Was ist kommerzielle Musik?

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    • Gurnemanz schrieb:

      Ebenso die Tatsache, daß heutzutage Symphonien Beethovens, Brahms', Mahlers u. a. m. oft aufgeführt werden, deutet auf die besondere Qualität dieser Werke hin, auch im Vergleich zu Symphonien, die heute keine/r mehr kennt (außer er/sie verkehrt in Klassikforen), aber das beweist natürlich noch gar nichts.
      nein, es beweist nichts. Und ich nehme an, daß Dir der Tretminencharakter dieses Vergleiches bewußt ist: Klar werden Beethovens, Brahms', Mahlers Sinfonien häufiger aufgeführt (und als Tonträger verkauft), als andere, die heute keiner (mehr) kennt. Interpretiere ich jetzt aber dieses Phänomen als Konsequenz besonderer Qualität, dann muß ich mich mit dem Umstand auseinandersetzen, daß die Symphonien Beethovens, Brahms', Mahlers et al. nur von etwa 10% der Musikhörer konsumiert werden, die übrigen 90% aber ganz andere Musik bevorzugen. Was nun? Ist diese andere Musik von noch "besonderer" Qualität - oder ist diesen 90% die (für die Klassikhörer) besondere Qualität der besagten Werke einfach schnuppe, weil sie an Musik ganz andere Erwartungen haben, mithin also eine andere Qualität erwarten?

      EinTon schrieb:

      Man kann aber schon die grobe Tendenz feststellen, dass Musik die komplexer und "fordernder" ist ein kleineres Publikum anzieht als Musik die sich (zB wegen leicht ins Ohr gehender Themen) vergleichweise leicht erschließt. Deswegen ist Beethovens 5. populärer als Schönbergs 5 Orchesterstücke, und das gleiche gilt bei "Sgt. Pepper" von den Beatles gegenüber "The Power and The Glory" von Gentle Giant.

      Ob nun "komplexer" = "höherwertiger" ist, kann man freilich durchaus in Frage stellen.
      ja, das kann man. Aber nicht nur das: Die oft behauptete höhere Komplexität klassischer Musik (oder auch von Jazz) gegenüber anderen Musikstilen halte ich für eine Mär. Ist ja nicht alles doppelter Kontrapunkt, manches ist ja ziemlich einfach gestrickt.

      Und ob die Musik "fordernder" oder "eingängiger" sein darf, hängt von ihrer Verwendung ab. Mit dem "Musikalischen Opfer" oder mit "Pierrot Lunaire" kämen wir weder auf der Tanzfläche (gleich welcher, Disco oder Opernball, egal) noch beim Musikzug auf der Fronleichnamsprozesion sehr weit. Ich mag auch Cages "Landscapes" sehr gern, ich muß sie aber nicht beim Autofahren haben. Kein gutes Beispiel...

      garcia schrieb:

      Ich glaube, Komplexität als Begriff trifft es nicht recht, es geht eher um Eingängigkeit - also eine Art bunter Film, der sich über die Komplexität bspw. der 5. legt und der es auch Menschen die sich ungern Musik erarbeiten erlaubt, die 5. zu genießen ohne weiter runterzusteigen dahin wo es anstrengend werden würde.

      Da Avantgardemusik auf diesen "Film" meist verzichtet teile ich Amfortas Optimismus bezüglich der Breitenwirkung nicht, leider.

      "Kommerzielle" Musik benötigt diesen "Film", sonst kann sie nicht kommerziell sein. Ob darunter dann Schätze liegen (Beethoven 5) oder nur ne Luftblase (Dieter Bohlen) wäre dann eine andere Frage...
      Ist das nicht eher eine Frage der Hörgewohnheiten und (vor allem!) der Musiksozialisation? Ich bin mein ganzes Leben auch Leuten begegnet, die fanden Beethoven (um im Beispiel zu bleiben) ganz schrecklich. Was sagt uns das jetzt, über die Leute und auch über die Musik Beethovens? Waren das Banausen? Was ist mit den Leuten, die Stockhausen zum Davonlaufen finden? Auch Beethoven und Schönberg und sogar Stockhausen haben für "ihr" Publikum geschrieben (und nicht für ein anderes), so wie Bohlen oder Pink Floyd oder auch Ralph Siegel für ihres. Ist das dann "kommerzielle Musik"?

