Operntelegramm - Saison 2018/19

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    • Verdi: Les Vêpres Siciliennes. Oper Bonn, 15. Juni 2019

      Ganz kurz:

      Wie auch zuletzt bei den Bonner Verdi-Produktionen hervorragendes Dirigat von Will Humburg, ein guter Solist (Pavel Kudinov als Procida) und eine hervorragende Solistin (Anna Princeva als Hélène); ihre Sicilienne (Merci, jeunes amies) atemberaubend, zumal sie im zweiten Vers auch noch großartig auszierte, kein bißchen showmäßig oder übertrieben, sondern musikdienlich und höchst virtuos. Die Nummer war allein das Eintrittsgeld wert!

      Das war auch bitter nötig.

      Mit den Vêpres mag Verdi, wie Uwe Schweikert im Programmheft ausführt, einen Fortschritt in Richtung auf die Ausgestaltung großer Massenszenen gemacht haben; der bleibt aber auf handwerklicher Ebene stecken. Ansonsten bedeutet das Stück (zwischen der Traviata und der Erstfassung des Simon Boccanegra entstanden) mE einen ziemlichen Rückschritt in die Zeiten Verdis als compositore col casco; es gibt viel (dreieinhalb Stunden!) Lärm um Nichts (bzw. um das äußerst krude Libretto von Eugène Scribe). Das, gepaart mit dem (nahezu) Totalausfall in den beiden anderen Hauptrollen, einem todlangweiligen Bühnenbild und einer dezidierten Nicht-Regie (David Pountney), die die Sänger vollständig allein ließ und bei ihnen zu "opernhaften" Gesten aus längst vergangen gedachten Zeiten führte, hinterließ denn doch einen ziemlich zwiespältigen Eindruck.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Hi, danke für den Bericht. David Pountney ist meiner (geringen) Erfahrung nach schwer einschätzbar. Entweder sehr gut oder sehr schlecht. Das Stück gefällt auch mir nicht, ich habe es aber seit 2012 nicht mehr gehört. Aber so schätzt man die guten Opern gleich wieder mehr :D
    • Quasimodo schrieb:

      Die Großherzogin ist Konzernchefin eines Wasserunternehmens, dessen Expansion eine seltene Froschart im Wege steht; Fritz gehört zu den Besetzern des Hambacher Forsts, die dann aber umstandslos für ihre Gegner, die Manager des Konzerns, in den Krieg ziehen. Wutbürger ziehen vor Beginn des 2. Akts durchs Publikum und rufen "konsequent abschieben", ein paar Gelbwesten turnen auch auf der Bühne 'rum. Irgendwelche Folgen für irgendeine Story, die erzählt werden könnte, hat das alles nicht: Renaud Doucet (Regie) und André Barbe (Bühne und Kostüme) interessieren sich nur für "irgendwas aktuelles" und viel, viel Action auf der Bühne. So viel, dass man eigentlich nach dem ersten Akt schon die Nase voll hat (es wird die vollständige Fassung der Uraufführung gegeben, d.h.: Dreidreiviertel Stunden bei zwei Pausen!). Dabei gibt's zwischendurch durchaus ein paar wirklich witzige Einfälle (ein saukomisches und perfekt getanztes Pferdeballett etwa; Choreografie: Cécile Chaduteau). Letztlich geht aber das wenige Gelungene im szenischen Dauergetöse unter. Vor allem aber: vom beißenden Spott Offenbachs (sowie von Meilhac/Halévy) bleibt rein gar nichts übrig!

      Gesungen (französisch) und gesprochen (deutsch) wird mit Hilfe von Microports: wofür das gut sein soll, erschließt sich mir nicht. Wofür es schlecht ist schon eher: man kann nicht immer ohne weiteres ausmachen, wer da auf der Bühne gerade singt oder redet. Außerdem vergröbert und vergößert die Verstärkung stimmliche Defizite erheblich: vor allem Jennifer Larmore in der Titelrolle hat man damit keinen Gefallen getan! Ihre Stimme klingt tremulös und nähert sich manchmal einem Kreischen. Dino Lüthy (Fritz) scheint manche Qualitäten für die Rolle zu haben, vor allem eine sichere und unangestrengte Höhe; man hätte ihn gern unter regulären Bedingungen gehört. Ähnliches gilt für John Heuzenroeder (Prince Paul) und Emily Hindrichs (Wanda). Miljenko Turk (Baron Puck), sonst eine sichere Bank in jedweder Rolle, chargiert sich (auch sängerisch) zu Tode; und Vincent LeTexiers (Général Boum) Stimme ist mal eine gewesen. Der Chor der Oper Köln singt präzise, aber undifferenziert mit durchgehendem forte (womöglich auch eine Folge der Solisten-Verstärkung).

