BERG: Wozzeck – Oper des Expressionismus

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Ecclitico schrieb:

      Oder soll das gar die Botschaft des Stückes sein: Arme Leute sind notorisch böse???
      Sicher nicht. Das ist so im Stück auch nicht angelegt. Bücher kritisiert die gesellschaftlichen und ökonomischen Missstände, die das Handeln der Figuren bestimmen. Woyzeck ist zunächst ein Opfer der Umstände. Der Mord ist einerseits ein Eifersuchtsdrama andererseits ist Woyzeck nur begrenzt zurechnungsfähig. Das Stück basiert ja auf einem historischen Fall. Über die Schuldfähigkeit des historischen Woyzeck wurde seinerzeit eine heftige Debatte geführt. Da gibt es Gutachten und Gegengutachten. Auch dazu findet sich auf dem Büchnerportal so einiges. Büchner ist hier übrigens sehr modern: Brecht stellt ja im Guten Menschen von Sezuan ähnliche Fragen. Gut sein muss man sich leisten können. Oder: Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Sadko schrieb:

      Ja, aber er sagt ja nicht konkret: "Mein Sohn ist unehelich, weil ich kein Geld habe und nicht heiraten kann", sondern er redet in dieser Passage ja ziemlich chaoatisch, oder?
      also für mich ist das ein wohlgeordneter Gedankengang:

      1. das Kernthema:

      Wir arme Leut! Sehn Sie, Herr Hauptmann, Geld, Geld! Wer kein Geld hat!

      2. die Konsequenz:

      Da setz' einmal einer Seinesgleichen auf die moralische Art in die Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut!

      3. Wie es anders zugeht:

      Ja, wenn ich ein Herr wär', und hätt' einen Hut und eine Uhr und ein Augenglas und könnt' vornehm reden, ich wollte schon tugendhaft sein! Es muss was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann.

      4. Aber dergleichen wird es für unsereis nie geben, nicht mal im Jenseits:

      Aber ich bin ein armer Kerl! Unsereins ist doch einmal unselig in dieser und der andern Welt! Ich glaub', wenn wir in den Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen!
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Caesar73 schrieb:

      Der Gedankengang Woyzecks ist durchaus logisch, das finde ich auch :D Die Szene, aus der dieser Dialog stammt, ist eine der stärksten des Stückes.
      Das mag ja alles sein. Die Frage von Sadko ist aber immer noch nicht beantwortet. Warum verhält sich Wozzeck so? Warum verhalten sich die anderen so? Warum sind das allesamt (inkl. Wozzeck) solche Idioten?

      Wozzecks Text ("Wir arme Leut!") ist nichts anderes als eine dumme Antwort auf eine dumme Frage. Er entlarvt die Pseudomoral des Hauptmanns. Nur leider ist er eben kein Stück besser.

      Der Autor beschreibt eine kaputte Welt voller kaputter Figuren. Warum sie so kaputt sind, erfährt man nicht. Ok, muss man ja auch nicht. Der Künstler (=Autor) ist dem Publikum keine Rechenschaft schuldig.

      Womit wir wieder am Anfang wären: Expressionismus. Siehe Wikipedia:

      ######
      Ausdrucksmittel des Expressionismus:
      • die Wendung zur breiten Öffentlichkeit, die durch plakative, superlativistische, erregt-exklamatorische Elemente und den Pamphletstil der Literatur unterstrichen wurde;
      • die „aggressive Deformation“ von Formen, Figuren, Wörtern, Harmonien und Tempi, das Unkultivierte, Archaische und „Wilde“;
      • die Travestie, die Parodie des „Erhabenen“ bei gleichzeitiger Heroisierung des Banalen; eine forcierte Simultaneität, die z. B. durch extreme Zeitraffung in der Literatur durch oder Wiedergabe zeitlich oder räumlich nicht übereinstimmender Ereignisse auf demselben Bild erreicht wird;
      • der Hang zum Konstruierten, zur Typisierung, Metaphorisierung, Entindividualisierung und Depersonalisierung, der sich der einfühlenden Identifikation versperrt.
      ######

      Antwort also auf Sadkos Frage: Im Expressionismus muss das so sein.


      Thomas
    • Lieber Ecclitico, die Frage, warum sich Woyzeck so verhält? Eine mögliche Anwort auf diese Frage findet sich hier:

      Caesar73 schrieb:

      Sicher nicht. Das ist so im Stück auch nicht angelegt. Bücher kritisiert die gesellschaftlichen und ökonomischen Missstände, die das Handeln der Figuren bestimmen. Woyzeck ist zunächst ein Opfer der Umstände. Der Mord ist einerseits ein Eifersuchtsdrama andererseits ist Woyzeck nur begrenzt zurechnungsfähig. Das Stück basiert ja auf einem historischen Fall. Über die Schuldfähigkeit des historischen Woyzeck wurde seinerzeit eine heftige Debatte geführt. Da gibt es Gutachten und Gegengutachten. Auch dazu findet sich auf dem Büchnerportal so einiges. Büchner ist hier übrigens sehr modern: Brecht stellt ja im Guten Menschen von Sezuan ähnliche Fragen. Gut sein muss man sich leisten können. Oder: Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral
      Was für Woyzeck gilt, gilt auch für die anderen Figuren. Stichwort "Determination" -

      Ecclitico schrieb:

      Das mag ja alles sein. Die Frage von Sadko ist aber immer noch nicht beantwortet. Warum verhält sich Wozzeck so? Warum verhalten sich die anderen so? Warum sind das allesamt (inkl. Wozzeck) solche Idioten?

      Wozzecks Text ("Wir arme Leut!") ist nichts anderes als eine dumme Antwort auf eine dumme Frage. Er entlarvt die Pseudomoral des Hauptmanns. Nur leider ist er eben kein Stück besser.

      Der Autor beschreibt eine kaputte Welt voller kaputter Figuren. Warum sie so kaputt sind, erfährt man nicht. Ok, muss man ja auch nicht. Der Künstler (=Autor) ist dem Publikum keine Rechenschaft schuldig.
      Nimm es mir nicht übel, Eccltico ;) Begriffe wie "Idioten" sind zur Beurteilung einer literarischen Figur nur begrenzt geeignet :D :D Genausowenig, wie Woyzecks Antwort "dumm" ist, die ist aus seiner Sicht, mit seinem Bildungsgrad, mit seinem sozialen "Background" durchaus folgerichtig. Das der Hauptmann sich pseudomoralisch verhält, ist richtig - das wird in dem Dialog ja auch deutlich, wenn er sinngemäß sagt, moralisch sei, wenn man sich moralisch verhält. Und das man nicht erfährt, warum die Figuren so kaputt sind, stimmt eben nicht. Büchner sieht seine Figuren als Produkte der gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die das Handeln der Figur bestimmen. man mag diee Sicht teilen oder nicht, aber aus der Perspektive Büchners ist das Verhalten der Figuren völlig logisch.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Sadko schrieb:

      . Alles ist eigentlich auf vordergründige Schablonen angelegt (Doktor karrieregeil, Hauptmann ein Arsch, Tambourmajor brutal). Okay, vertont wurde allerdings nur eine Kurzfassung des Theaterstücks.

      Caesar73 schrieb:

      Bücher kritisiert die gesellschaftlichen und ökonomischen Missstände, die das Handeln der Figuren bestimmen. Woyzeck ist zunächst ein Opfer der Umstände. Der Mord ist einerseits ein Eifersuchtsdrama andererseits ist Woyzeck nur begrenzt zurechnungsfähig.
      Eben. Eifersucht-Clinch gefolgt von Schlitzereien, Erdrosselungen, Gift (halt das volle Programm) tatsächlicher/vermeintlicher Auswärtsspiele wegen, ziehn wir uns öfters in Oper rein.

      Caesar73 schrieb:

      Büchner sieht seine Figuren als Produkte der gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die das Handeln der Figur bestimmen.
      Nochmal eben. Und Bergs Wozzeck wurde dann im 20. Jahrhundert fabriziert.
      Und ja. Was Missstände, Rahmenbedingungen angeht, diese zwingen Menschen sich Anpassung, Unterordnung, Elend, Ellenbogen zu eigen zu machen., so dass sie quasi brutalst zu bloßen Funktionsträgern vom ökonomischen, gesellschaftlichen Getriebe abkacken (und dabei gleichzeitig selbiges fortlaufend am Funzen halten). Symptome dieser Beschädigungen kriegen ästhetische Gestalt durch das Schablonenhafte, Beschränkte, überwiegend Gemein-Fiese der Charaktere, auf die Sadko bereits hinwies.

      Caesar73 schrieb:

      man mag diee Sicht teilen oder nicht, aber aus der Perspektive Büchners ist das Verhalten der Figuren völlig logisch.
      So isses. Und diese olle Barbarei reproduziert sich doch fortlaufend. Allerdings kommen die Figuren im Wozzeck darin noch nicht ganz so extrem, also zombie-like reduziert rüber, wie später in Becketts Endspiel.
      Ecclitico verwies ja auf den Hang zum Konstruierten, zur Typisierung, Metaphorisierung, Entindividualisierung und Depersonalisierung., der sich der einfühlenden Identifikation versperrt.
      Eccliticos „Idioten“ passen mir in diesem Zusammenhang auch sehr gut rein. :top: :)

      Sadko schrieb:

      Aber eine Inszenierung kann/soll ja auch das zum Vorschein bringen, was hinter den sichtbaren Eigenschaften der Charaktere steht.
      (Über eigene Inszenierungseindrücke will ich zum späteren Zeitpunkt mal was versuchen)

      Dein hinter den sichtbaren Eigenschaften ist mir höchst wichtig. Bergs Mucke denunziert nämlich (ohne h) nicht die Charaktere, ob deren Beschränkungen, sondern identifiziert sich mit ihnen. Da ist mein Brägen wiederum etwas auf Distanz zu Ecclitico.

      Das gestaltet sich durch verstörende, mega-harte Ausbrüche, zarteste, filigrane Momente, fast als wolle Mucke damit Beschädigungen der Figuren wieder zusammenflicken. Berg-Steigerei schmiert dabei aber keinesfalls in zucker-ekliger Herzenswärmerei oder in ohnmächtig-plakativen Betroffenheitskitsch ab.

      Aus schier unerschöpflichen Wozzeck-Pool mal dazu ein Pro7-Next-Top-Modell gefischt:
      Die Figur Marie wird mucken-mäßig gleichsam wieder aufgewertet.
      Im 1. Akt nach ihrem Mädel-was-fängst Du jetzt-an-Lied (Marie in Gedanken versunken) kommen vom Orchester Quinten rüber.
      In einem Wozzeck-Vortrag versuchte Alban Berg zu ergrübeln, was er überhaupt da verzapft hatte.
      Also rechnet er diese Quinten der Marie zu, bestimmt diese Mucke als harmonischen Ruhepunkt, quasi Leitmotiv und als ein ins Unbestimmte hinzielendes Warten, das erst im Tod Maries abschließt.
      youtube.com/watch?v=jVmWimEX1gw
      ~ 20:20

      Auch beim gewaltsamen Auschecken Maries tauchen die Quinten wieder auf
      youtube.com/watch?v=jVmWimEX1gw
      ~ 1:18:00

      Und in Lulu-Mucke wieder beim Auschecken Dr. Schöns (so eine Art Hans-Christian-Strache-Verschnitt).
      youtube.com/watch?v=SByUjtRkM_s
      ~ 1:28:00

      In Schostis 15. Sinfonie werden sie beim Ausröcheln selbiger Mucke zitiert
      youtube.com/watch?v=gNzyj8M0LpI
      37:53

      Da könnte sich durchaus der Brägen beim Wozzeck-Reinziehn fragen, zerrätseln, ob dieses mucken-mäßige Warten letztlich verkackt in totalste Desillusion….
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Allerdings kommen die Figuren im Wozzeck darin noch nicht ganz so extrem, also zombie-like reduziert rüber, wie später in Becketts Endspiel.
      Ecclitico verwies ja auf den Hang zum Konstruierten, zur Typisierung, Metaphorisierung, Entindividualisierung und Depersonalisierung., der sich der einfühlenden Identifikation versperrt.
      Eccliticos „Idioten“ passen mir in diesem Zusammenhang auch sehr gut rein.
      Bei der Analyse der Charaktere muss man aber auch den fragmentarischen Charakter des Woyzecks berücksichtigen. Wir wissen nicht wie viele Szenen sich Woyzeck insgesamt gedacht hatte.

      Amfortas09 schrieb:

      Nochmal eben. Und Bergs Wozzeck wurde dann im 20. Jahrhundert fabriziert.
      Und ja. Was Missstände, Rahmenbedingungen angeht, diese zwingen Menschen sich Anpassung, Unterordnung, Elend, Ellenbogen zu eigen zu machen., so dass sie quasi brutalst zu bloßen Funktionsträgern vom ökonomischen, gesellschaftlichen Getriebe abkacken (und dabei gleichzeitig selbiges fortlaufend am Funzen halten). Symptome dieser Beschädigungen kriegen ästhetische Gestalt durch das Schablonenhafte, Beschränkte, überwiegend Gemein-Fiese der Charaktere, auf die Sadko bereits hinwies.
      Ich finde es wenig erstaunlich, dass Woyzeck gerade im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, als die Themen die Büchner aufgreift, eine hohe Aktualität besaßen. Was wieder einmal zeigt, wie modern Büchner gewesen ist. Der Woyzeck weißt ja in manchen Aspekten durchaus auch schon auf den Naturalismus voraus. Schon durch die Wahl seines "Helden" bricht Büchner ja durchaus mit den Konventionen seiner Zeit. Ich müsste recherchieren, aber ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte kühn, so viele sozialkritische Dramen hat es im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht gegeben. Büchner ist ungeheuer modern, für mich in der Hinsicht vergleichbar mit Kleist, mit dem er in Bezug auf die Rezeptionsgeschichte so manches gemeinsam hat.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • eine Spezialfrage:

      ein theaterkundiger Bekannter von mir gab mir mal den Hinweis, daß Berg den "Charaktertypus" des Hauptmann bei Büchner verkannt oder jedenfalls massiv verändert hätte - sozusagen an Stelle eines "Melancholikers" einen "Hysteriker" (???) komponiert.

      Ich muß sagen, ich finde da auch eine Diskrepanz von Text und Musik. Der zappeligen Musik nach sollte dem Hauptmann eigentlich nichts schnell genug gehen, das Gegenteil ist der Fall.

      z.B. hier:

      WOZZECK
      Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht d'rum ansehn, ob das Amen darüber gesagt ist, eh' er gemacht wurde. Der Herr sprach: »Lasset die Kleinen zu mir kommen!«

      HAUPTMANN
      wütend aufspringend
      Was sagt Er da?! Was ist das für eine kuriose Antwort? Er macht mich ganz konfusl Wenn ich sage: »Er«, so mein' ich »Ihn«, »Ihn« …
      (die Anweisung wütend aufspringend stammt von Berg). Bergs Hauptmann ist auf Zack bereit, "Gott und Vaterland" zu verteidigen. Ist Büchners Hauptmann nicht eher verärgert, weil Woyzeck ihn durcheinander bringt? - schon, das wiederum wegen "Gott und Vaterland". Aber er stürzt sich doch nicht in physisch-psychische Unkosten deswegen, da hat er doch gar nichts in Reserve. Zum "Aufspringen" fehlt ihm doch die Puste.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      eine Spezialfrage:

      ein theaterkundiger Bekannter von mir gab mir mal den Hinweis, daß Berg den "Charaktertypus" des Hauptmann bei Büchner verkannt oder jedenfalls massiv verändert hätte - sozusagen an Stelle eines "Melancholikers" einen "Hysteriker" (???) komponiert.

      Ich muß sagen, ich finde da auch eine Diskrepanz von Text und Musik. Der zappeligen Musik nach sollte dem Hauptmann eigentlich nichts schnell genug gehen, das Gegenteil ist der Fall.
      Ohne Berg-Steigerei auf eine Bedeutung festnageln zu wollen, schlage ich mal dazu zu einige Varianten aus Stegreif vor:
      1. Zunächst Frage, ob Mucke in der 1. Szene durchgehend zappelnd rüberkommt ?
      2. Die nervösen Passagen könnten sich darauf beziehen, dass Wozzecks verhetztes Aussehen dem Hauptmann auf den Sack geht.
      3. Mucke bezieht sich auf den verhetzten Wozzeck selbst.
      4. Diskrepanz zwischen Text und Mucke wär okay. Bergs Mucke gewönne gegenüber dem Stoff quasi autonomes Standing.
      5. …….
      6. …….
      .... etc...
      Mein Brägen ist sich bisher über keinen dieser Punkte richtig klar. Also wär Futter für weiteren Wozzeck-Talk.

      zabki schrieb:

      z.B. hier:

      WOZZECK
      Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht d'rum ansehn,
      ob das Amen darüber gesagt ist, eh' er gemacht wurde. Der Herr sprach:
      »Lasset die Kleinen zu mir kommen!«
      HAUPTMANN
      wütend aufspringend
      [/i]
      Was sagt Er da?! Was ist das für eine kuriose Antwort? Er macht mich
      ganz konfusl Wenn ich sage: »Er«, so mein' ich »Ihn«, »Ihn« …

      (die Anweisung wütend aufspringend stammt von Berg). Bergs Hauptmann ist auf Zack bereit, "Gott und Vaterland" zu verteidigen. Ist Büchners Hauptmann nicht eher verärgert, weil Woyzeck ihn durcheinander bringt? - schon, das wiederum wegen "Gott und Vaterland"
      Mein Brägen dröselt sich das bisher wie folgt auf, kann aber sein, dass meine Schreibe damit total schief gewickelt rüberkommt. Egal.
      Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche“
      Damit ist Wozzeck gemeint
      Wozzeck versucht jetzt Back-Chats (nachdem er, des Süd-Nords wegen, als abscheulich dumm angemacht wurde) : „ der liebe Gott wird den armen Wurm nicht d’um ansehen, ob das Amen darüber gesagt ist, eh er gemacht wurde…
      Der Hauptman betrachtet sich durch Wozzeck verarscht, weil mit der dem Er nämlich Wozzeck meinte und nicht das Kind, was ohne den Segen der Kirche fabriziert wurde.
      Weil Bergs Hauptmann auf Zack bereit, "Gott und Vaterland" zu verteidigen ist => ungewohnt Widerrede vom subalternen Wozzeck => springt wütend auf.
      Aber vielleicht habt ihr andere Erklärungen dazu …
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • zabki schrieb:

      (die Anweisung wütend aufspringend stammt von Berg). Bergs Hauptmann ist auf Zack bereit, "Gott und Vaterland" zu verteidigen. Ist Büchners Hauptmann nicht eher verärgert, weil Woyzeck ihn durcheinander bringt? - schon, das wiederum wegen "Gott und Vaterland". Aber er stürzt sich doch nicht in physisch-psychische Unkosten deswegen, da hat er doch gar nichts in Reserve. Zum "Aufspringen" fehlt ihm doch die Puste.
      Bei Büchner fehlt diese Anweisung. Und wenn ich mir den Text anschaue? Dann ist der Hauptmann in der Tat ein Melancholiker. "Wütend" passt überhaupt nicht, wenn man das Original zu Grunde legt. Nervös ginge noch.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Amfortas09 schrieb:

      Mein Brägen dröselt sich das bisher wie folgt auf, kann aber sein, dass meine Schreibe damit total schief gewickelt rüberkommt. Egal.Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche“
      Damit ist Wozzeck gemeint
      Wozzeck versucht jetzt Back-Chats (nachdem er, des Süd-Nords wegen, als abscheulich dumm angemacht wurde) : „ der liebe Gott wird den armen Wurm nicht d’um ansehen, ob das Amen darüber gesagt ist, eh er gemacht wurde…
      Der Hauptman betrachtet sich durch Wozzeck verarscht, weil mit der dem Er nämlich Wozzeck meinte und nicht das Kind, was ohne den Segen der Kirche fabriziert wurde.
      Weil Bergs Hauptmann auf Zack bereit, "Gott und Vaterland" zu verteidigen ist => ungewohnt Widerrede vom subalternen Wozzeck => springt wütend auf.
      Aber vielleicht habt ihr andere Erklärungen dazu …

      Ich glaub nicht, dass das Missverständnis ein sprachliches ist. "Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche": Hauptmann betreibt Wozzeck-Bashing. "Der liebe Gott wird den Wurm nicht d'rum ansehen, ob das Amen darüber gesagt war": Wozzeck nimmt Kind in Schutz. Hauptmann springt wütend auf: "Ich wollte doch dich bashen, nicht dein Kind!" Ich glaub, so ähnlich meintest du das auch, aber das Einkreisen auf das Wort "er" ist für diese Deutung, glaub ich, nicht notwendig...?
    • ich glaub über den Verlauf dieses Dialogausschnitts gibt es wenig Differenzen.

      der Hauptmann kommt auf Woyzeck/Wozzecks "moralisch" zweifelhafte Existenz zu sprechen (er greift ihn nicht frontal an). W. antwortet mit Verweis auf die dadurch nicht moralisch tangierbare Existenz des Kindes.

      Das könnte man als ein "Ablenkungsmanöver" betrachten, da H. letztere ja gar nicht angesprochen hat. Aber W. mag ja auch mit Recht davaon ausgehen, daß eine Diskriminierung seiner moralischen Existenz das Kind letztlich mit betreffen würde.

      Dazu gehört noch, daß beide sich auf Autoritäten berufen, die etwas miteinander zu tun haben: H. auf "die Kirche", W. auf "die Bibel".

      H. weist jedenfalls W's Konter zurück: "ich meine Ihn" (=W.), nicht das Kind (was nicht unbedingt selbstverständlich ist, er könnte ja auch das Kind gleich mit diskriminieren).

      wie ist nun H's Reaktion zu verstehen?

      Bergs H., der "wütend aufspringt", könnte das "Ablenkungsmanöver" W's als tückischen Angriff auf die allgemeine Ordnung verstanden haben, und/oder als Diskussionstrick, von dem er sich doch nicht "vera... läßt".

      Büchners H. reagiert "konfus", sei es weil ihn die Widersprüchlichkeit der Autoritäten Kirche/Bibel irritiert, und er als grübelorientiert eine gewisse Verpflichtung fühlt, dem nachzugehen, und/oder sei es, weil er jetzt erstmal W's Diskussionsfinte richtigstellen muß, und man hats doch sowieso schon schwer genug im Leben.

      jedenfalls finde ich, daß Bergs H. und Büchners H. (und das heißt hier ja: der Worttext) hier nicht zur Deckung zu bringen sind, der "eindeutige" Affekt der Wut und "Konfusion" scheinen mir schwer verträglich.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Amfortas09 schrieb:

      zabki schrieb:

      ... daß Berg den "Charaktertypus" des Hauptmann bei Büchner verkannt oder jedenfalls massiv verändert hätte - sozusagen an Stelle eines "Melancholikers" einen "Hysteriker" (???) komponiert.

      Ich muß sagen, ich finde da auch eine Diskrepanz von Text und Musik. Der zappeligen Musik nach sollte dem Hauptmann eigentlich nichts schnell genug gehen, das Gegenteil ist der Fall.
      Ohne Berg-Steigerei auf eine Bedeutung festnageln zu wollen, schlage ich mal dazu zu einige Varianten aus Stegreif vor:
      1. Zunächst Frage, ob Mucke in der 1. Szene durchgehend zappelnd rüberkommt ?
      2. Die nervösen Passagen könnten sich darauf beziehen, dass Wozzecks verhetztes Aussehen dem Hauptmann auf den Sack geht.
      3. Mucke bezieht sich auf den verhetzten Wozzeck selbst.
      4. Diskrepanz zwischen Text und Mucke wär okay. Bergs Mucke gewönne gegenüber dem Stoff quasi autonomes Standing.
      zunächst mal pardon, daß ich mein Statement wieder so provisorisch-unpräzise vorgebracht habe.

      Bei der als "zappelig" bezeichneten Musik meine ich ausschließlich den Gesangspart des Hauptmanns. und "zappelig" möchte ich verbessern zu "hektisch-exaltiert".

      Was nun die Eigenständigkeit der Musik in einem Vokal- oder Bühnenwerk betrifft, die es mit Sicherheit gibt, so ist das auch eine schwierige Frage.

      Ich würde mal davon ausgehen, daß eine Art "Identifizierung" einer Gesangspartie als im weitesten Sinn "Ausdruck" der dargestellten Rolle doch erstmal naheliegt.

      Bergs H. hat abgeklemmten Vitalitätsdruck, knallt seine Sachen heraus. Büchners H. ist frühalt, verbraucht, gutmütig bis hinterhältig.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Auf die Idee, mich näher mit dem Hauptmann zu beschäftigen, bin ich noch nie gekommen. "Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er" - und der Hauptmann ist raus. Für mich ist Wozzeck ein Einpersonenstück. Der Rest ist nur ein Rahmen, der die Umstände personifiziert, die Wozzeck vernichten. Das Stück ist grundlegend sozalkritisch, ein Krebsgeschwür im Reich der goldenen Wasserhähne.

      Der Hauptmann ist doof und zufrieden. Wozzeck aber strampelt. Nur will die Milch nicht zu Butter werden. Wenn man so will, ist er der umgekehrte Sisyphos: Er rollt den Stein den Berg hinauf, ist aber weder glücklich, noch erreicht er den Gipfel.

      Ich höre das Stück auch nicht wirklich als Oper. In einer Oper ist der Gesang wichtig. Bei Wozzeck ist er für mich zweitrangig. In erster Linie höre Wozzeck als geniale orchestrale Vertonung des Buch-Fragments. Die Sänger sind für mich in erster Linie Sprecher des Textes. Wie sie singen, ist mir egal (nun gut, es gibt eine Aufnahme unter Mitropoulos, die beginnt mit einem Sänger mit einem derart starken Akzent, dass mir die Lust am Zuhören vergeht).

      Vielleicht wegen meines speziellen Ansatzes mag ich die Aufnahme unter Dohnanyi gern, der zwar orchestrale Spitzenleistungen, aber sängerische Makel nachgesagt werden. Die höre ich nicht einmal, sollte es sie geben. Ich fühle mich hier bestens bedient:

    • Danke für Eure sehr interessanten Antworten! Ich kann leider nur so viel sagen, dass ich mich deutlich schlechter auskenne und deshalb nichts Vernünftiges erwidern kann - aber ich freue mich sehr über Eure sehr lesenswerte Diskussion, die bei mir zu einem wirklichen Wissenszuwachs führt. :)
    • Knulp schrieb:

      Auf die Idee, mich näher mit dem Hauptmann zu beschäftigen, bin ich noch nie gekommen. "Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er" - und der Hauptmann ist raus.
      raus aus was? ;)

      ansonsten finde ich den Satz mit der Moral auch schwierig. Berg hat den dem H. so suggestiv in die Kehle gelegt, daß man sich (bzw. ich mich) schwer tut, überhaut einen Sprachtonfall zu finden, in welchem der Büchnersche H. da gesprochen werden könnte. Büchner schreibt hier vor "mit Würde" - also wohl irgendwie in Richtung "staatstragendes Pathos", denke ich - jedenfalls nicht fuchtelnd und mit gerecktem Zeigefinger in die Luft stechend - das ist eher nicht Sache des büchnerschen Hauptmanns.

      Übrigens ist der H. eine ausgesprochen unmilitaristische Figur, in einer Textstufe sagt er:

      ein guter Mensch [...] hat sein Leben lieb, ein guter Mensch hat keine courage nicht, ein Hundsfott hat courage! ich bin blos in Krieg gegangen, um mich in meiner Liebe zum Leben zu befestigen.

      direkt antimilitaristisch.

      Der Hauptmann ist doof und zufrieden
      sagen wir so: ein Hohlkopf, der sich so seine Gedanken macht - über W's kurioser Antwort, über das Verhältnis von Ewigkeit und Augenblick, über das Verhältnis von von gut und moralisch - er selbst ist gut und moralisch, der Woyzeck ist gut, aber nicht moralisch - da kommt man ins Grübeln, ist vielleicht verzeihlich, wenn man da erstmal in einer Tautologie landet ;)
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).