Beethoven: Die neun Symphonien – Gesamteinspielungen und Gesamtausgaben

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    • teleton schrieb:

      Du solltest Paavo Järvis CD-Aufnahmen nicht mit dem vollendeten Abschluss bei Beethovenfest 2010 in der Bonner Beethovenhalle verwechseln.
      Lieber Teleton,
      wie so oft: Studio vs live.
      Danke für den Tip und ich werde nachhören.
      Im Moment aber klebe ich am gaaaanz späten Klemperer von 1970, der ja selbst ein wenig klebt.
      Spannend finde ichs trotzdem, weil zwar manchmal unendlich langsam, aber immer wach und nie routiniert.
      Anders als eben schnell und rotiniert.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Mehrfachwerte: das letzte Konzert von 1971 bei Testament, die Video- Mitschnitte der BBC. Besonders angetan hat es mir aber die späte Siebente von LP, die so auf völlig andre Art als über das Tempo Drive erzeugt und zum Zuhören zwingt.
      Hörenswert natürlich der Zyklus aus Wien von 1960.
      So verstörend aber wie die 7 von der ganz späten LP finde ich die Lesart Ottos nur selten.
      Stellt alles auf den Kopf, was Metronom etc. angeht und ich finde die Aufnahme fesselnder als jeden Parforce- Ritt jüngeren Datums.
      Fatalistische Leidenschaft....oder so....zwing mich nicht, Worte zu finden X/ .
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Beethoven und seine 9 Sinfonien - was ich da gerade höre, hängt immer sehr von meiner persönlichen Stimmung ab. Im Moment möchte ich mich einer hemmungslosen Emotionalität hingeben und da kommt mir der frühe Bernstein-Zyklus gerade recht.



      Schon klar, das ist kein Kriterium, um Interpretationen sachlich beurteilen zu können. Aber ich bin eh ein Mensch, der künstlerische Hemmungslosigkeiten eher liebt und von daher passt dieser Zyklus. Und ich bin eh ein Mensch, der sich seine Interpretationen nach der persönlichen Verfassung aussucht und sie manchmal auch findet. Und ich bin eh ein Mensch, der Authentizität über Werktreue stellt. Von daher passt diese GA Bernsteins aus den NY-Jahren gerade wunderbar zu mir.

      Bernstein lädt, typisch für ihn ^^ , alle Sinfonien mit einer wirklich hemmungslosen Emotionalität auf, die mir im Moment eine unendliche Freude bereitet. Möglicherweise geht sie mir drei Tage später schon wieder auf die Nerven, weil ich dann anders ticke, aber vielleicht gibt es ja einen Beethoven für jede Stunde. Und diese ist gerade meine. ^^

      Wenn Musik 'zu Herzen gehen' soll, dann ist für mich, sorry, eine historische-informierte Wiedergabe relativ uninteressant. Dann höre ich eben auf dieses Herz (Gott, was klingt das pathetisch. ^^ ), was das gerade verlangt. Und so finde ich mich bei Bernstein gerade bestens bedient.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Schon klar, das ist kein Kriterium, um Interpretationen sachlich beurteilen zu können. Aber ich bin eh ein Mensch, der künstlerische Hemmungslosigkeiten eher liebt und von daher passt dieser Zyklus. Und ich bin eh ein Mensch, der sich seine Interpretationen nach der persönlichen Verfassung aussucht und sie manchmal auch findet. Und ich bin eh ein Mensch, der Authentizität über Werktreue stellt.
      Ja, finde ich auch. Wofür hört man denn Musik? Ist es nicht sehr oft, um einer Stimmung entweder zu begegnen oder sie zu erwecken? Sie entweder zu bestärken oder zu vertreiben? Oder sie einfach nur zu begleiten?

      Man hört doch selten, um zu "beurteilen". Und Werktreue ist ein sehr schwieriger Parameter, der mich am Ende jeder Duskussion immer wieder auf die eigentliche Frage zurückbringt, nämlich warum ich eigentlich Musik höre.