      Die Musik an sich kann nicht kommerziell sein, allenfalls die Absicht zu ihrer Schaffung oder Darbietung. Und da wird's dann schon recht eng für "nicht-kommerzielle Musik". Keine Frage: es gibt handwerklich gut gemachte, anspruchsvolle Musik, und solche, die schlampig und uninspiriert daherkommt (ich vermeide hier bewußt die Unterscheidung in vorgeblich "gute" oder "schlechte" Musik! Wir erinnern uns: Für manche waren vor fünf Jahrzehnten z.B. die Beatles ein deutliches Anzeichen vom unmittelbar bevorstehenden Untergang des Abendlandes!). Aber zu postulieren, daß sich simpel besser verkauft, als anspruchsvoll, halte ich für einen Trugschluß.

      Die Liste von Interpreten mit den weltweit am meisten verkauften Tonträgern wird angeführt (in dieser Reihe) von den Beatles, Elvis, Michel Jackson, Madonna, Elton John, ABBA und Led Zeppelin - alle mit über 250 Mio verkauften Tonträgern. In Deutschland steht Herbert Grönemeyer auf Platz eins, Bohlen kommt erst auf Platz 31... Auf der Basis, denke ich läßt sich weiterdiskutieren...
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • bustopher schrieb:

      Die oft behauptete höhere Komplexität klassischer Musik (oder auch von Jazz) gegenüber anderen Musikstilen halte ich für eine Mär.
      Naja, wenn Du den 1. Satz von Beethovens 3. nimmst und, mit, sagen wir "Smoke on the Water" von Deep Purple vergleichst hast Du bei ersterem leicht erkennbar eine deutlich höhere Form-Organisation, ingesamt ungleich mehr Teile (i.S. musikalischer Abschnitte) und sehr viel mehr genutzte Akkorde inclusive des Ausweichens in entfernte Tonarten, während "Smoke on the Water" die Grundtonart nie verlässt.

      Konkret gibt es bei "Smoke on the Water" gerade mal 5 (zT mehrmals auftretende) Teile die - bis auf die kurze Rückleitung nach dem Gitarrensolo - über jeweils einem, sich wiederholenden 4-Taktigen Harmonieschema mit jeweils nur wenigen Akkorden verlaufen, nämlich:

      1. Riff-Intro (4 Akkorde (leere Quinten auf G, B, C und Des), teils mit Orgelpunkt auf G im Bass),
      2. Strophe (2 Akkorde (G-moll, F-Dur)
      3. Refrain, (5 Akkorde (C-Dur, As-Dur-Septakkord, leere Quinten auf G, B, F)
      4. Gitarrensolo (2 Akkorde (G-moll, C-Moll))
      5. kurze Rückleitung nach dem Solo. (2 Akkorde (leere Quinten auf C, F)

      Alle Akkorde erscheinen stets in der Grundstellung, Umkehrungen werden nicht genutzt.

      Der Kopfsatz der Eroica hat da hinsichtlich der Form-Organisation sowie des harmonischen Reichtums natürlich ungleich mehr zu bieten. Das ist aber kein Einzelfall: Im Schnitt sind Rock-Popsongs in Sachen "Komplexität" hinsichtlich ihres formalen Aufbaus und ihrer Harmonik durchaus deutlich einfacher gestrickt als einschlägige Werke der europäischen Klassik. (Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, etwa im Progressive-Rock-Bereich).
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • Bei einer Ars Subtilior Motette wäre es noch evidenter. Ja und? Das wären jetzt zwei (oder drei) Beispiele von - wievielen Milliarden Musikstücken..?

      Ich werde keine Gegenbeispiele aufzählen, das wäre müßig. Gewinnt dann der, der mehr Beispiele findet als der andere? Und was wäre damit erreicht?

      Lieber ein Zitat von Ligeti:
      Einige Ländler von Schubert sind so einfach, achttaktig, sechzehntaktig, symmetrisch, fast ohne Modulationen – trotzdem sind sie höchste Kunst. Ist also Komplexität ein Wert an sich, oder ist Einfachheit ein Wert an sich?
      Ist, um eine Analogie zu wählen, ein Gemälde von Joseph Albers oder gar eines der "White Paintings" von Robert Rauschenberg oder (um den Bogen zur "Kommerzialität" zurück zu spannen) ein Plakat von Giovanni Pintori weniger Kunst als eines von einem beliebigen Renaissnce-Maler? Und was genau ist schlecht an leeren Quinten? Organum..?

      aber ok: Ich habe mich wohl unpräzise ausgedrückt (selber reingefallen und Annahmen impliziert...). Sollte eher lauten [...] die generell höhere Komplexität [...]. Im Folgesatz sollte aber eigentlich klar geworden sein, was ich meinte...
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • EinTon schrieb:

      bustopher schrieb:

      Die oft behauptete höhere Komplexität klassischer Musik (oder auch von Jazz) gegenüber anderen Musikstilen halte ich für eine Mär.
      Naja, wenn Du den 1. Satz von Beethovens 3. nimmst und, mit, sagen wir "Smoke on the Water" von Deep Purple vergleichst hast Du bei ersterem leicht erkennbar eine deutlich höhere Form-Organisation, ingesamt ungleich mehr Teile (i.S. musikalischer Abschnitte) und sehr viel mehr genutzte Akkorde inclusive des Ausweichens in entfernte Tonarten, während "Smoke on the Water" die Grundtonart nie verlässt.

      Konkret gibt es bei "Smoke on the Water" gerade mal 5 (zT mehrmals auftretende) Teile die - bis auf die kurze Rückleitung nach dem Gitarrensolo - über jeweils einem, sich wiederholenden 4-Taktigen Harmonieschema mit jeweils nur wenigen Akkorden verlaufen, nämlich:

      1. Riff-Intro (4 Akkorde (leere Quinten auf G, B, C und Des), teils mit Orgelpunkt auf G im Bass),
      2. Strophe (2 Akkorde (G-moll, F-Dur)
      3. Refrain, (5 Akkorde (C-Dur, As-Dur-Septakkord, leere Quinten auf G, B, F)
      4. Gitarrensolo (2 Akkorde (G-moll, C-Moll))
      5. kurze Rückleitung nach dem Solo. (2 Akkorde (leere Quinten auf C, F)

      Alle Akkorde erscheinen stets in der Grundstellung, Umkehrungen werden nicht genutzt.

      Der Kopfsatz der Eroica hat da hinsichtlich der Form-Organisation sowie des harmonischen Reichtums natürlich ungleich mehr zu bieten. Das ist aber kein Einzelfall: Im Schnitt sind Rock-Popsongs in Sachen "Komplexität" hinsichtlich ihres formalen Aufbaus und ihrer Harmonik durchaus deutlich einfacher gestrickt als einschlägige Werke der europäischen Klassik. (Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, etwa im Progressive-Rock-Bereich).
      "Smoke on the Water" ist schon ein vertracktes Beispiel: Ist ein Evergreen, der in der Tat - rein vom Aufbau her - recht einfach gestrickt ist. Das tut seiner Aussagekraft und Authentizität aber in keiner Weise einen Abbruch. Authentizität als Qualitätsmerkmal kann man also auch noch einwerfen.

      In Sachen "Progressive - Rock" gehe ich, was eine gewisse Art von Komplexität angeht schon mit, allerdings gibt es gerade in diesem Bereich Beispiele, wo man das "ich bin komplex, will auch gar nichts Anderes sein" sehr vordergründig heraushören kann. Für mich dann schon ermüdend bis gemieden.

      Es geht auch anders: "Geniale Leichtigkeit" der Pastorale von LvB beispielsweise ...
      ... alle Menschen werden Brüder.
      ... We need 2 come 2gether, come 2gether as one.