Franz Schubert: Oktett F-Dur (D 803)

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    • Franz Schubert: Oktett F-Dur (D 803)

      Schuberts Oktett für zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass, Klarinette, Horn und Fagott ist m.E. eines der schönsten Werke der Bläserkammermusik, wenn nicht der Kammermusik überhaupt - "schön" im Sinne eines überbordenden Erfindungsreichtums auf allen Ebenen, einer Verbindung von melodischem Reichtum, harmonischer Tiefe und klanglicher Vielfalt.

      Das Oktett gehört zu den drei Werken, die Schubert am 31.3.1824 brieflich im Zusammenhang mit der vielzitierten Absicht nennt, sich "den Weg zur großen Sinfonie [zu] bahnen". Es entstand im Februar 1824 etwa gleichzeitig mit dem a-moll-Streichquartett und kurz vor dem d-moll-Streichquartett.

      Dem Oktett ist ein Widerspruch eingeschrieben, der ihm aber auch seinen besonderen Reiz verleiht: Einerseits orientiert sich Schubert in puncto Besetzung (plus der zweiten Violine), Vielsätzigkeit (einschließlich zweier Tanzsätze) und Satzfolge eindeutig an Beethovens Septett von 1800, einem zum Leidwesen seines Komponisten überaus populären Werks - das Oktett steht somit in der Serenadentradition. Andererseits geht Schubert, was kompositorische Durchgestaltung, harmonischen Reichtum und Ausarbeitung von Beziehungen zwischen den Sätzen betrifft, weit über diese Tradition hinaus und schafft ein Werk von tatsächlich "sinfonischem" Anspruch. Beides gilt natürlich auch für die Kombination von Streichern und Bläsern. "Star" ist dabei recht deutlich die Klarinette, der wiederholt überaus dankbare Passagen anvertraut werden. Aber auch das Horn wird im Rahmen seiner Möglichkeiten reich bedacht. Am seltensten tritt das Fagott solistisch hervor. Mit allen Wiederholungen dauert das Werk in der Regel über eine Stunde - was in der Serenadentradition nicht ungewöhnlich ist, aber durch den musikalischen Ereignisreichtum hier auch eine sinfonische Dimension andeutet.

      Der Kopfsatz beginnt mit einer Adagio-Einleitung, die zentrales thematisches Material für das ganze Werk entwickelt: über einem F-Orgelpunkt erklingt das aus anderen Zusammenhängen bekannte "Wanderer"-Motiv. Es wird von der Tonika über fis-moll geführt und bricht mit einem Akkordschlag auf b-moll ab. Dann finden die Blasinstrumente mit dem rhythmisch verkleinerten zweiten Teil des Wanderer-Motivs, das zum zentralen Bestandteil der Themen des Allegro-Hauptsatzes werden wird, zur Tonika zurück.
      Der Hauptsatz kontrastiert zwei (eigentlich drei) rhythmisch ähnliche, aber vom Charakter her gegensätzliche Themen miteinander: ein energisch im Tutti aufwärtsstrebendes, ein sich vor allem in der Klarinette aussingendes und ein serenadenhaftes. Bereits in der Exposition kommt es zu dramatischen Zuspitzungen. Die Durchführung lässt das Seitenthema auf schönste Weise durch Instrumentalkombinationen und Tonarten gleiten, bevor unvermutet zur Reprise noch einmal die Einleitung zitiert wird. Die Stretta-Coda wird zunächst ausschließlich vom Hauptthema bestritten, bevor - für das Werk sehr typisch, schon in der Einleitung! - die Bewegung abbricht und sich zum Schluss noch einmal das Seitenthema aussingt.

