Cello-Spielen in Jazz- und Rock-Gruppen. Was muss ich können? Welches technische Equipment?

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    • Cello-Spielen in Jazz- und Rock-Gruppen. Was muss ich können? Welches technische Equipment?

      Mia Wallace schrieb:

      Deine Musikerfahrungen sind für mich sehr interessant, vor allem weil du vom Cello zum Bass gewechselt bist wegen den cooleren heavy metal band´s Wie du ja schon weisst, mag ich diese etwas härtere Musikrichtung auch sehr und da ich mehrere Bands kenne, wurde ich schon mehrfach gefragt, ob ich nicht in einer dieser Bands mitspielen könnte/will. Bisher habe ich immer abgelehnt, da ich bisher immer vom Blatt spiele und mir nicht vorstellen kann, zu improvisieren. Wie kann man das lernen? Wie ist es, wenn man als Streicher in ein solches Ensemble tritt? Gibt es da Noten? (ich denke nicht) Ich habe mich bereits mal nach Verstärkern erkundigt (anders werde ich wohl nicht hörbar sein) doch ich bin so unsicher, was man können muss, welches Niveau man haben muss, um in einer solchen Band auch ein Gewinn zu sein...


      Ich habe diese Frage aus dem Musiker-Forum im Klassik-Bereich hierhin kopiert. Passt hier wohl besser. Außerdem steht dann hier endlich auch was. :D

      Liebe Mia,

      Je nach Band dürfte das mit dem Niveau und, ob und wenn ja, wie :D etwas notiert ist, ganz unterschiedlich sein. Ich würde mal schätzen, bei den meisten Amateur-Rock-Bands sind, gerade wenn sie eigene Stücke spielen, allenfalls die Grundnoten irgendwie festgehalten und geht das meiste nach Gehör. Wenn du als Cellistin neu dazu stößt, wirst du dir wohl deine eigene Stimme selbst entwickeln müssen, d.h. ihre Stücke anhören und dann wohl losimprovisieren. Wie Michael Schlechtriem schon geschrieben hat, das geht schon...

      Hilfreich ist es natürlich, wenn die Band dir Aufnahmen von sich zur Verfügung stellen kann. Dann kannst du zu Hause schon ein bisschen ausprobieren, was passen könnte. Es kann sicherlich auch nicht schaden, erst einmal nur zum Anhören zu einer Bandprobe zu kommen, um zu schauen, wie die jeweilige Band arbeitet und ob du mit ihrer Art klar kommst, auch was die "Chemie" in der Band angeht - wenn das nicht stimmt, dann fällt einem nämlich auch nicht viel ein. Wir sind ja keine Profis, die dann trotzdem irgendwie klarkommen müssen, wenn sie den Job übernommen haben.

      Wie improvisieren lernen?

      Viel Hören, vor allem, was andere mit Streichinstrumenten in improvisierenden Musikkontexten machen und dann versuchen, nach Gehör nachzuspielen. Dabei am besten erst einmal einige einfache Phrasen und kurze Abschnitte raussuchen und nachzuspielen versuchen. Die auch ruhig selber abwandeln und ausprobieren, was klingt.

      Aber das wichtigste ist wohl für jemanden, der aus der Klassik kommt, erst einmal dabei nicht auf saubere Intonation und schönen Klang achten. Mit Verstärker und Effektgeräten unter anderen lauten Instrumenten fällt das eh nicht so auf, wenn es mal ein bisschen unsauber ist, jednfalls bei der Session oder der Probe, in der alle loslegen. Viel wichtiger ist erst einmal, mit dem Rhythmus klar zu kommen und an den "richtigen" Stellen passend zu den Drums einzusetzen.

      Zum Üben zu Hause würde ich zunächst einmal einfache 12-Takt-Blues-Schemata als Grundlage zum eigenen Improvisieren nehmen. Das geht mit den pentatonischen Bluestonleitern, mit denen immer jeweils über den Grundton improvisiert werden kann. Auch die Kirchentonleitern sind ähnlich und dafür gut geeignet, aber wohl eher für Jazz interessant. So viele hardrockstücke in Phrygisch oder Mixolydisch macht wohl kaum eine Amateurband. :D Hör dir Stücke in solchen einfachen Standardbluesschemata an und versuch selber nach Gehör so etwas zu spielen und probier dabei aus, was mit dem Cello dazu paßt. Gerade im Hard- und Heavy beruht ja das meiste letztlich meist auf Blues und werden fast immer weitgehend diese Bluestonleitern verwendet. Dann würde ich auch einfach bei laufender CD versuchen, irgendwie dazu mitzuspielen und wenn das erst einmal nur ganz einfache einzelne Phrasen oder Grundtöne sind, vor allem um das Rhythmusgefühl zu entwicklen. Das geht bei einfachen und langsamen Blues-Stücken ziemlich schnell, wirst du merken. Bei mir läuft kaum eine Rock- oder Jazz-CD, wenn ich sie nicht gerade ganz neu habe oder sie nur nebenbei höre, ohne das ich nicht irgendwann mal zu einem meiner Bässe greiffe, wenn ich gerade die Gelegenheit dazu habe.

