Franz Schmidt: Sinfonie Nr. 4 C-Dur

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Franz Schmidt: Sinfonie Nr. 4 C-Dur

      Da dieses Werk gerade in Berlin unter der Leitung von KIirill Petrenko aufgeführt wurde, aktuell noch hier nachhörbar (Schmidt nach der Pause),...
      deutschlandfunkkultur.de/kiril…ml?dram:article_id=415700
      ...und ein Thread gewünscht wird, hier ein Versuch:

      Mein Eindruck:

      Ein gewaltiges, ca. 50 Minuten langes, ohne Unterbrechung durchlaufendes symphonisches Schicksalsdrama ist diese 1933 vollendete Symphonie Nr. 4 C-Dur von Franz Schmidt (1874-1939), der unter anderem Cellist im Wiener Hofopernorchester zur Mahler-Zeit und später auch Direktor der Wiener Musikakademie war und als Komponist vor allem mit dem Zwischenspiel zur Oper Notre-Dame und dem Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln einen Namen hat. (Im April 2017 erschien bei Sony eine CD mit den von Semyon Bychkov geleiteten Wiener Philharmonikern mit Schmidts Symphonie Nr. 2, eine diskografische Lücke wurde da luxuriös gefüllt.)

      Schmidts 4. Symphonie hat das Orchester bereits 1971 eingespielt, von 20. bis 22.9.1971 im Wiener Sofiensaal, unter der Leitung von Zubin Mehta. Diese Aufnahme und zwei Konzertübertragungen aus Berlin haben mich ganz tief ins Werk eintauchen.lassen.

      Franz Schmidts Symphonie Nr. 4 C-Dur, komponiert (nachdem schon seine Frau 1919 in die Psychiatrie kam, sie fiel 1942 der Euthanasie zum Opfer) nach dem Wochenbett-Tod von Schmidts einziger Tochter 1932, vollendet 1933, ganz kurz zusammengefasst, Zitate aus der Werkeinführung auf der Homepage der Berliner Philharmoniker mit mehr Erläuterungen zum Werk:
      berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/details/51178/

      Der Beginn mit dem resignativen Motiv der Solotrompete (Schmidt: »..letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt, nachdem man unter ihren Auspizien geboren [wurde] und gelebt hat«), dann ein breites Passionato-Thema (wo »das ganze Leben noch einmal vorüberzieht«), der Trauermarsch für die verstorbene Tochter (Adagio), das im Zusammenbruch endende Scherzo (»Katastrophe«), und schließlich die Reprise des Kopfsatzes (Schmidt: »…alles gereifter und verklärter«).

      Etwas mehr:

      Deutlich kristallisiert sich beim Hören dieses so wie ich es höre nachbrucknerschen und nachwagnerschen Werks diese Vierteiligkeit heraus. Im „1. Satz“ gibt es Steigerungen, Schwelgerisches, in der Wiener Aufnahme auch Orgelhaftes, Schicksalsschweres durch und durch. Die Rahmenteile des „2. Satzes“ bestimmt (vor allem im ersten Rahmenteil) das Solocello (in der vorliegenden Wiener Philharmoniker Aufnahme gespielt von Emmanuel Brabec), den Mittelteil ein gewaltiger Trauermarsch. Der „3. Satz“ scheint (auch mit kontrapunktischen Passagen) eine in sich gefestigtere Basis zu finden, es erfolgt aber ein totaler Zusammenbruch, wie bei Mahler. Dann (so wie ich es höre) Trauermusik und („4. Satz“) die Reprise des 1. Satzes. der Versuch zu trösten (Wiener Philharmoniker!), neue Kraft zu schöpfen.

      Wie Liszts Klaviersonate h-Moll – ein großer Satz, der in einem Zug durchläuft, gleichzeitig die Vierteiligkeit mit der Klammer außen (wie Exposition und Reprise) und dem langsamen Satz sowie dem Scherzo in der Mitte.

      [IMG:https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51Lh4jgEeiL.jpg]

      Die Wiener Aufnahme finde ich musikalisch ungeheuer intensiv, dabei dem Werk gemäß nahezu erschlagend, absolut erschöpfend, niederschmetternd eindringlich und dabei klanglich exzellent, prachtvolle Offenheit vom Allerbesten (Decca!).

      Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker, am 12.4.2018 in Deutschlandfunk Kultur gehört und am 13.4.2018 in München im Kino von mir auch gesehen, bringt das Werk so wie ich ich es empfand in erlesener Berliner Klangkultur anders, grandios differenziert aufgefächert, von Petrenko vollmusikalisch ausgelotet.

      Nach den beiden (für mich waren sie es) Berliner Sternstunden habe ich dann noch einmal Zubin Mehta und die Wiener Philharmoniker gehört. Sie haben Schmidts 4. Symphonie mit Zubin Mehta im 4. Abonnementkonzert am 11. und 12.1.1969 gespielt sowie am 13.1.1969 für die Jeunesse und dann eben 1971 aufgenommen. Mein Eindruck jetzt: Die Streicher haben etwas Verklärendes, vielfach klingt das Orchester orgelhaft, und erneut meint man Einflüsse von Bruckner, Wagner, Brahms, Richard Strauss und Mahler durchzuhören, aber alles in allem ist es ein niederschmetternd gutes großes, ja gewaltiges spätromantisches symphonisches Werk.

      Herzlich willkommen im Thread zum Werk.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Vielen Dank für diese Threaderöffnung! Schmidts Vierte ist für mich das Werk, das aus dem Schaffen des Komponisten nochmal herausragt, ein Stück "verspäteter" und doch latent moderner, ungeheuer packender und nahegehender Musik, die in der Flut spätestromantischen symphonischen Repertoires sehr individuell Position bezieht.

      AlexanderK schrieb:

      Ein gewaltiges, ca. 50 Minuten langes, ohne Unterbrechung durchlaufendes symphonisches Schicksalsdrama
      Knapp 50 Minuten bei Mehta, bei Petrenko sind es gut 40 Minuten. Andere mir bekannte Aufnahmen (Moralt, Kreizberg, N. Järvi) bewegen sich dazwischen. Die Tempofrage stellt sich gerade im ersten und letzten Satz, "Allegro molto moderato" ist so eine schubertisch doppeldeutige Bezeichnung (kein Wunder bei dem Schubertianer Schmidt). Mehta entscheidet sich hier für die sehr langsame Variante. Seine Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern ist orchestral grandios, aber den Drang viele Steigerungen, Formabschnitte, auch einzelne Phrasen zum Ende hin zusätzlich mit einem überdeutlichen Ritardando zu beschweren, finde ich unnötig aufgesetzt.

      AlexanderK schrieb:

      Deutlich kristallisiert sich beim Hören dieses so wie ich es höre nachbrucknerschen und nachwagnerschen Werks diese Vierteiligkeit heraus.
      Bei dieser Musik drängt es sich in der Tat auf, nach Vorbildern/Einflüssen zu suchen. Bei den Zeitgenossen würde ich als Verwandten am ehesten Pfitzner nennen. Wagner höre ich eigentlich kaum, Bruckner in manchen ostinaten Figuren und orgelhaften Klängen eher, aber in ihrer konstruktiven Besessenheit erinnert die Musik auch stark an Brahms. Dann die quasi-mahlerischen "Katastrophen": am Ende des ersten Satzes der Umschlag des leidenschaftlichen, sich immer mehr aufbäumenden Seitenthemas in einen dissonanten, in die Tiefe stürzenden Malstrom - hier assoziiere ich "Tod", dem dann ja folgerichtig im zweiten Satz Klage und Trauermarsch folgen. Und das pseudo-konstruktive Fugato-Getriebe im "Scherzo", das mich immer an den sinnlosen Weltenlauf in Mahlers Wunderhorn-Fischpredigt erinnert, und dann wieder in einer "Katastrophe" endet, bei der die Musik - selten bei Schmidt - für einen Moment völlig außer sich gerät.

      Eine große Stärke der Sinfonie ist es, dass sie sich einer eindeutigen Auflösung verweigert: es gibt im letzten Satz diese tröstlichen Momente, wenn das requiemartige Hornquartett das Hauptthema nach Dur führt, es gibt aber auch das Zurück zur Jenseitsklage des Anfangs, so dass der Kreis der Trauer nicht verlassen wird. Ich käme auch nie darauf, dass die Sinfonie in C-dur steht - das ist schon ein besonderer Wink Schmidts.

