Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • Operntelegramm - Saison 2018/19

      Diesen Thread habe ich schon einmal vor ein paar Tagen eröffnet, mit ein paar Anmerkungen zu einer letzten Sonntag besuchten Aufführung. Da dort weitere Beiträöge folgten (und vielleicht noch folgen werden), hat die Moderation die Besprechung auf meinen Wunsch hin ausgelagert:

      Olivier Messiaen: Saint François d'Assise - Staatstheater Darmstadt, 09.09.2018 (Premiere)

      Hier nun Raum für Kurzbesprechungen von Opernaufführungen der neuen Saison. Möge er mit der Zeit gefüllt werden! ;)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • 06.10.18, "La Traviata" (Premiere), Theater Bielefeld

      Es begann ein wenig kurios, als zu Beginn über Lautsprecher einige Textstellen v. Theodor Storms "Hyazinthen" im Flüsterton (jedoch recht laut!) zu hören waren ...u. a. "… ich möchte schlafen, aber du musst tanzen, tanzen, tanzen …" Dann betrat die Darstellerin der Violetta die Bühne (im weißen Unterrock). Im Hintergrund trat eine Trauergesellschaft immer näher, die mittig einen Sarg trug. Seitlich hielten alle Teilnehmer jeweils eine Lilie in der Hand. Die Gesichter waren mit weißer Grundierung geschminkt (wie man es aus der Rheingold-Inszenierung bereits kannte), mit rot-schwarz umrandeten Augen. Mundbereich ebenfalls ein wenig auf "unheimlich" geschminkt, also mit schwarzen und rötlichen Schattierungen. Die Inszenierung war cabaret-mäßig aufgezogen (Kleidung, Schminke, Bühnenbild, Tanzchoreographie und Gestik und Mimik der Darsteller), was mich zu Beginn noch ein wenig störte. Im Nachhinein betrachtet fand ich' s dann aber doch noch ganz passend, diese Geschichte in den 20er Jahren spielen zu lassen. Violettas Kleid war … "violett", rot und rosé (mit Federn: dadurch wirkte sie wie ein "Feuervogel"). Die, sagen wir mal, etwas "langatmigen Stellen" dieser doch recht handlungsarmen Oper wurden prima überbrückt! Respekt! :verbeugung1:

      Was mich ein wenig störte: nach fast jeder Arie wurde applaudiert … aber gut, dieses Thema hatten wir ja schon öfter und da gehen die Meinungen stark auseinander. Im Vorfeld hatte ich ja die Befürchtung, dass zu "Libiamo ne' lieti calici" mitgeklatscht wird, aber das war - zum Glück - nicht der Fall. :D Und auch hier war ich wieder froh, dass Kostüme und Bühnenbild nicht zu bunt waren (ich hasse es ja, wenn' s "musicalmäßig" wird). Die Hauptfarben waren schwarz und … "violett". ;)

      Violetta überzeugte mich vollends mit ihrem Gesang. :thumbup: Mit dem Darsteller des Alfredo werde ich hingegen - nach wie vor - nicht wirklich warm, was daran liegt, dass sein Lieblingsbuchstabe das "H" ist. Ganz eindeutig. Er benutzt es einfach zu oft. :thumbdown: Darunter leidet dann halt auch die Textverständlichkeit ein wenig. Ist mir auch in der Vergangenheit schon bei ihm aufgefallen.

      Ich hatte ja gehofft, dass mir dieses Live-Erlebnis diese Oper ein wenig näher bringt … und wurde nicht enttäuscht. Nichtsdestotrotz wird sie wohl niemals zu meinen Lieblingsopern zählen. Sie enthält aber viele schöne musikalische Stellen, die live natürlich viel besser rüberkommen. Ich habe ja bislang nur drei Inszenierungen gesehen (darunter eine mit Anna Netrebko im Fernsehen), aber diese Bielefelder Inszenierung hat mir bisher am besten gefallen. :thumbup:

      Evgueniy Alexiev (hier in der Rolle v. Alfredos Vater) war mal wieder großartig! Was für ein toller Sänger und Schauspieler er doch ist …

      Heimlicher Star des Abends war jedoch der Tänzer, der den "Tod" symbolisierte (oder sagen wir eher … den "attraktiven" Tod). Er war unheimlich ausdrucksstark: mal sanft und einfühlsam (wann immer sie Schwäche zeigte), mal etwas ernsthafter (wenn sie zwischendurch mal ihren Lebenswillen wiederentdeckte), aber immer unterschwellig melancholisch und sensibel. Finde diesen Darsteller leider nicht auf der Website. Vor allem in der Schlussszene hat er dafür gesorgt, dass mir … die Tränen kamen! Puh, das hätte ich wirklich nie (!!) gedacht. Er war am Ende mit großen Flügeln ausgestattet und legte zunächst den rechten Flügel über ihren Körper (beide standen sich direkt gegenüber), dann ganz sanft den zweiten Flügel …. Hach, was für ein tolles Finale!!! :verbeugung1: :verbeugung1: Und ich muss unbedingt noch herausfinden, wie dieser Tänzer heißt … Bald dürfte es ja auch den ein oder anderen Artikel dazu geben. Nach dem 3. Vorhang (ich habe gar nicht mehr mitgezählt, wie viele es waren) gab' s dann Standing Ovations und am Ende taten meine Hände weh ... vom vielen Klatschen.

      Die Premiere war also ein voller Erfolg!! :)

      EDIT:
      Anbei noch ein Artikel aus der "Neuen Westfälischen" ...

      nw.de/kultur_und_freizeit/thea…raviata-in-Bielefeld.html

      Und unter "Bilder" weitere Impressionen ...

      theater-bielefeld.de/veranstaltung/la-traviata.html

      Der "Tänzer" - und Choreograf (!) - heißt übrigens Thomas Wilhelm. :verbeugung1:
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • „Hamlet“ (Originaltitel: Amleto) von Franco Faccio, Premiere am 3.11.2018 im Chemnitzer Opernhaus

      Spät, aber hoffentlich nicht zu spät möchte ich diesen Bericht nachreichen:
      Eine wahre Rarität: 1865 in Genua uraufgeführt, nach enttäuschender zweiten Aufführung 1871 an der Mailänder Scala in der Versenkung verschwunden.
      Erst 2014 gab es wieder eine (zunächst nur konzertante) Aufführung in den USA, um dann 2016 bei den Bregenzer Festspielen wieder auf der Bühne zu erscheinen. Nun in Chemnitz unter Übernahme der Bregenzer Inszenierung die deutsche Erstaufführung!

      Hier zunächst die Mitwirkenden:
      Inszenierung: Olivier Tambosi
      Bühne: Frank Philipp Schlößmann
      Kostüme: Gesine Völlm
      Musikalische Leitung: Gerrit Prießnitz

      Hamlet: Gustavo Peña
      Claudius: Pierre-Yves Pruvot
      Polonius: Magnus Piontek
      Horatio: Ricardo Llamas Márquez
      Marcellus: Matthias Winter
      Laertes: Cosmin Ifrim
      Ophelia: Tatiana Larina
      Gertrude: Katerina Hebelkova
      Der Geist / Ein Priester: Noé Colín
      Der König Gonzago / Ein Herold: Tommaso Randazzo
      Die Königin Giovanna: Ina Yoshikawa
      Lucianus / Erster Totengräber: André Eckert
      Zweiter Totengräber: Alexander Jahn

      Zahlreiche Komponisten des 19. Jahrhunderts hielten den Stoff des berühmten Shakespeare-Dramas für nicht vertonbar. Umso mutiger der Entschluss des damals 25-jährigen Franco Faccio (1840 – 1891) und seines zwei Jahre jüngeren Librettisten Arrigo Boito (1842 – 1918), sich dieser Herausforderung zu stellen.
      Herausgekommen ist eine fantastische Musik, die stark an den späten Verdi erinnert. An den Leistungen der Sänger(innen) und des Orchesters gab es für mich nichts auszusetzten. Ich habe allerdings, wie üblich, nicht sonderlich darauf geachtet, insbesondere, weil ich das Werk vorher noch nie gehört hatte.
      Das Inszenierungsteam schuf dazu ein schlichtes fast farbloses Bühnenbild, welches aber ständigen Veränderungen ausgesetzt war. Eine stetige Bewegung, die die Handlung voranzutreiben schien!
      Ein paar Farbtupfer setzten die historischen Vorbildern entlehnten Kostüme. Allerdings wirkten diese sehr skurril, fast ins Lächerliche gezogen. Wollten damit Regisseur und Kostümbildnerin ihr Missfallen an der Gesellschaft, welche die Leute auf der Bühne verkörperten, zum Ausdruck bringen? Einzig der Titelheld wich mit eher moderner Arbeitskleidung (blaugrauer Overall) davon ab, ohne damit besonders aufzufallen.
      In Gesprächen mit anderen Besuchern hörte ich ausschließlich positive Kommentare. Es waren nicht nur die Musik und die Inszenierung, die diesen Opernabend ausmachten, sondern auch das besondere Gefühl, bei einer „historischen“ Aufführung dabei gewesen zu sein.
      Wer das Werk selbst kennenlernen möchte, hat bis Mai 2019 noch einige Gelegenheiten dazu: https://www.theater-chemnitz.de/oper/premieren/repertoire/infos/hamlet/
      Viele Grüße aus Sachsen
      Andrea
    • Andrea R. schrieb:

      Spät, aber hoffentlich nicht zu spät möchte ich diesen Bericht nachreichen:
      Eine wahre Rarität: 1865 in Genua uraufgeführt, nach enttäuschender zweiten Aufführung 1871 an der Mailänder Scala in der Versenkung verschwunden.
      Erst 2014 gab es wieder eine (zunächst nur konzertante) Aufführung in den USA, um dann 2016 bei den Bregenzer Festspielen wieder auf der Bühne zu erscheinen. Nun in Chemnitz unter Übernahme der Bregenzer Inszenierung die deutsche Erstaufführung!

      Schön, dass es Faccios "Amleto" jetzt nach Chemnitz gefunden hat! Von der Bregenzer Aufführung habe ich seinerzeit hier einen Bericht verfasst.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Ein Freund von mir, im Brotberuf Chorist in der Wiener Volksoper und immer wieder auch mit kleinen Solorollen betraut, hat die originale Produktion in Bregenz gesehen und hat die Premiere in Chemnitz in vollen Tönen gelobt. Er wird im Frühjahr nochmals hinfahren - und ich durchforste jetzt meinen Terminkalender.
    • Abraham: Viktoria und der Husar - konzertant an der Komischen Oper Berlin (23.12..18)

      „Mausi – süß warst Du heute Nacht“ – einer der markantesten Hits in Paul Abrahams angejazzter Operette „Viktoria und der Husar“, die 1930 ihre umjubelte Uraufführung am Berliner Metropol-Theater erlebte. Just dort befindet sich heute die Komische Oper, und die quietschbunte Personnage der Operette kehrt für zwei „konzertante“ Aufführungen an den Ort der Uraufführung zurück.


      Wenn Alma Sadé und Peter Renz sich mit Pfiff und Verve tanzend, blödelnd und singend durch diesen Schlager lachen, gerät das Publikum angesichts dieser Kaskade der Ausgelassenheit seinerseits aus dem Häuschen. Hier erweist sich die Berliner Operette, ein Lieblingskind des Intendanten Barrie Kosky, als geradezu unverwüstlich. Der ungarische Graf (Renz) und sein japanisches Mädel aus Yokohama räumen mächtig ab – eine Explosion der guten Laune, fünf Minuten, die allein die ganze Veranstaltung lohnen.


      Das eigentlich titelgebende Paar, die Gräfin Viktoria (Vera-Lotte Böcker) und ihr ungarischer Rittmeister (Daniel Prohaska) kann da, schon rollenbedingt, nicht so ganz mithalten. Beide sind gesanglich untadelig, sie in der Höhe ein bisschen angestrengt, er mit schönem Tenorschmelz. Doch nehmen sie das „konzertant“ ein bisschen zu wörtlich, bleiben distanziert und immer sehr ernsthaft. So ganz ohne ironisches Augenzwinkern wirkt Abraham ein bisschen wie schwächerer Lehar – deshalb zünden auch die Tophits wie „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ oder „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ nicht ganz so wie die buffonesken Einlagen, für die auch die Darsteller des dritten Paares (Marta Mika und Daniel Foki) mit etwas dezenter ausgespieltem Temperament verantwortlich sind. Beide gehören dem Opernstudio an – da imponiert die Souveränität, mit der sie ihre Gesangs- und Tanzeinlagen servieren.


      Vielleicht hätten sich Böcker und Prohaska auch einfach ein bisschen von dem selbstironischen Understatement des Grandseigneurs Gerd Wameling abschauen können, der mit Charme und Präzision als Moderator durch den Abend führt – diese Art, die ausufernden Dialoge der Vorlage zu ersetzen, hat sich schon in den Vorjahren bei der konzertanten „Weihnachtsoperette“ an diesem Haus bewährt.Er übernimmt gleichzeitig die Rolle des amerikanischen Botschafters, der erst als betrogener Gatte und dann als deux ex machina zum guten Ende auftritt. Dabei hat er sogar einige Takte zu singen – was er auch mit noblem Anstand und leichtem Augenzwinkern erledigt.


      Was die ganze Veranstaltung aber insgesamt zum rauschenden Erfolg macht, sind Chor und Orchester unter Leitung des hellwachen, mit allen Wassern gewaschenen Stefan Soltesz – ein Routinier im allerbesten Sinn des Wortes.Mit Temperament und Präzision führt er die Beteiligten durch den aufregenden Abraham-Stilmix zwischen Wiener Walzer, ungarischen, russischen und japanischen Exotismen und jazzigen Tanzrhythmen. Ja, die ganze Veranstaltung lässt so ein bisschen den Geist der auch kulturell so bewegten Zeit vor 1933 spüren, die dann – wie auch die Karriere Paul Abrahams – ein jähes Ende fand.


      Die „Weihnachtsoperette“ wird traditionell nur zweimal gespielt – die zweite Vorstellung am 30.12. ist so gut wie ausverkauft. Die gute Nachricht: Am 13. Januar 2019 gastiert die Komische Oper mit „Viktoria und der Husar“ in der Kölner Philharmonie – unbedingt empfehlenswert!!
    • Glass: The Fall of the House of Usher (30. 1. 2019, Innsbruck)

      Liebe Capricciosi!

      Bei Brittens Gothic Opera "The turn of the screw" wird ja häufig bedauert, dass die beiden Geister im Vergleich zu Henry James' Novelle viel zu lebendig und real dargestellt werden, was der Schauergeschichte viel von ihrer Wirkung nehme. Im Fall von Philip Glass' "The Fall of the House of Usher" (uraufgeführt 1988) ist es genau umgekehrt: Während Edgar Allan Poe sich - leider! - nicht scheut, Lady Madeline in seiner Kurzgeschichte als reale Gestalt aus Fleisch und (viel) Blut darzustellen, die aufgrund übernatürlicher Kräfte ihren Sarkophag aufsprengen und ihren Bruder mit in den Tod nehmen kann, und damit jeder psychologisierenden Deutung von vornherein das Wasser abgräbt, lassen Philip Glass und sein Librettist Arthur Yorinks wirklich alles in der Schwebe. Existiert(e) Lady Madeline überhaupt real oder nur in der Imagination ihres Bruders / Williams / des Publikums? Was geschah und geschieht in dem Landgut der Ushers eigentlich?

