Sollte schlichte Musik schlicht gespielt werden?

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    • Sollte schlichte Musik schlicht gespielt werden?



      Diese Aufnahme habe ich in den letzten Tagen immer wieder einmal angehört (meist nicht komplett), weil ich mit ihr gedanklich nicht fertig wurde.

      Mein Ersteindruck war: Was lässt diese Frau nur an Möglichkeiten liegen! Mehrals nur enttäuscht, fast schon verärgert war ich über diese den heutigenAnsprüchen kaum genügende Schlichtheit der Darbietung.

      Dann hörte ich erneut hinein und bemerkte, dass die Musik selbst eben auch alles andere als Virtuosenmusik ist. Nachdenklich geworden fragte ich mich, ob es daher womöglich gerade richtig ist, sie derart schlicht zu spielen.

      Was also ist die Aufgabe des Interpreten klassischer Musik? Das dargebotene Werk bestmöglich zum Klingen zu bringen, nach dem Motto: Unter seinen/ihren Händen wird alles zur Kunst?

      Oder ist das Werk so darzubieten, wie es ihm aufgrund seiner Verfasstheit zukommt, d. h. ist ausgehend von der Charakteristik des Werks eine Interpretationzu entwickeln, die dieser Charakteristik entspricht, selbst wenn das Ergebnisweit entfernt von den eigentlichen spieltechnischen Möglichkeiten ist?

      Im Hintergrund läuft erneut die gezeigte Aufnahme. Fast gefällt mir die Einspielung schon. Sehr geschmackvoll gespielt, denke bisweilen bereits - auf Basis der zweitgenannten Antwort.

      Oder sehe ich das jetzt völlig falsch?
    • Knulp schrieb:

      Oder sehe ich das jetzt völlig falsch?
      Läßt sich darauf eine eindeutige Antwort finden?

      Zuerst einmal ist die Überlegung, eine der Komposition entsprechenden Interpretation vorzulegen, kein Widerspruch per se; allerdings ergeben sich daraus gewisse Parameter der "Erwartungen", die man als Interpret und als Hörer erfüllt sieht, und hier liegt vielleicht ein Beispiel vor, wo es eben nicht gleich gesehen wird. Der Amazon-Rezensent Dopoulos sieht es nämlich so ähnlich wie deine erste Reaktion, ohne den zweiten Schritt weiterzugehen.

      Ich kenne diese Aufnahme nicht, wohl aber den Zyklus. Die Stücke mögen vielleicht wirklich nicht übermäßig komplex angelegt oder schwierig zu spielen zu sein, aber daran ist nicht unbedingt die Frage gekoppelt, ob man entsprechend des Niveaus der Komposition interpretieren muß. Vielmehr ist die Frage: bringt das metaphysische Aufladen einer Interpretation eine neue Sichtweise auf das Werk? Zumal der Punkt bleibt: was bedeutet es, "schlicht" zu interpretieren?

      Mir ist durchaus klar, was du meintest, aber irgendwie weiß ich nicht, wie man eine Antwort geben kann, wenn man nicht weiß, was der Interpret für ein Ziel mit seiner Darbietung verfolgt. Sicherlich eine uralte Frage, wenn es ums Bewerten von Klaviermusik geht. Die meisten Pianisten spielen Field vermutlich wie Chopin, was gewiß schon eine Verzerrung darstellen kann; aber vielleicht hat Mademoiselle Roe den Schlüssel zu einer Neubetrachtung von Field gefunden, und wir müssen uns endlich mal neu orientieren, um die Mauer im Kopf einzureißen... ;)
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
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      Jean Paul
    • Es "soll" überhaupt gar nichts. Wichtig ist, der Interpret hat sich Gedanken über die Stücke gemacht und er setzt sie um.
      Was John Field betrifft, so weiß man, daß er einer der brillantesten Pianisten seiner Zeit war, aber auch einer, der die leisen Töne vorzug (obwohl eines seiner Konzerte den Titel "L'incendie par l'orage" - Brand durch Gewitter - trägt).
      Man kann denken, für die Nocturnes steht Intimität an erster Stelle oder auch die gestochenen Noten seien nur ein Stenogramm, das mit Virtuosität zu erfüllen ist.
      Man kann sie mit Naivität, mit Geist, mit dolcezza, mit Feuer ... spielen.
      Wichtig ist, eine Atmosphäre kommt heraus und die Interpretation ist in sich schlüssig.

      Ich kenne sie hauptsächlich in den Interpretationen von Roberte Mamou und John O'Conor. Vielleich kommt auch Elizabeth Joy Roe dazu.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Da stellt sich doch sofort die Frage: Was ist Kunst?

      Und als Binsenweisheit hinterher: Wenn's virtuoser dargeboten wird, gibt's mehr Applaus. Und in Folge vielleicht auch mehr CD-Verträge oder Engagements. Aber ist das der tiefere Sinn der Übung?
      Vergleicht doch mal Frans Brüggen und Maurice Steger.
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • Schlichte Musik kann schlicht gespielt werden, aber es ist kein absolutes Muß. Vergleichen wir Liedinterpretationen, etwa ein Volkslied, interpretiert von Hermann Prey und dann von Dietrich Fischer-Fieskau. DiFiDi ist sicher alles andere als schlicht. Trotzdem ist seine Art legitim (er wandte sich damit aber sicher nicht an ein kindliches Publikum). Interpretation ist eben ein weites Feld, es kommt auch auf die Angemessenheit des jeweiligen Umfelds an. Starre Regeln gelten stets nur bedingt. Ausnahmen kann man nie ausschließen.
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      Homo sum, ergo inscius.