November 2018 - November 1918

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    • noch eine cd, die ich allerdings noch gar nicht angeschafft habe: rundfunkmusik. man höre die banjo-sinfonietta von butting

      und eine, die ich sehr wohl habe: mechanische musik um 1920

      stuckenschmidt propagierte das ende des interpreten, da dieser zu subjektiv sei. das mechanische klavier setzte sich aber nicht durch.
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    • Josquin Dufay schrieb:

      Für mich ist da der Film recht deutlich: der Expressionismus, wie er z.B. in Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) aufgezeigt wird. Diese Verschiebung/Verzerrung der Perspektiven, die sich auch auf die Protagonisten auswirkt. Dieses beklemmende Gefühl der Hilfslosigkeit, einer drohenden Gefahr nicht entgehen zu können. Es folgten einige Filme, die das aufgriffen: Der Golem, wie er in die Welt kam (1920), Nosferatu (1922), Dr. Mabuse, der Spieler (1922) in bestimmten Aspekten auch; Spuren davon lassen sich noch in vielen anderen Filmen finden (Nibelungen, Metropolis, freudlose Gasse u.a.).
      Das Witzige ist ja, dass der Expressionismus mit dem Ende des 1. Weltkriegs zu Ende war - zumindest in der offiziellen Sichtweise und in der Literatur (Lyrik insbes.) Den expressionistischen Film als solchen zu bezeichnen produziert ja dann Probleme, weshalb das, glaube ich, durchaus kritisch hinterfragt wird (ihn expressionistisch zu nennen). Man spricht vom "expressionistischen Jahrzehnt" - nämlich 1910-1919. Weitgehend überall folgt dann eine Klärung, Ordnung - bei Schönberg: Klassizismus und 12-Ton-Technik (Suiten, Bläserquintett), bei Strawinsky Neobarock. Ebenso beruhigen sich die Formen bei Kandinsky und Kirchner, Picasso probiert auch mal Klassizismus aus. Neue Sachlichkeit kennen wir vor allem aus der Malerei, kommt noch der Funktionalismus der Architektur dazu - im Wesentlichen ein "weg vom Expressionismus". Ist der Film da verspätet? Immerhin gibt's ja auch sachlichen Film und bewegte Vierecke.
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    • Josquin Dufay schrieb:

      Das Aufkommen des Jazz ist ebenso zu nennen; zwar in den USA entstanden, ber gewisse Strömungen wurden in der Weimarer Republik sehr schnell populär.
      Das Interesse der Kunstmusik für den Jazz hat auch mit dem Versuch zu tun, die eigene abgehobene Sphäre zu verlassen, eine handfeste statt schwül-wolkige Musik zu machen, für den Alltag quasi. Dass Butting in der oben verlinkten CD ein Banjo in seine Rundfunk-Musik integriert ist kein Wunder. Butting wird heute eher ignoriert, aber er war, glaube ich, einer der konsequentesten Selbstverleugner in Bezug auf Kunstanspruch.
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    • putto schrieb:

      Oder das Gegenteil, den Wagemut, ein neues System zu installieren?
      Das eher - ich habe den Eindruck, unter der Prämisse "Ein neues Zeitalter ist angebrochen" geht man neue Wege (die vorher durchaus schon ausprobiert worden waren).

      putto schrieb:

      Ist der Film da verspätet? Immerhin gibt's ja auch sachlichen Film und bewegte Vierecke.
      In den 1910er Jahren? Ich kenne das aus Filmen, die erst ab 1920 entstanden. Filme aus der Zeit von 1914-1918 aus Deutschland, Italien oder Frankreich wirken manchmal noch sehr der Vorkriegsmentalität verbunden, die zugegebenermaßen düsterer oder abgründiger behandelt werden kann.
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Mir ist nicht klar, worauf du hinaus willst - die Neue Sachlichkeit wird im Film doch erst ab 1925 gezählt (Die freudlose Gasse); da klang der Expressionismus weitesgehend ab und hatte einige Nachzügler.
      "Interpretation ist mein Gemüse."
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    • putto schrieb:

      Den expressionistischen Film als solchen zu bezeichnen produziert ja dann Probleme, weshalb das, glaube ich, durchaus kritisch hinterfragt wird (ihn expressionistisch zu nennen). Man spricht vom "expressionistischen Jahrzehnt" - nämlich 1910-1919. Weitgehend überall folgt dann eine Klärung, Ordnung - bei Schönberg: Klassizismus und 12-Ton-Technik (Suiten, Bläserquintett), bei Strawinsky Neobarock. Ebenso beruhigen sich die Formen bei Kandinsky und Kirchner, Picasso probiert auch mal Klassizismus aus. Neue Sachlichkeit kennen wir vor allem aus der Malerei, kommt noch der Funktionalismus der Architektur dazu - im Wesentlichen ein "weg vom Expressionismus". Ist der Film da verspätet? Immerhin gibt's ja auch sachlichen Film und bewegte Vierecke.
      Sicherlich gibt es schon vor 1918 expressionistische Elemente im deutschen Film, z.B. der Einbruch des Unheimlichen, Fantastischen bei Paul Wegener (Student von Prag, 1. Golem-Film), aber letztlich geht die expressionistische Epoche dann richtig mit dem Caligari von 1919 los und hält bis zum Ende der Stummfilmzeit an, wobei sich der Einfluss des Expressionismus im Ganzen immer weiter abschwächte. Um die einzelnen Filme korrekt zuordnen zu können, müsste natürlich Expressionismus definiert und die Werke jeweils genau untersucht werden, was hier wohl zu ausufernd wäre.

