Leoš Janáček: Z mrtvého domu (Aus einem Totenhaus), Premiere an der Bayerischen Staatsoper, 21.5.2018

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    • Leos Janacek, Aus einem Totenhaus in der Inszenierung von Frank Castorf am Nationaltheater München, zweite Aufführung am 26.5.2018

      Habe mir erlaubt da es bereits drei Beiträge dazu gibt einen neuen Thread damit zu öffnen und die Beiträge aus dem Operntelegramm hierher zu verschieben.

      Musikalische Leitung Simone Young
      Inszenierung Frank Castorf
      Bühne Aleksandar Denić
      Kostüme Adriana Braga Peretzki

      Premiere 21.5.2018

      Einige Kritiken:

      http://www.sueddeutsche.de/kultur/oper-hoelle-wo-ist-dein-sieg-1.3988434
      https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.bayerische-staatsoper-aus-einem-totenhaus-in-der-sicht-von-frank-castorf.10a679da-8466-4287-81e7-b05eb4326b85.html
      kurier.at/kultur/janacek-premi…nz-im-totenhaus/400039141

      AlexanderK, Moderation


      Hallo zusammen,

      gestern Abend habe ich die auf staatsoper.tv live verbreitete zweite Aufführung von Janaceks letzter Oper vor Ort im Nationaltheater verfolgt. Eventuell hat der eine oder andere Forianer die Live-Übertragung der Premiere am Pfingstmontag oder die gestern übertragene Aufführung verfolgt. Ich bin gespannt auf Eure Ergänzungen zu meinen Beobachtungen.

      Für mich war es die erste Live-Begegnung mit der 1930, also postum uraufgeführten Dostojewski-Vertonung, ich habe hier und da schon einmal Aufführungen am Radio verfolgt, aber live ist dann doch etwas ganz Anderes. Offensichtlich hat entweder das zeitgleich stattfindende Champions-League-Finale oder gar Regisseur oder Stück viele Münchner abgeschreckt, es gab noch an der Abendkasse viele Karten, etliche Plätze sind leer geblieben. Das sieht man im Nationaltheater selbst bei Aufführungen von Musik des 20. Jahrhunderts sonst nicht so oft.

      Die Inszenierung des bekennenden Dostojewski-Fans Frank Castorf hat mich wenig überzeugt, sie hatte mit der Vertonung des trostlosen, aber nicht hoffnungslosen Szenarios in meinen Augen und denen meiner charmanten Begleitung dann doch wenig zu tun. Sicher finden die Auspeitschungen, das Dahinsiechen und Sterben der Rolle Luka statt, aber sie sind in meinem Verständnis nicht das Zentrum dieser Oper.

      Wie der oben verlinkte wikipedia-Artikel und auch das umfangreiche Programmheft der Neuinszenierung richtig darstellen, geht es Janacek um den letzten Funken Göttliches in jedem noch so starken marginalisierten und misshandelten Menschen. Die Inszenierung verweigert diese Hoffnungsschimmer für alle Beteiligte, stattdessen werden die schlechten Seiten der Rollen noch weiter hervorgekehrt.

      Grundsätzlich handelt es sich aber wieder um das (in München gelegentlich zu beobachtende) Misstrauen am verhandelten Stück - alles wird überinszeniert, Momente der Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit werden damit an den Rand gedrückt oder gleich ganz weggelassen. Besonders krass waren die Abweichungen bei den 'Theateraufführungen' im zweiten Akt, bei denen wichtige Musikpassagen bei leerer Musik abliefen, offensichtlich interessierte sich Castorf nicht für (sing)textfreie Passagen, eine Bemühung der Musik zu folgen war nicht zu erkennen. In vielerlei Hinsicht war das (durch zahlreiche Kameraprojektionen, parallele Aktionen mit zusätzlich unterlegtem Text) wieder Altmänner-Phantasie- Geschwurbel, völlig vernachlässigenswert, weil vorhersehbar und völlig einfallslos.

      Auf der musikalischen Seite gibt es viel Gutes zu berichten, bei den Sängern habe ich eigentlich nur ungemein präzises Musizieren, leidenschaftliches Agieren im Sinne der Rolle erlebt. Das BStOr war sehr engagiert bei der Sache, leider fand ich die musikalische Leitung durch Simone Young sehr eindimensional. Das Orchester kann so viel mehr Farben als gestern Abend erzeugen, die Charakterisierung der (gegenüber den anderen Opern Janaceks noch einmal zugespitzten) Instrumentierung kannte wenig andere Seiten als Laut und Leise. Da kann man deutlich mehr draus machen, denke ich.

      Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, ob man bei staatsoper.tv die Chance hatte, sich aus dem ständigen Gewusel auf der Bühne mit den vielen Projektionsmöglichkeiten überhaupt noch zurecht zu finden, selbst im Saal war es mir und meiner Begleitung kaum möglich. Pauschale Überwältigung anstatt individuelle Interpretation würde ich das Konzept zusammenfassen ....

      Weil die 100 Minuten der Oper ohne Pausen gespielt wurden, hatte die Staatsoper extra per mail und in dem Programmheft beiliegenden Zetteln darauf hingewiesen, dass die Bar neben dem Foyer noch für mindestens 45 Minuten geöffnet sein würde und 'Beteiligte der Produktion anwesend' sein würden. Wir haben uns auf die Stufen des Nationaltheaters gesetzt und, siehe da, Bo Skovhus (= Siskov), Peter Rose (= Gorjancikov), Evgeniya Sotnikova (=Aljeja), Charles Workman (= Skuratov), Niamh O'Sullivan (= Dirne), Kevin Conners (= Sapkin) sowie Simone Young und der nicht an der Produktion beteiligte René Pape nutzten die Gelegenheit, einen Teil eines Frühsommerabends auf den Stufen des Nationaltheaters zu verbringen. Wer also einem seiner Stars nahekommen will, hat dazu gute Möglichkeiten ....

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Totenhaus in München

      Ich habe die Premiere am Pfingstmontag besucht. Nur wenige kurze Eindrücke und Kommentare zu Deiner Kritik, lieber Benno. Vorausgeschickt: Ich habe Janáceks Werk, das ich für eine der wichtigsten Opern des Repertoires halte, seit 1994 in sechs verschiedenen Inszenierungen erlebt - das waren sehr unterschiedliche Ansätze bis hin zu Konwitschnys Verlegung ins Mafiamilieu. Ich finde es auch völlig legitim, von der tatsächlichen oder vermeintlichen Intention des Autors (dem notorischen "Funken Gottes") abzuweichen - was Castorf nicht stärker, eher weniger als andere Regisseure gemacht hat. Warum sollte Lukas Sterben nicht deutlich gezeigt werden? Und ok: das Auspeitschen Gorjanchikovs hat Castorf auf die Szene geholt, anstatt es hinter der Bühne durch Schmerzensschreie anzudeuten. In anderen Inszenierungen fehlt dieser Handlungsaspekt ganz. Zum erstenmal habe ich auch die Segnung des Popen im zweiten Akt ganz unironisch erlebt - meist (erst kürzlich wieder in Frankfurt) wird sie zur grellen Karikatur umgedeutet. Auch herrscht nicht völlige Ausweg- und Hoffnungslosigkeit: Die Freilassung Gorjancikovs findet statt (wenn auch ironisiert). Zudem kann sich am Ende des ersten Akts Gorjancikov auf sein im Kopf gesammeltes Material berufen - da hilft es dem Kommandanten nicht, dass er Bücher auf den Boden wirft.

      Es ist eine den Rezipienten überfordernde Überlagerung vieler Ebenen: schon im grandiosen Bühnenbild von Aleksandar Denić, das - verstärkt durch den Einsatz der Drehbühne - eine Fülle von Zeitschichten und Lokalitäten (vom Klo bis zur Kirche) bereitstellt.

      Dass es parallele Videoprojektionen gab, war bei einer Castorf-Inszenierung in der Tat erwartbar, deren konkrete Gestalt empfand ich aber teilweise sehr überzeugend (und keineswegs als "Altmännerfantasie"): die Parallelisierung der sexuellen Aggression gegen Aljeja mit den erotischen Projektionen einer Dostojewski-Verehrerin. Die Kontrastierung von Größenwahn und Aggression in der Erzählung Lukas mit den nationalistischen Phantasien Dostojewskis bzw. Stawrogins in den Dämonen. Insgesamt schaffen es Castorf und Denic durch die Überlagerung der Ebenen, das "Totenhaus" sowohl als reales Lager wie auch als Metapher zu inszenieren (mit vielen kleinen internen Spiegelungen wie dem Hasenstall).

