Columbia ML-4001 - die LP wird 70

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    • Columbia ML-4001 - die LP wird 70

      Kenner werden wissen, was die obige Katalognummer bedeutet: es ist die LP mit Mendelssohns Violinenkonzert op. 64, dargeboten von Nathan Milstein und dem Philharmonic-Symphony Orchestra of New York unter Bruno Walter. Das Besondere ist aber, daß es die erste LP ist, die je erschien - nämlich am 21. Juni 1948, also vor 70 Jahren.

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      Die Long Playing Microgroove war das Ergebnis anstrengender Bemühungen, sich den lästigen Nachteilen der Schellackplatte zu entledigen - die Schellacks hatten immer laute Laufgeräusche beim Abspielen produziert, mußten aufgrund des Materialengemischs auch immer recht schnell rotieren und waren auch nicht in der Lage, eine gewisse Rillengröße zu unterschreiten. Das alles bedeutete, daß eine 30 cm große Scheibe nach maximal fünf Minuten ihre Kapazität erreicht hatte, was speziell bei Klassischer Musik schon sehr nachteilig war. Um Beethovens 5. komplett auf Schellack zu besitzen, mußte man fünf Scheiben akzeptieren, was auch eine Platzfrage sein konnte. Abgesehen davon, daß eine Schellackplatte auch noch zerbrechlich ist, hatte sie zu dem Zeitpunkt gut fünfzig Jahre (wenn man von Emil Berliners 1898 gestarteten Bemühungen ausgeht) auf den Buckel und hatte technisch gesehen so ziemlich das Ende ihrer technischen Möglichkeiten erreicht.

      Natürlich war die LP in der Form, wie sie Columbia Records 1948 präsentierte, auch nicht aus dem Nichts entstanden: es hatte bereits seit den frühen 1930er Jahren Versuche gegeben, die Schellackplatte herkömmlicher Prägung zu überwinden, doch scheiterte das an vielen einzelnen Details. Da war das Material, welches aufgrund seiner Komponenten nur bestimmte Verkleinerungen vertrug, da waren die Tonabnehmer, die eine bestimmtes Gewicht benötigten, da war die Aufnahmetechnik, die an den Bedingungen des Abspielsystems gekoppelt war - alles Voraussetzungen, die man unterschiedlich zu überwinden trachtete, die aber alle scheiterten.

      Allein die Idee der 33 1/3 Umdrehungen pro Minute war bereits seit 1926 bekannt und stammte von den Vitaphone Discs, die den Ton zu frühen Tonfilmen speicherte; allerdings waren diese Scheiben 40 cm groß und konnten nur maximal 20mal abgespielt werden, weil sie dann zu abgenutzt waren. Im Radio gab es seit 1928 ein ähnliches System, welches durch die Aufzeichnungen längerer Programme sogar mit mindestens zwei gekoppelten Schneidern bzw. Abspielern aufgestellt war. RCA Victor hatte 1931 ein System namens Program Transcription herausgebracht, welches ebenso mit 33 1/3 gefahren wurde, doch aufgrund der Großen Depression waren Verkäufe dieses teuren Systems ziemlich mau; am Ende killte es jedoch die technischen Bedingungen, denn die Tonabnehmer waren immer noch zu schwer, um das Material schonend zu behandeln. Und der spätere Zweite Weltkrieg verzögerte weitere Forschungen ebenso.

      Die Columbia beauftragte Peter Goldmark (1906-1977), ein neues System zu entwickeln, welches fähig war, auf einer Seite zwanzig Minuten an Musik zu speichern. Der Ingenieur machte sich auf, ein komplettes Paket zu schaffen, welches jedes der einzelnen Probleme umfassend anging. Das Trägermaterial mußte kleinere Rillen bei einer geringeren Geschwindigkeit speichern können - ganz zu schweigen davon, daß es auch nicht mehr so laute Laufgeräusche zu verursachen hatte. PVC erwies sich da als passend, welches seit 1945 der häufigste verwendete Kunststoff war. Der Tonabnehmer wurde leichter und trug eine schmalere Nadel, um die Microgroove adäquat abzuspielen. Wirklich neu an diesem System war eigentlich nur der Schnitt einer miniaturisierten Rille, denn weder die Umdrehungsgeschwindigkeit noch das Material (Vinyl wurde auch schon bei den Program Transcription Discs verwendet) waren hier zum ersten Mal eingesetzt worden.

      Aber das Gesamtpaket stimmte - und somit waren die Journalisten im Waldorf Astoria mit einer wesentlich ruhigeren, verbesseren Wiedergabe konfrontiert, die zu enthusiastischen Besprechungen führte. Columbia Records startete kurz danach die Veröffentlichungen von über 130 Titeln, die in vier Reihen und zwei Formaten (30 cm und 25 cm) den Markt aufmischten. Die Microgroove wurde ein Renner, auch wenn die anderen Labels mit der 45er Single eine echte Konkurrenz dazukreierten. Doch funktionierte das vor allem dadurch, daß die LP der Klassischen Musik am Meisten nutzte, denn nun reduzierte sich die Anzahl der Scheiben für Beethovens 5. von fünf auf eins.

      Nach 1948 blieb die Entwicklung nicht stehen: Stereo wurde eingeführt, später neue Preßmethoden wie DMM. Daß das System ab 1980 durch die Einführung der digitalen Aufzeichnung und der CD nicht obsolet wurde, liegt sicherlich an den vielen Vinyl-Liebhabern weltweit, die immer noch große Freude an den großen schwarzen Scheiben haben. Zur Zeit werden mindestens zehn Millionen Exemplare pro Jahr in der ganzen Welt abgesetzt. Ein Grund zum Feiern:

      :cincinsekt: Herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag! :cincinsekt:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Ich denke Mal: Die Schallplatte wird es immer geben. Gerade jetzt, wo digitale Aufzeichnungen deutlich oberhalb 20 Hz verwendet werden macht sie auch wieder richtig Sinn. In der nicht allzulangen Zeit, wo nach der analogen Aufnahmetechnik nur bis 20 Hz digital gemastert wurde war es eher nicht sinnvoll. Eine gute Hörkette nebst gutem Plattenspieler vorausgesetzt ist sie immer noch das Maß des highfidelen Klanges, nicht unbedingt im Messlabor, aber für die meisten Ohren. Auch was die Archivfestigkeit betrifft: Nun Vinyl selbst ist extrem langlebig und wenn man die Scheibe stets pfleglich behandelt und nicht allzu oft abspielt ist eine Haltbarkeit möglich, die nach mein Wissensstand kein digitales physisches Medium schafft. Bei mir haben es jedenfalls davon bisher nur Flashmedien, MOs (Mini Disc) und Festplatten deutlich über 10 Jahre geschafft.

      Ich liebe Schallplatten. Alleine die Cover machen echt was her.

      OT: Bei der digitalen Musik gefällt mir die Sache mit dem Streamen immer mehr. Der Nachteil davon ist strenggenommen nur die Tatsache, dass man im schnellen Netz sein muss und ständige fortlaufende Kosten hat. Auch die Cloudsache (z. Bsp a.....) ist gut, allerdings leider gibt es da nur mp3s als Download, flac wäre besser. Jedenfalls sind das Streamen und die Doenload-Cloud auch archivfest, richtige Pflege der Server vorausgesetzt. Aber ist hier ja nicht das Thema.
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    • Vielen Dank für diesen schönen Geburtstagsartikel. Habe wieder etwas dazugelernt. :clap:

      Die Vinylscheibe wird auch bei mir noch gepflegt, wenn auch kaum noch Neues hinzukommt. Aber ich habe im Klassikbereich auch so gut wie alles, was ich benötige, eine höhere vierstellige Zahl. Die ML-4001 habe ich leider nicht, aber einige DGG Schieben aus den frühen 50ern, Beethoven-Sonaten mit Kempff, Beethoven mit Koeckert Quartett, Fricsay mit Martzy (Dvorak) und Varga (Bartok) usw. Und, wenn die Platten keine Kratzer haben, klingen sie nach wie vor sehr gut. Vom Nimbus einen Tonträger in der Hand zu halten, der so alt ist wie man selbst, mal ganz abgesehen.
      Grüße
      Wieland
    • Dankeschön an JD auch von mir, schön geschrieben!

      Ich habe einfach immer weiter Platten gehört und in den letzten Jahren kommen auch eher LPs als CDs dazu. Meist gebrauchte Perlen, zuletzt eine Original-Scheibe des Shirley Scott Trios. Aber auch zuletzt die Klavierkonzerte von Rachmaninoff von ihm selbst gespielt als neu aufgelegte Scheibe in guter Klangqualität. In den Läden sind auch immer junge Leute und ich bin zuversichtlich, dass die LP Zukunft hat.

      Gruß, Frank