      Ich erkenne allerdings an mir die (Un-)Art, dass mir unzureichendes Beherrschen eines Instruments, der Stimme oder der Kapellmeisterschaft dann den Genuss des musikalischen Ereignisses verderben. Ein Mindestmass an Qualität muss schon gegeben sein, und beim Empfinden dieser hat jeder seine eigenen Massstäbe, wahrscheinlich je nach musikalischer Vor- und Ausbildung und Erfahrung.

      Ich persönlich habe bei mir insbesondere bei Beethoven Symphonien auch bemerkt, dass meine Tagesverfassung ganz massiv in meine Rezeption einer bestimmten Aufnahme hineinspielt. Ausserdem ändert sie sich auch sehr mit dem voranschreitenden Alter, aber das ist wohl nicht ungewöhnlich.
      Was es nur immer wieder zeigt, ist dass man an sich selber am besten lernen kann, wie eine "absolute" Position gegenüber musikalischer Interpretation fast unmöglich ist.
    • Maurice schrieb:



      Wenn man bei den Nachkriegs-Boxen der Sinfonien eine Alternative zu Furtwängler haben möchte, wäre diese vielleicht kein Fehler......Allerdings sind sie von 1959-1961, und damit noch nach dem ersten Karajan-Zyklus eingespielt worden.
      Der Empfehlung kann ich mich nur anschließen. Allerdings weise ich auf die günstig zu erwerbende Alternative hin:



      Da sind nicht nur die Stereo-Einspielungen von 1959/61 enthalten, sondern auch mehrere ca. zehn Jahre ältere Mono-Aufnahmen.
      Weil ich gerade die VII., VIII. und IX. in der Stereoversion gehört habe: Konwitschny strebt da meines Erachtens nach klassischer Perfektion, ohne romantische Verträumung, aber auch ohne akademische Trockenheit. Wunderbar wie er bei aller Monumentalität leeres Pathos vermeidet und wie er die einzelnen Instrumente herausarbeitet. Besonders die IX. gelingt ihm hervorragend.
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • In der ARD-Mediathek erscheint gerade der Beethoven-Zyklus mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, live aus der Suntory Hall in Tokio von 2012. Bisher sind die ersten fünf Symphonien abrufbar (und dem Hörensagen nach für technisch Versierte angeblich auch downloadbar :) ), die restlichen werden noch folgen. Für mich einer der besten Beethoven-Zyklen überhaupt. Jansons Tod vor einem guten Jahr ist ein nach wie vor unersetzlicher Verlust. Immerhin besagt die Gerüchteküche, dass die BR-Symphoniker auf einen namhaften Nachfolger hoffen können...



      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Hi,

      ChKöhn schrieb:

      In der ARD-Mediathek erscheint gerade der Beethoven-Zyklus mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, live aus der Suntory Hall in Tokio von 2012.
      die liefen im Januar und Februar 2018 im Bayerischen Fernsehen. Leider bin ich nur ein Mal dazu gekommen, mir die anzusehen, aber die waren wirklich phänomenal gut (ebenso wie der Mahler-Zyklus übrigens).
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • ChKöhn schrieb:

      In der ARD-Mediathek erscheint gerade der Beethoven-Zyklus mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, live aus der Suntory Hall in Tokio von 2012. Bisher sind die ersten fünf Symphonien abrufbar (und dem Hörensagen nach für technisch Versierte angeblich auch downloadbar :) ), die restlichen werden noch folgen. Für mich einer der besten Beethoven-Zyklen überhaupt. Jansons Tod vor einem guten Jahr ist ein nach wie vor unersetzlicher Verlust. Immerhin besagt die Gerüchteküche, dass die BR-Symphoniker auf einen namhaften Nachfolger hoffen können...




      Danke für diese Tipp !
    • Ich habe in den letzten Wochen den Jansons Zyklus (CD und DVD, CD Tokyo/München, DVD nur Tokyo) sowie die neue Concertgebouw Box mit verschiedenen Dirigenten durchgehört. Dazu die Kapitel im Thielemann Buch zu den jeweiligen Symphonien gelesen. Bin jetzt auch ein Riesenfan des Jansons Zyklus.



