bzw. **andreas-salome.medienedition.de
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      (Udo Lindenberg)
    • Obgleich solche Stimmungen beim Unbeteiligten...gern als...launenhafte und reizbare Schwäche des Künstlergemütes ausgelegt werden, so gibt es doch nicht viele Schmerzen, die so...wenig eingebildet wären. Der schaffende Mensch ist das...Geschöpf, das seinen Normalzustand da sucht, wo nur ein intermittierender Ausnahme- und Höhezustand denkbar ist, und das deshalb in der Normalverfassung anderer Menschen nicht imstande ist, seelisch ganz gesund zu funktionieren. Denn während die Anderen die empfangenen Lebensreize...möglichst restlos in praktische oder theoretische Betätigungen...umzusetzen bestrebt sind, stauen sich im schaffenden Menschen, sobald er nicht schafft, die meisten dieser Reize an, ohne ausgegeben zu werden, weil seine Art, das Leben zu leben..., eben dessen künstlerische Verwandlung ist. Wie vieles er also auch davon...tief unter sein Bewußtsein hinunterzudrücken sucht..., so vieles bleibt dort doch, dumpf wirkend, in ihm nach und ersehnt die ihm allein gemäße Aussprache - jene seltenste...und feinste Aussprache...aller Dinge: die künstlerische. So ist er im Grunde beständig, auch bei voller nervöser Gesundheit, ein wenig von der Gefahr bedroht, unter der schwere Hysteriker stehen: jene Typen von Menschen mit seelisch unverdauten Lebensresten, die auch nur erleichtert zu werden pflegen, wenn glückliche Umstände...sie dazu bringen, sich über die Krankheitsursache...auszulassen, auszutoben, bis sie aus ihrem Gemüt gleichsam hinausgeschleudert worden ist. Hysteriker sind selten heilbar, trotzdem...schwere, traurige Erlebnisse bei ihnen auf so trivialem Wege hinwegbefördert werden können; der schaffende Mensch...heilt sich selbst, trotzdem in ihm sogar noch...die subtilsten Ereignisse seines Innenlebens...nur auf einem überaus komplizierten, indirekten, von tausend Störungen gefährdeten wie dem des künstlerischen Schaffens, hinan können aus dem Seelendunkel ans Licht. Sein scheinbares Kranken am Leben ist eben nichts als die Kehrseite seiner Macht über alle Tiefen des Lebens: die verletzliche Sensitivität nichts als ein Werkzeug der alle Dinge besiegenden und durchströmenden Lebensenergie...

      Wo im Künstler Unruhe und Reizbarkeit...sich geltend machen, da sind sie sogar schon...neue Lebenssymptome, wie bei einem genesenden Kinde, das...nach schlimmer Apathie wieder unartig zu werden beginnt. Wohl schafft er noch nicht, aber es schafft, unter der Schwelle seines Bewußtseins, ihm bereits, es...läßt ihn bei keiner Beschäftigung rasten, weil eine jede...den stummen, verborgenen Arbeiter da unten in störende Mitleidenschaft ziehen könnte. Endlich umhüllt all sein Wollen und Denken ein dichter Gefühlsnebel, - aber schon kann diesen ein einziger Strahl lichten und lösen! Für den, der sich auch nur ein kleines, bescheidenes Restchen Geduld...erübrigt hat, vermag dieser Moment vor sicherem Sonnenaufgang ein Glück fast ohne Gleichen zu bieten. Und schon ergießt sich dann das volle Licht um ihn, ein Sonnenstrom..., der...zunächst nur warmer Glanz ist... Denn im letzten Grunde sind die Gegenstände, an denen er dann wirksam wird, nur Gelegenheitsursachen für ihn, sich voll auszustrahlen; in diesem Stadium gibt es einen Augenblick, wo der ganze leuchtende Liebes- und Machtstrom noch zögert, sich endgiltig auf dies oder das zu wenden, wo eine Entscheidung noch in seinem Belieben zu stehen...scheint. Das ist nur ein Augenblick, den keines Menschen Gedanken klar erfassen...kann, - und doch blitzt in ihm mitunter eine spontane Gefühlerkenntnis davon auf, wie eng verschwistert alle schöpferischen Mächte mit einander sind und wie alle Dinge in ihnen so sehr ihre natürliche Heimat haben, daß...alles Leben schöpferisch künstlerisches Werk, alles Werk unmittelbares Lebensganzes zu werden sich sehnt... Dennoch muß gleich darauf der seelische Prozeß sich eng zusammenziehen zu so unwillkürlicher, inbrünstiger Wahl seines künstlerischen Gegenstandes, daß nunmehr alle Schaffenskraft in diesen allein...aufgeht, als läge alles Leben Seligkeit einzig in ihm beschlossen - gerade wie gewaltige Liebeskraft, die plötzlich findet, woran sie sich zeugend entladen könnte...

      Das Werk stellt er nun hin...; im Grunde...für sich selbst, damit es zu ihm rede, als eine Erinnerung an seine intimsten Weihemomente. Um dessen willen ist alle Kritik...in steter Gefahr, sich selbst zu kritisieren. Denn reden kann das Werk nur zu dem, der gleich ihm disponiert ist und in dessen Seele ähnliche Erinnerungen anklingen... Der Wert des Werkes wird einzig dadurch bestimmt, ob es lebt, und das kann nur der künstlerisch Volllebende, der im gegebenen Moment auch selbst immer ein unwillkürlich Reicher, Schenkender ist, allein an sich erproben... Mögen viele oder wenige um ein Kunstwerk sein; mögen sie alles oder nur einiges davon in sich zur Resonanz wecken: es bleibt unter alledem intakt und unantastbar, nachdem es seine Aufgabe an seinem Schöpfer schon vollbracht hat, als er es schuf. Man kann von allem Leben als solchem aussagen, daß es...sich dem kritischen Urteil letzten Endes entzieht, weil man, um kritisch zu urteilen, selbst ein Lebender - das heißt: ein im höchsten Grade Parteiischer - sein muß. Sieht man an irgend einem Lebensteilchen von dessen Leben ab, so behält man nichts übrig als eine...mechanistische Anordnung zerlegbarer Einzelteichen, deren Zusammensetzung unter Umständen genau nachgemacht werden kann, ohne daß deshalb Leben entstünde: genau so ist am Kunstwerk die Mache bis auf jeden Einzelzug nachzuahmen und zu erlernen möglich, ohne daß doch die Wirkung einträte, durch die es lebt. Wie Leben nur durch bereits vorhandenes Leben weitererzeugt wird..., so lebt das Kunstwerk, wird gleichsam immer wieder neu weitererzeugt, lediglich durch den Kontakt dessen, der ihm homogenes Leben entgegenbringt...

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      19.02.1927 - Todestag von Georg Brandes

      = > aus G. B. Sören Kierkegaard. Ein literarisches Charakterbild. Autorisirte dt. Ausgabe ((Übers. N. N.)). Verl. v. Joh. Ambr. Barth: Leipzig 1879 = >

      Die Abhandlung über Mozart's ''Don Juan''...offenbarte zum ersten Mal Kierkegaard's eigenthümliche Begabung als K r i t i k e r, welche man als das Vermögen bezeichnen kann, den Gegenstand der Kritik in ein Ideal seiner Gattung zu verwandeln. Ihm fehlte das Talent, einem Werk oder einer Persönlichkeit den rechten Platz in dem Ensemble, zu dem sie gehören, anzuweisen... Aber die Vorzüge (des Gegenstandes) werden in (diesen) selbst verwandelt, und die Mängel in die sicheren Grenzen oder Kontouren desselben. (Kierkegaard) verstand...mit großem Scharfsinn und begeisterter Lyrik zu idealisieren. Er isolierte seinen Gegenstand so vollständig, wie er es vermochte, aus seinem ganzen historischen Zusammenhange, erklärte und verklärte ihn dann, und erhob sein verklärtes Bild hoch über das Niveau, in welchem andere Menschen ihn sahen. Er warf sich mit anbetender Gebärde vor dem bewunderten Werke aufs Knie..., und während er in leidenschaftlicher Verzückung das Rauchfaß vor demselben schwang, stimmte er einen Hymnus zu seinem Ehren an. Seine Bewunderung ist indessen so reflektirt..., daß sie nicht...ansteckt oder abstößt, sondern gewinnt und überzeugt. In der kritischen Rekonstruktion, die er mit dem Gegenstande vornimmt, sind alle gegenseitigen Proportionen der Theile desselben, alle Verhältnisse nach innen richtig bewahrt, aber zugleich alle Verhältnisse...zur Umwelt, ja zum eigenen Urheber verschwunden oder verrückt, so überspannt und in der Luft schwebend ist seine kolossale Konstruktion. Er vermag dem Werke, das er...verklärt, einen außerordentlichen Werth...zu geben, aber er benimmt sich dabei wie ein König Midas, der Alles, was seine Hand berührt, in Gold verwandelt, so daß das Werk vor den Augen des Lesers in einer güldenen Glorie strahlt... Je mehr (Kierkegaard) sich als Geist entwickelte, desto weniger nahe hielt er sich, wenn er als Kritiker auftrat, an seinen eigentlichen Gegenstand. Derselbe war ihm zunächst ein Vehikel für Das, was er selbst...gerade seinen Zeitgenossen zu sagen hatte, oder ein Anlaß, auf diesem oder jenem seiner liebsten Steckenpferde einen Extraritt zu machen. Seine Kritik fuhr fort, absolut bewundernd zu sein. aber die Bewunderung...hatte nicht mehr den frischen...Charakter, den der Enthusiasmus...in ''Entweder - oder'' hat...

      Die Abhandlung über ''Don Juan'' (ist) auf einer jetzt ganz veralteten metaphysischen Aesthetik von Hegel'schem Zuschnitte aufgebaut. Die Vorzüglichkeit der Oper wird durch das Zusammentreffen und die Uebereinstimmung der beiden Abstraktionen Stoff und Form erklärt... Das beste musikalische Werk soll dort entstehen müssen, wo die abstrakteste Idee das abstrakte Medium der Musik treffe, und durch die absonderliche These, daß die sinnliche Genialität die abstrakteste Idee sei, die sich denken lasse, gelangt der Verfasser dann zu der Hauptthese, daß wir in Mozart's ''Don Juan'' die vollendete Einheit dieser Idee und der ihr entsprechenden Form besitzen.

      Ich habe an anderer Stelle dies Bestreben des Zeitalters geschildet, absolute Muster oder Vollkommenheitsideale zu finden. Es war ein Erbstück jener von Kierkegaard selber so stark bekämpften Philosophie des Absoluten. Man scheute sich vor der Idee des Historischen und des Relativen. Die historische Anschauung, welche keine absoluten Muster kennt, ward beiseit geschoben. Man studirte weder den Künstler, noch sein Zeit, sondern das große Werk - oder die große Persönlichkeit - wurde zum Typus, der, konsequent betrachtet, die ganze Entwicklung der Kunst abschließen zu müssen schien, wie...der Hegelianismus()vermeintlich die Geschichte der Philosophie abschließen sollte. So ward Shakespeare oder Calderon für die Romantiker der absolute Dichter...

      (Kierkegaard) war nicht sehr musikalisch; wäre er es gewesen, so hätte er wahrscheinlich weit Mehr von seinem tiefsten Wesen bei Beethoven gefunden, den er niemals erwähnt... Aber bewunderungswürdig...ist es, daß er, ohne musikalisch zu sein, so tief in die Seele der Musik einzudringen vermochte... Ich glaube nicht, daß es irgendwo in der Literaturgeschichte eine Rechenschaftsablage des Geistes über ein Werk der Musik giebt, die einen Vergleich mit...diesem tiefsinnigen und begeisterten Panegyrikus ((<= veraltet; ähnl. des heute gebräuchl. ''Laudatio'' / w.w.)) aushielte, was nicht abstrakt-ästhetische Theorie, sondern Paraphrase und Auslegung der Musik ist. Ich will z. B. auf Das aufmerksam machen, was hier über die Ouvertüre gesagt wird... Es geht auch hiemit, wie ich vorhin bemerkte: obschon er die Proportionen seines Gegenstandes nach außenhin übertreibt, sieht er alle Verhältnisse desselben nach innen: Die Ouvertüre beginnt mit einzelnen tiefen, ernsten, einförmigen Tönen; da erklingt zum ersten Mal aus unendlicher Ferne ein Wink, welcher jedoch, als sei er zu früh gekommen, im selben Augenblicke zurückgenommen wird, bis man später aber- und abermals, kühner und kühner, lauter und lauter, jene Stimme hört, die sich zuerst hinterrücks, kokett...mit einschlich, aber nicht durchzudringen vermochte. So sieht man zuweilen in der Natur den Horizont finster, umwölkt; zu schwer, um sich selbst zu tragen, stützt er sich auf die Erde und hüllt Alles in seine dunkle Pracht, einzelne hohle Töne erklingen, jedoch nicht in Bewegung, sondern wie ein tiefes Murmeln bei sich selber - da sieht man...fern am Horizonte()ein Flimmern; schnell fährt es längs der Erde hin, im selben Nu ist es verschwunden... Noch glühender blitzt es auf, es ist, als verlöre die Finsterniß selbst ihre Ruhe und käme in Bewegung. Wie das Auge hier in diesem ersten Flimmern die Feuersbrunst ahnt, so ahnt das Ohr in jenem hinsterbenden Bogenstriche die ganze Leidenschaft...

      Wie der Leser...sogleich bemerken wird, nimmt Kierkegaard die Sache durchaus nicht von der technischen Seite, er untersucht nicht einmal rein ästhetisch Mozart's Fähigkeiten...; Wagner'sche Einwendungen würde er kaum einmal verstehen. Verliebt...in den Gedanken einer absoluten Autorität, gehorcht er dem Drange seines dankbaren Herzens, Mozart zu einer solchen zu machen... Er will weniger Mozart beurtheilen, als aufmerksam auf ihn machen, ihm Platz machen, die Flügelthüren aufreißen... Daher gipfelt seine Kritik Don Juan's in einem lyrischen Ergusse: Hört den Beginn seines Lebens! Wie der Blitz aus dem Dunkel der Wetterwolke heraus fährt, so bricht er aus der Tiefe des Ernstes hervor...; hört, wie er sich in die Mannigfaltigkeit des Lebens hinab stürzt, wie er sich an dem festen Damme desselben bricht, hört diese leichten, tanzenden Violintöne, hört das Winken der Freunde, hört den Jubel der Luft...; hört seine wilde Flucht, an sich selbst eilt er vorüber, immer...unaufhaltsamer; hört...das Säuseln der Liebe, hört das Flüstern der Versuchung, hört den Wirbel der Verführung...

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      22.02.1903 - Todestag von Hugo Wolf

      Der folgende (hier nur knapp gekürzte) Nachruf erschien am 23.02.1903 in der Abendausgabe der (Wiener) 'Neue(n) Freien(n) Presse'. Der Verfasser R. C. Kukula >1862/1919< promovierte 1885 in klassischer Philologie und war später (ab 1905 resp. 09) erst außerordentlicher, dann ordentlicher Professor in Graz.

      Dem armen...gestorbenen H. W. bin ich mehrere Jahre hindurch nahegestanden... Ich begegnete im Frühlinge...1885 dem damals kaum 25jährigen Componisten...zum erstenmale in der Redaction des 'Wiener Salonblattes', für welches, den Bedürfnissen des österreichischen Adels entgegenkommende Blatt W. damals die Musikkritik besorgte. Anfänglich blos als Corrector des Blattes tätig, bald aber in der Redaction selbst allseitig beschäftigt, kam ich gleich in den ersten Tagen...mit dem knorrigen, Entgegenkommen und Rücksichtnahme selbst dem Namen nach nicht kennenden Musikreferenten in ernsten Conflict. W. schrieb seine Referate voll ernstesten Eifers...und mit bedeutender Sachkenntnis - aber von einem...von Vorurtheilen gesättigten Standpunkte aus... Da hagelte es Spott und Hohn auf Johannes Brahms und die denselben protegirenden Philharmoniker, da wurde gegen Gounod und Ambroise Thomas gewettert, daß es seine Art hatte, und da regnete es Hiebe nach allen Seiten, vor Allem gegen den Hofopern-Director Jahn und seine Capellmeister. Dafür wurde selbstverständlich Wagner als 'Einziger', als 'Titan' gepriesen, Bruckner bejubelt und Berlioz - und dieser wol über alle Gebühr - verhimmelt. Das Schlimmste war aber der Mangel jeglichen Stylgefühls, welcher allerlei gräßliche Satzungethüme und eine allerdings eigenthümlich lebhafte, gern mit einigen Reimen eigener Factur durchsetzte Prosa zu Tage förderte.

      Es war meine Pflicht, bei den Aufsätzen Wolf's, dessen originelle Kritiken trotz ihrer äußeren Verwahrlosung bereits Aufmerksamkeit erregt hatten, selbst helfend einzugreifen. Da stieß ich nun sofort mit dem übernervösen Autor zusammen; schon nach der ersten Nummer, die ich zusammengestellt hatte und in welcher ich einige echt Wolf'sche Satzungethüme kurzweg entfernt hatte, rückte mir ein derangirt angezogener, schlecht rasirter junger Mann auf die Redactionsstube und stellte mich, ohne sich erst vorzustellen, wegen meiner Abstriche...zur Rede. Ich sah bald, wen ich vor mir hatte, und hatte alle Mühe, den Erregten zu beruhigen. Meine Ruhe und wol auch mein sichtliches Interesse für die in der betreffenden Kritik besprochenen musikalischen Fragen imponirten ihm doch sichtlich, und er wurde sogar, nachdem er in mir einen Landsmann erkannt hatte, etwas freundlicher. Ein eigentliches Freundschaftsverhältniß wollte sich indeß lange nicht einstellen: jede geringste Aenderung..., ja auch nur der geringste Abstrich brachte Wolf's Blut in Wallung, und er konnte dann, trotzdem er mich gewöhnlich freundlicher als seine sonstigen Bekannten behandelte, ganz entsetzlich grob werden. Nach jeder Nummer gab es anfänglich ärgerliche Auftritte, die manchmal meine Geduld der ärgsten Belastungsprobe aussetzten. Allein bei mir siegte immer das Mitleid mit dem auf das dürftige Zeilenhonorar und auf einige Clavierstunden gänzlich angewiesenen Tondichter und wol auch der Respect vor seinem Talente, das sich mir und einigen wenigen Bekannten, denen W. überhaupt traute, immer offenbarer entfaltete...

      Endlich bildete sich, da W. meine Competenz, ihm schriftstellerischen Rath zu geben, doch anerkennen mußte, doch ein angenehmes Verhältnis heraus, er wurde zutraulicher und ließ mich tiefe Blicke in seinen inneren Menschen thun. Ich kann nicht leugnen, daß ich gleich...wenig Hoffnung auf eine gedeihliche Zukunft meines Freundes hegte. Die materiellen Verhältnisse waren die beschränktesten, der Zins für eine dürftig möblirte Stube mit einem elenden, aus einer Clavier-Leihanstalt beigestellten Harmonium und einem großen Wasserbottich für die zum Bedürfniß gewordenen täglichen kalten Bäder konnte nur schwer beschafft werden. Dabei hingen...alle seine Hilfsquellen fortwährend in der Luft. Leute, von denen W. abhing, bei denen er durch Lectionen sein tägliches Brot erwarb, brüskirte er ebenso, wie alle Redactions-Kollegen - er kannte keine Rücksicht und vergaß immer an sich selbst und seine traurige Abhängigkeit, dabei gährte es seinem Innern, sein großes Talent, an das er selbst am wenigsten glaubte, rang gegen seinen Willen nach Bethätigung. Es wurde allerlei componirt, vieles Fertige als ungenügend schlankweg vernichtet, Manches auch blos beiseite geworfen.

      Ein gräßlicher Skeptiker, wie er war, konnte er nur mit größter Mühe dazu beredet werden, Mitte September 1885 ein fertiges Kammermusikstück dem schon damals bekannten Quartett Rose zur Aufführung zu übergeben. Unzufrieden mit sich und der ganzen Welt, prophezeite er den Mißerfolg, seine Aufregung unter den schandvollsten Witzeleien - denn durch derlei liebte er seine Umgebung zu täuschen - verbergend. Das Unglück wollte nun, daß W. diesmal...Recht behalten sollte. Die Quartettleitung, welche W. nur von seinen spißigen Kritiken her kannte und trotz der Empfehlung seines Mitgliedes, des uns befreundeten zweiten Geigers Loh, von seinem Talente keine Ahnung hatte, lehnte die Aufführung...ab. Wie tief W...getroffen wurde, zeigte ein Aufsatz, den er mir in den nächsten Tagen zur Veröffentlichung...übergab. Ein Satz aus demselben...möge hier, da er zugleich als Stylprobe im besseren Sinne zu dienen vermag, seinen Platz finden: Man wird über solche Enttäuschungen zum Narren, zum Trunkenbold, zum Misanthropen, zum Sterndeuter, zum Hungerleider, zum Schatzgräber, zum Schuldenmacher, zum Teufelsbeschwörer, zum lyrischen Dichter, zum Bummler, zum unglücklichen Liebhaber, ja sogar zum Recensenten, wie z. B. ich; fürwahr, man sollte sich in ein möglichst kühles Verhältniß zu seinen Wünschen und Hoffnungen setzen, ihnen so wenig als nur möglich Gehör schenken.

      Diese und viele ähnliche Enttäuschungen machten natürlich den Componisten immer mürrischer und verschlossener. Selbst wir, seine engeren damaligen Bekannten, wurden es oft thatsächlich müde, immer fruchtlos zu beschwichtigen... Allerlei köstliche Liederperlen entfalteten sich ja vor unseren Blicken - Manches wurde auch in Privathäusern vor einigen Geladenen zu Gehör gebracht und erregte Aufsehen - allein die Verbitterung des immer wieder Getäuschten nahm trotzdem immer zu. Mir war es schon Ende 1886 klar, daß W. sich selbst und seine geistigen Fähigkeiten systematisch zu Grunde richte, mir war schon damals vor den plötzlichen bösen Seitenblicken, vor den unvermittelten jähen Stimmungsübergängen ernstlich bange. In dieser Zeit sendete er mir einen Aufsatz, der mich wegen seiner Leidenschaftlichkeit in Aufregung versetzte. Der Schlußsatz erschreckte mich geradezu: Das aber sage ich, und keine Macht der Erde und des Himmels soll mich darin irremachen, wer mich versteht, der versteht mich, und wer mich nicht versteht, der versteht mich nicht, und wer die Klarheit dieses Satzes zu bezweifeln Lust zeigen sollte, den verachte ich...

      Da war es für W., das sah ich ein, Zeit, sich nach anderen Einnahmsquellen umzusehen... Ende 1887 schied er also aus der Redaction, ohne daß dadurch unsere freundschaftliche Verbindung gleich gerissen wäre; erst als ich im Sommer 1888 heiratete und damit in Wolf's, des Eheverächters, Augen einen dummen Streich machte, wurden wir uns fremder, und seit dem Sommer 1890, in welchem ich Wien verließ, habe ich ihn nicht wiedergesehen. Ich habe es mit Freude und ein klein wenig Stolz erlebt, wie W. im letzten Jahrzehnt bekannt, ja berühmt geworden ist, wie seine herrlichen Liederkränze ihm immer zahlreichere Anhänger zuführten; freilich zitterte ich daneben immer für den Armen, von dem ich wußte, wie sehr er die Oeffentlichkeit scheute, und wie wenig er, der sich selbst zu wenig zutraute, den Aufregungen der Oeffentlichkeit gewachsen war. Und wie ich es ahnte, so ist es leider gekommen. Der Geist Wolf's war seit Jahren umnachtet, und der physische Tod für ihn...nur eine Erlösung.

      zit. v. anno.onb.ac.at
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      (Udo Lindenberg)