"Das Rheingold" (Richard Wagner), Theater Bielefeld, 03.03.18 (Premiere)

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    • "Das Rheingold" (Richard Wagner), Theater Bielefeld, 03.03.18 (Premiere)

      Musikalische Leitung: Alexander Kalajdzic
      Inszenierung: Mizgin Bilmen
      Bühne: Cleo Niemeyer.

      "Wie viele Ringe braucht der Mensch?" heißt es in einem Thread dieses Klassikforums. Nach dieser grandiosen Inszenierung kann ich nur sagen: unendlich viele, insofern sie die gleiche Qualität haben. Es war eine sehr politische Inszenierung, die jedoch, wie ich fand, unheimlich klug und tiefgründig umgesetzt wurde. Über einige Schockbilder, die gezeigt wurden, kann man streiten (siehe Online-Artikel).

      http://www.nw.de/kultur_und_freizeit/kultur/22076796_Bielefelder-Rheingold-reizt-zum-Nachdenken.html

      Als das Bild der angeschwemmten Kinderleiche z. B. gezeigt wurde, fand ich' s schon sehr heftig. Ich musste kurz wegschauen und mich sammeln. In dem Moment hatte ich mich ebenfalls gefragt, ob das wirklich sein muss, aber kurz darauf wurde mir bereits klar: Ja, es muss sein! Ich empfinde diese Inszenierung als ein Gesamtkunstwerk und es gab so viele interessante Details … der "Ring" war z. B. kein einfacher Goldring, sondern ein Schlagring. Ich möchte auch nicht zu viel verraten, aber zu mindestens schon mal einige Details, die ich als erwähnenswert empfinde.
      Wotan, Fricka, Freia, Donner, Froh, Alberich: die Gesichter sind weiß geschminkt und sie sind weiß gekleidet. Wangen: pinkfarbene waagerechte Streifen, sowie pinkfarbene Lippen. Sie wirkten dadurch ein wenig wie Zirkusfiguren. Dementsprechend fand ich es sehr gelungen, Alberich mit einem Zirkus-Direktor-Kostüm zu versehen (so habe ich seine Kostümierung jedenfalls interpretiert). Die drei Rheintöchter, Woglinde, Wellgunde und Floßhilde, waren hingegen ganz anders geschminkt: zwar ebenfalls Gesicht mit weißer Grundierung und weiß gekleidet (mit netzartigen Strickkleidern), jedoch von der Schminktechnik her an indigene Völker erinnernd (diese werden dann übrigens auch im Programmheft erwähnt) und barfuß.Loge: linke (!) Körperhälfte, Gesicht u. Brust, ist mit Brandwunden übersät (Loki/ Loge = Feuergott bzw. im Rheingold ja nur noch "Halbgott" und Vertrauter Wotans).
      Wotan: das linke Auge fehlte nicht bzw. wurde nicht als fehlend dargestellt. Dafür hatte er ein drittes Auge auf seiner Mütze (Kapitänsmütze?) - in Form einer silbernen Pailletten-Applikation. Was ich noch sehr interessant fand: Wotans Speer war mit schwarzen ("Adler-"?) Flügeln versehen!
      Gesanglich fand ich es zwar etwas durchwachsen, aber besonders hervorzuheben wäre, wie im Artikel erwähnt, Erda, die wie eine madonnenhafte Erscheinung wirkte und wirklich hervorragend gesungen. Neben Erda (Katja Starke) haben mir Alberich (Yoshiaki Kimura) und Fafner (Sebastian Pilgrim) sowohl schauspielerisch, als auch gesanglich am besten gefallen. Sebastian Pilgrim hat mich in früheren Inszenierungen schon sehr beeindruckt. Donner wurde dieses Mal leider nicht von meinem Lieblingsbaritonsänger des Bielefelder Ensembles, Evgueniy Alexiev, dargestellt. Vielleicht habe ich ja bei der nächsten Aufführung (10.03.) Glück. Mal schauen. Olaf Haye fand ich aber auch nicht schlecht. Alexiev ist jedoch sowohl gesanglich, als auch darstellerisch einfach nicht zu toppen. Er hätte, unter normalen Umständen, auch einen sehr viel besseren Wotan abgegeben, aber ich denke, dass Wotan hier mit Absicht genau so und nicht anders dargestellt werden sollte: nämlich als "heruntergekommen" und alternd (was sich auch in der Gesangsqualität widerspiegelte, wie ich fand). Wotan trug zudem einen Plüschmantel, Netzhemd, silberfarbene Angeberketten und eine Aladin-Hose (und ja die Kapitänsmütze mit silberfarbenen Applikationen). Silber ist ja minderwertiger als Gold, daher denke ich, wird man sich - bei diesem Wotan - für eben dieses Edelmetall entschieden haben.
      Es gibt aber noch weitere Details, über die ich nachdenken muss und die ich mir am Samstag genauer anschauen werde. Am Samstag hat mich zudem der Froh-Darsteller sehr in seinen Bann gezogen bzw. öfter mal abgelenkt. Er war ein absoluter Hingucker. :jaja1: Froh und Donner sind als androgyne Wesen dargestellt worden: Donner mit Röckchen und Plüschkragen und Froh mit Barockschuhen, Kniestrümpfen, Manschetten (am Knie), kniehohen Netzstrumpfhosen, einem hautengen Hüftslip, einer Korsage, einer Glitzer-Bolerojacke, (die an einen zerbrochenen Spiegel erinnerte), einem Federhut und einem Gehstock. Stand beiden jedenfalls ausgesprochen gut und sie wirkten keineswegs lächerlich. Die "Sklaven", die im Artikel aufgeführt werden, habe ich übrigens lediglich als Erde bzw. als "Bodenschätze" angesehen. Deren Kostüme hatten Riss-Muster, also wie die einer ausgetrockneten, verdörrten Erde. Alberich hat dann auch, als er das Gold zu sich nahm, eine der Darstellerinnen "geöffnet" (also den Reißverschluss am Torso geöffnet) und ein helles Licht (also das Gold) kam hervor. Ich dachte da spontan an Bodenschätze, die hier "geraubt" werden. Zudem lief Fricka stets mit einem am Rücken befestigten Kasten herum, der einen Baum enthielt: was, zu mindestens meiner Meinung nach, halt die Natur symbolisieren sollte. Sie hatte also keine goldenen Äpfel, aber diesen Kasten, an dem ein Schlauch hing und von dessen Ende bzw. Luft sie hin und wieder alle schnuppern ließ. Aber auch hier steckt natürlich viel Interpretationsspielraum … Ich sah in den herumkriechenden Kreaturen also keine Arbeitssklaven, sondern lediglich die ausgebeutete Erde. Das würde auch zu den Kriegs-Videos (und –Bildern) passen, die gezeigt wurden, da ja Kriege nun mal in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen heraus geführt werden. Kurz noch zu Loge: ich fand ihn zwar sehr gut, aber seine übertriebene "Konsonanten-Spuckerei" ging mir ziemlich auf die Nerven. Das ist aber auch der einzige negative Kritikpunkt an seiner darstellerischen Leistung. Zur musikalischen Leitung: ja, das "Hypnotische" fehlte tatsächlich und ich fand vor allem das Vorspiel ein wenig enttäuschend. Das Es-Dur-Brummen fand ich nicht leise genug. Es wuchs nicht (Crescendo), sondern war gleich "da". Ich weiß nicht, wie ich es besser zum Ausdruck bringen soll, aber ich hoffe, ihr versteht, was ich meine. Kein Vergleich zur Mindener Inszenierung aus dem Jahre 2015, um mal in der Region zu bleiben. Ich denke aber, dass dies auch beabsichtigt wurde, da es sich nun mal um eine recht verkopfte Inszenierung handelt, die halt eben nicht hypnotisch daherkommen soll. Wirklich emotional wirken eigentlich nur die Bilder und Videos, die gezeigt wurden. Hier wird man "gepackt" … und Erdas Auftritt, der einem eine Gänsehaut bereitete. Über das Bühnenbild muss ich allerdings noch nachdenken. War mir zu einfach strukturiert. Vielleicht war' s allerdings auch beabsichtigt, da es sonst zu sehr von den anderen (handlungsrelevanten) Details abgelenkt hätte. Direkt neben mir saß übrigens ein Pärchen und kurz vor Beginn der Vorstellung hatte er ihr empfohlen, sich das Programmheft anzuschauen und sie meinte daraufhin: "Entweder es erschließt sich von selbst, oder ..." Dann kam nichts mehr. Jedenfalls war dadurch klar, dass sie die Opern-Tetralogie nicht kannte und das fand ich wiederum sehr schade. Wer sich mit dem Ring nicht im Vorfeld beschäftigt, kann ihn eh nicht richtig verstehen und genießen. Zudem war dies eh keine Anfänger-Inszenierung, sondern eher etwas für Fortgeschrittene bzw. solche, die den Ring bereits gut kennen.

      Mich würden weitere Meinungen sehr interessieren und ich hoffe, dass ich nicht das einzige Forenmitglied bin, das sich diese Inszenierung anschaut/ angeschaut hat. :wink:
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    • Newbie69 schrieb:

      und ich fand vor allem das Vorspiel ein wenig enttäuschend. Das Es-Dur-Brummen fand ich nicht leise genug. Es wuchs nicht (Crescendo), sondern war gleich "da". Ich weiß nicht, wie ich es besser zum Ausdruck bringen soll, aber ich hoffe, ihr versteht, was ich meine.
      "Wachsen" soll der Klang im Vorspiel schon - aber eben nicht durch ein Crescendo, sondern indem immer mehr Instrumente hinzutreten. Die Dynamikbezeichnung ist von Anfang an bis ein paar Takte vor dem Einsatz Woglindes "piano" - es ist also nicht falsch, wenn die Kontrabässe gleich zu Anfang präsent sind und dann nicht lauter werden.

      Im besten Falle (und das kann man gerade live schön erleben) ist das Vorspiel kein großes Crescendo, sondern mehr ein Klang, der sich immer breiter und differenzierter im Raum entfaltet. Ich finde eher die Interpretationen problematisch (und das sind nicht wenige), die hier tatsächlich um des Effekts willen (oder weil die Orchestermitglieder unwillkürlich lauter werden) am Schluss des Vorspiels eine Art Rheinfall von Schaffhausen evozieren. "Ruhig heitere Bewegung" betrifft m.E. nicht nur Tempo und Charakter, sondern auch den Klang.

      :wink:
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    • @Zwielicht:
      Da ich ja lediglich ein Klassik-"Newbie" bin, erkläre ich es mal mit den Worten von Stefan Mickisch. In seiner Rheingold-CD heißt es: ..."Die Natur entsteht aus einem somnambulen Zustand heraus - mit aufbauender Tendenz … etwas wächst ...". Mir war es nicht "somnambul" genug.

      Im Rheingold-Video sagt er: "Rheingold ist am Anfang unwahrscheinlich leise" …und dann spricht er von einem "sich Einklinken in einen Urzustand" (ganz zu Beginn des Videos):

      youtube.com/watch?v=S0yBURu6WdM

      Mir war es halt nicht leise genug. War jetzt aber auch nicht schlimm, sondern nur ein wenig enttäuschend, da man sich ja gerade zu Beginn sammelt, um sich ganz auf die Musik einzulassen … und wenn' s dann doch etwas lauter beginnt, ist es halt anders als erwartet. So habe ich es halt empfunden. Aber das ist ja Ansichtssache und womöglich ja sogar bewusst eingesetzt worden. Ansonsten fand ich die Inszenierung toll und ich freue mich sehr auf heute Abend. :)
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    • Newbie69 schrieb:

      Stefan Mickisch. In seiner Rheingold-CD heißt es: ..."Die Natur entsteht aus einem somnambulen Zustand heraus - mit aufbauender Tendenz … etwas wächst ..."

      Newbie69 schrieb:

      Im Rheingold-Video sagt er: "Rheingold ist am Anfang unwahrscheinlich leise" …und dann spricht er von einem "sich einklinken in einen Urzustand
      Nun bin ich kein Anhänger von Stefan Mickisch, aber das soll mal außen vor bleiben.

      Den "somnambulen Zustand" leitet Mickisch wohl aus Wagners Schöpfungsfiktion in dessen Autobiographie ab (La Spezia, 4.9.1853: Am Nachmittage heimkehrend, streckte ich mich todmüde auf ein hartes Ruhebett aus, um die langersehnte Stunde des Schlafes zu erwarten. Sie erschien nicht; dafür versank ich in eine Art von somnambulem Zustand, in welchem ich plötzlich die Empfindung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke, erhielt. Das Rauschen desselben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-dur-Akkordes dar...).

      "...am Anfang unwahrscheinlich leise" - da würde ich statt des Piano eher eine Dynamikvorschrift wie Pianissimo oder das dreifache p erwarten, deren Wagner sich ja sonst auch recht häufig bediente. Ich meine, das Es am Anfang sollte leise sein, aber gut hörbar, präsent. Und klar, "etwas wächst": Der Klang wird natürlich nicht nur vielfältiger, sondern quasi automatisch auch immer lauter, je mehr Instrumentengruppen dazutreten. Mein Punkt war nur, dass dieses "Wachsen" nicht zusätzlich durch ein Crescendo verstärkt (und vergröbert) werden muss.

      Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie es in Bielefeld oder Minden gespielt wurde. Und ich gebe zu, dass mich meine Opernbesuche recht selten nach Ostwestfalen führen... :huh: Aber ich finde es toll, dass du dort die Möglichkeiten hast, das Werk in zwei verschiedenen Interpretationen live zu hören und zu vergleichen.

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      "...am Anfang unwahrscheinlich leise" - da würde ich statt des Piano eher eine Dynamikvorschrift wie Pianissimo oder das dreifache p erwarten, deren Wagner sich ja sonst auch recht häufig bediente. Ich meine, das Es am Anfang sollte leise sein, aber gut hörbar, präsent.
      genau. Und das heißt, daß wir sozusagen beim eigentlichen Anfang, der quasi aus dem Nichts herauskommen würde, nicht dabei sind. Mickisch spricht m.E. zu recht vom "sich Einklinken", macht sich nur nicht genau klar, was das bedeutet. Durch dieses "sich Einklinken" (noch besser vielleicht "eingeklinkt werden") wird quasi ein undefiniertes Vorhergehendes suggeriert - paradox, daß gerade die relative Bestimmtheit am Anfang einen unbestimmten Anfang bedeutet. Für ein solches Verständnis spricht auch, daß es ja gleich am Anfang schon ein Oktavklang Kontra-Es - Es ist, was auch eine gewissen Bestimmtheit mit sich bringt.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Das gestrige Vorspiel war perfekt! Ein wahrer Hochgenuss. :verbeugung1: :verbeugung1: Und überhaupt: die Philharmoniker (unter Leitung v. Alexander Kalajdzic) haben sich mal wieder selbst übertroffen. Ich fand sie nun sehr viel besser als noch vor einer Woche. Einziger Minuspunkt der gestrigen Aufführung: Leider, leider wurde Loge dieses Mal nicht mit Alexander Kaimbacher besetzt. Dadurch ist mir zum ersten Mal so richtig klar geworden, wie entscheidend wichtig ein guter Loge für eine gute Rheingold-Aufführung ist. Hier fehlte er definitiv. Zudem wurde Donner auch dieses Mal nicht mit Evgueniy Alexiev besetzt. Ein Grund mehr, mir eine weitere (3.) Aufführung anzuschauen ... ^^ Dann mit meiner Wunsch-Besetzung ... alle guten Dinge sind drei. :jaja1:
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