Das Streichquartett im 21. Jahrhundert

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    • Das Streichquartett im 21. Jahrhundert

      Kein traditionelles Genre der klassischen Musik hat sich so widerstandsfähig gegen alle Veränderungen der Musikgeschichte erwiesen wie das Streichquartett. Seit der frühen Klassik hat es in jeder Epoche bis hin zum Serialismus wesentliche Beiträge zu dem Genre gegeben und ein Ende ist nicht abzusehen. Auch hat sich kaum ein Genre so offen gezeigt für Berührungen und Vermischungen mit anderen Musikstilen wie Jazz, Welt- oder Popmusik. Die gegenwärtige Streichquartettszene ist sowohl von der kompositorischen wie auch der ausführenden Seite überaus bunt und in ihrer Vielfalt kaum zu überschauen. Dieser Thread ist bemerkenswerten Beispielen hierfür gewidmet.
    • Jasper String Quartet Unbound

      Das Jasper String Quartet ist ein US-amerikanisches in Philadelphia beheimatetes Streichquartett, das sich 2004 zusammengefunden hat. Nach diversen Wettbewerbsgewinnen ist das Quartett derzeit Residenzquartett an der Temple University ihrer Heimatstadt.

      Das JSQ hat sich in den letzten Jahren besonders dem Streichquartettschaffen von Aaron Jay Kernis gewidmet, dessen Quartette 1 und 2 auch im Rahmen des Kernis Project Quartetten von Beethoven und Schubert gegenübergestellt wurden. Das 3. Quartett von Kernis wurde vom JSQ 2015 in Auftrag gegeben und mit großem Erfolg in NYs Carnegie Hall uraufgeführt.

      Die neuste CD des JSQ widmet sich neuer Werke von insgesamt sieben zeitgenössischen amerikanischen Komponist/inn/en, die in irgendeiner Beziehung zu Philadelphia stehen.

      Caroline Shaw: Valencia
      Missy Mazzoli: Death Valley Junction
      Annie Gosfield: The Blue Horse Walks on the Horizon
      Judd Greenstein: Four on the Floor
      David Lang: Almost all the time
      Donnacha Dennehy: Pushpulling
      Ted Hearne: Middle of Something

      Ich muss gestehen, nicht einen Namen gekannt zu haben, aber laut web recherche sind offenkundig alle etabliert und können z.T. mit Pulitzerpreisen oder Opernpremieren (Missy Mazzoli) aufwarten.

      Die Musik der ersten vier Stücke (weiter bin ich noch nicht) kann man alle im weiten Feld zwischen Minimal Music, Welt- und Rockmusik einordnen. Wir befinden uns also im Territorium, das üblicherweise vom Kronos Quartet beackert wird. Nun, Konkurrenz belebt das Geschäft und wer weiss auch wie lange Kronos noch aktiv ist. Jedenfalls kann sich das JSQ sehr gut in diesem Metier behaupten und alle Stücke vermitteln auf ihre Weise Hörspaß.

    • Peter Eötvös - The Sirens Cycle und Korrespondenz

      The Sirens Cycle (2014/15) ist eine Komposition für Streichquartett und - der Name impliziert es schon - Sopranstimme, die das amerikanische Calder Quartet bei Eötvös in Auftrag gegeben hat, nachdem es die schon 1992 entstandene Komposition Korrespondenz - Szenen für Streichquartett ins Repertoire aufgenommen hatte.

      Die Textvorlagen des 10-sätzigen Sirenen-Zyklus entstammen drei unterschiedlicher Quellen. Joyce 1-7 sind Stücke auf Texte aus James Joyce Ulysses Roman, der 9. Satz übernimmt einen Text aus Homers Werk und der abschliessende Satz Kafka einen aus dessen "Das Schweigen der Sirenen". Das ganze ist also recht textlastig und ob man dieses Werk öfter oder überhaupt hören mag, wird vor allem davon abhängen, ob man die fast permanent anwesende Sopranstimme toleriert. Die agiert teils in stratosphärenhaften Höhen, kommt aber teilweise auch recht zickig und nervig herüber. Ob er das hören mag, muss jeder selbst entscheiden (ein Rezensent bei Amazon mochte es offenkundig nicht). Auf alle Fälle anstrengend zu hören, vor allem in Joyce 1-7. Die Sopranistin Audrey Luna führt die anspruchsvolle Partitur sicher bewundernswert aus, das Timbre ihrer Stimme ist aber nicht so ganz mein Fall. Sie singt in drei Sprachen, englisch (Joyce), Deutsch (Kafka) und altgriechisch (Homer). Wie idiomatisch letzteres kann ich nicht beurteilen, da müsste ich den ehemaligen Lehrer meines Sohnes fragen.

      Das ältere Werk ist ohne Stimme, dreisätzig und knapp 15 min lang. Ein Stück in der Tradition von Ligeti 2, das vor allem im letzten Satz sehr gut herüberkommt.

      Das Calder Quartet ist bekannt für das Meistern schwieriger Partituren (ein von ihnen eingespieltes Quartett von Christopher Rouse gilt als DIE schwierigste) und wir können davon ausgehen, dass hier alles auf technisch höchstem Niveau abläuft. Auch klanglich ist es optimal eingefangen.

    • Helena Tulve "Nec ros, nec pluvia"

      Helena Tulve ist eine 1972 in Tartu geborene, junge estnische Komponistin, die bei Erik-Sven Tüür das kompositorische handwerk gelernt hat. Helena Tulve's Streichquartett mit dem rätselhaften Namen "Nec ros, nec pluvia" (weder Tau, noch Regen) entstand 2004 und ist nur knapp 10 Minuten lang. Ich würde es eine Klangskulptur nennen, stark von der Spektralmusik geprägt und im Wissen, was Komponisten wie Ligeti, Lachenmann und Ferneyhough so für das Genre komponiert haben. Also vermutlich nur etwas für Menschen, die sich auf Klangabenteuer einlassen mögen.

    • putto schrieb:

      Bislang nicht genannt wurde der Pole Pawel Szymański (*1954), der eine sehr eigenwillige Musiksprache spricht, die zwar einiges von Lutoslawski geerbt hat, aber deutlich karger, kantiger und vielleicht skeptischer rüberkommt, obwohl durchaus mit tonalen Einsprengseln und minimalistischen Aspekten. Besonders gefällt mir, wenn in glissando-Exzessen tonale Wendungen verbogen werden oder minimalistische Muster rhythmisch asynchron "Fehler" ergeben.

      Die Aufnahme mit dem Royal String Quartet bezeugt eine große Klangkultur des Ensembles, das Label hyperion, dass Szymanski international anerkannt ist. Meine lexikalische Querlektüre weist ihn auch als führenden Komponisten seiner Generation aus.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Wieland schrieb:

      Helena Tulve ist eine 1972 in Tartu geborene, junge estnische Komponistin, die bei Erik-Sven Tüür das kompositorische handwerk gelernt hat. Helena Tulve's Streichquartett mit dem rätselhaften Namen "Nec ros, nec pluvia" (weder Tau, noch Regen) entstand 2004 und ist nur knapp 10 Minuten lang. Ich würde es eine Klangskulptur nennen, stark von der Spektralmusik geprägt und im Wissen, was Komponisten wie Ligeti, Lachenmann und Ferneyhough so für das Genre komponiert haben. Also vermutlich nur etwas für Menschen, die sich auf Klangabenteuer einlassen mögen

      Zu Helena Tulve haben wir hier einen Thread.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)