Pfitzners Musik – Noch immer vergessen?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Agravains Bemerkungen über die CPO-Produktion der beiden späten Pfitzner-Symphonien halte ich für zu interessant, um sie in den Fluten des "Eben gehört"-Threads zurückzulassen. Ich erlaube mir deshalb, hier zu antworten:

      Nun hatte ich Muße, diese cpo-Einspielung




      inn Ruhe zu hören. Ich komme dabei - wenngleich mir ja die Vergleichsmöglichkeiten fehlen - zu einem ähnlichen Ergebnis wie Bernd. Ich möchte meinen Unmut zwar nicht ganz so prägnant äußern wie Bernd
      Zitat von »arundo donax«
      das grausliche Gekrieche
      , aber es scheint auch mir so, dass besonders die beiden Sinfonien streckenweise recht spannungsarm musiziert werden.

      Allerdings ist der Booklet-Text (mit Notenbeispielen) von Hans-Christian Schmidt ausgesprochen informativ. Schmidt erläutert nicht nur den Entstehungskontext, sondern wirft auch einen kritischen Blick auf die Werke selbst. Da ist nicht selten davon die Rede, dass die Werke "Stimmungsmusik" sind, dass sie sich durch eine gewisse Gleichartigkeit der Einfälle auszeichnen.

      So zum ersten Satz der "Kleinen Sinfonie op.44":

      "Homogenität auch in der Konzeption von Themen und Gegenthemen: [....]. Haupt- und Nebeneinfall unterscheiden sich nicht substanziell, sondern nur farblich: das erste Thema gehört den Streichern, das zweite den Bläsern. Was wird daraus? Keine Diskussion, keine widersprüchliche Auseinandersetzung, sondern ein einheitlicher Grundzug des musikalischen Charakters [...]."

      Zum der "Sinfonie op. 46" dann:

      "Der exponierte Kontrast von Pathos und Lyrismus wird allerdings nicht ausgetragen, sondern nur episodisch fortgesetzt. Dort, wo man den Beginn einer Durchführung ahnt, wird die Abfolge von erstem und zweitem Thema bloß wiederholt; es bleibt beim Wechsel der Stimmungs-Szenerie."

      Nimmt man die Richtigkeit dieser Beschreibung an - die ich beim Hören recht gut nachvollziehen konnte -, so sollte es für einen Dirigenten das Ziel sein, diese Stimmungen einzufangen und intensiv darzustellen, weil nur eine vibrierende, farben- und facettenreiche Darstellung dieser gerecht werden kann. Die Möglichkeit, den Orchesterapparat hier in allen Farben funkeln zu lassen, gibt es en masse. Doch Werner Andreas Alberts Dirigat ist da nicht zufriedenstellend, weil es nichts als eine gleichförmige Darstellung dessen bringt, was ohnehin schon gleichförmig ist. Das allerdings ist fatal. Nicht selten wirkt die Musik herunterbuchstabiert, jede Note klingt gleich, Phrasierung findet nicht (oft) statt, dafür gibt es viel hölzernes Nebeneinandersetzten von Ton, Akkord, Thema, Phrase. Mich wundert es nicht, dass sich die Bamberger Sinfoniker entsprechend gelangweilt klingen. Inspiration erfahren sie von Albert hier nicht. Vergleicht man diese Aufnahme mit dem, was sie eigentlich zu leisten im Stande sind, sagen wir einmal mit Mahlers Neunter unter Nott, dann meint man, man höre hier ein irgendein Feld-Wald-und-Wiesen-Ensemble. Ich glaube, hier wurde eine Chance vertan....



      Allerdings wurde hier eine Chance vertan- und man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass es ein ungeheurer Jammer ist, die nach vielen Jahren endlich in Angriff genommene Neueinspielung dieser Musik als interpretatorisch dermaßen gescheitert betrachten zu müssen.

