Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • 9. März 2019: WIEN (Volksoper): Richard Wagner, Der fliegende Holländer

      Die Volksoper sei nicht in der Lage, "große Oper" zu spielen, und das sei nicht ihre Aufgabe - wer das behauptet, verzapft Blödsinn. Natürlich soll die Volksoper ein breites Repertoire abdecken, und wenn sie das auch so gut macht wie heute, dann habe ich gar nichts dagegen. Ich habe nur etwas dagegen, dass sie sich ausgerechnet für Wagner entschieden hat (als ob es keine besseren Komponisten gäbe!), aber den Holländer ordne ich als Wagner-Nicht-Fan zur besseren Wagner-Hälfte. Natürlich ist die Musik durchgehend sehr sehr einfach gestrickt, aber insgesamt doch deutlich erträglicher als Parsifal, Tannhäuser oder der Ring oder oder...

      Die Aufführung hätte allerdings nicht "Der fliegende Holländer" heißen sollen, sondern "Daland, ein norwegischer Seefahrer". Stefan Cerny war großartig, jedes Haus könnte sich glücklich schätzen, einen solch erstklassigen Bassisten im Ensemble zu haben. Er besitzt eine sehr große, volle, warme Bassstimme, singt wortdeutlich und technisch ausgezeichnet. Seine oftmalige Unart, das Verfärben bestimmter Vokale, nimmt immer weiter ab (heute war sie nur ganz selten zu merken), und mit Ausnahme eines zu gebellten "wenn dieser FremdEEE bei uns wohnt" singt er wunderbar auf Linie. Nur bei den ganz tiefen Tönen (welche es sind, weiß ich nicht, ich habe keinen Klavierauszug da) war zu merken, dass er sich damit ein bisschen plagt, aber er hat sie so gesungen, wie sie gehören, und nicht den Fehler gemacht, die Stimme künstlich abzudunkeln. Positiv rechne ich ihm auch an, dass er im Duett mit dem Holländer seine Riesenstimme sehr zurückgenommen hat, um seinen Kollegen nicht zu übertönen. Insgesamt eine großartige Leistung, die auch stark akklamiert wurde. Markus Marquardt war der Schwachpunkt, er fällt in die Kategorie "in Ordnung". Die Produktion war ja für Sebastian Holecek geplant, der an der Volksoper seit 2017 nicht mehr auftritt (was seine Gründe hat), und Marquardt ist eben nur ein Ersatzmann. Seine Stimme ist zwar wirklich schön, er kann gut singen, aber das wars auch schon. Zuweilen kämpfte er mit den Tücken der Partie, mehrmals schien er erschöpft, hat sich aber immer noch gut gefangen. Gestaltung beschränkt sich bei ihm auf "laut" und "leise". Farben in der Stimme - Fehlanzeige. Dabei hätte der Holländer doch wirklich viele Passagen, die man gestalten kann ("Das Heil, das auf dem Land ich suche, nie werd ich es finden!", "Wird sie mein Engel sein?", "Du aber sollst gerettet sein!" etc. etc.), sei's drum. MEIN Holländer ist Franz Grundheber, jeder andere Holländer dient nur zur Überbrückung bis zum nächsten Grundheber-Holländer, zu dem es aber wohl nicht mehr kommen wird. Marquardt mag für die Volksoper in Ordnung sein, aber dort hat man ja zum Beispiel auch einen Martin Winkler. Sehr zufrieden konnte ich aber mit dem Erik sein: Tomislav Mužek ist an einem kleinen Haus ein idealer Erik: Seine Stimme hat genau die richtige Mischung aus heldisch und lyrisch, er singt ausgezeichnet. Das war eine sehr erfreuliche Erstbegegnung, bitte gerne häufiger. Zwiegespalten bin ich bei der Senta von Meagan Miller: In den dramatischeren Passagen super, aber bei den lyrischen war mein Eindruck, dass die Stimme zu stark auf hochdramatisch getrimmt ist, obwohl sie es nicht ist. Wenn sie so weitermacht, ist wieder einmal eine tolle Sängerin verheizt. In den kleinen Rollen waren JunHo You und Martina Mikelić wirklich gut (er wird immer besser und hat mittlerweile ein super Niveau erreicht, sie war nicht ganz so gut wie gewohnt). Ein ganz großes Kompliment muss man dem Chor machen (einstudiert von Holger Kristen), es war ein vollkommen einheitlicher Klang und alles bestens. Das Orchester war in Ordnung, der Dirigent Marc Piollet hat gute Arbeit gemacht. Ein paar unsichere Einsätze bei den Bläsern bin ich von der Volksoper schon gewohnt.

      Einen großen Teil zum Erfolg des Abends trug die Inszenierung von Aron Stiehl (Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann; Kostüme von Franziska Jacobsen) bei. Ganz im Gegensatz zur Mielitz-Produktion an der Staatsoper, in der die Geschichte realistisch erzählt wird (mit dem Feuer als Element des Holländers, daher Selbstverbrennung Sentas, mit Daland als geldgierigem Händler, mit Bildern von Kommunisten, mit Alkoholorgien, mit einer Art Massenvergewaltigung), zeigt die Volksoper eine psychologische Interpretation, eine Art Reise durch die Tiefen und Labyrinthe der Seele. Wichtig ist, dass eine "positive" Interpretation gezeigt wird: Während der Ouvertüre öffnet sich beim Erlösungsmotiv der Vorhang, der Holländer schreitet in einer in bläulich-schwarzes Licht getränkten Bühne fürbass und nähert sich einer blauen Fläche, ähnliches tut Senta ganz am Ende während des Erlösungsmotivs (das nicht gestrichen wird!). Stiehl hat vor zwei schon eine sehr gute Wally geliefert, der Holländer ist aber noch besser! Der Bühnenbildaufbau ist ähnlich, recht quadratisch, in den sich abwechselnden Farben blau, rot und schwarz, außerdem durch seine Abgeschlossenheit sehr sängerfreundlich (gute Akustik!). Die Personenführung ist super, man merkt, dass Stiehl bei einem Meister wie Konwitschny gelernt hat. Zahlreiche Details sind super, wie zum Beispiel die erste Begegnung zwischen Senta und dem Holländer. Der Holländer ist hier ein seelisch zerrissener Mensch. Ausgezeichnet finde ich die Einsetzung des Chores im dritten Akt: Der Chor singt ganz normal das "Steuermann, lass die Wacht!", und die Mannschaft des Holländers setzt dann per Audio-Aufzeichnung aus den Lautsprechern hinter den Zuschauern ein. Normalerweise bin ich strikt gegen die Verwendung von künstlichen Klangverstärkern, aber das hat (zumindest vom Galeriestehplatz) eine gewaltige Wirkung gehabt (zumal die Bühne dann auch von blau in rot getaucht wurde). Im Finale steht der Chor auf der Galerie und singt seine wenigen Sätze von dort, was auch super gewirkt hat. Der Dirigent tut mir jedenfalls leid, wenn er ein Orchester und einen Chor auf der Bühne mit einem per Aufnahme zugespielten Chor unter einen Hut bringen muss, Hut ab.

      Bemerkenswert ist, dass die Inszenierung nicht nur mir als bekennendem "Regietheater"-Fan gefallen hat, sondern dass (wie ich nachher in kurzen Gesprächen erfahren habe) auch zahlreiche Opernbesucher mit einer konservativeren Erwartungshaltung sehr angetan waren. Das war endlich ein wirklicher Premierenerfolg, der seinen Namen verdient. Wer Gelegenheit hat, sollte die Produktion nicht versäumen. Am Dienstag hör ich mir die Alternativbesetzung an und bin schon gespannt.
    • 11. März 2019: WIEN (Staatsoper): Pietro Mascagni, Cavalleria rusticana + Ruggero Leoncavallo, Pagliacci

      Es ist schon bitter, wenn man sich schon lange auf eine Vorstellung gefreut hat und dann fast komplett enttäuscht wird. Das heute war eine Katastrophe in fast jeder Hinsicht und keines "ersten Hauses" würdig. Man muss nicht in der Vergangenheit stöbern, um bessere Aufführungen von Cavalleria rusticana + Pagliacci zu finden, erst vor einem Jahr hab ich in Bratislava zwei Aufführungen erlebt, die in fast jeder Hinsicht viel besser als heutige waren. Deshalb unterlasse ich seit dem heutigen Tag in nächster Zeit meine Besuche an der Wiener Staatsoper, denn ich bin zukünftig nicht gewillt, mich stundenlang für eine Stehplatzkarte anzustellen, um dann mit zahlreichen Touristen und (teilweise zwar reserviert habenden, aber trotzdem nicht erscheinenden) Rollstuhlfahrern um die Stehplätze zu kämpfen und mit einer schlechten Aufführung abgespeist zu werden. In Wien und Umgebung gibt es bessere Häuser!!

      Aber ich will nicht ungerecht sein. EINE Weltklassebesetzung gab es ja heute, und das war Elīna Garanča als Santuzza. Im Gegensatz zur Dalila im vergangenen Mai kommt die hoch angelegte Santuzza ihrer Stimme entgegen (wiewohl genau einmal kurz zu merken war, dass sie mit der Höhe doch noch kämpft). Aber das ist eine Kleinigkeit, ansonsten war alles wunderbar. Die Stimme ist laut genug (nicht so laut wie die von Dolora Zajick - warum singt sie schon ewig nicht mehr in Wien? -, aber das macht nichts) und technisch super, es war alles richtig. Des weiteren ist mir positiv aufgefallen, dass sie die einzige war, die ihre Rolle auch zu spielen versucht hat. Aber allein ohne einen Turiddu kann sie da nichts ausrichten, denn dieser war kaum vorhanden. Zunächst habe ich mich noch gefreut, dass Yonghoon Lee so, wie es vorgesehen ist, von Lolas Balkon klettert, aber gleich danach glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Turiddu muss die Siciliana ja HINTER der Bühne singen, und was tut Lee? Er stellt sich gut sichtbar hin und schmettert "O lola ch'ai di latti la cammisa..." ins Publikum, was nicht so vorgesehen ist und ich noch nirgends erlebt habe. Was soll das?! Und leider war auch die akustische Qualität überhaupt nicht gut. Beim Trinklied hatte er ein paar gute Momente mit bombensicheren (wenn auch gedrückten) Höhen, aber alles davor und danach war so, als ob es gar nicht gewesen wäre. Er war einmal ein wirklich guter Sänger, hat sich aber überfordert, und wenn man mit einer nicht ganz richtigen Technik zu früh zu viele schwere Rollen (Calaf, ...) singt, dann klingt man jetzt mit gerade einmal 45 Jahren völlig ausgesungen. Alles ist kehlig und gepresst und zeigt Verschleißerscheinungen. Schlimm war auch seine Nicht-Gestaltung. Die Cavalleria ist ja nun mal kein Selbstläufer, da braucht man engagierte Sänger, die ihre Rolle zu gestalten wissen. Eine passende Partnerin hätte er ja gehabt, aber Lee bringt überhaupt nichts mit, was ich von einem Turiddu erwarte. Zu den Aufgaben eines Sängers gehört nicht nur das korrekte Abliefern der Töne und Ausfüllen eines Regiekonzeptes, sondern ein Sänger muss den Rollen auch seinen Stempel aufdrücken können, muss sich zurechtfinden, wenn er keinen Regisseur hat, der ihn anleitet. Lee hat nichts zu bieten außer Standard-Operngesten. Dass er ganz mechanisch auf die Bühne ging (mit Blick nach links) und "Tu qui, Santuzza?!" sang, ohne überhaupt jemals zur rechts stehenden Santuzza geschaut zu haben, passt wunderbar in dieses Bild. Alles wirkte so einfallslos, so einstudiert und so mangelhaft, genau wie auch seine gesangliche Darbietung. Das Trinklied ist ihm, wie erwähnt, recht gut gelungen, aber den Abschied von der Mutter hat er wieder geschmissen. Schade, er war ja noch vor ein paar Jahren wirklich gut! Das größte Desaster vor der Pause war aber der Alfio von Paolo Rumetz. Was war denn das bitte? Rumetz hat sich durch sein spontanes Einspringen während der Rigoletto-Premiere zwar Verdienste erwiesen, aber nicht solche, dass man ihn jetzt als Alfio besetzen müsste. Für den Mesner oder den Dulcamara geht es sich vielleicht noch aus. Rumetz hat sich mit seiner heiseren Stimme völlig effektlos durch den Alfio gegrölt, es war grotesk. Dass er auch noch die Aura eines gutmütigen Großvaters versprüht, der keinem Lebewesen etwas zuleide tun möchte (und so ist der Alfio ja wirklich nicht gestrickt), war dem Gesamteindruck auch nicht gerade förderlich. Eine recht gute Leistung bot Svetlina Stoyanova in der unproblematischen Rolle der Lola, aber Zoryana Kushpler hat es auch heute als Lola geschafft, negativ aufzufallen. So wie immer schepperte auch heute ihre Stimme, die überhaupt keinen schönen Klang hat. Nein, die Cavalleria war nichts, von Garanča abgesehen.

      Leider war der Bajazzo noch schlimmer, und das heißt was. Gefreut hatte ich mich auf Fabio Sartori, doch ehrlich gesagt stellte er genau die Karikatur eines italienischen Tenors da. Manche Höhen waren zwar recht imposant, aber das wars auch schon wieder. Die ganze Rolle wurde derart teilnahmslos heruntergesungen, so als ob er keine Ahnung hätte, wie er den Canio gestalten sollte (und aus dieser Figur kann man ja etwas machen, genauso wie aus dem Turiddu!). Zu allem Überdruss schluchzte er dann noch ein paarmal nach dem Vesti la giubba, und dieses aufgesetzte Gefühlsgetue hasse ich. Der letzte Wiener Canio war Neil Shicoff, und der war aus ganz anderem Holz gestrickt - er WAR Canio, anstatt nur dazustehen und zu singen, ein paar Standardgesten inkludiert. Marina Rebeka war auch nicht überzeugend, ein paar schrille Töne, ein paar belanglose, einfach nicht überzeugend. Am besten war noch George Petean als Tonio, von dem ich aber auch kein Fan mehr werde. Die Stimme klingt mir zu weich und substanzlos, aber es war schon noch in Ordnung. Jörg Schneider ergänzte als Beppo gut. Dass Igor Onishchenko als Silvio ein Totalausfall war (viel zu leise und gedrückt - wo hat er singen gelernt und was qualifiziert ihn für die Staatsoper), war dann auch schon egal. Der Dirigent Graeme Jenkins hat weder vor noch nach der Pause etwas unternommen, um ein bisschen Drive hineinzubringen. Die Cavalleria schleppend und ohne Spannungsbogen, der Bajazzo so lala. Orchester und Chor haben stark gepatzt (einige falsche Töne im Orchester, und Chor und Orchester waren des öfteren nicht synchron, insbesondere nicht im Bajazzo). Und überhaupt apropos Chor: Die Frauenstimme am Ende der Cavalleria muss rufen "Hanno ammazzato compare Turiddu!" und nicht "Hanno ammazzato compare Turiddu! + schluchzen schluchzen schluchzen". Was soll das?

      Dass ich mich jetzt kurz danach kaum mehr an die Aufführung erinnere und mir den Text großteils aus den Fingern saugen muss, sagt viel aus. Enttäuscht war ich leider auch von der Inszenierung. Regie und Ausstattung stammen noch von Jean-Pierre Ponnelle, und diese Produktion hab ich immer für eine sehr gute gehalten. Nur war davon heute nichts zu sehen. Die Kulissen sind zwar schön anzuschauen, aber es findet Stehtheater statt, indem viel gestanden, viel geschritten und ein paar Requisiten unbeholfen durch die Gegend getragen werden. Wenn man dann noch Sänger geboten bekommt, die mit ihren Rollen so überhaupt nichts anzufangen wissen und sich auf auswendiggelernte Standardgesten beschränken und auch nicht gut singen, ist das Ergebnis nicht zufriedenstellend. Das war heute wirklich nichts, schade um die Zeit.
    • 12. März 2019: WIEN (Volksoper): Richard Wagner, Der fliegende Holländer

      Heute war ich nochmals im Holländer, um mir die Zweitbesetzung anzuhören, außer Holländer und Mary waren alle Rollen anders besetzt. Markus Marquardt hat mir heute besser gefallen, vielleicht hat ihm am Samstag die Hausdebüt-/Premierennervosität einen Streich gespielt oder er war nicht ganz fit. Heute jedoch hat er besser durchgehalten und besser auf Linie gesungen, wenn man das so ausdrücken kann. Auch Martina Mikelić war besser. Demgegenüber bedeutete der Daland von Andreas Mitschke eine große Verschlechterung: Dafür dass mir seine Stimme für diese Rolle zu hell ist, ist nicht seine Schuld, aber er hat die Rolle so beiläufig gesungen und ohne Bögen, sondern jeden Satz irgendwie für sich. Vielleicht war er heute nicht auf der Höhe, aber seinetwegen ist der erste Akt ziemlich langweilig gewesen. Hingegen war Kristiane Kaiser eine für Volksopernmaßstäbe tolle Senta. "Für Volksopernmaßstäbe" deshalb, weil ich sie mir nicht an einem großen Haus in dieser Rolle vorstellen kann, dafür ist die Stimme zu klein und zu lyrisch. Aber das soll ihre Leistung nicht schmälern. Es war erfreulich, die Senta von keiner (ausgeschrieenen) Wagner-Heroine zu hören, sondern von einer Sängerin, die noch viel im lyrischen Fach aktiv ist, folglich das junge Mädchen stimmlich glaubhaft verkörpern kann und eine unverbrauchte Stimme besitzt. Sie hat alle Töne und kann auch mit genügend Kraft die lauten Stellen meistern, hat aber auch großartiges Piano für Stellen, für die es notwendig ist (zB "noch nie ein treues Weib er fand"). Es war zu merken, dass sie noch recht unsicher war, aber das wird sich in Folgeaufführungen verringern. Zwiegespalten bin ich beim Erik von Vincent Schirrmacher. Auf der positiven Seite ist, dass er ein phantastisches Material hat und mit den zahlreichen fiesen Tücken der Partie (mit denen sogar, wie mir heute erzählt wurde, ein Johan Botha gekämpft hat) erstaunlich gut zurande kommt. Das ist ja schon mehr als die meisten Sänger bieten, und die Volksoper muss froh sein, ihm im Ensemble zu haben. Auf der negativen Seite steht aber, dass er alles genau gleich singt. Farben, Schattierungen, Gestaltung sind ihm Fremdwörter, insofern kann man bei ihm in tenoralem, strahlenden Wohlklang baden, aber wer sich eine etwas differenziertere Rollengestaltung wünscht, wird ihn nicht zu seinen Favoriten zählen. Zusätzlich kommt hinzu, dass er heute recht ungenau war und über mehr als die Hälfte der Verzierungen recht schlampig drübergesungen hat. Dennoch eine sehr gute Leistung. Szabolcs Brickner war heute der Steuermann und tönte besser (höhensicherer) als üblich, aber gefallen hat er mir trotzdem nicht. Der Chor war nach wie vor super (wenngleich die Frauen des Chores nicht mehr so gut wie in der Premiere), das Orchester war auf dem üblichen Volksopern-Niveau, was nicht besonders positiv, aber auch nicht ganz negativ gemeint ist. Marc Piollet war hauptsächlich damit beschäftigt, alles zusammenzuhalten, da hatte er nicht mehr viel Kapazität für Gestaltung. Die Inszenierung finde ich nach wie vor super.
    • Der feurige Engel in Düsseldorf

      Eben gehört in der Deutschen Oper am Rhein: Eine überwältigende Inszenierung von „Der feurige Engel“ von Prokofijev. Solisten, die musikalisch in der russischen Avantgarde zu Hause sind (Boris Statsenko, eine famose Svetlana Sozdateleva, Timo Riihonen, Sami Luttinen) tragen eine unglaublich präzise, durchdachte und ideenreiche Regiearbeit. Immo Karaman hat eine irre Durchdringungstiefe des Stoffes erreicht und eine geniale Bühnenregie hingezaubert (macht Appetit auf seine Tote Stadt im Frühsommer in Wuppertal!). :clap:

      Die Düsseldorfer Symphoniker musizieren grimmig, aber auf den Punkt. Die Chordamen haben einen großartigen Abend. Wer kann, sollte sich diese Wiederaufnahme aus der Saison 2014/15 unbedingt antun; geht noch am 24. und 31.3.

      Aus dem Westen grüßt

      Dispro
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Es freut mich, dass Du einen überwältigenden Abend erleben konntest! Boris Statsenko sagt mir irgendwas, die anderen Mitwirkenden leider nicht.
      Prokofjew mag ich auch sehr, ich hatte ihn unlängst ein paarmal im Konzert - und in einem Monat werd ich in Berlin die Verlobung im Kloster erstmals hören.
    • Mo., 18. März 2019: WIEN (Theater an der Wien): Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Die Jungfrau von Orléans

      Eigentlich wollte ich über die heutige Aufführung nichts schreiben, weil ich das Stück nicht gut genug kenne, um mich sinnvoll äußern zu können, aber nachdem ich jetzt einige (negative) Kritiken gelesen/überflogen habe, möchte ich festhalten, dass mir die Vorstellung sehr gut gefallen hat. Wer sich historisierende Kostüme erwartet, wird natürlich vor den Kopf gestoßen - aber sind wir uns ehrlich: Wie soll man denn heutzutage die Jungfrau von Orléans inszenieren, dass es glaubhaft wirkt und nicht komplett verstaubt? Wenn Renate Wagner schreibt: "Was sie [die Regisseurin Lotte de Beer, Anm.] erzählen will, wird so gut wie nie klar. Ein Traumspiel vielleicht, weil Johanna sich im Lauf des Geschehens verdoppelt?", dann irrt sie. Natürlich wird die Handlung NICHT als Traum Johannas inszeniert, auch wenn das in der Standard-Kritik von Ljubiša Tošić auch so ähnlich ("tagträumt sie") steht. Also ist das ein weiterer Beweis für "Selbst hingehen und sich eine Meinung bilden ist besser als Kritiken lesen". Die Inszenierung spielt mit verschiedenen Zeitebenen und "ändert" das Stück nur insofern, als dass Johanna nicht aus religiösen Motiven handelt, sondern aus feministischen Motiven einer jungen Frau. Man muss dem, was die Regisseurin in Interviews über das "Patriachat" sagt, nicht zustimmen, aber die Inszenierung erzählt die Geschichte für mich verständlich, wirkt stimmig und bringt einige gute Ideen (zB dass eine Gruppe an Feministinnen auftritt anstatt der Vision der himmischen Heerscharen am Ende des ersten Aktes) und Details. Musikalisch war der Arnold-Schoenberg-Chor der Star des Abends, die Symphoniker unter Oksana Lyniv auch sehr ordentlich, die Sänger waren auf Theater-an-der-Wien-Niveau: Also nicht wirklich schlecht, aber gut ist was ganz anderes, man darf aber auch nicht vergessen, dass Johanna (Lena Belkina) und Lionel (Kristján Jóhannesson) noch recht jung (ca. 30 Jahre) sind. Besonders positiv ist mir Daniel Schmutzhard als Dunois aufgefallen, auch Willard White als Thibaut hat mir sehr gut gefallen. Die Oper selbst ist halt eine typische (aber vergleichweise recht gute) Oper, und weil Opern bei mir derzeit stark absinken (Orchesterwerke und Liederabende dafür stark gewinnen), bin ich nicht so recht begeistert davon, aber was anderes hab ich mir ja auch nicht erwartet. Es hat mir heute viel besser gefallen als dieser schräge Mazeppa vor einem Monat. Jedenfalls werd ich noch mindestens einmal hingehen und freue mich schon.
    • Fr., 22. März 2019: PRAHA/PRAG (Nationaltheater): Leoš Janáček, Její pastorkyňa / Jenůfa

      Heute habe ich in Prag eine sehr gute - wenn auch nicht perfekte - Jenůfa erlebt, und bewusst habe ich in die Überschrift den bei uns nicht gebräuchlichen tschechischen Orginaltitel gesetzt, der auch besser passt: Mit "Ihre Ziehtochter" wird verdeutlicht, dass das Verhältnis Küsterin-Jenůfa enorm wichtig ist, und das war auch in der Aufführung sichtbar. Die Inszenierung von Jiří Nekvasil mit dem Bühnenbild und den Kostümen von Daniel Dvořák, die 2005 Premiere gehabt hat, verzichtet auf solche Requisiten und Bühnenbilder, die nicht unmittelbar notwendig sind, alles wird nur angedeutet, aber so, dass es ganz leicht nachvollziehbar und stimmig ist. Mir gefällt sehr gut, dass kleine Details zu entdecken sind und zu merken war, dass der Regisseur das Stück ernstnimmt und das Publikum zum genauen Hinschauen anhalten möchte. Der Altgesell schreit sein "Du hast es mit Absicht getan, mit Absicht!", nicht aus irgendeiner Ecke, sondern steht gemeinsam mit Laca in der Bühnenmitte (das ergibt ein starkes Ende des ersten Altes); Laca greift deutlich sichtbar zu seiner Jacke und schickt sich an fortzugehen, als die Küsterin ihm erzählt, dass Jenůfa von Števa ein Kind geboren habe, und lässt sich erst durch die Notlüge des Kindstodes zum Bleiben umstimmen (damit wird der Zwiespalt der Küsterin verdeutlicht: sie will Jenůfa ein bestmögliches Leben verschaffen, aber das geht nur, wenn das Kind wegkommt), Števa wird mehrmals deutlich sichtbar die Flasche weggenommen (im ersten Akt vom Altgesell, im dritten Akt von Karolka), und als Jenůfa und Laca am Ende abgehen, fällt die Bühne zusammen, das ist wirklich ein starker Moment. Meine Kritik bezieht sich auf die Kostüme, die 0-8-15 sind, was mich konkret am schwarzen Überwurf der Küsterin stört: Sie sollte keine unscheinbare Messdienerin sein, sondern eine etwas unheimliche Respektperson im Dorf, von der auch eine ganz starke Ausstrahlung ausgeht (Števa nennt sie ja eine Hexe), was angesichts dessen, was sie mitgemacht hat (massive Gewalt in de Ehe) und was sie kompensieren muss (Sexualität, Zärtlichkeit), auch kein Wunder ist. Vielleicht war die optische Unauffälligkeit der Küsterin der Hauptgrund, warum mich die Aufführung nicht vollkommen begeistert hat, obwohl sie mich - wie Janáčeks Musik generell - sehr berührt hat.

      Musikalisch jedoch war ich sehr zufrieden. Ausgezeichnet war das Orchester unter Jaroslav Kyzlink. Verglichen mit den katastrophalen Patzern des Wiener Staatsopernorchesters im vorgestrigen Sacre war es heute eine reine Wohltat. Satter Streicherklang und eine Gesamtleistung, die für mich nichts zu wünschen übrig ließ, auch glücklicherweise keine zu schöne Interpretation, sondern eine mit Ecken und Kanten, wie ich es mag. Sehr gut gefallen hat mir Alžběta Poláčková in der Titelrolle: Ihr Sopran ist kräftig und eher dunkel timbriert, wartet aber mit strahlenden Höhen auf. Einschränkend muss ich leider feststellen, dass der Text schwer zu verstehen war. Eva Urbanová war die Küsterin, und das Problem ist, dass mir ihre Stimme nicht gefällt, sie ist schneidend und für diese Rolle ziemlich hell. Beides wäre egal, zumal es hier nicht auf Schöngesang ankommt, sondern auf Gestaltung, aber dafür ist ihre Stimme einfach zu leise, außerdem wurde sie durch das Kostüm wohl eher behindert. Insgesamt trotz der Einwände eine gute Leistung, aber nicht die ausgezeichnete, für die ich mir erwartet hatte, vielleicht hatte sie aber einfach einen schlechten Abend, was in Anbetracht ihrer schon lang währenden Karriere vollkommen verständlich ist. Sehr zufrieden war ich mit Tomáš Juhás, den man nicht in allen Rollen mögen muss, der aber für den Števa super passt. Seine gutmütig-naive Ausstrahlung passt für mich hier, denn ich sehe den Števa als keinen gewissenslosen Unmenschen, sondern als verwöhnten, leichtsinnigen Buben, der die Folgen seines Tuns nicht abschätzen kann, der aber normaler als sein Halbbruder ist und sich nicht so gestört wie dieser verhält, der von Peter Berger verkörpert wurde, was zwiespältig ausgefallen ist, aber jedenfalls auf der positiven Seite. Ich hatte ihn als Rusalka-Prinzen und Alfredo gehört und weiche ihm seitdem aus. Heute hat seine Unart, die Töne aus dem Brustkorb hinauszudrücken, relativ wenig gestört, zumal der Laca keine besonders feinfühlige Interpretation verlangt und Bergers Timbre ja wirklich strahlend ist. Er sollte nur massiv an der Gesangstechnik arbeiten, das Material dazu hätte er ja. Unter den kleineren Rollen ist niemand negativ aufgefallen, positiv hervorheben möchte ich Yvona Škvárová als Alte Buryja und Luděk Vele als Dorfrichter. Dass allen Sängern makelloses Tschechisch zu bescheinigen ist, verwundert in Prag nicht, aber in deutschsprachigen Ländern ist das keineswegs Normalität.
    • Sa., 23. März 2019: WIEN (Theater an der Wien): Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Die Jungfrau von Orléans

      Ich war heute nochmals und habe einen deutlich besseren Eindruck als am Montag mitgenommen, was aber an mir selbst liegt (im Gegensatz zum Montag war ich heute ausgeschlafen und habe einen Stehplatz mit besserer Sicht gehabt). Ich finde die Inszenierung sehr gelungen (konsequent durchgezogen mit guten Ideen) und die Sänger akzeptabel bis sehr gut. Lena Belkina ist im sehr kleinen Theater an der Wien eine gute Besetzung der Titelpartie, an einem größeren würde sie wohl untergehen. Auffallend gut manche kleinere Rollen, nämlich Willard White (Thibaut d'Arc; stilistisch nicht perfekt, aber die Stimme mag ich sehr), Martin Winkler (Erzbischof) und Daniel Schmutzhard (Dunois). Super war der Arnold-Schoenberg-Chor.
    • Bizet: Les pêcheurs des perles. Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (besuchte Vorstellung am 24.03.19)

      Nach Perlen getaucht wird in der Inszenierung von Manuel Schmitt eher nicht; stattdessen lässte er die Perlenfischer zur Zeit der Uraufführung (1863) und damit auch zur Zeit und im Milieu der indischen Indigo-Unruhen spielen; bei der frühindustriellen Erzeugung des blauen Farbstoffes aus der Indigo-Pflanze kommen offenbar regelmäßig auch Bauern um, die dagegen ganz zeitgemäß mit Transparenten protestieren ("I don't die for your pearls"). Nadir ist offenbar Reporter und hantiert mit Mobiltelefon und Presseausweis. Daneben zieht die Inszenierung aber auch Parallelen zu den Verhältnissen in der modernen Textilindustrie des indischen Subkontinents und rekurriert per Video auf einen Fabrikbrand in Karachi (Pakistan) im Jahre 2012. Dann gibt's auch per Text auf Vorhang Auszüge aus einer Beschreibung der üblen Zustände bei der ceylonesischen Perlenfischerei um die vorletzte Jahrhundertwende.

      Das hört sich nicht wenig gewollt an, und so will die Geschichte, die der Regisseur erzählen will, auch so recht nicht funktionieren, zumal auch die Details oft im Ungefähren bleiben und so manches eher vom Effekt her gedacht scheint. Effektvoll ist die Inszenierung dann allerdings schon, nicht zuletzt dank des prächtigen variablen Bühnenbilds von Bernhard Siegl, vor allem Holztürme, die auf der (ebenfalss beweglich Drehbühne) umhergefahren werden können. Moderne Alltagskleidung, aber zumeist blau beschmiert (Indigo!), eine Art Madonnenverehrungskleid für Leïla; Kostüme: Sophie Reble).

      Musikalisch kann man alles in allem zufrieden sein: die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Giuliano Betta spielt im wesentlichen sauber und differenziert, vielleicht ein bißchen zu routiniert; nur die Posaunen und die Hörner hatten (hoffentlich!) schon mal bessere Tage! Klangstark Chor und Extrachor des MIR, vielleicht ein wenig grobschlächtig - jedenfalls gelingen die Power-Szenen besser als die Ensembles mit den Solisten.

      Bei denen steht es passabel: Die Leïla singt Dongmin Lee (die ich im Kölner Opernstudio "aufwachsen" gehört habe) klangschön, vor allem in der hohen Lage, wo sie sich auch problemlos gegen das Orchester behaupten kann, in der mittleren und tiefen Lage fällt das Volumen ein wenig ab; die Leïla ist allerdings ein Partie für die Stratosphäre, und da kann die Sängerin mit agilen Koloraturen und schönen acuti ordentlich punkten. Problematischer sieht es bei den Herren aus: Stefan Cifolelli (Nadir) muss seine durchaus klangschöne Stimme ständig unter Druck setzten, um die geforderten Höhen zu erreichen; das immerhin gelingt ihm in der berühmten Arie Je crois entendre encore tonlich sauber, aber nur unter hörbarer Verengung und mit durch Zwischenatmer verkürzten Phrasen (da stimmt mE die Technik nicht). Weitgehend auf Kantilene verzichten muss man bei Piotr Prochera (Zurga), dem ein Legato kaum einmal gelingen will, obwohl auch er über ein angenehmes Timbre verfügt und ein guter gesanglicher Darsteller ist. Das Duett der Beiden (Au fond du temple saint) ist trotzdem einer der Höhepunkte der Aufführung.

      Kein hundertprozentig überzeugender Abend, aber sicher auch keine richtige Enttäuschung! Das lange Zeit von den Theatern stiefmütterlich behandelte Stück scheint aktuell aus der Versenkung aufzutauchen (Operabase findet keine Produktion in den letzten drei Jahren, aber weltweit 15! für die aktuelle Spielzeit), was wohl an der vor wenigen Jahren veröffentlichten kritischen Neuausgabe von Hugh MacDonald liegen dürfte; auch die Produktion im MIR belegt, dass Les pêcheurs des perles mehr Hörenswertes enthält als nur zwei Wunschkonzertstücke.

      Nur noch eine Aufführung, am 27. April.

      [EDIT: Hab' die Kurzbeschreibung der Inszenierung oben noch ein wenig ergänzt.]
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      Das lange Zeit von den Theatern stiefmütterlich behandelte Stück scheint aktuell aus der Versenkung aufzutauchen (Operabase findet keine Produktion in den letzten drei Jahren, aber weltweit 15! für die aktuelle Spielzeit)
      Danke für den schönen Bericht! Das Konzept klingt interessant, aber um es beurteilen zu können, müsste ich es natürlich gesehen haben. Wenn aber alles wirklich nur eher gedacht wirkt und die Arbeit nicht konsequent durchgezogen ist, klingt es aber eher nach einer vertanen Chance.

      Das Theater an der Wien hat die Perlenfischer 2014 gespielt (siehe Link), aber ich war so blöd, nicht hinzugehen. Tja :thumbdown:
    • Medea von Aribert Reimann in Essen

      Gestern Abend konnte ich mich davon überzeugen, dass die Medea von Reimann in Essen zu recht hervorragend besprochen wurde.

      Zwar wird das sicher nicht meine Lieblingsoper - die Textverarbeitung auf dem Tonmaterial ist mir dafür schlicht zu anstrengend -, aber es ist eine fesselnde Komposition, die in Essen auf einer anfangs unendlich sparsamen, später durch ein verworrenes Treppenhaus ergänzten Bühne dargestellt wurde. Claudia Barainsky in der Titelrolle ruft eine atemberaubende musikalische Leistung ab, Sebastian Noack ist die Rolle des Jason wie auf den Leib geschneidert und auf die Stimme geschrieben. Die Regieleistung von Kay Link ist rundum gelungen: Er produziert Bilder von berückender Kontrastschärfe; hier kämpft kaltes Blau gegen Mutterschaftssorge, bis Medea im wahrsten Sinne rot sieht. Besonders beeindruckend sind die Schattenfiguren in der dunklen Hinterbühne, die gleich den Dämonen der Protagonisten im Laufe der Handlung immer weiter in den Vordergrund treten und schließlich in der Tötungsszene Medeas Zauberkiste förmlich ausweiden.

      Die Essener Philharmoniker unter Leitung von Robert Jindra haben einen ihrer sehr guten Abende, ihnen liegt auch die Umsetzung des Neue-Musik-Tonmaterials mit sehr klassischen Orchestermitteln. Jindra schlägt fantastisch sauber, Orchester und Solisten ist er so eine echte Stütze bei der rythmischen und textlichen Extremaufgabe.

      Noch vier Vorstellungen in April und Mai. Unbedingt empfehlenswert!
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • diskursprodukt schrieb:

      Gestern Abend konnte ich mich davon überzeugen, dass die Medea von Reimann in Essen zu recht hervorragend besprochen wurde.
      Es freut mich, dass Reimanns Medea ihren Weg auf die Bühnen gefunden hat! (und nicht nach der Uraufführung 2010 in der Versenkung verschwunden ist, wie es von manchen im konservativen Wien prophezeit wurde...)
      Mein Lieblingsstück wird es nicht (dafür ist mir das Stück einfach zu eintönig), aber ich finde, es ist eine mehr als lohnende Spielplanerweiterung!

      Robert Jindra scheint ein sehr vielfältiger Dirigent zu sein, ich habe von ihm bisher Janáček (Füchslein), Halévy (La Juive) und Wagner (Feen) gehört.
    • Sadko schrieb:

      diskursprodukt schrieb:

      Gestern Abend konnte ich mich davon überzeugen, dass die Medea von Reimann in Essen zu recht hervorragend besprochen wurde.
      Es freut mich, dass Reimanns Medea ihren Weg auf die Bühnen gefunden hat! (und nicht nach der Uraufführung 2010 in der Versenkung verschwunden ist, wie es von manchen im konservativen Wien prophezeit wurde...)
      Auch vor der Produktion in Essen ist die "Medea" von Aribert Reimann nicht ganz von den Bühnen verschwunden gewesen (obgleich es nicht viele Inszenierungen nach der Uraufführung gegeben hat. Die Oper war relativ bald nach Wien in Frankfurt zu sehen und eine Serie gab es auch an der Komischen Oper. Selbst in Tokio war diese Oper zu sehen (die Produktion in Frankfurt war mir bekannt; Berlin und Tokio habe ich jetzt Wikipedia entnommen).
    • brunello schrieb:

      Auch vor der Produktion in Essen ist die "Medea" von Aribert Reimann nicht ganz von den Bühnen verschwunden gewesen (obgleich es nicht viele Inszenierungen nach der Uraufführung gegeben hat. Die Oper war relativ bald nach Wien in Frankfurt zu sehen und eine Serie gab es auch an der Komischen Oper. Selbst in Tokio war diese Oper zu sehen (die Produktion in Frankfurt war mir bekannt; Berlin und Tokio habe ich jetzt Wikipedia entnommen).
      Danke für die Ergänzung! :)
    • pedrillo schrieb:

      Das eigentlich titelgebende Paar, die Gräfin Viktoria (Vera-Lotte Böcker) und ihr ungarischer Rittmeister (Daniel Prohaska) kann da, schon rollenbedingt, nicht so ganz mithalten. Beide sind gesanglich untadelig, sie in der Höhe ein bisschen angestrengt, er mit schönem Tenorschmelz. Doch nehmen sie das „konzertant“ ein bisschen zu wörtlich, bleiben distanziert und immer sehr ernsthaft
      Da muss ich Prohaska etwas in Schutz nehmen. Prohaska hat den Husaren ja in der großartigen Münchner Gärtnerplatz-Aufführung gespielt und dort musste er ernsthaft spielen - eben weil diese Inszenierung nicht nur geniale Buffo-Momente hatte, sondern auch eine ernsthafte Grundstimmung - was dem Stück viel emotionale Tiefe gab. Selbstironie hätte da nicht gepasst. Und diesen Duktus hat er wohl übernommen. Aber es kann natürlich sein, dass dies in eine konzertante Aufführung nicht so passt - was dann aber auch Sache des Regisseurs ist, es zu ändern.
    • Mozart - Don Giovanni. Prag, Stavovské divadlo (Ständetheater), 30. März 2019

      Mozarts Don Giovanni am Ort der Uraufführung im renovierten Gräflich Nostitzschen Nationaltheater, das hat schon was! Tatsächlich ist schon allein der Theaterbau den Besuch wert. Wir saßen im 5. Rang (wenn man die erhöhten Parkettlogen mitzählt), was denn schon eine steile Angelegenheit ist! :D

      Leider ist auch "mein" neunter Don Giovanni nicht "meine" erste gelungene Inszenierung geworden. Das Regieteam SKUTR (Martin Kukučka und Lukáš Trpišovský; Bühne: Jakub Kopecký; Kostüme: Linda Boráros) lässt das Stück in reduzierter Austattung beginnen, aber schon bald wird deutlich, dass man der Idee einer kargen Inszenierung misstraut: Tänzer "beleben" die Szene, was spätestens dann ins Sinnlose umkippt, wenn Annas Rachearie (Or sai chi l'onore) mit drei degenschwingenden Tänzern bebildert wird. Im zweiten Akt wird die Reduktion endgültig über den Haufen geworfen, wenn mit bedeutungsschwangeren Austattungselementen, Komtur-Auftritten und einem Don Giovanni als Kintopp glotzendem Knaben Dramatik und Tiefe suggeriert wird. Im Detail funktioniert durchaus manches in der Personenregie, aber der Gesamteindruck ist doch reichlich verworren. Zu erwähnen vielleicht, dass die Inszenierung aus dem Jahre 2012 stammt und ich die 150. Aufführung gesehen habe.

      Musikalisch ist das durchaus ansprechend! Zunächst einmal klingt das klein besetzte Orchester in dem recht kleinen Theater einfach klasse! Das Dirigat (David Švec) ist flott und knackig, die (z.T. kräftig zusammengestrichenen) Rezitative werden in flottem parlando wiedergegeben (Fortepiano: Zdeněk Klauda); hervorragende Abstimmung zwischen Bläsern und klein besetzten Streichern; die Ensembles sind gut organisiert. Es spielt das Orchester des Tschechischen Nationaltheaters.

      Svatopluk Sem singt die Titelrolle mit klangschönem und recht voluminösem hohen Bass, nur für das Ständchen (Deh vieli alla finestra) fehlt ihm ein wenig "Samt in der Stimme"; dafür ist er für mich der erste Live-Giovanni, der Fin ch'han dal vino komplett ohne jegliche Schnappatmung hinlegt! (Und es war wirklich verdammt flott dirigiert!). Absolut souverän Miloš Horák als Leporello, mit noch ein wenig mehr Schwärze in der Stimme als Sem, problemloser Höhe und - in einem solchen Theater besonders wichtig! - wunderbar nuancierter Dynamik; Horák ist auch ein großartiger szenischer Darsteller (einer von denen, die man auch immer noch wahrnimmt, wenn sie in irgendeiner Ecke kauern). Großartig die Donna Anna der Petra Alvarez Šimková; wenn vielleicht für Or sai chi l'onore die letzte Entäußerung fehlte, war Non mi dir schlichtweg Spitzenklasse: absolut saubere Koloraturen, endlos langer Atem. perfekte Intonation; ein Traum! Ordentliche Leistung von Kateřina Kněžiková als Zerlina; Jana Horáková Levicová (Elvira) ein wenig eintönig und mit der virtuosen Seite von Mi tradì quell'alma ingrata etwas überfordert. David Nykl als Masetto fällt ein wenig ab, ebenso Roman Vocel als Komtur, dem es an Tiefe und Volumen fehlt.

      Verwirrend die gegebene Fassung: Ottavio hat nur die originale Prager Arie Il mio tesoro intanto (glücklicherweise...), hingegen wird Elviras für Wien nachkomponiertes In quali eccessi, o Numi ... Mi tradì quell'alma ingrata gegeben. Besonders irritierend aber, dass das komplette Schlusssextett gestrichen wird. (Hat irgendwie weh getan! :D ).
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Danke für Deinen Bericht! Du hast Deinen Don-Giovanni-Besuch ja schon angekündigt. Diese Oper in jenem historischen Gebäude zu erleben, in dem sie auch uraufgeführt worden war, klingt reizvoll, das habe ich auch schon länger auf meiner Liste, aber irgendwie ist es mir dann doch zu viel Aufwand, da ich ja auch kein wirklicher Mozart-Fan bin.

      Das, was Du über Giovanni und Masetto schreibst, kann ich nachvollziehen, die anderen erwähnten Sänger kenn ich, glaub ich, nicht. Dass das Prager Opernorchester gut ist, aber ich auch schon gemerkt.

      Hast Du den Ottavio (war angeblich Josef Moravec) absichtlich nicht genannt? Den find ich eigentlich ziemlich gut, kann ihn mir aber mit Mozart eher nicht vorstellen.
    • Quasimodo schrieb:

      Sadko schrieb:

      Hast Du den Ottavio (war angeblich Josef Moravec) absichtlich nicht genannt?
      Hab' ich eigentlich irgendwie schon :pfeif:
      Deshalb hab ich auch "nicht genannt" und nicht "nicht erwähnt" geschrieben :D
      Aber mich würde interessieren: Was hat nicht gepasst, warum war seine Leistung nicht gut? Ich hab ihn bisher nur in Rollen gehört, die ganz andere Qualitäten erfordern (Lehrer im Schlauen Füchslein, Sinowi in Lady Macbeth von Mzensk), da hat er mir gut gefallen.