      Persönliche Höreindrücke:

      Im Beethovenjahr 2020 also doch noch einmal (besser gesagt dreimal) durch die neun Symphonien von Ludwig van Beethoven, diesmal mit schriftlichen Impulsen von Christian Thielemann, formuliert für das 2020 bei Beck (München) veröffentlichte Buch „Meine Reise zu Beethoven“, sowie mit dem 2013 erschienenen Münchner Mariss-Jansons-CD-Zyklus (6 CD-Box BR-Klassik 900119) und mit dem zum Beethovenjahr aus Amsterdam beigesteuerten dirigentenhistorischen Concertgebouw-CD-Zyklus (5 CDs RCO 19005)…

      Thielemann, der in seinem Buch die Symphonien der Reihe nach (eingeflochten in andere Betrachtungen) abhandelt und vielfach „kapellmeisterlich locker“ formuliert, macht auf die gegenüber Haydn dunklere Instrumentierung der Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21 aufmerksam. Den 2. Satz charakterisiert er als „ein merkwürdig überbetontes, stilisiertes Menuett“, und dem 3. Satz fehlt „ein rechtes Thema“. Thielemanns Fazit: „Beethovens Erste stellt Fragen.“

      Mariss Jansons und das Symphonieorchester das Bayerischen Rundfunks gaben in ihrem Konzert am 27.11.2012 in der Suntory Hall in Tokyo, bei dem die Symphonien 1, 2 und 5 aufgeführt wurden, für das japanische Publikum und für den Livemitschnitt mit großartig offenem Raumklang bereits mit dieser 1. Symphonie eine passende Antwort: die Zügel fest gespannt, musizieren sie dieses Werk gleich mit so viel Herz und Seele und mit ihrer prachtvollen Klangkultur, dass man sofort Feuer und Flamme ist – das ist 25 Minuten lang schon mal ein richtiges Beethoven-Fest!

      2020 veröffentlichte das Concertgebouw Orkest in seiner Edition also auch einen „Beethoven live“ Zyklus– allerdings mit neun verschiedenen Dirigenten. Die Aufnahme der Symphonie Nr. 1 von Beethoven leitete am 9.6.2010 der 1936 geborene US-amerikanische Dirigent David Zinman, der ja von 1995 bis 2014 Chefdirigent des Tonhalle Orchesters Zürich war. Sofort fällt bei etwas dumpferem Klangbild als bei der Münchner Aufnahme aus Tokyo der spezifische, „holz“-intensivere Klang des Amsterdamer Orchesters auf. Zinman geht es rustikaler an als Jansons, anders frisch drauflos, erdig lebendig.

      Fazit für mich nach der 1. Symphonie: Die Amsterdamer Aufnahme ist OK, ein schönes Livedokument. Der Jansons-Zyklus deutet aber schon hier Suchtpotential an.

      Die Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 36 strahlt laut Thielemann „einen unbändigen Optimismus aus“, sei ein „Mehr-Wollen“, und das Finale hat „etwas Manisches“.

      Die Jansons-Vorfreude erfüllt sich – was für eine frische, entschlackte Farbenpracht, und vor allem auch eine faszinierende Unbeschwertheit bei aller Beethoven-Wucht der Musik! Das ist Orchesterkultur und Liveintensität vom Feinsten.

      Die Liveaufnahme der Symphonie Nr. 2 mit Leonard Bernstein im Concertgebouw wurde am 8.3.1978 mitgeschnitten, in der Zeit also, als Bernstein gerade in Wien seinen zweiten Beethoven-Zyklus aufnahm. Das Werk erklingt hier schicksalsschwerer, gewichtiger. Bernstein entwirft ein Schicksalsdrama und antizipiert damit den „Fidelio“. Bernsteins Leidenschaft und kämpferische Unbedingtheit sind einmal mehr bezwingend. Er benötigt vier Minuten länger als Jansons.

      Fazit hier: Bei Jansons ist die 2. Symphonie ein lebensbejahendes Klangfest, bei Bernstein ein Befreiungswerk, intensive Bekenntnismusik.