      Bleibt auf der Habenseite eine brilliante Orchesterleistung des Gürzenich-Orchesters und ein bis in kleinste Details genaues Dirigat von François-Xavier Roth, der perfekt mit den Sängern mitgeht, Offenbachs Musik zum Funkeln und Strahlen bringt, immer für "noch 'ne Schippe drauf" gut ist, ohne je zu überziehen.

      Insgesamt aber eine schwer enttäuschende Produktion.
      Die heutige Aufführung am Geburtstag des Meisters endete als Zugabe mit einem von allen Mitwirkenden gesungenen "Happy Birthday". Dass dabei das Bild von Jacques Offenbach, das im 2.Akt zu sehen ist, nicht nochmals auf die Bühne geschoben worden ist, sagt eigentlich alles über den Umgang mit Kölns großem musikalischem Sohn. Ich bezweifle, ob man in der Rheinmetropole einen runden Geburtstag des ebenfalls in Köln geborenen Konrad Adenauer ebenso lustlos und als Pflichtprogramm abhandeln würde.
      Dem Bericht von Quasimodo über die Premiere kann ich auch nach der Vorstellung am 20.Juni nichts hinzufügen. Am Ende des Abends hätte ich in das jubelnde Publikum am liebsten "armer Offenbach" gerufen. Mich stören Aktualisierungen von Opern oder Operetten grundsätzlich nicht - so lange die Aktualisierung das Stück nicht zerstört. Aber die "Großherzogin" ist im Original ein Satire auf die Soldateska und die damit verbundene Kriegslust. Und wenn die Regie dann einen Großkonzern auftreten und über Fusionierungen schwadronieren lässt, dann hat das mit dem Inhalt des Librettos weniger als nichts zu tun. Das haben weder Offenbach noch seine Textdichter verdient !
      Dass der Abend auch musikalisch nicht unbedingt erfreulich war - auch das hat Bernd schon treffend beschrieben. Und auch hier sehe ich keinen Grund, ihm zu widersprechen. Schade - von der Papierform (und auch deshalb bin ich von Wien hierher gekommen) hätte ich mehr erwartet.
    • Parsifal in Mannheim, 20.06.2019

      Über den Mannheimer „Parsifal“ ist vieles geschrieben worden und er dürfte eingefleischten Wagnerianern ein Begriff sein, trotzdem kurz vorweg: In Mannheim wird seit 1957 ununterbrochen eine Inszenierung von Hans Schüler (seinerzeit Intendant am Nationaltheater Mannheim) gegeben, die mit sehr reduziertem Bühnendekor und steten, unaufdringlichen Lichteffekten auskommt.

      Für mich war es gestern das erste Mal im NTM. Das Haus ist arg in die Jahre gekommen, die Sitze erinnern stark an Bayreuth. Das Publikum ist im Schnitt so, wie man es bei einer konservativen, konservierenden Wagner-Inszenierung erwartet. Die Akustik fand ich (zumindest in Reihe 5 Mitte) sehr ausgewogen, die Blech- und tiefen Holzbläser profitieren klanglich von der niedrigen Brüstungshöhe zum Zuschauerraum und von dessen sofortigem linearen Aufsteigen.

      Ich hatte mich im Vorfeld gefragt, ob ich diese Uralt-Inszenierung würde überzeugend finden können. Die Antwort im Nachgang ist: Ja, funktioniert gut. Das hat m.E. vor allem mit dem „Parsifal“ selbst zu tun, der wegen seiner musikalischen und theatralischen Dichte weniger zwingend eine aktualisierende Interpretation einfordert als manch andere Wagner-Oper. Die Bühne besteht im Grunde nur aus einem in der Mitte angebrachten Hügel, der in den Gralsburg-Szenen durch einen darauf stehenden Altar und ihn umkreisende Gralsrittertafeln ergänzt wird. Im Dritten Aufzug wird der Hügel zur Hälfte durch eine Art Kinderspielteppich in grüner Grundfarbe überdeckt, dessen Funktion sich mir nicht erschloss (erlöste Natur?). Im Bühnenhintergrund reduzierte, abstrahierende Lichtprojektionen (wucherndes Gestrüpp in Klingsors Zaubergarten, romanisch gestaltete Hochfenster in der Gralsburg. Es wird über 4:15 durch Gaze gesungen, was der transzendenten Unwirklichkeit des Dargebotenen gut tut und musikalisch nicht stört.

      Das Mannheimer Orchester unter Leitung von Alexander Soddy hat mich überzeugen können. Ein sehr ausgewogener Orchesterklang unter einem konventionellen Dirigat, das zumindest keine störenden Überraschungen bot.

      Überzeugen konnten vor allem Thomas Berau als Amfortas, der dieser m.E. undankbaren Rolle dramatisches Gewicht verleihen konnte, Tilmann Unger als Parsifal und Joachim Goltz als Klingsor. Die Kundry von Tuija Knihtilä war solide gesungen und sehr überzeugend dargestellt. Unter den großen Solistenrollen überzeugte mich Patrick Zielke als Gurnemanz am wenigsten (wobei ich bei Gurnemanz auch die klarste und inflexibelste Hörerwartung habe: Gurnemanz braucht, um mir zu gefallen, eine Sanglichkeit, die vielen Bässen nicht gegeben scheint. Im Grunde habe ich bisher einen tollen Gurnemanz nur von René Pape und von Günter Groissböck gehört.)

      Die Chorherren sind in ihrem Element gewesen, die Chordamen hatten bei ihrem Einsatz im 2. Aufzug aus dem Graben zu singen, was nicht 100prozentig mit der Bühnenregie zusammenfand und auch klanglich nicht überzeugte. Die Gralsritter David Lee und Marcel Brunner ließen positiv aufhorchen. Die Blumenmädchen versanken auch akustisch deutlich in dem Geschwelge der Zaubergartenszene.

      Alles in allem ein sehr beeindruckender Nachmittag, der eine Reise nach Mannheim rechtfertigt. Dringend zu empfehlen vor allem denen, die sich vom Regietheater gepeinigt fühlen und die Labsal einer konservierenden Inszenierung suchen.

      Leider wurde die Aufführung gestern sehr stark gestört: Es klingelten im ersten Aufzug gleich drei Mobiltelefone (ausweislich der hierfür üblichen Geräusche handelte es sich um zwei eingehende Textnachrichten und einen eingehenden Anruf), in der Mitte rechts fiepste zwischen Schwanenschuss und erster Pause ein offensichtlich aus dem Ohr gefallenes Hörgerät munter vor sich hin und tatsächlich habe auch ich gestern zum ersten Mal jemanden mit einem vor lauter Ergriffenheit andächtig vor sich hin gurgelnden Sauerstoffgerät in der Oper angetroffen.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Danke für den Bericht! Ich habe ihn gerne gelesen, auch wenn ich nirgendwo für einen Parsifal hinfahren würde :D
      Schade, dass das Theater Mannheim in schlechtem Zustand ist! Da kündigt sich ja hoffentlich keine Schließung an...

      diskursprodukt schrieb:

      Es wird über 4:15 durch Gaze gesungen, was der transzendenten Unwirklichkeit des Dargebotenen gut tut und musikalisch nicht stört.
      Die ganze Zeit durch einen halbdurchsichtigen Vorhang??? Das halte ich für eine grobe Zumutung den Sängern gegenüber.

      diskursprodukt schrieb:

      Gurnemanz braucht, um mir zu gefallen, eine Sanglichkeit, die vielen Bässen nicht gegeben scheint. Im Grunde habe ich bisher einen tollen Gurnemanz nur von René Pape und von Günter Groissböck gehört.
      Das stimmt! Pape und Groissböck habe ich nicht gehört (kann mir aber beide nicht wirklich als Gurnemanz vorstellen, Pape eher noch). Live habe ich Salminen, Youn, Selig und Rose gehört, die waren alle ganz okay. Bei Tomlinson bin ich leider nicht hingegangen, das wurmt mich etwas.

      diskursprodukt schrieb:

      Leider wurde die Aufführung gestern sehr stark gestört: Es klingelten im ersten Aufzug gleich drei Mobiltelefone (ausweislich der hierfür üblichen Geräusche handelte es sich um zwei eingehende Textnachrichten und einen eingehenden Anruf), in der Mitte rechts fiepste zwischen Schwanenschuss und erster Pause ein offensichtlich aus dem Ohr gefallenes Hörgerät munter vor sich hin und tatsächlich habe auch ich gestern zum ersten Mal jemanden mit einem vor lauter Ergriffenheit andächtig vor sich hin gurgelnden Sauerstoffgerät in der Oper angetroffen.
      Das finde ich eine absolute Unverschämtheit und Respektlosigkeit gegenüber allen anderen im Saal.

      diskursprodukt schrieb:

      Dringend zu empfehlen vor allem denen, die sich vom Regietheater gepeinigt fühlen und die Labsal einer konservierenden Inszenierung suchen.
      Also nichts für mich :D
    • Fr., 28. Juni 2019: BERLIN (Komische Oper): Erich Wolfgang Korngold, Die tote Stadt

      Die Komische Oper Berlin pflegt, die Premierenproduktionen der jeweiligen Spielzeit Ende Juni / Anfang Juli für je eine Vorstellung in Serie wiederaufzunehmen, und das halte ich für eine sehr gute Idee! Letztes Jahr konnte ich so Schrekers Gezeichnete und Schostakowitschs Nase erleben, heute war es Korngolds Tote Stadt. Ich habe mir keine Sensation erwartet, dennoch wurden meine Erwartungen untertroffen, es war eine recht dünne Sache.

      Beginnend mit dem Stück: Ja, ich liebe das 20. Jahrhundert, und ich freue mich, wenn Korngold zu hören ist, aber Korngold ist verglichen mit Zeitgenossen einfach nicht erste Liga. Die tote Stadt kommt auf den ersten Blick so tiefgründig daher, ist in Wahrheit aber ziemlich seicht und erreicht nicht einmal ansatzweise die Seelentiefe der thematisch ähnlichen und nur unwesentlich später entstandenen Věc Makropulos von Janáček. Korngold ist kitschig, zwar zweifellos eine positive Art von Kitsch, aber keine, deretwegen in in Hinkunft ins Ausland fahre.

      Ein wesentlicher Grund, dies heute dennoch zu tun, war die Inszenierung von Robert Carsen. Carsen ist ein Könner, ein Vollprofi ersten Ranges - der, nebenbei bemerkt, in der Amtszeit des glücklicherweise bald scheidenden Direktors der Wiener Staatsoper nie dort inszenieren durfte. Carsen hat die symbolistische und phantastische Atmosphäre perfekt eingefangen, in der Produktion wirkt alles genau überlegt und sinnvoll. Das Bühnenbild von Michael Levine passt perfekt dazu. Levine zeichnete auch für die Ausstattung der bedauerlicherweise schon ausgemusterten und durch einen nichtssagenden Schmarrn ersetzten Wiener Frau ohne Schatten von Carsen verantwortlich, die Ähnlichkeit zur Toten Stadt ist auffallend: In beiden Inszenierungen gibt es einen nach vorne offenen quadratischen Raum, dessen Seitenwände verschoben werden können, ein Ehebett samt Nachtkasterln in der Mitte und zeitweise einen Gazevorhang (was für ein akustischer Unsinn!), die Kostüme von Petra Reinhardt passen sehr gut. Carsen zeichnet den Paul nicht als harmlosen trauernden Witwer, sondern als psychisch Gestörten, klar erkennbar an seinen Bewegungen und den fein säuberlich in einer langen Reihe aufgestellten Schuhen (?) etc; eine Sichtweise, der ich enorm viel abgewinnen kann, insbesondere seitdem ich vor ein paar Monaten Hauptmanns Bahnwärter Thiel gelesen habe, und da gibt es ja manche Parallelen (zB die krankhafte Anbetung der verstorbenen Frau in einem bestimmten Raum). Lediglich das Ende hat sich mir heute nicht wirklich erschlossen: Marietta stirbt hier offenbar tatsächlich, Paul tritt aus dem Raum. Gestört hat mich das aber nicht. Die Pause war zwischen dem 2. und dem 3. Akt; der Beginn des zweiten Aktes wurde gut insofern gekennzeichnet, als die Wände des Zimmers auseinander geschoben wurden ( = Beginn des Traumes). Besonders gut gefallen hat mir die Inszenierung des Zwiegesprächs Pauls mit der Erscheinung Maries, deren Gesicht in Graustufen teils scharf, teils unscharf im Hintergrund eingeblendet wurde.

      Das Szenische war aber auch der positivste Aspekt. Zufrieden war ich mit Sara Jakubiak, die eine angenehme, eher dunkle, recht kräftige Stimme besitzt, dennoch haben wir in Wien schon bessere Mariettas gehört. Maria Fiselier war eine gute Brigitta, nicht mehr und nicht weniger, mit ihre rechtn leise Stimme geht es sich für die Komische Oper noch aus. Schlechter stand es um die Herren: Ich mag Aleš Briscein, aber mit dem Paul hat er sich keinen Gefallen getan, dafür reicht seine Technik nicht (obwohl die Rolle weit leichter ist als sie auf den ersten Blick klingt). Die Stimme klingt kehlig und gepresst, er hat die Töne, aber nur mit hörbarer Mühe. Seine Stimme klingt wie die eines Gesangsstudenten (tolles Material, aber sehr ungeschliffen und stilistisch ganz daneben). Der Grazer Zwerg war super, der Münchner Luka Kuzmič auch und anderes ebenfalls, aber der Paul ist nix für ihn. Kaum der Rede wert war der Fritz/Frank des Günter Papendell, der sich mir kaum eingeprägt hat. Eine durchschnittliche, nicht besonders klangvolle Baritonstimme ohne bemerkenswerte Qualitäten.