      AlexanderK schrieb:

      Wie Liszts Klaviersonate h-Moll – ein großer Satz, der in einem Zug durchläuft, gleichzeitig die Vierteiligkeit mit der Klammer außen (wie Exposition und Reprise) und dem langsamen Satz sowie dem Scherzo in der Mitte.
      Ja, im Grunde das Formprinzip von Liszts sinfonischer Dichtung, aber beim - wie erwähnt - "Schubertianer" Schmidt könnte man auch bis zur Wandererfantasie zurückgehen. Letzlich ist fast alles in den vier Sätzen von dem einen Anfangsthema abgeleitet.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Danke an Alexander für die Thread-Eröffnung und auch an Zwielicht für seinen sehr interessanten Beitrag.

      Schmidt halte ich schon lange für unterschätzt und das gilt aus meiner Sicht auch für die Kammermusik. Hört man die vier Sinfonien am Stück, erkennt man trotz der besonderen Bedeutung der vierten von Anfang einen unverwechselbaren Personalstil, den ich an der Harmonik festmachen möchte. Mir geht es schon auch so, dass ich Bruckner-Bezüge vor allem strukturell wahrnehme. Die Analogiesetzung zu Pfitzner fand ich sehr interessant und zum Nachhören einladend. Das ändert alles nichts daran, dass man Schmidts Musik mit keinem anderen Komponisten verwechseln kann.

      Vielleicht hat es seinem Nachruhm geschadet, dass jeder nur - aber dafür auch jeder - das Zwischenspiel aus Notre Dame kennt. Denn das ist weder ein sonderlich stiltypisches noch ein bedeutendes Stück.

      Die vierte Sinfonie habe ich stets als einen riesigen Trauermarsch empfunden - das gilt auch oder gerade für das Scherzo - als einen sehr austrophilen Trauermarsch in vier Stationen.

      Mit zwei Einspielungen kann ich dienen. Ich bin damit zufrieden, wobei ich gar nicht bezweifeln will, dass das weder die besten Interpretationen sind oder sein müssen noch dass die bereits genannten ihre eigenen Meriten haben. Aber woher die Zeit nehmen ... ;(

      Das Konzert letzte Woche habe ich auch im Rundfunk gehört und empfand die Interpretation als sehr trennscharf und vor allem dynamisch wie im Tempo differenziert. (Vielleicht geht meine Einheits-Trauermarsch-Prägung primär auf Welser-Möst zurück, über den ich das Werk vermutlich kennengelernt habe?)



      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • AlexanderK schrieb:

      (Im April 2017 erschien bei Sony eine CD mit den von Semyon Bychkov geleiteten Wiener Philharmonikern mit Schmidts Symphonie Nr. 2, eine diskografische Lücke wurde da luxuriös gefüllt.)
      Wieso Lücke, es gab zu diesem Zeitpunkt doch bereits mindest 2 Einspielungen (Ludovit Rajter, Järvi).


      AlexanderK schrieb:

      und als Komponist vor allem mit dem Zwischenspiel zur Oper Notre-Dame
      Meines Wissens hat er eine ganze Oper komponiert.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • andréjo schrieb:

      als einen sehr austrophilen Trauermarsch in vier Stationen.
      Was mag das wohl sein?

      andréjo schrieb:

      wobei ich gar nicht bezweifeln will, dass das weder die besten Interpretationen sind oder sein müssen noch dass die bereits genannten ihre eigenen Meriten haben.
      Was sind denn die besten Interpretationen, und wer legt das fest? Wichtig ist doch folgendes

      andréjo schrieb:

      Ich bin damit zufrieden
      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      AlexanderK schrieb:

      (Im April 2017 erschien bei Sony eine CD mit den von Semyon Bychkov geleiteten Wiener Philharmonikern mit Schmidts Symphonie Nr. 2, eine diskografische Lücke wurde da luxuriös gefüllt.)
      Wieso Lücke, es gab zu diesem Zeitpunkt doch bereits mindest 2 Einspielungen (Ludovit Rajter, Järvi).


      AlexanderK schrieb:

      und als Komponist vor allem mit dem Zwischenspiel zur Oper Notre-Dame
      Meines Wissens hat er eine ganze Oper komponiert.