      Die Bamberger sind in der Tat ein vorzüglicher Klangkörper; insofern geht die Schwung- und Lieblosigkeit, die hier an allen Ecken zu hören ist und von Agravain äußerst treffend beschrieben wurde, wohl alleine aufs Konto des Dirigenten. Nun kenne ich W.A. Albert in nicht genügend Aufnahmen, um ein auch nur einigermaßen vernünftiges Allgemeinurteil über ihn im Hinterkopf zu haben, aber andere Einspielungen unter seiner Stabführung (z.b. die für meine Ohren sehr hörenswerte Ouvertüre zur "Heiligen Linde" von Siegfried Wagner) kamen mir keinesfalls so unzulänglich vor. Es scheint, als habe sich Albert im Vorfeld nicht hinreichend mit Pfitzner beschäftigt - letzterer beklagte sich nämlich immer wieder, die Dirigenten würden seine Musik durch permanentes Verschleppen ruinieren. Wobei die schlaffen Tempi wirklich nur ein Negativmerkmal der in Frage stehenden Interpretation darstellen - die anderen Schattenseiten wie generelle Gleichförmigkeit und mangelnde Phrasierung wurden im obenstehenden Zitat ja schon genannt. Positiv auffällig sind für meine Ohren nur die äußerst klangschön agierenden Holzbläser (wenn ich mich nicht irre, mit damals noch Albrecht Mayer an der Solooboe), aber die reichen nun ganz gewiss nicht aus, um die Darstellung als solche zu retten.

      Mich würde mal interessieren, was die JPC/CPO-Verantwortlichen hinterher selber von der interpretatorischen Seite dieser Produktion gehalten haben! Meines Wissen war der *Director Artists & Repertoire* Burkhard Schmilgun seinerzeit ein großer Bewunderer der Pfitznerschen Tonkunst....

      Beste Grüße

      Bernd
    • Zum Schnuppern von op. 46 bietet Youtube folgende Strings; die zu mindestens erahnen lassen, wie meisterhaft diese Musik ist. Leider gibt es von der Wiedergabe mit den Berlinern unter Hans Pfitzner nur die "1. Hälfte". Die Furtwängler-Wiedergabe wurde schon im "Ebengehört"-Thread erwähnt.

      Hans Pfitzner Simphony C-dur op.46

      cond:Wilhelm Furtwängler
      orch:Wiener Philharmoniker
      date:7.8.1948, Salzburg

      "www.youtube.com/watch?v=9lZM6fn7qJk&feature=related"
      "www.youtube.com/watch?v=4elqubksJws&feature=related"

      Berliner Philharmoniker
      ML: Hans Pfitzner

      "www.youtube.com/watch?v=jv0WjWqVdK4&feature=related"

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Vielleicht die Youtubestrings nocheinmal in Muße sich reinziehen. Die Sinfonie op 46 beginnt mit einem fanfarenartigen Thema im Blech. Der zupackende Gestus des Anfangs wird aber in Frage gestellt und kann sich nicht behaupten, wie es die Gestalt des Themas es eigentlich intendiert. Der Seitensatz ist sehr verschattet und elegisch komponiert. Diese dunkle Färbung bleibt der maßgebliche Charakter dieser Sinfonie. Auch mit durchführungsartigen Abschnitten. Herbe Tonsprache, eben typisch Pfitzner. Darüber kann auch der scheinbare triumphierende Schluss der Sinfonie, der auf den Anfang Bezug nimmt, nicht hinwegtäuschend. Das alles ist meisterhaft komponiert und auch sehr schön instrumentiert. Mit großem Fetzigkeitsgrad.
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Warum bloß kannst Du nicht mal probieren Dir Mühe zu geben - ein kleines Bißchen nur? - Du willst doch immer etwas sagen - warum versuchst Du es nicht? - Legst Du es tatsächlich darauf an immer mit Deinem Avatar verglichen zu werden?
      -
      Vor ein paar Tagen hörte ich eine interessante Radio-Sendung zur "Beziehung" von Pfitzner zu Schumann und in dieser das erste Mal Musik vom Thread-Verursacher und ich daß gabnnt in dem vorhandenen Raum und konnte nicht abschalten; da waren einige Lieder zu hören und irgendwann der langsame Satz aus dem Quintett op. 23 von Pfitzner - "romantische" "Sentimentalität" angereichert mit verstörenden "Fragen", mit Kämpfen die ich glaube zu kämpfen, mit Tönen die mir mir so nah erscheinen - ich war fasziniert und sprachlos und verwirrt. - Darf man das? - Ja! - Ist das Spengler in Musik? - Vielleicht. - Gedanke und Empfindung.
      -
      Ich habe mir das Quintett auf CD bestellt . . . . .
      -
      Vergessen? - Nein.