      Und dann also der „Brecher“ der symphonischen Musikgeschichte, die Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55, die „Eroica“! Thielemann hebt die Aufnahme Furtwänglers mit den Wiener Philharmonikern von 1944 hervor. Den Trauermarsch nennt er „DAS Bekenntnisstück der Eroica“, und das Finale sei „ein gebrochener Triumph“.

      Auch in dieser gewaltigen, dramatischen, schicksalhaften, großen Symphonie bieten Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, diesmal live am 18. und 19.10.2012 im Herkulessaal der Münchner Residenz aufgenommen, klangliche Disposition und Feinarbeit vom Allerbesten, stets im Fluss der Musik. Das ist eine „Ohrenweide“ – hier musiziert wahrlich eines der weltbesten Orchester! Die „Eroica“ ist aufwühlender denkbar aber nicht besser klanglich und von der musikalisch exzellenten Schattierung her. Und Herz und Seele sind einmal mehr stets spürbar.

      Die Liveaufnahme mit dem von Nikolaus Harnoncourt dirigierten Concertgebouw Orkest entstand am 16.10.1988 im Concertgebouw in Amsterdam: nervös, aufgewühlt, grimmig-beredt, leidenschaftlich, verzweifelt, kämpferisch, atemberaubend spannend, ein tolles Livedokument!

      Fazit hier: Jansons weiter am „Weltklassetrip“, Amsterdam sehr spannend mit unterschiedlichsten Dirigentenpersönlichkeiten, nach Bernsteins hier Harnoncourts Unbedingtheit.

      Die Einleitung zur Symphonie Nr. 4 B-Dur op. 60 kann, so Thielemann, ein „Mysterium“ sein. Dieses Werk „gehört mehr ins komische, burleske, selbstironische Fach“. Zum 2. Satz kennt Thielmann natürlich die Kleiber-Maazel-Anekdote um Marie und Theres´. Und das Finale ist für ihn „ein Anti-Kehraus“. Die Liveaufnahme mit dem von Mariss Jansons dirigierten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vom 26.11.2012 aus der Suntory Hall in Tokyo tastet sich vorsichtig durch die Einleitung, um sich dann ins nächste farbige, erfrischende, herrliche Klangfest zu entladen. Es zeichnet sich für mich ab, dass dieser Jansons-Zyklus insgesamt mehr repräsentativ als aufwühlend werden wird, gleichwohl stets mit Herz und Seele musiziert, vor allem aber durchgehend klanglich exquisite Weltklasse bietet.

      Die Box aus Amsterdam bringt bei der Symphonie Nr. 4 den 1927 geborenen schwedischen Altmeister Herbert Blomstedt ans Pult des und im Concertgebouw Amsterdam, live aufgenommen am 19.9.2003. Hier merkt man gleich wieder, wie spezifisch ein charakteristisches Orchesterklangbild sein kann, was das für eine persönliche Farbe hat (hier eben „etwas holzig“). In diesem farbigen Klangbild ist auch eine großartig lebendige, gut durchblutete Aufführung dieses Werks dokumentiert.

      Für Christian Thielemann ist die berühmte Symphonie Nr. 5 c-Moll op. 67 das leichteste Beethoven-Werk zum Dirigieren. Das Finale sieht er als Perpetuum Mobile.

      Was für ein Klang wieder bei Mariss Jansons (erneut Tokyo, siehe Symphonien 1 und 2) – und hier differenzierte, fein ausgelotete festliche Unbedingtheit mit Herz und Seele, und das Finale hebt ab zum Höhenflug, „das muss man gehört haben“.

      Erstaunlich – nicht, dass der Amsterdamer Livezyklus hier auch eine Mariss Jansons-Aufnahme (aus dem Concertgebouw vom 29.5.2008) bietet (klar musste da Jansons auch vertreten sein!), sondern dass diese orchestral kräftiger, saftiger daherkommt, klangsatter, etwas kämpferischer. Die Innigkeit im 2. Satz ist berückend – ein Beispiel, wie sehr oft gehörte Musik vom Mal zu Mal neu belebt werden kann, interpretatorisch wie für den Rezipienten. Das Finale bleibt am Boden, bei aller Energie. Jansons „gegen“ Jansons endet für mich 1:1, ein gerechtes Remis.

      Herkulessaal München, 8. und 9.11.2012, Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ludwig van Beethoven, Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68, die „Pastorale“ - Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande, Szene am Bach, Lustiges Zusammensein der Landleute, Gewitter, Sturm und schließlich der Hirtengesang, frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm: voll eingelöst! Gott, was für ein schöner Orchesterklang, „natürliche zivilisierte“ Musik vom Allerschönsten, sorgfältig ausgefeilte und abgestufte Klangkultur, und man spürt - Dirigent und Orchester sind (nochmals betont) ein Herz und eine Seele und geben das mit dieser Musik weiter ans Publikum.

      Thielemann meint als Dirigent zum 1. Satz der „Pastorale“ „Man muss das genießen können“ und zum Ende „Zweifel bleiben“.

      Die Amsterdamer Liveaufnahme dirigierte diesmal der 1934 in Oxford geborene Roger Norrington, am 7.10.2004. Norrington treibt das vollblütig aufspielende Orchester zur Eile an, eine „Pastorale“ mit Bluthochdruck zieht da vorbei. Das Finale kommt dann standfest entspannt.

      Fazit hier – Jansons „im Pastorale-Himmel“, Norrington auf Hochdruck unterwegs.

      Nun die Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92: Für Thielemann „muss sich der Dirigent am allermeisten am Zügel reißen“, ist der 2. Satz „ein Rätsel“, und der 4. Satz „verfehlt seine Wirkung nie“.

      Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks haben am 20.11.2012 in der Suntory Hall in Tokyo einen Flow wie Harnoncourt mit den Wienern in Salzburg 2003 (Orfeo) – was für differenzierte, erneut herrliche Klangfarben, sensationelle Schattierungs- und Steigerungskunst, selbst in diesem Zyklus ein Höhepunkt für sich. Die Einleitung zum 1. Satz explosiv, der Hauptsatz euphorisch, und so geht das weiter – ein phänomenaler, mitreißender Flow!

      Carlos Kleiber, mit dem bereits Tonträger-Einspielungen dieses Werks mit den Wiener Philharmonikern (DGG) und dem Bayerischen Staatsorchester (Orfeo) vorliegen, hat das Werk am 20.10.1983 im Concertgebouw dirigiert – straff, zielgerichtet und transparent, ohne Expositionswiederholungen in den Ecksätzen, aber eben mit dem unwiderstehlichen Kleiber-Musikstrahl-Sog, was für ein Drive, was für eine Energie! Diese Aufnahme liegt ja auch auf DVD vor (Decca 070 100-9).
      Fazit hier: Zwei Top-Livedokumente mehr!

      „…die absolute Ausnahmesymphonie“ ist die Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93 für Christian Thielemann. Er konstatiert „Täuschungsmanöver“ und „eine Selbstpersiflage“.

      Die Liveaufnahme mit dem von Mariss Jansons dirigierten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks entstand vor der 9. Symphonie am 1.12.2012 in der Suntory Hall in Tokyo – vielfach schelmischer Humor in feinster Klangkultur (technisch wie musikalisch) und Spielkultur.

      Der Concertgebouw-Zyklus stellt was diese Symphonie betrifft eine erdige, lebendige, sympathisch belebte Liveaufnahme unter der Leitung des 1947 in Gent geborenen belgischen Dirigenten Philippe Herreweghe vom 5.10.2003 vor. Das wirkt wieder „normaler“ nach dem exzeptionell guten Jansons-Mitschnitt, auf solidem „Abo-Konzert-Niveau“.

      Fazit – Jansons „auf Beethoven-Paradies-Linie“, Herreweghe solide „Nobelnormalkost“.

      Ziel- und Gipfelpunkt – die Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125 mit Schillers „Ode an die Freude“!

      Antal Doráti dirigierte das Concertgebouw Orkest und den Concertgebouw Chor in einem Konzert im Concertgebouw am 28.4.1985, das mitgeschnitten wurde und in der COA-Box den Beethoven-Zyklus abrundet. Das Solistenquartett bilden hier Roberta Alexander, Jard van Nes, Horst Laubenthal und Leonard Mróz. Ein großartig aufgefächerter Orchesterklang bereichert die geblockte wie fließende Entfaltung der Musik, mit der eine apollinische Beethoven Neunte entworfen wird, harmonisch und harmonierend vom gesamten Ensemble, zu Brucknerscher Größe veredelt.

      Thielemann markig: „Du hast zwei Sätze lang den Rotlicht-Bezirk abgegrast, jetzt zeig mal, dass du trotzdem noch die Unschuld vom Lande bist!“ Und kritisch beleuchtet er das Finale, es „hat etwas Hysterisches“ und „bleibt mir ein Geheimnis schuldig“.

      Aber damit dann nochmals zum 1.12.2012 nach Tokyo – mit dabei sind bei Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks der Chor des Bayerischen Rundfunks sowie das Solistenquartett Christiane Karg, Mihoko Mujimura, Michael Schade und Michael Volle. In der weiter grandios transparenten Klang- und Spielkultur besticht bei diesem Werk vor allem die kämpferische Unbedingtheit der Interpretation Jansons´. Beim 2. Satz wird der zweite Teil des ersten Scherzodurchgangs nicht wiederholt, daher dauert diese Aufnahme nur 63:26 Minuten. Mit den Stimmen (Soli wie Chor) im Finale verstärkt sich der opernhaftere, leidenschaftlichere, unbedingtere Zug gegenüber der Amsterdamer Aufnahme. Ein würdiger Abschluss dieses großartigen zentralen Dokuments der Chefdirigentenzeit von Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks!

      Fazit: Zwei allemal ungemein bereichernde weitere Aufnahmen von Beethovens „Neunter“ mit unterschiedlichem Interpretationsansatz, hier „mehr Bruckner“, dort Unbedingtheit auf Weltklasseniveau mit Herz und Seele!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ChKöhn schrieb:

      In der ARD-Mediathek erscheint gerade der Beethoven-Zyklus mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, live aus der Suntory Hall in Tokio von 2012. Bisher sind die ersten fünf Symphonien abrufbar (und dem Hörensagen nach für technisch Versierte angeblich auch downloadbar ), die restlichen werden noch folgen. Für mich einer der besten Beethoven-Zyklen überhaupt. Jansons Tod vor einem guten Jahr ist ein nach wie vor unersetzlicher Verlust. Immerhin besagt die Gerüchteküche, dass die BR-Symphoniker auf einen namhaften Nachfolger hoffen können...
      Inzwischen gibt es die ersten sieben Symphonien in der Mediathek, und ich bin von dem Zyklus wirklich begeistert: voller Engagement und Leidenschaft, dabei klanglich fein austariert, transparent und natürlich. Die "Pastorale" hat mir den Abend gerettet und mich aus dem Corona-Frust vorläufig befreit. Wer die Symphonien in der Mediathek noch hören/sehen will, muss sich etwas beeilen: Die beiden ersten sind nur noch bis zum 10.1. verfügbar. Übrigens ist das Programm JDownloader sehr empfehlenswert...
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Ich verwende für sowas (wenn es nicht in MediathekView verfügbar ist) den Video DownloadHelper als AddOn im Firefox. downloadhelper.net/ (Man muss dazu noch eine "Companion Application" installieren, aber das sollte alles selbsterklärend sein.)


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • ChKöhn schrieb:

      Inzwischen gibt es die ersten sieben Symphonien in der Mediathek, und ich bin von dem Zyklus wirklich begeistert: voller Engagement und Leidenschaft, dabei klanglich fein austariert, transparent und natürlich. Die "Pastorale" hat mir den Abend gerettet und mich aus dem Corona-Frust vorläufig befreit. Wer die Symphonien in der Mediathek noch hören/sehen will, muss sich etwas beeilen: Die beiden ersten sind nur noch bis zum 10.1. verfügbar.
      dafür sind die letzten Beiden jetzt auch online.. hab mir die Tage mal den "Festtagsbraten" reingezogen, und viel, nun ja, "Freude" damit gehabt.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht