Zur Lohengrin-Premiere 2018 der Bayreuther Festspiele

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    • Zur Lohengrin-Premiere 2018 der Bayreuther Festspiele

      Im „Blätterwald“ ist die Bayreuther Lohengrin-Premiere bereits ausgiebig und kontrovers besprochen worden, so dass ich mich nur anschließen könnte oder widersprechen müsste.

      Für uns aber war die Bühne das Ereignis der Premierenaufführung.

      Wer Noe Rauch bestellt, erhält Neo Rauch. Und was im Festspielhaus zu sehen war, ist Rauch-Loy typisch und vom Feinsten

      Wir lieben ihre Arbeiten dank ihrer Strukturlosigkeit, weil sie sich in der letzten Konsequenz einer Deutung entziehen.

      Deshalb entsprachen auch die Bühnenbilder und Kostüme unseren Erwartungen. Beweisen sie doch, dass eine intensive Beschäftigung mit der Musik Richard Wagners vorausgegangen sein musste.



      Dass die Sharon-Inszenierung schief gehen musste, ist im Charakter der Musik des Meisters regelrecht festgeschrieben. Wagner war nun mal ein Macho, so dass sein Lohengrin nicht zum Weichei und Ortrud nicht zur hilfreichen Freundin umgedeutet werden können.


      Unser Fazit vom Abend des Mittwochs:

      Die Lohengrin-Aufführung vom 19. Mai 2016 im Dresdner Semperbau wird, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, unser Lohengrin-Erlebnis bleiben.


      Beginnend, dass die Regie-Arbeit der Christine Mielitz von 1982-83 (Premiere war am 21. Januar 1983 noch im jetzigen Schauspielhaus) mit nur wenigen Eingriffen der Regisseurin nach 110 Aufführungen noch immer bestehen konnte. Nach der Premiere 1983 hatte Frau Mielitz harte Sätze wegstecken müssen, weil sie die Handlung in der Anfangszeit der Bayrischen Festspiele, sprich: in der Kaiserzeit, verortet hatte.1983 war aber das Regietheater noch gezähmt.

      Dann war 2016 natürlich das wunderbar geglückte Doppeldebüt von Anna Netrebko und Piotr Beczala. Insbesondere die Auseinandersetzung der Elsa der Anna Netrebko mit einer Abgrund-bösen Ortrud sowie die Götterbeschwörung der hervorragend aufgelegten Evelyn Herlitzius hatten uns begeistert.

      Im Festspielhaus 2018 ist das eigentlich weder werkgetreu inszeniert noch dargeboten.

      Der Chor und vor allem Christian Thielemanns Tempoführung waren nach unserem Empfinden in beiden Aufführungen ohne Fehl.Auch Georg Zeppenfeld und Tomasz Konieczny waren wieder erkennbar.

      Die Fanatiker der Festspielhaus –Akustik mögen es verzeihen, aber wir bewerten die strukturierte Klangentfaltungauf den mittleren Parkettplätzen der Reihen vier bis zehn der Semperoper als musikalisch beeindruckender, wenn hohe Anteile Grabenklänge, von der Decke reflektiert herab fallen, uns treffen und der Gesang horizontal einfällt.
    • Wie unterschiedlich Sharons Deutung auch beurteilt werden mag - dass er keine wirkliche Chor - Regie zustande gebracht hat, wird kaum irgendwer in Abrede stellen können . . . Da verwundert es doch sehr, warum er ausgerechnet zu einer Oper verpflichtet wird, in der Chöre eine derartige Rolle spielen . . .

      Ganz am Ende, bei diesem zu massig geratenen grünen Rumpelstilzchen, musste ich spontan an diese schräge Störaktion während des Endspiel der Fußball - WM denken :P - der Klabautermann war aber scheint`s doch die Idee des Regisseurs -------------

      >darstellerisch besonders erfreulich, in welchem Maße Piotr Beczala sich Ausstrahlung erarbeitet hat: vor c. 10 Jahren sah ich ihn in Frankfurt als (Massenet - ) Werther, wo ihn Claudia Mahnke (damals gerade von Stuttgart an den Main gewechselt) derart an die Wand gespielt hat, dass es schon recht peinlich wahr . . . <

      :wink:
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • Der Stream der Premiere lässt sich übrigens nach wie vor auf BR Klassik abrufen (br-klassik.de/concert/ausstrahlung-1485790.html), außerdem läuft die Aufzeichnung heute abend um 20.15 Uhr auf 3sat: pressetreff.3sat.de/startseite…estspiele-2018-lohengrin/

      Ich hab's mir bisher nur bis zur Mitte des zweiten Akts angesehen und -gehört. Zur Inszenierung sag ich erstmal nichts (werde die Produktion eh noch vor Ort sehen), aber musikalisch war das bisher ziemlich gut: Zeppenfeld (König) eine Bank. Anja Harteros, der in einigen Kritiken Probleme im ersten Akt nachgesagt wurden, fand ich exzellent: sie hat nicht mehr ganz die Mühelosigkeit, mit der sie die Elsa 2009 in München gesungen hatte (bei Intervallsprüngen in die hohe Lage - z.B. aufs a bei "mich schirmst in meiner NOTH" - muss sich die Stimme erst einschwingen), aber gestalterisch hat sie nochmal klar dazugewonnen. Beczala zeigt im ersten Akt sowohl die Lyrik für den Schwanenabschied als auch die Kraft für die Anklage Telramunds, die Stimme strömt und glänzt, sie klingt mir zumindest in der Aufzeichnung etwas "synthetisch", was aber zur Figur so schlecht nicht passt. Ein Fan von Tomasz Konieczny (Telramund) werde ich in diesem Leben nicht mehr, aber immerhin brüllt er nicht so wie sonst, sondern bemüht sich um Gestaltung. Stimmlich hat er wirklich viel aufzubieten, aber diese Eindunkelungen der Vokale... Großer Respekt vor Waltraud Meier, die hier Abschied von der Rolle der Ortrud nimmt: ein paar Einschränkungen hört man natürlich, aber wie sie z.B. in der Anrufung der heidnischen Götter im zweiten Akt die Namen nicht einfach herausschleudert, sondern auf dem fis anschwellen lässt, ist großartig.

      Thielemann: Ein sehr fließendes, klanglich wunderschönes Vorspiel, allerdings mit etwas verbreitertem Tempo bei der Blechbläservariante und einer gewaltigen Auftaktverzögerung vor dem ersten Beckenschlag. Wunderbare Orchesterfarben, z.B. die wechselnden Holzbläserzusammensetzungen beim Choreinwurf "Ha, schwerer Schuld zeiht Telramund! Mit Grausen werd' ich der Klage kund!" mit Einsatz der Oboe bei "Klage" noch nie so gehört. Die Anzahl der Wackelkontakte war im ersten Akt dann doch so hoch, dass ich sie hier erwähne, gerade beim absoluten Herrscher der Bayreuther Akustik - Zeppenfelds König war Thielemann und dem Orchester oft um eine Viertel voraus (oder diese Zeppenfeld hinterher, je nachdem). Sonst aber viel Aufregendes (Vorspiel zum zweiten Akt), manchmal gar im positiven Sinn abenteuerlich Manieriertes - die Geigenkantilenen zum scheinbar harmonischen gemeinsamen Einzug Elsas und Ortruds in das Haus (zweiter Akt) sehr gedehnt, von den expressiv ausgesungenen Nebenstimmen der Bratschen/Celli und den Holzbläserakkorden umschmeichelt.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ist Lohengrins Ankunft mit seinen Blitzen nicht ein Zitat des Inslebenkommens von Frankenstein? Macht das Trafohäuschen plausibel ... :versteck1:

      Alte Ordnung mit Schwertern und Insektenflügeln vs. neue Kraft mit Strom. Mal schaun, wie das weitergeht. Ansonsten stehen die Protagonisten meistens nur herum, und der Chor verdoppelt nur gestisch, was ohnehin gesagt wird.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Zwielicht schrieb:

      Ich hab's mir bisher nur bis zur Mitte des zweiten Akts angesehen und -gehört. Zur Inszenierung sag ich erstmal nichts (werde die Produktion eh noch vor Ort sehen), aber musikalisch war das bisher ziemlich gut: Zeppenfeld (König) eine Bank. Anja Harteros, der in einigen Kritiken Probleme im ersten Akt nachgesagt wurden, fand ich exzellent: sie hat nicht mehr ganz die Mühelosigkeit, mit der sie die Elsa 2009 in München gesungen hatte (bei Intervallsprüngen in die hohe Lage - z.B. aufs a bei "mich schirmst in meiner NOTH" - muss sich die Stimme erst einschwingen), aber gestalterisch hat sie nochmal klar dazugewonnen. Beczala zeigt im ersten Akt sowohl die Lyrik für den Schwanenabschied als auch die Kraft für die Anklage Telramunds, die Stimme strömt und glänzt, sie klingt mir zumindest in der Aufzeichnung etwas "synthetisch", was aber zur Figur so schlecht nicht passt. Ein Fan von Tomasz Konieczny (Telramund) werde ich in diesem Leben nicht mehr, aber immerhin brüllt er nicht so wie sonst, sondern bemüht sich um Gestaltung. Stimmlich hat er wirklich viel aufzubieten, aber diese Eindunkelungen der Vokale... Großer Respekt vor Waltraud Meier, die hier Abschied von der Rolle der Ortrud nimmt: ein paar Einschränkungen hört man natürlich, aber wie sie z.B. in der Anrufung der heidnischen Götter im zweiten Akt die Namen nicht einfach herausschleudert, sondern auf dem fis anschwellen lässt, ist großartig.

      Thielemann: Ein sehr fließendes, klanglich wunderschönes Vorspiel, allerdings mit etwas verbreitertem Tempo bei der Blechbläservariante und einer gewaltigen Auftaktverzögerung vor dem ersten Beckenschlag. Wunderbare Orchesterfarben, z.B. die wechselnden Holzbläserzusammensetzungen beim Choreinwurf "Ha, schwerer Schuld zeiht Telramund! Mit Grausen werd' ich der Klage kund!" mit Einsatz der Oboe bei "Klage" noch nie so gehört. Die Anzahl der Wackelkontakte war im ersten Akt dann doch so hoch, dass ich sie hier erwähne, gerade beim absoluten Herrscher der Bayreuther Akustik - Zeppenfelds König war Thielemann und dem Orchester oft um eine Viertel voraus (oder diese Zeppenfeld hinterher, je nachdem). Sonst aber viel Aufregendes (Vorspiel zum zweiten Akt), manchmal gar im positiven Sinn abenteuerlich Manieriertes - die Geigenkantilenen zum scheinbar harmonischen gemeinsamen Einzug Elsas und Ortruds in das Haus (zweiter Akt) sehr gedehnt, von den expressiv ausgesungenen Nebenstimmen der Bratschen/Celli und den Holzbläserakkorden umschmeichelt.
      Nachdem ich mir auch den Rest (zweiter Akt, Münsterszene, und dritter Akt) zu Gemüte geführt habe: Die Eindrücke haben sich weitgehend bestätigt. Beczala hat wirklich die Stimme für alle Anforderungen der Partie (nicht nur für Teile wie Kaufmann oder Vogt), der dritte Akt wird äußerst klangschön und fast perfekt gemeistert (nur beim sehr verhauchten "Heil dir, Elsa" gerät auch er an seine Grenzen) - in puncto Gestaltung ist vielleicht noch ein bisschen Luft nach oben. Bei der Brautgemachszene, in der auch die Inszenierung ein wenig Fahrt aufnimmt, agieren Beczala und die durchgehend fantastische Harteros auf Augenhöhe. Thielemann ist nicht so streng wie bei seinem großartigem Tristan, er knetet Phrasen durch (Schwanenmotiv im dritten Akt), verzögert Auftakte (vor "Sie naht, die Engelgleiche" im zweiten Akt) und lässt Effekte (Geschmetter der Bühnentrompeten in Akt II und III) lustvoll ausspielen. Alles auf höchstem Niveau, versteht sich. Nur die Koordination zwischen Graben und Bühne (klar, es war die Premiere) hapert gelegentlich bis zum Schluss. Weiteres vieleicht, wenn ich die Aufführung selbstbestimmt - und nicht durch Bild- und Tonregie manipuliert - vor Ort erlebt habe.

      :wink:
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    • Zur Deutung des "Grünen Zwangs-Ehegatten" in der Schluss-Szene

      Nachdem ich mir dank der 3SAT-Übertragung vom Samstag einige Details des Loy-Rauch-Bühnenbildes näher ansehen konnte, drängt sich mir für das „Grüne Männlein“ eine Deutung auf:

      Die Zwangsverheiratung der Elsa mit der Abgrund-hässlichen Figur könnte ein Sinnbild für die uns aufgezwungene Elektroenergie-Versorgung mit den noch keinesfalls ausgereiften, derzeit praktizierten Methoden der „umweltschonenden“ erneuerbaren Energieerzeugung sein.

      Diese Vermutung stützt sich auf die in den vorangegangenen Bildern eingestreuten Accessoires der Mittelspannungs-Energieversorgung und vor allem auf die in einem Trafo-Häuschen verortete Brautgemachs-Szene.

      Dem „Grünen“ eine Verbindung zum Ampelmännchenzuzuordnen wäre eine Beleidigung des „Vorbildes“.
    • Wenn man Rauchs und Loys Privatikonographie sowie die komisch sein wollenden Ausführungen mal beiseite lässt: Gottfried als anonymisiertes grünes Pelzwesen, das die blaue Welt auslöscht, gehört schon zu den visuell spektakuläreren Ereignissen der Produktion, vorbereitet durch Elsas Überlaufen ins orangefarbene Lager. Eine Regie ersetzt das natürlich nicht.

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Anja Harteros, der in einigen Kritiken Probleme im ersten Akt nachgesagt wurden, fand ich exzellent: sie hat nicht mehr ganz die Mühelosigkeit, mit der sie die Elsa 2009 in München gesungen hatte (bei Intervallsprüngen in die hohe Lage - z.B. aufs a bei "mich schirmst in meiner NOTH" - muss sich die Stimme erst einschwingen), aber gestalterisch hat sie nochmal klar dazugewonnen.
      Ich habe am Mittwoch die Aufführung im Radio verfolgt, kann also nur zur musikalischen Umsetzung etwas berichten, nicht zur szenischen. Von Anja Harteros hatte ich mir viel versprochen, die Sängerin genießt ja geradezu Kultstatus und hat eine veritable Fan-Gemeinde. Ich kann das nicht so recht nachvollziehen und ich fand sie auch am Mitwoch nicht "exzellent", sondern allenfalls "in Ordnung", wobei man sicher auch die Anspannung der Eröffnungspremiere und die unmenschliche Hitze unter Perücke und Kostüm im Scheinwerferlicht berücksichtigen muss.
      Das hat allerdings sicher auch mit meiner persönlichen Vorstellung von der Rolle der Elsa zu tun: Ich finde junge, helle Stimmen am passendsten für die Rolle, einen schönen, mädchenhaften Klang. Anette Dasch (Bayreuth 2010) oder die ganz junge Anja Silja (Bayreuth 1962) haben mir zum Beispiel bei der Wieder-Beschäftigung mit dem "Lohengrin" jetzt besonders gut gefallen, auch meine Lieblingssängerin Lisa della Casa, die eher eine welt-entrückte Elsa verkörpert, deren silbrig schimmernder Sopran sich aber auch in die Höhen erheben kann, über den Ensembles schweben ohne an Klangschönheit zu verlieren, denn natürlich fallen Charakter der Rolle und der nötigen Stimme wie bei vielen Wagner-Figuren auch bei der Elsa ein Stück weit auseinander, das ist mir durchaus bewusst.
      Die schwere, dunkle, immer etwas verschattete Stimme der Harteros ist da natürlich das glatte Gegenteil, diese Elsa klang nie wie ein junges Mädchen, sondern immer sehr fraulich. Das vorweg geschickt war das an und für sich - gerade unter den oben genannten Bedingungen - aber sicher gut gesungen, wobei mich das starke Vibrato und die angestrengte Höhe auch nicht immer ganz glücklich gemacht haben.

      Das sängerische Schlusslicht war für mich, wie offenbar für viele andere hier auch, allerdings Tomasz Konieczny als Klischee-Theaterschurke.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Ich habe am Mittwoch die Aufführung im Radio verfolgt, kann also nur zur musikalischen Umsetzung etwas berichten, nicht zur szenischen. Von Anja Harteros hatte ich mir viel versprochen, die Sängerin genießt ja geradezu Kultstatus und hat eine veritable Fan-Gemeinde. Ich kann das nicht so recht nachvollziehen und ich fand sie auch am Mitwoch nicht "exzellent", sondern allenfalls "in Ordnung", wobei man sicher auch die Anspannung der Eröffnungspremiere und die unmenschliche Hitze unter Perücke und Kostüm im Scheinwerferlicht berücksichtigen muss.
      Das hat allerdings sicher auch mit meiner persönlichen Vorstellung von der Rolle der Elsa zu tun: Ich finde junge, helle Stimmen am passendsten für die Rolle, einen schönen, mädchenhaften Klang. Anette Dasch (Bayreuth 2010) oder die ganz junge Anja Silja (Bayreuth 1962) haben mir zum Beispiel bei der Wieder-Beschäftigung mit dem "Lohengrin" jetzt besonders gut gefallen, auch meine Lieblingssängerin Lisa della Casa, die eher eine welt-entrückte Elsa verkörpert, deren silbrig schimmernder Sopran sich aber auch in die Höhen erheben kann, über den Ensembles schweben ohne an Klangschönheit zu verlieren, denn natürlich fallen Charakter der Rolle und der nötigen Stimme wie bei vielen Wagner-Figuren auch bei der Elsa ein Stück weit auseinander, das ist mir durchaus bewusst.
      Die schwere, dunkle, immer etwas verschattete Stimme der Harteros ist da natürlich das glatte Gegenteil, diese Elsa klang nie wie ein junges Mädchen, sondern immer sehr fraulich. Das vorweg geschickt war das an und für sich - gerade unter den oben genannten Bedingungen - aber sicher gut gesungen, wobei mich das starke Vibrato und die angestrengte Höhe auch nicht immer ganz glücklich gemacht haben.
      "Schwer" und "dunkel" sind nicht die Attribute, die mir als erste zu Harteros' Stimme eingefallen wären ;) . Klar, man merkt, dass sie inzwischen Partien wie Tosca und Sieglinde singt. Ich dachte auch, sie hätte die Elsa-Partie wie diejenige der Desdemona abgelegt - beide hat sie seit Jahren nicht mehr gesungen. Jetzt doch wieder die Elsa und im Herbst dann auch nochmal die Desdemona in München.

      Ich war jetzt trotzdem fast überrascht, wie gut ihr die Elsa immer noch liegt - mit kleinen stimmlichen Einschränkungen, wie gesagt, aber den emotionalen Ambitus der Rolle - Entrücktheit, Verzweiflung, Begeisterung, Leidenschaft, Innigkeit, Angst, Zorn, Zärtlichkeit - in allen Facetten darbietend. Das Vibrato (durch Mikrophonierung im Vergleich zum realen Raumhören eh vergrößert) finde ich fast durchweg angemessen. Aber ok, ich mag die Stimme einfach gern (man höre sie nur in der Brautgemachszene, hier ab etwa 2:51:00).

      :wink:
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    • Ich habe jetzt auch mal in die Aufführung hineingehört und geschaut. Ich sehe die sängerische Leistung sowie das Dirigat von Christian Thielemann ebenso wie Bernd in Post 4. Piotr Beczala finde ich einfach großartig für diese Partie, ebenso Anja Harteros.Tomasz Konieczny finde ich hingegen schwer erträglich, das knödelt gewaltig. Und wie er sich nach dem verlorenen Zweikampf zerknirscht am Boden wälzt ("verdammte Scheisse wie konnte das nur passieren, wie stehe ich jetzt vor meiner Alten da") ist geradezu lächerlich. Waltraud Meier hingegen, die ich u.a. für ihre Klytemnästra bewundere, ist eine Klasse für sich. So stelle ich mir die Gestaltung einer Rolle vor.
      Ach ja die bunten Bilder von Neo Rauch waren ja auch noch da, stören aber nicht so sehr. Es sieht alles sehr putzig aus (besonders den Dress von Lohengrin finde ich super, wie nordkoreanische Offiziere im Freizeitoutfit), und diese Art der Bebilderung ist wohl dem Zeitgeist geschuldet, wo es gerne ein wenig knallig zugehen darf, man möchte ja den Musicalproduktionen nicht hinterherlaufen. Selbst die Vorspiele werden ja neuerdings bebildert, wohl weil man dem Publikum nicht zumuten mag in einer Oper ein paar Minuten ohne visuelle Reize auszukommen. Schade das ich zu jung für Wieland Wagner war, dessen Inszenierungen hätten mich schon sehr interessiert.

      thomathi schrieb:

      Die Zwangsverheiratung der Elsa mit der Abgrund-hässlichen Figur könnte ein Sinnbild für die uns aufgezwungene Elektroenergie-Versorgung mit den noch keinesfalls ausgereiften, derzeit praktizierten Methoden der „umweltschonenden“ erneuerbaren Energieerzeugung sein.
      Ganz falsch. So wie das grüne Männchen (der Lodengrün) sehen Leute aus, die zuviel Strahlung von Atomkraftwerken abbekommen haben.
      Und heiraten muss Elsa den, Gottfried sei Dank, auch nicht, das wäre ja Inzest.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:


      thomathi schrieb:

      Die Zwangsverheiratung der Elsa mit der Abgrund-hässlichen Figur könnte ein Sinnbild für die uns aufgezwungene Elektroenergie-Versorgung mit den noch keinesfalls ausgereiften, derzeit praktizierten Methoden der „umweltschonenden“ erneuerbaren Energieerzeugung sein.
      Ganz falsch. So wie das grüne Männchen (der Lodengrün) sehen Leute aus, die zuviel Strahlung von Atomkraftwerken abbekommen haben.
      Und heiraten muss Elsa den, Gottfried sei Dank, auch nicht, das wäre ja Inzest.

      Peter
      Aus dem Bühnengeschehen ist nicht zu folgern, dass das "Grüne Männlein" Gottfried sei. Elsa ruft doch: " Mein Gatte! Mein Gatte!"
      Nach Wagners Bühnen-Anweisungen (Gesamtausgabe von etwas 1900; Band 2 Seite 114) soll dieser Ruf zwar dem abfahrenden Lohengrin gelten. Bei Sharon wendet sich Elsa aber nicht dem Titelhelden zu!
    • thomathi schrieb:

      Aus dem Bühnengeschehen ist nicht zu folgern, dass das "Grüne Männlein" Gottfried sei. Elsa ruft doch: " Mein Gatte! Mein Gatte!"
      Nach Wagners Bühnen-Anweisungen (Gesamtausgabe von etwas 1900; Band 2 Seite 114) soll dieser Ruf zwar dem abfahrenden Lohengrin gelten. Bei Sharon wendet sich Elsa aber nicht dem Titelhelden zu!
      Falls das grüne Männlein nicht Gottfried wäre, so würde der ganze Schluss ad absurdum geführt. Zum einen ist nirgends vermerkt das Elsa je verheiratet war, und zum anderen wird sie durch die Reinkarnation Gottfrieds ja von dem Verdacht des Brudermordes befreit, ein letzter Liebesdienst von Lohengrin, der wie in der Oper zu erleben, ja ihr einziger Gatte ist. Alles andere wären Hirngespinste des Regisseurs, und ich glaube auch nicht dass er diesen Eindruck beabsichtigt hätte. In den Regieanweisungen steht ja auch explizit, dass Gottfried aus den Fluten anstatt des Schwanes auftaucht. Und das sich Elsa nicht Lohengrin zuwendet liegt in der Personenregie von Herrn Sharon, wo sich die Darsteller meistens abwenden wenn sie zueinander sprechen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Das Blau passt sehr gut zu Lohengrin, wie man an den alten Aufführungen sehen kann. Das grüne Männchen war am Ende genauso grün wie die Kanzlerin in ihrer Garderobe. Oder fast. :D Waltraud Meier ist wirklich eine Perle. Ihrer dunklen Elsa hätte jemand an ihrer Seite wie Hermann Uhde gut getan. Jemand, der vom Profil düster, obskur und manipulierbar ein Stück weit ist. Orchestral hat mir das sehr gut gefallen, insgesamt eine starke Leistung, allerdings war das Vorspiel misslungen. Seltsames Tempo, wenig Effekt und die Blechbläser im Einsatz ziemlich gewaltfrei, wenig mystisches und zauberhaftes hatte die Einleitung, feinfühlig war sie aber durchaus. Hier präferiere ich die Vorspiele von Kempe, Kubelik, Solti oder Keilberth. Karajan trägt allerdings zu dick auf.
      Der Telramund hat viel Applaus bekommen vom Publikum. So schlecht kann er seine Sache nicht gemacht haben. Bei Zeppenfeld und Harteros stimme ich dem Tenor hier zu. Von ersterem wird man eigentlich so gut wie nie bei Wagner-Aufführungen enttäuscht.
      Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eignen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.

      Parsifal ohne Knappertsbusch ist möglich, aber sinnlos!
    • VonHumboldt schrieb:

      Orchestral hat mir das sehr gut gefallen, insgesamt eine starke Leistung, allerdings war das Vorspiel misslungen.
      Als ich die Übertragung im Radio gehört habe, hatte ich bei Thielemanns Dirigat vor allem den Eindruck großer Ruhe. Später habe ich dann festgestellt, dass die Tempi überhaupt nicht besonders langsam waren, Thielemann braucht genau so lange wie die Dirigenten der anderen Aufnahmen die ich kenne auch. Es ist also offensichtlich der Charakter, die Grundhaltung der Interpretation. Ohne wirklich langsam zu sein, schafft Thielemann den Eindruck tiefer innerer Ruhe und Zurückgenommenheit, immer ein Bisschen entrückt und welt-enthoben.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • VonHumboldt schrieb:

      Orchestral hat mir das sehr gut gefallen, insgesamt eine starke Leistung, allerdings war das Vorspiel misslungen. Seltsames Tempo, wenig Effekt und die Blechbläser im Einsatz ziemlich gewaltfrei, wenig mystisches und zauberhaftes hatte die Einleitung, feinfühlig war sie aber durchaus.
      Ich gehe davon aus, dass du ebenfalls die Oper ebenfalls nur am Radio oder Fernsehen verfolgt hast, oder?
      Thielemann ist Bayreuth-erfahren, keine Frage, und hat sicherlich seine Erfahrungen mit dieser besonderen Akustik. Ich las vor einiger Zeit, dass die Koordination zwischen Sängern und Orchester wirklich nicht trivial ist, wenn man doch daran denkt, dass die Blechbläser doch einen weiten Weg unten aus dem Graben zurücklegen müssen. Beim Reinhören fielen mir dann einige derartige "Klapperstellen" auf, dass ich es - im Zweifel für den "Angeklagten" - der Akustik, bzw. der Aufnahmetechnik zurechne.
      Gerade der Beginn des Vorspiels hatte mich für mich ebenfalls wenig Mystisches (allerdings stammt mein Eindruck nur von der Fernsehaufzeichnung). Ich erinnere mich an meinen ersten Lohengrin in Frankfurt, der in einem nostalgisch anmutenden Kinosaal spielt. Von der Inszenierung mag man halten was man will (mir gefällt's prinzipiell), aber ganz bezaubernd war der Beginn des Vorspiels, der mir einen unvergesslichen Moment bescherte als dem Publikum mit den ersten Violinen, ganz langsam ein Licht anfing entgegen zu flackern - gerade so als hätte man den Projektor eingeschaltet - und ein Abbild auf dem vor der Bühne heruntergelassenen transparenten Vorhang hinterließ. Wie gesagt: von der Inszenierung mag man halten was man will, aber in genau diesem Moment passten Musik und visuelle Eindrücke für mich perfekt zusammen.
      So, nun aber zurück zum Lohengrin nach Bayreuth :) .
    • VonHumboldt schrieb:

      allerdings war das Vorspiel misslungen. Seltsames Tempo, wenig Effekt und die Blechbläser im Einsatz ziemlich gewaltfrei, wenig mystisches und zauberhaftes hatte die Einleitung, feinfühlig war sie aber durchaus
      Für mich haben "Effekt" und "Gewalt" im Lohengrin-Vorspiel wenig zu suchen. "Seltsames Tempo" - ja, es ist ein ungewöhnlich fließendes Tempo, Thielemann ist in 7:35 durch, fast alle anderen benötigen mehr als acht Minuten (auch Kempe), viele über neun. Ich finde das sehr ansprechend: keine amorph an- und abschwellenden Klangflächen, sondern Struktur. Die Binnendynamik (Crescendo/Decrescendo-Gabeln, Akzente) immer im Rahmen der vorgegebenen Dynamik. Thielemann wird nicht vorschnell laut (wie oft ertönt andernorts bereits die Hörner/Celli-Variante des Themas im Mezzoforte), sondern bleibt im Piano (Vorschrift: "immer gleichmäßig p"). Die Blechbläser-Variante nicht im Stil der Posaunen von Jericho, sondern zunächst Forte (mit schön präzisem Paukenakzent), eher edel als gewalttätig im Klang. Wenn mich etwas stört, dann - wie oben geschrieben - die merkliche Tempoverlangsamung an dieser Stelle und die dann doch etwas effekthaschende Auftaktverzögerung vor dem ersten Beckenschlag.

      Cherubino schrieb:

      Als ich die Übertragung im Radio gehört habe, hatte ich bei Thielemanns Dirigat vor allem den Eindruck großer Ruhe. Später habe ich dann festgestellt, dass die Tempi überhaupt nicht besonders langsam waren, Thielemann braucht genau so lange wie die Dirigenten der anderen Aufnahmen die ich kenne auch. Es ist also offensichtlich der Charakter, die Grundhaltung der Interpretation. Ohne wirklich langsam zu sein, schafft Thielemann den Eindruck tiefer innerer Ruhe und Zurückgenommenheit, immer ein Bisschen entrückt und welt-enthoben.
      Thielemann braucht nicht genauso lange wie andere Dirigenten, er ist wesentlich schneller. Bei den ersten beiden Akten habe ich es im Vergleich mit der insgesamt auch eher flüssigen Kempe-Einspielung nachgeprüft: Erster Akt: Kempe 1:03:45, Thielemann 57:10. Zweiter Akt: Kempe 1:25:13, Thielemann 1:21:14. Und man hört das auch: gerade bei den vielen rezitativischen Teilen macht T. Tempo. Und insgesamt hat der Duktus oft etwas Fließendes. Ansonsten gibt es ja durchaus Passagen, in denen Thielemann dehnt und ziseliert: aber "entrückt" finde ich das auch da selten, eher "bebend", pulsierend.

      figure humaine schrieb:

      Thielemann ist Bayreuth-erfahren, keine Frage, und hat sicherlich seine Erfahrungen mit dieser besonderen Akustik. Ich las vor einiger Zeit, dass die Koordination zwischen Sängern und Orchester wirklich nicht trivial ist, wenn man doch daran denkt, dass die Blechbläser doch einen weiten Weg unten aus dem Graben zurücklegen müssen. Beim Reinhören fielen mir dann einige derartige "Klapperstellen" auf, dass ich es - im Zweifel für den "Angeklagten" - der Akustik, bzw. der Aufnahmetechnik zurechne.
      Ja, auf die Klapperstellen hatte ich oben hingewiesen - deutlich gerade im ersten Akt, wenn Thielemann Zeppenfeld oft um eine Viertel nachhinkt. Aber kann das ein Ergebnis der Aufnahme bzw. Übertragung sein? Damit kann man ja alles mögliche manipulieren, Stimmklang, Gewichtung Orchester-Sänger usw. Aber Präzision des Zusammenklangs?

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)