Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • Operntelegramm - Saison 2018/19

      Diesen Thread habe ich schon einmal vor ein paar Tagen eröffnet, mit ein paar Anmerkungen zu einer letzten Sonntag besuchten Aufführung. Da dort weitere Beiträöge folgten (und vielleicht noch folgen werden), hat die Moderation die Besprechung auf meinen Wunsch hin ausgelagert:

      Olivier Messiaen: Saint François d'Assise - Staatstheater Darmstadt, 09.09.2018 (Premiere)

      Hier nun Raum für Kurzbesprechungen von Opernaufführungen der neuen Saison. Möge er mit der Zeit gefüllt werden! ;)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • 06.10.18, "La Traviata" (Premiere), Theater Bielefeld

      Es begann ein wenig kurios, als zu Beginn über Lautsprecher einige Textstellen v. Theodor Storms "Hyazinthen" im Flüsterton (jedoch recht laut!) zu hören waren ...u. a. "… ich möchte schlafen, aber du musst tanzen, tanzen, tanzen …" Dann betrat die Darstellerin der Violetta die Bühne (im weißen Unterrock). Im Hintergrund trat eine Trauergesellschaft immer näher, die mittig einen Sarg trug. Seitlich hielten alle Teilnehmer jeweils eine Lilie in der Hand. Die Gesichter waren mit weißer Grundierung geschminkt (wie man es aus der Rheingold-Inszenierung bereits kannte), mit rot-schwarz umrandeten Augen. Mundbereich ebenfalls ein wenig auf "unheimlich" geschminkt, also mit schwarzen und rötlichen Schattierungen. Die Inszenierung war cabaret-mäßig aufgezogen (Kleidung, Schminke, Bühnenbild, Tanzchoreographie und Gestik und Mimik der Darsteller), was mich zu Beginn noch ein wenig störte. Im Nachhinein betrachtet fand ich' s dann aber doch noch ganz passend, diese Geschichte in den 20er Jahren spielen zu lassen. Violettas Kleid war … "violett", rot und rosé (mit Federn: dadurch wirkte sie wie ein "Feuervogel"). Die, sagen wir mal, etwas "langatmigen Stellen" dieser doch recht handlungsarmen Oper wurden prima überbrückt! Respekt! :verbeugung1:

      Was mich ein wenig störte: nach fast jeder Arie wurde applaudiert … aber gut, dieses Thema hatten wir ja schon öfter und da gehen die Meinungen stark auseinander. Im Vorfeld hatte ich ja die Befürchtung, dass zu "Libiamo ne' lieti calici" mitgeklatscht wird, aber das war - zum Glück - nicht der Fall. :D Und auch hier war ich wieder froh, dass Kostüme und Bühnenbild nicht zu bunt waren (ich hasse es ja, wenn' s "musicalmäßig" wird). Die Hauptfarben waren schwarz und … "violett". ;)

      Violetta überzeugte mich vollends mit ihrem Gesang. :thumbup: Mit dem Darsteller des Alfredo werde ich hingegen - nach wie vor - nicht wirklich warm, was daran liegt, dass sein Lieblingsbuchstabe das "H" ist. Ganz eindeutig. Er benutzt es einfach zu oft. :thumbdown: Darunter leidet dann halt auch die Textverständlichkeit ein wenig. Ist mir auch in der Vergangenheit schon bei ihm aufgefallen.

      Ich hatte ja gehofft, dass mir dieses Live-Erlebnis diese Oper ein wenig näher bringt … und wurde nicht enttäuscht. Nichtsdestotrotz wird sie wohl niemals zu meinen Lieblingsopern zählen. Sie enthält aber viele schöne musikalische Stellen, die live natürlich viel besser rüberkommen. Ich habe ja bislang nur drei Inszenierungen gesehen (darunter eine mit Anna Netrebko im Fernsehen), aber diese Bielefelder Inszenierung hat mir bisher am besten gefallen. :thumbup:

      Evgueniy Alexiev (hier in der Rolle v. Alfredos Vater) war mal wieder großartig! Was für ein toller Sänger und Schauspieler er doch ist …

      Heimlicher Star des Abends war jedoch der Tänzer, der den "Tod" symbolisierte (oder sagen wir eher … den "attraktiven" Tod). Er war unheimlich ausdrucksstark: mal sanft und einfühlsam (wann immer sie Schwäche zeigte), mal etwas ernsthafter (wenn sie zwischendurch mal ihren Lebenswillen wiederentdeckte), aber immer unterschwellig melancholisch und sensibel. Finde diesen Darsteller leider nicht auf der Website. Vor allem in der Schlussszene hat er dafür gesorgt, dass mir … die Tränen kamen! Puh, das hätte ich wirklich nie (!!) gedacht. Er war am Ende mit großen Flügeln ausgestattet und legte zunächst den rechten Flügel über ihren Körper (beide standen sich direkt gegenüber), dann ganz sanft den zweiten Flügel …. Hach, was für ein tolles Finale!!! :verbeugung1: :verbeugung1: Und ich muss unbedingt noch herausfinden, wie dieser Tänzer heißt … Bald dürfte es ja auch den ein oder anderen Artikel dazu geben. Nach dem 3. Vorhang (ich habe gar nicht mehr mitgezählt, wie viele es waren) gab' s dann Standing Ovations und am Ende taten meine Hände weh ... vom vielen Klatschen.

      Die Premiere war also ein voller Erfolg!! :)

      EDIT:
      Anbei noch ein Artikel aus der "Neuen Westfälischen" ...

      nw.de/kultur_und_freizeit/thea…raviata-in-Bielefeld.html

      Und unter "Bilder" weitere Impressionen ...

      theater-bielefeld.de/veranstaltung/la-traviata.html

      Der "Tänzer" - und Choreograf (!) - heißt übrigens Thomas Wilhelm. :verbeugung1:
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • „Hamlet“ (Originaltitel: Amleto) von Franco Faccio, Premiere am 3.11.2018 im Chemnitzer Opernhaus

      Spät, aber hoffentlich nicht zu spät möchte ich diesen Bericht nachreichen:
      Eine wahre Rarität: 1865 in Genua uraufgeführt, nach enttäuschender zweiten Aufführung 1871 an der Mailänder Scala in der Versenkung verschwunden.
      Erst 2014 gab es wieder eine (zunächst nur konzertante) Aufführung in den USA, um dann 2016 bei den Bregenzer Festspielen wieder auf der Bühne zu erscheinen. Nun in Chemnitz unter Übernahme der Bregenzer Inszenierung die deutsche Erstaufführung!

      Hier zunächst die Mitwirkenden:
      Inszenierung: Olivier Tambosi
      Bühne: Frank Philipp Schlößmann
      Kostüme: Gesine Völlm
      Musikalische Leitung: Gerrit Prießnitz

      Hamlet: Gustavo Peña
      Claudius: Pierre-Yves Pruvot
      Polonius: Magnus Piontek
      Horatio: Ricardo Llamas Márquez
      Marcellus: Matthias Winter
      Laertes: Cosmin Ifrim
      Ophelia: Tatiana Larina
      Gertrude: Katerina Hebelkova
      Der Geist / Ein Priester: Noé Colín
      Der König Gonzago / Ein Herold: Tommaso Randazzo
      Die Königin Giovanna: Ina Yoshikawa
      Lucianus / Erster Totengräber: André Eckert
      Zweiter Totengräber: Alexander Jahn

      Zahlreiche Komponisten des 19. Jahrhunderts hielten den Stoff des berühmten Shakespeare-Dramas für nicht vertonbar. Umso mutiger der Entschluss des damals 25-jährigen Franco Faccio (1840 – 1891) und seines zwei Jahre jüngeren Librettisten Arrigo Boito (1842 – 1918), sich dieser Herausforderung zu stellen.
      Herausgekommen ist eine fantastische Musik, die stark an den späten Verdi erinnert. An den Leistungen der Sänger(innen) und des Orchesters gab es für mich nichts auszusetzten. Ich habe allerdings, wie üblich, nicht sonderlich darauf geachtet, insbesondere, weil ich das Werk vorher noch nie gehört hatte.
      Das Inszenierungsteam schuf dazu ein schlichtes fast farbloses Bühnenbild, welches aber ständigen Veränderungen ausgesetzt war. Eine stetige Bewegung, die die Handlung voranzutreiben schien!
      Ein paar Farbtupfer setzten die historischen Vorbildern entlehnten Kostüme. Allerdings wirkten diese sehr skurril, fast ins Lächerliche gezogen. Wollten damit Regisseur und Kostümbildnerin ihr Missfallen an der Gesellschaft, welche die Leute auf der Bühne verkörperten, zum Ausdruck bringen? Einzig der Titelheld wich mit eher moderner Arbeitskleidung (blaugrauer Overall) davon ab, ohne damit besonders aufzufallen.
      In Gesprächen mit anderen Besuchern hörte ich ausschließlich positive Kommentare. Es waren nicht nur die Musik und die Inszenierung, die diesen Opernabend ausmachten, sondern auch das besondere Gefühl, bei einer „historischen“ Aufführung dabei gewesen zu sein.
      Wer das Werk selbst kennenlernen möchte, hat bis Mai 2019 noch einige Gelegenheiten dazu: https://www.theater-chemnitz.de/oper/premieren/repertoire/infos/hamlet/
      Viele Grüße aus Sachsen
      Andrea
    • Andrea R. schrieb:

      Spät, aber hoffentlich nicht zu spät möchte ich diesen Bericht nachreichen:
      Eine wahre Rarität: 1865 in Genua uraufgeführt, nach enttäuschender zweiten Aufführung 1871 an der Mailänder Scala in der Versenkung verschwunden.
      Erst 2014 gab es wieder eine (zunächst nur konzertante) Aufführung in den USA, um dann 2016 bei den Bregenzer Festspielen wieder auf der Bühne zu erscheinen. Nun in Chemnitz unter Übernahme der Bregenzer Inszenierung die deutsche Erstaufführung!

      Schön, dass es Faccios "Amleto" jetzt nach Chemnitz gefunden hat! Von der Bregenzer Aufführung habe ich seinerzeit hier einen Bericht verfasst.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Ein Freund von mir, im Brotberuf Chorist in der Wiener Volksoper und immer wieder auch mit kleinen Solorollen betraut, hat die originale Produktion in Bregenz gesehen und hat die Premiere in Chemnitz in vollen Tönen gelobt. Er wird im Frühjahr nochmals hinfahren - und ich durchforste jetzt meinen Terminkalender.
    • Abraham: Viktoria und der Husar - konzertant an der Komischen Oper Berlin (23.12..18)

      „Mausi – süß warst Du heute Nacht“ – einer der markantesten Hits in Paul Abrahams angejazzter Operette „Viktoria und der Husar“, die 1930 ihre umjubelte Uraufführung am Berliner Metropol-Theater erlebte. Just dort befindet sich heute die Komische Oper, und die quietschbunte Personnage der Operette kehrt für zwei „konzertante“ Aufführungen an den Ort der Uraufführung zurück.


      Wenn Alma Sadé und Peter Renz sich mit Pfiff und Verve tanzend, blödelnd und singend durch diesen Schlager lachen, gerät das Publikum angesichts dieser Kaskade der Ausgelassenheit seinerseits aus dem Häuschen. Hier erweist sich die Berliner Operette, ein Lieblingskind des Intendanten Barrie Kosky, als geradezu unverwüstlich. Der ungarische Graf (Renz) und sein japanisches Mädel aus Yokohama räumen mächtig ab – eine Explosion der guten Laune, fünf Minuten, die allein die ganze Veranstaltung lohnen.


      Das eigentlich titelgebende Paar, die Gräfin Viktoria (Vera-Lotte Böcker) und ihr ungarischer Rittmeister (Daniel Prohaska) kann da, schon rollenbedingt, nicht so ganz mithalten. Beide sind gesanglich untadelig, sie in der Höhe ein bisschen angestrengt, er mit schönem Tenorschmelz. Doch nehmen sie das „konzertant“ ein bisschen zu wörtlich, bleiben distanziert und immer sehr ernsthaft. So ganz ohne ironisches Augenzwinkern wirkt Abraham ein bisschen wie schwächerer Lehar – deshalb zünden auch die Tophits wie „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ oder „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ nicht ganz so wie die buffonesken Einlagen, für die auch die Darsteller des dritten Paares (Marta Mika und Daniel Foki) mit etwas dezenter ausgespieltem Temperament verantwortlich sind. Beide gehören dem Opernstudio an – da imponiert die Souveränität, mit der sie ihre Gesangs- und Tanzeinlagen servieren.


      Vielleicht hätten sich Böcker und Prohaska auch einfach ein bisschen von dem selbstironischen Understatement des Grandseigneurs Gerd Wameling abschauen können, der mit Charme und Präzision als Moderator durch den Abend führt – diese Art, die ausufernden Dialoge der Vorlage zu ersetzen, hat sich schon in den Vorjahren bei der konzertanten „Weihnachtsoperette“ an diesem Haus bewährt.Er übernimmt gleichzeitig die Rolle des amerikanischen Botschafters, der erst als betrogener Gatte und dann als deux ex machina zum guten Ende auftritt. Dabei hat er sogar einige Takte zu singen – was er auch mit noblem Anstand und leichtem Augenzwinkern erledigt.


      Was die ganze Veranstaltung aber insgesamt zum rauschenden Erfolg macht, sind Chor und Orchester unter Leitung des hellwachen, mit allen Wassern gewaschenen Stefan Soltesz – ein Routinier im allerbesten Sinn des Wortes.Mit Temperament und Präzision führt er die Beteiligten durch den aufregenden Abraham-Stilmix zwischen Wiener Walzer, ungarischen, russischen und japanischen Exotismen und jazzigen Tanzrhythmen. Ja, die ganze Veranstaltung lässt so ein bisschen den Geist der auch kulturell so bewegten Zeit vor 1933 spüren, die dann – wie auch die Karriere Paul Abrahams – ein jähes Ende fand.


      Die „Weihnachtsoperette“ wird traditionell nur zweimal gespielt – die zweite Vorstellung am 30.12. ist so gut wie ausverkauft. Die gute Nachricht: Am 13. Januar 2019 gastiert die Komische Oper mit „Viktoria und der Husar“ in der Kölner Philharmonie – unbedingt empfehlenswert!!
    • Glass: The Fall of the House of Usher (30. 1. 2019, Innsbruck)

      Liebe Capricciosi!

      Bei Brittens Gothic Opera "The turn of the screw" wird ja häufig bedauert, dass die beiden Geister im Vergleich zu Henry James' Novelle viel zu lebendig und real dargestellt werden, was der Schauergeschichte viel von ihrer Wirkung nehme. Im Fall von Philip Glass' "The Fall of the House of Usher" (uraufgeführt 1988) ist es genau umgekehrt: Während Edgar Allan Poe sich - leider! - nicht scheut, Lady Madeline in seiner Kurzgeschichte als reale Gestalt aus Fleisch und (viel) Blut darzustellen, die aufgrund übernatürlicher Kräfte ihren Sarkophag aufsprengen und ihren Bruder mit in den Tod nehmen kann, und damit jeder psychologisierenden Deutung von vornherein das Wasser abgräbt, lassen Philip Glass und sein Librettist Arthur Yorinks wirklich alles in der Schwebe. Existiert(e) Lady Madeline überhaupt real oder nur in der Imagination ihres Bruders / Williams / des Publikums? Was geschah und geschieht in dem Landgut der Ushers eigentlich?

      Am Landestheater Innsbruck erfuhr dieses eindrucksvolle Stück - in der Tonsprache nicht sonderlich avanciert, aber stark in der Wirkung - eine sehr adäquate Umsetzung. Die Inszenierung vom Intendanten selbst, Johannes Reitmeier (Bühne: Michael D. Zimmermann, Kostüme: Markus Braunhofer), ist sehr im "Gothic style" gehalten und zaubert mit zahlreichen Projektionen, insbesondere auf einen transparenten, zwischen Bühne und Orchestergraben gespannten Vorhang, eine "magische" Atmosphäre. Die Bühnenmechanik und die Projektionen rücken die große, wenngleich stumme Rolle, die das Haus in der Geschichte spielt, in den Fokus. Kindergewand (darunter ein blutiges weißes Kleid) in Williams Gästezimmer und ein weißer Kindersarg, den William in Madelines angeblichem Sarkophag findet, lassen den Verdacht aufkeimen, dass es hier um länger zurückliegende Verbrechen gehen könnte, ohne dabei über dunkle Andeutungen hinauszugehen. Lady Madeline ist zwar auf der Bühne sehr präsent, bleibt aber für William immer unsichtbar. Schön auch die Klimax in Williams Schlafzimmer, wo die Regie sehr geschickt im Unklaren lässt, ob die inzestuöse Sexszene zwischen Roderick und Madeline denn eigentlich von William nur geträumt wird oder sich doch real ereignet. Erfreulicherweise wirft die Inszenierung mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Bis zum Schluss bleibt in der Schwebe, in wessen Abgründe wir denn hier eigentlich blicken - Rodericks, Williams, unsere eigenen?

      Dank einiger hochkarätiger Neuzugänge der letzten Saisonen konnte die Kammeroper vollständig und mustergültig aus dem Hausensemble besetzt werden. Das Solistenquartett ließ dabei keine Wünsche offen: Anna-Maria Kalesidis, die in Innsbruck bereits eine vorzügliche Rusalka gesungen hat, verströmte als Lady Madeline ihre instrumental komponierten Vokalisen mit wohlgerundetem, sicher geführten Spintosopran. Jon Jurgens überzeugte mit einem lyrischen und doch durchschlagskräftigen Tenor. Alec Avedissian gab einen sehr nuanciert gesungenen, auch stimmlich sensibel charakterisierten William, dessen anfänglicher naiver Optimismus zunehmend einem unspezifischen Grauen vor dem Haus und seinen Bewohnern weicht, während Dale Albright die wenigen Sätze des alten Dieners rollenadäquat fast eher aggressiv bellte als sang. Alle vier hatten sich auch darstellerisch völlig in ihre Rollen gestürzt und spielten intensiv und sehr präsent. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Seokwon Hong spielte mit viel rhythmischem Drive und holte aus den eher gleichförmigen Texturen der minimalistischen Partitur ein Maximum an Farben und Nuancen heraus. Insgesamt eine Meisterleistung, eigentlich eine Referenzaufführung (gerade auch verglichen mit den Ausschnitten aus anderen Aufführungsserien auf Youtube!).

      Ich würde es dieser Oper doch zutrauen, sich aufgrund ihrer unleugbaren dramaturgischen Qualitäten, der leicht zugänglichen Musik und des geringen personellen Aufwands mit der Zeit einen Platz im erweiterten Repertoire zu erkämpfen (sie wird jedenfalls gerade von kleineren Häusern doch immer wieder mal gespielt). Warum es von ihr bis heute weder eine kommerzielle CD-Aufnahme noch einen DVD-Mitschnitt gibt, verstehe ich daher nicht ganz. Nicht einmal auf Youtube ist das Werk vollständig zu finden. Die Innsbrucker Aufführung wäre eine ausgezeichnete Gelegenheit gewesen, einen Live-Mitschnitt zu produzieren. Jetzt ist die Aufführungsserie leider zu Ende - es waren aber alle Termine ausverkauft und es war nach der Premiere Anfang November schwierig, überhaupt noch an Karten zu kommen. Vielleicht könnte sich ja eine Wiederaufnahme nächste Saison rechnen?

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Berlioz - Les Troyens. Opéra Bastille, 22. Januar 2019

      Nein, ich war (leider !) nicht in Paris! Ich hab's nur bei Arte geguckt! Hier noch bis 31. Mai verfügbar. Und live in Paris bis zum 12.02.)

      Berlioz' Trojaner war die erste Oper, die an der Bastille gespielt worden war; fast 30 Jahre später hat Dmitri Tcherniakow eine Neuinszenierung vorgenommen. Der Regisseur lässt den ersten Teil (Der Fall von Troja) in einer Diktatur spielen, deren Herrscher sich krampfhaft an die Macht klammert. Maßgeblich am Fall Trojas beteiligt ist Aeneas, der dafür sorgt, dass die Kassandra-Rufe ungehört bleiben und den wilden Horden der Gegner (sie sehen eher nach IS-Milizen aus) Einlass verschafft. Im Mittelpunkt dieses Teils steht aber natürlich Cassandre, deren Schicksal, immer Recht zu haben, aber nie gehört zu werden, durch einen Mißbrauch durch ihren Vater erklärt wird (dazu dient ein kurzes Video). Énées Frau Crëusa kann seinen Betrug nicht ertragen und nimmt sich das Leben, noch bevor die griechischen Horden Troja verwüsten. Dies, die brutale Ermordung Königin Hekubas und die grausame Brandschatzung der Stadt erzeigen in dem flüchtenden Énée ein schweres Trauma.

      Forlgerichtig spielt der zweite Teil (Die Trojaner in Karthago) in einer Reha-Klinik für schwerst Kriegstraumatisierte. Hier versucht eine Riege von Therapeuten, angeführt von Narbal, Anna und Iopas, mit Hilfe von Rollenspielen die Patienten wieder ins Leben zurückzuführen. Gerade wurde Didon spielerisch zur Königin erklärt und gefeiert, als die Trojaner nun auch hier eingeliefert werden (möglicherweise von Ascagne, der auch dafür sorgt, das sien Vater, der gleich wieder abhauen will, bleibt). Didon und Énée nähern sich unter der Obhut des Therapeutenteams einander an; aber der rastlose Énée hört Stimmen, die ihm befehlen, wieder aufzubrechen. Didon bleibt, nunmehr endgültig traumatisiert, zurück und nimmt eine Überdosis Tabletten, bevor sie im Rollenspiel eine andere Königin sich ins Schwert stürzen läßt - sie selbst bricht anschließend vor dem fassungs- und hilflosen Therapeutenteam tot zusammen.

      Diese Story der Tcherniakowschen Inszenierung gelingt trotz einiger Ungereimtheiten (und bei nicht übermäßig penibler Beachtung des Textes ;) ) eine ganze Zeit lang recht gut. Im Schlussakt muss man sich dann aber doch gehörig Zwang antun, um noch mitzugehen. Immerhin gelingen eine Reihe starker Szenen und berührender Momente - der Kollektivselbstmord der trojanischen Frauen wird zu einer wilden Orgie des Wahnsinns, Iopas' Arie eine Studie in Entspannungstechnik und das Liebesduett der wirklich herzergreifende Versuch zweier schwer gestörter Menschen, zu sich und zueinander zu finden.

      Im Pauseninterview (mit dem Dirigenten und den Darstellern von Cassandre, Chorèbe und Iopas) zitiert Stephanie d'Oustrac den Regisseur, nach dessen Meinung das heutige Publikum mit den Sagen der Antike nichts mehr anzufangen wisse und deshalb eine Neudeutung brauche; das fand ich ziemlich albern: zum einen bin ich sicher, dass das für das durchschnittliche Opernpublikum einfach nicht stimmt, zum andern mutet Tcherniakow dem Zuschauer doch so einiges an Abstraktion zu (das Video, das Cassandres Missbrauch andeutet, ist einfach nur doof) - da wäre eine Eins-zu-Eins-Umsetzung der antiken Story sicher der einfachere Weg gewesen.

      Gesungen und musiziert wird auf beachtlichem Niveau. Phillippe Jordan bringt im ersten Teil eine nervöse Ruhe- und Rastlosigkeit und damit Cassandres Seelenzustand kongenial zu Gehör; im diesbezüglich ganz anders gestalteten zweiten Teil kann er das nicht immer ausreichend zurücknehmen; an den entschiedenden Stellen (Nuit d'ivresse, Ô blonde Cérès, Adieu, fière cité) dann aber doch; das sind denn auch die musikalischen Höhepunkte der Aufführung.

      Der erste Teil gehört überwiegend Stephanie d'Oustrac als Cassandre mit blendender Stimme und überragender Bühnenpräsenz. Sehr gut auch Stéphane Degout in der undankbaren Rolle des Chorèbe. Brandon Jovanovich scheint mir eher ein Spinto-Tenor zu sein, hat aber mit der teilweise extremen Tessitura des Énée keine wirklichen Probleme und kann die Stimme auch in hoher Lage lyrisch zurücknehmen. Das Duett mit der ebenfalls großartigen Ekaterina Semenchuk (Didon) gelingt beiden ganz wundervoll (sie spielen die Trauma-Patienten auch ganz hervorragend!). Auch gut Aude Extrémo als Anna, die aber mit der z. T. extrem tiefen Tessitura der Rolle gelegentlich leichte Probleme hat (durch die gut positionierten Übertragungsmikros vermutlich abgemildert). Den Vogel aber schießt Cyrille Dubois als Iopas ab, in dem etwas von der alten französischen Schule wieder aufscheint - eine Stimme zum Verlieben!

      Angenehme Bildregie, immer wieder auf die Totale schwenkend, so dass man nicht den Überblick verliert, aber auch passend in Details oder Close-ups gehend. Keine Microports, aber offenbar gut positionierte Bühnenmikros. Dussliges Moderatorinnengeschwätz am Anfang, in der Pause (nur nach dem zweiten Akt), sehr störend am Ende. Aber insgesamt nur wenige Minuten. Die Pauseninterviews ganz informativ.

      Ich finde: empfehlenswert!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Areios schrieb:

      Jetzt ist die Aufführungsserie leider zu Ende - es waren aber alle Termine ausverkauft und es war nach der Premiere Anfang November schwierig, überhaupt noch an Karten zu kommen. Vielleicht könnte sich ja eine Wiederaufnahme nächste Saison rechnen?
      Tja, so schnell können Wünsche erfüllt werden: Das Landestheater Innsbruck hat zwei zusätzliche Termine im März angesetzt, 7.3. und 16.3.: "https://www.landestheater.at/produktion/the-fall-of-the-house-of-usher" Hingehen lohnt sich!

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Neu

      Gestern Abend gab es an der Düsseldorfer Rheinoper eine UA

      operamrhein.de/de_DE/repertoir…-war-urauffuehrun.1172245

      Oper von Anno Schreier.

      Was soll ich sagen, im Westen nichts Neues. Ein paar orchestrale Höhepunkte, ansonsten Sprechgesang oder Zitate vergangener Musikepochen. Mehr war es leider nicht. Dass es auch ganz anders und innovativ geht habe ich vor wenigen Jahren in Heidelberg bei der UA von 2 Opern von Johannes Harneit erlebt.

      Das Libretto von Kerstin Maria Pöhler äusserst dürftig. Sowas geht doch nun wirklich fantasievoller!!

      Die Solisten bis auf die Hauptrolle des Giovanni (Jussi Myllis) und einem totalen Ausfall (D.J.) äusserst engagiert und gut. Die Inszenierung von David Herrmann trug dazu bei, dass ich das Haus nicht vorzeitig verliess. Ebenso die Orchesterleistung unter dem Noch- "Düsseldorfer" Lukas Beikircher (geht angeblich nach Linz)

      Soviel (wenig...) kurz vom Smartphone ( mein Gott, ist das anstrengend auf dem Ding zu schreiben).

      Keine Buhs, freundlicher Applaus. Von mir keine Empfehlung, spart euch die Zeit!

      VG
      boccanegra
      Je niedriger der Betroffenheitsgrad, desto höher der Unterhaltungswert!