      Das folgende Adagio (B-Dur) im 6/8-Takt beginnt ganz liedmäßig, mit einer weitgespannten zwölftaktigen Melodie in der Klarinette. Im Prinzip ist der Satz auch einfach gebaut, als ABA'B' plus Coda. Trotzdem enthält er nicht nur grandiose Melodik, sondern (etwa bei der langen Überleitung zum zweiten Thema in F-Dur) Passagen großer Verdichtung im freien Kontrapunkt. Auch spitzt sich der im Prinzip idyllische Charakter gelegentlich zu, bei der Wiederholung des A-Teils in zwei b-moll-"Aufschreien" plus einer neuen Überleitung zum zweiten Thema (das im übrigen dem Seitenthema des Kopfsatzes nahe verwandt ist und eine wunderschöne kontrapunktische Fortspinnung beinhaltet.). In der Coda gibt es eine packende Passage, in der sich die Klarinette mit dem obsessiv wiederholten zweiten Takt des Hauptthemas über gefährlichen Pizzicati der Bassinstrumente festzurennen droht. Soweit die dürren Worte zu einem phänomenalen Satz, vielleicht dem schönsten langsamen, den Schubert bis dahin geschrieben hat.

      Allegro vivace ist der dritte Satz überschrieben: ein sehr schneller "G'stampfter" mit Scherzo-Charakter, der aber auch lange, harmonisch spannungsvolle Entwicklungen kennt. Das eher entspannte C-Dur-Trio hat einen angedeuteten Ländlercharakter über durchgehenden Viertelbässen.

      Das folgende Andante ist ein Variationensatz in C-dur. Das ganz serenaden- oder lustspielhafte Thema hat Schubert mit geringen Modifikationen aus seinem neun Jahre alten Singspiel Die Freunde von Salamanca entnommen. Die erste Variation, zunächst vom reinen Streichquartett angestimmt, schlendert in 16tel-Triolen, die zweite huscht rhythmisch bewegt dahin. In der dritten führt das Horn, in der vierten das Cello. Die obligatorische Moll-Variation klingt durch die rasende 32tel von zweiter Geige und Bratsche fast gehetzt. Die kantable sechste Variation steht in As-dur und nutzt vor allem höhere Lagen der Instrumente. Ihr schließt sich eine schöne, harmonisch vagierende Überleitung an, die nach C-dur und damit in die siebte, wiederum serenadenhaft-beschwingte siebte Variation überleitet. Sehr reizvoll die Coda, bei der in quasi nostalgisch-witziger Rückschau das leicht verfremdete Thema von unablässig pochenden 32teln begleitet wird.

      Der zweite Tanzsatz, Allegretto, ist eines jener "verspäteten" Menuette, wie sie auch schon bei Beethoven vorkommen - nur noch entfernt an den höfischen Tanz erinnernd, leicht melancholisch gefärbt, obschon in der Grundtonart stehend. Das Hauptthema erinnert nicht nur durch seinen identischen Auftakt an die Themen des Kopfsatzes. Das thematisch eng verwandte B-dur-Trio ist dagegen ganz rustikal-ländlermäßig. Auf die Menuett-Reprise folgt wie bei den Beethoven-Werken (op. 31/3, 59/2) noch eine leicht verschleierte Coda, die die ebenfalls in "Anführungszeichen" stehende Coda des Variationensatzes ins Gedächtnis ruft und auch zum überraschenden Beginn des Finales überleitet.

