Richard Strauss: Don Quixote, op. 35

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    • Richard Strauss: Don Quixote, op. 35

      Richard Strauss:

      Don Quixote, op. 35 - Phantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters

      Einleitung:
      Dieses von Richard Strauss im Jahr 1897 komponierte Werk ist eine Art Mischung zwischen Tondichtung und Sinfonia concertante. Es ist angelehnt an den Roman Don Quijote de la Mancha von Miguel de Cervantes. Cervantes Romanvorlage inspirierte eine ganze Reihe von Komponisten zu Werken, die darauf basieren z. B. Purcell, Telemann, Mendelssohn, Rubinstein, Massenet, Ravel oder de Falla.

      Ursprünglich enthält die Partitur kein Programm aber später verfasste Richard Strauss zu einzelnen Abschnitten programmatische Erläuterungen. Strauss hielt sich in seinem Werk aber nicht an den originalen Ablauf der verschiedenen Episoden wie sie in Cervantes Roman vorkommen.

      Die Uraufführung erfolgte am 08. März 1898 im Kölner Gürzenich mit dem Dirigenten Franz Wüllner und Friedrich Grützmacher am Solo-Violoncello. Gewidmet ist das Werk Joseph Dupont, der Dirigent am Théatre de la Monnaie in Brüssel war.

      Instrumentation:
      Piccoloflöte, 2 Flöten, 2 Oboen, Englischhorn, 2 Klarinetten in B (2. auch in Es), Bassklarinette, 3 Fagotte, Kontrafagott, 6 Hörner in F, 3 Trompeten in D, 3 Posaunen, Tenortuba (Euphonium/Baritonhorn) in B, Basstuba, Pauken, Triangel, große und kleine Trommel, Tamburin, Windmaschine, Harfe und Streicher (Violinen I/II, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe)

      Dauer: ca. 43 Minuten

      Werk und Musik:
      Das Werk besteht aus einer Einleitung (Introduktion), dem Thema sowie zehn Variationen und dem Finale.

      - Introduktion: Mäßiges Zeitmaß - Don Quixote verliert über die Lektüre der Ritterromane seinen Verstand und beschließt, selbst fahrender Ritter zu werden
      - Thema: Mäßig - Don Quixote, der Ritter von der traurigen Gestalt
      - Maggiore - Sancho Pansa
      - Variation I: Gemächlich - Das Abenteuer mit den Windmühlen
      - Variation II: Kriegerisch - Der siegreiche Kampf gegen das Heer des großen Kaisers Alifanfanron (Der Kampf mit den Schafen)
      - Variation III: Mäßiges Zeitmaß - Gespräch zwischen Ritter und Knappen - Sanchos Forderungen, Fragen und Sprichwörter - Don Quixotes Instruktionen, Beschwichtigungen und Versprechen
      - Variation IV: Etwas breiter - Das Abenteuer mit der Pilgerprozession
      - Variation V: Sehr langsam - Don Quixotes Wacht in der Sommernacht
      - Variation VI: Schnell - Zusammentreffen mit einem Bauernmädchen; Sancho sagt seinem Herrn sie sei die verzauberte Dulcinea
      - Variation VII: Ein wenig ruhiger als vorher - Der Flug durch die Luft
      - Variation VIII: Gemächlich - Das Abenteuer mit dem verzauberten Boot (Barcarole)
      - Variation IX: Schnell und stürmisch - Der Wettkampf mit den vermeintlichen Zauberern; der Angriff auf die Mönche
      - Variation X: Viel breiter - Das Duell mit dem Ritter des Weißen Mondes; der geschlagene Don Quixote entscheidet sich, das Kämpfen aufzugeben und denkt daran, Schäfer zu werden und geht nach Hause
      - Finale: Sehr ruhig - Wieder zur Besinnung gekommen - Der Tod Don Quixotes

      In der Einleitung erklingt das Thema, das einerseits einen graziösen und andererseits auch einen stolzen Charakter hat, vielleicht auch noch mit einer Prise Humor versehen. Im weiteren Verlauf wird die Musik komplexer und auch dissonanter und beschreibt, wie Don Quixote während der Lektüre der Ritterromane immer mehr in diese Welt eintaucht und sich darin verliert und schließlich in einen Wahnzustand verfällt.

      Am Ende der Einleitung stellt Strauss die beiden Hauptfiguren vor, die für den Rest des Werkes mit je einem Solo-Streichinstrument verknüpft sind: Don Quixote wird vom Violoncello und Sancho Pansa mit der Viola und zusätzlich mit Bassklarinette und Tenortuba charakterisiert.

      In Variation I wird mit einer heroischen aber irgendwie auch elegischen Musik Don Quixotes Kampf gegen die vermeintlichen Riesen, bei denen es sich in Wirklichkeit um Windmühlen handelt, und sein Scheitern geschildert. Nahtlos folgt Variation II mit dem Kampf gegen die Schafe, die Don Quixote für das Heer des Kaisers Alifanfaron hält. Strauss schildert dies anschaulich mit dissonanten Flatterzungen in den Holz- und gestopften Blechbläsern sowie tremolierenden Streichern.

      Die längste der zehn Variationen ist Variation III. Seinem Garmischer Autograph sagte Strauss: "Gespräche, Fragen, Forderungen und Sanchos Belehrungen, Beschwichtigungen und Verheissungen Don Quixotes." Immer wieder erscheinen kurze Floskeln, tänzelnde Staccato-Firguren. Ein oplulenter strahlender Tutti-Klang erhebt und steigert sich und führt zu einer Schlusswendung wie sie typisch für Strauss ist. In der Partitur steht, dass "das mäßige Zeitmaß je nach dem Grundcharakter der einzelnen Themen reich zu modificiren sei."

      Jäh wird die Stimmung unterbrochen vom Abenteuer und Kampf mit der Pilgerprozession (Mönche) in Variation IV unterbrochen. In Variation V träumt Don Quixote mit ausgedehnten, sehnsüchtigen Passagen des Solo-Violoncellos und Harfenglissandi von seiner Dulcinea. Die sich anschließende Begegnung mit der vermeintlichen Dulcinea in Variation VI fällt dann aber sehr ernüchternd aus. Wirbelnde Klänge mit Einsatz der Windmaschine schildern in Variation VII den Ritt durch die Lüfte der beiden Hauptfiguren. Manche meinen hier, eine humoristische Version von Wagners Walkürenritt herauszuhören.

      Variation VIII schildert das Abenteuer mit dem verzauberten Boot. Das Spiel der Wellen wird mit mehrfach geteilten Streichern dargestellt und wird von kurzen Pizzicati unterbrochen, die Don Quixotes und Sanchos Schiffbruch beschreiben und wie sie schließlich gerettet werden.

      Ein Duo aus zwei Fagotten beschreibt in Variation IX den Kampf mit zwei Zauberern. In der letzten Variation X wird Don Quixote vom "Ritter vom blanken Mond" in einem Duell besiegt und er geht geschlagen nach Hause.

      Im Finale ist Don Quixote wieder vollkommen klar und frei "von den Schatten der Unvernunft". Lang ausgehaltene Töne beruhigen die aufgewühlte Stimmung der erlebten Abenteuer. Don Quixotes Tod wird vom wiederkehrenden Thema des Anfangs untermalt und der Ritter schläft in friedlichem D-Dur ein.

      Reaktionen:
      Don Quixote überforderte teilweise die Erwartungen der Zuhörer und es gab gegensätzliche Meinungen zu diesem Werk. Romain Rolland lobte 1908 das Werk mit diesen Worten: "Richard Strauss ist Dichter und Musiker zugleich. Diese beiden Naturen bestehen gleichzeitig in ihm, und jede ist bestrebt, die andere zu beherrschen. Das Gleichgewicht ist oft unterbrochen: Aber wenn es dem Willen gelingt, die Einheit dieser beiden Kräfte, die auf dasselbe Ziel gerichtet sind, aufrechtzuerhalten, so ruft er Wirkungen vor einer Intensität hervor, die man seit Wagner nicht mehr gekannt hat."

      Publikum und Presse bei der Uraufführung reagierten größtenteils verstört und sogar verärgert. Die Kölner Zeitung meinte "der derbste Ulk, den sich je ein Componist mit dem Orchester und uns dünkt, auch mit seinen Zuhörern erlaubt hat." Romain Rolland beschrieb die Stimmung in den ersten Pariser Aufführungen: "Das Publikum erstickt vor Entrüstung. (...) Dieses alte ehrliche französische Publikum, das um so größeren Wert auf die hochheiligen Regeln der klassischen Korrektheit und des guten musikalischen Geschmacks legt, je weniger musikalisch es ist. Es duldet keinen Scherz. Die Leute sind außer sich über das Blöken von Schafen; sie glauben, man wolle sich über sie lustig machen, man bringe ihnen nicht die gehörige Achtung entgegen."

      Eduard Hanslick, dem Programmmusik größtenteils zuwider war fand für Don Quixote nur spöttische Worte: "Erzählt uns das Programm nicht ganz detailliert, was ein jeder Symphoniesatz vorstellt, so wird die Komposition unverständlich; geschieht es aber, so wird sie lächerlich."

      Richard Strauss selbst meinte nach der Uraufführung: "Don Quixote in Köln uraufgeführt. Er sei sehr originell, durchaus neu in den Farben und eine recht lustige Vorführung aller Schafsköpfe, die's aber nicht gemerkt, sondern noch darüber gelacht haben."

      Persönliche Anmerkungen:
      Don Quixote gehörte für mich zu den Orchesterwerken von Richard Strauss, mit denen ich lange Zeit nicht viel anfangen konnte. Das lag vielleicht an dem Mix aus Konzert, sinfonischer Dichtung und Variationenwerk. Noch ferner steht mir nach wie vor vielleicht nur noch die Sinfonia Domestica. Vor einigen Wochen hatte es bei Don Quixote aber bei mir irgendwie "klick" gemacht, d. h. ich hörte mir nach längerer Zeit mal wieder eine Aufnahme dieses Werkes an und dachte mir, dass das doch eine ganz herrliche und fein instrumentierte Musik ist und lauschte mit großem Genuss, so dass ich gar nicht mehr genug davon bekommen konnte und hauptsächlich per Stream hörte ich mir weitere Aufnahmen an.

      Daher bekam ich dann auch Lust, diesen Thread zu starten.

      Quellen:
      - Programmheft der Badischen Staatskapelle Karlsruhe der Konzertsaison 2013/14
      - Programmheft des New York Philharmonic Orchestra vom November 2017
      - richardstrauss.at
      - kennedy-center.org
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Aufnahmen:

      Diese Aufnahmen stehen mir zur Verfügung bzw. habe diese per Stream gehört.


