Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • Operntelegramm - Saison 2018/19

      Diesen Thread habe ich schon einmal vor ein paar Tagen eröffnet, mit ein paar Anmerkungen zu einer letzten Sonntag besuchten Aufführung. Da dort weitere Beiträöge folgten (und vielleicht noch folgen werden), hat die Moderation die Besprechung auf meinen Wunsch hin ausgelagert:

      Olivier Messiaen: Saint François d'Assise - Staatstheater Darmstadt, 09.09.2018 (Premiere)

      Hier nun Raum für Kurzbesprechungen von Opernaufführungen der neuen Saison. Möge er mit der Zeit gefüllt werden! ;)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • 06.10.18, "La Traviata" (Premiere), Theater Bielefeld

      Es begann ein wenig kurios, als zu Beginn über Lautsprecher einige Textstellen v. Theodor Storms "Hyazinthen" im Flüsterton (jedoch recht laut!) zu hören waren ...u. a. "… ich möchte schlafen, aber du musst tanzen, tanzen, tanzen …" Dann betrat die Darstellerin der Violetta die Bühne (im weißen Unterrock). Im Hintergrund trat eine Trauergesellschaft immer näher, die mittig einen Sarg trug. Seitlich hielten alle Teilnehmer jeweils eine Lilie in der Hand. Die Gesichter waren mit weißer Grundierung geschminkt (wie man es aus der Rheingold-Inszenierung bereits kannte), mit rot-schwarz umrandeten Augen. Mundbereich ebenfalls ein wenig auf "unheimlich" geschminkt, also mit schwarzen und rötlichen Schattierungen. Die Inszenierung war cabaret-mäßig aufgezogen (Kleidung, Schminke, Bühnenbild, Tanzchoreographie und Gestik und Mimik der Darsteller), was mich zu Beginn noch ein wenig störte. Im Nachhinein betrachtet fand ich' s dann aber doch noch ganz passend, diese Geschichte in den 20er Jahren spielen zu lassen. Violettas Kleid war … "violett", rot und rosé (mit Federn: dadurch wirkte sie wie ein "Feuervogel"). Die, sagen wir mal, etwas "langatmigen Stellen" dieser doch recht handlungsarmen Oper wurden prima überbrückt! Respekt! :verbeugung1:

      Was mich ein wenig störte: nach fast jeder Arie wurde applaudiert … aber gut, dieses Thema hatten wir ja schon öfter und da gehen die Meinungen stark auseinander. Im Vorfeld hatte ich ja die Befürchtung, dass zu "Libiamo ne' lieti calici" mitgeklatscht wird, aber das war - zum Glück - nicht der Fall. :D Und auch hier war ich wieder froh, dass Kostüme und Bühnenbild nicht zu bunt waren (ich hasse es ja, wenn' s "musicalmäßig" wird). Die Hauptfarben waren schwarz und … "violett". ;)

      Violetta überzeugte mich vollends mit ihrem Gesang. :thumbup: Mit dem Darsteller des Alfredo werde ich hingegen - nach wie vor - nicht wirklich warm, was daran liegt, dass sein Lieblingsbuchstabe das "H" ist. Ganz eindeutig. Er benutzt es einfach zu oft. :thumbdown: Darunter leidet dann halt auch die Textverständlichkeit ein wenig. Ist mir auch in der Vergangenheit schon bei ihm aufgefallen.

      Ich hatte ja gehofft, dass mir dieses Live-Erlebnis diese Oper ein wenig näher bringt … und wurde nicht enttäuscht. Nichtsdestotrotz wird sie wohl niemals zu meinen Lieblingsopern zählen. Sie enthält aber viele schöne musikalische Stellen, die live natürlich viel besser rüberkommen. Ich habe ja bislang nur drei Inszenierungen gesehen (darunter eine mit Anna Netrebko im Fernsehen), aber diese Bielefelder Inszenierung hat mir bisher am besten gefallen. :thumbup:

      Evgueniy Alexiev (hier in der Rolle v. Alfredos Vater) war mal wieder großartig! Was für ein toller Sänger und Schauspieler er doch ist …

      Heimlicher Star des Abends war jedoch der Tänzer, der den "Tod" symbolisierte (oder sagen wir eher … den "attraktiven" Tod). Er war unheimlich ausdrucksstark: mal sanft und einfühlsam (wann immer sie Schwäche zeigte), mal etwas ernsthafter (wenn sie zwischendurch mal ihren Lebenswillen wiederentdeckte), aber immer unterschwellig melancholisch und sensibel. Finde diesen Darsteller leider nicht auf der Website. Vor allem in der Schlussszene hat er dafür gesorgt, dass mir … die Tränen kamen! Puh, das hätte ich wirklich nie (!!) gedacht. Er war am Ende mit großen Flügeln ausgestattet und legte zunächst den rechten Flügel über ihren Körper (beide standen sich direkt gegenüber), dann ganz sanft den zweiten Flügel …. Hach, was für ein tolles Finale!!! :verbeugung1: :verbeugung1: Und ich muss unbedingt noch herausfinden, wie dieser Tänzer heißt … Bald dürfte es ja auch den ein oder anderen Artikel dazu geben. Nach dem 3. Vorhang (ich habe gar nicht mehr mitgezählt, wie viele es waren) gab' s dann Standing Ovations und am Ende taten meine Hände weh ... vom vielen Klatschen.

      Die Premiere war also ein voller Erfolg!! :)

      EDIT:
      Anbei noch ein Artikel aus der "Neuen Westfälischen" ...

      nw.de/kultur_und_freizeit/thea…raviata-in-Bielefeld.html

      Und unter "Bilder" weitere Impressionen ...

      theater-bielefeld.de/veranstaltung/la-traviata.html

      Der "Tänzer" - und Choreograf (!) - heißt übrigens Thomas Wilhelm. :verbeugung1:
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • „Hamlet“ (Originaltitel: Amleto) von Franco Faccio, Premiere am 3.11.2018 im Chemnitzer Opernhaus

      Spät, aber hoffentlich nicht zu spät möchte ich diesen Bericht nachreichen:
      Eine wahre Rarität: 1865 in Genua uraufgeführt, nach enttäuschender zweiten Aufführung 1871 an der Mailänder Scala in der Versenkung verschwunden.
      Erst 2014 gab es wieder eine (zunächst nur konzertante) Aufführung in den USA, um dann 2016 bei den Bregenzer Festspielen wieder auf der Bühne zu erscheinen. Nun in Chemnitz unter Übernahme der Bregenzer Inszenierung die deutsche Erstaufführung!

      Hier zunächst die Mitwirkenden:
      Inszenierung: Olivier Tambosi
      Bühne: Frank Philipp Schlößmann
      Kostüme: Gesine Völlm
      Musikalische Leitung: Gerrit Prießnitz

      Hamlet: Gustavo Peña
      Claudius: Pierre-Yves Pruvot
      Polonius: Magnus Piontek
      Horatio: Ricardo Llamas Márquez
      Marcellus: Matthias Winter
      Laertes: Cosmin Ifrim
      Ophelia: Tatiana Larina
      Gertrude: Katerina Hebelkova
      Der Geist / Ein Priester: Noé Colín
      Der König Gonzago / Ein Herold: Tommaso Randazzo
      Die Königin Giovanna: Ina Yoshikawa
      Lucianus / Erster Totengräber: André Eckert
      Zweiter Totengräber: Alexander Jahn

      Zahlreiche Komponisten des 19. Jahrhunderts hielten den Stoff des berühmten Shakespeare-Dramas für nicht vertonbar. Umso mutiger der Entschluss des damals 25-jährigen Franco Faccio (1840 – 1891) und seines zwei Jahre jüngeren Librettisten Arrigo Boito (1842 – 1918), sich dieser Herausforderung zu stellen.
      Herausgekommen ist eine fantastische Musik, die stark an den späten Verdi erinnert. An den Leistungen der Sänger(innen) und des Orchesters gab es für mich nichts auszusetzten. Ich habe allerdings, wie üblich, nicht sonderlich darauf geachtet, insbesondere, weil ich das Werk vorher noch nie gehört hatte.
      Das Inszenierungsteam schuf dazu ein schlichtes fast farbloses Bühnenbild, welches aber ständigen Veränderungen ausgesetzt war. Eine stetige Bewegung, die die Handlung voranzutreiben schien!
      Ein paar Farbtupfer setzten die historischen Vorbildern entlehnten Kostüme. Allerdings wirkten diese sehr skurril, fast ins Lächerliche gezogen. Wollten damit Regisseur und Kostümbildnerin ihr Missfallen an der Gesellschaft, welche die Leute auf der Bühne verkörperten, zum Ausdruck bringen? Einzig der Titelheld wich mit eher moderner Arbeitskleidung (blaugrauer Overall) davon ab, ohne damit besonders aufzufallen.
      In Gesprächen mit anderen Besuchern hörte ich ausschließlich positive Kommentare. Es waren nicht nur die Musik und die Inszenierung, die diesen Opernabend ausmachten, sondern auch das besondere Gefühl, bei einer „historischen“ Aufführung dabei gewesen zu sein.
      Wer das Werk selbst kennenlernen möchte, hat bis Mai 2019 noch einige Gelegenheiten dazu: https://www.theater-chemnitz.de/oper/premieren/repertoire/infos/hamlet/
      Viele Grüße aus Sachsen
      Andrea
    • Andrea R. schrieb:

      Spät, aber hoffentlich nicht zu spät möchte ich diesen Bericht nachreichen:
      Eine wahre Rarität: 1865 in Genua uraufgeführt, nach enttäuschender zweiten Aufführung 1871 an der Mailänder Scala in der Versenkung verschwunden.
      Erst 2014 gab es wieder eine (zunächst nur konzertante) Aufführung in den USA, um dann 2016 bei den Bregenzer Festspielen wieder auf der Bühne zu erscheinen. Nun in Chemnitz unter Übernahme der Bregenzer Inszenierung die deutsche Erstaufführung!

      Schön, dass es Faccios "Amleto" jetzt nach Chemnitz gefunden hat! Von der Bregenzer Aufführung habe ich seinerzeit hier einen Bericht verfasst.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Ein Freund von mir, im Brotberuf Chorist in der Wiener Volksoper und immer wieder auch mit kleinen Solorollen betraut, hat die originale Produktion in Bregenz gesehen und hat die Premiere in Chemnitz in vollen Tönen gelobt. Er wird im Frühjahr nochmals hinfahren - und ich durchforste jetzt meinen Terminkalender.
    • Abraham: Viktoria und der Husar - konzertant an der Komischen Oper Berlin (23.12..18)

      „Mausi – süß warst Du heute Nacht“ – einer der markantesten Hits in Paul Abrahams angejazzter Operette „Viktoria und der Husar“, die 1930 ihre umjubelte Uraufführung am Berliner Metropol-Theater erlebte. Just dort befindet sich heute die Komische Oper, und die quietschbunte Personnage der Operette kehrt für zwei „konzertante“ Aufführungen an den Ort der Uraufführung zurück.


      Wenn Alma Sadé und Peter Renz sich mit Pfiff und Verve tanzend, blödelnd und singend durch diesen Schlager lachen, gerät das Publikum angesichts dieser Kaskade der Ausgelassenheit seinerseits aus dem Häuschen. Hier erweist sich die Berliner Operette, ein Lieblingskind des Intendanten Barrie Kosky, als geradezu unverwüstlich. Der ungarische Graf (Renz) und sein japanisches Mädel aus Yokohama räumen mächtig ab – eine Explosion der guten Laune, fünf Minuten, die allein die ganze Veranstaltung lohnen.


      Das eigentlich titelgebende Paar, die Gräfin Viktoria (Vera-Lotte Böcker) und ihr ungarischer Rittmeister (Daniel Prohaska) kann da, schon rollenbedingt, nicht so ganz mithalten. Beide sind gesanglich untadelig, sie in der Höhe ein bisschen angestrengt, er mit schönem Tenorschmelz. Doch nehmen sie das „konzertant“ ein bisschen zu wörtlich, bleiben distanziert und immer sehr ernsthaft. So ganz ohne ironisches Augenzwinkern wirkt Abraham ein bisschen wie schwächerer Lehar – deshalb zünden auch die Tophits wie „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ oder „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ nicht ganz so wie die buffonesken Einlagen, für die auch die Darsteller des dritten Paares (Marta Mika und Daniel Foki) mit etwas dezenter ausgespieltem Temperament verantwortlich sind. Beide gehören dem Opernstudio an – da imponiert die Souveränität, mit der sie ihre Gesangs- und Tanzeinlagen servieren.


      Vielleicht hätten sich Böcker und Prohaska auch einfach ein bisschen von dem selbstironischen Understatement des Grandseigneurs Gerd Wameling abschauen können, der mit Charme und Präzision als Moderator durch den Abend führt – diese Art, die ausufernden Dialoge der Vorlage zu ersetzen, hat sich schon in den Vorjahren bei der konzertanten „Weihnachtsoperette“ an diesem Haus bewährt.Er übernimmt gleichzeitig die Rolle des amerikanischen Botschafters, der erst als betrogener Gatte und dann als deux ex machina zum guten Ende auftritt. Dabei hat er sogar einige Takte zu singen – was er auch mit noblem Anstand und leichtem Augenzwinkern erledigt.


      Was die ganze Veranstaltung aber insgesamt zum rauschenden Erfolg macht, sind Chor und Orchester unter Leitung des hellwachen, mit allen Wassern gewaschenen Stefan Soltesz – ein Routinier im allerbesten Sinn des Wortes.Mit Temperament und Präzision führt er die Beteiligten durch den aufregenden Abraham-Stilmix zwischen Wiener Walzer, ungarischen, russischen und japanischen Exotismen und jazzigen Tanzrhythmen. Ja, die ganze Veranstaltung lässt so ein bisschen den Geist der auch kulturell so bewegten Zeit vor 1933 spüren, die dann – wie auch die Karriere Paul Abrahams – ein jähes Ende fand.


      Die „Weihnachtsoperette“ wird traditionell nur zweimal gespielt – die zweite Vorstellung am 30.12. ist so gut wie ausverkauft. Die gute Nachricht: Am 13. Januar 2019 gastiert die Komische Oper mit „Viktoria und der Husar“ in der Kölner Philharmonie – unbedingt empfehlenswert!!