      Wenn für ein in der Serenadentration stehendes Werk der Bläserkammermusik bisher auch vieles ungewöhnlich war: Die Andante molto-Einleitung des Finales fällt endgültig aus dem Rahmen: Das drohende Donnergrollen eines anschwellenden F in Kontrabass und Cello untermalt in Forte und Fortissimo notierte Unisono-"Schreie" der anderen Instrumente - rhythmisch und motivisch deutlich an die Einleitung des Kopfsatzes angelehnt, aber hier von exzessivem Charakter und mit spektakulären klanglichen Effekten geradezu haltlos durch diverse Dur- und Moll-Tonarten irrend. Auch am Schluss der Einleitung ist mit einem geisterhaft oktavierten C im dreifachen Pianissimo alles andere als tonal fester Boden unter den Füßen erreicht. Der folgende Allegro-Hauptsatz ist ungewöhnlich breit angelegt, von fast geschwindmarschartigem Charakter über durchgehenden Vierteln im Hauptthema, etwas konzilianter, aber thematisch eng verwandt im C-Dur-Seitenthema. Auffällig eine sehr spannungsreiche, sich dynamisch und harmonisch immer mehr steigernde Rückleitung zur Reprise, etwas an die entsprechende Passage im Kopfsatz des d-moll-Quartetts erinnernd. Ob man den Charakter des Satzes als fröhlich-ausgelassen, mitunter heftig, oder sogar als gehetzt empfindet, wird je nach Hörer unterschiedlich sein. Am Schluss der Reprise kehrt mit großem Effekt die Einleitung zurück (prinzipiell ein aus der Klassik bekanntes Verfahren, man denke an Haydns Paukenwirbel-Sinfonie), die diesmal aber harmonisch regelgerecht, eindrucksvoll nach Dur modulierend in die abschließende Allegro-molto-Stretta übergeht.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Vielen herzlichen Dank für diese wunderbare Einführung, genau so etwas hatte ich mir erhofft. :)

      Anlass für meinen Wunsch war diese tolle Aufnahme auf YouTube, mit der ich das Werk gestern kennengelernt habe: youtube.com/watch?v=fnpVu8Eihj4
      Eine geniale Interpretation, wunderbare Aufnahme und Abmischung, super Video, was kann man sich mehr wünschen? :) Eben nochmals angehört mit Zwielichts Kommentar und IMSLP-Notentext: conquest.imslp.info/files/imgl…P73287-PMLP06127-FS19.pdf


      Sehr spannendes Werk. Vor allem der letzte Satz ist im wahrsten Sinne umwerfend. Ich hoffe, dieser Thread regt noch andere zur Beschäftigung damit an :wink:


    • Vielen Dank Zwielicht für diese musterhafte Einleitung!!
      Es ist Dir gelungen, die Faszination, die dieses Werk entfaltet, zu vermitteln. Wer die Möglichkeit hat, einer live-Aufführung des Oktetts beizuwohnen, sollte sie sich nicht entgehen lassen!

      Ein paar Einzelheiten mehr:
      Zwielicht hat es dankenswerterweise vermieden, auf Trivia einzugehen, die nach wie vor in Druck und Web kursieren.
      Man liest oft, das Oktett wurde von Ferdinand Graf Troyer, dem Haushofmeister des Erzherzogs Rudolf, in Auftrag gegeben. Dies beruht auf einer Behauptung vom ersten Schubert-Biografen, Kreißle von Hellborn, die nicht durch andere Dokumente bestätigt werden kann. Weitere Details, etwa der Graf selber hätte ein Werk nach dem Muster von Beethovens Septett bestellt, sind reine Spekulation. Man kann genauso wohl vermuten, Schubert selber hätte diese Art von Auseinandersetzung mit Beethoven gewählt.

      Die erste dokumentierte Aufführung fand am 16.04.1827 im Rahmen der Schuppanzigh-Konzertreihe statt.
      Die Erstausgabe erschien 1853 bei Spina (dem Nachfolger von Diabelli, der von Ferdinand Schubert die Rechte an alle vollendete Kompositionen seines Bruders erworben hatte) mit der Opusnummer 166.
      Dabei hatte Spina ins Werk eingegriffen: die Sätze 4 und 5 wurden gestrichen, der zweite Satz bekam die Bezeichnung andante poco mosso statt adagio und schwierige Passagen der ersten Violine wurden vereinfacht (Oktavierung und rhythmische Angleichung). Glücklicherweise zerstörte Spina die Handschrift nicht. Die Vereinfachungen der Stimme der ersten Violine werden in den gängigen Ausgaben noch als ossia angegeben und gelegentlich gespielt und aufgenommen.