      Vieles ist mir entgangen (keine Ahnung wie man das alles beim Stream rüberbringen will). Manches hat sich mir nicht erschlossen. Einiges hat mich nicht überzeugt, so funktioniert die Herauslösung der Monologe als bewusstes Rampensingen nicht immer. Es gab auch flaue Minuten.

      Bezüglich des in den Rezensionen meist gelobten Dirigats gebe ich Dir Recht: das war mir teilweise zu eingeebnet, zu monochrom. Es fehlten die totale Entäußerung und das totale Zurücksinken. Bemerkenswert immerhin die neue Fassung (letztes Jahr bei der Universal Edition erschienen): da klang doch vieles anders, manchmal war das Blech deutlich reduziert (beim Einmarsch von Kommandant und Pope im zweiten Akt), manchmal die Dynamik anders (der Trommelwirbel am Ende des zweiten Akts verklingt nicht diminuendo, sondern reißt im Fortissimo ab).

      Ja, durchweg gute bis sehr gute Gesangsleistungen. Ich muss gestehen, dass mich Bo Skovhus etwas enttäuscht hat. Wenn man erlebt hat, wie kürzlich in Frankfurt Johannes Martin Kränzle den Monolog des Schischkov gestaltet hat (eine phänomenale One-Man-Show in einer ansonsten schwachen Produktion), dann waren bei Skovhus doch die verschiedenen Tonfälle zu wenig modifiziert - was allerdings in dieser Produktion vielleicht gar nicht gewünscht war.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Giovanni di Tolon, lieber Zwielicht, ich war wie Benno in der zweiten Vorstellung und wie (fast) immer fallen meine Eindrücke nicht ganz so kritisch aus wie die der wirklich kompetenten weil viele Vergleichsmaßstäbe anlegenden Experten. Immerhin habe ich mich mit der Wiener Aufnahme (Mackerras) und dem Salzburger Fernsehmitschnitt (Abbado) etwas eingearbeitet. Mich haben alle drei Orchesterleistungen extrem beeindruckt, noch genauer hinzuhören um die Mängel und vielleicht sogar Fehler der Interpretation herauszuhören gelang mir weder mit der Radioübertragung der Premiere noch beim Opernbesuch. Dafür sind meine Ohren offenbar nicht scharf genug. :) Für mich ist das ein Weltklasseopernorchester in München, so wie die musizieren freue ich mich ab jetzt, viel öfter dieses Opernhaus besuchen zu wollen.

      Meine Eindrücke:

      GEFANGEN IM OPTISCHEN RAUSCH

      Leos Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ an der Bayerischen Staatsoper, 26.5.2018

      Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ habe ich mir als ganz eigen eindringliches Werk aus einem Gefängnisalltag vor allem mit Erzählungen der Gefangenen vergegenwärtigt, von Janáčeks Musik ungemein farbig und musikdramatisch faszinierend dicht eingefangen.

      Speziell den Schrecken und die Beklemmung von Gefängnissen plastisch mit einer optischen Reizüberflutung sondergleichen deutlich zu machen, durchsetzt mit gefängnisgeschichtlichen Konnotationen, hat Regisseur Frank Castorf zusammen mit Bühnenbildner Aleksandar Denić mit der Neuinszenierung dieser Oper, die ein paar Tage zuvor ihre Premiere und nun die zweite Vorstellung erlebte, nun versucht.

      Die Bühne beherrscht ein imposanter Turmbau auf der Drehbühne, mehrere Spielebenen und Filmzuspielungen ermöglichend, also ein Multitasking-Geschehen, eine visuelle Vielfalt verschiedener Abläufe gleichzeitig.

      Castorf misstraut dabei der Kraft und Ausstrahlung vor allem rein instrumentaler Musikpassagen wie Vor- und Zwischenspielen, aber auch manchen rezitativischen Szenen. Nicht nur dass durchgehend zur Musik ein Bühnengeschehen abläuft, gleichzeitig zu diesem zeigen vielfach Filmzuspielungen Szenen, die sich im Haus abspielen, Szenenzuspielungen oder historisches Material wie etwa aus einem Eisenstein-Film.

      So werden wir zum Vorspiel Zeugen, wie Petrovič bei der Ankunft im Gefängnis dem Adler begegnet und von diesem, der Verkörperung der Freiheit schlechthin, hier eine Frau mit goldenen Flügeln die später auch Aljeja sein wird, direkt erotisch angezogen wird. Später wechseln solche „Hintergrundszenen“ mit Erinnerungsszenen, live gefilmtem Bühnengeschehen und historischen Sequenzen ab, aber nicht durchgehend. Man ist versucht ständig wenn sie aufblenden auf die Bildschirme zu starren, das Bühnengeschehen das gleichzeitig abläuft zu ignorieren, man ärgert sich aber auch etwas, die vom Bayerischen Staatsorchester (so wie ich es halt gehört habe) famos klangprächtig und intensiv gespielte, von Simone Young eindringlich herausgestellte Musik nicht "pur" als solche wahrnehmen zu dürfen.

      Für Castorf ist Opernmusik die seiner Wahrnehmung nach wohl alleine nicht bestehen kann offenbar unbedingt mit optischen Reizen zu überfrachten, so als hätte er Angst, mit der Musik oder dem Bühnengeschehen alleine würde es zu langatmig werden. Das erinnert auch an die Tendenz, Filmvorspänne bereits inhaltlich zu füllen, womit weder die Konzentration auf die Namen die in den Vorspännen genannt werden noch die auf die bereits einsetzende essenzielle Filmhandlung vollends möglich ist.

      Man muss meine ich der Inszenierung aber zugutehalten, dass sie intelligent ist, ungemein klug durchdacht, sinnvoll fordernd und in ihrer optischen Opulenz allemal sensationell beeindruckend. Sie wendet sich an ein hochgebildetes Publikum, das am besten schon viel von Dostojewski und aus der leidvollen Geschichte des Gefängniswesens verschiedener Systeme kennt und mit den vielen Assoziationen die möglich sind angesichts kyrillischer Schrift bis zum Pepsilogo etwas anfangen kann.

      Insofern ist es auch vorteilhaft, vor dem Ansehen der Inszenierung das ausführliche Programmbuch studiert und einige Kritiken gelesen zu haben.

      Was in der BR-Klassik Übertragung der Premiere noch als Fremdkörper auffiel, ein spanisch gesprochener Monolog zwischen 2. und 3. Akt, ist eine Passage aus dem Evangelium nach Lukas, in der Filmzuspielung die dazu läuft mit dem deutschen Text verdeutlicht.

      Auch dies übrigens markant – Castorf trennt die Akte nicht, die Überleitungen setzen den Verlauf unmittelbar fort, ja selbst nach dem letzten Ton des Werks läuft die letzte Filmzuspielung noch etwas weiter.

      Ein Kaleidoskop an skurrilen, kaputten, geschundenen, scheinüberlegenen und anderen Gestalten hat sich da aufgetan, und am Ende hat man den Eindruck eines überdimensionalen bunten Zeitreiseclips überbordend sich überschlagender traumatischer Gefängniseindrücke. Und doch bleibt mir auch als Einzelperson etwa Bo Skovhus in sehr lebendiger Erinnerung als der Gefangene Šiškov mit dem längsten Monolog, im 3. Akt.

      Die Ensembleleistung insgesamt meine ich machte dem vielfach als bestes Opernhaus der Welt genannten Bayerischen Staatstheater alle Ehre, und das beginnt hier bei der voll geforderten Bühnen- und Lichttechnik und endet dann doch bei allen Mitwirkenden auf der Bühne, Solisten wie Chor, sowie dem Orchester und der Dirigentin.

      Der Opernbesucher in München, so möchte ich es zusammenfassen, war 100 Minuten total gefangen in einem optischen Rausch, der die Musik teilweise zu einem Soundtrack degradierte, gleichwohl aber ungemein eindringlich vor Augen führte, wie völlig verrückt die (Gefängnis)Welt eigentlich ist.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo, lieber Bernd,

      toll, dass Du schon so oft die Gelegenheit genutzt hast, das Stück zu hören. Ich hatte einige Inszenierungen immer mal wieder in Erwägung gezogen, es dann aber meistens aus finanziellen und/oder zeitlichen Gründen zurückstellen müssen.

      Zu Deinen Anmerkungen: natürlich hat Castorf in meinen Augen, wie jeder Regisseur auch, das Recht und die Pflicht, das Stück durch seine Brille zu betrachten und zu brechen. Aber leider empfinde ich die Inszenierung denn doch sehr altherrenblickwinklig, wenn ich das noch etwas ausführen darf: ich fand die Verknüpfung der Aljeja-Figur mit dem Adler völlig unverständlich und einfach nicht schlüssig: ja, im eingeblendeten Text kommt irgendwann in der ersten Szene der Begriff 'Paradiesvogel', aber der bezieht sich eben nicht auf die hier doch eher weiblich begriffene Figur in ihrem 'Victoria's-Secret'-Federnkostüm, sondern auf eine der anderen Figuren. Ja, Evgeniya Sotnikova kann ein solches Ding tragen, aber man nimmt dieser idealistischen Figur in meiner Wahrnehmung einfach ganz viele Dimensionen.

      Ganz besonders langweilig finde ich den Umgang mit der irischen Sängerin Niamh O'Sullivan in dieser Inszenierung (aber auch bei 'Den Gezeichneten' empfand ich es ähnlich): das ständige Zur-Schau-Stellen ihrer optischen Vorzüge, gerne eher wenig bekleidet, das ständige Fokussieren auf sie in den Videoprojektionen ist sowas von Altherren-Phantasie, ich habe mich recht lang mit meiner Frau drüber unterhalten, die das Ganze noch sehr viel zugespitzter beschrieben hat....

      Meine Hauptkritik an der Inszenierung mache ich tatsächlich daran fest, dass so viele Details, die nicht im Gesangstext auftauchen, einfach wegfallen, die großartige Musik ins Leere läuft, optisch verpufft, weil noch eine neue Videoprojektion mehr gezeigt wird.

      Lieber Alexander,

      ich denke nicht, dass ich das Stück so gut kenne wie Du, wenn ich das so lese.

      Wenn ich Kritik an Simone Youngs Dirigat übe, dann hat das einfach damit zu tun, dass ich vielleicht ein gutes akustisches Gedächtnis habe, wie reich an Farben die von mir sehr geschätzte Musik von Janacek klingen kann. Ich habe noch vieles von der Jenufa unter Kirill Petrenko oder der Sache Makropoulos unter Hrusa im Ohr, die dann doch schon einige Zeit her sind. Und letztlich gilt nicht immer die strengste Kritik als die richtige ....

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      ich fand die Verknüpfung der Aljeja-Figur mit dem Adler völlig unverständlich und einfach nicht schlüssig: ja, im eingeblendeten Text kommt irgendwann in der ersten Szene der Begriff 'Paradiesvogel', aber der bezieht sich eben nicht auf die hier doch eher weiblich begriffene Figur in ihrem 'Victoria's-Secret'-Federnkostüm, sondern auf eine der anderen Figuren. Ja, Evgeniya Sotnikova kann ein solches Ding tragen, aber man nimmt dieser idealistischen Figur in meiner Wahrnehmung einfach ganz viele Dimensionen.
      Ich fände es eher ein Wegnehmen von Dimensionen, wenn man Aljeja nur auf das Idealistische beschränkt. Diese Figur wird in dieser Inszenierung zur Projektionsfläche: als Metapher der Freiheit (durch die Adler-Assoziation), als androgynes Wesen, das sexuell begehrt wird (auch von Gorjancikov), als farbiges Element im grauen Kontext... Das funktioniert wie oft bei Castorf eher assoziativ, manchmal auch paradox, nicht als Zeichnung eines individuellen Charakters im realistischen Sinn. (Der "Paradiesvogel" im Libretto ist eine fantasievolle Übersetzung einer von Max Brod als "Reiher" übersetzten Vokabel im Dialog zwischen kleinem und großem Sträfling am Anfang - das Libretto im Programmheft hat dazu eine ausführliche Fußnote.)

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Ganz besonders langweilig finde ich den Umgang mit der irischen Sängerin Niamh O'Sullivan in dieser Inszenierung (aber auch bei 'Den Gezeichneten' empfand ich es ähnlich): das ständige Zur-Schau-Stellen ihrer optischen Vorzüge, gerne eher wenig bekleidet, das ständige Fokussieren auf sie in den Videoprojektionen ist sowas von Altherren-Phantasie, ich habe mich recht lang mit meiner Frau drüber unterhalten, die das Ganze noch sehr viel zugespitzter beschrieben hat....
      Eher Sträflingsfantasie, würde ich sagen. Kommt drauf an, wie man die Rolle der Handkamera interpretiert: vielfach gibt sie ja die optische Perspektive der Gefangenen wieder - nicht unbedingt die Perspektive Castorfs.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Hallo zusammen,

      die DVD/BR zur Produktion ist ab morgen im Handel:



      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)