      Natürlich kannst du versuchen, Einzelnes von Gitarren oder Bässen mehr oder weniger variiert nachzuspielen und dabei auszuprobieren, was für dich mit dem Cello geht. Da es kaum Cello im Rock gibt, bleibt dir auch gar nichts anderes übrig. Gut ist es aber sicherlich, auch viel auf Streichinstrumenten mehr oder weniger improvisierende Musiker zu hören. Im Rock gibt es leider kaum Cello. ELO wird nicht so dein Ding sein. Mir fällt auf Anhieb neben Apocalyptica nur Jane Scarpantoni ein, eine sehr gute Cellistin, die aus der neuen Musik kommt, viel nicht so süßlich-blöde Streicharragements für Rock- und intelligentere Singer/songwriter schreibt und zeitweilig festes Bandmitglied bei Lou Reed war - oder sogar noch ist? Im Jazz gibt es hingegen inzwischen eine ganze Menge sehr guter Cellisten. Aber im Blues und Rock gibt es ja eine ganze Reihe guter Geiger, bei denen du dir etwas abhören kannst, was man in diesem Kontext so spielen kann. Bei z.B. Gruppen wie Caravan, The Flock oder Curved Air hat die Geige eine prominente Rolle gespielt. Zum Anfang sind wohl aber vielleicht Blues-Geiger am hilfreichsten zu hören, wie z.B. James Burnham oder Don Sugarcane Harris mit seinem sehr bluesorientiertem Jazz-Rock. Eine enorm gute Jazzcellistin, die manchmal auch bei Rockgruppen oder Singer/Songwritern gespielt hat, ist Peggy Lee aus Vancouver, so eine Art Jimi Hendricks des Cello. Zu hören auf in Deutschland zu bekommenen Aufnahmen bei der kanadischen Sängerin Veda Hille. Sie nutzt dann auch meist jede Menge Gitarren-Effektgeräte, Wah Wah usw. Ihre eigenen Cds sind jedoch eher sehr experimenteller Jazz, insofern sind die völlig ungeeignet, um sich etwas abzuhören oder sehr vereinfacht teilweise nachzuspielen zu versuchen.

      Wobei wir bei der Frage des Equipments sind. Im Bandproberaum stehen doch meistens einige Amps und Boxen. Ich würde erst einmal zum Ausprobieren über etwas, was da steht, spielen oder mir etwas leihen. Für das Cello finde ich ein Bassverstärker und Bassboxen mit guten Mitten und Höhen besser als z.B. eine Gitarrenanlage. So optimal passt aber beides nicht, weswegen es extra Vorverstärker fürs Cello gibt, die zwischen eine Bassanlage und das Instrument gehängt, sehr guten Sound produzieren. Die sind, etwa von Bacchus-Berry, leider nicht ganz billig und lohnen sich wohl nur, wenn du richtig längerfristig einsteigen willst. Zu Mikros, die man meist am Steg befestigt unter die Seiten hängt, hat ja schon Michael im Ursprungsthread etwas gesagt, Welche mit guten Pick-Ups sind leider auch nicht so ganz billig. Zum Ausprobieren bei ersten Sessionversuchen mit Bands tut es aber auch erst einmal ein Gesangs- oder Bläsermikro am Ständer auf die entsprechende Höhe gestellt. Gesangsmikros hat ja jede Band in ihrem Proberaum. Gut wäre auch ein Lautstärkepedal, häufig haben die auch ein Wah Wah mit drin, mit dem man lustige Sachen mit dem Cello machen kann. Aber das Lautstärkepedal ist schon sehr gut, weil du unterschiedliche Lautstärken brauchst, je nachdem, ob und in welcher Art du - eher als Hintergrundteppich z.B. einen Orgel- oder Synthezizer-Part übernehmend, oder voll Stoff z.B. mit Rhythmusgitarre oder E-Bass zusammen loslegen oder ein Solo spielen willst. Wenn du mit Effektgeräten spielst, dann verändern auch die beim Einschalten die Lautstärke, was über das Lautstärkepedal ausgeglichen werden muß. Lästig und manchmal auch gar nicht möglich, dann immer zum Regler am Amp hinter einem greiffen zu müssen. Außderdem werden die Gitarristen immer lauter, während der Probe oder des Auftritts. Das ist wohl Naturgesetz. ;( Und die haben Lautstärkepedale und außerdem Regler, die an ihrer Gitarre während des Spiels aufdrebar sind. Wenn du nicht untergehen und dich selbst noch hören können willst, mußt du mithalten können. Außerdem kannst du dich dann zur Probe erst mal leiser machen, wenn du etwas passendes gefunden hast, dann im Stück beim Spiel langsam lauter, und wenn etwas arg daneben ging, schnell ausblenden. :rolleyes: Glücklicherweise schleppen alle E-Gitarristen immer Kofferweise diverses Equipment mit sich rum. Auch ein Naturgesetz. Dewegen muß man als Nichtgitarrist immer aufpassen, das man nicht schon am Beginn der Probe betrunken ist, wenn die Gitarristen endlich ihren ganzen Kram aufgebaut haben und endlich mal - nur vorrübergehend- mit ihrer Soundeinstellung zufrieden sind, so dass es endlich losgehen kann. Aber insofern kann dir einer der Gitarristen sicherlich erst einmal ein Lautstärkepedal und das eine oder andere Effektgerät zum Rumprobieren pumpen. Für den härteren Rock ist natürlich ein Verzerrer gut, auch etwas Hall, ein Flanger oder ein Delay machen sich beim elektrisch verstärkten Cello oft ganz gut. Häufig ist zumindest ein Hall oder auch weiteres auch schon im Amp mit drin. Bei Sound und Effektgeräten hilft dann auch nur ausprobieren. Ist sowieso Geschmackssache, was man wie bei welchem Part verwendet.

      So, jetzt fällt mir auf Anhieb nichts mehr ein, aber frag gerne weiter und berichte von ersten Session-Versuchen, wenn du Lust hast. Michael kann dann sicherlich auch noch Tips geben.

      :wink: Matthias
    • Hallo Mia,

      Im Jazz ...gerade goutiert-Thread habe ich etwas die CD des Jazzcellisten Hank Roberts "Birds of Prey" vorgestellt. Sie enthält auch einige Parts und Soli, die vielleicht auch für jemanden interessant sein könnten, der Cello im Rock einsetzen will. O.k., das ist nicht so schnell nachspielbar, es sei denn du kündigst deinen Job und machst die nächsten Jahre nichts anderes mehr als so etwas üben. Aber von so etwas muß man sich ja nicht entmutigen lassen. Anregend, einfach zu hören, was mit dem elektrisch verstärkten Cello so alle möglich ist, kann es ja trotzdem sein.

      :wink: Matthias
    • :faint: Also.....ich bin überwältigt........mir fehlen ......ersteinmal die Worte :faint:

      Das werde ich mir bestimmt noch mehrmals durchlesen und dann wahrscheinlich tausend Fragen an dich haben....

      Aber vorerst: Vielen, vielen Dank!!!! :kiss:

      Bis später....

      LG Mia

    • So lieber Matthias,

      ich werde demnächst mal damit anfangen (sehr zur Qual meiner Nachbarn) etwas leichtere Rock-stücke, die ich gerne mag, mit meinem holden Spiel zu begleiten (Natürlich daheim, hinter verschlossenen Türen). Mal sehen, wie das klappt.



      und dann versuchen, nach Gehör nachzuspielen


      Na, das wird was :S Ich habe komischerweise kein Problem auf dem Klavier Melodien nachzuspielen (liegt vielleicht daran, dass ich 6 Jahre als Kind Akkordeon gespielt habe), doch auf dem Cello habe ich das komischweise noch nicht so probiert. Ich bin ganz schön neugierig, wie das wird....



      Viel wichtiger ist erst einmal, mit dem Rhythmus klar zu kommen und an den "richtigen" Stellen passend zu den Drums einzusetzen.


      Genau das werde ich mal mit meinem CD-Player üben!! (der ist Leidensfähig!!)



      einfache 12-Takt-Blues-Schemata als Grundlage zum eigenen Improvisieren nehmen. Das geht mit den pentatonischen Bluestonleitern, mit denen immer jeweils über den Grundton improvisiert werden kann. Auch die Kirchentonleitern sind ähnlich und dafür gut geeignet, aber wohl eher für Jazz interessant. So viele hardrockstücke in Phrygisch oder Mixolydisch macht wohl kaum eine Amateurband


      Alles klar!!! Was bitte? ?( ?( Du überschätzt meine Musiktheoretischen Kenntnisse gerade kolossal :schaem:



      Bei mir läuft kaum eine Rock- oder Jazz-CD, wenn ich sie nicht gerade ganz neu habe oder sie nur nebenbei höre, ohne das ich nicht irgendwann mal zu einem meiner Bässe greiffe, wenn ich gerade die Gelegenheit dazu habe.


      Beneidenswert!!! So einen Lehrer bräuchte ich!



      Ich würde erst einmal zum Ausprobieren über etwas, was da steht, spielen oder mir etwas leihen. Für das Cello finde ich ein Bassverstärker und Bassboxen mit guten Mitten und Höhen besser als z.B. eine Gitarrenanlage.


      Guter Tipp!!! Ich habe mal den Verstärker eines unserer Orchestermitglieder ausprobiert, der diesen an seiner akustischen Gitarre immer dran hat, hat schon wumms :D



      Außerdem kannst du dich dann zur Probe erst mal leiser machen, wenn du etwas passendes gefunden hast, dann im Stück beim Spiel langsam lauter, und wenn etwas arg daneben ging, schnell ausblenden


      Ein noch viel wichtigerer Tipp!!!!!! :pfeif:

      Ich werde von meinen ersten Zimmer-Versuchen berichten, versprochen (auch wenn es peinlich wird)

      LG Mia

    • Liebe Mia,

      ich habe inzwischen mal nachgeschaut: Einführende Schulungstexte/-Noten für Rockimprovisation, die fürs Cello brauchbar wären, finde ich nicht. In den besseren Schulen für Gitarre und E-Bass sind meistens zwar auch ein paar allgemeinere, einführende Erklärungen, z.B. über Blues-Schema, Noten für Skalen wie Bluestonleitern, aber ansonsten alles gleich auf das jeweilige Instrument ausgerichtet (Fingersätze, Akkorde etc.), womit du dann wenig anfangen kannst. Insofern würde ich vielleicht allenfalls in einer Bibliothek nachschauen, ob die Gitarren- oder Basseinführungen haben, aus deren Anfangsteilen ein klein wenig brauchbar ist. Man findet so etwas aber auch leicht im Netz, z.B. "Bluestonleitern" googeln, dann findest du Noten für einige grundlegende Bluestonleitern und ein paar ganz brauchbare Erklärungen.

      Ich bin leider als Computeridiot technisch völlig überfordert, hier Noten einzustellen. Deswegen nur so ein erster Erklärungsversuch:

      Das grundlegende 12- Takt-Blues-Schema, das so oder leicht variiert, den meisten Blues und vielen Rockstücken zugrundeliegt, sieht z.B. auf a, d.h. der Gitarrist gibt einen Akkord mit z.B. a-Moll-Grundton vor, so aus: 4 Takte auf a, 2 Takte auf d, 2 Takte auf a, 1 Takt auf e, ein Takt auf d, abschließend wieder 2 Takte auf a oder ein Takt a, dann ein Takt e. Das Ganze kann dann beliebig oft wiederholt werden.

      Auf hier z.B. a-moll wäre dann die Bluestonleiter, mit deren Tönen man dann im Prinzip beliebig in den Takten auf a variieren kann:

      a - c - d - e - g - a oder umgekehrt:

      a - g - e - d - c - a

      Dementsprechend mit den gleichen Intervallen ergeben sich die Bluestonleitern auf d-moll und e-moll, die in den entsprechenden Takten auf d und e verwendet werden können.

      Bluestonleitern sind pentatonisch, d. h. sie bestehen aus 5 Tönen. (penta = gr.: fünf)

      Im Blues und bluesorientierten Rock ist auch noch einer Erweiterung solcher Bluestonleitern um eine "Blue Note" beliebt:

      a - c - d - eb - e - g - a oder:

      a - g - e - eb - d - c - a

      eb ist die Blue Note, mit der es etwas aufgeraut, "schräger" klingt.

      Du erwähntest, du magst die White Stripes. Die sind im Grunde eine Blues-Band, die meistens nach einem solchen oder nur leicht variierten oder reduzierten Schema spielt. Jack White macht auch ziemlich exzessiv Verwendung von Blue Notes.

      Da ist das vielleicht jetzt heraushörbar, wie dann so etwas klingt. Einfacher vielleicht noch bei irgendeiner klassischen Blues-Platte, z.B. von B.B. King, Muddy Waters.

      Solche Blues-Schemata zu kennen, ist insofern gut, weil sie sehr häufig auch bei Rock-Session verwendet werden. Das heißt, einer sagt: "Spielen wir mal nen Blues in a und dann wissen alle nach diesem obigen, gängigsten Schema schon, nach welchen Takten die Wechsel von a zu d usw. ablaufen.

      Die Bluestonleitern werden aber auch zu anderen Melodiefolgen auf den jeweiligen Grundton des Akkords der Rhythmus-Gitarre verwendet.

      Zum Üben sind aber vielleicht auch manche einfachere White Stripes Blues-Nummern nicht schlecht, weil da der Bass fehlt. Dann kannst du erst einmal quasi als Bass die Grundtöne mitzupfen, um die Grundorientierung im Thema und den Rhythmus zu üben.

      :wink: Matthias