      Wie im von Melione verlinkten Video zu sehen ist, hat Schubert zwei Klarinetten vorgesehen: eine C-Klarinette im vierten Satz, eine B-Klarinette anderswo. Oft wird allerdings ein Instrument angewendet.

      Das Thema des vierten Satzes ist, wie Zwielicht merkt, das eines Duetts aus der Oper Die Freunde von Salamanka (D326, Text von Mayrhofer), das man hier:
      archive.org/details/DieFreunde…gertUntermHellenDachwyatt
      hören kann.
      Es ist eine Schäfer-Idylle, die gut zum dem pastoralen Ton des Oktetts paßt (die Klarinette, wie im Hirt auf dem Felsen, kann als Stellvertreter von Chalumeau des Schäfers gelten). Wie Zwielicht auch bemerkt hat, ist die Pastorale - oder die Serenade - allerdings nur eines der Aspekte dieses Werks.

      Dieses Thema hat aber eine Schubert-eigene Historie. Man findet es zuerst in der zweiten Symphonie D125, wo es auch variiert wird (dort erinnert es allerdings an Mozarts Il mio tesoro intanto). Es entwickelt sich von Werk zu Werk bis zum Lied Im Frühling D882, an das im Finale der A-Dur Sonate D959 erinnert wird.
      Dies ist nicht die einzige Auto-Anspielung Schuberts. Die rhythmische Pulsion (der "Schrei") in der Einleitung des Finales erinnert an die Frage "Schöne Welt, wo bist du?" aus dem Lied Die Götter Griechenlands D677. Dieses Lied ist aber im a-moll Streichquartett D804 viel zentraler. Pastorale Idylle, verschwundene Welt ... dies öffnet Tür und Tor für eine hermeneutische Deutungs des Oktetts. Man kann es weiter fortspinnen und mit der Biographie verbinden ... allerdings wäre es in diesem Fall für mein Verständnis zu restriktiv. Das Oktett ist eben in allen Belangen ein sehr reichhaltiges Werk. Im Falle des a-moll Quartetts finde ich solch einen Deutungsansatz schon vielversprechender (vielleicht schaffe ich es eines Tages, die angefangene Introduktion für jenen Thread fertig zu machen).
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Vielen Dank für die schöne Einführung. Das Werk hatte ich bisher nicht auf meinem Zettel.

      Welche Einspielungen sind empfehlenswert? Ich habe mir ungeduldig gleich die mit dem Mullova Ensemble bestellt. Bin gespannt. Die mit Kremer, Brunner, et. al. würde mich auch interessieren.


      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Philbert schrieb:

      Man liest oft, das Oktett wurde von Ferdinand Graf Troyer, dem Haushofmeister des Erzherzogs Rudolf, in Auftrag gegeben. Dies beruht auf einer Behauptung vom ersten Schubert-Biografen, Kreißle von Hellborn, die nicht durch andere Dokumente bestätigt werden kann. Weitere Details, etwa der Graf selber hätte ein Werk nach dem Muster von Beethovens Septett bestellt, sind reine Spekulation. Man kann genauso wohl vermuten, Schubert selber hätte diese Art von Auseinandersetzung mit Beethoven gewählt.
      Dies behauptet auch Eric Hoeprich in seinem Buch "The Clarinet", ohne eine Quelle dazu anzugeben. Er erwähnt noch, dass der Graf selbst Klarinettist gewesen sei.

      Zum Einsatz der C-Klarinette im Variationssatz schreibt Hoeprich, dass Schubert einen volkstümlichen (folksy), helleren (brighter) Klang für die Melodie aus dem erwähnten Lied haben wollte. Ob er das aufgrund musikalischer Plausibilität vermutet, oder ob es Äußerungen von Schubert dazu gibt, schreibt er nicht. Wenn dies stimmen würde, dann wäre dies ein Beispiel für den Einsatz der C-Klarinette aufgrund ihres besonderen Klangs. (Abgesehen davon ist der Satz natürlich auch in C-Dur; vielleicht gerade, um es der C-Klarinette leicht zu machen?)


      maticus
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    • C-Dur ist eine der naheliegendsten Tonarten für einen langsamen Satz in einem F-Dur-Werk. Außerdem folgt Schubert hier auch der Beethovenschen Vorgabe: Adagio in der Subdominante, Variationensatz in der Dominante. Sogar die Moll-Einleitung des Finales findet sich schon bei Beethoven.

      Wie schon gesagt wurde, war Beethovens Septett eines seiner populärsten Werke und es gibt zahlreiche Werke aus den 1810-30er Jahren in ähnlichen Besetzungen und mit ähnlichen Satzfolgen. Schuberts ist nur das längste, beste und bekannteste.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • maticus schrieb:

      Dies behauptet auch Eric Hoeprich in seinem Buch "The Clarinet", ohne eine Quelle dazu anzugeben
      Wie gesagt, die einzige Quelle ist das Buch von Kreissle von Hellborn ("Franz Schubert", Wien 1865).
      Dort steht:

      Heinrich Kreissle von Hellborn schrieb:

      Dasselbe wurde (nach Herrn Doppler's Mittheilung) von Schubert auf Bestellung des Grafen Ferdinand Troyer, Oberhofmeister des Cardinal-Erzherzogs Rudolf von Österreich, im Jahre 1824 componiert und in demselben Jahr unter Schuppanzigh's Leitung an der ersten Violine und Mitwirkung des Grafen als Clarinettist, zuerst im Wien im Spielmann'schen Hause auf dem Graben, wo der Graf damals wohnte, aufgeführt.
      Der erwähnte "Herr Doppler" war "Geschäftsführer in der Musikhandlung Spina". Die Verläßlichkeit seiner Erinnerungen ist sehr schwach. Unter anderen ist er die Quelle der Story, wonach Schubert seine Shakespeare-Lieder auf der Rückseite eines Speisezettels geschrieben hätte. Leider wird diese Geschichte durch das erhaltene Autograph widerlegt:
      schubert-online.at/activpage/m…&negate=&sharpen=&lineal=

      Weiter, im "Verzeichniß der Werke Schuberts":

      Kreissle von Hellborn schrieb:

      »Octett« für Streich- und Blasinstrumente, comp. 1824 für den Grafen Ferdinand Troyer in Wien. Autograf* bei Spina und daselbst als op. 166 im Stich erschienen. Vierhändiges Clavier-Arrangement von S. Leitner (Dr. Leopold v. Sonnleithner), ebenfalls bei Spina.

      Der Rest ist wie oft so: Autor A schreibt "womöglich hat der Graf den Wunsch geäußert, Schubert sollte sich an Beethovens Septett orientieren". Autor B nimmt Autor A als Quelle und schreibt " Daß sich das Oktett an Beethovens Septett orientiert, ist wahrscheinlich auf den Wunsch des Grafen zurückzuführen". Dann kommt Autor C und sagt "Der Graf hat das Oktett bei Schubert bestellt und ihm vorgegeben, er solle sich dabei an Beethovens Septett orientieren" usw ... Die Schubert-Mythologie ist voll von solchen Kettenreaktionen, an deren Anfang eine vage Angabe und an deren Ende vollendete Tatsachen stehen.

      Weitere Dokumentation über das Oktett hat man nicht, außer dem von Zwielicht erwähnten Brief an Kupelwieser von März 1824:

      Franz Schubert schrieb:

      In Liedern habe ich wenig Neues gemacht, dagegen versuchte ich mich in mehreren Instrumentalsachen, denn ich componirte zwei Quartette für Violinen, Viola und Violoncello und ein Octett, und will noch ein Quartett schreiben; überhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur großen Sinfonie bahnen.
      Will man mehr über das Oktett erfahren, muß man sich, wie Zwielicht es gemacht hat, einfach mit der Musik beschäftigen :)
      Alles, wie immer, IMHO.
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      Zwielicht schrieb:

      "Star" ist dabei recht deutlich die Klarinette, der wiederholt überaus dankbare Passagen anvertraut werden. Aber auch das Horn wird im Rahmen seiner Möglichkeiten reich bedacht. Am seltensten tritt das Fagott solistisch hervor.
      Aber es ist doch eigentlich klar, dass die Klarinette hier als Soloinstrument am besten geeignet ist. Bei Mozarts Gran Partita sind es auch die Klarinetten und Oboen, z. T. noch die Bassethörner. Aber diese Instrumente gibt es hier ja nicht.

      Ich habe das Werk gestern Abend zum ersten mal gehört. (In der Aufnahme mit dem Mullova Ensemble.) Wenn ich nicht genau hingehört hätte, wäre mir garnicht aufgefallen, dass Horn und Fagott mit dabei sind. Beim Fagott noch weniger als beim Horn. Die Klarinette ist recht dominant, wogegen ich allerdings nichts habe ;) Gefühlt empfinde ich es fast als Quintett von Klarinette mit Streichquartett.

      Zwielicht schrieb:

      Mit allen Wiederholungen dauert das Werk in der Regel über eine Stunde - was in der Serenadentradition nicht ungewöhnlich ist, aber durch den musikalischen Ereignisreichtum hier auch eine sinfonische Dimension andeutet.
      Ja, die Länge finde ich fast zu gewaltig. Schubert hat ja so einige extrem lange Kammermusikstücke. Bei Mozarts Gran Partita finde ich die vielen Wiederholungen sogar manchmal richtig nervig, zuviel des Guten. In der Gran Partita sind die Wiederholungen auch recht offensichtlich, bei Schuberts Oktett ist die Struktur doch etwas komplexer, scheint mir, was Wiederholungen nicht zu langweilig macht.

      maticus
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      Als Alternative zu Mullova - die keineswegs zu vernachlässigen ist - kann ich Dir diese Aufnahme empfehlen:

      mit Radovan Vlatković am Horn (er hat an vielen Aufnahmen von D803 mitgewirkt).
      Nicht nur seinetwegen, selbstverständlich. Es ist eine packende Aufnahme.
      Andere schöne Aufnahmen sind womöglich noch klarinettenlastiger.
      Bei einer live-Aufführung ist der Hornist deutlicher bemerkbar (sein erster Einsatz ist ziemlich heikel, deshalb freut man sich, wenn die Exposition wiederholt wird, denn beim zweiten Mal hat er's besser im Griff).
      Alles, wie immer, IMHO.
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      maticus schrieb:

      Aber es ist doch eigentlich klar, dass die Klarinette hier als Soloinstrument am besten geeignet ist. Bei Mozarts Gran Partita sind es auch die Klarinetten und Oboen, z. T. noch die Bassethörner. Aber diese Instrumente gibt es hier ja nicht.

      Ich habe das Werk gestern Abend zum ersten mal gehört. (In der Aufnahme mit dem Mullova Ensemble.) Wenn ich nicht genau hingehört hätte, wäre mir garnicht aufgefallen, dass Horn und Fagott mit dabei sind. Beim Fagott noch weniger als beim Horn. Die Klarinette ist recht dominant, wogegen ich allerdings nichts habe Gefühlt empfinde ich es fast als Quintett von Klarinette mit Streichquartett.
      Den Hornklang finde ich schon sehr prägend für das Oktett: einerseits natürlich, weil man das Horn klanglich fast immer gut raushört, wenn es mitspielt (gerade bei Liegetönen, z.B. ganz am Anfang, oder schmetternd im Forte, z.B. im Scherzo). Andererseits aber auch, weil dem Horn eben doch zahlreiche markante Solostellen anvertraut sind: im Kopfsatz die Rufmotive, mit denen es in den letzten beiden Takten der Einleitung zum Allegro hinleitet. In der Exposition wird ihm einmal das Seitenthema anvertraut. Natürlich die grandiosen letzten Takte des Kopfsatzes, in denen die Stretta abbricht und das Horn sich noch einmal aussingen darf. Die dritte Variation des vierten Satzes, in der das Horn melodisch führt, dortselbst die Coda mit dem Quasi-Buffo-Effekt der repetierten tiefen Töne. Die Coda des Menuetts. Und einiges andere mehr.

