Britische Sinfonik, die kaum bekannt ist

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    • Lieber Peter,

      da hast du wohl recht, aber mir fehlt da die Zeit. Die Alternative ist, gar nicht mehr zu schreiben oder nur zu meckern :D .

      Auf der anderen Seite - ich entdecke Komponisten auch gern selbst, ohne schon Meinungen Anderer gelesen zu haben.
      Schöne Grüße, Helli


      "Das ist irrelevant!" (Seven of Nine, Star Trek Voyager)
    • motiaan schrieb:

      ich entdecke Komponisten auch gern selbst, ohne schon Meinungen Anderer gelesen zu haben.
      Geht mir auch so. Aber dazu braucht man kein Forum wie dieses. Ansonsten geht es ja nicht nur um Meinungen, sondern darum den anderen Lesern hier Anregungen zu geben sich mit einem Komponisten näher zu beschäftigen. Und da kann Begeisterung u. Umständen schon ansteckend wirken.

      Übrigens meckere ich nicht nur, sondern schreibe (oder besser schrieb) fast immer etwas zu den Sachen die ich vorstelle.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Die hier vorgestellten Komponisten sind mir weitgehend unbekannt. Bei mir findet sich da auch nicht viel. William Walton (1902-83) mit seinen zwei Symphonien gilt wohl nicht, denn der ist nicht so unbekannt, oder?

      Dafür aber Rutland Boughton (1878-1960), von dessen Symphonie Nr. 3 h-moll ich eine Aufnahme habe:


      Vernon Handley, Royal Philharmonic Orchestra

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Guten Morgen,

      gerade eine Symphonie von Frederic Cliffe (1857-1931) gehört. Etwas Holst, etwas Czerny, etwas Beethoven, eine Vorahnung von Mahler, darin ein recht wienereischer Walzer. Durchaus lohnend! Auch bei Youtube und Spotify zum Schnuppern.
      Schöne Grüße, Helli


      "Das ist irrelevant!" (Seven of Nine, Star Trek Voyager)
    • Gurnemanz schrieb:

      Die hier vorgestellten Komponisten sind mir weitgehend unbekannt. Bei mir findet sich da auch nicht viel. William Walton (1902-83) mit seinen zwei Symphonien gilt wohl nicht, denn der ist nicht so unbekannt, oder?

      Dafür aber Rutland Boughton (1878-1960), von dessen Symphonie Nr. 3 h-moll ich eine Aufnahme habe:


      Vernon Handley, Royal Philharmonic Orchestra

      :wink:
      Rutland Boughton hat hier einen eigenen Thread.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Lionel schrieb:

      Rutland Boughton hat hier einen eigenen Thread.
      Oh, vielen Dank, lieber Lionel, das war mir ganz entfallen! Dabei erinnerte ich mich noch vage, daß das auf der CD ebenfalls enthaltene Oboenkonzert seinerzeit diskutiert wurde, mit nicht ganz eindeutiger Tendenz.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Neu

      Drei sehr schöne, hörenswerte Sinfonien hat auch John Joubert (* 1927) geschrieben. Joubert wurde in Südafrika geboren; sein Vater kam aus einer hugenottischen Familie, die sich im 17. Jahrhundert in Südafrika niedergelassen hatte (daher der französische Familienname), seine Mutter war Holländerin. Allerdings lebt Joubert mittlerweile seit 1946 (damals im Rahmen eines Stipendiums) in England. Zu seinen Lehrern zählten Howard Ferguson und Alan Bush. Jouberts Tonsprache ist insgesamt klar traditionell und bewegt stets im Rahmen einer erweiterten Tonalität. Zu seinen Sinfonien im Einzelnen:



      Sinfonie Nr. 1 op. 20 (1955, rev. 1956)
      Aufnahme: London Philharmonic Orchestra / Vernon Handley (Lyrita)

      Diese Sinfonie hat Joubert selbst als zwar noch sehr jugendlich, aber dennoch sein "coming-of-age" als Komponist bezeichnet. Sie besteht aus den klassischen vier Sätzen. Über weite Teile der etwa halbstündigen Sinfonie dominiert eine angespannte, konfliktbehaftete Stimmung. Der Kopfsatz wird von punktierten Rhythmen und einem Viertonmotiv dominiert. Der folgende langsame Satz dient nicht als lyrischer Gegenpol, sondern eher noch als Intensivierung der Konflikte; charakteristisch in diesem Zusammenhang sogleich der Beginn mit wuchtigen, tragisch anmutenden Orchesterschlägen. Ohne Pause folgt ein nervöses Scherzo. Das Finale beginnt dann mit einer ausgehnten langsamen Einleitung, die die Atmosphäre der ersten drei Sätze zunächst fortführt. Mit Beginn des eigentlichen Finalrondos aber lichtet sich die Stimmung, und es folgt ein positives, ausgelassenes Finale, das ein wenig an einen Kehraus à la Haydn erinnert. Diese Wendung "zum Guten" kommt etwas überraschend, aber der Satz macht eindeutig Spaß.

      Man kann in dieser Sinfonie – für ein frühes Werk fast erwartungsgemäß – eine Reihe von Einflüssen feststellen, etwa Walton, Simpson, Nielsen und neoklassizistische Einschläge (insbesondere im Finale). Das Werk ist aber sicherlich kein Pasticcio. Insgesamt ein starker Erstling. Übrigens hat Lyrita die Sinfonie bereits 2007 anlässlich von Jouberts achzigstem Geburtstag auf einer CD herausgebracht, die allerdings wirklich nur dieses Werk enthält und somit sehr kurz ist. Auf der oben verlinkten CD bekommt man die ebenfalls sehr gute Sinfonie Nr. 1 des Walisers William Mathias mit dazu.



      Sinfonie Nr. 2 op. 68 (1970)
      Aufnahme: Royal Scottish National Orchestra / Martin Yates (Dutton)

      Die Zweite Sinfonie ist einsätzig und dauert gut 20 Minuten. Sie ist dem Andenken der Opfer des Sharpeville-Massakers von 1960 gewidmet und dementsprechend wiederum ein recht erregtes Werk. Jouberts Vorbild war hierbei nach eigener Aussage Schostakowitschs Sinfonie Nr. 11. Ähnlich wie Schostakowitsch bezieht Joubert Liedgut in seine Thematik mit ein, in seinem Fall drei südafrikanische Melodien. Die Sinfonie ist grob zweigeteilt (langsam – schnell). Der langsame Teil baut auf einem Streicherfugato auf; die erste südafrikanische Melodie wird in den Hörnern vorgestellt. Der schnelle Teil ist dann insgesamt aggressiv und aufgewühlt. Allerdings gibt es kurz vor Schluss noch eine Ruhepause in Form eines langsamen Einschubs, bei dem im Horn die dritte südafrikanische Melodie, ein Zulu-Lamento, ertönt. Der Schluss ist dann aber wiederum aufgepeitscht und brutal.

      Wie Wieland ein paar Beiträge weiter oben bereits angemerkt hat, hat Dutton die üble Angewohnheit, seine CDs nur wenige Jahre nach ihrem Erscheinen schon wieder aus dem Katalog zu nehmen. Dementsprechend ist diese CD nur noch gebraucht (und typischerweise für einiges Geld) oder eben im mp3-Format zu erhalten. Ich hatte vor einiger Zeit Glück, noch eine Kopie zu einem akzeptablen Preis zu bekommen.



      Sinfonie Nr. 3 op. 178 über Themen aus der Oper "Jane Eyre" (2014–17)
      Aufnahme: BBC National Orchestra of Wales / William Boughton (Lyrita) (übrigens ist William Boughton ein Enkel des oben genannten Rutland Boughton)

      Mittlerweile hochbetagt hat John Joubert jüngst noch eine dritte Sinfonie folgen lassen, die auch sogleich auf CD eingespielt worden ist. Diese Sinfonie basiert auf Orchesterinterludien seiner Oper "Jane Eyre", die aber nur als Grundlage fungieren und sinfonisch weiterentwickelt werden. Während die Oper ein Kammerorchester verwendet, ist die Sinfonie für die übliche volle Orchesterbesetzung komponiert.

      Sie besteht aus fünf Sätzen, zwischen denen es aber keine größeren Pausen gibt und die sich zum Teil auch thematisch aufeinander beziehen. Die Sätze sind nach Orten benannt, die in der literarischen Vorlage eine wesentliche Rolle spielen, und vollziehen in gewisser Hinsicht die grobe Handlung der Oper bzw. des Romans nach. Verschiedene Motive aus der Oper (die in der Sinfonie aber teilweise anders gewichtet werden) durchziehen mottohaft das Werk. So ist etwa der langsame Kopfsatz insgesamt verhalten und tastend, die Musik entsteht in Form von tremolierenden Streicherfiguren gewissermaßen aus dem Nichts (dies erinnert ein wenig an Sibelius). Am Ende der Sinfonie gewinnt die Musik mehr und mehr den Charakter einer feierlichen Prozession; eine Passage aus dem dritten Satz wird in eine veritable Schlussapotheose verwandelt, untermalt von Glocken und in festlichem As-Dur. Insgesamt ist die Sinfonie lyrischer, fließender als ihre beiden Vorgänger. Sie dauert knapp 35 Minuten. Ein sehr schönes Werk, das ich zunächst im Rundfunk gehört habe und mir sofort nach dem Erscheinen der CD gekauft habe.
    • Neu

      Ja, John Joubert gefällt mir auch. Seine 3. Symphonie kannte ich noch nicht 8die ersten zwei stehen in der Sammlung), habe sie aber heute morgen per stream beim Werbepartner gehört. Das ist ein Werk, das mich unmittelbar anspricht, insofern kommt die CD auf die nächste Bestellliste.

      Ein weiterer sehr interessanter Komponist ist Matthew Taylor, Jg 1964.

      1964 geboren hat er seine 1. Symphonie 1985 geschrieben, also mit 21 Jahren. Matthew Taylor war mit dem über 40 Jahre älteren Robert Simpson befreundet und hat auch dessen letzte Symphonie (Nr. 11) eingespielt. Dessen Musik hat er mit 15 Jahren entdeckt und das war für ihn eine Art Erweckunsgerlebnis. Also trägt er sozusagen dessen symphonische Fackel weiter, die dieser wiederum vor allen von Carl Nielsen übernommen hat. Die 17-minütige Sinfonia brevis bezieht aus beiden Oeuvres deutliche Einflüsse, auch wenn im Booklet als Bezugspunkt vom Komponisten Haydns 49. Symphonie genannt wird. Das bezieht sich aber nur auf den rein formalen Aufbau, die Tonsprache hat mit Haydn m.E. nichts zu tun. Die Musik ist etwas gefälliger als die von Simpson und dürfte Verehrern dieses Komponisten sowie Nielsen und Sibelius ansprechen.

      Sinfonia Brevis successfully integrates its relative extremes of motion into an organic and inevitable whole: something not necessarily to be expected from a composer just into his twenties and which this performance captures in full measure.
      Richard Whitehouse, International Record Review, Jan 2007

      Bei der 2. Symphonie haben nicht nur Robert Simpson und Carl Nielsen Pate gestanden, sondern in mindest gleichem Maße Benjamin Britten (Peter Grimes Musiken) und Malcolm Arnold. Herausgekommen ist ein sehr eigenständiges Werk, dass sich neben den Schöpfungen der genannten Komponisten hören lassen kann.

      Die 2. Symphonie wurde schon 1991 komponiert, aber vom Komponisten zweimal überarbeitet, so dass die vorliegende Form von 2008 stammt. Vier Sätze. 1. Moderato e maestoso 2. Vivaciccimo 3. Lento Sereno 4. Allegro fluente. 36:46 Spieldauer Die Musik im einzelnen zu beschreiben ist wie häufig schwierig, die Referenzpunkte sind oben genannt und ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand, der die genannten Komponisten mag, diesen hier nicht mag.

      "For proof that the Symphony is alive and well look no further than the Second Symphony of Matthew Taylor, a magnificently integrated utterance firmly in the lineage of Simpson, Nielsen and Tippett. Believe me the music is that good..."
      Gramophone, October 2014

      Inzwischen gibt es auch eine 4. Symphonie, die im Mai 2017 uraufgeführt wurde. Ich hoffe, sie erscheint auch bald auf Tonträger.

    • Neu

      George Dyson (1883 – 1964)


      Sinfonie in G (1937)


      George Dyson stammte im Gegensatz zu vielen seiner komponierenden Zeitgenossen aus einer einfachen Arbeiterfamilie aus Halifax. Aber durch seine unermüdliche Strebsamkeit, und natürlich sein musikalisches Talent, gelang es ihm am Royal College of Music (RCM) zu studieren, und später sogar dessen Direktor zu werden. Sein Kompositionslehrer war, wie für viele andere auch, der für seine rüde Art gefürchtete Charles Villiers Stanford. Aber gleich vielen von dessen Schülern, gelangte auch Dyson zu einer sehr individuellen Künstlerpersönlichkeit.

      Der erste Weltkrieg hinterließ auch bei ihm seine Spuren, und führte zu einer Neurose. Aber er betätigte sich auch auf gänzlich anderem Terrain, nämlich als Verfasser einer Schrift zum Kampf mit Granaten (Granatenkrieg). Glücklicherweise fand er nach dem Krieg wieder zu seiner eigentlichen Profession zurück, und erhielt eine Anstellung am Wellington College und später eine Professur am RCM. Er schrieb ein vielbeachtetes Buch (Die neue Musik), in welchem er sich mit den Strömungen der Zeit auseinandersetzte, und keinen Zweifel an seiner Ablehnung der Zwölftonmusik ließ („ … Mein Problem ist, dass ich keine logische Erklärung für Atonalität finden kann“). Demzufolge ist sein musikalischer Stil auch weniger fortschrittlich im Sinne der neuen Wiener Schule, als vielmehr an Vorbildern außerhalb dieser Richtung orientiert, wie z.B. an Richard Strauss, den er lebenslang bewunderte.

      Die Zeit am Winchester College von 1924 – 1937 war seine produktivste Phase, denn hier hatte er die Möglichkeiten seine Kompositionen auch aufzuführen. Seine großen Chorwerke wie z.B. „In Honour of he City“ oder „The Canterbury Pilgrims“ sind ein beredtes Zeugnis davon.
      In diese Zeit fällt auch die Komposition der Sinfonie in G. Dieses recht umfangreiche Werk (ca. 45 Minuten) ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher Stimmungen. Sie ist zudem ausgesprochen effektvoll und sicher instrumentiert, was ihr einen besonderen Reiz verleiht. Lyrische und dramatische Episoden wechseln sich ab, und bestimmen den Grundcharakter des ersten Satzes. Man beachte den schwungvollen Beginn, der auch von Richard Strauss stammen könnte. Im zweiten Satz herrscht eine melancholische Atmosphäre vor, die durchaus von englischen Volksliedern beeinflusst sein könnte. Im dritten Satz, einem Thema mit Variationen, wechseln sich lebhafte und lyrische Passagen ab. Es überwiegt aber ein heiter gelöster Grundton. Das Thema erinnert sehr an ein Trinklied aus „King Arthur“ von Henry Purcell ("Your hay is mow'd" aus dem 5. Akt). Besonders in diesem Satz zeigt sich die meisterhafte Beherrschung des Orchesters (übrigens vom Umfang her eher Brahms als Strauss verwandt), und die virtuose Orchestrierung. Das Finale folgt ohne Pause. Es ist von seinem populärsten Erfolg, den „Canterbury Pilgrims“ inspiriert (bzw. von „At the Tabard Inn“ was als Vorspiel dazu gedacht war), und entfaltet einen unwiderstehlichen Sog, bis hin zur strahlenden von sattem Blechbläserklang getränkten Coda.
      Diese Sinfonie enthält eine solche Fülle von musikalischen Schönheiten, besticht durch raffinierte Orchestrierung und ist ganz allgemein ein großartiges Meisterwerk. Die obligate Frage, warum so etwas fast nie aufgeführt wird, erübrigt sich angesichts der allgemein vorherrschenden Programmlogik, obgleich es natürlich ein trauriger Umstand ist.

      Auf dieser Aufnahme kann man das Werk in seiner ganzen Schönheit und Pracht bewundern. Es enthält auch "At the Tabard Inn", und ermöglicht somit einen direkten Vergleich zum 4 Satz der Sinfonie.






      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
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      Eusebius schrieb:

      Die obligate Frage, warum so etwas fast nie aufgeführt wird, erübrigt sich angesichts der allgemein vorherrschenden Programmlogik, obgleich es natürlich ein trauriger Umstand ist.
      Hm. Die Hörgewohnheiten sind halt unterschiedlich. Keine Ahnung, ob die Komponisten in England mehr gespielt werden bzw. bekannter sind. Aber vielleicht schon. Ich fürchte, dass ein Konzertprogramm ausschließlich bestehend aus Vaughan Williams, Arthur Bliss (z.B. "Adam Zero") und George Dyson bei uns die Leute eben nicht richtig in die Konzertsäle zieht. Zumindest nicht, wenn nicht noch etwas Altbewährtes geboten wird.
      Ich hatte ja bereits an anderer Stelle erwähnt, dass letztes Jahr hier in FFM ein junger Dirigent ein Projektorchester etablieren wollte, mit Schwerpunkt auf englischen Komponisten. Ich habe später erfahren, dass ich mit meiner Anmeldung ziemlich alleine war.............sehr schade. Ich hätte das schon gerne gemacht.

      VG

      Palisander
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      Ich muss gestehen, dass ich euch für diesen Thread sehr dankbar bin. Ich bin ein hemmungsloser England-Fan, was Land und Leute, Geschichte und schräge Traditionen, Sprache und Kultur angeht. Aber gerade beim Letzteren gab es für mich immer 2 Ausnahmen. Das Essen, gut das wird so bleiben, und die Musik. Natürlich habe ich die üblichen Verdächtigen gehört, aber bis auf Britten haben sie mich eigentlich nicht angesprochen. Auch wenn ich immer vorhatte, das zu ändern. Ich wusste nur nicht, wo beginnen.

      Von daher ist dieser Thread natürlich eine absolute Fundgrube für mich. Mein Konto sieht das natürlich anders :S , aber man darf sich auch nicht von allem beherrschen lassen. :D

      Ohne viel selber beitragen zu können, seid gewiss, ich verfolge den Thread sehr aufmerksam.

      :wink: Wolfram
    • Neu

      Palisander schrieb:

      Hm. Die Hörgewohnheiten sind halt unterschiedlich. Keine Ahnung, ob die Komponisten in England mehr gespielt werden bzw. bekannter sind. Aber vielleicht schon. Ich fürchte, dass ein Konzertprogramm ausschließlich bestehend aus Vaughan Williams, Arthur Bliss (z.B. "Adam Zero") und George Dyson bei uns die Leute eben nicht richtig in die Konzertsäle zieht. Zumindest nicht, wenn nicht noch etwas Altbewährtes geboten wird.
      Liegt das vielleicht auch daran, dass solche Komponisten gar nicht auf das Programm gesetzt werden, weil sie nicht der musikalischen Moderne, wie man sie in Deutschland versteht, entsprechen. Das, was ich bislang via YouTube gehört habe, bewegt sich ja durchaus immer im Bereich der Tonalität. (Uh, gefährlich im XX. Jhrdt. :D )
      Ich glaube schon, dass das Publikum das anerkennen würde. (OK, um es hinein zu locken, müssten wohl Beethoven, Brahms, Bruckner mit dabei sein. ;) ) Aber man erhält ja nicht einmal die Möglichkeit, selber zu entscheiden, ob man es hören möchte oder nicht.

      :wink: Wolfram
    • Neu

      Wieland schrieb:

      In kaum einem anderen Land wurden im 20. Jahrhundert so viele Symphonien komponiert wie auf der britischen Inseln. Es scheint fast so als wenn man die zwei Jahrhunderte davor ohne wesentliche Beiträge überkompensieren wollte.
      Ein interessantes Phänomen. Das kann aber doch nicht die wesentliche Erklärung sein.

      Ich empfinde es ja so, als wäre die klassische Sinfonie im modernen Musikbetrieb ziemlich out. Gut, hier und da gibt es noch einmal Versuche, kürzer oder länger. Aber, nehmen wir nur einmal Deutschland, eigentlich wird hier doch mit ganz anderen Formen experimentiert. Jedenfalls in der Avantgarde und um es einmal schlicht zu sagen.

      Warum hielt sich das nun gerade in England? Mir scheint es ja so, dass sich im deutschsprachigen Raum nach Mahler in diesem Bereich nicht viel getan hat. Hartmann und Henze fallen mir da spontan ein. Und es gibt sicherlich noch mehr. Aber haben sie sich wirklich durchgesetzt? Ist es nicht so, dass Sinfonik nach eben diesem Mahler (und der erlebte seine Renaissance hier ja auch relativ spät) nicht mehr so en Vogue war? Wenn das stimmt, also warum gerade in England?

      :wink: Wolfram
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      Man muss schon die zeitgenössische von der gegenwärtigen Wahrnehmung unterscheiden. Die Zeitgenossen von Bax, Bliss und co. haben auch in Österreich oder Deutschland Sinfonien komponiert. Wichtige Komponisten, die man den englischen Top-Stars an die Seite stellen kann, wie Johann Nepomuk David oder Ernst Pepping, werden heute nicht mehr gepflegt, während in England aus Gründen das Nationalstolzes Sachen im Radio laufen, die hierzulande keine Chance hätten.

      Dann muss man die Entwickung nach 1945 ansehen, die für West- und Ostdeutschland unterschiedlichen Weg genommen hat - tonale DDR-Sinfonien gibt es wohl zur Genüge bis zur Wiedervereinigung. Als ein Hauptvertreter wäre etwa Max Butting zu nennen mit 10 Sinfonien von 1922 bis 1963. Österreich liegt was das Verhältnis zu Moderne/Tradition nach 1945 betrifft wohl zwischen West - und Ostdeutschland. Interessant ist hier die Generation Brittens, die also vor allem um 1945 prominent wurde: Gottfried von Einem hat 4 Sinfonien geschaffen, Karl Schiske 5, Helmut Eder 7, Robert Schollum 5, Cesar Bresgen, Friedrich Wildgans, Alfred Uhl und Paul Kont mehrere Titel, in denen "Sinfonie" vorkommt. Offenbar hat also so ziemlich alles, was von den Jahrgängen 1909-1918 Rang und Namen hat, Sinfonien geschrieben.

      Anders sieht es dann ab ca. 1980 aus, wo die "großen Alten" (wie die oben genannten Österreicher, die heute weitgehend "vergessen" sind) auslaufen, dafür neben die "Avantgardisten", die ab ca. 1920 geboren sind, eine junge Generation tritt, die wieder Sinfonien schreibt - in Deutschland etwa Rihm und Trojahn. Ich könnte mir also vorstellen, dass die Generationen ab ca. *1920 in England tendenziell deutlich mehr Sinfonien geschrieben haben als im deutschsprachigen Raum - vorher glaube ich das erstmal nicht. Also von Franz Schmidt bis Karl Schiske dürfte die österreichische+deutsche Sinfonie nicht minder reichhaltig und interessant sein wie die englische von Ralph Vaughan-Williams bis Robert Simpson.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Neu

      Welche englischen Sinfonien (ab den 1930ern oder so) außer Vaughan Williams und Walton haben sich denn "durchgesetzt"?
      Sind nicht viele davon eher in Weltersteinspielungen bei Hyperion erschienen und spielen im Konzertleben ungefähr so eine marginale Rolle wie die von Pepping?
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Neu

      Kater Murr schrieb:

      Welche englischen Sinfonien (ab den 1930ern oder so) außer Vaughan Williams und Walton haben sich denn "durchgesetzt"?
      Sind nicht viele davon eher in Weltersteinspielungen bei Hyperion erschienen und spielen im Konzertleben ungefähr so eine marginale Rolle wie die von Pepping?
      Da hast Du natürlich Recht, im Konzertleben eingebürgert hat sich von Simpson oder Rubbra etc so gut wie nichts. Aber es gibt immerhin hervorragende moderne Einspielungen, was man von den Symphonien eines Johann Nepomuk David (noch) oder Günter Raphael oder Max Butting nicht behaupten kann. Die sind vielen der britischen Komponisten sicher gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen, aber das können wir noch gar nicht richtig überprüfen, da es keine oder nur wenige oft unzureichende Aufnahmen gibt. Bei David ändert sich das zum Glück gerade - wenn auch m.E. viel zu langsam.
    • Neu

      Wieland schrieb:

      Es scheint fast so als wenn man die zwei Jahrhunderte davor ohne wesentliche Beiträge überkompensieren wollte
      Der entscheidende Schub kam durch die Gründung des Royal College of Music im Jahre 1882 (1872 war bereits das Royal Trinity College of Music geründet worden). Wie wenn man Wasser in eine Wüstenlandschaft bringt, so sprossen ab da eine große Zahl begabter britischer Komponisten hervor. Ein bedeutender Teil davon wurde durch Hubert Parry und Charles Villiers Stanford unterrichtet, und die hatten eher eine konservative Musikauffassung, welche sie sicher ihren Schülern vermittelt haben. Und dazu zählte wohl auch das schreiben von Sinfonien.

      Was die mangelhafte Programmierung von Sinfonik ausserhalb des etablierten Kanons anbelangt, so gibt es hier eine Fülle von Ursachen, die man in einem gesonderten Faden behandeln müsste. Was britische Sinfonik im Speziellen anbelangt, so dürfte es sehr häufig auch einfach die mangelnde Kenntnis der vorhandenen Kompositionen sein. Da man sich auf den britischen Inseln immer schon in einer Sonderrolle sah, so dürfte diese Haltung auch dazu beigetragen haben, das man dort Musik einheimischer Komponisten häufiger aufführt als auf dem Kontinent. Aber ich vermute, dass die üblichen Verdächtigen (Elgar, Vaughan-Williams oder Walton) deutlich häufiger aufgeführt werden, so dass es hinsichtlich einer Konzentration von Repertoirestücken überall auf der Welt gleich sein wird.
      Diejenigen unter uns, welche neugierig auf Werke sind die nicht oder selten gespielt werden, müssen sich eben mit Tonaufzeichnungen zufrieden geben. Davon gibt es immerhin zahlreiche.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)