      Nicht ganz schlecht, aber auch nicht wirklich gut war das Orchester unter Ainārs Rubiķis, dessen Wahl der Tempi mich zeitweise irritierte, auch hätte er die Lautstärke durchgehend etwas drosseln sollen. Die Blechbläser und Schlagzeuger waren besser als die Streicher und Holzbläser. Insgesamt kein erstklassiger Orchesterklang.

      Das Haus war nur teilweise besetzt. Was soll übrigens der Blödsinn, in der Pause im Foyer des zweiten Ranges Kammermusik zu spielen?!? In der Pause gibt es genau drei sinnvolle Tätigkeiten: 1) aufs Klo gehen, 2) sich mit anderen unterhalten und 3) das eben Gehörte auf sich wirken lassen. Keinesfalls will ich in der Pause mit anderer Musik vollgedudelt werden. Ich gehe ins Konzert und in die Oper, um gute Live-Musik BEWUSST zu hören und nicht um zwangsbeschallt zu werden. Auch wenn man in der Pause im Zuschauerraum bleibt, hört man die Musik aus dem Foyer. Ungewollte Dauerbeschallung stört und hat in einem Opernhaus nichts verloren. Ein ganz genereller schwerer Fehler unserer Zeit.
    • Sa., 29. Juni 2019: BADEN BEI WIEN (Sommerarena): Carl Zeller, Der Vogelhändler

      Ein Freund und ich hatten schon länger vor, der oftmals gelobten Sommerarena in Baden einen Besuch abzustatten. Nach Durchsicht des Spielplans hatten wir - beide das Gegenteil von Operettenfreunden - uns den Vogelhändler ausgesucht, den wir zwar schon vor 10 Jahren an der Wiener Volksoper gesehen hatten, aber der uns trotzdem am lohnenswertesten erschien. Um es vorwegzunehmen: Nicht dass der Vogelhändler ein gutes Stück wäre, aber ihn SO schlecht zu erleben wie aktuell in Baden, tut schon weh. Der Zigeunerbaron im Jänner war auch nicht gut, aber deutlich besser. (Kein Wunder, der Zigeunerbaron war ja als Komische Oper konzipiert gewesen.)

      Die Sommerarena ist die zweite Spielstätte des Stadttheaters Baden und viel kleiner, als sie auf den Bildern ausschaut. Sie passt perfekt zu Baden: antiquiert, unbequem, aber trotzdem mit einem kleinen Reiz. Dass man vom Rang direkt in einen Park gehen kann, ist super, und Gelsen haben sich heute auch fast keine eingefunden. Ein gewaltiges Problem war, dass gestern und heute das Event "Baden in weiß" stattfindet, das bedeutet einen Mordsbahö in der Innenstadt und vor allem in der Nähe des Casinos Baden. Das Casino Baden befindet sich aber genau neben der Sommerarena, was bedeutet, dass ca. 40 Meter neben der Sommerarena im Beisein von unzähligen weiß gekleideten Menschen sehr laute bis extrem laute Musik gespielt wurde (z.B. "Live is life" in Karoke) - und angesichts des offenen Dachs und den anfangs noch geöffneten Fenstern wundert es nicht, dass die Musik von draußen seit 20:15 durchgehend deutlichst zu hören war (Beginn der Vorstellung um 19:30), und nicht selten sogar lauter als die Operettenmusik, obwohl ich ohnehin an der weiter vom Straßenfest entfernten Saalhälfte saß. Hätte mir die Aufführung gefallen, hätte ich mich darob maßlos geärgert und bereits ein Beschwerdemail ans Stadttheater geschrieben, wieso um Himmels willen heute überhaupt eine Vorstellung angesetzt worden war, aber da die Aufführung nicht nur an der Grenze zur Lächerlichkeit balancierte, sondern fast unzumutbar war, ergab die Kombination mit dem "Baden in Weiß"-Event einen gewissen Reiz.