      Das Fagott ist in der Tat unauffälliger. Es bekommt auch nur sehr wenige markante Solostellen (z.B. einmal das Seitenthema in der Kopfsatzreprise). Wenn man genau hinhört und -schaut, dann ist es aber doch relativ oft selbstständig geführt (das fängt schon im fünften Takt der Einleitung an). Und es wird kaum in seiner traditionellen Funktion als reine Basstütze eingesetzt, sondern Schubert mischt seine Stimme sehr vielfältig: abwechselnd oder im Chor mit den beiden Bläserkollegen, mit Viola und/oder Cello und gelegentlich auch mit der Solovioline (was im Trio des Menuetts erst den richtigen Ländlercharakter erzeugt). Dass das Fagott bei diesen Mischungen selten dominiert, sondern meist als eher unauffällige Beifärbung erscheint, liegt im Charakter des Instruments - ist manchmal aber auch eine Frage der Interpretation oder des Klangbildes. Ich werde demnächst mal meine Aufnahmen durchhören.

      maticus schrieb:

      Ja, die Länge finde ich fast zu gewaltig. Schubert hat ja so einige extrem lange Kammermusikstücke. Bei Mozarts Gran Partita finde ich die vielen Wiederholungen sogar manchmal richtig nervig, zuviel des Guten. In der Gran Partita sind die Wiederholungen auch recht offensichtlich, bei Schuberts Oktett ist die Struktur doch etwas komplexer, scheint mir, was Wiederholungen nicht zu langweilig macht.
      Es sind halt auch sieben (Gran Partita) bzw. sechs (Oktett) Sätze. Bei der Gran Partita haben ja beide Menuette zwei Trios, so dass es dort zu gehäuften Wiederholungen kommt. Ansonsten empfinde ich das Werk nicht als repetitiv.

      Im Oktett existieren nur folgende vorgeschriebene Wiederholungen: die Exposition des Kopfsatzes, die üblichen Wiederholungen in den Tanzsätzen und die traditionellen der Variationen im vierten Satz. Ansonsten gibt es nur sehr wenige wörtliche Wiederholungen, auch nicht bei den Reprisen in Kopfsatz und Finale oder bei den A'B'-Teilen im Adagio. Dafür viel Variation und thematische Arbeit. Natürlich auch das schubertische "Aussingen" in manchen Passagen.

      Ich gestehe aber, dass ich ohnehin nie Probleme mit den vermeintlichen Längen in Schubertwerken gehabt habe - ganz im Gegenteil. :pfeif:

      :wink:
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      Evtl. werden bei einer Einspielung auf alten Instrumenten (Archibudelli/Mozzafiato (Sony) oder ersatzweise Hausmusik (EMI/Virgin)) die tiefen Bläser deutlicher herauskommen. Ich kann das zwar nicht an konkreten Stellen festmachen, meine mich aber zu erinnnern, die Klangfarben, bes. bei der erstgenannten Aufnahme eindrucksvoller wahrgenommen zu haben als auf den meisten mit modernen Instrumenten. Wie ein Klarinettenquintett klingt das Stück aber nie ^^

      Mit Brunner/Vlatkovic gibt es noch eine weitere "All Star"-Aufnahme bei DG (Kremer u.a.)

      Überlang finde ich das Stück nicht, die einzelnen Sätze sind für sich gesehen, nicht allzu lang. Und bei der Gran Partita ist einer der schönsten Sätze (das adagio) viel zu kurz. :D
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      Kater Murr schrieb:

      Mit Brunner/Vlatkovic gibt es noch eine weitere "All Star"-Aufnahme bei DG (Kremer u.a.)
      Die habe ich erworben, als sie auf den Markt kam. Allerdings bin ich davon nicht mehr so begeistert. Sie ist ziemlich erste Violine-lastig und irgendwie habe ich nicht den Eindrick, daß die acht Musiker es schaffen, eine gemeinsame Atmosphäre zu schaffen. Alle spielen hervorragend aber es zündet zu selten. Bei Kagan, Gutman & Co habe ich den Eindruck eines wunderschönen Klangkörpers mit variabler Geometrie, bei Kremer & Co weniger.
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      Melione schrieb:

      Anlass für meinen Wunsch war diese tolle Aufnahme auf YouTube, mit der ich das Werk gestern kennengelernt habe: youtube.com/watch?v=fnpVu8Eihj4Eine geniale Interpretation, wunderbare Aufnahme und Abmischung, super Video, was kann man sich mehr wünschen?
      In der von mir verlinkten YouTube-Aufnahme werden übrigens alle Wiederholungen gespielt - mit Ausnahme der Expo-Wiederholung im Kopfsatz. Ich sollte vielleicht auch mal die Besetzung dazuschreiben, eventuell weckt das noch mehr Interesse :)

      Geigen - Antje Weithaas, Alina Pogostkina
      Bratsche - Veronika Hagen
      Cello - Sol Gabetta
      Kontrabass - Robert Vizvari
      Horn - Alejandro Núñez
      Fagott - Gustavo Núñez
      Klarinette - Sabine Meyer


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      Melione schrieb:

      Ich sollte vielleicht auch mal die Besetzung dazuschreiben, eventuell weckt das noch mehr Interesse
      Ich hab's mir am Samstag, als ich die Einführung geschrieben habe, angehört und meine auch, dass das eine schöne Interpretation ist. Nicht vom "musikantischen" Typus, eher um viel Differenzierung bei Dynamik und Rhythmik bemüht.

      Allerdings finde ich den Hornisten nicht ganz auf der Höhe der anderen Musiker. Klar, das Horn hat's immer schwer: aber hier sind es nicht nur eine ganze Reihe von Kieksern, sondern auch ein etwas harter, unflexibler Klang (das Seitenthema im Kopfsatz sollte doch weicher, melodischer klingen) und überhaupt eine grobmaschige Dynamik (bei den Pianissimo-Einwürfen der Bläser in der Finale-Einleitung übertönt das Horn zweimal seine Mitstreiter, um dann beim drittenmal aus dem Tritt zu geraten).

      :wink:
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      Hier das Mullova-Ensemble:



      Bassoon – Marco Postinghel
      Cello – Manuel Fischer-Dieskau
      Clarinet – Pascal Moraguès
      Double Bass – Klaus Stoll
      Horn – Guido Corti
      Viola – Erich Krüger
      Violin – Adrian Chamorro, Viktoria Mullova

      Rec. Polling im Innkreis, Österreich, April 1999


      maticus
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      Zwielicht schrieb:

      Allerdings finde ich den Hornisten nicht ganz auf der Höhe der anderen Musiker. Klar, das Horn hat's immer schwer: aber hier sind es nicht nur eine ganze Reihe von Kieksern, sondern auch ein etwas harter, unflexibler Klang (das Seitenthema im Kopfsatz sollte doch weicher, melodischer klingen) und überhaupt eine grobmaschige Dynamik (bei den Pianissimo-Einwürfen der Bläser in der Finale-Einleitung übertönt das Horn zweimal seine Mitstreiter, um dann beim drittenmal aus dem Tritt zu geraten).
      Da muss ich dir leider zustimmen... Verdirbt mir aber die Aufnahme nicht :)