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Vor ein paar Tagen hörte ich eine interessante Radio-Sendung zur "Beziehung" von Pfitzner zu Schumann


      Diese Sendung hätte ich auch gerne gehört! Kann man sie eventuell im Internet nachverfolgen?

      Ist das Spengler in Musik?


      Eher Schopenhauer als Spengler.... --

      Ernstgemeinte Frage: Was findest du daran "meisterhaft" ? Ich habe mir die youtube-Schnipseln angehört und auf mich wirkt die Musik eher plakativ.


      Ein wenig so "wie Filmmusik?" Eine derartige Reaktion auf die C-Dur-Sinfonie habe ich schon öfter erlebt. Sie trifft aber meines Erachtens nicht ins Ziel. Zum einen ist das Werk, wie Amfortas ganz richtig angemerkt hat, nicht frei von herben, geradezu verstörenden Elementen. Das finale, motorisch nach vorne drängende und gleichzeitig eine fugierte Form andeutende Presto hat für mich geradezu etwas von einer Höllenfahrt, aber eben keiner in grellen Farben ausgemalten, sonder einer vielmehr nur angedeuteten Reise in den Abgrund.
      Zum anderen hat Pfitzner seine Klangsprache hier sehr bewußt und eben auch kunstvoll *simplifiziert* - eine mit vielen harmonischen Feinheiten unterlegte diatonische Motivik bildet den Hintergrund für den Rückzug auf ein altersweises "Spiel mit Farben und Formen". Gerade in der spätestromatischen Ästhetik bietet sich ja ein solcher *Blick aufs Wesentliche* besonders an..... --

      Ich habe mir das Quintett auf CD bestellt . . .


      Ich hoffe sehr, dass diese CD bei dir weiteres Interesse an Pfitzners Kompositionen hervorruft.

      Herzliche Grüße

      Bernd



      -
      .
    • Nochmals zu der jpc-Aufnahme der Sinfonie op. 46: Ich werde das Gefühl nicht los, die Interpretation folgt dem Begleitheft oder umgekehrt - man will Pfitzner klein machen. Da kommen sogar wieder Ausdrücke wie "Filmmusik", und irgendwo ist auch das Gefasel von rückständiger Harmonik. Was natürlich Blödsinn ist. Eher wäre nämlich zu untersuchen, weshalb der harmonisch ziemlich avancierte Pfitzner, der nicht bloß einmal an der Grenze zur Atonalität entlangbalanciert, speziell für sein op.46 eine tatsächlich konservative Harmonik wählt. Ist das C-Dur unter Anführungszeichen? Oder ein Beweis, daß es in C-Dur eben wirklich noch allerhand zu sagen gibt?
      Und "plakativ" ist an diesem Werk gar nichts - ich werde sogar das Gefühl nicht los, daß es eine Absage an Plakativität ist: Beginn: C-Dur-Pathos, "Achtung, es folgt große Symphonie" - was folgt, ist dann aber ein wunderbar lyrisches Stück, das gar nicht äußerlich groß ist - bis zum Finale, das auf das Anfangs-Pathos zurückgreift: "So, jetzt habt ihr 'ne große Symphonie gehört." Stimmt ja auch irgendwie, nur definiert Pfitzner "Größe" halt etwas anders.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Ein wenig so "wie Filmmusik?" Eine derartige Reaktion auf die C-Dur-Sinfonie habe ich schon öfter erlebt. Sie trifft aber meines Erachtens nicht ins Ziel
      Ganz meine Meinung ! (Und wär Filmmusik denn von vorne herein qualitativ mieser ?) Ich hab mal in das Beiheft geschaut und da steht tatsächlich so ein Scheiß wie „erhärtet sich der Verdacht: sie {die Sinfonien] scheinen Gegenfiguren zu sein in einer durch und durch ideologischen Weise.... geplante Innerlichkeit.. ähneln darin jenen Filmen aus jener Zeit, in der nicht „einen Seemann erschüttern“ konnte... usw.. usw..
      von so einer armseligen Schwarzweißmalerei des Booklets kann man sich nur distanzieren.
      Gerade in der spätestromatischen Ästhetik bietet sich ja ein solcher *Blick aufs Wesentliche* besonders an..... –.
      Ich denke auch in anderen Epochen, z.B. zeitgenössische + klassische Moderne, wäre dann aber Thema eines gesonderten Threads..
      Zum anderen hat Pfitzner seine Klangsprache hier sehr bewußt und eben auch kunstvoll *simplifiziert* - eine mit vielen harmonischen Feinheiten unterlegte diatonische Motivik bildet den Hintergrund für den Rückzug auf ein altersweises "Spiel mit Farben und Formen".
      Sehr schön und anschaulich formuliert. Das könnte man als Trend für den späteren Pfitzner ansehen.

      Auch ist das in der Kleinen Sinfonie G-Dur op. 44 der Fall (die einige Jahre früher entstand). Ich habe diese fetzige Musik mir gestern wieder mal reingezogen (aber mit den NDRlern unter G.A. Albrecht, der in der Pfitznergesellschaft sich sehr engagierte). Die Tonsprache von op. 44 wirkt – wenn man so will – sogar noch „simplifizierter“, die einzelnen Abschnitte/Teile unverbundener, als in op. 46. Auch z.B. das sehr schöne Sextett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass und Klarinette op. 55 fügt sich in diesem Horizont.

      (Erinnert momentan an z.B. Carl Nielsens 6. Sinfonie. Grenzt sich mit seiner 6. Sinfonie sehr stark von seinen vorher entstanden Sinfonien ab. Dessen Tonsprache – um es mal auf einen extrem groben, pauschalen Nenner zu bringen - ist kaum drängend, doch sehr abgeschiedener, scheinbar „simpler“, distanzierter, herber... Nielsens Werk besitzt (außer der ~ Zeitgenossenschaft) mit Pfitzner, nach meiner bisherigen Erfahrung eher weniger Gemeinsames. „www.youtube.com/watch?v=fyhzVNYuzU0&feature=related“
      „www.youtube.com/watch?v=0DRC9ivSsig&feature=related“
      „www.youtube.com/watch?v=grEkJlbA-TQ&feature=related“
      „www.youtube.com/watch?v=R5CbWZ_aXMk&feature=related“
      „www.youtube.com/watch?v=umz4NsCaup4&feature=related“)

      Noch was zum einleitenden und auftrumpfenden Thema von op. 46. Der Vorwurf „plakativ“ kann bei op. 46 allzu leicht von der Tastatur rüberkommen. Ist aber sehr ungerecht, denn es kommt doch auf den Zusammenhang an in der dieses Thema gestellt ist und sich artikuliert: manche Pfitzner-Kritiker in den Medien ignorieren das doch gezielt. Ach ja, ich kenne keinen Freund der 1. Wiener Schule, der z.B. Beethovens Sonate Nr. 29 op.106 als plakativ abtut, wegen seines auftrumpfenden fanfarenartigen 1. Themas: Das wird außerdem in seiner „heroischen“ Wirkung durch den verhaltenen, „innerlichen“ Nachsatz sehr entschieden gebrochen: ab 00:10
      „www.youtube.com/watch?v=hyBgEzEnuMs“

      Mehr Gerechtigkeit und Präsenz für die großartige Musik Pfitzners !
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Das Booklet zur CPO-CD habe ich mir jetzt auch noch einmal angeschaut - und danach kann ich Edwin und Amfortas nur Recht geben: Diesen Text schrieb wohl jemand, dem Pfitzners Klangsprache nicht so sonderlich viel gesagt hat...

      Generell scheint mir, dass Pfitzners Spätwerk bislang noch nicht auch nur einigermaßen angemessen rezipiert wurde. Vom *breiten* Klassikpublikum schon einmal gar nicht, aber auch nicht von den Musikwissenschaftlern, Fachautoren und Journalisten.

      Besonders interessant finde ich übrigens gewissse Parallelen zwischen dem späten Pfitzner und dem späten Richard Strauss. Bei beiden Antipoden (auf dem Boden der Spätestromantik kann man sie durchaus als solche wahrnehmen) kommt es zum Rückgriff auf "klassische" Formen (Symphonien im Falle Pfitzners, Instrumentalkonzerte im Falle Straussens). Beide bedienen sich einer scheinbar schlichteren Klangsprache, die im Vergleich zu den besonders grenzgängerischen Werken aus früheren Jahren - hier op. 36 als Streichquartett oder eben auch Symphonie, dort die Opern "Salome" und vor allem "Elektra" - erst einmal als Rückschritt gesehen werden kann. Wenn man etwas genauer hinschaut, handelt es sich um eine Ästhetik der letzten Reife, in der Begrifflichkeiten wie "reaktionär" oder "progressiv" kaum noch eine Rolle spielen.

      Die Tonsprache von op. 44 wirkt – wenn man so will – sogar noch „simplifizierter“, die einzelnen Abschnitte/Teile unverbundener, als in op. 46


      Amfortas, ja, das sehe ich genauso! Und deshalb ist op.44 für meine Ohren auch das (minimal) stärkere Werk. Der langsame Satz wirkt in seiner Kürze einerseits extrem konzentriert, andererseits zeigt er bei aller Verdichtung auch etwas Schwebendes, ausgesprochen Luftiges. Komponieren kann eine solche Musik wohl nur jemand, der "der Welt abhandengekommen" ist, dem das Diesseits zumindestens streckenweise kaum noch etwas bedeutet.

      Beste Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Beide bedienen sich einer scheinbar schlichteren Klangsprache


      Allerdings gönnt sich der alternde Pfitzner immer noch größere harmonische Extravaganzen als der alternde Strauss: Denk' nur an das "Dunkle Reich" mit seinen teilweise wirklich knarrenden Dissonanzen und den eingetrübten Dissonanzauflösungen. Strauss wird dem "Normalpublikum" gegenüber immer kulanter, Pfitzner immer abweisender - auch dann, wenn er die Dissonanz seiner Harmonik etwas zurücknimmt.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Wikipedia-Artikel gelesen, trotzdem eingelegt:

      [Blockierte Grafik: http://www.jpc.de/image/w300/front/0/8581618.jpg]

      .
      Der Typ hätte nur seine Musik sprechen lassen sollen . . . .

      In wie weit durch Pfitzners verbale Gräuel Menschen leibhaftig bzw. mental zu Schaden gekommen sind, kann ich nicht beurteilen.
      Ich hoffe es jedenfalls nicht.

      Warum konnte dieses Ekel nicht einfach seine Schnauze halten ? Ja, hätte er statt dessen mehr komponiert.

      Letzlich hat es auch seinem Werk geschadet.

      Pfitzners unsägliche antisemitische Ausfälle bilden für eine vermutlich nicht unbeträchtliche Anzahl von Hörern den sehr gut nachvollziehbaren + sehr verständlichen Grund sich nicht seiner großartigen Musik zuzuwenden ....das auch zum Nachteil derer die seine Musik mögen + verehren...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Ich möchte auf einen interessanten kompositorischen Aspekt im oben gezeigten meisterhaften Klavierquintett hinweisen:

      Bereits wenige Minuten nach Beginn, mitten in der Exposition, bäumt sich der erste Satz zu einem enorm wuchtigen Höhepunkt auf, dessen Klangmasse im Werk sonst nicht mehr erreicht wird. An der entsprechenden Stelle in der Reprise sackt die Musik bis ins fragmentarische zusammen, behält in größter Zurücknahme kaum mehr als die harmonisierte Melodielinie bei. Eigentlich hätte ich bei einem spätromantischen Werk andersrum erwartet, eben dass sich aus einem allmählich eingeführten Thema zum Schluss hin eine mächtige Steigerungswelle entwickelt. Pfitzner dreht hier die aus der Spätromantik gewohnte Steigerungsdynamik um. Als wollte Pfitzner gleich zu Beginn bis zum Anschlag aufdrehen, um klar zu machen, dass ein quantitatives Mehr nicht möglich ist und sich danach ganz seinen Subtilitäten zu widmen. Das Werk ist viel weniger konventionell, als es beim ersen Hören erscheinen mag. Bei Pfitzner muss man eben ganz genau hinhören.

      Beste Grüße,
      Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Als wollte Pfitzner gleich zu Beginn bis zum Anschlag aufdrehen, um klar zu machen, dass ein quantitatives Mehr nicht möglich ist und sich danach ganz seinen Subtilitäten zu widmen.


      Das würde ich spontan, ohne das von Dir besprochene Werk überhaupt zu kennen, eher als ein für Pfitzner typisches retrospektives Verfahren à la Schumann oder Brahms (Finale der dritten Sinfonie) einordnen. Wobei gegen retrospektive Verfahren ja erstmal gar nichts zu sagen ist.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Das würde ich spontan, ohne das von Dir besprochene Werk überhaupt zu kennen, eher als ein für Pfitzner typisches retrospektives Verfahren à la Schumann oder Brahms (Finale der dritten Sinfonie) einordnen. Wobei gegen retrospektive Verfahren ja erstmal gar nichts zu sagen ist.


      Viele Grüße
      Ich kenne zu wenig von Pfitzner, um sagen zu können, ob das typisch für ihn ist. Ich kenne Palestrina, Von Deutscher Seele, die letzten beiden Sinfonien und eben das Klavierquintett. Alle diese Werke unterscheiden sich in Anlage und Form recht stark. Dass er Schumann sehr geschätzt hat, kann man, wie ich meine, an vielen Stellen heraushören. An Pfitzners Quintett gefällt mir, dass nicht alles darauf hinausläuft, dass das Hauptthema des ersten Satzes am Ende des Finales in gesteigerter Form wiederkehrt, wie es von einem großangelegten spätromantischen Werk mit den typischen vier Sätzen fast schon zu erwarten wäre. Nach dem Booklet hat sich Pfitzner bei der Komposition des Quintetts ganz klar an den Genrevorbildern Schumann und Brahms orientiert. Es ist sicher interessant, die drei Werke im Zusammenhang zu hören und Formvergleiche anzustellen. (Ganz nebenbei: Das Klavierquintett ist meine kammermusikalische Lieblingsbesetzung.)

      Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Ich kenne Palestrina, Von Deutscher Seele, die letzten beiden Sinfonien und eben das Klavierquintett.


      Ich urteile auch nur auf sehr schmaler Werkbasis. Aber Palestrina steht doch beispielhaft, sowohl musikalisch wie auch inhaltlich, für den resignativen Rückzug des Künstlers. Das ist am Ende des dritten Akts ja bewegend auskomponiert. Auch das großartige Streichquartett in cis-moll läuft ganz still aus. Von deutscher Seele wird leider durch die triumphalistische Anti-Versailles-Apotheose am Schluss beschädigt - ansonsten rühren dieses Werk und Palestrina aber schon viele Saiten in mir an. Auf das Palestrina-Vorspiel zum ersten Akt und Kaiserkron und Päonien rot aus der Deutschland-Kantate war ich zeitweise fast süchtig.

      Was ich eigentlich sagen wollte: Es ging mir nicht um konkrete musikalische Paralellen zu Schumann und Brahms, sondern um den (nicht nur musikalischen) Gestus des Zurücknehmens und des Rückzugs. Dieser Gestus ist alles mögliche, vielleicht sogar ansatzweise sympathisch, aber bestimmt nicht einzigartig und originell. Schumanns Rückzug "in die sächsische Schweiz seiner Seele" (nach Nietzsches bösem Wort) und Brahmsens gelegentliche Flucht in Gefühlsinnerlichkeit stehen hier u.a. Pate.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Von deutscher Seele wird leider durch die triumphalistische Anti-Versailles-Apotheose am Schluss beschädigt
      Diese Meinung finde ich interessant. Denn in den letzten Tagen habe ich die Kantate nach langer Zeit wieder einmal gehört. Den ersten Teil kannte ich recht gut, den zweiten weniger. Vor allem den abschließenden Liederteil hatte ich kaum noch im Ohr. Und spontaner empfand ich den bombastischen Schlusschor als etwas unpassend auf dieses zurückgenommene, sinnliche Werk aufgesetzt.

      Dass Pfitzner ähnlich "rückwärtsgenwandt" (bitte dieses Wort nicht absichtlich falsch verstehen...) komponierte wie Palestrina in seiner gleichnamigen Oper, will hier sicher niemand bezweifeln.

      Meinen ausbaufähigen Kenntnissen in Rezeptionsgeschichte nach wurde Schumann zu Pfitzners Zeiten recht verniedlicht ("verkannt", wie es hier in einem Threadtitel heißt). Deswegen horchte ich auf, als ich las, dass Pfitzner Schumann als seinen Lieblingskomponisten bezeichnete.

      Falstaff
    • Schumanns Rückzug "in die sächsische Schweiz seiner Seele" (nach Nietzsches bösem Wort) und Brahmsens gelegentliche Flucht in Gefühlsinnerlichkeit stehen hier u.a. Pate.


      Für besonders beachtenswert halte ich die Bezugnahme schon des jungen Pfitzners auf Schumann und Brahms einerseits und Richard Wagner andererseits. Über der Cellosonate op. 1 steht nicht von ungefähr mit "Das Lied soll schauern und beben" ein Motto aus der "Dichterliebe" (interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Parallele zwischen Pfitzner und Schumann in der Liebe zum Töchterlein des Lehrers), während andererseits nach dem Erscheinen von Pfitzners erster Oper nicht ohne Grund das Bonmot "Kein armer Heinrich ohne den reichen Richard!" kursierte. Ich denke, dass die Kluft zwischen Schumann/Brahms und Wagner im ausgehenden 19. Jahrhundert noch als gewaltig empfunden wurde; Pfitzner war einer der ersten, der sie mit seinem Frühwerk quasi überbrückt hat.
      Und trotz der immer wieder spürbaren großen Vorbilder besitzen schon seine ersten Werke einen unverkennbaren Eigenton; das a-moll-Cellokonzert aus der Konservatoriumszeit wirkt keineswegs rein epigonal, sondern klingt über weite Strecken so, als ob es von keinem anderen Komponisten als Pfitzner geschrieben worden sein könnte.

      Ich kenne zu wenig von Pfitzner, um sagen zu können, ob das typisch für ihn ist. Ich kenne Palestrina, Von Deutscher Seele, die letzten beiden Sinfonien und eben das Klavierquintett.


      Freue dich, denn dann stehen dir noch etliche eindrucksvolle Neubegegnungen bevor! Das von Bernd zurecht als großartig bezeichnete cis-moll-Quartett (auch in der symphonischen Fassung als op. 36a sehr zu empfehlen!) oder das hier im Forum schon von mir beschriebene Trio op. 8 zum Beispiel. Oder diverse Lieder, die zu den absoluten Perlen der Gattung gehören (und über die viel zu wenig gesprochen wird).

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • Zwielicht schrieb:

      Von deutscher Seele wird leider durch die triumphalistische Anti-Versailles-Apotheose am Schluss beschädigt
      Soeben habe ich erneut den abschließenden Liederteil der "Deutschen Seele" gehört. Der triumphale Schluss kam mir erneut, wie schon oben beschrieben, etwas aufgesetzt vor. Vor allem die plötzliche marschartige Bombastmusik am Ende von "Der Friednesbote", vorbereitet durch die Worte "Schlaf ruhig, das Land ist ja frei!".

      Ein Versailles-Bezug mag mir jedoch nicht ins Auge springen. "Aus dem Kriege sind wir heimgekommen...", "Gott stand in der Not uns bei...", allein aus solchen Versen mag ich nichts dahingehendes herauslesen, ach nicht aus der zum Schluss hin tragenden Textstelle "Fass das Steuer, lass das Zagen..." Natürlich wird sehr verklärend auf vergangene Zeiten zurückgeblickt (verwendete Bilder: ein verfallenes Schloss, verstorbene Eltern, ...), die gegenwärtige Zeit ist eine "falsche Nacht", welche die Sinne verwirrt. Aber mir erscheint eine Versailles-Interpretation zunächst(!!!) ein wenig konstruiert zu sein.

      Beste Grüße,
      Falstaff