Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • Sa., 11. Mai 2019: LINZ (Musiktheater): Luigi Cherubini, Médée

      Heute war ich in Linz, um Cherubinis Medea erstmals zu erleben und somit zu meiner Opernliste hinzuzufügen. Die folgenden Zeilen sind von jemandem geschrieben, der das Stück nicht kennt und sich für die Oper des 18. Jahrhunderts nicht interessiert.

      Mein Eindruck war zwiespältig. In Anbetracht dessen, dass das nicht „meine“ Musik ist, hat mir der erste und dritte Akt recht gut gefallen, der zweite hat seine Längen. Die Inszenierung von Guy Montavon (mit Bühne und Kostümen von Annemarie Woods) ist vorsichtig modernisiert: Die Geschichte ist glücklicherweise aus dem mythischen Kontext gelöst und in unsere heutige Zeit transferiert, wobei die Handlung an sich unverändert blieb (soweit ich es beurteilen kann) und die Aktionen der Figuren nachvollziehbar waren. Dennoch kam alles recht zaghaft daher, so als ob sich der Regisseur nicht getraut hätte, eine wirklich originelle Sache abzuliefern. Ausgezeichnet das Linzer Bruckner-Orchester unter Bruno Weil, der Chor auch sehr gut. Dennoch ist meiner Meinung nach die Akustik des Hauses für diese Oper kaum geeignet, im kleinen Theater an der Wien klänge das sicher filigraner und gleichzeitig imposanter. Gesungen wurde auf Französisch, die stark gekürzten Dialoge wurden auf Deutsch gesprochen, was sehr gut gepasst hat.

      Star des Abends war der mir völlig unbekannte Matjaž Stopinšek als Jason, der eine wunderschöne Stimme in ausreichender Lautstärke mit guter Technik hat. Ich habe ihn davor gar nicht gekannnt und würde ihn gern wieder hören. Kleine Probleme in seiner letzten Szene schwächten nicht den sehr guten Gesamteindruck. Aber der Jason ist ja nicht die Hauptfigur, und in dieser bekam man leider einen Totalausfall zu hören: Gotho Griesmeier ist eine gute Sängerin, die mir bisher in kleinen Rollen positiv aufgefallen ist. Aber für die Médée reicht es hinten und vorne nicht, denn sie sang zwar schön, aber VIEL zu leise und VIEL zu ausdruckslos, und nicht zuletzt fehlt es auch in der Tiefe ganz gewaltig. Schade, dass eine talentierte Sängerin hier komplett falsch eingesetzt wird (die Premierenbesetzung war die Kaiserin- und Chrysothemis-erprobte Brigitte Geller, das war sicherlich deutlich besser) und es somit nur eine Light-Médée war. Die anderen Sänger (Martin Achrainer als Créon, Julia Neumann als Dircé, Jessica Eccleston als Néris) pendeln sich zwischen den beiden erwähnten im Mittelfeld ein. Für zukünftige Besucher, die einen Zug erreichen müssen: Ende um 19:24 bei einem Beginn um 17:00.

      So, und jetzt freu ich mich schon auf die Penthesilea nächste Woche – die ist halb so lang, aber doppelt so lustig.
    • Ich war auch gestern in der Vorstellung und möchte noch einen Hinweis geben. Die heutige Vorstellung war die einzige, die um 17 Uhr begonnen hat, die übrigen beginnen jeweils um 19.30.

      Gotho Griesmeier (Jahrgang 1971) ist übrigens schon lange am Linzer Landestheater.


      Ich kann mich Dir im Großen und Ganzen anschließen. Als ich meine Karte gekauft habe, war die Besetzung noch nicht bekanntgegeben - ich hätte auf jeden Fall Brigitte Geller vorgezogen. Möglicherweise sehe ich mir noch einmal eine Vorstellung an.
      Jessica Eccleston fand ich ebenfalls sehr gut.

      In meiner Umgebung gab es für das Orchester bzw den Dirigenten ein paar Buhrufe, die ich nicht nachvollziehen konnte. Ich kenne die Musik kaum und kann mir kein Urteil diesbezüglich erlauben. Besonders gefiel mir das Zwischenspiel zum 3. Akt, vor allem im Einsatz der Flöte.

      Viel Freude mit der Penthesilea, die mich fasziniert hat. Ich habe mir für Juni und Juli noch Karten gekauft, den letzten Termin werde ich auf der Bühne sitzend wahrnehmen.

      :wink:
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • Schön, dass Du auch dort warst und wir im großen und ganzen übereinstimmen! Dass Fr. Griesmeier schon knapp 50 ist, hat mich bei meiner kurzen Recherche im Zuge des Berichtschreibens sehr überrascht, ich hätte sie auf höchstens 30 geschätzt! (stimmlich und optisch)
      Buhrufe für den Dirigenten und das Orchester kann auch ich gar nicht nachvollziehen, so was Absurdes.
      Danke! Ich werde kommenden Samstag einen Bühnenplätze nehmen. Im Juli komme auch ich noch 1-2mal. Die Penthesilea ist ein tolles Stück, das wir wohl nie wieder sehen werden. Also muss man die Gelegenheit jetzt nützen :D
      Hast Du letztes Jahr in Linz auch Death in Venice gesehen? Das war mein persönliches Linz-Highlight, das hat mir wahnsinnig gut gefallen.
    • Ja, ich habe natürlich "Death in Venice" gesehen - eine Britten-Oper lass ich mir keinesfalls entgehen! Und es gefiel mir sehr gut. Allerdings war mein Saisonhighlight damals "Die Frau ohne Schatten". Es gab in den letzten Jahren ja auch schon "Albert Herring" und "The Turn of the Screw" sowie von ein paar Jahren anlässlich des Brucknerfestes "The Prodigal Son" als Gastspiel der Moskauer Kammeroper.
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • Ja, ich liebe Britten auch sehr! Ich war dreimal im Death in Venice und w´ürde jetzt noch dreimal hinfahren

      Dafür hat mir die Linzer Frau ohne Schatten nicht besonders gut gefallen (ich war zweimal dort). Ja, die Aufführung war ungekürzt (super!) und mit wirklich guten Besetzungen von Kaiserin und Färberin und einer guten Amme. Aber der Kaiser hat mir nicht gefallen, der Barak (Kim) war eine Frechheit, und auch das Orchester hat mich nicht wirklich überzeugt, das war in der Elektra viel besser! Und auch die Inszenierung hab ich nicht so ganz verstanden. Aber immerhin, die Tatsache, dass ungekürzt gespielt wurde, hat für mich manches entschädigt.
      Albert Herring hab ich in der Wiener Volksoper gesehen. Die anderen erwähnten Britten-Stücke kenne ich leider noch nicht.

      Linz ist kulturell ziemlich gut aufgestellt mit dem Musiktheater und dem Brucknerhaus, das ist schön! :)
    • Fr., 17. Mai 2019: WIEN (Theater an der Wien): Carl Maria von Weber, Oberon

      Das Theater an der Wien hat für die laufende Saison einen Weber-Schwerpunkt ausgerufen und Euryanthe, Oberon, Freischütz und Peter Schmoll gebracht, die beiden zuletzt genannten Werke konzertant. Und sogar ich als Raritätensammler frage mich: War das wirklich notwendig? Es ist ja nicht so, dass es keine besseren Komponisten gäbe, deren Raritäten man spielen könnte.

      Heute besuchte ich also den Oberon, und glücklicherweise war ich schon durch Freunde und Bekannte vorgewarnt und konnte meine Erwartungen dementsprechend niedrig halten. Die Inszenierung stammt von Nikolaus Habjan, und dementsprechend viele Puppen werden eingesetzt. Habjan hat die Geschichte in ganz anderen Kontext gesetzt (eine Art psychiatrische Erforschung psychischer Störungen), was ich ja generell für eine gute Idee halte, nur ist das Ergebnis gar nicht nach meinem Geschmack: Holzhammerhumor und pseudowitzige Darbietungen halte ich nicht aus. Noch viel schlimmer war, dass es musikalisch weitgehend im Argen lag (und zusätzlich wurden die Sprechtexte in ganz undeutlichem hässlichen RTL-Deutsch viel zu schnell heruntergeratscht, was soll das?!). Eine positive Ausnahme gab es, und die war Daniel Schmutzhard in der recht kleinen Rolle des Scherasmin. Immer wenn er die Bühne betrat und anhob zu singen, hatte ich das Gefühl, dass ein richtiger, gut ausgebildeter Sänger unten stand - dieser Eindruck stellte sich bei den anderen nicht ein. Es lohnt sich kaum, auf Mauro Peter, Annette Dasch, Vincent Wolfsteiner, Juliette Mars, Natalia Kawałek und Jenna Siladie näher einzugehen - ich hätte am liebsten alle zusammen ausgebuht. Nur zwei Anmerkungen: Wiiiieeeeso wird Mauro Peter bereits als neuer Fritz Wunderlich gepriesen?! Er möge erstmal seine Gesangausbildung abschließen, und ihn mit Wunderlich zu vergleichen, grenzt ja schon an Blasphemie (auch wenn ich nicht zu 100% von Wunderlich begeistert bin). Und: Wie um Himmels willen will Wolfsteiner in Bayreuth den SIEGMUND und in der Berliner Lindenoper den TRISTAN gesungen haben?!?! Das KANN doch nie im Leben funktionieren, auch nicht an diesen kleinen Häusern. Das Wiener KammerOrchester spielte sehr grob und undifferenziert und generell, was es wollte, denn es folgte den Zeichen des Dirigenten Thomas Guggeis nur teilweise. Sehr gut hingegen der Arnold Schoenberg Chor in gewohnter Spitzenqualität. Alle Solisten waren mit Mikroports ausgestattet - was soll dieser Unfug?! Ich kann zwar nicht bestätigen, dass der Gesang verstärkt wurde, wohingegen ich mich während mancher Sprechpassagen dieses Eindrucks nicht erwehren konnte.

      Zuletzt die Frage an mich: Wieso war ich da eigentlich dort? Die heutige Vorstellung war mein zweitgrößter Tiefpunkt der laufenden Saison (nur übertroffen von den total unnötigen Stauden im Dez. 2018 an der Wiener Staatsoper).
    • Sa., 18. Mai 2019: LINZ (Musiktheater): Othmar Schoeck, Penthesilea

      Heute war ich zum zweitenmal bei Othmar Schoecks Penthesilea in Linz, und die Fahrt hat sich ausgezahlt. Im Unterschied zur Premiere (2. März) bin ich heute links unten gesessen, und zwar AUF der Bühne (wer sich darunter nichts vorstellen kann, möge bitte meinen nach der Premiere geschriebenen Text lesen). Ich sag's ganz ehrlich: Wohlgefühlt habe ich mich dort nicht. Freilich ist es ganz cool, das Geschehen aus nächster Nähe verfolgen zu können, aber ich habe mich dort unten (quasi als Teil des Bühnenbildes) nicht wohlgefühlt. Zudem lässt die Akustik sehr zu wünschen übrig, da die Bodenreflexion fehlt, und außerdem ist es nicht sonderlich ergiebig, manchen Sängern beim Dauer-Spucken zuzuschauen und manchen Chorsängern beim verstohlenen Tratschen zuzuhören.

      Musikalisch kann ich auf meinen damaligen Bericht verweisen - mit einer Ausnahme: Von Martin Achrainer (Achilles) hatte ich einen schlechteren Eindruck, denn seine Stimme ist für diese Rolle zu leichtgewichtig. Nichtsdestoweniger insgesamt eine hervorragende Produktion (Peter Konwitschny) eines enorm unterschätzten Stückes mit großteils (sehr) guten Sängern und einem tollen Linzer Bruckner-Orchester (unter Leslie Suganandarajah). An alle Österreicher: Hinfahren!!!
    • Oha, ich bin nur ein paar Plätze entfernt von dir gesessen (in der Mitte, direkt neben Dshamilja Kaiser am Anfang 8) ). Ich hab mich zwar grundsätzlich sauwohl gefühlt, aber akustisch war es nicht immer ganz ideal - besonders der Schlussgesang der Penthesilea, der sehr frontal ins Publikum gesungen wurde, da war ich exakt im Rücken der Sängerin und dementsprechend schwer erreichbar für den Wohlklang, den sie verströmte.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Oh, da sind wir ja ganz in der Nähe gesessen! Ich wollte mich nicht in die Mitte setzen, denn mir war klar, dass die Sänger genau in die andere Richtung singen. Aber auf der Seite war es, wie gesagt, auch nicht gut wegen der fehlenden Bodenreflexion. Also im Juli für mich wieder der Zuschauerraum!
      Warst Du vorgestern zum erstenmal in der Produktion? Wie hat es Dir gefallen? :)
    • GROSSES OPERNDRAMA IM SEELENGEFÄNGNIS

      Giuseppe Verdis Un ballo in maschera im Opernhaus Chemnitz, 18.5.2019, persönlicher Eindruck

      Erstmals im Opernhaus Chemnitz: Im schmucken, eher kleinen Opernhaus (es bietet Platz für bis zu 720 Besucher) beeindruckt vor allem auch das edle Marmorfoyer. Die Atmosphäre eines der Kunst geweihten und diese hoch achtenden Orts stellt sich sofort ein, gepaart mit einer sympathischen Überschaubarkeit, die heimelig stimmt.

      Giuseppe Verdis 1859 in Rom uraufgeführte Oper, damals zensurbedingt von Schweden nach Boston verlegt, vielfach aber (so auch in Chemnitz) nun doch in Stockholm spielend und mit den schwedischen Originalnamen der Hauptpersonen aufgeführt, entwirft ja ausgehend von einem historischen Attentat diese tragische Dreiecksgeschichte mit dem schwedischen König Gustav III., der in Amelia, die Frau seines Sekretärs Anckarström verliebt ist. Als wichtige Nebenrollen stechen die Magierin Ulrica und der Page Oscar heraus. Irrtum und Eifersucht führen auf einem Maskenball zur Katastrophe. Verdis mitreißende Opernmusik besticht mit operntheaterdirekten Charakteren, griffigen Themen, herrlichen Melodien und gut nachvollziehbarer ganz unmittelbarer Operndramatik.

      Das Opernhaus bietet Einführungen eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Foyer an. Alle Sitzplätze sind belegt, als Dramaturgin Susanne Holfter an diesem Abend mit ihrem blockhaft kompakten Monolog loslegt. Sie streift die Einordnung des Werks im Lebenslauf des Komponisten und die Entstehung incl. Zensurthematik, rollt den Inhalt auf, gibt Hinweise zur Inszenierung und stellt die Hauptmitwirkenden kurz vor.

      Optisch wie darstellerisch (Inszenierung Arila Siegert, Bühne Hans Dieter Schaal) offenbart die Chemnitzer Produktion, die am 2.12.2017 ihre Premiere hatte und mit der Vorstellung am 18.5.2019 vor leider nur spärlich besetzten Zuschauerreihen ihre Dernière begeht, wie es auch die Dramaturgin bezeichnet, ein Seelengefängnis - hohe vielfach eher dunkle Räume, über Ulrica eine Art Felsen, ein Riesen-Schicksalsstein, der herabzustürzen droht, am Galgenberg dräuende Wolken im Hintergrund und um Amelia Leichen am Boden, im 3. Akt ein beeindruckender Szenenwechsel mit einem vergrößerten Kartenspiel in dem die Figuren, Maskierte und Hauptrollen, als Kartenmotive in Kabinen zu sehen sind, die Masken selbst schelmisch bis fratzenhaft.

      Dass bereits das Vorspiel szenisch Amelias Situation und die sich drohend um den König zusammenziehende Menschengruppe verdeutlichen muss, die Regie also nicht der reinen Imagination der Musik selbst zur Erzeugung einer Atmosphäre vor dem 1. Bild vertraut, sie unbedingt bebildern muss, ist wie vielfach anderswo auch Usus, verlockt wohl allzu sehr, man fürchtet wohl, die Musik alleine „trägt“ nicht optimal, man muss sie „erklären“, „psychologisieren“.

      Plastisch und unmittelbar und dabei zutiefst menschlich in Gefühl und Emotion spielen, singen und bewegen sich die teilweise heutig gekleideten Mitwirkenden auf der Bühne. Jaesig Lees Gustavo “genießt” als Gast am Haus die Platzhirschenposition der Verdi-Oper, er weiß als stimmsichere Rampensau zu überzeugen. Einen Kopf größer als er ist die Amelia der Leah Gordon, die möglicherweise von der Ulrica der bewusst eher derb mit ausgekosteter Tiefe intonierenden Romina Boscolo (in Wien würde man sagen einer echten „Röhr´n“) angestachelt der Amelia etwas gar deutlichen sängerischen Nachdruck verleiht, vielleicht zurückhaltender noch mehr berührt hätte. Andreas Beinhauer macht den Anckarström zur eigentlichen haupttragischen Figur der Oper, die Eifersucht ist emotional nachvollziehbar, er reißt Amelia ziemlich forsch nach vorne, die “Entwarnung” kommt da ja letztendlich zu spät. Darstellerisch hochkonzentriert fokussiert scheint Beinhauer vor allem auch stimmlich für größere Häuser prädestiniert. Eine fast eulenspiegelige Farbe bringt Guibee Yangs Koloratursopran-Oscar ins Spiel, als fröhlich und unbedarft wie folgenschwer die tragischen Entwicklungen antreibender Maskenharlekin.

      Der fabelhaft disponierte anmutig spielfreudige Chor ist sichtbar aus dem Tanzhintergrund der Regisseurin heraus choreographiert. Die Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung des deutlich aber nicht übertrieben alles ins kompakt Schlüssige und nicht Zerfallende steuernden aus Rumänien stammenden Dirigenten Dan Raţiu spielt handfest zupackend, durchaus klangdifferenziert und hörbar mit Herz und Seele.

      Ungewohnt erscheint der offenbar in Chemnitz übliche explizite Einzelapplaus für die auch noch weiter im Einsatz befindlichen Hauptrollen-Mitwirkenden schon vor dem Pausenvorhang.

      So gut es kann versucht das nicht sehr zahlreich erschienene Publikum dann, der letzten Vorstellung dieser Inszenierung am Ende den würdigen herzlichen Schlussapplaus zu spenden.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Mi., 22. Mai 2019: WIEN (Staatsoper): Gottfried von Einem, Dantons Tod

      Dantons Tod von Gottfried von Einem ist die einzige Oper des heurigen Repertoires, das auf einer "Best Of Classics"-CD nicht vertreten wäre, denn obzwar die Premieren so manche willkommene Rarität bringen (Les Troyens, ...), findet man im Repertoire sonst nur Mainstream. Ich war heute dort und hatte musikalisch einen sehr guten Eindruck, der den der Premiereserie (März+April 2018) weit übertraf. Mit dem Stück bin ich auch heute bei der vierten Livebegegnung nicht zurechtgekommen, es ist und bleibt eine Mischung aus langweiligem Lärm und langweiligem Nicht-Lärm. Glücklicherweise ist's eine sehr kurze Angelegenheit (knapp 90 Minuten).

      Die meisten Hauptrollen waren neu besetzt, aus dem Vorjahr blieb nur Thomas Ebenstein als Robespierre, der diese kurze, aber wichtige Rolle ausgezeichnet interpretierte. Tomasz Konieczny ist ein sehr polarisierender Sänger, entweder man liebt ihn, oder man kann ihn (außer als Alberich) nicht ausstehen. Ich bekenne mich zur ersten Gruppe, ich mag ihn sehr! Endlich ein richtiger Heldenbariton mit imposanter Tiefe und gleichsam imposanten Höhen, Metall, Durchschlagskraft und sehr guter Technik, seine Diktion wird konstant besser und ist mittlerweile ausreichend gut. Dass er ein Brunnenvergiftertimbre hat, ist nicht seine Schuld, und mir persönlich gefällt seine Stimme sehr gut (auch wenn sie mich nicht sonderlich berührt), sie ist auf jeden Fall sehr markant und wohltuend anders als diese ganzen Mainstreamstimmen. Für mich heute ein gelungenes Rollendebüt in der Hauptrolle. Nicht minder gelungen waren die Leistungen der neuen Besetzungen von Camille und Hérault: Benjamin Bruns hat in der ersten Szene noch gespart, die "Sünderin Frankreichs" war letztes Jahr bei Herbert Lippert (!) deutlich imposanter, kurz darauf hat er aber zu seiner üblichen ausgezeichneten Form zurückgefunden. Michael Laurenz war durchgehend extrem gut, den Namen sollte man sich merken! Durchschnittlich war Olga Bezsmertna als Lucile. Unter den kleinen Rollen fielen Peter Kellner als Saint-Just und Wolfgang Bankl als Simon positiv auf, Clemens Unterreiner als Herrmann negativ.

      Michael Boder am Pult sorgte für eine ausgezeichnete und viel "süffigere" Leitung als unter der Premierendirigentin Susanna Mälkki. Boder sollte öfter in Wien dirigieren, er ist phantastisch. Die Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger ist nicht schlecht, aber halt auch nicht wirklich gut. Dass das vierte Bild im Gefängnis (bzw. davor) spielt, ist nicht ersichtlich - insgesamt ist die Aufführung recht beliebig inszeniert, Details sind von der Galerie aus nicht sichtbar. Geringer Stehplatzandrang, erst eine halbe Stunde vor Beginn sind viele Touristen aufgetaucht.
    • Sa., 25. Mai 2019: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten

      Wiener Staatsoper 1999: Frau-ohne-Schatten-Premiere mit Johan Botha, Deborah Voigt, Marjana Lipovšek, Falk Struckmann, Gabriele Schnaut und Wolfgang Bankl unter Giuseppe Sinopoli in einer polarisierenden Inszenierung von Robert Carsen - ich war damals nicht dabei, habe aber den Radiomitschnitt bekommen und finde ihn ganz ausgezeichnet, tolle Sänger mit einem super Dirigat in einer Inszenierung, die ich 2012 kennengelernt und ins Herz geschlossen habe.

      Wiener Staatsoper 2019: Frau-ohne-Schatten-Premiere mit Stephen Gould, Camilla Nylund, Evelyn Herlitzius, Wolfgang Koch, Nina Stemme, Sebastian Holecek unter Christian Thielemann in einer stinklangweiligen Inszenierung von Vincent Huguet - und diese Premiere ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Meyer in seiner mittlerweile knapp 10 Jahre währenden Amtszeit dieses ehemalige Weltklassehaus in die musikalische Mittelmäßigkeit und szenische Bedeutungslosigkeit hineinmanövriert hat. Dem heute anwesenden Nachfolger Bogdan Roščić wünsche ich jetzt schon viel Glück, um frischen Wind in dieses Opernmuseum hineinzubringen.

      Aber wir wollen nicht ungerecht sein, denn zwei sehr gute Leistungen gab es ja, und diese kamen von Färberin und Kaiserin. Freilich, Nylund kommt nicht an Voigt heran - aber wir leben im Jahre 2019, es hat wenig Sinn, alles an der Vergangenheit zu messen, denn auch heute gibt es sehr gute Sänger, nur müsste man diese halt auch engagieren... Nina Stemme gab heute ihr internationales Rollendebüt als Färberin, und das war großartig. Ich war zwar nie ein Nina-Stemme-Fan, aber die heutige Färberin hat mich wie auch ihre Götterdämmerungs-Brünnhilde (2014) begeistert: Mit ihrer dunklen und kräftigen Stimme gelingen ihr sowohl dramatische Ausbrüche (die aber gesungen wurden und nicht geschrieen) als auch feine, zarte Passagen - das ist quasi die Quadratur des Kreises, die sie beherrscht. Wunderbar! Ebenfalls sehr gut gefallen hat mir Camilla Nylund in der Rolle der Hauptperson dieser Oper, nämlich als Kaiserin. Ja, ich bin nicht taub für ihre Mängel (die Stimme wird sehr "eng" geführt, hin und wieder falsche Intonation), aber die heutige Leistung hat mir ausgezeichnet gefallen: Ihr zarter und für mich silberner Sopran kommt mit den gemeinen Tücken der Partie (bis zum hohen d!) gut zurande und schafft es, Emotionen zu vermitteln (was eigentlich ein Selbstläufer sein sollte, aber es gibt genügend Kaiserinnen, die einen völlig kalt lassen). Schön, dass sie in der kommenden Spielzeit häufig in Wien zu hören ist, vor allem freue ich mich auf ihre Marschallin! Evelyn Herlitzius ist von der Färberin zur Amme gewechselt - und wäre sie bloß bei der Färberin-Schreckschraube geblieben, für die sie die richtige Schreckschrauben-Stimme besitzt. Aber für die Amme geht sich es eigentlich nicht aus, dafür fehlt ihr das Düstere, das Bedrohliche, das Unheimliche, generell die Tiefe, sie hat dasselbe Problem wie vor ein paar Jahren Deborah Polaski. Freilich, sie schlägt sich wacker und bringt insgesamt eine annehmbare Leistung, aber mit einer wirklich guten Amme gewinnt die Aufführung noch gewaltig. (Live am besten hat mir hier die völlig unbekannte Karin Lovelius gefallen, aber das war halt in der recht kleinen Oper Leipzig, man müsste sie an einem größeren Haus hören - aber wer interessiert ist, bitte auf Youtube stöbern!) Der Kaiser muss eine knappe halbe Stunde lang sauschwere Musik produzieren, und DAS Highlight der laufenden Spielzeit ist die NICHT-Besetzung des Kaisers mit Jonas Kaufmann, die kolportiert worden war. Nun sang Stephen Gould, der zweifelsohne ein toller Sänger ist und sich Verdienste erworben hat, aber als Kaiser ist er einfach nicht ideal, Punkt. Gould hat eine baritonal gefärbte Stimme mit rauchigem Timbre, das zB für den Tannhäuser super passt, aber für den Kaiser braucht man einen Tenor, dessen Stimme in der Höhe Metall hat und strahlt. Gould hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten tapfer geschlagen, nach einem schwachen Beginn (da war er allerdings akustisch gehandicapt) war es eine sehr solide Darbietung. Freilich, jünger wird er nicht mehr, aber es ist derzeit noch vollkommen im Rahmen. Bedauerlicherweise war aber der Barak so, als ob er gar nicht gewesen wäre. Wolfgang Koch hat generell eine Stimme, die für die Wiener Staatsoper zu klein ist über die Jahre nicht besser wird. Was mich an ihm stört, habe ich vor ein paar Wochen anlässlich der Berliner Meistersinger beschrieben, und ich wiederhole mich ungern, daher nur so viel: Er singt alles bar jedes Ausdrucks, völlig gleichgültig, Emotionen werden einfach nicht vermittelt, und das geht als Barak natürlich gar nicht. Wenn ich daran denke, wie viel Ausdruck noch vor zwei Jahren der damals knapp 80jährige Franz Grundheber in jede einzelne Barak-Phrase gelegt hat... Nein, Koch ist kein erster Sänger für ein erstes Haus. Sebastian Holecek war der Geisterbote, und ich frage mich nur: Wieso? Es gibt bei uns genau einen Sänger, der DER Geisterbote ist, und das ist Wolfgang Bankl, jeder andere ist undenkbar. Holecek hatte einen wackligen Beginn (wohl auch wie Gould akustisch gehandicapt) ohne Tiefe, im dritten Akt durfte er dann recht effektvoll herumbrüllen. Naja. Die Sänger der kleinen Rollen (Maria Nazarova, Benjamin Bruns, Monika Bohinec, Samuel Hasselhorn und Thomas Ebenstein) schlugen sich passabel - mit Ausnahme von Ryan Speedo Green, der es schaffte, in der kleinen Rolle des Einarmigen negativ aufzufallen. Und was für eine neue Unsitte ist das, dass die Wächter der Stadt nicht mehr namentlich genannt werden????

      Das Hauptproblem, nämlich die Ursache, weshalb die heutige Vorstellung großteils langweilig ausfiel, war der Dirigent. Wenn Christian Thielemann als bester Dirigent des deutschen Faches bezeichnet wird, kann ich über die Unwissenheit derer, die sich so äußern, nur lachen. Hilfe! Das Thielemann-"Geheimnis" ist ein ganz ähnliches wie von Teodor Currentzis: "Anders um jeden Preis!". Ja, es klingt bei den beiden anders als gewohnt, deshalb glauben dann manche, das wäre tolle Interpretation. Nein, ist sie nicht. Thielemann war heute wieder einmal in seiner "Bestform". Der gesamte erste Akt war unerträglich, denn Thielemann ließ das Orchester durchgehend viel zu leise spielen, richtig kammermusikalisch - und was soll das??? Wenn ich Kammermusik hören will, geh ich in den Mozartsaal im Konzerthaus, aber doch nicht in die Frau ohne Schatten, in der der Dirigent kaum etwas falsch machen kann als zu leise spielen zu lassen. Ärgerlich war zudem, dass Thielemann nicht nur im ersten Akt, sondern den ganzen Abend zwischen willkürlichen Tempowechseln, nicht vorhandener Dynamik, wechselnder Lautstärke, sinnlosen Generalpausen und Gestaltung auf Baby-Niveau abwechselte. Ja, er "gestaltet", aber das beschränkt sich darauf, dass da mal die Geigen lauter spielen, dort mal die Bläser vulgär hineinfurzen, dann wieder das Tempo enorm angezogen/gedrosselt wird etc. Und was soll das jetzt?! Die Frau ohne Schatten muss mitreißen, sie muss aufblühen, sie muss berühren - und beim Thielemann ist alles reine Langeweile, mit einigen völlig deplazierten "Gestaltungen". Möge dieser völlig unmusikalische Dirigent in Hinkunft einen weiten Bogen um Wien machen! Gefreut hat mich allerdings, dass ihn jemand (nicht ich) vor Beginn des 3. Aktes mit einem gut hörbaren Buhruf empfangen hat. (Wie der Schlussapplaus ausfiel, weiß ich nicht, da ich gleich nach Verklingen des letzten Tones verschwunden bin.) Immerhin: EIN Positivum gibt es, denn Thielemann ist zu verdanken, dass ungekürzt gespielt wurde.

      Und die Inszenierung von Vincent Huguet (Bühnebild von Aurélie Maestre, Kostüme von Clémence Pernoud): Langweilig und bedeutungslos. Huguet hat in einem Interview den bezeichnenden Satz gesagt: "Denn die Oper ist so reich, so vielfältig, so vielschichtig, dass jeder Versuch, sie auf eine Denkschiene zu setzen, einer Reduktion ihrer Ausdruckskraft gleichkommt. Mit nur einer Konzeptidee, nur einem Betrachtungswinkel wird man Frau ohne Schatten nicht gerecht!", und ich bezweifle, dass ihm überhaupt etwas eingefallen ist. Ich wähnte mich im vergangene Jahrtausend, wobei das eine Beleidigung für das vergangene Jahrtausend ist, denn die Carsen-Produktion von 1999 war fortschrittlicher. In Huguets FroSch wird in wallenden Kostümen viel gestanden, viel geschritten, aber wirklich was passieren tut nicht. Insgesamt schaut sie aus wie eine typische McVicar-Produktion, und das hat uns gerade noch gefehlt. Allgemein gibt es viele Berührungen, deren Sinn ich aber oft nicht verstehe, denn Huguet will im ersten Bild wohl nicht Homoerotik zwischen Kaiserin und Amme andeuten? Weiters umfasst die Kaiserin (!) den Leib Baraks während ihres Traumes (der im Hintergrund auch dargestellt wird) längere Zeit richtig zärtlich, aber wieso, das ergibt doch keinen Mehrwert. Der Thron des Kaisers wird vom mittigen Galeriestehplatz gut sichtbar unter der Bühne erst zusammengebaut und dann wieder auseinandergebaut, wie schaut das bitte aus? Gipfel der erwähnten und unerwähnten Seltsamkeiten ist die Inszenierung der Falkenarie des Kaisers samt Cello-Vorspiel: Die Kaiserin tritt auf und befindet sich unter ca. 15 am Boden liegenden toten Männern, von denen sie einen zu sich zieht und lange streichelt - was soll das? Ich verstehe den Sinn nicht. Dass sie zeitweise (v.a. im ersten Bild, das ca. 3 Meter oberhalb des Bodens stattfindet) akustisch unfreundlich ist, gereicht ihr auch nicht zur Ehre. Diese Inszenierung passt perfekt zu Thielemann: Langweile mit einigen seltsamen Momenten, aber insgesamt nichts dahinter.

      Summa Summarum: Schade um die ungenützte Gelegenheit! Dass für DIESE Aufführung Sonderpreise (auf den Sitzplätzen die doppelten Preise, bis hin zu 500 Euro in der teuersten Kategorie) verlangt worden, ist nicht zu rechtfertigen. Vor Beginn hielt Dominique Meyer anlässlich des heutigen 150jährigen Jubiläums der Wiener Staatsoper eine 5-6minütige Rede, die so war, als ob sie gar nicht gewesen wäre.
    • Richard Wagner: "Das Rheingold" im Musiktheater im Revier

      Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier inszeniert diese Saison Wagners Rheingold. Keine Sorge: die ärmste Großstadt Deutschlands ist nicht vom Größenwahn berückt - sie planen keinen Ring. Sie machen wirklich nur Rheingold stand alone. In der Lokalpresse wurde es zerrissen. Heute war ich dort. Und es war alles in allem gar nicht schlimm.

      Musikalisches Highlight waren die Rheintöchter (Bele Kumberger, Lina Hoffmann und Boshana Milkov – erstere verkehrt regelmäßig in Klingsors Bayreuther Blumengarten, letztere beiden bislang nur im Gelsenkirchener Opernstudio, was ihre Leistung umso bemerkenswerter macht). Das war besonders wohltuend, weil sie über die Warmspielphase der Neuen Philharmonie Westfalen hinwegtrösten konnten. Die Aufzüge 1 und 2 spielten in der Kulisse des TEE „Rheingold“. Was zunächst banal und arg vordergründig klingt, ging sich doch ganz gut aus.

      Ebenfalls erstaunlich gut funktioniert hat die Besetzung des Mime mit Tobias Glagau, der eigentlich ein prädestinierter Mozart-Spieltenor ist, und dem auch ob seiner jungenhaften Gestalt alles Gebrochene fehlt, das ein Mime klassischerweise mitbringen sollte. Zum Schmunzeln brachte mich seine absurde Bein-Kostümage, die an Grüffelos „knotige Knie“ erinnerte.

      Interessante Regieansätze waren immer wieder vorhanden. Manche haben funktioniert, andere waren fragwürdig. Bemerkenswert war Alberichs Verwandlung in einen Riesenwurm. Das nahm man in Gelsenkirchen wörtlich und zeigte anstelle eines Drachen ein Wesen, das – optisch halb Weißblech-Bandwurm, halb Zini aus Spaß am Dienstag - tückisch aus allen Bühnenöffnungen Wotan und Loge bedrohte.

      Schwachstelle der Inszenierung war der vierte Aufzug. Leider gar nicht funktionierte Frohs Regenbogenbrücken-Szene: Hier wurden vier Kinder mit einem Greenpeace-Regenbogen-Transparent auf die Bühne geführt, das dann im Hintergrund demonstrativ aufgehängt wurde. Für einen Einbruch durch Fridays for Future eignet sich die Szene allerdings nicht. An dieser Stelle wurde ich zum ersten mal eines interessanten Phänomens gewahr: Die dramaturgisch schlechteste Szene führte auch zu der schlechtesten Gesangsleistung: es klang, als ob Khanyiso Gwenxane (der ansonsten eine solide Leistung zeigte) sich wahrhaft schämte für das Bühnenbild, das zu vertonen sein Job war.

      Insgesamt war fehlende gesangliche Stabilität das Kernproblem mehrerer Solisten: Bastiaan Everink als Wotan verschwand immer mal wieder völlig unvorhersehbar hinter dem Orchester, gelegentlich widerfuhr dies auch Almuth Herbst als Fricka. Urban Malmberg als Alberich und Lothar Odinius als Mime hatten einen guten Abend und waren auch schlüssige Besetzungslösungen. Die Neue Philharmonie Westfalen hat, bis auf die bereits eingepreisten Schwächen im Blech, einen ganz guten Abend gehabt. Als in der Einführung „kammermusikalische Momente“ für den Zweiten Aufzug angekündigt wurden, dachte ich zunächst noch: „Au, Backe!“ – aber das war dann ganz wunderbar gelöst und ich hatte schöne "So hab' ich das noch nie gehört"-Momente.

      Insgesamt ein Abend ohne musikalische Must Haves. Aber inspirierend und weit entfernt von einem Fehlgriff. Wer in der Gegend ist, dem kann ich diese Produktion getrost empfehlen. Noch 4 Termine im Juni.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • diskursprodukt schrieb:

      Bemerkenswert war Alberichs Verwandlung in einen Riesenwurm. Das nahm man in Gelsenkirchen wörtlich und zeigte anstelle eines Drachen ein Wesen, das – optisch halb Weißblech-Bandwurm, halb Zini aus Spaß am Dienstag - tückisch aus allen Bühnenöffnungen Wotan und Loge bedrohte.
      :megalol: :thumbsup:
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • ​Verdi: Don Carlos. Hamburgische Staatsoper, 2. Juni 2019

      Es handelt sich um die Wiederaufnahme einer Produktion aus dem Jahre 2001. (Sie wurde 2004 nach Wien transferiert und dort auch für DVD aufgezeichnet.) Gespielt wird die Pariser Probenfassung von 1867 (die nie aufgeführt wurde) unter Zurücknahme einiger heftiger Striche der späteren Fassungen; jedoch wurden an einigen Stellen die Versionen der späteren Mailänder Fassung von 1881 benutzt (u.a. das Duett Philippe-Rodrigue im 2. Akt, das Schlussduett Carlos-Elisabeth u.a.).

      (Hier im Forum war diese Inszenierung schon vor 10 Jahren der Ausgangspunkt für diese Diskussion über die neuen Leiden des jungen Infanten.)

      Die Produktion wird durch den Rückgriff auf gestrichene Passagen, darunter die ca. 20minütige Ballettmusik, sehr lang, zusätzlich noch durch Regisseur Peter Konwitschnys Einfall, die Autodafé-Szene im Pausenbereich beginnen zu lassen und die dadurch erforderliche zweite Pause; so kommt dieser Don Carlos locker auf Götterdämmerungslänge. Für die Länge etwas öde scheint zunächst das klaustrophobische Bühnenbild von Johannes Leiacker (auch Kostümbildner), das sich für die in Spanien spielenden Akte (also 2 bis 5) über die Szene senkt; eine ausgezeichnete Personenregie, stets einfallsreich, aber nie überzogen, stattdessen auch mal extrem zurückhaltend, dann wieder hochspannend, gleicht das wieder aus. Dass das auch in der 46. Vorstellung nach über 17 Jahren funktioniert, ist sicher vor allem das Verdienst der Wiedereinstudierung (Spielleitung: Heiko Hentschel).

      Stark kritisiert wurde (auch hier im Forum) die Idee des Regieteams, die Ballettszene durch eine Pantomime namens "Ebolis Traum" zu ersetzen. Zunächst einmal ist das die offensichtlichste der vielen, sonst kleinen Verfremdungen oder ironischen Brechungen dieser Inszenierung: Eboli erträumt sich ein bürgerliches Leben an Carlos' Seite, das Ehepaar Philippe/Elisabeth kommt zum Essen zu Gast; das Ganze spielt sich in einer denkbar spießigen Wohnung der 1960er Jahre ab. Ich finde nicht, dass die Figur der Eboli an dieser Stelle desavouiert wird; es ist ein verzweifelter Traum von einem irgendwie gearteten besseren Leben als dem im fürchterlichen Spanien des 16. Jh.: da ist eben selbst Gelsenkirchener Barock besser! Die Regie erlaubt sich hier im Großen, was sie im kleinen über die ganze Inszenierung tut (am schönsten fand ich die schallende Ohrfeige, die Philippe am Ende von seinem Vater bekommt). Soviel Klamauk darf bei einem Fünfeinviertel-Stunden-Verdi in sonst düsterster Szenerie sein!

      In durchaus anderes Licht taucht die Inszenierung das Verhältnis zwischen Carlos und Rodrigue, nicht zuletzt durch der beiden ungekürzte Szene im 2. Akt: Carlos sucht in erster Linie einen Freund, Posa aber einen Verbündeten für sein Flandern-Projekt; so können sie selbst unter Posas Sterben nicht wirklich zueinander finden. Enorm stark inszeniert und gespielt die Großinquisitor-Szene, die auch zeigt, in welche (brutale) Richtung Philippe sich hier entscheidet.

      Gesungen wird durchweg gut bis hervorragend! Pavel Cernoch (Carlos) hat in der Auftrittsarie einige Mühe und knödelt sich bös was zusammen; dann ist der Kloß aber weggesungen und der Sänger liefert eine tadellose Partie ab. Immer erfreulich ein Tenor, der praktisch nicht forcieren muss. Elena Zhidkova (Eboli) singt vielleicht ein wenig zu gleichförmig und auf Wirkung ihrer voluminösen Stimme bedacht; das Chanson du voile meistert sie aber trotz dafür eher wenig geeigneter Stimme mit großem Geschick und kann mit O don fatal natürlich auftrumpfen. Sehr gut auch Alexey Bogdanchikov (Rodrigue) und Gábor Bretz (Philippe II). Herausragende Sängerin des Abends aber ist Lianna Haroutounian als Elisabeth, die für jede Szene einen passenden Ton findet und mit Toi qui sus les néants den sängerischen Höhepunkt des Abends beiträgt. Mehr als nur ordentliche Leistungen auch von Alin Anca (Mönch/Karl V.), Luigi De Donato (Grand Inquisiteur) und Gabriele Rossmanith (Thibault) sowie von den Komparsen.

      Weniger erfreulich das Dirigat von Pier Giorgio Morandi, der, vor allem vor der ersten Pause, viel Lärm machen läßt und ansonsten gerne Takt geradeaus schlägt; das kommt den meisten Ensembleszenen (und keine Verdi-Oper hat mehr davon!) weiß Gott nicht zugute und auch so mancher Arie nicht, wo Sänger/Sängerin dem Orchester hinterherhecheln muss, weil der Dirigent von rubato offenbar noch nicht gehört hat (schlimm z.T. in Philippes Arie Elle ne m'aime pas). Mag sein, dass die vor allem zu Beginn allenfalls durchschnittliche Leistung des Chors der Staatsoper Hamburg (samt Extrachor) ebenfalls darauf zurückzuführen ist. Unter den Ensembles hat eigentlich nur das Quartett im 4. Akt (Maudit soit le soupçon infâme) so richtig gut funktioniert. Schade!

      Insgesamt aber: Toller Abend!
      Bernd

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    • Offenbach - La Grande-Duchesse de Gérolstein. Oper Köln, Premiere am 9. Juni 2019

      Die Großherzogin ist Konzernchefin eines Wasserunternehmens, dessen Expansion eine seltene Froschart im Wege steht; Fritz gehört zu den Besetzern des Hambacher Forsts, die dann aber umstandslos für ihre Gegner, die Manager des Konzerns, in den Krieg ziehen. Wutbürger ziehen vor Beginn des 2. Akts durchs Publikum und rufen "konsequent abschieben", ein paar Gelbwesten turnen auch auf der Bühne 'rum. Irgendwelche Folgen für irgendeine Story, die erzählt werden könnte, hat das alles nicht: Renaud Doucet (Regie) und André Barbe (Bühne und Kostüme) interessieren sich nur für "irgendwas aktuelles" und viel, viel Action auf der Bühne. So viel, dass man eigentlich nach dem ersten Akt schon die Nase voll hat (es wird die vollständige Fassung der Uraufführung gegeben, d.h.: Dreidreiviertel Stunden bei zwei Pausen!). Dabei gibt's zwischendurch durchaus ein paar wirklich witzige Einfälle (ein saukomisches und perfekt getanztes Pferdeballett etwa; Choreografie: Cécile Chaduteau). Letztlich geht aber das wenige Gelungene im szenischen Dauergetöse unter. Vor allem aber: vom beißenden Spott Offenbachs (sowie von Meilhac/Halévy) bleibt rein gar nichts übrig!

      Gesungen (französisch) und gesprochen (deutsch) wird mit Hilfe von Microports: wofür das gut sein soll, erschließt sich mir nicht. Wofür es schlecht ist schon eher: man kann nicht immer ohne weiteres ausmachen, wer da auf der Bühne gerade singt oder redet. Außerdem vergröbert und vergößert die Verstärkung stimmliche Defizite erheblich: vor allem Jennifer Larmore in der Titelrolle hat man damit keinen Gefallen getan! Ihre Stimme klingt tremulös und nähert sich manchmal einem Kreischen. Dino Lüthy (Fritz) scheint manche Qualitäten für die Rolle zu haben, vor allem eine sichere und unangestrengte Höhe; man hätte ihn gern unter regulären Bedingungen gehört. Ähnliches gilt für John Heuzenroeder (Prince Paul) und Emily Hindrichs (Wanda). Miljenko Turk (Baron Puck), sonst eine sichere Bank in jedweder Rolle, chargiert sich (auch sängerisch) zu Tode; und Vincent LeTexiers (Général Boum) Stimme ist mal eine gewesen. Der Chor der Oper Köln singt präzise, aber undifferenziert mit durchgehendem forte (womöglich auch eine Folge der Solisten-Verstärkung).

      Bleibt auf der Habenseite eine brilliante Orchesterleistung des Gürzenich-Orchesters und ein bis in kleinste Details genaues Dirigat von François-Xavier Roth, der perfekt mit den Sängern mitgeht, Offenbachs Musik zum Funkeln und Strahlen bringt, immer für "noch 'ne Schippe drauf" gut ist, ohne je zu überziehen.

      Insgesamt aber eine schwer enttäuschende Produktion.
      Bernd

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    • Danke für die beiden Berichte! :)
      Dass der Konwitschny-Carlos schon an die 20 Jahre alt ist, hätte ich nicht gedacht, aber ja, stimmt... Wie die Zeit vergeht! :D Schön, dass Dir die Aufführung gefallen hat, trotz dem Dirigenten!
      Und Mikroports bei Offenbach, was soll der Blödsinn?! Das kann ja nicht gut werden
    • Sadko schrieb:

      Und Mikroports bei Offenbach, was soll der Blödsinn?!
      Ich weiß überhaupt nicht, was das bringen soll, außer vielleicht auf der Bregenzer Seebühne oder ähnlichen Veranstaltungsorten. Aber selbst in der Arena di Verona funktioniert das ja schon seit über 100 Jahren ohne Verstärkung. Ich finde das restlos inakzeptabel.
      Bernd

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