      Antonio Janigro, Violoncello / John Weicher, Violine / Milton Preves, Viola / Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner / AD: 11. April 1959, Orchestra Hall, Chicago / 43:04 Minuten


      Pierre Fournier, Violoncello / Rafael Druian, Violine / Abraham Skernick, Viola / Cleveland Orchestra, George Szell / AD: 28./29. Oktober 1960, Severance Hall, Cleveland / 39:04 Minuten


      Emanuel Brabec, Violoncello / Josef Staar, Viola / Wiener Philharmoniker, Lorin Maazel / AD: März 1968, Sofiensaal, Wien / 41:48 Minuten


      Mstislav Rostropovich, Violoncello / Ulrich Koch, Viola / Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan / AD: 03. - 08. Januar 1975, Philharmonie Berlin / 43:55 Minuten


      Yo-Yo Ma, Violoncello / Boston Symphony Orchestra, Seiji Ozawa / AD: 1984/85, Symphony Hall, Boston / 45:01 Minuten


      António Meneses, Violoncello / Leon Spierer, Violine / Wolfram Christ, Viola / Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan / AD: Januar 1986, Philharmonie, Berlin / 42:28 Minuten


      Heinrich Schiff, Violoncello / Dietmar Hallman, Viola / Gewandhausorchester Leipzig, Kurt Masur / AD: Juni 1989, Neues Gewandhaus Leipzig / 42:15 Minuten


      Janos Starker, Violoncello / Andreas Röhn, Violine / Oskar Lysy, Viola / Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leonard Slatkin / AD: 24. - 27. Juni 1990, Herkulessaal der Residenz München / 40:07 Minuten


      Franz Bartolomey, Violoncello / Rainer Küchl, Violine / Heinrich Koll, Viola / Wiener Philharmoniker, André Previn / AD: 29. November/03. Dezember 1990, Musikverein, großer Saal, Wien / 41:17 Minuten


      Stephen Isserlis, Violoncello / Cynthia Phelbs, Viola / Minnesota Orchestra, Edo de Waart / AD: Mai 1991, Orchestra Hall, Minneapolis / 42:08 Minuten


      John Sharp, Violoncello / Charles Pikler, Viola / Samuel Magad, Violine / Chicago Symphony Orchestra, Daniel Barenboim / AD: 28. Mai 1991, Orchestra Hall, Chicago / 43:36 Minuten


      Mischa Maisky, Violoncello / Lars Anders Tomter, Viola / Tschechische Philharmonie, Vladimir Ashkenazy / AD: 07./08. Oktober 1999, Dvorak-Saal, Rudolfinum Prag / 41:33 Minuten


      Steven Isserlis, Violoncello / Radoslaw Szulc, Violine / Hermann Menninghaus, Viola / Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Lorin Maazel / AD: 28. - 30. März 2000, Herkulessaal der Residenz München / 41:27 Minuten


      Mischa Maisky, Violoncello / Tabea Zimmermann, Viola / Berliner Philharmoniker, Zubin Mehta / AD: Dezember 2002, Philharmonie, Berlin, live / 42:25 Minuten


      Thomas Grossenbacher, Violoncello / Michel Rouilly, Viola / Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman / AD: 10. & 11. Februar 2003, Tonhalle, Zürich / 41:28 Minuten

      Von diesen Aufnahmen hat mich keine enttäuscht; alle sind meiner Meinung nach auf einem hohen Niveau. Es sind dann lediglich Nuancen, die für mich bei der ein oder anderen Aufnahme mehr ansprechen. Für gelungen halte ich die Aufnahmen, die aus Don Quixote kein verkapptes Violoncellokonzert machen, sondern dass sie das Werk in erster Linie als sinfonische Dichtung mit obligaten Soloinstrumenten machen. Von daher finde ich es auch klanglich überzeugend, wenn das Solo-Violoncello nicht wie bei einer Violoncellokonzert-Aufnahme vor dem Orchester positioniert ist, sondern eher klanglich integriert ist und sich nur bei den reinen Solostellen etwas vom Orchester herauslöst.

      Für besonders gelungen, was auch an der Darstellung des Orchesterparts liegt, halte ich die Aufnahmen mit Fritz Rainer (RCA), Lorin Maazel (Decca), André Previn (Telarc) und David Zinman (Arte Nova). Allerdings sind die Geschmäcker verschieden und ich möchte alle einladen, etwas über das Werk z. B. Analysen, Gedanken etc. sowie über die o. g. bzw. weitere Aufnahmen hier beizutragen. Vielen Dank.

      Armin
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Zunächst, lieber Armin, ganz herzlichen Dank für diesen sehr informativen Thread.

      Tondichtungen sind eigentlich nicht so 'mein Ding', die Strauss'schen eingeschlossen, obwohl ich seine Opern sehr liebe. Aber der Thread hat mich doch dazu animiert, gleich einmal den 'Don Quixote' zu hören (Karajan mit Rostropovitch. Reiner wird folgen.), was ich bislang selten gemacht habe.

      Das ist schon eine verdammt gute Musik, gerade was die Orchestrierung, die Orchesterfarben angeht. Strauss verstand schon sein Handwerk.

      Was ich nun ganz besonders frappierend fand, war die Ähnlichkeit des Don-Quixote-Motivs mit dem Walzer aus dem II.Akt Rosenkavalier, dort dann dem Ochs zugeschrieben. Nun frage ich mich, will der Künstler uns damit etwas sagen oder hat er nur gut bei sich selber geklaut? Ich tendiere eher zu der ersten Annahme, also ein Hinweis auf die Scheinwelt, in der auch der Ochs lebt. Andererseits mag das (UA ja 1911) vielleicht auch ein wenig weit hergeholt sein.

      :wink: Wolfram
    • Auch von mir vielen Dank, lieber Armin! Habe das Werk in den letzten Wochen auch häufiger gehört und lieb gewonnen. Die lautmalerischen Effekte sind großartig. Fast noch mehr aber als etwa die Hammelherde oder die Windmühlenszene gefallen mir die Abschnitte, in denen nicht die äußeren Kämpfe, sondern mehr die innere Gedankenwelt des Protagonisten beleuchtet werden, z. B. das Gespräch mit dem Knappen.

      Der Hinweis auf Ochs ist interessant. Ich kenne den Rosenkavalier viel zu wenig, als dass mir das auffallen hätte können. Wenn's denn so wäre, war's bei Strauss sicher kein Zufall.
    • Braccio schrieb:

      Wenn's denn so wäre, war's bei Strauss sicher kein Zufall.
      Witzig aber, dass er nach so vielen Jahren da nochmal drauf zurückgriff. Ich weiß nicht, wie häufig 'Don Quixote' um 1910/1911 im Konzertsaal aufgeführt wurde. Wenn eher selten, konnte er ja nicht davon ausgehen, dass seine Rosenkavalier-Zuschauer den Verweis bemerken würden.

      Aber ich denke auch, kein Zufall.

      :wink: Wolfram
    • Ich danke ebenfalls für diesen Thread, lieber Lionel!

      Mein Don Quixote-Erlebnis schlechthin war die Aufführung in der Hamburger Laeiszhalle 1980, als Klaus Tennstedt das Werk (mit David Geringas am Solocello) kongenial leitete. Ich habe nie wieder eine bessere Strauss-Aufführung gehört als diese. Zum Glück ist die Aufnahme auf Vinyl erhältlich gewesen (auf CD bisher Fehlanzeige):
      amazon.de/Strauss-Fantastische…eywords=Tennstedt+Quixote
      (Direktverlinkung oder überhaupt Einstellen des Amazon-Coverbilds klappt mal wieder nicht. Warum eigentlich?)

      Fritz Reiner - großartig. Aber an Tennstedt reicht m.E. nichts, aber auch gar nichts heran. Kein Einzelfall. Auch "Der Bürger als Edelmann" habe ich nie wieder auch nur annähernd so gut gehört wie live unter Klaus Tennstedt in seiner (leider kurzen) Hamburger Chefdirigentenzeit.
      Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
      (Frank Zappa)
    • Danke für die Rückmeldungen. Zur Verwandschaft des Don Quixote-Themas mit dem Walzer aus dem 2. Akt des Rosenkavalier bin ich überfragt. Allerdings griff Strauss in seiner zwischen 1911 und 1917 komponierten Schauspielmusik zu Der Bürger als Edelmann, op. 60 auf die Variation II (Kampf gegen die Schafherde) zurück und zitiert diese (Das Diner). Darin kommen noch weitere Zitate vor: Wellenmotiv aus Wagners Rheingold, La donna e mobile aus Verdis Rigoletto sowie Vogelrufe aus dem Rosenkavalier.

      Armin
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Die Aufnahme von Don Quixote schlechthin ist m. E. die viel gerühmte mit Kempe und Tortelier mit der Staatskapelle Dresden aus 1973. Tortelier beweist hier ein phänomenales Vermögen, das Programm-Geschehen darzustellen. Ganz großes Kino. Und Kempe ist als Strauss-Dirigent ohnehin legendär.



      Die Box ist auch im Übrigen Sonderklasse.
    • Lionel schrieb:

      Mischung zwischen Tondichtung und Sinfonia concertante.
      Gab es das davor oder danach noch einmal? Diese Mischung kommt mir ziemlich einzigartig vor. Ein paar Beispiele mit einem einzelnen Soloinstrument fallen mir ein, Le Djinns von Franck oder Danse macabre von Saint-Saëns etwa. Aber mehrere Solisten? Und die Anlage in Form von Variationen ist doch auch ohne Beispiel, oder?

      Und bezüglich der Orchestereffekte: Flatterzungen, Windmaschine, ... Sehr experimentierfreudig, der gute Strauss
    • RE: Kempe / Tortellier (BRILLANT und WARNER) ​

      Knulp schrieb:

      Die Aufnahme von Don Quixote schlechthin ist m. E. die viel gerühmte mit Kempe und Tortelier mit der Staatskapelle Dresden aus 1973. Tortelier beweist hier ein phänomenales Vermögen, das Programm-Geschehen darzustellen.
      Hallo Thomas,

      ja, die Kempe-Aufnahme von Don Quixote mit Tortellier ist in jeder Hinsicht fabelhaft: Spannend, fabelhaftes Zusammenspiel und gemeinsame Linie von Solist und Dirigent; fabelhafter Celloton ohne dieses (sorry) nervende Pumpen bei dem ansonsten hochgeschätzten M.Rostropowistsch (EMI).

      *** Ich habe heute deinen aussergewöhnlich ausführlichen Beitrag von 2008 über Don Quixote bei TAMINO gefunden (das wäre auch hier sehr lesenswert ... Don Quixote steht dort nicht im Themenverzeichnis):
      Da kamen wir zur gemeinsamen Feststellung: "Wer diese Aufnahme besitzt, braucht im Prinzip keine weitere mehr."
      Ich selber besitze noch die alte BRILLANT-Box mit den Orchesterwerken ... nach Meinung einiger R.Strauss-Fans soll das Remastering bei WARNER nun noch etwas besser sein. Da ich aber bei Brillant bereits mit dem Klang zufrieden bin und ich zahlreiche Alternativen von R.Strauss habe, halte ich mich mit dem Kauf zurück.
      Nicht alle in den EMI-BRILLANT-WARNER CD-Boxen enthaltenen Richard Strauss-Werke sind mit Kempe so gut getroffen, wie Don Quixote.

      - die Brillant-CD-Box ist gar nicht mehr auffindbar - nur noch die Erstausgabe von EMI -

      EMI, 1973 (Don Quixote), ADD



      Statement von 2008 zur Karajan / Rostropowitsch-Aufnahme (EMI)

      teleton von 2008 schrieb:

      Es ist tatsächlich nur die Karajan-Aufnahme durch Rostropowitsch für mich nervend, weil Rostropowitsch das Instrument seltsam "pumpen" läßt. Das hat aber nichts mit seiner Interpretation zu tun den Don Quixote darzustellen.
      Natürlich kommt es bei dieser Datstellung mit dem Cello nicht auf eine äußere Virtuosität an, sondern auf eine handfeste Datstellung des Don Quixote.
      Das Rostropowitsch auch diesen Punkt erfüllt möchte ich ihm gar nicht negativ unterstellen - es ist dieses "ausholen/pumpen" und der dadurch entstehende Celloklang. Das ist mir dort halt nervend aufgefallen.

      Die Cellisten in meinen favorisieten Aufnahmen - Kempe/Tortelier (Brillant) und Ashkenazy/Harrell (Decca) machen ihre Sache perfekt und interpretieren den Don Quixote programmgemäß richtig. Aber auch ihr Celloklang, der keineswegs in Richtung süslich oder auf Virtuosität bedacht geht, ist aber hier ebenfalls perfekt.
      Mein Qualitätsmerkmal ist aber bei diesen Aufnahmen mit Kempe (EMI/Brilliant) und Ashkenazy (Decca) nicht nur alleine das Cellosolo, sondern die fabelhafte spannende Dramaturgie dieser beiden Dirigenten.
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich möchte aber als Ergänzung zu meinen genannten favorisierten Aufnahmen (Vorbeitrag) heute 10Jahre später unbedingt auf einer mindestdestens ebenso fabelhafte Aufnahme hinweisen:
      Fritz Reiner / Antonio Janigro, Cello / Chicago SO
      Diese RCA-LP war nebenbei mein Erstkontakt für Don Quixote mit dem herrlichen Cover, dem Picasso-Bild von Don Quixote mit Sancho Pansa.

      Da mehrere dieser Reiner-R.Strauss-Aufnahmen mein geglückter Anfang für Richard Strauss waren, bin ich heute froh mir die unten abgebildte RCA-5CD-Box mit einer guten Auswahl der wichtigsten Tondichtungen in ausgezeichneten 24Bit-Remastering zugelegt zu haben (gekauft 2017).

      *** Die Klangqualität dieser RCA-Living-Stereo-Aufnahmen von 1954 -1959 ist auch für heutige Verhältnisse frapierend natürlich und sauber eingefangen. Von der TOP-Aufnahmetechnik hätten mache Schallplattenlabel zu dieser Zeit nur träumen können ! Möglich wurde die gute Übernahme auf CD durch ausgezeichnete 24Bit-Remastering.

      Wie Reiner das Werk zelebriert, wie packend er die modernen Effekte beim Kampf gegen die Hammerherde rüber bringt und insegesamt voll überzeugt ist Referenzklasse.
      Auch der Cellopart dieser "Cellosinfonischen Dichtung" ist sehr entscheidend für das Gelingen der Gesamtinterpretation - Antonio Janogro halte ich dahingehend für Perfekt - einfach wunderbar !
      [Bei aller Bewunderung des geschätzten Cellisten M.Rostropowitsch (siehe Vorbeitrag), aber so "überbetont" gefällt es mir nicht.]

      - derzeit nicht mehr so preiswert wie noch 2017 -

      RCA, 1954 - 1959, ADD


      Es gibt seit kurzem auch eine weitere komplettere R.Strauss-Neuauflage mit Fritz Reiner - auf sogar 10CD:
      - da die entscheidenden Tondichtungen bereits auf der oben abgebildeten 5CD-Box enthalten sind und ich ansonsten mehr als komplett mit R.Strauss ausgestattet bin, benötige ich diese nicht -

      RCA, 50er-Jahre, ADD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Levine / MET Orchestra (DG)

      Im Rahmen meines Kaufes der 23CD-Box THE ART OF JAMES LEVINE letztes Jahr war ich platt, das Levine das (hier bei Don Quixote mit einem Opernorchester) so perfekt hin bekommt.
      :cincinsekt: Diese Aufnahme kann sich klar zu meinen heutigen 3 Favoriten für Don Quixote Reiner - Kempe - Levine dazugesellen.
      Hinzu kommt zu der als BonBon eine zeitgemässe Klangtechnik, die keine Wünsche mehr offen lässt. Die genannten positiven Worte der beiden anderen genannten Aufnahmen treffen auch hier voll ins Schwarze. Der Cellist ist Gerry Grossman ... kennt sicher Keiner, aber er macht seine Sache TOP.
      (Die Levine-Box war nach genauer Überlegung ohnehin mein bester Kauf 2017 ... ich hatte schon mehrfach über den weiteren Inhalt berichtet).

      - hier die Abb der Einzel-CD -

      DG, 1995, DDD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich zitiere mich mal selbst ( Eben gehört , März '18) :

      b-major schrieb:

      Strauss : Don Quixote - Berliner Philharmoniker - Tortellier - Kempe 1958 . Für mich die überwältigendste der Tortelier-Aufnahmen ; irgendwie hatte er Ähnlichkeit mit dem Ritter . Insgesamt meine Lieblingsaufnahme des Don Quixote , wie ich eben wieder gehört habe .
      Das gilt nach wie vor . Nachhörbar : youtube.com/watch?v=3P6Euag-r3s

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "


    • Erwartungen erfüllt: Tortelier, dessen spätere Aufnahmen des Don Quixote ich nicht kenne, finde ich grandios. In der Deklamation und im Timbre vielleicht noch "menschlicher" als die vielen anderen hervorragenden Cellist*innen, die ich bislang so gehört habe, Giusto Cappone an der Solo-Viola ebenfalls vorzüglich, die Berliner Philharmoniker unter Rudolf Kempe mal delikat, mal mit ordentlich Dampf. Klingt nach Spiel an der Stuhlkante.

      Erwartungen übertroffen: 1958 in der Grünewaldkirche in Berlin aufgenommen, sehr angenehmer Raumklang, detailreich, differenziert. Das kann sich auch klangtechnisch hören lassen.

      Einer meiner best buys 2018.
    • Braccio schrieb:

      Tortelier, dessen spätere Aufnahmen des Don Quixote ich nicht kenne
      Vorweg : Schön , daß Dir die Einspielung gefällt . Warnen möchte ich an dieser Stelle vor der Regis - Ausgabe der Aufnahmen , da ein Bekannter behauptet , sie wären von LP überspielt , nicht von den Mastertapes . Also bitte vorher überprüfen .
      Es gibt von Paul Tortelier nicht nur spätere , sondern auch eine frühere Aufnahme . 1947 fand diese in London statt ; es spielte das Royal Philharmonic Orchestra , und am Pult stand Sir Thomas Beecham . ( Der übrigens 1932 die allererste Aufnahme der Tondichtung machte , damals mit dem Philharmonic-Symphony Orchestra of New York , und der Cellist war Alfred Wallenstein , später bekannt als Dirigent ) . Beecham war ein Strauss-Spezialist , und gemeinsam mit dem jungen Tortelier gelingt eine sehr leichte , mir fast übermütig klingende Version . Ist meine 2.Wahl der Tortelier-Aufnahmen , aber wie klingt das ? Eigentlich sind alle Tortelier Einspielungen der Tondichtung erste Wahl .
      Im Dezember 1966 spielten Kempe und Tortelier das Werk live mit dem Symphonieorchester des BR . Für mich nicht ganz einheitlich , und das Orchester ist eine Spur schwächer .
      Besser finde ich da die Staatskapelle Dresden in der wohl bekanntesten Aufnahme von 1973 . Persönlich zähle ich sie aber nicht zu den stärkeren Strauss - Deutungen von Kempe und den Dresdnern . Mir klingt Tortelier nicht so lebendig und involviert wie mit den Berlinern . Irgendwie anders . Altersfrage ?

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "
    • Lionel schrieb:

      Don Quixote gehörte für mich zu den Orchesterwerken von Richard Strauss, mit denen ich lange Zeit nicht viel anfangen konnte. Das lag vielleicht an dem Mix aus Konzert, sinfonischer Dichtung und Variationenwerk. Noch ferner steht mir nach wie vor vielleicht nur noch die Sinfonia Domestica. Vor einigen Wochen hatte es bei Don Quixote aber bei mir irgendwie "klick" gemacht, d. h. ich hörte mir nach längerer Zeit mal wieder eine Aufnahme dieses Werkes an und dachte mir, dass das doch eine ganz herrliche und fein instrumentierte Musik ist und lauschte mit großem Genuss, so dass ich gar nicht mehr genug davon bekommen konnte und hauptsächlich per Stream hörte ich mir weitere Aufnahmen an.
      Dem schließe ich mich gerne an. Don Juan, Tod und Verklärung, Till, Zarathustra, das Heldenleben und auch die Alpensinfonie sind Werke, zu denen ich recht schnell Zugang gewann. Aber Don Quixote? In einem Ranking hätte ich vor einigen Wochen "Aus Italien" wohl noch vor den Abenteuern Cervantes' plaziert.

      Darum danke für diesen Thread! Ist es nicht Strauss' kammermusikalischste und kammermusikalisch raffinierteste Tondichtung? Was für ein Meisterwerk der Filigranität, gar nicht zu vergleichen mit den wesentlich gröberen Texturen von "Aus Italien".

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Nachtrag zu den Don Quixote Aufnahmen :

      Eigentlich weiß ich noch , was ich habe , nur wo ist die Frage . Hat ein wenig gedauert , aber nun wiedergefunden:
      Das Werk live aufgeführt in Moskau am 12.3.1964 . M.Rostropovich , D.Shebalin (Viola), B.Simpsky (Violine) , Moscow Philharmonic Orchestra , K.Kondrashin .
      Rostropovich in Hochform . Und dabei hat er sich nur warmgespielt . Denn anschließend gab es in diesem Konzert die Weltpremiere der Cello-Symphony von Benjamin Britten unter der Leitung des Komponisten . Netter Abend !

      Der Don z.B. hier : ( Wieder mal kein Bild möglich , hab' verdrängt , warum nicht)

      amazon.de/Dvorak-Concerto-Stra…dp/B0002DRCDI/ref=mb_oe_a

      ASIN . B0002DRCDI
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "
    • Die Strauss-Aufnahme von 1964 müsste mit diesen Aufnahmen übereinstimmen:
      bzw. (enthält u. a. Strauss & Britten)

      Die Britten-Aufnahme vom gleichen Konzert müsste hiermit übereinstimmen:
      bzw.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
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      Ein etwas verspätetes Dankeschön auch von mir lieber Lionel für den Thread und die damit verbundene Inspiration, dieses Werk wieder zu hören.

      Für mich: schon ziemlich spektakulär illustrative Musik. Nahezu eine einaktige Cello-Oper. Meine Erfahrung jetzt: Wenn man das Werk mehrmals hört, findet man immer mehr Gefallen an den subtil gesponnenen Feinheiten der Partitur, die Episode an Episode, Monolog an Dialog etc. vielfach sprunghaft aneinanderreiht. Die spektakulärste und tollste Passage, nur etwas mehr als eine Minute kurz, ist für mich die Variation 7, der Ritt durch die Luft. Das ist wie Star Wars.



      Die älteste mir auf CD zugängliche Aufnahme ist in der New York Philharmonic 175th Anniversary CD Box der Sony enthalten, aufgenommen in New York City am 7.4.1932. Dirigiert hat hier Thomas Beecham, das Cellosolo spielte Alfred Wallerstein. Nicht sehr erfahren in diesbezüglichen Hörvergleichen, finde ich den Monoton gar nicht so schlecht, und vor allem finde ich die Orchesterqualität toll. Da wird die Geschichte sofort ganz lebendig, mit diesem beherzten, pointierten, charmanten, herrlich effektvollen und spektakulären Musizieren.

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      Der Mitschnitt von Leonard Bernsteins legendärem Debüt beim New York Philharmonic in der Carnegie Hall am 14.11.1943, sein Einspringen für Bruno Walter incl. CBS Broadcast, das ihn schlagartig berühmt machte, wurde 1996 in einer orchestereigenen Edition auf CD veröffentlicht. Das Hauptwerk des Konzerts war gleich dieses komplexe Orchesterwerk. Joseph Schuster spielte das Cellosolo und William Lincer die Viola. Hier überträgt sich auf mich die Livespannung schon sehr unmittelbar, womit die Geschichte so richtig mitlebbar wird. Schuster legt sich hörbar ins Zeug. Eine intensive, dramatische Interpretation!



      Die im Juni 1953 im Großen Musikvereinssaal in Wien entstandene Aufnahme mit Clemens Krauss und den Wiener Philharmonikern, enthalten in der entsprechenden Decca 5 CD Box (Strauss/Krauss), kommt für mich urwienerisch daher, mit Wiener Schmelz und Schmäh. Da „spricht“ der sich ideal anpassende Don Quixote des Pierre Fournier wie ein Graf Bobby, Der Sancho Pansa des Ernst Morawec ist wohl ein Wiener Strizzi und die Dulcinea hier vielleicht die Blume aus dem Gemeindebau. Wie bei anderen Aufnahmen Krauss´ mit den Wiener Philharmonikern kommt das Urwienerische durchgehend herrlich ungeniert zur Geltung.



      Leonard Bernstein hat das Werk erneut am 2., 3., 4. und 5.1.1958 mit dem New York Philharmonic in der Carnegie Hall aufgeführt, diesmal mit Laszlo Varga (Cello) und wieder mit William Lincer (Viola). Dazu gab es wohl keine Plattenaufnahme. (Diese entstand erst zehn Jahre später.) Im bald darauf folgenden ersten Young People´s Concert „What Does Music Mean?“, aufgezeichnet in Schwarzweiß in der Carnegie Hall am 18.1.1958, bietet Leonard Bernstein zur Schafherdenepisode zunächst eine andere Geschichte an – ein Superman mit Motorrad befreit einen Gefangenen. Auch zur Flugszene mit der Windmaschine gibt er inhaltliche Alternativvorschläge. Er verdeutlicht damit, dass die Musik spannend ist, egal wovon sie handelt. Lange Zeit waren nur NTSC-taugliche DVD Boxen der Young People´s Concerts im Handel. Zu Bernsteins 100. Geburtstag veröffentlichte Unitel im Herbst 2018 ein neues Vol 1, diesmal auch mit deutschen Untertiteln und mit Schwerpunktanwahl sogar innerhalb der Sendungen, sodass man etwa Bernsteins Ausführungen zu Don Quixote direkt anwählen kann.



      In den Buchveröffentlichungen zu Bernsteins Jugendkonzerten (deutsche Erstveröffentlichung bei Albrecht Knaus 1985) gibt es Notenzeilen zur Verdeutlichung. 2001 erschien in einer von Elke Heidenreich mitverantworteten Neuauflage auch eine eigene von ihr gesprochene Hörbuchversion mit dem von Christian Schuller geleiteten WDR Rundfunkorchester Köln (2001, Buch omnibus/2 CDs WDR 5/Random House Audio).

      Die im Wiener Sofiensaal am 18. und 19.3.1968 entstandene von Lorin Maazel dirigierte weiter oben von Lionel bereits gezeigte Decca-Aufnahme der Wiener Philharmoniker wartet (nun auch der Cellist) mit den orchestereigenen Solisten Emanuel Brabec und Josef Staar auf. Brabec gibt den Don Quixote so wie ich es höre etwas nobler als Fournier, da sich hier aber von Anfang an im offenen Decca Klangbild erneut eine urwienerische Rosenkavalier-Stimmung mit dem ausgekosteten Klangbild des Orchesters einstellt, ist dies wohl schon der Baron Ochs, der einen Benimmkurs absolviert hat, um bei einem nächsten Mariandl („seiner“ Dulcinea halt) mehr Erfolg zu haben. Und so zieht er zusammen mit seinem treuen Diener Leopold los, in Gedanken oder tatsächlich, bis zum Happy End – äh in Gedanken oder tatsächlich, auf jeden Fall urwienerisch Rosenkavalier-selig.



      Sofort ist man (ich zumindest) phantastisch märchenhaft, im besten Sinne kindgerecht eingestellt wenn Leonard Bernsteins Aufnahme mit dem New York Philharmonic losgeht. Am 24.10.1968 spielten in der Philharmonic Hall in New York City Lorne Munroe das Cellosolo, zum dritten Mal innerhalb von 25 Jahren William Lincer die Viola und David Nadien die Violine (gehört aus der Sony CD Box Leonard Bernstein Edition Concertos & Orchestral Works). Vorangegangen waren der Aufnahme vier Konzerte in der Philharmonic Hall, am 17., 18., 19. und 21.10.1968, und folgen sollte ebendort am 26.10.1968 das Young People´s Concert „Fantastic Variations“ zum Werk, ausgestrahlt im CBS-TV am 25.12.1968. Hier darf man ungeniert wieder ganz Kind sein beim Abenteuermitfiebern oder beim Sich-Austräumen eigener Geschichten dazu. Wie bei Alice im Wunderland! Vielleicht ist das Solocello hier der Großvater, der die Abenteuergeschichte erzählt? Das Orchester spielt nicht so erdig wie bei anderen Werken, es wirkt straffer aufgezogen. Umso erdiger, natürlicher reißt der „Erzähler“ Munroe mit. Eine erzählerisch und dramatisch tolle, eine mitreißende Aufnahme!



      Das eben genannte Young People´s Concert „Fantastic Variations“ vom 26.10.1968, nun in Farbe (nicht in der Unitel DVD Box enthalten), geht nicht auf den Supermaninhalt von früher ein sondern bleibt streng am Don Quixote Stoff. Bernstein begrüßt das Publikum mit dem Hinweis, dies sei seine letzte Saison als Chefdirigent des New York Philharmonic, und er erinnert an sein Orchesterdebüt unter anderem mit diesem Werk vor 25 Jahren. Bernstein stellt die verschiedenen Motive des Anfangs vor, lässt den Solisten Munroe extra auftreten, verdeutlicht (das Orchester weiter bei den entsprechenden Passagen dirigierend) den Windmühlenkampf, die Schafherde, die romantische Dialogpassage (für Bernstein ein Hollywood-Modell), die Prozession, die Nachtwache und die falsche Dulcinea, den Flug und das Finale mit Don Quixotes Ende.

      André Previns Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern des Werks (auch schon weiter oben zu sehen) entstand am 29. und 30.11. sowie am 3.12.1990 im Großen Musikvereinssaal für Telarc (CD Telarc CD-80262) zusammen mit Don Juan, als Teil einer Reihe mehrerer Strauss Symphonische Dichtungen Aufnahmen, die einen innovativen Sound vorstellten, ein offenes differenziertes, feingliedrigeres, transparentes Klangbild, das aber meinem Hörempfinden nach den Sound über die Orchesterleistung stellt, mehr zur Demonstration guter Anlagen geeignet scheint als zur aussagekräftigen musikalischen Neudeutung des Werks. Diese ist nun wohl bewusst internationaler, weniger Wien-spezifisch aufgezogen. Natürlich schimmert das Klangbild der Wiener Philharmoniker auch hier durch, aber der Wiener Schmelz wird weniger betont. Höchste tonreine Spielkultur demonstriert für mich der Solocellist Franz Bartolomey, wie der Bratschist Heinrich Koll wieder orchestereigen besetzt. Bei dieser Aufnahme ist auch der Violinsolist genannt, Konzertmeister Rainer Küchl. Vor dem inneren Auge mag durchaus einmal mehr die vorgesehene Don Quixote Geschichte ablaufen, hier vielleicht als Disney Color Fantasy Spektakel.

      Ich bin dem Werk gerne wieder begegnet, vielen Dank noch einmal für die Anregung.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK