Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • Penetrantes Einheitsforte, unangenehm gaumiger Ton, mit den Koloraturen von Il mio tesoro völlig überfordert, steifer Darsteller. Vielleicht hatte er den Sinowi gerade zuvor gesungen und war nur in die falsche Oper geraten?
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      Penetrantes Einheitsforte, unangenehm gaumiger Ton, mit den Koloraturen von Il mio tesoro völlig überfordert, steifer Darsteller. Vielleicht hatte er den Sinowi gerade zuvor gesungen und war nur in die falsche Oper geraten?
      Danke für die Info! Wenn ich mir seine Stimme nochmals vergegenwärtige, kann ich mir das sehr gut vorstellen, dann ist er hier das Paradebeispiel einer Fehlbesetzung. Wenn mich nicht alles täuscht, war er aber ursprünglich nicht angesetzt, vielleicht ist er kurzfristig eingesprungen. Aber das kann ich nicht beschwören..
    • !! Theater Duisburg !!

      :( :( :(

      c. 80.000 Liter Wasser haben gestern morgen die Unterbühne des Theaters Duisburg überflutet … nach der genauen Ursache wird derzeit noch gesucht - - -

      Ob in dieser Saison dort noch mal gespielt werden kann, ist derzeit sehr fraglich!!
      Wer Karten für dortige Aufführungen vor der Sommerpause hat, kann sie jedenfalls ab sofort zurückgeben!!

      >geplante Sprechtheater-Aufführungen können wohl (teilweise wenigstens) im (c. 800m entfernten) "Theater am Marientor" stattfinden...
      wie es bzgl. Musiktheater für die nä. Wochen und Monate aussieht (Verlegungen?), ist im Moment wohl völlig unklar<

      :( :( :(
      >>>>Wer Rechtschreibfehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • Ja, das hab ich auch schon gelesen. Schlimm auf jeden Fall. In der Deutschen Oper Berlin hat es ja auch unlängst gegeben.

      Ich hoffe, dass der Spielbetrieb im Theater Duisburg nach der schnellstmöglich erfolgten Reperaturzeit auf jeden Fall wieder aufgenommen wird - es wäre sehr schade, ein Opernhaus zu verlieren (auch wenn dort mittlerweile eh sehr wenig gespielt wird)

      (ich war übrigens noch nie in der Oper Duisburg)
    • Janáček - Věc Makropulos. Oper Bonn, Premiere am 7. April 2019

      (Wer das Stück nicht kennt: Wikipedia hält eine brauchbare Inhaltsangabe vor.)

      Es handelt sich um die Übernahme einer schon 13 Jahre alten Produktion der English National Opera, die 2008 auch in Prag erfolgreich war. Das Regieteam hat sie nach Aussage von Regisseur Christopher Alden allerdings neu aufgerollt. Alden legt viel Wert darauf, die Story genau zu erzählen (angesichts der im Detail recht komplizierten Handlung sehr löblich). Im Zentrum der Bühne der große Schreibtisch des Anwalts Kolenatý (er wird später auch anderen Zwecken dienen), links eine Menge Besucherstühle, rechts eine Reihe von Glastüren, die auch den Zugang zu einem Opernfoyer abgeben können; vor diese kann ein Vorhang gezogen werden. Hinten links eine Tür zu einem Nebenraum (Künstlergarderobe), an der Rückseite eine große Schiefertafel. Witziges Detail: eine Uhr, die im Verlauf der Aufführung die "Echtzeit" des Stückes anzeigt (Bühne: Charles Edwards). Originalgetreue Kostüme der Spielzeit des Stücks (1923), detailgemäß bis hin zu kunstseidenen Strümpfen und Herrenunterwäsche (Kostüme: Sue Wilmington).

      Für eine Metaebene sorgt die Statisterie (samt dem wenig beschäftigten Herrenchor), mal als Anwaltsgehilfen, die die umfangreichen Prozeßpapiere sortieren oder den Versuch machen, den Stammbaum der Prozeßgegner an die Tafel zu malen, am Ende sogar die Makropulos-Formel dort aufschreiben (sieht aber eher nach Einstein aus); oder als die zahlreichen Verehrer der Sängerin, die durch die Foyertüren eindringen und E.M. den Ausweg versperren. Das schwankt durchaus zwischen bedrohlich, gar gruselig und witzig - das zugrundeliegende Stück von Karel Čapek ist ja eine Komödie, und in Aldens Inszenierung gibt's auch immer wieder mal was zu lachen, so zu Beginn des dritten Aktes, als Prus nach einer offensichtlich sehr unbefriedigenden Liebesnacht im Unterzeug (mit Strumpfhaltern!) dumm 'rumhockt. Am Ende hat Elina Makropulos das Dokument mit dem lebensverlängernden Rezept erhalten, jedoch will sie es nun nicht mehr - sie kann es aber nicht loswerden: eine tolle Schlußszene, in der alle anderen entsetzt vor ihr weglaufen, und ihr die fatale Sache Makropulos buchstäblich an den Fingern kleben bleibt.

      Yannick-Muriel Noah gelingt in der Hauptrolle das Kunststück, die Figur mit emotionaler Eiseskälte und gleichzeitig in anrührender Weise mitleiderregend darzustellen. Sie ist der absolute und totale Mittelpunkt der Aufführung, dazu fast permanent auf der Bühne - eine grandiose Leistung! Auch sängerisch bleibt sie der Rolle nicht das geringste schuldig, bestes parlando (wobei ich nichts über die Qualität ihres tschechisch sagen kann), zu heftigem Ausbruch fähig, aber auch zur Kantilene, praktisch nie den Gesangston verlassend und immer mühelos wirkend!

      Sehr gut Martin Tzonev als Dr. Kolenatý, ein besonderes Schmankerl gibt Johannes Mertes als (gar nicht so wirklich) verblödeter Hauk-Šendorf. Thomas Piffka als Albert Gregor hat mit der Tessitura der Rolle große Probleme, ruft mehr als er singt, muss praktisch alles über dem g' mit Gewalt stemmen und landet dabei auch gerne mal im tonalen irgendwo, immerhin gelingt ihm die szenische Darstellung des Underdogs am Rande des Wahnsinns gut. Alle anderen singen und spielen auf ausgezeichnetem Niveau: Ivan Krutikov (Jaroslav Prus), David Lee (Janek), Christian Georg (Vítek), Kathrin Leidig (Krista), Susanne Blattert (Kammerzofe), Miljan Milovic (Maschinist) und Anjara I. Bartz (Putzfrau).

      Das Orchester der Beethovenhalle überrascht mich seit einiger Zeit immer wieder neu mit großer Präzision und Feinabstimmung, diesmal unter seinem Ersten Kapellmeister Hermes Helfricht, der aussieht, als würde er zum kommenden Semester mit dem Musikstudium erst anfangen (tatsächlich ist er 27). Schon das Vorspiel (mit schön entgegengesetztem Fernorchester!) war eine Ohrenweide, und ganz am Ende legten sie auch nochmal eins drauf - Janáček vom feinsten!

      7 weitere Vorstellungen bis 19. Juni.

      Hingehen!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Danke für den Bericht! Ich liebe Janáček, und ich liebe die Sache Makropulos ganz besonders. Nach der etwas zähen Anfangsszene entfaltet das groteske Stück einfach unglaubliche Seelentiefen, kaum etwas auf der Opernbühne berührt mich so sehr wie die Schluss-Szene (aber auch dazwischen ist es wunderbar).

      Wurde auf Tschechisch oder auf Deutsch gesungen, und wenn auf Deutsch: Wie ist es Dir dabei ergangen?
    • Quasimodo schrieb:



      7 weitere Vorstellungen bis 19. Juni.

      Hingehen!

      Deiner Empfehlung kann ich mich nur anschließen! Beim für mich dritten Versuch der erste wirklich musikalisch begeisternde Musiktheaterabend in Bonn!

      (Da auch erschreckenderweise nur jeder dritte Platz belegt war, bekommen Interessierte auch sicher noch gute Karten!)
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Fr., 12. April 2019: BERLIN (Deutsche Oper): Alexander von Zemlinsky, Der Zwerg

      Heute bin ich nach Berlin gefahren, um an der Deutschen Oper eine der raren Aufführungen von Zemlinskys Zwerg zu erleben. Zemlinsky taucht zwar gelegentlich in der Oper und im Konzertsaal auf, aber bei weitem nicht so oft, wie ich es gerne hätte. Ich gäbe einiges dafür, dass jede zehnte Aufführung einer Mainstream-Oper durch eine spannende Rarität ersetzt würde, denn der Zwerg ist nicht das einzige Stück, das sich lohnt, (wieder-)entdeckt zu werden. Da diese Oper sehr selten zu erleben ist, wäre ich bereit, die Sänger nicht so streng zu beurteilen, anderseits möchte ich nicht verhehlen, dass die Aufführungsserie 2017 in Graz deutlich besser war (ich bin dreimal hingefahren), und wenn Graz einen tollen Zwerg stemmt, erwarte ich das auch von Berlin. In Graz war der Zwerg mit Dallapiccolas Prigoniero gekoppelt (ein gutes Werk, aber den Zwerg schätze ich viel höher ein).

      In Berlin wurde der Zwerg einzeln aufgeführt, was ich generell für problematisch halte. Vorangestellt wurde die knapp 9minütige "Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene für Orchester op. 34" von Arnold Schönberg, die szenisch unterlegt wurde. Diese Idee gefällt mir gut; eine Frau am Klavier und ein Mann waren zu sehen, er zeigte Interesse an ihr, wurde schließlich abgewiesen, ließ nicht locker, bis ihn die Frau einem Spiegel gegenüber stellte - dass diese Darstellung auf die Oper vorausweist, war nicht schwer herauszufinden. Dem Abendplakat war zu entnehmen, dass die beiden Schauspieler Alma Schindler und Alexander von Zemlinsky darstellten, also wurde durch das Vorspiel klar ein autobiographischer Aspekt hineingebracht (die Szenerie entsprach auch der Zwischenkriegszeit). Ohne Überleitung wurde mit der Oper fortgesetzt, und deren szenische Realisierung ist frei von autobiographischen Bezügen und spielt in der Gegenwart. Das Besondere ist, dass der Zwerg auch wirklich von einem kleinwüchsigen Schauspieler (Mick Morris Mehnert) dargestellt und von einem normalwüchsigen Sänger gesungen wurde. Die Idee klingt zwar gut, funktioniert in der Praxis aber nicht. Zunächst schaut es so aus wie in einer kurzfristig umbesetzten Aufführung: Der Schauspieler spielt, während der Sänger am rechten Bühnenrand vor einem Notenständer steht und singt, doch bald vermischen sich die beiden Personen, denn auch der Sänger beginnt, mit den anderen Figuren zu interagieren. Hier wurde ich skeptisch, denn was soll das? Ich finde keinen Hinweis auf einen Sinn dieser Verdoppelung bzw. einen Mehrwert davon. Reichlich absurd wurde es dann in der Szene mit dem Spiegel: Eine riesige (die ganze Bühne umfassende) Spiegelwand wurde eingezogen, auf der Bühne befand sich aber nur der Sänger! Erst im Laufe der Szene wurde hinter dem Spiegel der Schauspieler sichtbar, und das war der Punkt, an dem ich ausgestiegen bin. Sinn der Sache ist ja, dass der Zwerg sich selbst im Spiegelbild erkennt ("Er ist wie ICH!!!") und daran zerbricht, also dass er seiner EIGENEN Hässlichkeit gewahr wird und nicht der Hässlichkeit eines anderen. Das nimmt der Figur doch viel an Tragik, denn es geht ja um seine eigene, ihm nicht bewusste Hässlichkeit und um das grausame Spiel, das mit ihm getrieben wird. Wenn der Zwerg nur als alter ego oder als Projektion oder whatever dargestellt wird, geht das doch am Kern des Stückes vorbei, beziehungsweise ergibt das für mich keinen Sinn. Doch es geht unverständlich weiter, denn am Ende befindet sich die Infantin zwischen den beiden Männern, und jeder dieser beiden hat Interesse an ihr. Auch das verstehe ich nicht, denn es ist keine Dreiecksgeschichte. Insgesamt ein interessanter Ansatz, aber nicht konsequent genug realisiert - oder ich habe die Inszenierung (von Tobias Kratzer) einfach nicht vollständig verstanden, kann auch sein.

      Aber auch musikalisch war mein Eindruck zwiegespalten. Sehr positiv überrascht war ich vom Orchester unter Donald Runnicles. Unlängst hatte ich mich noch abschätzig über das Orchester der Deutschen Oper Berlin geäußert, aber heute hatte ich einen guten Eindruck! Runnicles und die Musiker schwelgten in der Spätromantik und deckten die Sänger nicht zu, zeitweilig hätte ich mir mehr Präzision, schärfere Kontraste und nicht zuletzt höhere Lautstärke gewünscht, aber ich kenne die Akustik der Deutschen Oper nicht gut genug, um zu wissen, was in diesem Saal möglich ist und was nicht. Die mit Abstand beste Leistung kam von Emily Magee, die zwar keine taufrische Ghita gab, aber mit super geführter Stimme trotzdem sehr überzeugend war. Auf jeden Fall befand sie sich in besserer Verfassung als vor zwei Monaten in Wien als Arabella. Heute bot allein sie ein Niveau, das ich die anderen Mitwirkenden zu vermissen ließen. David Butt Philip nennt eine interessante und ungewöhnliche Stimme sein Eigen. Der Ansatz ist leicht baritonal, zeitweise klingt die Stimme aber trotzdem stark nach einem Naturtenor, kann aber Mängel in der Durchschlagskraft und Höhenprobleme und nicht verheimlichenden, sodass dreimal eine Flucht ins Falsett notwendig war, und das kanns ja nicht sein. Ich will die Leistung nicht schlechter machen als sie war, aber gestört hat mich auch sein Nicht-Ausdruck (zumindest gegen Ende MUSS der Zwerg auch am Ende sein, er ringt ja mit dem Tode und erliegt ihm), man darf diese Rolle einfach nicht "schön" singen. Ich habe vor zwei Jahren dreimal Aleš Briscein gehört, den man nicht in jeder Rolle mögen muss, dessen leicht gequält klingende Stimme aber für den Zwerg super passt. Beiden Sängern, die ja keine deutschen Muttersprachler sind, ist übrigens eine ausgezeichnete Aussprache zu bescheinigen, Briscein ist aber der bessere Interpret. Ebenfalls mittelmäßig war die Infantin von Elena Tsallagova. Ich weiß nicht, was sie falsch macht, aber die Stimme klingt einfach unfertig und für klassischen Gesang unzureichend ausgebildet. Tsallagova hat viel Jazz-Erfahrung, vielleicht deshalb mein Eindruck? Leider hat man ihr Deutsch auch oft nicht verstanden. Zwar keine technischen Mängel, aber insbesondere am Anfang zu wenig Durchschlagskraft ist dem Don Estoban von Philipp Jekal zu attestieren. Insgesamt wegen des Stückes ein lohnender Abend. Das Publikum im nicht besonders stark gefüllten Haus zeigte sich sehr angetan, den meisten Applaus heimste der Sänger der Titelpartie ein. Die Kombination mit einem anderen kurzen Werk wäre erfreulich gewesen, der Zwerg ist halt doch nicht abendfüllend (und zu kurz für eine eigene Reise von Wien nach Berlin).
    • Sa., 13. April 2019: OSTRAVA / MÄHRISCH OSTRAU (Antonín-Dvořák-Theater): Bohuslav Martinů, Julietta

      Ich schreibe ja nur über einen geringen Teil meiner Kulturtermine Berichte, nämlich nur über die, zu denen mir etwas halbwegs Sinnvolles einfällt. Da ich Martinůs Julietta gar nicht gekannnt habe, wollte ich mich dazu nicht äußern, aber warum die positiven Sachen verschweigen, wo ich mich doch häufig kritisch äußere? Deshalb halte ich fest, dass mir die heutige Aufführung in Ostrava (Mährisch Ostrau) ganz ausgezeichnet gefallen hat. Martinů hat die Julietta nicht grundlos für sein bestes Werk gehalten, und auch wenn daraus oft nur einige kurze Ausschnitte aufgeführt werden (zum Beispiel demnächst in Brno), hat das ganze (heute angeblich nur leicht gekürzte) Werk auch seinen Reiz. Die Handlung ist zwar ziemlich verworren (ein Mann voller Liebeskummer träumt, erschießt im Traum seine Geliebte und wird am Ende wahnsinnig, weil er seine Traumwelt nicht verlassen will/kann - gewisse Ähnlichkeiten zur Toten Stadt sind nicht zu übersehen), aber verglichen mit dem Schwachsinn, der ihn den meisten Mainstreamopern gebracht wird, ist die Julietta hochgradig verständlich. Man sollte sie unbedingt öfter spielen. Vor allem dann, wenn man in den Genuss einer so ausgezeichneten Aufführung kommt (von einem schwachen Orchesterbeginn abgesehen, aber da war das Problem schon nach zwei Minuten behoben). Insbesondere die Leistung des Hauptrollensängers (Jorge Garza) in der mörderischen Partie des Michel und die Leistung der Titelrollensängerin (Doubravka Součková, die übrigens, wie ich grad herausgefunden habe, erst 1993 geboren ist) haben mich begeistert, aber auch jede einzelne kleine Rolle war ausgezeichnet besetzt. Gerne wieder! Inszenierung und das Übrige auch sehr gut. Auch war es reizvoll, den Einsatz einer Ziehharmonika in einem klassischen Werk aus nächster Nähe miterleben zu können (denn die Ziehharmonika-Spielerin war auf der Galerie plaziert).

      Übrigens ist Ostrava die drittgrößte Stadt Tschechiens, ziemlich gemütlich und einen Besuch wert. Ärgerlich ist nur das Fehlen einer guten Nachtverbindung Richtung Wien/Prag, man muss dann bis 2:30 am Bahnhof sitzen. Wer, so wie ich, verwegen genug ist, eine solche Aktion zu starten: unbedingt am Svinov-Bahnhof warten, nicht am Hauptbahnhof.

      Einen ähnlich positiven Eindruck hatte ich übrigens am 4. April bei Martinůs The Epic of Gilgamesh (szenisch im Janáček-Theater in Brno/Brünn). Ein sehr hörenswertes Oratorium in sehr guter musikalischer und szenischer Realisierung. Es mag unbegreiflich erscheinen, aber was man in Tschechien und der Slovakei geboten bekommt, übersteigt nicht selten die Qualität des in Wien zu Hörenden. Die Wiener sollten endlich aufhören, ihre Musikwelt für den Nabel der Welt zu halten.
    • So., 14. April 2019: BERLIN (Staatsoper Unter den Linden): Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg

      Dass ausgerechnet ich, der ich als Wagner-Antifan bekannt bin und der ich die meisten Wagner-Aufführungen in Wien auslasse, extra nach Berlin zu einer langen Wagneroper fahre, mag verwundern. Doch dafür gibt es Gründe. Die Meistersinger sind die von mir am höchsten eingeschätzte Wagneroper, ihr kann ich etwas abgewinnen! Wagner hat mit den Meistersingern gezeigt, dass er durchaus in der Lage war, halbwegs gute Opern zu schreiben, wieso hat er es bloß so selten getan? Doch ich will nicht zu überschwenglich sein, denn die Partitur der Meistersinger könnte man erheblich kürzen. Ein weiterer Grund war die Sängerbesetzung, und zwar vornehmlich die Besetzung mancher Nebenrollen, denn wann hat man schon die Gelegenheit, mehrere Operngrößen lang vergangener Tage gleichzeitig zu erleben? Doch dazu später.

      Wolfgang Koch war mit der ob ihrer immensen Länge kaum zu bewältigenden Partie des Hans Sachs betraut, und ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut vor jedem Sänger, der diese Rolle achtbar bewältigt (das heißt: weder die ersten beiden Akte nur auf Sparflamme zu singen, um dann auf der Festwiese die Sau rauszulassen, noch in der Schlussansprache stimmlich völlig zu verrecken - Beispiele für beides verkneife ich mir jetzt). Ermüdungserscheinungen waren am Ende zu merken, doch er konnte diese durch gute Technik weitgehend kaschieren. Freilich, so optimal ist seine Technik nicht, denn die hohen Töne werden irgendwie komisch deutlich nach hinten gezogen, aber sie reicht aus. Mein Problem mit Koch ist: Er klingt immer gleich, nämlich bar jedes Ausdrucks, richtig gleichgültig, eine Vermittlung von Gefühlen findet einfach nicht statt. Das liegt nicht an der Länge der Partie, denn dieses Problem gibt es immer, als Telramund, als Barak, als Jochanaan, als Danton. Ich kann mich noch an Anfang Juli 2017 erinnern, als Koch nach seinem teilnahmslos gesungenen Münchner Barak starke Ovationen entgegennehmen konnte und ich mir nur gedacht habe: "Niemand, der jubelt, hat so wie ich vor zwei Wochen den Barak von Franz Grundheber in Leipzig gehört und weiß somit nicht, was gut ist.". Zurück zu Koch: Es war heute eine passable Leistung, nicht mehr, nicht weniger. Seine Stimme ist für die Wiener Staatsoper stets ein wenig zu klein, aber für die kleine Berliner Lindenoper passt sie. Angekündigt für den Stolzing, die zweite der beiden Hauptpersonen, war Burkhard Fritz, der aber kurzfristig durch den stark polarisierenden Klaus Florian Vogt ersetzt wurde, der erst tags zuvor in Salzburg den Stolzing gesungen hatte. Das ist ein Mordsprogramm, aber wer weiß, vielleicht ist Vogt ja der einzige Vertreter jener raren Spezies, der stimmliche Überforderung guttut? Wie auch immer, heute war ich mit ihm ausnahmsweise sehr zufrieden. Seine Stimme ist mittlerweile nachgedunkelt und klingt jetzt nicht mehr so knabenhaft wie weiland, hat sich aber ihre Leichtigkeit bewahrt. Vogt ist fähig, ein hauchzartes und gleichzeitig tragfähiges Piano zu produzieren, was ja eine tolle Leistung ist. Dass er an den entscheidenden Stellen auch aufdrehen kann ohne zu brüllen, habe ich genauso wohlwollend registriert wie die Tatsache, dass ich heute nicht das Gefühl hatte, er sänge gleichzeitig mit zwei verschiedenen Stimmen. Also insgesamt ein sehr sehr positiver Eindruck, der dazu beigetragen hat, meine Beziehung zu seiner Stimme deutlich zu verbessern. Ebenfalls umbesetzt wurde die gar nicht so kleine Rolle des Pogner, für die ursprünglich Kwangchul Youn angekündigt war, für den aber Matti Salminen übernahm, der im Wikipedia und auf der Site seiner Agentur als "retired opera singer" geführt wird, und ehrlich gesagt täte er gut daran, schleunigst in die Pension zurückzukehren anstatt jetzt sein Denkmal zu beschädigen. Hin und wieder schimmerte noch sein Stimmglanz früherer Zeiten durch, aber bedauerlicherweise muss ich festhalten, dass Salminen einfach keine Stimme mehr hat. Es fehlt gewaltig in allen Lagen: unten, oben, Mitte. Lieb ist seine deutsche Aussprache, aber darauf kommt es ja nicht an. Nein, wirklich: Diese Stimmreste kann man als Hans Schwarz zur Schau stellen, aber nicht als Pogner. Die dritte Umbesetzung betraf die problematische Rolle des Beckmesser, den heute Martin Gantner statt Johannes Martin Kränzle, auf den ich mich gefreut hatte, gestaltete. Naja, Gantners Stimme klingt sehr tenoral und präzise, was hier passt, aber seine Darstellung hat mir missfallen, aber ich weiß nicht, inwieweit das ihm oder der Regisseurin anzulasten ist, dazu später. Sehr gut gefallen hat mir der David des Siyabonga Maqungo, der einmal mehr bewiesen hat, dass jemand, der schwarzafrikanische Sänger nur als Porgy-and-Bess-Interpreten sieht, komplett irrt. Maqungo hat eine sehr gute Leistung erbracht, und es ist ja schon nicht ganz so ohne, diese Textmassen als Nicht-Muttersprachler auswendig zu lernen. Dass alles richtig ausgesprochen und artikuliert war, habe ich ebenso wohlwollend vernommen wie seine helle, durchschlagskräftige Tenorstimmme. Eine Wiederbegegnung würde mich freuen, genauso wie auch mit Julia Kleiter, der Eva des heutigen Abends. Sie nennt einen schönen, hellen, aber nicht piepsigen Sopran ihr Eigen und konnte die Figur glaubhaft darstellen. Katharina Kammerloher als Magdalene hingegen ist mir negativ aufgefallen, sie scheint die Zoryana Kushpler Berlins zu sein, wenngleich sie auch nicht ganz so schlimm tönte. Unter den teils hochkarätig besetzten Nebenrollen hat Graham Clark den mit Abstand besten Eindruck hinterlassen, der trotz Baujahr 1941 in der kurzen Rolle des Kunz Vogelsang eine laute, vollkommen erhaltene Tenorstimmme mit erfreulichem Timbre hören ließ - ihn hätte ich gerne in Wien als Luxusbesetzung für diverse Rollen (Dr. Cajus, Monsieur Taupe etc). Jürgen Linn bellte sich durch den Fritz Kothner, und die anderen Sänger sind keiner Erwähnung wert, obwohl sich darunter auch Siegfried Jerusalem (Balthasar Zorn) und Reiner Goldberg (Ulrich Eißlinger) befanden. Franz Mazura (Hans Schwarz) hat nicht einmal mehr Stimmreste, sondern stimmlich nichts mehr, was in Anbetracht seines enorm hohen Alters (geboren 1924) nicht weiter verwundert. Der Chor der Berliner Staatsoper hat mir gut gefallen, und ausgezeichnet gefallen hat mir die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim, doch bin ich nicht so Meistersinger-eingehört, um das Dirigat im Detail beurteilen zu können.

      Aufgrund meines Platzes mit Sichteinschränkung konnte ich nur die halbe Bühne einsehen, was insofern nicht so schlimm war, zumal ich auf der "richtigen" Seite gesessen bin, nämlich auf der linken. Die Besucher der rechten Galerieseite haben mir leidgetan! Das, was ich von der Inszenierung gesehen habe, hat mir mit Einschränkungen gut gefallen - auf jeden Fall war es wohltuend, eine halbwegs zeitgemäße Inszenierung zu sehen anstatt die verstaubte Uraltproduktion Otto Schenks, die in Wien gerüchtehalber zwar schon oft entsorgt wurde, aber dann trotzdem wieder mal auftaucht. In den Meistersingern gibt es im wesentlichen drei Knackpunkte: 1) Wie schafft man es, der Figur des Beckmessers ihrer Würde nicht zu berauben? 2) Wie schafft man es, die fröhlich-ausgelassene Stimmung der Festwiese auf das Publikum zu übertragen anstatt eine bemüht-heitere und letztlich peinliche Stimmung hervorzurufen? 3) Und wie schafft man es, die Schlussansprache möglichst unproblematisch zu gestalten? Andrea Moses (die Regisseurin der total unnötigen Wiener Uraufführung von Die Weiden, oder besser gesagt: Die Stauden) hat sich passabel aus der Affäre gezogen. Besonders gut gefällt mir die Zeichnung der Dreiecksgeschichte Sachs-Eva-Stolzing, und das IST eine Dreiecksgeschichte, denn Sachs hat ganz klare Ambitionen auf Eva, welche er jedoch galant hintanstellt um des Glücks Evas wegen, ganz ähnlich wie im Rosenkavalier. In der Inszenierung von Frau Moses war ganz deutlich zu merken, dass Eva zwischen den beiden Männern hin- und hergerissen ist und sich Sachs und Stolzing durchaus als Konkurrenten wahrnehmen. Das ist super! Nicht super ist, dass ihr zum Beckmesser nichts eingefallen ist, das über die Standardinterpretation hinausgeht. Nennen wir das Kind beim Namen: Beckmesser ist eine antisemitische Karikatur. Nichtsdestoweniger kann man eine kluge Rollengestaltung entwickeln, aber dafür müsste man intelligent genug sein oder bei Christine Mielitz und Adrian Eröd nachfragen. Hier war es ganz 0-8-15 (Beckmesser macht sich zum Narren, wird verspottet und ist beim Finale nicht dabei), angereichert mit ein paar "Details", etwa dass Beckmesser offenbar Alkoholiker ist und sich im dritten Akt erstmal ein Reparaturseidl genehmigen möchte und dabei ganz im Stil des 3. Akts der Fledermaus gewaltig daneben leert - was soll dieses deppade, plumpe Getue? Einfach nur peinlich. Recht gut gelöst ist die Festwiese: Die Lichter im Zuschauerraum werden kurz eingeschaltet; Luftballons werden auf der Bühne und im Zuschauerraum befestigt; auf der Bühne befinden sich Menschen verschiedener Herkunft, die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen, das passt. Im Hintergrund ist das Transparent eines städtischen Bauwerkes sichtbar, erst zum Schluss wird die Sicht einer grünen Wiese sichtbar, das gefällt mir. Was mich nervt, ist die unnötige Raucherei. Die Raucher sind generell eine Landplage, wieso müssen wir das auf der Opernbühne auch dann sehen, auch wenn es keine Funktion (wie zum Beispiel die Demonstration männlicher Macht oder weiblicher Attraktivität) hat? Wir wissen, dass Wolfgang Koch privat starker Raucher ist, aber wieso muss er sich als Sachs ganz an Ende vor Fallen des Vorgangs gut sichtbar eine Tschick anzünden? Wieso auch Eva rauchen muss, wird auch nicht so wirklich klar. So ein unnötiger Blödsinn Insgesamt war es jedoch - trotz Wagner - ein lohnender Opernnachmittag und -abend.
    • Gärtnerplatztheater München - PERLENFISCHER (14.4.2019)

      Es gibt nicht viele Opernabende, bei denen ich auch nach gebotener längerer Nachdenk- und Schlafpause der Meinung bin, dass sie zu den Sternstunden des Opernlebens gehören und jede Kritik, im Sinne von Fehlersuche, nicht dem Besucher sondern Herrn Beckmesser zusteht. Solch einem Abend habe ich gestern im Gärtnerplatztheater in München bei der (semi)konzertanten Aufführung von „LesPecheurs de Perles“ von Georges Bizet beiwohnen dürfen. Und ich bedauere, dasses davon keinen Mitschnitt gibt.
      Vor gut zwei Jahren, im Jänner 2017, wurden diese „Perlenfischer“ in der Reithalle, einem der Ausweichquartiere des Gärtnerplatztheaters während der Renovierung, erstmals aufgeführt. Und jetzt gibt es nochmals (leider nur) drei Aufführungen im Stammhaus; die zweite war gestern.
      So problematisch die Klangbalance bei „normalen" Aufführungen ist, so schön und ausgewogen war der Klang an diesem Abend und so gut mischten sich die Stimmen von Solisten und Chor mit dem Orchester. Lag es an der klassischen Konzertaufstellung – Solisten am abgedeckten Orchestergraben vor dem auf der Bühne sitzenden Orchester, dahinter der Chor -, oder lag es daran, dass sich der Dirigent auf die Akustik gut eingestellt hat. Ich weiß es nicht. Wie auch immer - es klang um Eckhäuser besser als kürzlich bei der Premiere von "La Boheme".
      Dass dieser Abend zu einem musikalischen Erlebnis werden konnte, lag nicht zuletzt am Dirigat von Tom Woods. Der in Tansania geborene und in Australien aufgewachsene Dirigent leitete einfühlsam das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz – voll französischer Süße in den lyrischen Passagen, dramatisch dort, wo es den Text unterstützt. Dass er den Sängern ein aufmerksamer Begleiter war, versteht sich dabei von selbst. Die gewohnte hohe Qualität bewiesen an diesem Abend einmal mehr Chor und Extrachor des Staatstheaters am Gärtnerplatz.
      Wem aus dem Solistenquartettdie sprichwörtliche Krone gebührt, mag beurteilen, wer will. Ich stelle die vier Sänger nebeneinander auf ein symbolisches Podest. Da war Timos Sirlantzis ein der Rolle das entsprechende stimmliche Gewicht gebender Nourbad; MathiasHausmann gab einen dominanten und gleichermaßen mitfühlenden Zurga; LucianKrasznec krönt seinen Nadir mit bombigen Höhen; bei Jennifer O´Loughlin kannder Zuhörer verstehen, warum Nadir diese Leila liebt. Ihre gehauchten Piani forden den Jubel des Publikums im gleichen Maß wie ihre sicheren Spitzentöne. Überzeugend sind die Solisten aber nicht nur in ihren Soloszenen und Arien (wunderschön gesungen die die Wunschkonzertarie des Nadir), sie glänzen vorallem auch in den Duetten. Ein erster Höhepunkt ist schon das Freundschaftsduett von Zurga und Nadir; nach der Szene Zurga und Leila, für mich vielleicht der Höhepunkt des Abends, entlädt sich die Spannung des Publikums in stürmischem Beifall.
    • <= von Bizet kenn ich nach wie vor ausschließlich (na ist eh klar) - echt peinlich so langsam . . .
      HM … evtl. gönne ich mir die konzert. Perlenfischer Ende Mai in Dortmund … Friedrich Haider wird dirigieren (?) ...

      Siyabonga Maqungos David war vor c. 5 J. bei den letzten (von Hausherr Ansgar Haag inszenierten) Meininger Meistersingern >fast jedenfalls< das Highlight der Aufführung: freut mich wirklich, hier entspr. von ihm lesen zu können!!

      In Vera Nemirovas Erfurter-Weimarer "Meistersingern" hatten Eva + Sachs gar ein (c. 7, 8jähriges) Kind miteinander … jedenfalls habe ich es seinerzeit so interpretiert … die Kleene drückte sich gut die halbe Aufführung mal hier, mal dort auf der Bühne herum - nicht gerade deprimiert, aber doch immer darauf achtend, von ganz bestimmten Leuten nicht bemerkt zu werden ...

      :wink:
      >>>>Wer Rechtschreibfehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • Aah, ich sehe gerade: ich habe das mit der Frankfurter Elektra verwechselt, die Perlenfischer kommen vom WDR und Haider ist richtig... Aber das wird sicher trotzdem toll!

      Perlenfischer ist echt wunderschöne Mucke! Und die krude Handlung kann man getrost weglassen... :rolleyes:
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Neu

      wes.walldorff schrieb:

      Siyabonga Maqungos David war vor c. 5 J. bei den letzten (von Hausherr Ansgar Haag inszenierten) Meininger Meistersingern >fast jedenfalls< das Highlight der Aufführung: freut mich wirklich, hier entspr. von ihm lesen zu können!!
      In Vera Nemirovas Erfurter-Weimarer "Meistersingern" hatten Eva + Sachs gar ein (c. 7, 8jähriges) Kind miteinander … jedenfalls habe ich es seinerzeit so interpretiert … die Kleene drückte sich gut die halbe Aufführung mal hier, mal dort auf der Bühne herum - nicht gerade deprimiert, aber doch immer darauf achtend, von ganz bestimmten Leuten nicht bemerkt zu werden ...
      1) Das freut auch mich. Ich habe ihn überhaupt nicht gekannt. Sein Auftritt an der Berliner Staatsoper scheint recht überraschend gekommen zu sein, denn vor rund einem Monat ist in der Besetzungsliste noch "David: n.N." gestanden.

      2) Das finde ich interessant und diskutierenswert, vielleicht in m Meistersinger-Thread? Wie ist das Verhältnis Sachs-Eva? Ich hätte es bisher so interpretiert, dass Sachs verwitwet ist und an Eva generell interessiert wäre, aber ihm eigentlich klar ist oder es ihm klar wird, dass er zu alt ist und einfach nicht zu Eva passt. Aber ich habe mir noch nicht viele Gedanken über das Stück gemacht. Inwiefern mir eine vorausgegangene heimliche (?) kurze (?) Beziehung zwischen den beiden sinnvoll erscheint, müsste ich mal überlegen. Aber ja, wieso nicht?
    • Di., 16. April 2019: WIEN (Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz): Thomas Adès, Powder Her Face

      Neu

      Die Volksoper bespielt heuer zum drittenmal das eigentlich zum Burgtheater gehörige Kasino am Schwarzenbergplatz mit zeitgenössischem Musiktheater (2017 mit Trohjans "Limonen aus Sizilien", 2018 mit Bryars' "Marilyn Forever"). Das halte ich für eine ausgezeichnete Idee, aber durch die Preisgestaltung ließ ich mich bisher von einem Besuch abhalten, denn für eine Karte muss man sage und schreibe 42 Euro hinblättern. Heuer jedoch gibt es die Gelegenheit, im Rahmen des Osterabos eine Karte zum Halbpreis erwerben, und da habe ich zugeschlagen. 21 Euro ist zwar auch mehr als ein Vierfaches, das ich üblicherweise für Kultur ausgebe, doch es hat sich ausgezahlt. Ich hätte Lust, gleich morgen gleich wieder zu gehen. "The Tempest" (ebenfalls von Thomas Adès) habe ich 2015 an der Staatsoper verpasst, mir wurde aber von zuverlässiger Quelle berichtet, dass das deutlich langweiliger gewesen sein soll als "Powder Her Face".

      "Powder Her Face" wird von der Volksoper erst ab 16 Jahren freigegeben, was seinen Grund hat, denn es geht um wesentlichen um das, was im Mittelalter "luxuria" bezeichnet wurde, nämlich um sexuelle Ausschweifung. Wer mit diesem Thema Probleme hat, möge der Aufführung fernbleiben, denn Sex in unterschiedlichen Praktiken wird ausführlich und gut sichtbar dargestellt, auch das Libretto von Philip Hensher ist sehr "eindeutig". Aber auch wenn der Text nicht die Seelentiefe einer - zum Beispiel - Janáčekoper erreicht, hat mich "Powder Her Face" interessiert und teilweise berührt, vor allem am Ende, als die zwar sexuell sehr erfolgreich gewesene, aber letzlich einsame Herzogin reflektiert ("And the only people who were ever good to me were paid for it"). Generell lässt sich festhalten, dass mir die Aufführung im Verlauf immer besser gefallen hat. Es empfiehlt sich, sich vor dem Aufführungsbesuch über die Handlung zu informieren, sonst ist man sehr ratlos, denn was bringem einem deutschsprachige Übertitel, wenn man nicht weiß, um was es geht.

      Der Raum war auf die Bedürfnisseder Aufführung abgestimmt, das Publikum saß auf der Längsseite, das Orchester wurde von der Bühne eingeschlossen. Die Inszenierung von Martin G. Berger (Bühnenbild von Sarah-Katharina Karl, Kostüme von Alexander Djurkov Hotter) passt. Am besten hat mir die mir vorher ganz unbekannte Morgane Heyse als Zimmermädchen gefallen, ich würde ihre schöne und zu Gestaltung fähiger Stimme auch gerne in anderen Rollen hören (ihr Repertoire ist breitgefächert). Mit Ursula Pfitzner, der die Hauptrolle anvertraut war, werde ich nie so recht glücklich. Auch heute nicht, aber ihre heutige Leistung hat mich noch am ehesten überzeugt. Eine schöne Stimme braucht man für diese Rolle gar nicht, man muss auch nicht sonderlich genau singen. Pfitzner hat sich mit viel Engagement in die Rolle geworfen und war eine gute Besetzung. David Sitka passte als Elektriker, und Bart Driessen war ein solider Hotelmanager (dass ihm die Partie nicht ganz leicht fällt, war zu merken, stört aber nicht den Gesamteindruck, dem es sogar förderlich war, dass sich nicht alles so mühelos anhörte). Von allen Sängern hätte ich mir mehr Wortdeutlichkeit gewünscht. Der Star des Abends war Wolfram-Maria Märtig und das Orchester. Ausgezeichnet! Dass das Volksopernorchester zeitgenössische Oper so gut darbieten kann, hätte ich ehrlich gesagt gar nicht erwartet, die Proben scheinen sich ausgezahlt zu haben.

      Für zukünftige Besucher ein praktischer Tipp: Am besten mittig oder links sitzen, rechts ist nicht optimal, weil man dadurch weiter vom Ort des Geschehens entfernt ist. Vor den regulären Sitzreihen gibt es Hocker, auf denen man auch Platz nehmen kann, was ich aber aus zwei Gründen nicht empfehle: Erstens hat man von dort wohl eine schlechte Sicht auf die Übertitel, und zweitens werden diese Plätze nach der Pause geräumt. Wer dort gesessen ist, muss sich anderswo einen Platz suchen (zwar werden alle unmittelbar vor Beginn der Pause dazu angehalten, nachher eine Reihe weiter hinaufzurücken, was aber nur wenige sich in meiner Nähe befindlichen Besucher gemacht haben). Spieldauer: 1h4min + 48min.
    • <= Beitr. 55

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      ...doch noch eben kurz - weiß gar net, ob es Sinn machte, mich am "Meistersinger"-Thread zu beteiligen - - - - - -

      Aufgrund meiner obigen Einlassungen könnte man mich evtl. für einen Kenner dieser Oper halten...
      Das bin ich mitnichten - meine Aufführungsbesuche beschränken sich auf die beiden oben erwähnten Produktionen, und auf Konserve habe ich grade mal den von K.Böhm dirigierten dritten Akt (Dresden, 1938)...

      :wink: wW (der gleich in der Sauna mehr Ruhe hat, falls ihm vorher noch einfällt, wo er die Tage bzgl. Powder Her Face einige Zeilen gelesen hat)
      >>>>Wer Rechtschreibfehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
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      Das ist gar kein Problem, ich bin noch weniger Meistersinger-Experte als Du. Aber wir sind ja hier nicht in einem reinen Expertenforum, da darf sich ruhig jeder äußern und schreiben, was ihm einfällt :D
      Auch wenn ich natürlich fachliche Kompetenz schätze, aber genau diese Mischung aus Profis (manche von ihnen schreiben leider nicht mehr), Hobbymusikern und interessierten "Laien" ist super.
    • Do., 18. April 2019: WIEN (Theater an der Wien): Georg Friedrich Händel​, Orlando

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      Es hat mir sehr gut gefallen (obwohl Barockmusik nicht meine Ecke ist). Christophe Dumaux und das Orchester (Il Giardino Armonico) ganz toll, Florian Boesch sehr gut. Die anderen haben auch gut gepasst, außer Anna Prohaska, bei der ich wirklich nicht verstehe, wieso sie so bekannt ist. Die Guth-Inszenierung gefällt mir sehr gut, und es ist bezeichnend, dass ein spannender und intelligenter Regisseur wie Claus Guth während der Direktionszeit Dominique Meyers kein einziges Mal an der Wiener Staatsoper inszeniert hat.


      (gesamte Besetzung siehe hier)
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      Sadko schrieb:

      Wagner hat mit den Meistersingern gezeigt, dass er durchaus in der Lage war, halbwegs gute Opern zu schreiben, wieso hat er es bloß so selten getan?
      Du wolltest natürlich schreiben, dass die Meistersinger unter 10 sensationellen Opern neben dem Tristan die vielleicht allergrößte ist. Hast es halt nur missverständlich formuliert. :D

      Sadko schrieb:

      Mein Problem mit Koch ist: Er klingt immer gleich, nämlich bar jedes Ausdrucks, richtig gleichgültig, eine Vermittlung von Gefühlen findet einfach nicht statt. Das liegt nicht an der Länge der Partie, denn dieses Problem gibt es immer, als Telramund, als Barak, als Jochanaan, als Danton. Ich kann mich noch an Anfang Juli 2017 erinnern, als Koch nach seinem teilnahmslos gesungenen Münchner Barak starke Ovationen entgegennehmen konnte und ich mir nur gedacht habe: "Niemand, der jubelt, hat so wie ich vor zwei Wochen den Barak von Franz Grundheber in Leipzig gehört und weiß somit nicht, was gut ist.".
      Den Eindruck hatte ich von Koch auch, allerdings ist das schon lange her. Ich hatte gehofft, dass er sich doch in der Zwischenzeit weiter entwickelt hätte. Schade, dass das wohl nicht so ist. Und was Grundhebers Barak angeht: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:

      Sadko schrieb:

      vielleicht ist Vogt ja der einzige Vertreter jener raren Spezies, der stimmliche Überforderung guttut? Wie auch immer, heute war ich mit ihm ausnahmsweise sehr zufrieden. Seine Stimme ist mittlerweile nachgedunkelt und klingt jetzt nicht mehr so knabenhaft wie weiland,
      'Kindertrompete' nannte man ihn an der Hamburgischen Staatsoper und so habe ich ihn bislang auch erlebt, u.a. auch als Stolzing in Bayreuth in der letzten Produktion. Von daher bin ich sehr gespannt auf seine veränderte Stimme, die ich ja nun in der Rolle im Sommer erleben werde.

      Sadko schrieb:

      Die Raucher sind generell eine Landplage,
      Vollkommen richtig. Generalisierungen treffen immer zu und ab mit uns an den Pranger und am besten bespuckt und beschimpft. :P

      Ansonsten Dank an dich für diesen informativen und interessanten Bericht, den ich gerne gelesen habe und mich fast verführt, mal wieder nach Berlin zu fahren. Wenn ich bloß mehr Zeit hätte. ^^

      :wink: Wolfram