Franz Schubert: Oktett F-Dur (D 803)

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    • 2013 eingespielt, heute gehört (via Spotify):



      Es spielen das Amaryllis-Quartett (Gustav Frielinghaus, Lena Wirth, Lena Eckels, Yves Sandoz) sowie Markus Krusche (Klarinette; heute bei der Kammerakademie Potsdam), Daniel Mohrmann (Fagott; heute beim hr Sinfonieorchester in Frankfurt), Christoph Eß (Horn; heute bei den Bamberger Symphonikern) und Alexandra Hengstebeck (Kontrabass; heute beim Bayerischen Staatsorchester in München).

      Hier wird wirklich Kammermusik gemacht - ein gleichberechtigtes Musizieren von exzellenten Instrumentalisten, bei dem nicht erste Geige und Klarinette den Primadonnenstatus haben. Da treten Begleifiguren nicht über Gebühr hervor, Klangmischungen (z.B. die oben erwähnten mit Fagott) sind genau ausgehört und Phrasierungen aufeinander abgestimmt. Auch die Dynamik ist differenziert wie selten, gerade in den unteren Regionen (das ppp bei der preghiera-artigen Fortspinnung des zweiten Themas im Adagio ist ein Traum). Das große Ritardando in den letzten Takten des Kopfsatzes kommt richtig zu Geltung und der Hornist setzt dort sein Crescendo erst dann an, wenn es vorgeschrieben ist. Die Variationen sind ein Wunder an Klangvielfalt. Einziger subjektiver Einwand: die Perfektion ist fast zu weit getrieben, ein ganz klein wenig mehr Rubato und gestalterische Freiheit etwa in den Tanzsätzen wäre möglich.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Die beiden eher konventionellen Einspielungen besitze ich seit vielen Jahren und habe sie jetzt unter dem Eindruck dieses Threads um eine dritte, historisch informierte zum Schnäppchenpreis ergänzt:



      Keine der drei Aufnahmen finde ich schlecht, diejenige mit L'Archibudelli/ Mozzafiato aber besonders überzeugend, da sehr frisch, ausgewogen und transparent musiziert. Die beiden Berliner Ensembles mit recht bekannten Solisten weisen atmosphärisch stärker auf die Hochromantik, welche hier in Schuberts Musik steckt. Vor allem bei den Berliner Solisten - im Rahmen der Brilliant-Kammermusiksammlung interpretiert das Philharmonische Oktett Berlin - käme ich allerdings nicht auf die Idee, dass man das Werk als verkapptes Konzert für Violine und Klarinette missverstehen könnte. Es ist, vielleicht primär aus klangtechnischen Gründen, viel eher das Horn, das sich bisweilen in den Vordergrund drängt.

      Danke an zwielicht für die schöne Threaderöffnung!

      (Ich glaube Euch gerne, dass es so manche begeisternde weitere Einspielung gibt, aber mich interessiert noch so viel anderes. Je mehr man hat, desto mehr lernt man kennen und desto mehr möchte man besitzen. Und die Sachen sollen doch nicht nur herumstehen. :/ )

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Die Teldec-Aufnahmen der "Berliner Solisten" (ich habe außerdem noch Beethovens Septett und Mozart/Brahms-Klarinettenquintette) zeichnen sich m.E. durchweg durch sehr "integriertes" Ensemblespiel aus, das nie den Eindruck eines "Konzerts" erweckt. Davon abgesehen sind sie vielleicht manchmal etwas "neutral" (muss zugeben, sie lange nicht gehört zu haben, aber es waren von etlichen dieser Werke meine ersten Aufnahmen vor ca. 25 Jahren).
      Außer dieser und der Mozzafiato (die wegen der Farbigkeit vermutlich insgesamt mein Favorit ist) habe ich noch die Kremer/DG, Hausmusik (gut, aber etwas blasser als Mozzafiato) und evtl. noch eine "konventionelle" in irgendeiner Box. Ich muss aber auch zugeben, dass ich das Stück nicht so oft höre (allein aufgrund der Länge :versteck1: ) und auch daher schon länger nicht mehr auf aktiver Suche nach weiteren Einspielungen bin.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Evtl. werden bei einer Einspielung auf alten Instrumenten (Archibudelli/Mozzafiato (Sony) oder ersatzweise Hausmusik (EMI/Virgin)) die tiefen Bläser deutlicher herauskommen. Ich kann das zwar nicht an konkreten Stellen festmachen, meine mich aber zu erinnnern, die Klangfarben, bes. bei der erstgenannten Aufnahme eindrucksvoller wahrgenommen zu haben als auf den meisten mit modernen Instrumenten.

      andréjo schrieb:

      Keine der drei Aufnahmen finde ich schlecht, diejenige mit L'Archibudelli/ Mozzafiato aber besonders überzeugend, da sehr frisch, ausgewogen und transparent musiziert.
      Die habe ich dann auch mal via Spotify gehört:



      Ebenfalls eine schöne Aufnahme, in der hervorragend abgestimmtes Ensembespiel verwirklicht wird. Sehr spielfreudig und innerhalb der Tempi bei Bedarf flexibel: die kleinen Verzögerungen vor diversen Zieltönen im Kopfsatz (Seitenthema!) können allerdings schnell auch etwas mechanisch wirken. Mit Tempo-, Vortrags- und Dynamikbezeichnungen geht man gelegentlich recht großzügig um: Weitgehend missachtet werden die morendo-Vorschriften im Adagio, dessen B-Teil außerdem aus welchen Gründen auch immer schneller genommen wird als der A-Teil. Die Coda des Variationensatzes ist keineswegs più lento, wie vorgeschrieben. Differenzierungen zwischen p und pp, fz und ffz usw. werden nicht immer vorgenommen, gerade der Klarinettist bewegt sich gerne im mittleren Dynamikbereich. Das Adagio leidet am meisten, sehr gut gelingen die Tanzsätze und das Finale, bei dem die "Aufschreie" im Andante molto markerschütternd geraten und zudem durch Stopftöne des Horns eingefärbt werden.

      :wink:
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    • Danke an den Kater und vor allem an Zwielicht für die kleinen Analysen! Das werde ich bei Gelegenheit auch mal machen, nämlich eine Online-Partitur des Oktetts heranziehen.

      NB: Oft enttäuscht mich beim Mitlesen von vor allem Klavierpartituren die Nicht-Beachtung von dynamischen Vorschriften. Wobei es Grenzfälle gibt, das ist mir schon klar: Eine Fuge von Reger kann ich als Ausführender nur bedingt im ppp beginnen, wie das bisweilen gewünscht wird. Da geht es dann doch eher um die Geschicklichkeit beim Anschlag.

      :cincinbier: Wolfgang
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    • andréjo schrieb:

      Oft enttäuscht mich beim Mitlesen von vor allem Klavierpartituren die Nicht-Beachtung von dynamischen Vorschriften. Wobei es Grenzfälle gibt, das ist mir schon klar: Eine Fuge von Reger kann ich als Ausführender nur bedingt im ppp beginnen, wie das bisweilen gewünscht wird. Da geht es dann doch eher um die Geschicklichkeit beim Anschlag.
      Das stimmt. Ich weiß, dass Dynamikbezeichnungen relativ zu verstehen sind, dass sie zusammen mit anderen musikalischen Parametern gelesen werden wollen usw. Man kann da als "Mitlesender" leicht in eine Buchhalterattitüde verfallen. Aber hier im konkreten Fall, der Archibudelli/Mozzafiato-Einspielung, wird mir das Adagio zu selbstverständlich "musikantisch" durchgespielt. Die mit "Morendo" bezeichneten Phrasenenden im A-Teil oder die einzigartige Des-Dur-Passage (ab T. 60; eine Art drittes Thema) im dreifachen Pianissimo (eine Bezeichnung, die sonst nur noch einmal im ganzen Werk vorkommt): hier (ver)klingt die Musik gewissermaßen in/aus der Ferne, das sind Stellen am Rande der Stille, den ffz-"Schreien" in der Wiederholung des A-Teils und dem Fortissimo in der Coda entgegengesetzt. Diese Extreme erfährt man in der oben in Beitrag 21 vorgestellten Einspielung (Amaryllis-Quartett & Co) intensiver als bei Archibudelli/Mozzafiato.

      :wink:
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    • Felix Meritis schrieb:

      Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass ich nur eine Aufnahme habe, nämlich die vom Ensemble Walter Boeykens:
      Octet



      Ich habe das Gefühl, dass man das wesentlich prononcierter und spannender spielen kann. :(
      Inzwischen habe ich die Kammermusikbox von Hausmusik, in welcher auch das Oktett enrhalten ist, erworben und bin hellauf begeistert! Der Klang der Originalinstrumente belebt das Werk und erhöht die Transparenz.
      Ich muss die ganze Zeit an Dvorák denken, der das Oktett wohl sehr geschätzt haben muss. Einziger Wermutstropfen für Freunde der tragischen Klänge: der letzte Satz klingt mehr forsch und als bedrohlich oder tragisch - mir gefällt's trotzdem.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.