      Aber auch im Bereich der Architektur ist 19118 nicht Schluss mit dem Expressionismus, sondern Hauptwerke dieser Stilrichtung entstehen dann erst. Natürlich war auch in diesem Bereich der Expressionismus nicht der alleingültige Weg in der damaligen Zeit, aber weiterhin von großer Bedeutung.

      Ich glaube übrigens nicht, dass der Film da verspätet war, sondern dass die Filmschaffenden im Expressionismus gerade ihren Weg fanden, die Verstörungen des I.WK adäquat aufarbeiten zu können.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Ich glaube übrigens nicht, dass der Film da verspätet war, sondern dass die Filmschaffenden im Expressionismus gerade ihren Weg fanden, die Verstörungen des I.WK adäquat aufarbeiten zu können.
      Ende der 10er Jahre hatte der Expressionismus seinen Zenit überschritten, insofern ist der expressionistische Film verspätet:

      Viele expressionistische Lyriker fielen im Krieg, manche starben schon vorher:
      Heym 1912, Stadler 1914, Trakl 1914, Lichtenstein 1914, Lotz 1914, Stramm 1915
      Die expressionistische Lyrik hat ihren Höhepunkt schon 1916 hinter sich.

      Drama:
      1912 Kaiser Von morgens bis mitternachts
      1912 Sorge Der Bettler
      1914 Hasenclever Der Sohn
      1917 Goering Seeschlacht
      1918 Kaiser Gas
      Nach dem Krieg tritt vor allem Toller hervor als "Spätexpressionist", wobei der individualistische Aufbruchscharakter verglichen zu seinen Vorgängern doch zurückgenommen ist, oder? Kaisers völlige Resignation der Gas-Dramen kann man eigentlich auch als Expressionismus-Abgesang deuten.

      Wo ist in den expressionistischen Filmen überhaupt diese Welterlösungsgeste durch den jugendlichen Individualisten? Nosferatu und Caligari sind doch nur an der Oberfläche expressionistisch. Und gerade die expressionistische Oberfläche, die aus der Malerei kommt, ist dort bereits angejahrt und wird zurückgefahren (neben Kandinsky und Kirchner wäre auch Schiele zu nennen, der von der Zerklüftung Abschied nimmt).

      Wenn es folgenreiche Neuentwicklungen gibt angestoßen durch den Weltkrieg, so sind es DADA und Neue Sachlichkeit und zwar als Gegenreaktion auf den Expressionismus, der ja tendenziell dem Krieg positiv gegenüberstand.
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    • Bei Brecht kann man beobachten, wie die Abkehr vom Expressionismus mit der Kriegsthematik verbunden wird: Im Fatzer tritt an die Stelle des gepanzerten Individualisten (Deserteur im Panzer) der neue Massemensch mit Maschineneigenschaften, in "Mann ist Mann" wird betont, dass der Mensch "wie ein Auto ummontiert" wird und die Hauptfigur entwickelt sich zur Kampfmaschine. Das Ideal ist also antiexpressionistisch, das Ende des Krieges hat die Stoßrichtung der Aggressionsgelüste Richtung Klassenkampf verschoben.

      Interessant sind ja auch die Kriegsbeschreibungen in Romanform. Unruh liefert 1916 noch expressionistisch, das ist vor der Erfahrung des Kriegsendes. Renn, Jünger und Remarque liefern nach Kriegsende in betont sachlichem Stil, auch wenn die Botschaften bei Remarque und Jünger einiges an Herzblut dahinter verraten, das freilich in entgegengesetzte Richtungen fließt.
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    • putto schrieb:

      Wo ist in den expressionistischen Filmen überhaupt diese Welterlösungsgeste durch den jugendlichen Individualisten?
      Ist das also etwas, was den Expressionismus grundsätzlich auszeichnet? Das sehe ich eigentlich anders. Die frühen expressionistischen Filme nach 1918 legten einen ganz anderen Schwerpunkt. Interessanterweise kann man das vielleicht am ehesten in 'Metropolis' finden, den ich aber gar nicht mehr zu dieser Kunstrichtung zählen würde.

      :wink: Wolfram
    • Eben. Insbesondere der Vater-Sohn-Konflikt wäre expressionistisch, aber Freders Charakter und Ausdrucksweise kommt mir nicht besonders expressionistisch vor.
      Ich habe den Eindruck, dass ihr nur expressionistische Filme aber keine Dramen kennt?
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    • putto schrieb:

      Ich habe den Eindruck, dass ihr nur expressionistische Filme aber keine Dramen kennt?
      So gut kenne ich mich da nicht aus, aber eventuell sind hier expressionistische Dramen dabei:

      Paul Hindemith:
      - Mörder, Hoffnung der Frauen, op. 12, Oper auf einen Text von Oskar Kokoschka (1921)
      - Das Nusch-Nuschi, op. 20, Oper („Spiel für burmanische Marionetten“) auf einen Text von Franz Blei (1921)
      - Sancta Susanna, op. 21, Oper auf einen Text von August Stramm (1922)
      - Der Dämon, op. 28, Tanzpantomime von Max Krell (1922)

      Musikalisch hochinteressante Sachen, schon lange nicht mehr gehört.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Wolfram schrieb:

      Manche Entwicklungen bahnten sich schon vor 1914 an oder waren bereits präsent. Ich denke da an den Expressionismus. Aber das Kriegsende, die gescheiterte Revolution, auch die relativ schnell folgende Inflation mit dem Höhepunkt 1923, die Hoffnungslosigkeit, der Zusammenbruch alter Ordnungen usw. hat noch einmal bestehende Richtungen verstärkt oder zu einem Kreativitätsschub geführt.
      Das ist eine irreführende Darstellung - leider muss ich mich hier dauernd wiederholen. Der Expressionismus erfuhr durch den Krieg keine Verstärkung sondern eine Veränderung, insbesondere durch Kriegsende und Revolution. Durch das Wegfallen wesentlicher Elemente kann man das auch als Schwächung sehen, und die Hinwendung des Expressionismus zum Klassenkampf führte letztlich auch zu seinem Ende. Der Expressionismus starb sozusagen langfristig an der Ernüchterung, die der Weltkrieg mit sich brachte.
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    • Gurnemanz schrieb:

      putto schrieb:

      Ich habe den Eindruck, dass ihr nur expressionistische Filme aber keine Dramen kennt?

      So gut kenne ich mich da nicht aus, aber eventuell sind hier expressionistische Dramen dabei:

      Paul Hindemith:
      - Mörder, Hoffnung der Frauen, op. 12, Oper auf einen Text von Oskar Kokoschka (1921)
      Ja, das Drama ist expressionistisch. Es entstand 1907-17, also vor Ende des Krieges.
      - Sancta Susanna, op. 21, Oper auf einen Text von August Stramm (1922)
      Stramm ist auch expressionistisch und starb 1915 quasi als Opfer seiner (typisch expressionistischen) Kriegsbegeisterung (Krieg als Möglichkeit, das Alte zu überwinden und den neuen Menschen hervorzubringen).
      Zu Blei und Krell kann ich jetzt nichts sagen. Ob Hindemiths Musik damals expressionistisch war, ist zweifelhaft, sie wird widersprüchlich gedeutet. Die vielleicht am deutlichsten expressionistische Oper ist Schönbergs Erwartung (1909).
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    • Eusebius schrieb:

      Ist das in Bezug auf einen bestimmten Kulturkreis gemeint? Bereits 1917 gab es ja noch eine weitere bedeutende Zäsur, nämlich die russische Revolution. Davon ausgehend hat sich in den davon betroffenen Ländern eine gewaltige Änderung in den Künsten ergeben.
      Auch dort läuft die Entwicklung weg vom Individualismus zum Kollektivismus, in Russland durch staatliche Lenkung. Der Futurismus (der in etwa dem deutschen Expressionismus entsprach mit dem elitären Individualisten Künstler) wich Richtungen, die die Nützlichkeit über die Kunst stellten bishin zur Forderung der Abschaffung der Kunst: Konstruktivismus, Faktographie, bevor der sowjetische Realismus das Ende der Modernismen brachte. Der Mensch sollte ein Rädchen im Kollektiv sein und seine Individualität ablegen. Die vom Fließband abgeschaute Produktionsgymnastik wurde auf der Bühne vorgeturnt (Meyerhold). An Stelle einer Geschichte über ein Individuum sollten die Fakten und die Maschinen sprechen (Wertow).
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    • Wolfram schrieb:

      putto schrieb:

      Wo ist in den expressionistischen Filmen überhaupt diese Welterlösungsgeste durch den jugendlichen Individualisten?
      Ist das also etwas, was den Expressionismus grundsätzlich auszeichnet? Das sehe ich eigentlich anders. Die frühen expressionistischen Filme nach 1918 legten einen ganz anderen Schwerpunkt.
      Um den typischen Charakter des expressionistischen Protagonisten kennenzulernen, empfehle ich, wenn man schon kein Drama komplett lesen will, Gedichte von Stadler:
      gutenberg.spiegel.de/buch/der-aufbruch-2085/1
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    • putto schrieb:

      Um den typischen Charakter des expressionistischen Protagonisten kennenzulernen
      Was ich mich frage, ist der 'typische' Charakter des expressionistischen Helden so scharf umrissen oder ist er nicht wesentlich vieldeutiger? V.a. auch hinsichtlich einer meinetwegen 'Neudeutung' oder Erweiterung nach 1918. Expressionismus wird sich doch sicherlich im Laufe der Jahre verändert haben.

      Aber das sollten wir natürlich in dem neuen Thread weiterdiskutieren.

      :wink: Wolfram