Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • Sadko schrieb:

      Wie ist das Verhältnis Sachs-Eva? Ich hätte es bisher so interpretiert, dass Sachs verwitwet ist und an Eva generell interessiert wäre, aber ihm eigentlich klar ist oder es ihm klar wird, dass er zu alt ist und einfach nicht zu Eva passt.
      Aber auch Eva ist nicht völlig passiv dabei. Sie sagt Sachs schon ziemlich deutlich, dass er durchaus ein Kandidat wäre, wenn nicht Stolzing usw. Ich habe das immer so interpretiert, dass Sachs für sie eher eine Notlösung wäre, bevor Beckmesser ihr drohen würde. Nur dass die beiden ein Kind haben, halte ich für völligen Quatsch und typisch RT. Anstatt nämlich etwas der Fantasie der Zuschauer zu überlassen muss es immer direkt formuliert werden. Wie langweilig und in diesem Fall auch falsch.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      1) Du wolltest natürlich schreiben, dass die Meistersinger unter 10 sensationellen Opern neben dem Tristan die vielleicht allergrößte ist. Hast es halt nur missverständlich formuliert. :D
      2) Den Eindruck hatte ich von Koch auch, allerdings ist das schon lange her. Ich hatte gehofft, dass er sich doch in der Zwischenzeit weiter entwickelt hätte. Schade, dass das wohl nicht so ist. Und was Grundhebers Barak angeht: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:
      3) 'Kindertrompete' nannte man ihn an der Hamburgischen Staatsoper und so habe ich ihn bislang auch erlebt, u.a. auch als Stolzing in Bayreuth in der letzten Produktion. Von daher bin ich sehr gespannt auf seine veränderte Stimme, die ich ja nun in der Rolle im Sommer erleben werde.
      4) Vollkommen richtig. Generalisierungen treffen immer zu und ab mit uns an den Pranger und am besten bespuckt und beschimpft. :P

      5) Ansonsten Dank an dich für diesen informativen und interessanten Bericht, den ich gerne gelesen habe und mich fast verführt, mal wieder nach Berlin zu fahren. Wenn ich bloß mehr Zeit hätte. ^^
      Ich habe die einzelnen Punkte mit Nummern versehen, damit ich gut übersichtlich auf alles antworten kann! Ich hoffe, das ist so okay!

      1) Neeeein X( :D Da gibt es doch viel vielschichtigere und kreativere Musik als die Wagnerschen Göttergeschichten, für die man gleich einen ganzen Nachmittag+Abend einplanen muss, weil sie so lang komponiert sind :thumbdown: :D

      2) Ich fürchte, Koch hat sich in dieser Hinsicht nicht geändert.. Er hat ja eine gute Stimme und kann singen, aber das stört mich halt doch. Deshalb hat er bei mir immer nur den Status einer Notlösung, keiner Wunschbesetzung. (Achja, als Mathis habe ich ihn auch gehört, das ist mir beim Schreiben des Berichts nicht eingefallen)

      3) Jaaa, er war auch eine Kindertrompete. Ich habe mich nie sonderlich für ihn erwärmen können (wenngleich ich ihn als Paul in der Toten Stadt super gefunden habe - aber eben auch nur in dieser Rolle und sonst nicht). Aber jetzt als Stolzing hat er mich sehr positiv überrascht. Vielleicht gehört er zu den seltenen Tenören, die mit der Zeit immer besser werden? :/
      Aber umso besser! Der Stolzing kommt seiner Stimme ja auch entgegnen, auch im Kombination mit Koch, der ja auch keine sonderlich dunkel timbrierte Stimme hat. Als Tannhäuser kann ich mir Vogt aber überhaupt nicht vorstellen. Als Lohengrin habe ich ihn mehrmals gehört und finde Peter Seiffert viel viel viel viel viel besser.

      4) Genau :D Nein, im Ernst: Ich wollte ein bisschen provozieren :D

      5) Kein Problem, gerne, danke fürs genaue Lesen und für die Antwort! :) Jaaaa, das Zeitproblem kenne ich auch sehr gut ;( Es geht sich einfach nicht alles aus, das man gerne hören würde..


      Wolfram schrieb:

      Aber auch Eva ist nicht völlig passiv dabei. Sie sagt Sachs schon ziemlich deutlich, dass er durchaus ein Kandidat wäre, wenn nicht Stolzing usw. Ich habe das immer so interpretiert, dass Sachs für sie eher eine Notlösung wäre, bevor Beckmesser ihr drohen würde.
      Danke für die Ergänzung, ich habe darauf eben im Meistersinger-Thread geantwortet! Vielleicht können wir darüber ein bisschen tratschen, würde mich freuen :)

      Wolfram schrieb:

      Nachdem ich seinen Ring in Hamburg ertragen musste, würde ich das so nicht mehr unterschreiben. ^^ Aber letztlich kann jedem mal etwas misslingen.
      Jaa, jeder haut hin und wieder daneben (Beispiel: Ich liebe Peter Konwitschny, aber sein Totenhaus gefällt mir einfach nicht). Wie war denn Guths Hamburg-Ring? Ich habe von ihm nur Tannhäuser und jetzt eben Orlando gehört, wenn ich nichts übersehen habe.
    • Neu

      Sadko schrieb:

      die man gleich einen ganzen Nachmittag+Abend einplanen muss, weil sie so lang komponiert sind
      Das ist ja eine der großartigen Seiten an Wagner, dass ihm Zeit einfach egal ist, dass er also mit dem kapitalistischen Motto 'Time is Money' so gar nichts am Hut hat, sondern für ihn Kunst einen eigenen Wert besitzt, den man sich auch durchaus erarbeiten muss.

      Sadko schrieb:

      Als Tannhäuser kann ich mir Vogt aber überhaupt nicht vorstellen. Als Lohengrin habe ich ihn mehrmals gehört und finde Peter Seiffert viel viel viel viel viel besser.
      Die Vorstellung Vogt und Tannhäuser lässt mich ein wenig zittern. Nicht um ihn, eher um den Tannhäuser. ;) Und ja, ja, ja, Seiffert war wirklich immer um länger besser. Jedenfalls in meinen Ohren.

      Sadko schrieb:

      Nein, im Ernst: Ich wollte ein bisschen provozieren
      Da bin ich aber froh und steck mir erstmal eine an. :D

      Sadko schrieb:

      Danke für die Ergänzung, ich habe darauf eben im Meistersinger-Thread geantwortet! Vielleicht können wir darüber ein bisschen tratschen, würde mich freuen
      Gerne!

      Sadko schrieb:

      Jaa, jeder haut hin und wieder daneben (Beispiel: Ich liebe Peter Konwitschny, aber sein Totenhaus gefällt mir einfach nicht). Wie war denn Guths Hamburg-Ring? Ich habe von ihm nur Tannhäuser und jetzt eben Orlando gehört, wenn ich nichts übersehen habe.
      Ich kenne von Guth wirklich nur Rheingold, Walküre Akt II und III (ich stand im Stau) und Siegfried Akt I und Hälfte Akt II. Im Rheingold beginnt er mit einem überdimensionalen Bett und einer riesigen Nachttischlampe. Pünktlich zum Aufleuchten des Schatzes im Orchester wird dann diese Lampe angeknipst. Da bekam ich schon Schnappatmung ^^ , weil ich es so unendlich spießig fand. Leider zog sich dieses Kleinkarierte, dieses Herunterziehen ins Mittelmäßige durchs ganze Rheingold und fand sich auch wieder in der Walküre und im Siegfried. So wäscht sich z.B. Brünnhilde vor dem Versenken in den Schlaf noch schnell das Gesicht (auf das Zähneputzen haben sie nach den proben verzichtet). Natürlich macht man das vor dem Schlafengehen. Aber die entscheidende Dimension, das unendliche Leid, das den Vater z.B. trifft, dass er eben gezwungen ist, das seiner Tochter anzutun, die Gefühle, die die Tochter dabei beherrschen, all das wurde in keiner Weise herausgearbeitet, interessierte ihn vielleicht auch nicht. Ebenso der I. Akt Siegfried, den ich allerdings auch nicht richtig verstanden habe. Warum z.B. Siegfried das Schwert auf einer Waschmaschine schmiedete, erschloss sich mir nicht. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch schon keine Lust mehr, darüber nachzudenken. Denn auch hier fand ich große Gefühle (u.a. Hass, Verachtung, das Benutzen von Menschen) einfach spießig reduziert. Als dann im II. Akt der Drache nicht mehr auftauchte, bin ich gegangen und habe mir den Rest geschenkt. Wohl verstanden, mir geht es nicht um den Drachen als solches, mir geht es eher um die Ausnutzung theatralischer Möglichkeiten. Der Ring ist auch immer großes Theater, bei dem man die Bühnenmöglichkeiten nutzen sollte. Das muss bitte kein naturalistischer Drache sein, aber irgendwie sollte dieses fast Urbild eines Kapitalisten dich vielleicht auftauchen.
      Also insgesamt fand ich das, was ich gesehen habe, spießig und kleinbürgerlich und fragte mich gleichzeitig immer, was Guth uns nun eigentlich mitteilen wollte.

      :wink: Wolfram
    • Neu

      Iiiich finde das eigentlich nicht großartig. :rolleyes: Ich finde, das ist so ein typisch-deutscher Zugang ("Alles Lohnende muss schwer zu erarbeiten sein"). :D

      Mir sind 30 Minuten tolle Musik, in die man sich vielleicht auch hineinarbeiten muss und die einem nicht auf Anhieb gefällt (aber von der man, wenn man mal ein bisschen Mühe investiert hat, das Tausendfache zurückbekommt), viel lieber als eine Fünf-Stunden-Oper, für die ja nicht nur viel Zeit sondern auch viel geistiges Durchhaltevermögen notwendig ist. Und zwar dafür, dass dann auf der Bühne hauptsächlich geschrieen wird. X( :D :P
      Aber Wagner spaltet die Musikfans schon seit langem, das wird auch immer so sein und ist gut so. :thumbup:

      Danke für Deine Beschreibung der Guth-Inszenierung! Da ich die Produktion nicht kenne, kann ich nichts dazu sagen. In Wien haben wir seine Tannhäuser-Inszenierung, die manchen überhaupt nicht gefällt (der erste Akt spielt zum Teil in einem Bordell, die Pilger sind geistig Kranke, Wolfram singt den Abendstern in eine Pistole, ...), aber mich überzeugt hat. :)
    • So., 21. April 2019: WIEN (Volksoper): Jacques Offenbach, Les contes d'Hoffmann / Hoffmanns Erzählungen - TEIL 1 VON 2

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      Hoffmanns Erzählungen und ich ist eine lange Geschichte, denn mit dieser Oper verbinde ich etwas. Sie war die erste, die ich selbständig zu Hause gehört habe (davor ist mir zu Hause noch die Zauberflöte untergekommen, aber das war nur nebenbei). Als nicht einmal 10jähriger Bub habe ich aus der städtischen Bibliothek eine Art "Einführung für Kinder" zu Hoffmanns Erzählungen (von Frederik Hetmann und Franz Endler) ausgeborgt, der auch eine Musikkassette mit einem Querschnitt der Oper (Dauer: ca. eine Dreiviertelstunde) beigelegt war. Diese Kassette hatte ich damals sehr sehr oft gehört, es handelt sich um eine Aufnahme in deutscher Sprache mit Chor und Orchester der Wiener Volksoper unter Franz Bauer-Theussl mit Waldemar Kmentt, Walter Berry, Herbert Prikoba etc. Die erste Oper, die ich live gesehen habe, war Hänsel und Gretel, aber gleich die zweite war im Jahre 2007 Hoffmanns Erzählungen, beides an der Wiener Volksoper. Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals sehr überrascht war, dass die gesamte Oper doch weit mehr umfasst als die Dreiviertelstunde, die mir bereits bekannt war...

      Diese Aufnahme habe ich schon lange nicht mehr gehört (nachdem ich den Bericht fertig habe, werde ich wieder einmal hineinhören!), aber ich habe sie noch immer im Kopf und kann die Texte auswendig. Und da sieht man wieder einmal, wie wichtig es ist, Opern nicht nur in Originalsprache zu spielen, sondern auch auf Deutsch! Mit der Muttersprache identifiziert man sich, eine Rusalka oder Jenůfa auf Deutsch geht mir viel mehr nahe als auf Tschechisch. Da kann man hundertmal argumentieren, dass keine Übersetzung dem Original gleichkommt. Oper wird nicht nur für die paar eingefleischten Opernfans gemacht, sondern in erster Linie für die breite Masse der Opernbesucher. Und wenn man als deutschsprachiger Österreicher hört: "Doch kehrst Du zu den Deinen heim, musst Du des Todes Helfer sein. Hast Du vom Menschsein auch genug, bleibt dir nur der Elemente Fluch! Wehe, Rusalka, wehe!", dann geht das viel viel viel mehr ins Herz als wenn man das auf Tschechisch hört (das von Nicht-Slaven oft grauenvoll artikuliert wird) und nur den eingeblendeten deutschen Text mitliest. Oper muss berühren, sie soll nicht nur ein intellektuelles Vergnügen sein. Daher: Opern auch in deutscher Übersetzung! Das ist ganz definitiv und bombensicher gut so, auch wenn die allgemeine Tendenz derzeit in die andere Richtung geht.

      Nicht aber an der Wiener Volksoper, wo man sich in der aktuellen Neuproduktion (Premiere 2016) dazu entschlossen hat, in deutscher Übersetzung zu singen, wenn auch mit ein paar Ausnahmen (die Olympia-Arie, Antonias Romanze und das darauffolgende Duett, die Barcarole und Hoffmanns Chant bachique) auf Französisch. Das passt gut, da habe ich nichts dagegen. (Nebenbei: Im neuen Don Giovanni wird ca. alle 10 Sekunden zwischen Deutsch und Italienisch gewechselt, das ist der größte Schmarrn, den es gibt.) Ein Wermutstropfen ist, dass man sich nicht für die übliche Übersetzung entschieden hat, sondern für die von Josef Heinzelmann, die an einigen Stellen recht holprig klingt. Ich habe gar nichts gegen verbesserte Übersetzungen, aber die allermeisten Änderungen sind mir nicht nachvollziehbar, denn ob es heißt "Ah, ich brauch stärkere Getränke! Bringt flammenden Punsch! Bis zum Rausch! Und wer's nicht verträgt, roll unter die Bänke!" oder klassisch "Pfui, dieses Bier ist abscheulich! Bringt flammenden Punsch! Zündet an! Wer zu wenig verträgt, der lieg unterm Tische!", so wie man es im Ohr hat, ergibt doch keinen Unterschied. Aber gut. Mich persönlich stört der von Coppelius gesungene Satz "Ich bringe jemand um", denn obwohl "jemand" ursprünglich nicht dekliniert werden muss, bin ich den seit dem Mittelalter möglichen deklinierten Akkusativ ("jemanden") gewöhnt, der ja sogar historisch inkorrekt ist. Aber das ist mein Privatproblem, sprachlich ist "Ich bringe jemand um" völlig richtig und sogar ursprünglicher.

      Die aktuelle Volksopernproduktion ist eine Koproduktion mit der Oper Bonn. Hoffmanns Erzählungen wurde in Wien in letzter Zeit sehr oft inszeniert (zuletzt nur der Olympia-Akt in der Kammeroper kombiniert mit Ravels reizendem L’enfant et les sortilèges), und unangefochtener Spitzenreiter ist die Produktion der Staatsoper von Andrei Șerban. Aber die Volksopernproduktion von Renaud Doucet und André Barbe gefällt mir auch sehr gut. Der Einführungstext auf der Homepage "Offenbach hat den Welterfolg seiner Oper nicht mehr erlebt, ebensowenig wie die Katastrophen, die mit ihrer Aufführungsgeschichte verbunden waren. 1881 ging das Ringtheater in Wien während einer Vorstellung in Flammen auf. Sechs Jahre später vernichtete ein Brand in der Pariser Opéra Comique das Orchestermaterial. War das etwa die Rache des Teufels für die satirische Behandlung seiner Person in Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“?" deutet schon die Inszenierung an, denn der Teufel höchstpersönlich brüllt zu Beginn der Ouvertüre herum, unterbricht das Orchester, empört sich, dass nicht einmal er die Verbreitung dieser Oper aufhalten konnte und endet mit "Aber heute gibt es keine Vorstellung!", worauf das Orchester erneut beginnt, also hat sich der Teufel wieder einmal nicht durchgesetzt. Was mich an der Inszenierung stört, ist die unrichte Atmosphäre. Man könnte sagen, dass die Produktion zwar surreal ist, aber nicht phantastisch, und gerade die phantastische Atmosphäre ist doch erforderlich. Das meiste gefällt mir zwar gut, die Idee mit dem Teufel ist nett, die Dienerfigur ist als bronzener Offenbach kostümiert, Hoffmann bloß mit einem weißen Hemd (er ist ja nicht nur Handelnder in den drei Akten, sondern auch Erzähler der drei Akte, nämlich der Erzähler von Geschichten, die seiner Phantasie entspringen und im wesentlichen die Figur der Stella reflektieren). Gewählt wurde eine Fassung, die von der üblichen Praxis etwas abweicht, zum Beispiel wird das Ende nicht gegeben, in dem sich Stella angewidert vom sternhagelvollen Hoffmann abwendet und lieber mit Lindorf heimgeht, stattdessen stimmen alle Solisten (inkl. Stella und Lindorf) mit dem Chor ein in "Macht die Liebe groß, macht noch größer der Schmerz", also ein positiv-versöhnliches Ende. Ingesamt eine gute (und vor allem repertoiretaugliche) Produktion, auch wenn ich Turandot und Rusalka desselben Regieteams deutlich besser finde.





      (Text zweigeteilt, da nur 10 000 Zeichen möglich sind)
    • So., 21. April 2019: WIEN (Volksoper): Jacques Offenbach, Les contes d'Hoffmann / Hoffmanns Erzählungen - TEIL 2 VON 2

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      (Fortsetzung)





      Vincent Schirrmacher ist das derzeitige Tenor-Aushängeschild der Volksoper, was ich ihm und dem Haus auch herzlich gönne. Der Mann hat ein tolles Material, die Volksoper kann sich glücklich schätzen, einen Tenor mit dieser Prachtstimme im Ensemble zu haben. Das Problem ist nur folgendes: Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache, aber Schirrmacher ist genauso wie Andreas Schager ein Operettentenor, der jetzt Opern singt, aber so, dass sie nach Operette klingen. Schirrmacher zeigt sein tolles Material (auch heute zwei imposante hohe Einlagetöne) und geht verschwenderisch damit um, nur klingt eben alles gleich. Völlig egal, welche Rolle er verkörpert oder welche Passage er zu singen hat. Heute wurde "Schamlose Dirne, zum Opfer deiner Perversion wähltest Du mich" mit genau demselben (Nicht-)Ausdruck gesungen wie seine Liebesbekundungen an Antonia. Und das ist definitiv nicht das, was ich mir unter Gesang vorstelle. Dass sich heute auch ein durchgehend heiserer Beigeschmack in die Stimme mischte, hat den Höreindruck seiner Stimmritzenprotzerei noch weiter getrübt. Das kann einer schlechten Tagesform zuzuschreiben sein oder auch stimmlicher Überforderung (der Calaf war keine gute Idee, und ob der Erik kontraproduktiv war, wird sich noch weisen). Rein optisch und darstellerisch war Schirrmacher mit seiner sympathisch-jung-naiven Ausstrahlung allerdings genau richtig. Besser gefallen hat mir sein Gegenspieler, verkörpert vom Hausdebütanten Aris Argiris, den wir Wiener in dieser Rolle schon 2012 im Theater an der Wien gehört haben. Argiris hatte als griechischer Muttersprachler nur ein Problem, nämlich die deutsche Sprache. Bei seinen als Teufel gesprochenen Eingangsworten war er hörbar um gute Artikulation bemüht, sodass kaum Kapazität zur sprachlichen Ausgestaltung blieb. In den darauffolgenden gesungenen Passagen hatte er dieses Problem nicht, und generell ist ihm eine sehr sehr ordentliche Aussprache zu bescheinigen (ganz wenige Fehler, wie zum Beispiel "Schtella" sind verzeihlich). Seine Stimme hat mich entfernt an die von Lado Ataneli erinnert (wo ist der eigentlich hin verschwunden?!). Die Stimme ist kräftig und höhensicher, wird aber besonders der Höhe (zu) straff und ein klein wenig gedrückt geführt, was dem Eindruck aber nicht zum Nachteil gereichte. Dämonie strahlte Argiris nicht gerade aus (eher trockene Gefährlichkeit), das könnte aber auch an seiner Kostümierung (Glatze, Uniform) gelegen haben. Insgesamt ein sehr erfreuliches Hausdebüt, eine Wiederbegegnung wäre nett. Sensationell gut war die Olympia von Beate Ritter, das war wirklich große Klasse. Messerscharfe Koleraturen, hohe Einlagetöne, aber auch alle tieferen Töne ausgezeichnet, und das ganze mit Ausdruck vorgetragen. Perfekt! Ich habe die Olympia-Arie (die Outrage ist nicht ihr, sondern der Inszenierung anzulasten) immer für mühsam gehalten, aber Frau Ritter hat gezeigt, dass sie mit einer tollen Interpretin wirklich Spaß macht. Beate Ritter ist ein Geheimtipp, und dass sie seit der aktuellen Saison nicht mehr im Volksopernensemble ist, sondern an der Oper Stuttgart, ist zwar schön für die Stuttgarter, aber bedauerlich für mich. Gott sei Dank kehrt die Österreicherin noch regelmäßig an ihr ursprüngliches Stammhaus zurück. Eine gute Besetzung war Rebecca Nelsen als Antonia, diese Rolle kommt ihr mehr entgegen als die Traviata. Sehr gut Kristiane Kaiser als Giuletta, wobei sich bloß die Frage stellt, wieso sie nicht als Antonia zu hören war. Sie ist eine sehr gute Giuletta, wäre aber eine ausgezeichnete Antonia. Für eine ausgezeichnete Giuletta hat mir das Dunkel-Verführerische in der Stimme gefehlt, dafür wäre doch Elisabeth Kulman super. Sehr solide Alexander Pinderak in den drei Dienerrollen der Erzählungen Hoffmanns, doch was er beim Couplet des Franz mit seiner Stimme aufgeführt hat, hat mir Halsweh bereitet, bitte die Stimme mehr schonen. Positiv überrascht war ich von Juliette Mars als Muse/Niklaus, die mir bisher weder positiv noch negativ aufgefallen ist; aber heute war ihre Leistung wirklich gut. Dass mir ihre Stimme für einen Mezzosopran viel zu hell klingt, ist nicht meine Schuld - oder die Sängerin ist in Wahrheit eine Sopranistin, woran ich heute gedacht habe, als ich ihre imposanten Höhen vernommen habe. Die Sänger der kleineren Rollen waren großteils gut, es waren das Karl-Michael Ebner, Jeffrey Treganza, Alexandre Beuchat, Yasushi Hirano und Martina Dorak. Aufgefallen ist Stefan Cerny, der als Luther und Crespel super war, er ist der beste mir bekannte jüngere Bassist, ein Juwel im Volksopernensemble. Annely Peebo klang als Stimme der Mutter Antonias wie die Parodie einer Opernsängerin, was für diese Rolle durchaus passt. Es wäre eine Vorstellung mit tollen bis soliden Leistungen gewesen, wenn nicht einer negativ aufgefallen wäre, und das war Ben Connor in der kleinen Rolle des Hermann. Katastrophe. Ich war entsetzt, ich habe gar nicht gewusst, welcher Sänger technisch so dermaßen falsch singt, in der Pause hat es mir ein Blick aufs Programm verraten. Connor klingt mit jedem Mal schlimmer. Er singt alles nach "innen", das tut mir weh, und es geht auf Kosten seiner Lautstärke und - schlimmer - seiner Stimme. Er muss stracks seine Gesangstechnik umstellen, sonst ist die Karriere schneller vorbei, als sie begonnen hat. Wenn man von diesem Totalausfall absieht, war es jedoch eine sehr erfreuliche Vorstellung. Chor und Orchester unter Alexander Joel waren engagiert dabei, bisweilen hätte der Abend ein ganz kleines wenig straffer klingen können (insbesondere das Terzett Mirakel/Antonia/Mutter hing ein bisschen in der Luft, was aber wohl den dort vorhandenen Textunsicherheiten der Sänger als dem Dirigenten anzulasten ist). Die Galerie sehr schlecht besucht, Ende schon um 22:31 (statt wie angekündigt um 22:45).
    • Osterwochenend-Resümee

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      Das Kar- und Osterwochenende hat mich in drei nordrhein-westfälische Produktionen geführt, die an anderer Stelle teilweise bereits besprochen wurden.

      Do, 18.4. Gounod - Roméo et Juliette in Düsseldorf

      Unbedingt empfehlenswert! Eine tolle Produktion, tolle Musik (ich kannte von Gounod nur den Faust, diese Oper ist ebenbürtig!), tolle Solisten und eine exzellente Orchesterarbeit unter der Leitung von David Crescenzi. Unter den Solisten sind besonders Bogdan Baciu (Mercutio) und Michael Kraus (Graf Capulet) hervorzuheben, während die schauspielerische Leistung von Marta Márquez (Gértrude) besonders lobend hervorzuheben ist. Baciu entwickelt sich zu meinem persönlichen Liebling im Rheinoper-Ensemble; im Grunde bin ich auf ihn erst so richtig aufmerksam geworden, seit ich ihn in der Hamburger Frau ohne Schatten (mein persönliches Highlight der Saison bisher) als Geisterbote hörte. Die Chorleistung ist ebenfalls besonders lobend hervorzuheben! Die herausfordernden Piani werden bravourös gemeistert, die anspruchsvolle Bühnenregie funktioniert tadellos.

      So, 21.4. Wagner - Tristan und Isolde in Hagen

      Ich habe mich - entgegen aller Vernunft - zu einem Wagnernachmittag in Hagen hinreißen lassen, weil das ganz gut besprochen war. Und wurde tatsächlich belohnt!
      Die kleinen Häuser trauen sich ja oft nur an die "kleiner" zu besetzenden Wagneropern wie Tristan oder Holländer heran. Und beides geht oft schrecklich schief. In Hagen lief vieles gut. Sicher, das Blech des Philharmonischen Orchesters Hagen ist nicht so gut drauf wie das der Sächsischen Staatskapelle, aber alle Instrumentalisten gingen hoch motiviert zur Sache und konnten eine für die Verhältnisse dieses Hauses außergewöhnliche musikalische Leistung abrufen. Sicher auch eine Leistung von Chefdirigent Joseph Trafton, der ansonsten bestimmt nicht viel zu lachen hat in dem immensen Kostendruck ausgesetzten Haus. Magdalena Anna Hofmann als Isolde ist meine Entdeckung des Abends. Ihr gelingt es mühelos gegen das nicht immer pianobereite Orchester anzusingen, sie gestaltete am Ende noch kraftvoll einen hinreißenden Liebestod. Zoltán Nyári als Tristan hingegen überzeugte nur phasenweise. Besonders hevorzuheben ist die Hagener Bühne, in der die fünf Hauptcharaktere jeweils eine eigene Kammer haben und permanent sichtbar sind (Brangäne gibt sich diversen Rauschmittelexzessen hin, Kurwenal in Militarylook klebt über weite Strecken Bilder seines Helden Tristan an die Wände, Marke verschläft weite Passagen in seiner biederen 60er-Kemenate). Eine schauspielerisch herausfordernde Inszenierungsidee, die sich jedoch musikalisch auszahlt (zumindest wenn man einen mittigen Platz hat...). Der Hagener Tristan hat sich redlich jeden Besuch verdient...

      Mo, 22.4. Braunfels - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna in Köln

      Das ließ mich dann doch etwas ratlos zurück. Ich kann dieser Musik leider nicht viel abgewinnen. Weder Strauss noch Korngold und auch nichts für mich erkennbar wertiges Eigenes. Vielleicht tue ich Braunfels auch unrecht und war bloß verdrossen von der nicht überzeugenden Leistung des Gürzenich-Orchesters. Soviel flatterndes Horn habe ich lange nicht gehört. Die Chöre (Opernchor plus Extrachor plus Kinder) waren ebenfalls schwach. Hier lief vieles nicht zusammen heute. Vermutlich hätten viele der musikalisch Beteiligten an diesem Frühabend lieber 80 m weiter westlich am Rheinufer gesessen. Ich kann diese Wiederaufnahme jedenfalls nicht weiterempfehlen.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
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      Danke für Deine Schilderung der drei Eindrücke! :)

      Braunfels' Johanna würde mich sehr interessieren, aber mir wurde schon erzählt, dass es lange nicht Braunfels' bestes Werk ist. Und wenn das Orchester dann auch noch patzt, wird es mühsam. Aber immerhin hast Du ein sehr seltenes Werk erlebt, also wenigstens für die Statistik :thumbup:

      diskursprodukt schrieb:

      während die schauspielerische Leistung von Marta Márquez (Gértrude) besonders lobend hervorzuheben ist.
      Das nenn ich mal einen elegant formulierten Verriss!

      Bogdan Baciu hab auch ich in Hamburg als Geisterbote gehört, aber ich kann daran mich nicht mehr wesentlich erinnern..
    • Mo., 22. April 2019: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Salome

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      Die Salome-Inszenierung in Wien ist das, was ich als "alt, aber gut" bezeichne. Ich bin ja wirklich nicht als Bewahrer des Alten bekannt, und hinsichtlich Operninszenierungen schon gar nicht, aber unsere Salome mag ich. Die Premiere war 1972, die Regie stammt von Boreslaw Barlog, die Ausstattung von Jürgen Rose, und auch wenn ich nicht beurteilen kann, inwieweit die uraprüngliche Regie noch exerziert ist, wünsche ich mir noch einen möglichst langen Verbleib dieser Produktion im Repertoire. Das Jugendstil-Bühnenbild bietet einen ästhetischen Rahmen, der ganz perfekt zum Stil dieser Oper passt. Wenn sich der Vorhang hebt, ehe die drei Einleitungstakte erklingen, die ja schon von allein die Stimmung perfekt malen, und der Blick auf das Bühnebild fällt, fühlt man sich sofort in die Salome-Atmosphäre hineinversetzt. Dass die Produktion vor ein paar Serien frisch ausgeleuchtet wurde und die Bühne während der Schlussszene in immer kräftigeres Rot getaucht wird, verleiht der Vorstellung einen eigenen Reiz. Insgesamt: Diese alte Produktion ist super, unbedingt behalten. Vermutlich handelt es sich um die beste der noch vorhandenen "alten" Wiener Inszenierungen.

      Hingegangen bin ich wegen Michael Boder, der ja mein Lieblingsdirigent ist, denn er erbringt jedesmal grandiose Leistungen und deckt genau jenes Repertoire ab, das ich am liebsten höre (Musik des 20. und 21. Jahrhunderts). Boder stellt sich selbst aber nie in den Vordergrund wie manch gehypter Pultstar (Thielemann, Nelsons, Petrenko, Currentzis etc.), sondern dient ganz der Musik und den Sängern. Seine Dirigate zeichnen sich sowohl durch äußerste Präzision aus als auch durch einen durchgängigen dynamischen Bogen (nie zerfällt ihm irgendetwas) und eine schrittweise aufgebaute Spannung. Man kann sicherlich debattieren, ob Boder oder Metzmacher der bessere Dirigent ist, aber seitdem ich die Elektra von beiden hintereinander gehört habe, fällt es mir nicht schwer, mich für Boder zu entscheiden. Der Mann ist grandios, er soll bitte noch sehr oft in Wien dirigieren. Auch heute wurden meine sehr hohen Erwartungen erfüllt. Boder geht recht langsam (aber keinesfalls zu langsam, es hat exakt 1h42min gedauert) an das Werk heran und führt die Aufführung mit auffallender Genauigkeit und gleichzeitig mit Gefühl für diese wunderbare Musik, da wird jeder einzelnen Phrase (zum Beispiel: "Sprich mehr, sprich mehr, Jochanaan, und sag mir, was ich tun soll?") zu ihrer Ausgestaltung verholfen. Der Schleiertanz war ein musikalisches Vergnügen. Ich habe schon verschiedene Salome-Dirigenten erlebt (am schlimmsten der furchtbare Andris Nelsons), und auch wenn Peter Schneider und Simone Young tolle Dirigenten sind, hat Michael Boder sie - heute einmal mehr - übertroffen.

      Leider gereichte die Sängerschar einem angeblichen ersten Haus nicht zur Ehre. Am besten war noch Jörg Schneider, der mit zwar eher leiser, aber schöner Stimme einen ausgezeichneten Narraboth gab. Mit guten Narraboth-Interpreten werden wir in Wien ja nicht gerade verwöhnt (man denke an Lippert, Talaba und Osuna), aber Schneider war die seit längerem beste Besetzung dieser herausfordernden und oftmals unterschätzten Rolle. Dass er im Herbst den Herodes übernehmen wird, gefällt mir allerdings gar nicht; wieso will er nicht bei dem Repertoire bleiben, das zu ihm passt? In Rollen wie Tamino, Jaquino, Maler/Neger etc. passt er super, aber dass es für den Aegisth überhaupt nicht reicht (es war brighella-artig und sonst nichts), haben wir ja schon vor ein paar Monaten gehört. Aber der Narraboth ist ja wirklich nicht wie wichtigste Figur dieser Oper. Diese verkörperte Herwig Pecoraro, und: naja. Der Herodes wird ja entweder von einem ausgeschrieenen Heldentenor oder von einem Charaktertenor gesungen, ich bekenne mich als Fan der Interpretation durch einen ausgeschrieenen Heldentenor, aber Pecoraro ist das Schulbeispiel eines tollen Charaktertenors. Im Rahmen seiner stimmlichen Möglichkeiten hat er das Beste getan, und das ist positiv gemeint! Dass er über die in den Noten verzeichnete Tiefe bei "Sie ist ein Ungeheuer, Deine Tochter. Ich sage Dir, sie ist ein Ungeheuer!" nicht verfügt (da geht es bis zum a der Kleinen Oktave, bitte nachschauen, wer es nicht glaubt) ist vollkommen verzeihlich und wird außerdem durch die Tatsache in den Schatten gestellt, dass er einer der sehr wenigen Herodes-Interpreten ist, die bei der kniffligen Stelle "Steh nicht auf, mein Weib, meine Königin" NICHT eingehen. Dass er über das hohe b verfügt ("Man tööööte dieses Weib!") ist nichts Neues, aber heute musste er zwischen "töte" und "dieses" Luft holen, was ich bei ihm noch nicht erlebt habe. Überhaupt dünkte es mich heute als würden seine Kräfte beginnen abzunehmen. Kein Wunder, er ist Jahrgang 1957. Die Stimme klang heute durchwegs leiser als gewohnt, hat dank seiner exzellenten Technik aber noch immer denselben Charakter wie eh und je. Ich persönlich mag seine ganz eigenartige Stimme sehr sehr gerne, zum Beispiel als Wirt im Rosenkavalier ist Pecoraro unverzichtbar. (Detail am Rande: Pecoraro singt den Herodes seit 2014 (davor war er ein ganz toller Erster Jude), anfangs mit "Der junge Syrer, er war sehr schön". Mittlerweile wurde ihm - wie mir erzählt wurde, verursacht durch meinen damaligen Forumstext, es heiße korrekterweise "Der junge Syrier", erzählt - dass er ein "i" einfügen soll, was er mittlerweile auch macht.) Die zweitwichtigste Rolle ist die Titelrolle, und das, was Gun-Brit Barkmin heute abgeliefert hat, war mit einem Wort grauenhaft und eine Zumutung. Ja, ihre Stimme ist schön, sie macht die Rolle ganz nett, und man könnte eigentlich nichts bemängeln, wäre da nicht die Tatsache, dass die Dame nur einen geringen Teil der Töne dorthin setzt, wo sie hingehören (und bitte: Die Salome ist doch nicht einmal halb so schwer zu lernen wie der vertrackt komponierte Herodes!!). Was soll das? Dieses Problem hatten wir bei ihr schon öfters, zuletzt als Chrysothemis. Es ist furchtbar, wenn zahlreiche Töne ca. einen Viertelton zu hoch gesungen werden. Grauenhaft. Früher hätte man sie ausgepfiffen oder ausgebuht, was auch heute angebracht gewesen wäre. Jane Henschel war die Herodias, und keifen kann sie wirklich gut. Für viel mehr reicht ihre Stimme nicht mehr, aber das ist in dieser Rolle auch nicht wirklich notwendig. (Dennoch besser, wenn Stimme auch noch vorhanden ist, wie zum Beispiel bei Iris Vermillion). Markus Marquardt als Jochanaan legte eher gemütlicher an, die Gefährlichkeit eines religiösen Hasspredigers strahlte er nicht aus, dafür hörte man ein wirklich schönes "Er ist in einem Nachen...". Stimmlich erweckte er den Eindruck, etwas auf Sparflamme unterwegs gewesen zu sein, aber eingedenk seines gar nicht guten Kreon (Oedipus Rex) im Sommer 2018 in Dresden war das heute eine gute Leistung. Seine Stimme ist für das Haus recht klein, aber er beging nicht den Fehler, sie größer machen zu wollen als sie ist. Die zahlreichen Nebenrollen waren recht unterschiedlich, darunter fiel Wolfgang Bankl als Erster Soldat am positivsten auf, Alexandru Moisiuc als Erster Nazarener am negativsten. Die wunderschönen Passagen des Ersten Nazareners einem Sänger mit dieser scheppernden, knarrenden, aber bedauerlicherweise lauten Stimme anzuvertrauen ist eine Schnapsidee. Aber dank Michael Boder verließ ich das Haus trotzdem in positiver Stimmung.
    • Neu

      diskursprodukt schrieb:

      Mo, 22.4. Braunfels - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna in Köln [...] Ich kann diese Wiederaufnahme jedenfalls nicht weiterempfehlen.


      Ich war in der Vorstellung am 14.04. und habe mich nicht zu einem Bericht aufraffen können, hätte aber ganz im Gegenteil eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen. Die Orchesterleistung war tadellos (auch wenn mir das Dirigat von Hans Zender seinerzeit besser gefiel als das von Stefan Soltesz, der deulich rabiater zur Sache ging), die Sänger hervorragend. Dazu eine großartige Inszenierung. Mir gefällt das Stück auch sehr gut, besser als die früheren "Vögel". In meinen Ohren ein ausgesprochen deutlicher Personalstil, nix Strauss, nix Korngold.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Mi., 24. April 2019: BRATISLAVA/PRESZBURG (Neues Opernhaus): Wolfgang Amadé Mozart, Die Zauberflöte

      Neu

      Eigentlich wollte ich heute zum Jeunesse-Konzert ins Konzerthaus gehen (Kodály, Martinů, Schumann), aber da der Kodály, auf den ich mich am meisten gefreut hatte, aus dem Programm geschmissen wurde, ich genau diesen Martinů ohnehin kommende Woche in Bratislava hören werde und ich Schumann eher nicht brauche, habe ich mich kurzerhand für das Alternativprogramm entschieden, nämlich die Zauberflöte in Bratislava mit einem meiner Lieblingssänger als Sarastro. Die Zauberflöte wird in Bratislava zweisprachig gegeben, und zwar werden die Musiknummern auf Deutsch dargebracht und die (glücklicherweise auf ein ausreichendes Maß gekürzten) Dialoge auf slovakisch, während die jeweils andere Sprache oben mitläuft. Das ist sehr gut gelöst, und die Inszenierung von Svetozár Sprušanský (Bühne und Kostüme von Alexandra Grusková) ist wunderbar. Abgesehen davon, dass hier Sarastro zum Vater Paminas und somit zum Ex der Königin der Nacht wird, finde ich die Produktion äußerst gelungen. Die Bühne ist farbenfroh und belebt, aber nie überladen. Besonders gut gefällt mir die Gestaltung der Prüfungsszene (ein Tänzer (der auch schon bei der Bildnisarie zu sehen war) und eine Tänzerin turnen auf einem Seil, das ist sehr berührend, wenngleich das beim Lesen dieser Zeilen vielleicht nicht einleuchtet), Pamina (die wahre Hauptperson dieser Oper!), Tamino und Papageno werden auch durch drei Kinder verkörpert, die die erwachsenen Sänger begleiten und in den Dialogen manchmal statt ihrer antworten. Sehr gut gelöst finde ich den Schluss: Sarastro ist in den Hintergrund getreten, Tamino und Pamina haben seinen Platz eingenommen und sind so gekleidet wie Sarastro in den Szenen davor. Insgesamt eine farbenfrohe, berührende und nie alberne Produktion dieses (zu oft als Kinderoper verkannten) Meisterwerks. Das Terzett "Soll ich Dich, Teurer, nicht mehr sehn" fehlt, dafür wird die oft gestrichene Unterhaltung der Sklaven vor Monostatos' Auftritt gegeben.

      Leider waren die Sängerleistungen kaum erfreulich. Am besten hat mir noch die Pamina von Helena Becse-Szabó gefallen. Ihre Stimme ist sehr schön und laut genug, sie schaffte es, ihren Gesang mit Gefühlen zu bereichern. Bei "Ach, ich fühls" ist sie aber hörbar an ihre Grenzen gestoßen, und diese Szene trennt ja die Spreu vom Weizen. Bedauerlicherweise hat sie in der Prüfungsszene viermal zu hoch gesungen. Tomáš Juhás hat als Tamino die Mindestanforderung erfüllt, nämlich alle Töne in einer passablen Lautstärke richtig zu singen. Aber abgesehen davon ist ihm kaum etwas Positives zu attestieren. Alle Höhen wurden hinausgepresst, man hörte ihm da die Mühe der Tonproduktion richtig an. Gestaltung oder Differenzierung ist ihm ein Fremdwort, einzig bei "Pamina mein, o welch ein Glück!" hat er versucht, etwas Ausdruck hineinzubringen. Letztes Monat hat er mir in Prag als Števa sehr gut gefallen. Das passt zu ihm, aber als Mozarttenor kann man ihn vergessen. Mit Daniel Čapkovič war der Papageno glücklicherweise angemessen besetzt, nämlich mir einem richtigen Bariton. Čapkovičs Stimme ist dafür vielleicht mittlerweile schon etwas zu schwer/dunkel, aber das hat mich nicht gestört. Das Problem war, dass er mehr auf vordergründigen Effekt setzte als auf feine Gestaltung, was zwar bei vielen gut ankommt, aber mir nicht gefällt (Papageno ist eben kein hyperaktiver Idiot wie man heute hätte glauben können). Für Martina Masaryková ist sogar die neue Oper Bratislava zu groß (wobei man sagen muss, dass das Haus eine problematische Akustik hat, man muss halt wissen, wo man sich hinsetzt), denn ich habe sie nur recht schwer vernommen. In der ersten Arie der Königin der Nacht sind ihr einige Unsauberkeiten passiert, die zweite war besser. Sie hat sich auf die Höhen konzentriert, viele tiefere Töne waren im Nirwana. Gut, aber lange nicht so gut wie üblich war Peter Mikuláš als Sarastro. Ich liebe seine Stimme, und für den Sarastro passt er sehr gut (nicht nur stimmlich, auch optisch mit seiner Größe, seinem Bart, seinem Alter (geboren 1954) und seiner Respekt gebietenden Ausstrahlung). Heute war er hörbar nicht auf der Höhe, denn im "O Isis und Osiris" ist ihm für ein paar Sekunden der Text entfallen (er hat spontan das Richtige gemacht, nämlich ohne Text gesungen), und in den "Heiligen Hallen" waren zwei Töne zu hoch, beides habe ich bei ihm noch nie erlebt (sein Zaccaria Anfang Februar war er großartig). Die kleineren Rollen waren gemischt: Erfreulich die drei Damen (Andrea Vizvári, Miriam Maťašová und Denisa Hamarová), mittelmäßig der Monostatos von Ivan Ožvát. Ján Ďurčo klang als Sprecher ungefähr so wie Kurt Rydl an einem schlechten Abend. Die Szene des Sprechers kann großartig sein (bei Franz Grundheber) oder so wie heute. Die drei Knaben waren gut und viel besser als die Wiener Sängerknaben. Eine sehr große negative Überraschung war das Orchester, was ich in Bratislava noch nie erlebt habe. Da klingt ein durchschnittliches Jugendorchester besser. Viele Unsauberkeiten und zu späte Einsätze, generell ein uninspirierter Musikbrei, das hat Mozart wirklich nicht verdient. Eine Katastrophe die Frau am Glockenspiel, die teilweise irgendwas gespielt hat, jedenfalls nicht das Richtige. Was ist da heute passiert, dieselbe Glockenspielerin hat vor zwei Monaten die Don-Giovanni-Rezitative tadellos begleitet. Der verlässliche Dušan Štefánek am Pult versuchte zu retten, was zu retten war, indem er sein Tempo auf die Bedürfnisse der Sänger abstimmte (das zügige Tempo in der Bildnisarie war hilfreich), war aber auf verlorenem Posten. Eine so schlechte Orchesterleistung habe ich in Bratislava noch nie gehört (außer im Rahmen eines Gastspiels von einem Gastorchester am Ankunftstag). Vielleicht hätte ich heute doch lieber ins Konzerthaus gehen sollen (oder gar keine Kultur konsumieren).