Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • < < = = # Daß Musset sich an Byron gebildet hat, ist unbestreitbar. Er verdankt (diesem) zahlreiche Anregungen - aber niemals hat M. seine Individualität preisgegeben, und diese hat sich mit der Zeit zur vollkommenen Selbständigkeit entwickelt. Weil er das fühlte, mußte ihn der immer wiederkehrende Vorwurf, daß er B. nachschreibe, verdrießen. Und dieser Verdruß findet in vielen seiner Dichtungen einen ernsthaften oder spöttischen Ausdruck. Am ruhigsten spricht er seine Meinung in der Vorrede aus, die er einer der späteren Auflagen der ''Lieder aus Spanien und Italien'' voranschickte: Man hat mir vorgeworfen, daß ich...mich von (gewissen Dichtern und Werken) anregen lasse. Darauf kann ich nur antworten, daß man mich deshalb hätte beloben sollen, anstatt mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wer einen Gedanken oder auch nur ein Wort s t i e h l t, der muß allerdings wie ein literarischer Verbrecher betrachtet werden, trotz der Berufung auf das Moliere'sche Wort, daß man das, was man für tauglich erachte, nehmen könne, wo immer man es finde. Wer aber sich an einem Meister bildet, der begeht nicht nur eine erlaubte, sondern sogar eine lobenswerte Handlung. Wer den jungen Leuten die Erlaubniß entzieht, sich anregen zu lassen, der raubt dem Genius das schönste Blatt seines Kranzes: den Enthusiasmus, der raubt dem Liede des Hirten auf den Bergen den süßesten Reiz seines Refrains: den Widerhall vom Thale.

      (M. und Heine), die sich in so vielen wesentlichen Punkten glichen, scheinen überhaupt keine Sympathie für einander empfunden zu haben. Wenn Heine ihm auch die erste Stelle unter den zeitgenössischen Kritikern anweist, so ersieht man doch aus (diversen) Aeußerungen über M., daß er kein rechtes Wohlwollen für den jungen Mann, der ''eine schöne Vergangenheit vor sich hatte,'' fühlte; und auch die brieflichen Aeußerungen Mussets über Heine sind nicht herzlich, nicht einmal verbindlich zu nennen.

      Im Uebrigen scheint M. für das deutsche Wesen sehr eingenommen gewesen zu zu sein. Mehrere seiner Figuren in den Dramen - und gerade diejenigen, die er besonders sympathisch gestalten will - sind Deutsche. Er hat die vornehmsten deutschen Dichter gelesen und bewundert sie aufrichtig und verständnisvoll. Einer seiner Dichtungen trägt ein Schiller'sches, eine andere ein Jean Paul'sches Motto. Das Goethe'sche Gedicht ''Selbstbetrug'' hat er sogar übersetzt und bis auf einen Vers (den letzten) so stimmungsvoll richtig, daß man darauf schwören möchte, der Uebersetzer müsse der deutschen Sprache mächtig gewesen sein.

      Außer dieser Uebersetzung ist noch eine andere zu erwähnen, die der berühmten neunten Ode im dritten Buches des Horaz, die er sogar in zwei verschiedenen Bearbeitungen, einer ziemlich wörtlichen und einer freieren, in seiner Muttersprache wiedergegeben hat; namentlich die letztere ist ganz hervorragend. Wir wollen hier nur den Anfang citiren:

      Du temps ou tu m'aimais, Lydie, * De ses bras nul autre que moi * N'entourait ta gorge arrondie; * J'ai vecu plus heureux qu'un roi.
      Donec gratus eram tibi * Nec quisquam potior bracchia candidae * Cervici juvenis dabat, * Persarum vigui rege beatior.
      Als Du mich noch im Herzen trugst, * Und kein trauterer Freund zärtlich die Arme Dir * Um den blendenden Nacken wand,
      Schwelgt' in reicherem Glück Persiens Herrscher nicht.

      Alfred de Musset verausgabt seine dichterische Vollkraft innerhalb des kurzen Zeitraums von ungefähr fünf Jahren, etwa von Mitte des Jahres 1834 bis Mitte 1839. Während dieser Zeit wird er von derselben Stimmung beherrscht, jenem tiefen Weh, daß er als la maladie du siecle bezeichnet und das unserm Begriff von ''Weltschmerz'' ungefähr entspricht. Mit wenigen Ausnahmen - das wirklich schöne und stimmungsvolle ''Erinnerung'', das Gedicht ''an Victor Hugo'', nachdem er diesem zufällig begegnet ist und sich mit ihm wieder ausgesöhnt hat, und ''An meinen Bruder, als er aus Italien heimkehrte'' - schreibt er ((danach)) nur noch kleine Gelegenheitsgedichte, die je nach der zufälligen Anregung auch mehr oder minder unerheblich sind. # ((aus Paul Lindau >1879/1919< ''A. d. Musset'' Verl. Hofmann & Campe: Berlin 1877; zit. v. archive.org))

      Eine Zusammenstellung von Kompositionen, die auf Vorlagen von Alfred de Musset zurückgehen, scheint es nicht zu geben :| Nach seinem (1834 erschienenen) Stück ''Fantasio'' schrieben sowohl Jacques Offenbach (UA 1872) als auch Ethel Smyth (1898 Weimar) gleichnamige Opern. Auf die Verserzählung ''Namouna'' geht Georges Bizets (1872 uraufgeführte) komische Oper ''Djamileh'' zurück; Gustav Mahler leitete 1898 deren Wiener Erstaufführung. Leo Delibes vertonte 1874 Mussets Gedicht ''Les filles de Cadix''. Das dürfte längst nicht alles sein......
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      06.05.1814 - Todestag von Georg Joseph Vogler

      # Sein Vater erlernte bei einem Geigen- und Zithermacher zu Füssen dessen Kunst, war dabei ein tüchtiger Violin- und Violoncellospieler, ging auf die Wanderschaft, ließ sich in Würzburg nieder und trat in die dortige Hofcapelle als Musiker und Geigenmacher ein. Der Knabe besuchte das Gymnysium und Lyceum bei den Jesuiten, da keine andere wissenschaftliche Anstalt in Würzburg sich befand.

      Besonders als Orgelspieler leistete er schon früh Hervorragendes, als er daher nach Mannheim ging, um seine theologischen Studien fortzusetzen, hauptsächlich aber weil ihn das dortige Musiktreiben mächtig anzog. Unter Stamitz' Direction hatte die Musikcapelle einen Weltruf erlangt und Iffland mit seinen Genossen zog der Kurfürst nach Auflösung des Gothaischen Hoftheaters in (seine) Dienste. Lessing nannte Mannheim den Vorhof für Kunstjünger.

      Das Verlangen nach einer höheren Musikausbildung trieb ihn nach Italien. Statt contrapunktischer Fertigkeit suchte er Aufklärung über Akustik und das Verhältniß der Accorde unter sich in ihrer Bildung und Verwandtschaft. Er setzte die alten Herren mit seinen Fragen in Verlegenheit, da er über Gegenstände Belehrung verlangte, die bis dahin ununtersucht war(en). 1775 befand sich V. wieder in Mannheim und der Kurfürst ernannte ihn zum Vicekapellmeister, was Cannabich sehr verdroß, da er als ältestes Mitglied auf den Posten gerechnet hatte. Seine Schrift ''Tonwissenschaft und Tonsetzkunst'' (Mannh. 1776) zeigte ihn als Begründer der modernen Harmonielehre. Da sie mehr für den Lehrer als den Schüler berechnet ist und die Lehrsätze in eine knappe Form faßt, so erschienen 1778 bis 1781 drei Jahrgänge ''Betrachtungen der Mannheimer Tonschule'' reichlich mit Beispielen versehen. Dieselben behandeln praktisch alle Stilarten, wie den Concertstil, Theaterstil, Kirchenstil, analysiren berühmte Werke, wie das Stabat mater von Pergolese, lehren Instrumentiren, den Gebrauch der Instrumente u. a. mehr. Schüler aus allen Gegenden eilten nach Mannheim.

      Mozart, der (dort) 1777 auf eine Anstellung hoffte, sah, von der in der Capelle herrschenden Erbitterung gegen V. angesteckt, <<V. kam mit seinen Hofmusikern nur bei den Musikproben und Aufführungen in Berührung und stand ihnen gesellschaftlich fern>> in ihm den Feind. Man citirt gern Mozart's Brief vom 22. November 1777 und zieht daraus einen Schluß auf Vogler's Leistungen und seinen Charakter, die Verhältnisse lagen aber anders und die Schuld an Mozart selbst.

      Auch als Componist war V. aufgetreten. (Seine Werke) zeichneten sich nicht eben durch hervorragende Erfindungskraft aus; den Hauptwerth legten sie auf eine richtige und wohlklingende Harmonie. Von der Idee beseelt, sein System zum Gemeingut der ganzen musikalischen Welt zu machen, suchte er sein Heil bei den Akademien der Wissenschaften. Da Deutschland sich ihm feindlich entgegensetzte, richtete er seine Blicke nach dem Auslande, nahm Urlaub und ging im Dezember 1780 nach Paris. Nach vielfachem Drängen erreichte V. ein begutachtendes Urtheil, in welchem sein System für eine Weiterentwicklung des Rameau'schen erklärt wird. Orgelconcerte in der Kirche St. Sulpice verschafften ihm eine gute Einnahme und wahre Bewunderung. <<wir haben über sein Orgelspiel mehrfache Urtheile von bewährten Fachmännern, darunter dem bekannten Orgelvirtuosen Rinck, die es als hervorragend bezeichnen.>> (In England reichte er sein System) der Royal Society zur Begutachtung ein und erhielt vom Präsidenten eine zustimmende Erklärung. In Amsterdam traf ihn vom Schwedenkönig Gustav III. die Ernennung zum Capellmeister und Lehrer des Kronprinzen.

      Gustav III. war ein eifriger Förderer der Tonkunst und berief an seinen Hof zahlreiche Ausländer von Bedeutung. V. als katholischer Priester in einem exclusiv-protestantischen Lande erregte viel Mißbehagen. Indessen ging V. seinen Arbeiten mit Energie entgegen, gründete eine Sing- und eine Musikschule, und brachte Gluck's Opern zu ersten Aufführungen in Stockholm. Die Urlaubszeit nützte er zu Reisen, auf denen er sich als Clavier- und Orgelvirtuose hören ließ.

      Seine Augenmerk richtete er auf alle bedeutenden Orgelwerkstätten. Durch neue Zungenstimmen <<jede einzelne Pfeife selbst ließ sich zum Fortissimo und Pianissimo gebrauchen>> erreichte er bei kleineren Orgeln dieselbe Kraft wie bei größeren und so entstand das Vogler'sche ''Simplifications-System'', das viel Aufsehen erregte, freilich auch ebenso viel Widersacher als Bewunderer fand. Es fußte auf der Entdeckung Tartini's, daß, wenn man einzelne Intervalle eines Dreiklangs mit einander verbindet, dadurch ein tieferer Ton in der Luft entsteht. V. erklärte ferner, jeder Ton besteht aus dem Grundton, der großen Terz und reinen Quint. Die Orgelbauer hatten dies Prinzip schon längst in ihren Mixturen empirisch angewendet. V. versuchte nun dasselbe auf das gesammte Pfeifenwerk seiner simplificirten Orgeln anzuwenden. Mendelssohn war entzückt von der Disposition, konnte sich aber auf dem Pedal nicht zurecht finden, auch Rinck in Darmstadt war mit dem Princip enverstanden, mußte aber seine Unfähigkeit erklären die Orgel zu spielen. V. war ein Idealist, sah in jedem künftigen Organisten sich selbst an der neuen Orgel sitzen.

      Als die ausbedungene Pension von Schweden trotz aller Verhandlungen nicht mehr gezahlt wurde, wandte er sich an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt, der ihn mit offenen Armen empfing und alles bewilligte. 1806 trat er seine Stellung als Capellmeister an mit freier Wohnung und Kost. Am Schluß seines Lebens hatte er noch die Freude zwei bedeutenden Schülern mit seinem Wissen und Können zu dienen, es waren Weber und Meyerbeer. Weber verließ ihn 1811, das seine Mittel erschöpft waren, Meyerbeer konnte sich von V. nicht trennen, bis ihn derselbe selbst fortschickte, da er nun auf eigenen Füßen stehen müsse.

      Seine Bestrebungen der Harmonielehre feste Grundsätze zu geben, blieben zwar nicht unbeachtet, doch andere sollten erst die Früchte ernten. Als Componist fehlte ihm eine tiefere originale Erfindung. Trotz der Anerkennungen, die man ihm bereitwillig darbot, verschwanden seine Werke, sobald er selbst als mächtiger Hebel nicht mehr wirken konnte. Von den Vogler'schen Erfindungen hat sich die neuere Orgelbaukunst manches zu Nutze gemacht, doch in anderer praktischerer Weise. #
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