      Am Landestheater Innsbruck erfuhr dieses eindrucksvolle Stück - in der Tonsprache nicht sonderlich avanciert, aber stark in der Wirkung - eine sehr adäquate Umsetzung. Die Inszenierung vom Intendanten selbst, Johannes Reitmeier (Bühne: Michael D. Zimmermann, Kostüme: Markus Braunhofer), ist sehr im "Gothic style" gehalten und zaubert mit zahlreichen Projektionen, insbesondere auf einen transparenten, zwischen Bühne und Orchestergraben gespannten Vorhang, eine "magische" Atmosphäre. Die Bühnenmechanik und die Projektionen rücken die große, wenngleich stumme Rolle, die das Haus in der Geschichte spielt, in den Fokus. Kindergewand (darunter ein blutiges weißes Kleid) in Williams Gästezimmer und ein weißer Kindersarg, den William in Madelines angeblichem Sarkophag findet, lassen den Verdacht aufkeimen, dass es hier um länger zurückliegende Verbrechen gehen könnte, ohne dabei über dunkle Andeutungen hinauszugehen. Lady Madeline ist zwar auf der Bühne sehr präsent, bleibt aber für William immer unsichtbar. Schön auch die Klimax in Williams Schlafzimmer, wo die Regie sehr geschickt im Unklaren lässt, ob die inzestuöse Sexszene zwischen Roderick und Madeline denn eigentlich von William nur geträumt wird oder sich doch real ereignet. Erfreulicherweise wirft die Inszenierung mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Bis zum Schluss bleibt in der Schwebe, in wessen Abgründe wir denn hier eigentlich blicken - Rodericks, Williams, unsere eigenen?

      Dank einiger hochkarätiger Neuzugänge der letzten Saisonen konnte die Kammeroper vollständig und mustergültig aus dem Hausensemble besetzt werden. Das Solistenquartett ließ dabei keine Wünsche offen: Anna-Maria Kalesidis, die in Innsbruck bereits eine vorzügliche Rusalka gesungen hat, verströmte als Lady Madeline ihre instrumental komponierten Vokalisen mit wohlgerundetem, sicher geführten Spintosopran. Jon Jurgens überzeugte mit einem lyrischen und doch durchschlagskräftigen Tenor. Alec Avedissian gab einen sehr nuanciert gesungenen, auch stimmlich sensibel charakterisierten William, dessen anfänglicher naiver Optimismus zunehmend einem unspezifischen Grauen vor dem Haus und seinen Bewohnern weicht, während Dale Albright die wenigen Sätze des alten Dieners rollenadäquat fast eher aggressiv bellte als sang. Alle vier hatten sich auch darstellerisch völlig in ihre Rollen gestürzt und spielten intensiv und sehr präsent. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Seokwon Hong spielte mit viel rhythmischem Drive und holte aus den eher gleichförmigen Texturen der minimalistischen Partitur ein Maximum an Farben und Nuancen heraus. Insgesamt eine Meisterleistung, eigentlich eine Referenzaufführung (gerade auch verglichen mit den Ausschnitten aus anderen Aufführungsserien auf Youtube!).

      Ich würde es dieser Oper doch zutrauen, sich aufgrund ihrer unleugbaren dramaturgischen Qualitäten, der leicht zugänglichen Musik und des geringen personellen Aufwands mit der Zeit einen Platz im erweiterten Repertoire zu erkämpfen (sie wird jedenfalls gerade von kleineren Häusern doch immer wieder mal gespielt). Warum es von ihr bis heute weder eine kommerzielle CD-Aufnahme noch einen DVD-Mitschnitt gibt, verstehe ich daher nicht ganz. Nicht einmal auf Youtube ist das Werk vollständig zu finden. Die Innsbrucker Aufführung wäre eine ausgezeichnete Gelegenheit gewesen, einen Live-Mitschnitt zu produzieren. Jetzt ist die Aufführungsserie leider zu Ende - es waren aber alle Termine ausverkauft und es war nach der Premiere Anfang November schwierig, überhaupt noch an Karten zu kommen. Vielleicht könnte sich ja eine Wiederaufnahme nächste Saison rechnen?

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Berlioz - Les Troyens. Opéra Bastille, 22. Januar 2019

      Nein, ich war (leider !) nicht in Paris! Ich hab's nur bei Arte geguckt! Hier noch bis 31. Mai verfügbar. Und live in Paris bis zum 12.02.)

      Berlioz' Trojaner war die erste Oper, die an der Bastille gespielt worden war; fast 30 Jahre später hat Dmitri Tcherniakow eine Neuinszenierung vorgenommen. Der Regisseur lässt den ersten Teil (Der Fall von Troja) in einer Diktatur spielen, deren Herrscher sich krampfhaft an die Macht klammert. Maßgeblich am Fall Trojas beteiligt ist Aeneas, der dafür sorgt, dass die Kassandra-Rufe ungehört bleiben und den wilden Horden der Gegner (sie sehen eher nach IS-Milizen aus) Einlass verschafft. Im Mittelpunkt dieses Teils steht aber natürlich Cassandre, deren Schicksal, immer Recht zu haben, aber nie gehört zu werden, durch einen Mißbrauch durch ihren Vater erklärt wird (dazu dient ein kurzes Video). Énées Frau Crëusa kann seinen Betrug nicht ertragen und nimmt sich das Leben, noch bevor die griechischen Horden Troja verwüsten. Dies, die brutale Ermordung Königin Hekubas und die grausame Brandschatzung der Stadt erzeigen in dem flüchtenden Énée ein schweres Trauma.

      Forlgerichtig spielt der zweite Teil (Die Trojaner in Karthago) in einer Reha-Klinik für schwerst Kriegstraumatisierte. Hier versucht eine Riege von Therapeuten, angeführt von Narbal, Anna und Iopas, mit Hilfe von Rollenspielen die Patienten wieder ins Leben zurückzuführen. Gerade wurde Didon spielerisch zur Königin erklärt und gefeiert, als die Trojaner nun auch hier eingeliefert werden (möglicherweise von Ascagne, der auch dafür sorgt, das sien Vater, der gleich wieder abhauen will, bleibt). Didon und Énée nähern sich unter der Obhut des Therapeutenteams einander an; aber der rastlose Énée hört Stimmen, die ihm befehlen, wieder aufzubrechen. Didon bleibt, nunmehr endgültig traumatisiert, zurück und nimmt eine Überdosis Tabletten, bevor sie im Rollenspiel eine andere Königin sich ins Schwert stürzen läßt - sie selbst bricht anschließend vor dem fassungs- und hilflosen Therapeutenteam tot zusammen.

      Diese Story der Tcherniakowschen Inszenierung gelingt trotz einiger Ungereimtheiten (und bei nicht übermäßig penibler Beachtung des Textes ;) ) eine ganze Zeit lang recht gut. Im Schlussakt muss man sich dann aber doch gehörig Zwang antun, um noch mitzugehen. Immerhin gelingen eine Reihe starker Szenen und berührender Momente - der Kollektivselbstmord der trojanischen Frauen wird zu einer wilden Orgie des Wahnsinns, Iopas' Arie eine Studie in Entspannungstechnik und das Liebesduett der wirklich herzergreifende Versuch zweier schwer gestörter Menschen, zu sich und zueinander zu finden.

      Im Pauseninterview (mit dem Dirigenten und den Darstellern von Cassandre, Chorèbe und Iopas) zitiert Stephanie d'Oustrac den Regisseur, nach dessen Meinung das heutige Publikum mit den Sagen der Antike nichts mehr anzufangen wisse und deshalb eine Neudeutung brauche; das fand ich ziemlich albern: zum einen bin ich sicher, dass das für das durchschnittliche Opernpublikum einfach nicht stimmt, zum andern mutet Tcherniakow dem Zuschauer doch so einiges an Abstraktion zu (das Video, das Cassandres Missbrauch andeutet, ist einfach nur doof) - da wäre eine Eins-zu-Eins-Umsetzung der antiken Story sicher der einfachere Weg gewesen.

      Gesungen und musiziert wird auf beachtlichem Niveau. Phillippe Jordan bringt im ersten Teil eine nervöse Ruhe- und Rastlosigkeit und damit Cassandres Seelenzustand kongenial zu Gehör; im diesbezüglich ganz anders gestalteten zweiten Teil kann er das nicht immer ausreichend zurücknehmen; an den entschiedenden Stellen (Nuit d'ivresse, Ô blonde Cérès, Adieu, fière cité) dann aber doch; das sind denn auch die musikalischen Höhepunkte der Aufführung.

      Der erste Teil gehört überwiegend Stephanie d'Oustrac als Cassandre mit blendender Stimme und überragender Bühnenpräsenz. Sehr gut auch Stéphane Degout in der undankbaren Rolle des Chorèbe. Brandon Jovanovich scheint mir eher ein Spinto-Tenor zu sein, hat aber mit der teilweise extremen Tessitura des Énée keine wirklichen Probleme und kann die Stimme auch in hoher Lage lyrisch zurücknehmen. Das Duett mit der ebenfalls großartigen Ekaterina Semenchuk (Didon) gelingt beiden ganz wundervoll (sie spielen die Trauma-Patienten auch ganz hervorragend!). Auch gut Aude Extrémo als Anna, die aber mit der z. T. extrem tiefen Tessitura der Rolle gelegentlich leichte Probleme hat (durch die gut positionierten Übertragungsmikros vermutlich abgemildert). Den Vogel aber schießt Cyrille Dubois als Iopas ab, in dem etwas von der alten französischen Schule wieder aufscheint - eine Stimme zum Verlieben!

      Angenehme Bildregie, immer wieder auf die Totale schwenkend, so dass man nicht den Überblick verliert, aber auch passend in Details oder Close-ups gehend. Keine Microports, aber offenbar gut positionierte Bühnenmikros. Dussliges Moderatorinnengeschwätz am Anfang, in der Pause (nur nach dem zweiten Akt), sehr störend am Ende. Aber insgesamt nur wenige Minuten. Die Pauseninterviews ganz informativ.

      Ich finde: empfehlenswert!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Areios schrieb:

      Jetzt ist die Aufführungsserie leider zu Ende - es waren aber alle Termine ausverkauft und es war nach der Premiere Anfang November schwierig, überhaupt noch an Karten zu kommen. Vielleicht könnte sich ja eine Wiederaufnahme nächste Saison rechnen?
      Tja, so schnell können Wünsche erfüllt werden: Das Landestheater Innsbruck hat zwei zusätzliche Termine im März angesetzt, 7.3. und 16.3.: "https://www.landestheater.at/produktion/the-fall-of-the-house-of-usher" Hingehen lohnt sich!

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Gestern Abend gab es an der Düsseldorfer Rheinoper eine UA

      operamrhein.de/de_DE/repertoir…-war-urauffuehrun.1172245

      Oper von Anno Schreier.

      Was soll ich sagen, im Westen nichts Neues. Ein paar orchestrale Höhepunkte, ansonsten Sprechgesang oder Zitate vergangener Musikepochen. Mehr war es leider nicht. Dass es auch ganz anders und innovativ geht habe ich vor wenigen Jahren in Heidelberg bei der UA von 2 Opern von Johannes Harneit erlebt.

      Das Libretto von Kerstin Maria Pöhler äusserst dürftig. Sowas geht doch nun wirklich fantasievoller!!

      Die Solisten bis auf die Hauptrolle des Giovanni (Jussi Myllis) und einem totalen Ausfall (D.J.) äusserst engagiert und gut. Die Inszenierung von David Herrmann trug dazu bei, dass ich das Haus nicht vorzeitig verliess. Ebenso die Orchesterleistung unter dem Noch- "Düsseldorfer" Lukas Beikircher (geht angeblich nach Linz)

      Soviel (wenig...) kurz vom Smartphone ( mein Gott, ist das anstrengend auf dem Ding zu schreiben).

      Keine Buhs, freundlicher Applaus. Von mir keine Empfehlung, spart euch die Zeit!

      VG
      boccanegra
      Je niedriger der Betroffenheitsgrad, desto höher der Unterhaltungswert!
    • Sa., 16. Feber 2019: BRATISLAVA/PRESZBURG (Neues Opernhaus): Nikolaj Rimskij-Korsakov, Sadko

      Aus dem heurigen (im Gegensatz zu den vergangenen Spielzeiten) wirklich uninteressanten Bratislava-Programm ragt der Sadko heraus, und der Sadko ist eine wirklich tolle Oper!! Man sollte sie viel öfter spielen anstatt die xte Wiederholung uninteressanter Opern. Die Sadko-Aufführungsgeschichte in Bratislava ist witzig: Nach der szenischen Doppelpremiere Ende Jänner 2018 wurden die weiteren drei Aufführungen abgesagt, dann wurden vier weitere für 2018/19 angekündigt, die sich still und heimlich in zwei konzertante Aufführungen umgewandelt haben, und zuletzt wurde auch noch die Angabe der Vorstellungsdauer stark reduziert. Ich wusste also nicht, was mich heute erwarten würde, und es war eine komzertante Aufführung, leider ca. 35 Minuten kürzer als letztes Jahr, also noch mehr gekürzt.

      Das Stück ist wirklich toll, musikalisch typischer Rimskij mit dankbaren Gesangspartien und interessanter Handlung mit tieferer Bedeutung (Mythos vs. Realität und Heidentum vs. Christentum). Sadko wird im Internet als "slavischer Orpheus und gleichzeitig Odysseus" und als Verkörperung der "ewige[n] Schöpferkraft der Phantasie, die gegen die Realität kämpft" charakterisiert, was auch richtig ist. Was hätte ein begabter Regisseur aus dem Werk machen können! Die Produktion von Daniel Kramer ist letztes Jahr so schlecht angekommen (ich hab sie nicht so übel gefunden; wenn man nicht auf die Videos geachtet hat, war es eine ganz normale Produktion), dass man sich heuer für eine konzertante Wiedergabe entschieden hat - und das ist bestenfalls eine Notlösung: Oper ist Musik UND Theater. Man hat gemerkt, dass manche Sänger ihre Rolle gern verkörpert hätten, andere waren ziemlich deutlich auf die vor ihnen liegenden Noten fixiert.

      Zurab Zurabishvili hat mir als Sadko sehr gut gefallen. Hin und wieder hätte der eine oder andere Ton müheloser/strahlender klingen können, aber insgesamt wars eine sehr gute Leistung. Ich habe noch nicht in die Noten hineingeschaut, aber ich vermute, dass die Partie überhaupt nicht leicht ist (lang und liegt blöd). Adriana Kohútková war am besten, ihre Wolchowa ließ keine Wünsche offen, die Stimme ist wunderschön und wird technisch richtig behandelt. Denisa Šlepkovská war ein guter Neschata (Hosenrolle), sie hatte beeindruckende Tiefen, ein Registerbruch war aber kaum zu überhören. Monika Fabianová sang die Ljubawa gut, aber nicht beeindruckend. Peter Mikuláš (Meereszar) ist ein toller Sänger, hatte aber heute keinen besonders guten Abend. Daniel Čapkovič als venezianischer Kaufmann war super, Ľudovít Ludha war als indischer Kaufmann wie immer, was durchaus positiv gemeint ist, und Jozef Benci war stimmlich wirklich gut (tolle Stimme, sie könnte aber etwas durchschlagskräftiger sein) und optisch mit seinem imposanten Haar und Bart ein idealer Waräger, was am Rande positiv vermerkt sei. Die Sänger der Nebenrollen waren ebenso wie Chor und Orchester in Ordnung. Ondrej Olos hat für meine Ohren gut dirigiert, aber ich kenne das Stück zu schlecht, um das seriös beurteilen zu können.

      Wer in Wien stationiert ist und sich für slavische Opern interessiert, sollte die Aufführung am 3. Mai (in teils anderer Besetzung) nach Möglichkeit nicht verpassen.



