München, Bayerische Staatsoper, 28.6.18, Petrenko - Kaufmann, Stemme, Gerhaher, Pape, Koch

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    • München, Bayerische Staatsoper, 28.6.18, Petrenko - Kaufmann, Stemme, Gerhaher, Pape, Koch

      Noch etwa 10 Tage steht bei BR Klassik der Mitschnitt der Parsifal-Premiere an der Bayerischen Staatsoper vom 28. Juni zur Verfügung:

      br-klassik.de/audio/parsifal-106.html (erster Akt ab 35:15, zweiter Akt ab 2:53:25, dritter Akt ab 4:38:10)

      In der (den meisten Reaktionen nach durchgefallenen) Regie/Bühnenbild-Kooperation von Pierre Audi und Georg Baselitz singen u.a. Jonas Kaufmann (Parsifal), Nina Stemme (Kundry), Christian Gerhaher (Parsifal), René Pape (Gurnemanz) und Wolfgang Koch (Klingsor). GMD Kirill Petrenko dirigiert das Bayerische Staatsorchester und den Staatsopernchor.

      Das ist auf jeden Fall überaus hörenswert! Ein Orchesterspiel, das so farbenreich, aber eben auch zart ist, um den Sängern alle Möglichkeiten zu geben, ihre Partien nicht zu brüllen, sondern dynamisch differenziert zu gestalten. Trotzdem wird kein "nazarenisch"-sanfter Orchestersound erzielt (am ehesten noch in Teilen des ersten Akts), sondern ein durch lebendig pulsierende Begleifiguren sowie zahlreiche ungehörte Details und Akzente lebendiges Klangbild (ein beliebig herausgegriffenes Detail: das tonartfremde, mit einem Akzent versehene fis der Geigen zu Kundrys Taufe schneidet scharf wie ein Messerstich). Auch bei den Chören erscheint mir übrigens die Forderung von Pierre Boulez erfüllt wie noch nie (Ich hätte gern speziell die Chöre des ersten Akts etwas "geheimnisvoller" gesungen, und nicht wie das Horst-Wessel-Lied oder Lily Marlen! das ist kein Soldatentrupp! das ist vielmehr eine Mannschaft von Freimaurern wie zu Mozarts Zeiten!). Nur bei rein orchestralen Passagen und in Teilen des zweiten Akts lässt Petrenko das Orchester aufdrehen, nie unkontrolliert, sondern in der ersten Verwandlungsmusik gezielt den Höhepunkt anstrebend (und ihn dynamisch dann erst erreichend). Besonders bewegend in ihrer Mischung aus Klagefiguren und Unerbittlichkeit gerät die Verwandlungsmusik im dritten Akt. Tempomäßig ist Petrenko ganz nah bei den insgesamt schnellsten Interpretationen, z.B. Boulez. Die Zeiten der einzelnen Aufzüge: 1:35, 1:01, 1:07. Ich habe auch nach zweimaligem Hören noch nicht rausgekriegt, wie er das macht; die Tempi wirken auf mich oftmals nicht schnell, die Temporelationen sind andere als bei Boulez oder Kegel: im dritten Akt erklingt das Vorspiel überaus langsam, ermattet, an einigen Stellen fast in sich zusammensinkend. Erst dann nimmt Petrenko (der das Werk übrigens zum erstenmal dirigiert) allmählich fließendere Tempi, gesteigert bis zu einem sehr flüssigen Karfreitagszauber.

      René Pape habe ich zum drittenmal live in der Partie gehört, er hat sie bestimmt inzwischen hundertmal gesungen. Er ist nach wie vor großartig, mit Stimmkraft und balsamischem Timbre. Gestaltung ist vielleicht nicht seine primäre Fähigkeit, aber wie er bestimmte Passagen (...den nun des Grales Anblick nicht mehr labte) extrem leise, fast ersterbend, und doch mit stimmlicher Substanz rüberbringt, finde ich bewegend. Jonas Kaufmann erfuhr, wie meistens, geteilte Reaktionen. Ich mag seine Stimme, das Baritonale, Abgedunkelte. Die Amfortas-Rufe im zweiten Akt gelangen markerschütternd, in der folgenden Passage ist er rhythmisch sowie in puncto Textartikulation und Ausdruck richtig gut. Er nimmt auch das Angebot Petrenkos, die Dynamik zu reduzieren, oft an - allerdings klingt die Stimme dann ab und zu (vor allem im dritten Akt) etwas brüchig, hinzu kommen ein paar verzeihliche Ermüdungserscheinungen am Ende. Zusammen mit Nina Stemme legt Kaufmann eine packende zweite Hälfte des zweiten Akts hin. Stemme hat die Partie der Kundry noch nicht lange im Portfolio, aber sie ist bombensicher in allen stimmlichen Lagen und Anforderungen. Koch als Klingsor (meist singt er inzwischen ja den Amfortas) sehr gut, stark charakterisierend, aber nicht chargierend. Die ungewöhnlichste Leistung bot wohl Christian Gerhaher mit sehr hell klingender Stimme bei seinem Debut in der Rolle des Amfortas: in Bezug auf Tonhöhe und Rhythmus nicht immer perfekt (es ist halt ein Debut), aber mit einem enormen Gestaltungswillen - jedem Wort wird nachgespürt, jede Phrase klingt anders, auf engstem Raum wechseln sich unterschiedlichste Affekte ab. Zumal bei der Klage im ersten Akt wirkt das ungewohnt rezitativisch. Kein baritonal-wohlklingend Leidender, kein schmerzverzerrt Dröhnender, sondern ein fast zynisch Zerrissener ist der Gralskönig hier.

      Es gibt übrigens am Sonntag (8.7.) einen Livestream (staatsoper.de/meldungen/parsifal-live-stream.html). Ob sich die zusätzliche visuelle Ebene lohnt, weiß ich nicht, bezweifele es aber.


      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Freue mich schon drauf (auf das musikalische zumindest :whistling: ), habe Karten für Sonntag! :thumbsup:
      Wird mein erstes mal >Parsifal live< sein.

      Zwielicht schrieb:

      jedem Wort wird nachgespürt, jede Phrase klingt anders, auf engstem Raum wechseln sich unterschiedlichste Affekte ab
      Genau das wurde auch zum Teil heftig kritisiert, Zitat Klassikinfo.de: "...dann ist das einfach zu viel des Kontrasts und sprengt jede Phrase und Linie – gut gemeinte Ausdruckssteigerungsbemühung, die nach hinten los geht". Gerhaher mag man eben, oder nicht ;)
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Tichy1988 schrieb:

      Genau das wurde auch zum Teil heftig kritisiert, Zitat Klassikinfo.de: "...dann ist das einfach zu viel des Kontrasts und sprengt jede Phrase und Linie – gut gemeinte Ausdruckssteigerungsbemühung, die nach hinten los geht". Gerhaher mag man eben, oder nicht
      gibt es nicht von Wagner selbst eine Äußerung, die allerdings nicht auf Interpretation, sondern auf die Komposition bezogen ist - die "deutschen" Komponisten würden dazu neigen, jedes Wort, jede Phrase einen eigenen Ausdruck geben zu wollen und verkennen, daß der Audruck in der Gesamtheit einthalten sein soll.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Konkret kann ich gerade kein Zitat anführen, aber bekannt ist mir immerhin, daß Wagner großen Wert auf Textverständlichkeit und deutlichen Ausdruck gelegt hat.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Tichy1988 schrieb:

      Freue mich schon drauf (auf das musikalische zumindest :whistling: ), habe Karten für Sonntag! :thumbsup:
      Wird mein erstes mal >Parsifal live< sein.

      Zwielicht schrieb:

      jedem Wort wird nachgespürt, jede Phrase klingt anders, auf engstem Raum wechseln sich unterschiedlichste Affekte ab
      Genau das wurde auch zum Teil heftig kritisiert, Zitat Klassikinfo.de: "...dann ist das einfach zu viel des Kontrasts und sprengt jede Phrase und Linie – gut gemeinte Ausdruckssteigerungsbemühung, die nach hinten los geht". Gerhaher mag man eben, oder nicht ;)

      Hallo zusammen,

      ich durfte den Münchner Parsifal jetzt zweimal erleben - einmal im Blick auf die Bühne (und akustisch suboptimalen Plätzen) bei der Premiere und dann wieder gestern auf Partiturplätzen (sehr gute Akustik).

      Nachdem ich bei der Premiere doch irritiert war, was durchaus an der Akustik und an dem Ärger über die langweilige Inszenierung gelegen haben kann, war ich gestern restlos begeistert - insbesondere auch von Gerhaher. Gestern war der größte Teil wunderschön gesungen, auch die Stimme kam mir wieder natürlicher vor. Bei der Premiere habe ich sie merkwürdig hell und schneidend vor, ich hätte Gerhaher vermutlich gar nicht erkannt. Auch war ich doch über die aben angesprochenen Affekte irritiert und oft klang es mehr nach Deklamation, als nach Singen. Gestern war das etwas zurückgenommen, auch wenn immer noch jede Note und Phrase sehr ausgefeilt waren, klang es für meine Ohren wieder mehr nach Singen. Auch die Noten stimmten meistens, bis auf den letzten großen Ausbruch, bei dem Gerhaher vermutlich dann doch stimmlich an Grenzen gerät. Inwieweit er noch and der Interpretation feilt, oder inwieweit ich anders gehört habe, kann ich nicht wirklich sagen. Gestern hat er mich jedenfalls sehr berührt. Und ja, ich mag Gerhaher :D

      Ansonsten wurde schon fast alles gesagt. Stemme war großartig, die Partie des Klingsors hätte mit Wolfgang Koch auch gerne länger sein können. Auch Kaufmann hat mir ausgezeichnet gefallen. Ausdrücklich erwähnen möchte ich auch die Sängerinnen der Blumenmädchen, die sonst vielleicht nicht so im Fokus stehen - aber diese Passage habe ich auch noch nie so gut gesungen gehört, wie bei dieser Produktion.

      Petrenkos Dirigat hat mir vor allem im Zweiten und Dritten Aufzug ausgezeichnet gefallen. Es gäbe so viele Details zu erwähnen (konnte ich gestern mit Partitur natürlich noch besser nachvollziehen): Der sehr verhaltene, fast impressionistische erste Aufzug, die Bläser im Karfreitagszauber, die Wandlung im Dritten Akt - auch das Ende war Gänsehaut pur. Ich würde eigentlich gerne noch von einer Steigerung gegenüber der Premiere sprechen, aber es kann auch an der anderen Akustik gelegen haben.

      Zus Inszenierung möchte ich nicht viel sagen - sehr enttäuschend und schade. Diese musikalische Interpretation in Herheims, Tcherniakovs oder auch der alten Konwitschny Inszenierung müsste dem Opernhimmel schon sehr nahe kommen. So haben denn Baselitz und Audi dafür gesorgt, daß wir doch auf der Erde geblieben sind. Und Petrenko hat Baselitz' ausdrücklichen Wunsch, daß die Zuhörer doch schlafen mögen, einfach konterkariert-

      Ich wünsche allen Opernbesuchern am Sonntag viel Spaß. Ich konnte auch noch Karten für den 31.07. ergattern - vielleicht tausche ich ja mit einem Partiturplatz ;)

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Also das Orchesterspiel und die Chöre waren tatsächlich gigantisch! Nachdem ich während des Vorspiels noch die Befürchtung hatte, dass Ganze könnte doch etwas zu bedeutungsschwanger werden (mir waren die Generalpausen jene Sekunde zu lange), waren nach dem ersten Einsatz der Sänger alle Sorgen dahin. Eine absolut flüssig gestaltete Begleitung, immer der Dynamik der Sänger/innen verpflichtet und mit stetem Puls, beinahe hypnotisierend im Ersten Aufzug. Rückblickend erweist sich das eher exaltierte Vorspiel als gelungene Meditationsübung, danach ließ Petrenko konzentriert aber überhaupt nie artifiziell musizieren. Der makellose Pianissimozauber der Holzbläser konnte sich so ganz natürlich entfalten...zum Raum wurde hier in der Tat die Zeit.

      Zwielicht schrieb:

      Nur bei rein orchestralen Passagen und in Teilen des zweiten Akts lässt Petrenko das Orchester aufdrehen, nie unkontrolliert, sondern in der ersten Verwandlungsmusik gezielt den Höhepunkt anstrebend
      Exakt mein Eindruck. Die Kontrolle der Dynamik war wirklich fantastisch, allein diese spukhafte Wirkung der Fernchöre. Generell fand ich die Tempogestaltung um und während der Chöre richtig gut, Petrenko hat hier so wie ich es vernommen habe öfters das Tempo dezent beschleunigt. Mein absoluter Lieblingsmoment war dann Amfortas Auftritt im Dritten Aufzug. Das war einfach unglaublich, eine Steigerung der Intensität und ein wie ich finde phänomenales Ritardando! Wie toll, dass ich vom Rang aus in den Graben schauen und Petrenko beobachten konnte...das hat sich eh meistens mehr gelohnt als das, was da auf der Bühne "passiert" ist. Viel war es nämlich nicht. Das Bühnenbild im Zweiten Aufzug war einfach ein Witz, pure Arbeitsverweigerung.

      Gerhahers Amfortas fand ich etwas zu overacted, dass hat gar nicht so viel mit seiner wechselhaften Phrasierung (s.o.) zu tun. Im Dritten hat er mir aber doch ganz gut gefallen. Kaufmanns Pianostimme ist nicht verständlich und relativ ausdrucksarm, aber mei, sonst war gut. Er weiß, wann er Gas geben kann und muss. Besonderes Lob an die Chöre und v.a. die Blumenmädchen!
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Die Bayerische Staatsoper hat jetzt einige längere Clips bei Youtube eingestellt, die es gestatten, sich einen Eindruck von der musikalischen Qualität der Produktion zu verschaffen (Vorstellung am 8.7.18):

      Vorspiel zum ersten Aufzug (Bayerisches Staatsorchester, Kirill Petrenko)
      Erster Aufzug: "Nein, laßt ihn unenthüllt" (Christian Gerhaher)
      Zweiter Aufzug: "Amfortas, die Wunde" (Jonas Kaufmann)
      Vorspiel zum dritten Aufzug (Bayerisches Staatsorchester, Kirill Petrenko)
      Dritter Aufzug: Kundrys Taufe und Karfreitagszauber (René Pape)
      Dritter Aufzug, Schluss: "Nur eine Waffe taugt" (Jonas Kaufmann)

      Nina Stemme als Kundry kommt leider nur einmal kurz zu Wort, aber die Interpretation der drei anderen Hauptrollen sowie die Qualitäten von Orchester und Dirigat lassen sich gut nachvollziehen. Die Dürftigkeit der Inszenierung wird ebenfalls ausreichend sichtbar, insbesondere in den Ausschnitten aus dem dritten Aufzug (und René Pape braucht unbedingt jemanden, der ihm sagt, was er mit seinen Händen machen soll...).

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Die Dürftigkeit der Inszenierung wird ebenfalls ausreichend sichtbar, insbesondere in den Ausschnitten aus dem dritten Aufzug (und René Pape braucht unbedingt jemanden, der ihm sagt, was er mit seinen Händen machen soll...).
      ehrlich? seine Hände sind doch das Einzige, was sich da bewegt...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      seine Hände sind doch das Einzige, was sich da bewegt...
      Ja, aber wie... Beim Karfreitagszauber 5x an die Nase fassen, 3x durchs Haar streichen, 2x den Schweiß von der Stirn wischen, 10x die Finger aneinanderlegen. Dann doch lieber hinter dem Rücken verschränken. Oder anders nutzen (an sich legt' er die Frevlerhand...)... :whistling:


      :wink:
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    • Ich habe bislang nur Gerhaher und Kaufmann mir angehört. (Die sonst wohin wandernden Hände kommen noch.) Gerhaher ist natürlich wunderbar wortdeutlich, aber irgendwie fehlt mir das richtige baritonale Fundament. Er klingt sehr hell, fast tenoral in manchen Passagen. Aber vielleicht ist das der Inszenierung geschuldet.

      Kaufmann finde ich persönlich am besten in Wagnerpartien. Ich habe immer das Gefühl, wenn er seine Stimme dramatischer führen muss, wird sie klarer, einheitlicher und dies seltsam gaumig-weiche ist nicht mehr so deutlich zu hören. Allerdings ist hier sein Piano bei 'Den heil'gen Speer, ich bring ihn euch zurück' alles andere als berauschend. Gleiches gilt für 'öffnet den Schrein' und auch die Höhe bei 'Enthüllet den Gral' (es heiße 'Gral' nicht 'Grol') würde mich nicht zu Jubelstürmen hinreißen. ^^ Ermüdung kann es bei der Kürze der Partie ja eigentlich nicht sein.

      Trotzdem würde ich ihn gerne einmal live als Parsifal erleben. Im Raum mag a) die Stimme anders rüberkommen und b) mag seine Bühnenpräsenz einiges wettmachen.

      :wink: Wolfram
    • Die Piano-Spitzentöne sind bei Kaufmann manchmal wirklich Glückssache, wobei ich das mit der Bruststimme erzeugte, intonationsreine, fast knabenhafte (gewissermaßen "entsühnte") fis auf Blumen beim Karfreitagszauber sehr schön finde. Exzellent gelungen scheint mir aber die ganze Passage Amfortas, die Wunde: wie oft hört man hier rhythmisch ungenaues Singen, nur Annäherungswerte an die notierten Tonhöhen (z.B. bei den isolierten Tönen auf Hier, hier!) und schlechte Diktion. Kaufmann ist hier ziemlich souverän und schafft es auch (im Gegensatz zu Vogt), dieser Passage die extreme Emotion zu geben, die sie braucht (stimmlich und durchaus auch darstellerisch).

      Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Gerhahers Timbre etwas mit der Inszenierung zu tun hat. Das ist halt seine Stimme, und er zeichnet mit ihr ein Rollenporträt, das die althergebrachte Konzeption des baritonal-virilen Schmerzensmanns in eine desillusionierte Figur am Rande des Todes verwandelt.

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Exzellent gelungen scheint mir aber die ganze Passage Amfortas, die Wunde: wie oft hört man hier rhythmisch ungenaues Singen, nur Annäherungswerte an die notierten Tonhöhen (z.B. bei den isolierten Tönen auf Hier, hier!) und schlechte Diktion. Kaufmann ist hier ziemlich souverän und schafft es auch (im Gegensatz zu Vogt), dieser Passage die extreme Emotion zu geben, die sie braucht (stimmlich und durchaus auch darstellerisch).
      Ich hatte die Passage gestern noch nicht gehört und gebe dir vollkommen recht. Das ist exzellent und sehr berührend. Und wie immer in Abschnitten, in denen er dramatischer singen und mehr Druck auf die Stimme geben muss, wird sie dann auch ausgeglichener und steter. Und, nebenbei, es ist wirklich kein Vergleich zu Vogt, der vom Stimmtypus her zu solchem einem Schmerzensgesang nicht in der Lage ist.

      Zwielicht schrieb:

      Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Gerhahers Timbre etwas mit der Inszenierung zu tun hat. Das ist halt seine Stimme, und er zeichnet mit ihr ein Rollenporträt, das die althergebrachte Konzeption des baritonal-virilen Schmerzensmanns in eine desillusionierte Figur am Rande des Todes verwandelt.
      Ich bin mit Gerhahers Timbre zu wenig vertraut, deshalb diese Vermutung. Nun gut, dann ist das seine Stimmfarbe und dementsprechend wird er ausgewählt worden sein. Es ist natürlich eine interessante Alternative, nur halt nicht die meine. ;)

      Ich hätte übrigens gerne mehr von der Stemme gehört.

      :wink: Wolfram
    • mela schrieb:

      Diese musikalische Interpretation in Herheims, Tcherniakovs oder auch der alten Konwitschny Inszenierung müsste dem Opernhimmel schon sehr nahe kommen.
      Du vergisst die Bieito-Inszenierung. Tcherniakov hat mir nicht gefallen (ich empfand es als nicht-originär, sondern als zu viel geklaut), Herheim aber sehr, Konwitschny hatte mich aber nicht so sehr berührt, wie Bieito oder Herheim.
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Wolfram schrieb:

      Kaufmann finde ich persönlich am besten in Wagnerpartien. Ich habe immer das Gefühl, wenn er seine Stimme dramatischer führen muss, wird sie klarer, einheitlicher und dies seltsam gaumig-weiche ist nicht mehr so deutlich zu hören. Allerdings ist hier sein Piano bei 'Den heil'gen Speer, ich bring ihn euch zurück' alles andere als berauschend. Gleiches gilt für 'öffnet den Schrein' und auch die Höhe bei 'Enthüllet den Gral' (es heiße 'Gral' nicht 'Grol') würde mich nicht zu Jubelstürmen hinreißen. ^^ Ermüdung kann es bei der Kürze der Partie ja eigentlich nicht sein.
      Danke, daß Du auch meine Probleme, die ich mit ihm, insbesondere im deutschen Fach, habe, bestätigst. Seine Vokalverfärbungen machen ihn für mich fast unerträglich.
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
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    • pfuetz schrieb:

      mela schrieb:

      Diese musikalische Interpretation in Herheims, Tcherniakovs oder auch der alten Konwitschny Inszenierung müsste dem Opernhimmel schon sehr nahe kommen.
      Du vergisst die Bieito-Inszenierung. Tcherniakov hat mir nicht gefallen (ich empfand es als nicht-originär, sondern als zu viel geklaut), Herheim aber sehr, Konwitschny hatte mich aber nicht so sehr berührt, wie Bieito oder Herheim.

      Bieito hatte ich absichtlich nicht erwähnt, da Gerhaher in dieser Inszenierung als Amfortas absolut unpassend gewesen wäre. Sonst schätze ich diese Inszenierung auch sehr. Und Konwitschny fand ich auch weniger berührend, als Bieto oder Herheim, aber doch nicht schlecht und verglichen zu der neuen Münchner Inszenierung geradezu genial.

      Viele Grüße,
      Melanie
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    • Ich weiß nicht, wann Ihr die Konwitschny-Inszenierung zum erstenmal gesehen habt. In meinem Fall war das 2002, sieben Jahre nach der Premiere - von der Premierenbesetzung war nach meiner Erinnerung nur noch Kurt Moll als Gurnemanz dabei. Im Repertoire verschleißt sich eine Inszenierung schnell, da ist es schwierig, überhaupt noch ein gerechtes Urteil zu fällen.

      Grundsätzlich finde ich es ohnehin problematisch, eine Produktion von 1995 mit einer von 2010 (Bieito) zu vergleichen - der Kontext, allgemein und stückspezifisch, war in jeder Hinsicht ein anderer. Heute erscheint mir auch die Bieito-Ästhetik zunehmend historisch, ein Phänomen des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts.

      :wink:
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    • Vollkommen d'Accord!
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)