      Operetten heutzutage aufzuführen, ist schwierig. Erstens fehlen die Sänger, zweitens ist die Gattung tot, und drittens sind Operetten enorm schwer zu inszenieren. Die Inszenierung von Christa Ertl (Bühne von Christof Lerchenmüller, Kostüme von Alexia Redl) ist jedenfalls so, wie man es NICHT machen soll. Enorm konservativ (völlig absurde Bühnenbilder und Kostüme), gleichzeitig lächerlich mit unzähligen halb-lustigen Pointen und einer total peinlichen Pseudo-Alpenwelt, die nie so stattgefunden hat und die mit der (historischen) Realität so viel gemein hat wie eine Zefirelli-Aida mit dem Alten Ägypten, nämlich nichts. Dass zwischendurch die "Tiroler Holzhackerbuam" als (peinlich choreographierte) Tanzeinlage gespielt wurden, die zur Vogelhändler-Musik nicht passen, war dann auch schon egal. (Man muss echte alpenländische Volksmusik nicht mögen, aber ich mag sie, weil ich mit ihr aufgewachsen bin und sie Teil meiner Identität ist, und umso mehr schmerzt mich, dass das heute Gebotene nichts damit zu tun hat, sondern eine peinliche Show auf Musikantenstadl-Niveau mit Standardgesten war. Ein Gruselkabinett! Alles, aber insbesondere die Personenführung, wirkte dilettantisch. Nicht der allergeringste Versuch, die (leicht verborgene) Sozialkritik verdeckt auf die Bühne zu bringen, sondern einfach nur sinnloser Klamauk. Zum Davonlaufen. Anlass zur Sorge bereitet übrigens, dass sich große Teile des Publikums bei der Vorstellung prächtig unterhalten haben (wobei die Sommerarena in Baden auch eine Art "Event" ist, wo man hingeht, um einen schönen Abend zu verbringen, und was man dort hört, ist nur Nebensache; ich kenne genug Leute in Baden und naher Umgebung).

      Wie schon angesprochen: Woher soll man gute Operettensänger nehmen? Heute gibt es einfach keinen Peter Minich mehr, der dieses Genre über 50 Jahre lang geprägt hat und ein Stück Österreichischer Kulturgeschichte war. Wenn man sich auf Youtube Vogelhändler-Mitschnitte mit u.a. Adolf Dallapozza, Edith Lienbacher und Peter Minich (die ich alle drei noch live gehört habe, wenn auch gegen Ende ihrer Karriere), wird einem bewusst, dass man den Vogelhändler auch VIEL besser singen kann, als das heute in Baden getan wurde. Clemens Kerschbaumer in der Titelrolle war in Ordnung; seine Stimme ist weder schön, noch klangvoll, und der Schlusston von "Wie mein Ahnl zwanzig Jahr'" wurde teils im Falsett gesungen. Die beste Leistung kam von Regina Riel als Kurfürstin, deren "Als geblüht der Kirschenbaum" allerdings durch besonders massiven Lärm von draußen gestört wurde. Matjaž Stopinšek als Stanislaus hat mich enttäuscht, denn letztes Monat hat er mir als Jason in Cherubinis Medea sehr gut gefallen. Heute wechselten sich einige sehr schöne Töne mit gepressten, schlampig gesungenen ab. Naja, vielleicht war ihm heute die ganze Produktion zu deppert, wofür ich großes Verständnis hätte. Dass vom Baron Weps des Sébastien Soulès nichts zu erwarten war, war mir schon nach seinem katastrophalen Kálmán Zsupán im Jänner klar gewesen. Ein noch größerer Totalausfall war Ilia Staple als Briefchristl - wie hat sie überhaupt die Aufnahmsprüfung der Universität bestanden? Schon ihr zuzuschauen hätte mir gereicht, denn beim Singen zeigte sie einen enorm unangenehmen Gesichtsausdruck, offenbar ist dort alles bis zum Geht-nicht-Mehr verspannt, und dementsprechend klingt es auch (und dabei lernt man in der Gesangsausbildung als erstes, dass sich alles angenehm anfühlen muss und Verspannungen fehl am Platze sind!). Verena Scheitz (Adelaide) kann leider nicht singen und hatte ein paar halb-lustige Anspielungen über die aktuelle österreichische Innenpolitik zu präsentieren. Der verdiente Franz Födinger (1967 erstmals in Baden engagiert) als Schneck kann auch nicht mehr wirklich singen. Absoluter Tiefpunkt waren Artur Ortens und Beppo Binder als Würmchen und Süffle. Schlimmer geht es nicht mehr!! Das Orchester unter Michael Zehetner war besser als im Zigeunerbaron, aber bloß wahrscheinlich nur deshalb, weil man heute aufgrund der schlechteren Akustik die Unsauberkeiten nicht gehört hat. Der Chor verwechselte "laut singen" mit "gut singen".

      Insgesamt: Eine gröbliche Missachtung dieser Operette! Abgesehen davon, dass ich Operetten noch schlechter als (die meisten) Opern finde.
    • ​Di., 2. Juli 2019: LINZ (Musiktheater): Othmar Schoeck, Penthesilea

      Vorvorgestern gab es Grund zur Befürchtung des Ausfalls der Vorstellung, zumal der Achilles Martin Achrainer am Knie verletzt war und schon vor zwei Jahren aufgrund von Erkrankungen einzelne Vorstellungen von Hindemiths Harmonie der Welt abgesagt worden waren. Aber heuer konnte ein Ersatz gefunden werden, nämlich Christian Miedl, der dank seiner Mitwirkung an der Produktion in Bonn schon mit dem Stück und der Inszenierung vertraut war.

      Wie vor Beginn mitgeteilt wurde, war er aufgrund eines Flugzeugausfalls und sonstigen Begebenheiten erst 2½ Stunden vor Vorstellungsbeginn nach einer schlaflosen Nacht in Linz angekommen und sei obendrein indisponiert, und letzteres hat man ganz deutlich gemerkt. Als Nicht-Einspringer und ohne Indispositionsansage wäre das völlig indiskutabel gewesen. Die Stimme klang sehr heiser und viel zu leise, außerdem eher nach Tenor ohne Höhe als nach Bariton. Beim Applaus hat er sich so verhalten, als wüsste er genau, dass das grad nix war; insofern vermute ich, dass er es besser kann. Hoffentlich wird's am Freitag besser.

      Ansonsten gilt dasselbe (großteils sehr Positive) wie für die beiden bisher von mir besuchten Vorstellungen (2. März und 18. Mai), außer dass ich die Sänger - insbesondere Matthäus Schmidlechner als Diomedes - akustisch schwächer vernommen habe, was daran liegt, dass heute der 2. Rang gesperrt war und alle von dort in den 1. Rang verfrachtet wurden. Besonders positiv muss ich das Linzer Bruckner Orchester erwähnen, und besonders negativ den Mann am Pult: Leslie Suganandarajah hat alles sehr gut gemacht, abgesehen vom unerträglichen Schleppen am Ende. Der Schluss dieser ansonsten tollen Oper ist ohnehin schon so langweilig, wieso macht er 20 Minuten aus 10 Minuten? Insgesamt hat mir die Vorstellung aber sehr gut gefallen, nicht zuletzt dank der hervorragenden Inszenierung von Peter Konwitschny. Am Freitag gibt es noch einen letzten Termin. Nicht verpassen!!!
    • Fr., 5. Juli 2019: LINZ (Musiktheater): Othmar Schoeck, Penthesilea

      Das war sie, die letzte Penthesilea-Aufführung in Linz, und ich bin froh, vier Aufführungen dieser grandiosen Produktion dieses zu Unrecht so gut wie nie gespielten Werkes miterlebt zu haben. Schwelgende Spätromantik (z.B. das „Liebesmotiv“, in dem „Der Mensch kann groß, ein Held, im Leiden sein, doch göttlich ist er, wenn er selig ist.“ ertönt und später mehrmals im Orchester wieder auftaucht) wechselt sich mit zahlreichen expressiv-schrillen Stellen ab, genauso wie ich es am liebsten habe. Die Musiksprache ist sehr speziell, und dass abwechselnd gesungen und gesprochen wird, gefällt mir immer besser. Wenn der wirklich langweilige Schluss nicht wäre, stiege die Penthesilea glatt in die Reihe meiner Lieblingsopern auf.

      Martin Achrainer, der den Achilles hätte singen sollen, hatte sich in der vorvorletzten Aufführung an der Sehne (!) verletzt, weswegen für die letzten beiden Vorstellungen der Achilles der Bonner Aufführung, Christian Miedl, eingeflogen worden war (andere Interpreten dieser Rolle gibt es derzeit wohl nicht). Dieser war aber schon in der vorletzten Aufführung hörbar indisponiert, weswegen heute jener der Einspringer für sich selbst war, das heißt: Miedl spielte die Rolle (wobei er glücklicherweise auf unnötige Lippenbewegungen verzichtete, sondern dankenswerterweise nur spielte), Achrainer stand auf der rechten Seite und sang nicht ins Publikum, sondern Richtung Mitte. Das kam mir, der ich links auf der Seite (Hochstuhl am 1. Rang) gesessen bin, sehr entgegen, da Achrainer genau in meine Richtung sang und daher für mich sehr gut hörbar war, aber für mindestens 95% des Publikums muss das akustisch sehr ungünstig gewesen sein.

      Musikalisch gibt es nichts Neues zu berichten. Achrainer halbwegs ordentlich, aber halt viel zu wenig Stimmkraft und Tiefe für diese Partie (da braucht man einen Wotan, keinen lyrischen Bariton!), Dshamilja Kaiser wirklich gut, aber trotzdem noch zu wenig für die dramatische Partie der Penthesilea, und die kleineren Rollen wunderbar. Das Linzer Bruckner-Orchester ausgezeichnet, der Dirigent Leslie Suganandarajah auch sehr gut, abgesehen davon, dass er auch heute die langweiligen letzten 10 Minuten auf 20 Minuten ausgedehnt hat. Die Inszenierung von Peter Konwitschny hervorragend, auch die Detailarbeit ist dem Regisseur äußerst gut gelungen.

      Wer sich die Produktion entgehen ließ, hat definitiv sehr viel verpasst. Eine Kombination mit Stravinskis Oedipus Rex würde Sinn ergeben.
    • So., 14. Juli 2019: MÜNCHEN (Staatsoper): Ernst Krenek, Karl V.

      Neu

      Auf den heutigen Karl V. hatte ich mich sehr gefreut, meine positive Erwartungshaltung hat allerdings sich nur teilweise erfüllt, was unter anderem damit zusammenhängt, dass mir das Genre der Oper zunehmend unerträglicher wird: Was für eine effekthascherische, bemüht-elitäre Spielerei! Von mir aus könnte man 90% der Opernaufführungen einsparen und dafür zahlreiche (geldsparendere) Liederabende (und hin und wieder auch Kammermusik und Sinfonien) geben, diese Musik erfordert mehr Aufmerksamkeit und geistige Bemühung als Oper. Wie auch immer, Krenek/Křenek mag ich ja sehr gerne (wobei er nicht zu meinen allerersten Favoriten zählt), und merkt man doch eindeutig, dass Krenek ein intelligenter und feinfühliger Mann war, der zwischen den Zeilen Relevantes mitgeteilt hat, sehr deutlich im Reisebuch aus den Österreichischen Alpen (sehr schade, dass dieser hervorragende Liederzyklus doch recht unbekannt ist!), aber auch im mir bis heute vollkommen unbekannten Karl V. Letzterer ist ja die erste Zwölftonoper, und ich als Fan dieser Musik bin dafür deswegen nach München gefahren.

      Es ist ein Dilemma mit Opernraritäten: Erstklassige Sänger haben selten Lust/Kapazität, eine Randrepertoirepartie zu studieren, um sie dann ein paar wenige mal darzubieten, zumal im üblichen Spielplan bedauerlicherweise nur wenige und immer dieselben vielleicht ca. 100 (?) Werke regelmäßig auftauchen. Daher muss man sich damit abfinden, bei Raritäten nicht die allererste Garnitur geboten zu bekommen, auch heute war es so: Bo Skovhus (Titelrolle) ist ein solider Sänger, aber schon längst nicht mehr der Jüngste mit schon lang mit keiner unverbrauchten Stimme. Gun-Brit Barkmin war die Eleonore, und hat ja eine recht schöne Stimme, allerdings vermag ich nicht zu beurteilen, ob sie auch heute wie üblich falsch (will sagen: deutlich zu hoch) gesungen hat. Ich mag die Stimme von Anne Schwanewilms sehr gern, auch wenn sie so klingt wie jemand, der jahrelang mit einer falschen Technik gesungen hat und die damaligen Gewohnheiten nicht mehr loswird, dieses Eindrucks konnte ich mich auch heute nicht erwehren, für die Isabella war sie meinem unbedarften Ersteindruck entsprechend durchaus eine gute Besetzung. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Franz I.) ist ein guter Sänger, aber für ein großes Haus zu klein, und was soll überhaupt die blöde Idee, ausgerechnet ihn zeitweise einige Meter über der Bühne zu platzieren?! Sobald er AUF der Bühne gestanden ist, war's akustisch besser. Michael Kraus (Luther) hat mir nicht gefallen, wie auch die zahlreichen anderen Rollen keinen bleibenden Eindruck hinterließen (zum Beispiel sehr unspektakulär der Pizarro des Kevin Conners). Ausgezeichnet dagegen Orchester und Chor, aber das Dirigat von Erik Nielsen kann ich nicht beurteilen. Die Inszenierung von Carlus Padrissa ist sehr opulent und eindrucksvoll, wenngleich es sicherlich Aufwand bedeutet, die Bühne unter Wasser zu setzen.

      Die Beschreibung klingt negativer als es war; objektiv war es schon in Ordnung, subjektiv nicht. Jedenfalls war es nach meinem vorigen Kulturbesuch Labsal meinen Ohren, denn am Mittwoch, 10. Juli 2019, besuchte ich "Die Tagebücher von John Rabe" im Wiener Ronacher, und ich habe nie zuvor einen größeren Unsinn gehört: Eine billige Aneinanderreihung von Bach, Schostakowitsch, Puccini, Verdi etc., rein belanglos, total vorhersehbar, äußerst oberflächlich, nur vordergründig, null tiefgründig. Wie kann man in der Gegenwart SO ETWAS komponieren??? Ich habe noch NIE eine schlechtere Oper gehört, eine reine Katastrophe. (Sogar Michael Obst, Staud und Trohjan waren VIEL besser.) Die Ausführenden (Sänger, Inszenierung, Orchester) kaum positiv erwähnenswert. Dagegen war der Krenek wahrer Balsam meinen Ohren.