      Peter
      Sorry wenn ich mich (wieder einmal) zu ungenau ausgedrückt habe, ich werde es schon lernen. ;)
      Gemeint war die diskographische Lücke in der Diskographie der Wiener Philharmoniker. (Die ja auch erst vor kurzem etwa Bergs Violinkonzert erstmals auf Tonträger veröffentlicht haben.)
      Und gemeint war auch, dass dieses Zwischenspiel populärer ist als die restliche Oper.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Eusebius schrieb:

      andréjo schrieb:

      als einen sehr austrophilen Trauermarsch in vier Stationen.
      Was mag das wohl sein?

      andréjo schrieb:

      wobei ich gar nicht bezweifeln will, dass das weder die besten Interpretationen sind oder sein müssen noch dass die bereits genannten ihre eigenen Meriten haben.
      Was sind denn die besten Interpretationen, und wer legt das fest? Wichtig ist doch folgendes

      andréjo schrieb:

      Ich bin damit zufrieden
      Peter
      Mit dem mittleren Zitat wollte ich eigentlich nur zum Ausdruck bringen, dass ich bereits kritische Stimmen zu beiden Einspielungen vernommen habe - nebst sehr positiven. Dies gilt vor allem für den worse-than-most-Dirigenten ( ;) ). Järvi würde ich im Zweifelsfall vorziehen; er erscheint mir differenzierter.

      Nun kurz zu Deiner rhetorischen Frage, Meister Eusebius: Bekanntlich haben die Österreicher ein besonderes, ein besonders zwangloses Verhältnis zum Tod und den Umgangsritualen mit ihm. Genau das empfinde ich bei dieser Sinfonie - quasi als schwerinstrumentales Gegenstück zu Fritz Kreisler, Helmut Qualtinger und anderen österreichischen Alltagsphilosophen. Mag aber sein, dass diese meine subjektive Sicht nur von mir wirklich nachvollzogen werden kann ... :P

      Erklären kann ich es nicht besser. (Wichtig ist es noch weniger ...)

      :) Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Bekanntlich haben die Österreicher ein besonderes, ein besonders zwangloses Verhältnis zum Tod und den Umgangsritualen mit ihm.
      Dann bin ich wohl ein (Gesinnungs)-Österreicher ;) (Die Vorfahren meines mütterlichen Großvaters kamen tatsächlich auch Österreich, nämlich aus dem Salzburgischen, wo sie als Protestanten von den ach so toleranten Katholiken vertrieben wurden, und dann nach Ostpreußen emigrierten).

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      andréjo schrieb:

      Bekanntlich haben die Österreicher ein besonderes, ein besonders zwangloses Verhältnis zum Tod und den Umgangsritualen mit ihm.
      Dann bin ich wohl ein (Gesinnungs)-Österreicher ;) (Die Vorfahren meines mütterlichen Großvaters kamen tatsächlich auch Österreich, nämlich aus dem Salzburgischen, wo sie als Protestanten von den ach so toleranten Katholiken vertrieben wurden, und dann nach Ostpreußen emigrierten).

      Peter
      Könnte schon sein - das weiß ich natürlich nicht. :) Ich mag diese Gesinnung auch gerne als mittelbares künstlerisches Angebot bis hin zum Makabren in Witz und Kabarett ... bezüglich unmittelbarer realer Erfahrung weiß ich hingegen nicht so recht ...

      Ich bringe mal noch ein ganz banales Analogie-Beispiel, nur so als Impuls an mich selbst und gegebenenfalls andere zum Nachdenken. Wie oft hört oder liest man von der Melancholie in Mozarts Klarinettenkonzert, welches ja im Forum gerade gern gehört wird. Ich spüre diese Melancholie durchaus, meine aber schon, dass sie wahrzunehmen nicht auf der Hand liegt.

      Kurz gesagt: Solche Metaphorik ist in der abstraktesten aller Künste besonders nötig und besonders problematisch zugleich, will man miteinander kommunizieren.

      Ein weites Feld (Fontane) und hier spätestens jetzt OT (Internetkonvention). :P

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Bei mir stehen 3 Aufnahmen der 4.Sinfonie von Schmidt , deren Uraufführung der Widmungsträger besorgte, Oswald Kabasta . Mit dem hätte ich gern eine Einspielung . Mehta habe ich auf LP - gab ja sonst nichts - und als Erinnerung an das Konzert am 23./1/2005 den Mitschnitt mit dem NDR - Sinfonieorchester unter Yakov Kreizberg . Gehört wird aber ausschließlich Martin Sieghart mit dem Bruckner Orchester Linz . Stimmig und wie aus einem Guß .Eben eine romantiche Sinfonie , wie ich sie mir vorstelle . Natürlich alles Geschmackssache . (Aufnahme Februar 1996 ,Bruckner Halle Linz , für Chesky)

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "
    • andréjo schrieb:

      Bekanntlich haben die Österreicher ein besonderes, ein besonders zwangloses Verhältnis zum Tod und den Umgangsritualen mit ihm. Genau das empfinde ich bei dieser Sinfonie - quasi als schwerinstrumentales Gegenstück zu Fritz Kreisler, Helmut Qualtinger und anderen österreichischen Alltagsphilosophen.
      Der Umgang mit Tod und Trauer, speziell natürlich auch die Einfügung von Trauermärschen, hat ja nun eine ganz lange und ehrwürdige symphonische Tradition. Klar, Schmidt ist Wiener, er wurzelt musikalisch stark in der österreichischen Tradition. Aber die Musiksprache der vierten Sinfonie finde ich nun gar nicht besonders österreichisch/wienerisch (und schon gar nicht "zwanglos", sondern todernst und tieftraurig). Dagegen sind etwa bei Mahler, aber auch bei Alban Berg die "dialektalen" Elemente, die Ländler, Walzer usw. viel stärker vertreten. Gut zum Vergleich eignet sich in dieser Hinsicht Bergs Violinkonzert, fast gleichzeitig zu Schmidts Vierter entstanden, auch als Trauermusik für eine Verstorbene komponiert, aber hier u.a. mit Kärntner Volkslied und Wiener-Walzer-Zitaten. Dagegen spricht Schmidt sozusagen symphonische "Hochsprache", unabhängig davon, dass er im Gegensatz zu Berg noch tonal schreibt.

      Passt hier gerade: Alban Bergs Reaktion gegenüber Schmidt nach einer Aufführung der vierten Sinfonie: "Also Herr Hofrat, jetzt sind wir fast beisammen." Zur gleichen Zeit hatte Berg von einer Bekannten aus dem Schönberg-Umkreis die Partitur der Schmidt-Sinfonie zugeschickt bekommen und nimmt in seinem Dankesschreiben Bezug auf das Konzert: "Vielen herzlichen Dank für [...] die Schmidt-Symphonie, die ich mir tags darauf mit viel Freude u. Anteilnahme angehört habe. Ich bin sehr froh, sie zu besitzen." (beide Zitate nach dem Vorwort von Karl Trötzmüller zur 1981 erschienenen kritischen Neuausgabe von Schmidts Vierter bei der Universal Edition).

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Werter Zwielicht, ich wollte nicht in einem vordergründigen Sinn zum Ausdruck bringen, dass die Sinfonie etwas "Zwangloses" hätte - quasi, wie Du es siehst, als Gegenpol zu Ernst und tiefer Traurigkeit. Aber ich merke, dass dieser Ausdruck, locker in die Diskussion geworfen, wohl missverstanden werden muss.

      Es ist Schmidt, dessen Musik ich schon als österreichisch empfinde (Tradition von Bruckner, eine süffige Sprache, deutlicher sicher in der ersten Sinfonie, manche Parallelen in der Welt zwischen Korngold und Wellesz), gelungen, seinen riesigen Trauermarsch in formaler Vielfalt bei größtmöglicher Einheitlichkeit der Aussage, letztlich der Gesamtstimmung zu gestalten. Der Trauergestus überragt und umgreift das Pathos der (eher) langsamen Sätze, die Doppelbödigkeit des Scherzos, die große Geste des Finales neben der einsamen Trompete ganz am Anfang und ganz am Schluss. Nur in dieser Hinsicht ist der Trauergestus "zwanglos", er lässt sich auf abstrakter Ebene wunderbar mit dem musikalischen Wollen Schmidts vereinbaren.

      Vielleicht habe ich etwas zu vage-pointiert formuliert; vielleicht ist die Parallele zum österreichischen Todeskult dann doch zu geschmäcklerisch subjektiv und hält keiner seriösen Untersuchung stand. Es wäre kein Problem für mich.

      In jedem Fall gehe ich mit Deinem letzten Beitrag konform, freue mich auch, den mir implizit bewussten Dialekt-Charakter bei Mahler - wo mir auch ein jüdisches Element wesentlich scheint - und Berg explizit bestätigt zu sehen.

      Bist Du eigentlich Musikwissenschaftler oder Berufsmusiker?

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Bist Du eigentlich Musikwissenschaftler oder Berufsmusiker?
      Wissenschaftler bin ich nur ohne Musik, ansonsten kann ich noch nicht einmal singen. ;)

      b-major schrieb:

      Bei mir stehen 3 Aufnahmen der 4.Sinfonie von Schmidt , deren Uraufführung der Widmungsträger besorgte, Oswald Kabasta . Mit dem hätte ich gern eine Einspielung . Mehta habe ich auf LP - gab ja sonst nichts - und als Erinnerung an das Konzert am 23./1/2005 den Mitschnitt mit dem NDR - Sinfonieorchester unter Yakov Kreizberg . Gehört wird aber ausschließlich Martin Sieghart mit dem Bruckner Orchester Linz . Stimmig und wie aus einem Guß .Eben eine romantiche Sinfonie , wie ich sie mir vorstelle . Natürlich alles Geschmackssache . (Aufnahme Februar 1996 ,Bruckner Halle Linz , für Chesky)


      Man kann die Aufnahme auch auf Youtube hören: Durchaus interessant, denn Sieghart betont wie kaum ein anderer den Allegro-Charakter des "Kopfsatzes" und den Tempokontrast zum folgenden Adagio, das er fast schleppend nimmt. Schön ausgearbeitete Steigerungen. Dem Scherzo-Teil fehlt es allerdings an Biss, und das Orchester ist nicht immer ganz auf der Höhe - im letzten Teil geraten einige Passagen ein wenig plump.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Nur eine kleine Anmerkung von meiner Seite: Die Besprechung des mir noch unbekannten Werks verfolge ich mit großem Interesse, ein dreiviertelstündiger Trauermarsch in spätestromantischer Manier könnte mich durchaus reizen.

      Vermutlich werde ich einem der hier gegebenen Tips irgendwann folgen und den Bestellknopf betätigen...

      :wink:

      PS: Was halten die Schmidt-Kenner denn von dieser Aufnahme:

      ?

      Stefan Blunier kenne ich aus einigen Konzerten früher in Darmstadt. Spätromantik liegt ihm nach meiner Erfahrung. Das Beethoven Orchester Bonn kenne ich allerdings noch gar nicht.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • ... zwei Fäuste ins Off ... Hallelujah auf die Zweite

      @ Gurnemanz

      Wir könnten es natürlich bezüglich Blunier auch umgekehrt halten. Du hörst und regst (auch mich) an. :P

      Das war nicht hilfreich, weiß ich schon.

      @ Zwielicht

      Jetzt hättest Du schon noch schreiben können, was für ein Wissenschaftler Du bist. Auf dass meine Vorurteile sich bestätigen oder weiter abbauen. :P
      ...



      Ich möchte die zweite Sinfonie (1911 - 1913) empfehlen. Es passt nicht direkt hierher, aber woanders hin auch nicht. Diese habe ich in einer alten Live-Einspielung kennen gelernt und dort schätze ich sie mehr noch als mit Järvi. Wir erfahren Österreichs Fin de Siècle-Hochblüte knapp vor dem Abgesang. Der Anfang, ein pseudobarocker Rausch, könnte nicht gegensätzlicher zum Beginn der vierten Sinfonie sein.

      Dimitri Mitropoulos dirigiert am 28. September 1958 im Großen Saal des Musikvereins die Wiener Philharmoniker.

      Die erste Sinfonie trägt meines Erachtens noch keine Züge eines Abgesangs und die dritte erscheint mir stärker klassizistisch. Man kann wirklich alle vier mit Genuss und Interesse hören, selbst wenn die vierte die musikalisch gehaltvollste und vor allem strukturell interessanteste ist.

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Wir könnten es natürlich bezüglich Blunier auch umgekehrt halten. Du hörst und regst (auch mich) an. :P
      Na, schaunmermal. ;)

      andréjo schrieb:

      Das war nicht hilfreich, weiß ich schon.
      Ooch.... :|

      Diese Kritik finde ich ganz lesenswert: magazin.klassik.com/reviews/re…ew&REID=12058&RECID=19316.

      Blunier wird dort positiv erwähnt; es geht aber eigentlich um diese:



      :wink:

      PS: Zu Blunier habe ich jetzt noch das gefunden: magazin.klassik.com/reviews/re…ew&REID=11695&RECID=18373.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ich weiß, ihr hängt alle an diesen komischen Silberscheiben :D , aber wer sich erstmal ein Bild von der Sinfonie und möglichen Interpretationen machen möchte, findet im Netz reiches Material. Allein bei Youtube: die aus meiner Sicht nicht unproblematische, aber allein schon orchestral großartige Mehta-Aufnahme. Die frühe Moralt-Aufnahme, die manchen Schmidt-Adepten als besonders "authentisch" gilt. Die m.E. etwas unausgeglichene, aber trotzdem sehr hörenswerte Kreizberg-Aufnahme (die hab ich sogar als CD). Sieghart wurde schon erwähnt. Auch N. Järvi und Sinaisky stehen zur Verfügung. Außerdem ein 18 Jahre alter Kölner Mitschnitt mit Petrenko, leider dynamisch stark komprimiert. Und der aktuelle, exzellente Mitschnitt mit Petrenko aus Berlin, den Alexander im ersten Beitrag verlinkt hat. Eine CD kann man sich ja immer noch anschaffen.

      Was es leider nicht gibt: eine Partitur bei IMSLP. Über Bibliotheksserver mit entsprechender Lizenz hat man aber Zugang zur Ausgabe der Universal Edition. Ansonsten gibt's eine Druckausgabe bei den Philharmonia-Taschenpartituren.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Was es leider nicht gibt: eine Partitur bei IMSLP. Über Bibliotheksserver mit entsprechender Lizenz hat man aber Zugang zur Ausgabe der Universal Edition. Ansonsten gibt's eine Druckausgabe bei den Philharmonia-Taschenpartituren.
      .. aber einen Klavierauszug kann man sich ansehen. Ansonsten muß man halt 33,50 € berappen, oder bei seiner örtlichen Bibliothek anfragen.
      Bei der Universal Edition bin ich noch auf diesen Verweis gestoßen: universaledition.com/de/kompon…schmidt-647/auffuehrungen

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Wie schon im Thread gesagt, gab es in den letzten Wochen gleich zwei Aufführungen des Werks mit prominenten Dirigenten. Beide liegen in Bild-Ton-Aufzeichnungen vor: diejenige mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern (vom 13.4.18) kostenpflichtig in der Digital Concert Hall (digitalconcerthall.com/de/concert/51178, Trailer: youtube.com/watch?v=MyhFVnfwUqU), diejenige mit Paavo Järvi und dem hr-Sinfonieorchester (vom 27.4.18) kostenlos bei Youtube (youtube.com/watch?v=w_fjFPhrKjw).

      Beides hervorragende Interpretationen, m.E. den mir bekannten, auf Tonträgern erhältlichen Aufnahmen überlegen (Moralt, Mehta, Kreizberg, N. Järvi, Sieghart, Welser-Möst). In beiden Fällen vorzügliches Orchesterspiel, einleuchtende Temporelationen, Transparenz des Stimmengeflechts. Bei Järvi ist der klangliche Eindruck etwas schwerer, wegen der durchgehend etwas langsameren Tempi und auch wegen der stärkeren Präsenz der Blechbläser - sehr deutlich etwa beim Trauermarsch im Adagio, bei dem insb. die Trompeten klanglich dominieren (dort auch Betonung des perkussiven Marschrhythmus durch harte Schlegel bei den Pauken). Petrenko setzt stärker auf Klangmischungen, die stufenlos ineinander übergehen (die Blechbläser treten weniger hervor, die Schlagzeugeffekte sind teilweise zurückgenommen) Er ist dynamisch noch variabler (besonders im unteren Teil des Spektrums), schattiert Nebenstimmen stärker ab. Die von Schmidt selbst so genannte "Katastrophe" am Ende des Scherzos explodiert in Berlin regelrecht, bringt die musikalische Struktur zum Einsturz. In Frankfurt bleibt sie stärker in den Ablauf eingebunden. Bei den Berlinern ist das Klangbild ist heller und die Musik "fließt" mehr, auch wegen der zügigeren Tempi im ersten und vierten "Satz" sowie in den Außenteilen des Adagio. Und letzlich klingen die Philharmoniker (insb. die Streicher) etwas schöner als das hr-Orchester. Die beiden Solocellisten nehmen sich aber nichts. Tempi für die Statistiker, bezogen auf die vier "Sätze": Petrenko 13:06/11:28/6:58/9:10, insg. 40:42; Järvi 14:20/12:29/7:05/10:15, insg. 44:09. Von den reinen Zahlen her ist Petrenko damit verblüffend schnell (Dirigenten wie Mehta oder Luisi brauchen um die 50 Minuten), was mir aber beim Live-Erlebnis gar nicht so aufgefallen ist.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)