      Diesen und die nächsten folgenden Beiträge habe ich vor kurzem schon einem anderen Internetforum veröffentlicht. Ich kopier sie hierher, die Aufführungen waren ja erst vor ein paar Tagen. Vielleicht stoßen die Texte ja auf Interesse.
    • Di., 19. Feber 2019: BRATISLAVA/PRESZBURG (Neues Opernhaus): Wolfgang Amadé Mozart, Don Giovanni

      Opernbesuche in Tschechien und in der Slovakei machen üblicherweise Freude (im Gegensatz zu vielen in Wien), und so konnte ich heute einen sehr gelungenen Don Giovanni erleben. Eine gelungene Inszenierung und vor allem ein aufeinander eingespieltes Ensemble sind Garanten für eine wirklich gute Aufführung. Die Produktion von Jozef Bednárik (Inszenierung), Vladimír Čáp (Bühnenbild) und Ľudmila Várossová (Kostüme) ist klassisch, wiewohl sie sich manche Abweichung erlaubt, zum Beispiel ersticht Don Giovanni den Komtur nicht im Duell sondern hinterrücks, und der Komtur taucht auch später ab und zu auf. Die Bühne ist durchgehend in rot gehalten, was sehr gut passt, und da sich im Einheitsbühnenbild ein perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble bewegt hat, konnte nichts schiefgehen. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass das Erscheinen des Komturs am Friedhof schlecht gelöst ist, denn er wird mitsamt seinem Grab von der Seite zuerst hinein- und dann hinausgeschoben, das schaut ziemlich podschad aus. Aber davon abgesehen passt alles, auch die Höllenfahrt ist gut gelöst. Vor allem ist die Produktion viel viel besser als der Martinoty-Schmarrn an der Wiener Staatsoper und der Freyer-Schmarrn an der Wiener Volksoper.

      Hervorragend war Ľubica Vargicová als Donna Anna. Zugegeben, die Stimme klingt nicht mehr jung (Frau Vargicová ist auch schon seit über 30 Jahren im Geschäft), aber ohne Verschleißerscheinungen, wenn man ein etwas zu starkes Vibrato, das sich erst gegen Ende des Aufführung bemerkbar machte, nicht dazuzählt. Aber davon abgesehen wars perfekt: richtige Stimmführung, gute Technik, schönes Timbre, gute Koloraturen,...; alles so, wie es sein soll. Ich frage mich, wieso sie bloß ein paarmal zwischen 2001 und 2003 an der Wiener Staatsoper gesungen hat und seitdem nicht mehr. Vielleicht wäre sie derzeit eine gute Lucia...? (Aber sie hat halt keinen PR-Maschine hinter sich wie die Frau Peretyatko.) Ebenfalls sehr gut, aber nicht ganz so gut war Eva Hornyáková. Hin und wieder hat sie mit den Tücken der Elvira gekämpft, aber sich insgesamt sehr gut aus der Affäre gezogen. Aleš Jenis hat als Don Giovanni das gleiche Problem wie Tomasz Konieczny als Wotan: tolle Stimme, aber fehlbesetzt. Jenis hat sehr, sehr gut gesungen und alles richtig gemacht, aber seine Stimme klingt leider trocken und nicht verführerisch. Glücklicherweise hat er die Rolle so interpretiert, wie er es kann, anstatt seine Stimme künstlich zu verändern. Also war es halt ein ziemlich trockener Don Giovanni, aber nichtsdestoweniger ein sehr guter. Peter Mikuláš ist ein Weltklassesänger, aber kein Weltklasse-Leporello, dazu ist seine Stimme zu wenig "mozarthaft" und zu unbeweglich in den wenigen sehr schnellen Passagen. Es war aber wohltuend, den Leporello von einem gestandenen Bassisten mit sehr viel Erfahrung zu hören. Für mich erbrachte er nach Vargicová die beste Leistung des Abends, er war heute gut bei Stimme. Jana Bernáthová war eine sehr, sehr gute Zerlina. Zwischenzeitlich habe ich mir gedacht, dass ihre Stimme nach größeren Aufgaben ruft, aber eingedenk ihrer Königin der Nacht denk ich mir, das passt schon mit der Zerlina. Martin Mikuš sang einen guten, wenn auch eher ungeschliffenen Masetto, ich weiß nicht, ob seine Stimme einfach so klingt, oder ob er mit Naturstimme singt. Juraj Peter war laut und ungeschliffen, was als Komtur durchaus passt (aber letztes Jahr hat mir Ján Galla viel besser gefallen). Der große Schwachpunkt war Martin Gyimesi, dessen Tamino im Dezember schon nicht wirklich überzeugend war, den es heute mit dem Ottavio aber zerlegt hat. Seine Stimme ist zwar recht schön, aber viel zu leise, und er steht sowohl oben als auch unten an (unter dem f war es schon sehr dünn). Wenn man schon beide Ottavio-Arien singt, sollte man sie auch halbwegs können. Ondrej Olos hat gut dirigiert, wenn auch ohne besondere Feinheiten. Dass es bei den Bläsern ein paar Aussetzer gegeben hat, ist nicht seine Schuld.
    • Mi., 20. Feber 2019: WIEN (Theater an der Wien): Felix Mendelssohn Bartholdy, Elias

      Mir, der ich weder etwas mit Mendelssohn-Musik noch mit Religionen anfange, hatte im vorhinein Übles geschwant: ein über zweistündiges Mendelssohn-Oratorium am unbequemen Theater-an-der-Wien-Stehplatz?! Langweilig? Weit gefehlt. Dass die 130 Minuten sehr spannend und keine Sekunde langweilig wurden, schreibe ich vor allem zwei Leuten zu: Christian Gerhaher und Calixto Bieito. Kurzfassung: Großartig, unbedingt hingehen!

      Es war höchste Zeit, dass Calixto Bieito nach Wien geholt wird, er ist schließlich seit Jahren einer der führenden Regisseure (und dass er ausgerechnet am Theater an der Wien sein Wiendebüt gibt, wundert mich nicht). Ich hatte letzten Juli seine Gezeichneten in der Komischen Oper Berlin gesehen und war davon sehr angetan. Auch heute hat mich das Ergebnis vollkommen überzeugt, und leider war ich nicht in der Premiere, sonst hätte ich zahlreiche Bravorufe den Buhrufen entgegengestellt. Bieto schafft es, dass es keine Sekunde langweilig wird. Elias wird als schwieriger Mensch gezeigt, die Menge als wankelmütig. Nichts ist "gegen das Werk" (was auch immer das heißen soll) gerichtet, alle Aktionen sind genau überlegt und einstudiert. Die Personenführung ist super. Kein Wunder, Bieito ist ein intelligenter Mensch, der den Mut hat, Konventionen aufzubrechen. Man stelle sich vor, es wäre eine konzertante Aufführung gewesen, nicht auszuhalten. Bieito zeigt, dass man auch aus einem Oratorium viel Szenisches herausholen kann; diese Produktion ist ein Musterbeispiel dafür. Einziger Kritikpunkt ist, dass die groß bemessene Bühnenkonstruktion vermutlich an einem größeren Haus mehr Eindruck gemacht hätte, was aber der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst anzulasten ist. Aber dieser kleine Kritikpunkt trübte nicht den äußerst positiven Gesamteindruck.

      Der zweite Erfolgsgarant war Christian Gerhaher. Nicht, dass ich es nicht schon gewusst hätte, aber der Mann ist ein phantastischer Sänger. Absolut perfekt. Die Stimme ist wunderschön, äußerst tragfähig im Piano, aber auch mit viel Durchsetzungsfähigkeit und Kraft an den lauten Stellen, die perfekt aus der Gesangslinie entwickelt werden anstatt einfach so hineingegrölt zu werden. Man versteht jedes Wort, der Ausdruck ist großartig, die Gesangstechnik vorbildhaft. Er und Markus Eiche sind für mich die einzigen legitimen Nachfolger meines Lieblingssängers Franz Grundheber (bloß dass Grundhebers Timbre härter ist). Ich würde mir an einem kleinen (!!!) Haus einen Fliegenden Holländer von Gerhaher wünschen; das könnte großartig werden (wird halt einmal ein ungebrüllter Holländer). Aber Gerhaher ist ein hochintelligenter Sänger, der sich auf Liedgesang spezialisiert hat und nur das singt, das zu seiner Stimme passt. Mit dem heutigen Abend bin ich endgültig Gerhaher-Fan geworden.

      Die anderen Mitwirkenden hatten es neben ihm natürlich schwer. Am besten hat mir Maria Bengtsson (Witwe) gefallen, Maximilian Schmitt (Obadjah) tönte nicht so erfreulich, die zahlreichen anderen pendelten sich zwischen diesen beiden ein. Sehr gut der Arnold-Schoenberg-Chor und das RSO-Orchester unter Jukka-Pekka Saraste. Viel Applaus, stark besucht (der Stehplatz bummvoll).
    • So., 24. Feber 2019: BERLIN (Staatsoper Unter den Linden): Richard Strauss, Elektra

      Evelyn Herlitzius als Elektra und ich - das scheint nicht zustandezukommen. Im Dezember 2017 war sie in Wien angesetzt und musste absagen, damals war Elena Pankratova die Ersatzfrau. Heute in Berlin war sie Ricarda Merbeth, die Gott-sei-bei-uns-Sopranistin großer Teile des Wiener Stammpublikums. Ich habe mich auf eine Katastrophe eingestellt und muss freudig bekannt geben: Es war eine wirklich gute Leistung! Freilich, eine "Hochdramatische" (copyright Werkeinführung) ist sie nicht, man hört, dass sie aus dem lyrischen Fach kommt und sich ihre Stimme zB als Daphne oder Jenůfa wohler fühlt. Aber sie kommt mit den Tücken der Partie erstaunlich gut zurande, ist gefordert, aber dank ihrer sehr guten Technik nicht überfordert. Nur zwei falsche Töne haben verhindert, dass ich mich zum Bravoschreien hinreißen lasse, aber das ist eine vernachlässigbare Kleinigkeit. Es wäre aber wünschenswert, dass sie diese Partie bloß als (gelungenen!) Ausflug ins hochdramatische Fach betrachtet und sich dann wieder leichteren Partien zuwendet, um nicht Raubbau an ihrem Material zu betreiben, aber ein Blick auf Operabase verrät, dass das nur ein frommer Wunsch ist (sie singt Isolde, Turandot etc.). Naja, heute war es jedenfalls wirklich gut, die Berliner Staatsoper ist für eine Staatsoper aber auch erstaunlich klein. Mit Vida Miknevičiūtė durfte ich eine mir vorher ganz unbekannte Chrysothemis kennenlernen. Es war eine sehr erfreuliche Begegnung. Ihre Stimme ist dramatisch, voluminös, dunkel timbriert und laut. An wenigen Stellen war zu merken, dass die junge Sängerin mit der Rolle an ihre Grenzen stößt, was aber durchaus verständlich ist (wer es nicht weiß: Die Chrysothemis ist auf gar keinen Fall leichter als die Elektra, vermutlich sogar schwieriger!). Ansonsten war alles in bester Ordnung, aber ich weiß nicht, ob es ihrer Stimme förderlich ist, jetzt schon eine so fordernde Rolle zu singen. Über die Klytämnestra des heutigen Abends kann man keine positiven Worte verlieren. Waltraud Meier ist eine verdiente Sängerin, aber das Schulbeispiel einer Fehlbesetzung. Die Klytämnestra-Szene kann wahnsinnig packend sein oder total langweilig, und heute war es in der Nähe von "total langweilig", dem Orchester ist zu verdanken, dass sie nicht völlig zum Einschlafen war. Frau Meier singt das alles ganz brav, aber es passt nicht, es ist mit einem Wort langweilig. "Das ist wahr, und das ist Lüge. Was die Wahrheit ist, das bringt kein Mensch heraus.", "Wenn einer etwas Angenehmes sagt, und wär es meine TOCHTER, wär es DIE DA, will ich von meiner Seele alle Hüllen abstreifen", "Ich will nicht länger träumen" etc. etc.: Die Klytämnestra hat unzählige packende Stellen, die muss man aber auch gestalten und darf sie nicht nur irgendwie mit einer halbwegs schönen Stimme singen. Das ist sonst einfach nix, in dieser Rolle ist bloßer Schöngesang kontraproduktiv. Dass ihre Stimme mittlerweile auch nicht mehr so klingt wie früher ist nach ihrem Lied-Jahr überhaupt keine Überraschung. Eine weitere fatale Fehlbesetzung war Stephan Rügamer, der mir letztes Jahr in Dresden als Oedipus Rex sehr gut gefallen hat. Aber für den Aegisth ist kein lyrischer Tenor vonnöten, sondern ein höhensicherer, etwas ausgeschrieener Heldentenor. Peter Seiffert müsste eine Idealbesetzung sein, in näherer Zukunft Andreas Schager. Rügamer war leider völlig fehl am Platze, das ist aber nicht seine Schuld, denn er hat merklich das Beste aus seiner Lage gemacht. Sehr gut hingegen René Pape in der ziemlich unwichtigen Rolle des Orest. Er verkörperte einen selbstbewussten Mann, dem man den Muttermord zutraut, und stimmlich war es, von manchen störenden Vokalverfärbungen abgesehen, erste Sahne, um Berlin-gemäß zu schreiben. Interessant besetzt waren manche Nebenrollen: Der 1924 (!!!) geborene Franz Mazura ist eine lebende Legende, er war nie ein Star, aber doch sehr solide. Freilich verwaltet er jetzt nur mehr Stimmreste, aber er setzt diese gut ein und lässt spüren, dass die Stimme einstmals gut war. Für den Pfleger des Orest ist das völlig ausreichend (er und Orest müssen ja auch "ein Alter und ein Junger" sein), außerdem macht er einen sehr agilen Eindruck. Ad multos annos! Unter den Mägden haben mir am besten Bonita Hyman (die ich morgen in Wien als Maria in Porgy and Bess hören werde) und Roberta Alexander (geboren 1949, keine taufrische Stimme, aber eine berührende und sauber geführte) als erste und fünfte Magd gefallen. In die Kategorie "rollendeckend" gehören Renate Behle (Vertraute+Aufseherin), Marina Prudenskaya (Schleppträgerin + zweite Magd), Katharina Kammerloher (dritte Magd) und Anna Samuil (vierte Magd). Eine einzige Peinlichkeit waren die beiden Diener, denn für den Jungen Diener braucht man nämlich einen wirklich guten Sänger! Herwig Pecoraro wäre ideal, übrigens ist das auch eine gute Rolle für Benedikt Kobel. Was aber Florian Hoffmann abgeliefert hat (viele Töne nicht erreicht, ohne Ausdruck), gereichte zum Fremdschämen, was auch für den Alten Diener von Olaf Bär gilt: Der Alte Diener hat zwar nur sechs Wörter, aber die muss man singen, nicht sprechen.

      Dass die bis jetzt mittelmäßig besprochene Vorstellung zum Ereignis wurde, für das sich der Aufwand von einem Tag und die Gesamtkosten von 50 Euro gelohnt haben, ist dem Orchester und der Inszenierung zu verdanken. Es war die letzte Regiearbeit von Patrice Chéreau (Bühnenbild von Richard Peduzzi, Kostüme von Caroline de Vivaise), sie hatte 2013 in Aix-en-Provence Premiere und wurde seitdem in zahlreichen Städten gezeigt, seit 2016 auch in Berlin. Das akustikfreundliche Bühnenbild stellt einen Hinterhof mit hoch aufragenden Mauern dar, und innerhalb dieser Szenerie findet großartige Personenführung statt. Keine Sekunde hatte ich das Gefühl, die Sänger würden einfach so durch die Szenerie stolpern. Nein, jeder Schritt hat Sinn, alles wirkt überlegt und geprobt, aber nie ungelenk. Man merkt, dass Chéreau wahrhaft ein Vollprofi ersten Ranges war. Erstaunlich, wie perfekt der Bühnenraum auf das Libretto abgestimmt ist (bei "Hier die Stufen, dass du nicht fällst!" waren auch wirklich Stufen auf der Bühne), und so manche Abweichung von der gewöhnlichen Praxis stört überhaupt nicht, zum Beispiel dass Aegisth vom Pfleger erstochen wird und nicht von Orest und dass der Junge Diener über die Fünfte Magd stolpert anstatt über Elektra. Jede Szene ist super gelöst, besonders gut gefällt mir der Auftritt Klytämnestras (Dienerinnen legen einen roten Teppich auf, alle verbeugen sich bei ihrer Ankunft, nur Elektra entbietet keinen Gruß, sondern stellt ihr euch aufrecht entgegen, und Chrysothemis steht abseits) und die Wiedererkennung Orest/Elektra (das alte, Agamemnon-treue Personal - Alter Diener Vertraute/Aufseherin und Fünfte Magd - findet sich auf der Bühne ein und begrüßt Orest bei "Die Hunde auf dem Hof erkennen mich, und meine Schwester nicht?!"), aber ausnahmslos jede Stelle ist gut in Szene gesetzt. Wenn ich da an unseren Laufenberg-Blödsinn in Wien denke, für den die modellhafte Inszenierung von Harry Kupfer geopfert wurde... Der hauptverantwortliche Erfolgsgarant saß aber im Graben: Was die Staatskapelle Berlin heute geboten hat, war Weltklasse allerersten Ranges, einfach grandios. Wer behauptet, die Wiener Philharmoniker seien das beste Orchester der Welt, möge sofort nach Berlin fahren und sich von der Unrichtigkeit seiner Behauptung überzeugen. Welch eine Dramatik, welch gewaltige Ausbrüche, aber auch welch einfühlsamer Lyrismus an den richtigen Stellen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine solch grandiose Orchesterleistung gehört zu haben, schon gar nicht in einer Elektra. Daniel Barenboim stand am Pult, am Anfang klang sein Dirigat noch etwas unausgewogen (zu konturlos in der Mägdeszene), aber spätestens ab der Klytämnestra-Szene war seine Leistung hervorragend. Dass die Staatskapelle ein so ausgezeichneter Klangkörper ist, ist in erster Linie sein Verdienst, der nicht genug bedankt werden kann. Die Aufführung ist schon seit einigen Stunden aus, aber ich bin noch immer ganz durch den Wind von dieser überwältigenden Orchesterleistung. Da können sich die angeblich so tollen Wiener Philharmoniker hinten anstellen!

      Ein Wermutstropfen ist, dass zwar einige Striche aufgemacht wurden (zB die Szene, die Inzest zwischen Elektra und Chrysothemis andeutet, was auf der Bühne auch entsprechend realisiert wurde), aber genau die entscheidende Szene fehlt. Die üblichen Striche in der Elektra haben sich im Unterschied zu den Strichen in der Frau ohne Schatten nicht etwa deswegen eingebürgert, weil sie eine entscheidende Erleichterung für die Sänger bringen. Nein, die Striche sind deshalb üblich, weil sie sexuellen Inhalt enthalten, und in einer ungekürzten Fassung erfährt man, dass die Ursache für Elektras krankhafte Anbetung des toten Vaters sexueller Missbrauch ist ("Diese süssen Schauder hab ich dem Vater opfern müssen. Meinst du, wenn ich an meinem Leib mich freute, drangen seine Seufzer, drang nicht sein Stöhnen an mein Bette? Eifersüchtig sind die Toten"). Diese Zeilen haben auch heute gefehlt, und das ist einfach nur peinlich. Langsam sollten wir alle im 21. Jahrhundert angekommen sein und kapiert haben, dass diese Zeilen im Libretto enthalten sind und entscheidende Informationen für das Verständnis desselben enthalten. Nichtsdestoweniger: Diese Elektra ist anständig "eingefahren". Lange Zeit war die Elektra meine Lieblingsoper, bis ich gemerkt hab, dass Janáček viel besser ist als der Spießer und Selbstdarsteller Strauss. :humor1: Aber Salome ist genauso wie Elektra ein Meilenstein. Für tolle Aufführungen wie heute nehme ich gerne Reisen in Kauf, die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt.
    • 18. + 25. Feber 2019: WIEN (Volksoper): George Gershwin, Porgy and Bess

      18. Feb. 2019

      Man kann der Volksoper nicht genug danken, dass sie dieses tolle und musikgeschichtlich so wichtige Werk zeigt - und es wäre sehr zu hoffen, dass es nicht erneut 50 Jahre dauert, bis Porgy and Bess wieder in Wien zu hören ist!! Leider ist es diesmal nur eine konzertante Produktion (das liegt angeblich daran, dass Gershwin verfügt hat, dass die "schwarzen" Rollen (und das sind die meisten) nur von schwarzen Sängern interpretiert werden dürfen, aber das find ich reichlich absurd, denn man muss sich nicht um die Vorgaben des Komponisten kümmern), was vor allem bei den beiden Morden seltsam anmutet (die Kontrahenten stehen einander gegenüber, der eine breitet die Arme aus, auf einmal geht das Licht aus, das den anderen beleuchtet hat), aber weil zumindest die Hauptrollensänger ihre Rollen gut gespielt haben, ist dieses Manko nicht allzu stark ins Gewicht gefallen. Freilich: Eine szenische Wiedergabe wäre vor allem bei diesem Stück wünschenswert (wie auch generell: Oper konzertant halte ich für ein Missverständnis). Ein weiteres Missverständnis ist der Irrglaube, es würde sich hier um ein Musical halten. Nein, es ist eine ernstzunehmende Oper, und mit Jazz hat Porgy and Bess genauso viel zu tun wie Richard Wagner mit guter Musik, nämlich fast gar nichts. :humor1: Porgy and Bess ist eine sehr gute Oper, die sich einen dauerhaften Platz im Repertoire verdient hat!

      Die Freude, diesem Werk zu begegnen hat mich für so manche grenzwertige Sängerleistung entschädigt und insgesamt einen sehr guten Gesamteindruck verursacht. War ich in der Pause noch recht zwiegespalten, hat mich der zweite Teil deutlich mehr gepackt (nebenbei: Man sollte die Pause nach dem 1. Bild des 2. Aktes machen und nicht nach dem 2. Bild des 2. Aktes). Morris Robinson war für mich der große Schwachpunkt des Abends, obwohl er sich nach der Pause gesteigert hat. Er singt ziemlich komisch, er schiebt die Töne irgendwie hinaus (ich kann es nicht besser beschreiben), und vom Text hat man rein gar nichts verstanden. Den amerikanischen Slang hat er aber (wie die meisten anderen) sehr gut getroffen, und zumal er schauspielerisch gut war, den Porgy mit viel Herzblut gestaltet hat und auch den einzigen Sympathieträger in diesem Gewurl von Unsympathlern verkörpert hat, war ihm starke Zustimmung gewiss. Melba Ramos war einst eine wirklich gute Sängerin, aber in letzter Zeit ist sie am absteigenden Ast, die Stimme hat Verschleißerscheinungen. Heute hat mich das aber nicht besonders gestört. Eine sehr gute Leistung erbrachte Lester Lynch als Crown, auch er hat eine irgendwie merkwürdige Technik, gefällt mir aber sehr gut (denselben Eindruck hatte ich letztes Jahr in Dresden bei seinem Prigioniero). Ray M. Wade Jr. war der richtige Interpret des Sporting Life; in einer Opernpartie, in der man auch schön singen muss, will ich ihn mir nicht vorstellen. Das restliche Ensemble hat seine Sache gut gemacht, mit Ausnahme von Rebecca Nelsen, die als Clara negativ aufgefallen ist (ihr "Summertime" am Anfang war ziemlich erschreckend). Chor und Orchester unter Joseph R. Olefirowicz waren sehr engagiert dabei.

      Glücklicherweise wird in der Originalsprache gesungen mit deutschen Übertiteln (in die sich leider ein paar ärgerliche sprachliche Fehler eingeschlichen haben, kann mittlerweile niemand mehr Deutsch?) Fazit: Nicht verpassen!



      25. Feb. 2019

      Im wesentlichen gelten meine Eindrücke von letzter Woche auch heute.

      Rebecca Nelsen hat mir heute aber viel besser gefallen, vielleicht war sie ja letzte Woche indisponiert. Der Sänger des Robbins (Alexander Pinderak) konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht singen, weswegen der Dirigent Joseph R. Olefirowicz während (!) des Dirigierens auch die Partie des Robbins übernahm. Olefirowicz ist mir als Dirigent lieber als als Sänger, aber natürlich bin ich sehr froh über seine Bereitschaft, die Rolle zu übernehmen. Melba Ramos hat mir heute etwas besser gefallen, Lester Lynch etwas schlechter, sonst hat sich für mich nichts geändert. Das Stück gefällt mir wirklich gut, eine gewisse Ähnlichkeit zu Peter Grimes ist nicht zufällig. Hoffentlich ist es bald wieder in Wien zu hören!
    • Bratislava – Wien – Bratislava – Wien – Berlin – Wien

      5 Opern bzw. 6 Vorstellungen in 10 Tagen – ein wahrhaft gigantisches Programm!
      Und dann noch die ausführlichen Berichte dazu! Meinen Respekt!
      Machst du so etwas öfter?
      Viele Grüße aus Sachsen
      Andrea
    • Ehrlich gesagt war das Programm noch gigantischer, es waren nämlich 10 Kulturtermine in 10 Tagen :thumbsup: Dazwischen war ich noch in Wien bei einem Klavierabend, bei zwei konzertanten Opern und einem Ballett, aber darüber hab ich nichts geschrieben. Aber ich hab auch andere Sachen im Leben zu tun, davor war eine knappe Woche Musik-Pause, und jetzt danach auch. Aber was soll man machen, wenn es 10 Tage hintereinander in meiner Nähe Aufführungen gibt, die mich interessieren und die Karten wirklich wirklich billig sind..
      Die Berichte hab ich meistens auf der Heimfahrt am Handy geschrieben, da hab ich eh Zeit dafür. Natürlich war es ziemlich viel, und so viele verschiedene Aufführungen in so kurzer Zeit zu verarbeiten ist nicht ganz leicht, ja :D
    • Sa., 2. März 2019: LINZ (Musiktheater): Othmar Schoeck, Penthesilea

      Heute konnte ich eine Rarität meiner Opernliste hinzufügen, nämlich die 1927 uraufgeführte Penthesilea von Othmar Schoeck nach Worten Heinrich von Kleists. Schoeck ist, wie im Programmheft völlig richtig vermerkt wird, eigentlich keiner Stilepoche zuzuordnen - am ehesten würde ich ihn zur Spät-Spätromantik rechnen, er ist aber - was die Penthesilea betrifft - musikalisch weiter als beispielsweise Richard Strauss. Die Penthesilea ist kein Jahrhundertwerk, aber doch ein ziemlich hörenswertes und glücklicherweise ein sehr kurzes. Die Oper spielt im Troianischen Krieg, und nicht auszudenken, wenn ein Regisseur tatsächlich die Angaben wörtlich genommen hätte und ein Pseudo-Troia auf die Bühne gestellt hätte, das wäre komplett lächerlich und langweilig geworden, zumal dieses Werk auch nicht gerade vor Expressivität glüht - auf Deutsch gsagt wechseln sich wunderbare Stellen (v.a. im Orchester) mit ziemlichen Durchhängern ab. Peter Konwitschny, einer meiner Lieblingsregisseure, hat mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Johannes Leiacker das Orchester auf die Bühne gestellt und die Sänger auf den mit einem weißen quadratischen Brett teilweise überdeckten Orchestergraben. Neben und hinter diesem Brett gibt es Sitzpläze für einen Teil des Publikums, und auf dem Brett befinden sich zwei Flügel, auf denen gespielt wird (im doppelten Sinne: sowohl Klavier, als auch wird AUF den Flügeln szenisch agiert). Auch sonst wird der Zuschauerraum (wie für Konwitschny typisch) miteinbezogen, daher hatte ich nicht das Gefühl, einer klassischen langweiligen Opernaufführung beizuwohnen sondern einer ungewöhnlichen und spannenden Realisierung dieses zu Unrecht so selten gespielten Werkes. Die Geschichte ist aus dem antiken Kontext losgelöst und wird als allgemeiner Geschlechterkampf Mann-Frau gezeigt, was sehr gut passt, da das ja auch im Stück enthalten ist. Bühnenbilder gibt es keine, sie wurden aber auch nicht vermisst. Bisweilen ist der Heinrich-von-Kleist-Text ganz dezent verständlicher gemacht, aber die Eingriffe betreffen nur ein Minimum. Gekürzt wurde nichts, und es wurde auch nichts hinzugefügt. Befürchtungen, ob sich die ungewöhnliche Anordnung als nachteilig für die Akustik erweist, können bedenkenlos in den Wind gestreut werden - und wenn die Sänger bei ihren wenigen aus dem Zuschauerraum zu singenden Passagen nicht so gut vernehmbar sind, ist wenigstens das Orchester gut zu hören.

      Und ja, das Bruckner-Orchester war heuter DER Erfolgsgarant. Was da aus dem Orchester gekommen ist an Schattierungen, Dramatik und Schwelgen in der Spätromantik, das war wirklich gut und hätte viel mehr Jubel verdient. Das Brucknerorchester hat sich toll entwickelt, und ich freue mich schon auf Mittwoch dieser Woche, wenn ich es im akustisch leider völlig inakzeptablen Wiener Musikverein mit dem Busoni-Klavierkonzert und der 4. Brahms hören werde. Der Dirigent Leslie Suganandarajah hat gute Arbeit geleistet, aber er hat die ohnehin nicht besonders spannende Schluss-Szene hat er wie einen Kaugummi in die Länge gezogen, was wirklich nicht notwendig gewesen wäre und die Dauer von üblichen 80 Minuten auf 91 Minuten hinaufkatapultiert hat. Die Sänger betreffend war ich sehr zufrieden, und sämtliche abschätzige Äußerungen über die Provinz dürfen gerne unterbleiben. Besonders ausführlich kann ich mich mangels Kenntnis des Stückes nicht äußern, aber Dshamilja Kaiser hat mir sehr gut gefallen. Man könnte sich natürlich eine etwas heldischere Stimme wünschen, aber wo gibt es die derzeit? Martin Achrainer war als Achilles besser als erwartet. Ja, Achrainer kommt vom Liedgesang, klingt dementsprechend, ist kein Heldenbariton und hat für diese Rolle viel zu wenig Tiefe, aber für den Achilles braucht man eben nicht nur eine Wotan-Stimme, sondern auch feinere Töne, über die er verfügt. Diese Beschreibung klingt schlechter, als es war; es war schon eine sehr passable Leistung. Äußerst zufrieden war ich mit dem restlichen Ensemble: nur sehr gute Leistungen. Das waren: Julia Borchert als Prothoe, Katherine Lerner als Meroe, Vaida Raginskytė als Oberpriesterin der Diana, Matthäus Schmidlechner als wohltuend höhensicherer Diomedes und Gotho Griesmeier als Erste Priesterin. Die Vorstellung wurde trotz gut besuchtem Hause eher gelangweilt aufgenommen, für den Regisseur ein Buhruf und zwei, drei Bravorufe von mir.

      Galeriebesucher nehmen die linke Seite, denn rechts spielt sich viel mehr ab als links. Die Vorstellung endet um 21:01, also geht sich sich der 21:16-Zug nach Wien aus, wenn man sich nicht mehr Zeit als notwendig lässt.
    • Quasimodo schrieb:

      Dein ausführlicher und informativer Beitrag hätte durchaus einen eigenen Thread verdient, anstatt alsbald im Operntelegramm zu verschimmeln!

      Danke für Deine freundlichen Worte! Gegen eine Auslagerung hätte ich nichts einzuwenden. :)

      :wink:

      Ausgelagert.
      AlexanderK,, Moderation
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger