Gibt es schlechte Musik (/Kunst)?

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    • Gurnemanz schrieb:

      bustopher schrieb:

      Und Wahrheitsgehalt in der Kunst - das halte ich eigentlich für eine Worthülse.
      Ich nicht. Denn Kunst ist nach meinem Verständnis ein Weg, die Welt zu begreifen, Wesentliches, Wahres über sie aufzuzeigen, sie zu erklären. Ebenso wie Religion und Wissenschaft, die je eigene Wege beschreiten.

      Letzlich zielt jede geistige Anstrengung auf Erkenntnis.

      Wollte ich nur mal gesagt haben.

      :tee1:
      hmm... Welche Erkenntnis über die Welt genau vermitteln jetzt Benedetto Marcellos Sonaten für Flöte und basso continuo..? (advocatus diaboli-modus)

      Benutzername schrieb:

      bustopher schrieb:

      Qualität bemisst sich aber nur am Grad der Übereinstimmung mit der Erwartung.
      Oh, da regt sich deutlicher Widerspruch bei mir: Es kann auch als Qualität gelten, wenn Musik Erwartungen enttäuscht, also überzeugend mit Konvention spielt, sie aushebelt, überbietet etc.
      Ich bin mir grad nicht sicher, ob wir das gleiche Verständnis von "Erwartung" haben. Ich meine nicht "Konvention"..!!!

      wenn wasauchimmer Erwartungen enttäuscht, dann ist die Qualität schlecht... Wenn ich mir mit der Erwartung, jetzt irgend etwas wie von Maurice Steger zu hören, in das Vorspiel sechsjähriger Blockflötenkinder gehe, werde ich enttäuscht. Nur: da ist dann die Erwartung unangemessen. Wenn ich in das gleiche Vorspiel gehe, und etwas ganz Schreckliches erwarte und irgend ein Kind spielt dann "Kuckuck rufts aus dem Wald" im angemessenen Tempo, mit der richtigen Artikulation und den richtigen Tönen (in akzeptabler Intonation), dann bin ich zufrieden - dann stimmt die Qualität. Wenn der Maurice Steger im Konzert die Töne nicht trifft, auch wenn er ganz was schwieriges spielt, dann stimmt sie nicht. Da erwarte ich mehr.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • bustopher schrieb:

      hmm... Welche Erkenntnis über die Welt genau vermitteln jetzt Benedetto Marcellos Sonaten für Flöte und basso continuo..? (advocatus diaboli-modus)
      Das weiß ich nicht.

      :)
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • bustopher schrieb:

      .....wenn wasauchimmer Erwartungen enttäuscht, dann ist die Qualität schlecht..
      Erwartungen in Bezug auf was ? Bezüglich der Komposition an sich oder bezüglich des Vortrages ? Das ist schon ein Unterschied.

      Wenn ich in ein Konzert mit dem hiesigen Schulorchester gehe und es steht z.B. die Unvollendete auf dem Programm und der Vortrag entspricht nicht meinen Vorstellungen / meinen Erwartungen weil z.B. das Blech völlig verstimmt ist, heißt dass doch nicht das die Komposition (das Kunstwerk) an sich von schlechter Qualität ist.

      VG

      Palisander
    • Erwartung als Qualitätsmaßstab zu benutzen finde ich eh ziemlich problematisch. Wie bereits erwähnt bin ich der Auffassung, dass ein Kunstwerk nicht als gut oder schlecht beurteilt werden kann. Aber vielleicht sollte man eine Stufe weiter vorne ansetzen und fragen, ob bzw. wann denn überhaupt ein Kunstwerk vorliegt ? War z.B. Beuys Fettecke Kunst ? Und warum ? Nur weil sie von ihm stammte ? Weil sie es wert war ausgestellt zu werden oder weil sie eventuell hoch versichert war ?

      Für die Putzfrauen war es offenbar in erster Linie eine Verschmutzung....

      Palisander
    • Anderes Beispiel: Rentnerin "renoviert" Jesusbild

      Das war glaube ich damals ein riesen Lacher und hat der Kirchengemeinde auch einiges an Einnahmen beschert, weil Touristen aus aller Welt die mißlungene Restauration sehen wollten. Ist das Ergebnis Kunst ? Gestaltungswille lag zweifelsohne vor und offenbar war es Besuchern auch etwas wert das überpinselte Ergebnis zu sehen. Ist das Kunst ? Ich wäre fast gehalten zu sagen: Besser als Beuys Fettecke...

      VG

      Palisander
    • Palisander schrieb:

      Erwartung als Qualitätsmaßstab zu benutzen finde ich eh ziemlich problematisch. Wie bereits erwähnt bin ich der Auffassung, dass ein Kunstwerk nicht als gut oder schlecht beurteilt werden kann. Aber vielleicht sollte man eine Stufe weiter vorne ansetzen und fragen, ob bzw. wann denn überhaupt ein Kunstwerk vorliegt ? War z.B. Beuys Fettecke Kunst ? Und warum ? Nur weil sie von ihm stammte ? Weil sie es wert war ausgestellt zu werden oder weil sie eventuell hoch versichert war ?

      Für die Putzfrauen war es offenbar in erster Linie eine Verschmutzung....

      Palisander
      dass man Kunst nicht als gut oder schlecht bewerten kann, da bin ich ganz bei Dir.
      Du kannst aber auch Erwartungen an die Qualität von Kompositionen haben. Ist aber in den letzten postings eher ein Nebenkriegsschauplatz.
      Und damit zur Kunst. Natürlich ist Beuys Fettecke Kunst. Und zwar wie bei aller Kunst, weil es eine Konvention gibt, sie als Kunst zu betrachten. Dass sie ausgestellt wurde und vermutlich hoch versichert war, ist nur eine Folge dieser Konvention. Aus dem gleichen Grund ist auch 4‘33“ Kunst und alles, was zur „Klassik“ zaehlt, wobei das, was dazugehört auch wieder eine Konvention ist, wenn auch eine andere...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Gurnemanz schrieb:

      Denn Kunst ist nach meinem Verständnis ein Weg, die Welt zu begreifen, Wesentliches, Wahres über sie aufzuzeigen, sie zu erklären. Ebenso wie Religion und Wissenschaft, die je eigene Wege beschreiten.
      vielleicht auch ein Weg, etwas über das Subjekt und das Subjekt-Sein zu erlauschen? aber wenn das zur "Welt" gehört, vielleicht sogar wesentlich, ists ja in Deinen schönen Sätzen inbegriffen...

      Gurnemanz schrieb:

      Letzlich zielt jede geistige Anstrengung auf Erkenntnis.
      wobei "Erkenntnis" halt schon sehr wissenschaftlich/intellektuell konnotiert ist. Ich finde ja, Musik hilft sehr dabei, sich in der Welt zuhause zu fühlen - oder auch, im Gegenteil, in der Gegenwelt "Musik" sich einzurichten... jedenfalls könnte da "Erkenntnis" drinstecken darüber, was es heißt, sich "zuhause" oder "wohl" zu fühlen, in Resonanz mit einem Vorgang zu sein, den man als Kunst erstmal uneingeschränkt bejaht - und dann aber trotzdem noch in Einzelheiten kritisieren, also Variationen sich wünschen kann, die vom Gehörten inspiriert sind...

      Vielleicht ist auch "Erfahrung" treffender als "Erkenntnis". die Erfahrung einer dynamischen Harmonie, als sinnvoll (ausdrucksvoll, wahr?) empfundener Dissonanz, lebendige Gleichzeitigkeit in der Polyphonie.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Hier habe ich zufällig bei Youtube eine Musik gefunden, die mir wirklich "schlechte Musik" zu sein scheint, warum auch immer. youtu.be/1Fty23qExQA
      Oder findet sich jemand, der das anders empfindet? Selbst wenn man den grauenhaften Text weglässt? (Falls der Link nicht klappt, kann man auch in die Suchleiste bei Youtube "Krupp und Krause Lied" eingeben - die Fahnen mit dem Reißerschluss)

      Hudebux schrieb:

      Leider kann Musik auch Träger einer politischen Botschaft oder weltanschaulichen Haltung sein. Horst-Wessel Lied? Zehn kleine Negerlein? NaziRock?
      Wenn man dagegen die reine Melodie des Horst-Wessel-Liedes hört, den Text nicht kennt und nicht die politischen Zusammenhänge - warum sollte man sie als schlechte Musik bewerten? Man würde eher an ein Wanderlied aus dem Musikantenstadl denken. Wenn gar ein neoklassischer Komponist die Melodie zu einem Werk "Variationen auf ein Thema von..." veredelt, dann wird der Sachkundige höchstens fragen: "Musste das denn sein?"
      Das Gefühl, etwas sei "schlechte Musik", ist sicher auch mit der Hör-Abnutzung verbunden. "ich bete an die Macht der Liebe", "So nimm denn meine Hände" und "Ich bin durch die Welt gegangen" - diese Lieder wurden Anfang der 50iger Jahre aus den Gesangbüchern geschmissen, in den 90iger Jahren waren sie wieder da und die älteren Gemeindeglieder haben sich gefreut.

      Eine andere Geschichte ist der Chor "Baal, erhöre uns!" aus dem "Elias". Ich weiß nicht, ob ihn Felix Mendelssohn-Bartholdy zu pseudo-schlechter Musik verfremden wollte (weil es ja die heidnischen Gegner des Elia singen) - ich finde diese Musik so toll, dass man einen anderen Lobpreis-Text unterlegen sollte, damit man das Stück auf jedem Kirchentag schmettern kann.
      Auf dem Wege durch die Welt wirst auch du stets angebellt. Hör nicht hin, geh ruhig weiter, nimm das Lästern still in Kauf; denn dann hören deine Neider schon von selbst zu Kläffen auf! (Krylow)
    • philmus schrieb:

      vielleicht auch ein Weg, etwas über das Subjekt und das Subjekt-Sein zu erlauschen? aber wenn das zur "Welt" gehört, vielleicht sogar wesentlich, ists ja in Deinen schönen Sätzen inbegriffen...
      Danke! Subjektivität gehört für mich selbstverständlich zur Welt dazu!

      philmus schrieb:

      Vielleicht ist auch "Erfahrung" treffender als "Erkenntnis".
      Einverstanden. Ich habe hier "Erkenntnis" auch nicht im engen, naturwissenschaftlich begrenzten Sinn gemeint. "Erfahrung" trifft es möglicherweise besser.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      philmus schrieb:

      vielleicht auch ein Weg, etwas über das Subjekt und das Subjekt-Sein zu erlauschen? aber wenn das zur "Welt" gehört, vielleicht sogar wesentlich, ists ja in Deinen schönen Sätzen inbegriffen...
      Danke! Subjektivität gehört für mich selbstverständlich zur Welt dazu!

      philmus schrieb:

      Vielleicht ist auch "Erfahrung" treffender als "Erkenntnis".
      Einverstanden. Ich habe hier "Erkenntnis" auch nicht im engen, naturwissenschaftlich begrenzten Sinn gemeint. "Erfahrung" trifft es möglicherweise besser.
      :wink:
      Lieber Gurnemanz, da möchte ich gerne einhaken, nachdem mir deine obigen Gedanken über Wahrheit und Erkenntnis schon gefallen hatten.
      Du sagst es selbst: Ein streng naturwissenschaftlich verstandener Erkenntnisbegriff kann einer ästhetischen Diskussion nicht angemessen dienen. Ich halte es aber dennoch für möglich, ihn in deinem Sinne weiterhin zu verwenden - ihn zumindest nicht vorschnell aufzugeben. Erkenntisbegriff und Ästhetik schließen sich nicht aus. Kultureller Dialog lebt m.E. sogar von Erkenntnissen, die sich intersubjektiv "bewahrheiten".
      Ich betrachte deshalb die Frage nach 'guter' oder 'schlechter' Qualität von Musik als völlig berechtigt. Und wir Hörer beantworten diese Frage auch ständig. Fast möchte ich sagen: Ob wir wollen oder nicht. Es stellt sich für mich allerdings nicht die Anschlussfrage, ob und wie man zu einer objektiven Antwort gelangt. Eher: Was trägt und was bewahrheitet sich innerhalb des kulturellen Dialoges.
      ...schreibt Christoph :wink:
    • bustopher schrieb:


      Kater Murr schrieb:

      Die Kinder würden den Koch zum König wählen, weil er ihnen Süßigkeiten gibt (so in etwa Sokrates in "Gorgias"). Das wäre aber nicht das beste für sie.
      D.h. man muss, auch wenn das unerträglich paternalistisch klingen mag, selbstverständlich nicht gut heißen, wenn sich jemand (hauptsächlich von Helene Fischers Schlagern bereichert fühlt. Genauso wie man nicht gut heißen sollte, wenn sich jemand als Lebensziel gesetzt hat, den Weltrekord im Hot-Dog-Schnellessen zu brechen.
      Wie auch immer man solche "Bevormundungen" beurteilen mag, ist für mich damit aber immerhin einleuchtend, dass man die Unterscheidung zwischen "macht mir Spaß" und "ist gut (für mich)" auch bei Dingen außerhalb von S-Bahnsurfen, Tiere quälen oder Heroin spritzen treffen kann.

      Das setzt voraus (ich mag dem Platon seine Dialoge!), daß es irgendwie objektivierbar wäre, was denn nun besser wäre, und wenn es, wie im Gorgias, nur nicht-hinterfragter "common sense" ist (genaugenommen: Ob nun tatsächlich der Arzt oder der Koch der bessere Ernährungsexperte ist, kann man für die überwiegende Zeit der seither vergangenen knapp 2400 Jahre getrost mit einem fetten Fragezeichen versehen... ) Das impliziert auch, daß es jemand "besser weiß", was gut oder schlecht (oder auch einfach unzuträglich) ist. Nicht umsonst zitiert Platon hier die "unverständigen Kinder" - oder "Männer, die unverständig sind, wie diese". Das hätte nun schon irgendwelche Implikationen für die obige Aussage, oder? Aber wer weiß es denn nun besser?

      zum Beispiel Sokrates. Die antike (wie die mittelalterliche und die trad. chinesische) Medizin beruhten im wesentlichen auf einer gesunden Ernährung, daher Arzt vs. Koch (wie dann Philosoph vs. PR-Spezialist (Rhetor) als Beispiele für Vertreter einer Kunst bzw. einer Scheinkunst).
      Du verfehlst aber, worum es eigentlich geht. Nämlich erst einmal darum, dass eine sinnvolle (und keineswegs exotische) Unterscheidung zu treffen ist zwischen "gut für mich" (Medizin, gesunde Ernährung) und "fühlt sich gut an" (Heroin, Süßigkeiten). Das ist erst einmal unabhängig vom Problem, was denn wirklich gut für mich ist, wie ich das erkenne oder welcher Experte mich darüber aufklären kann. Mag ja sein, dass das manchmal kaum zu beantworten ist. Aber Schwierigkeiten bei der Beantwortung dieser Frage im Einzelfall heben diese Unterscheidung nicht auf. Und wie gesagt, wir treffen diese Unterscheidung ständig und in zahlreichen Fällen wie Drogenmißbrauch oder bestimmten Ernährungsgewohnheiten halten wir die Sachlage für ziemlich klar. Insbesondere ist uns klar, dass der Drogenabhängige oder der 250kg-Mann eben nicht weiß, was gut für ihn ist oder wenn er es weiß, nicht danach handelt.


      Und unter dem Strich: Warum sollte Beethoven zuträglicher sein, als Helene Fischer?

      Aus einem ähnlichen Grund, warum ein Apfel gesünder ist als Nutella. Nur eben für die Seele. Und natürlich kann ich das nicht so einfach empirisch begründen wie ein Ernährungswissenschaftler. Und natürlich kann man auch Beethoven "mißbrauchen". Es ist zwar immer noch besser, den ganzen Tag auf der Couch zu liegen und Beethoven zu hören als Helene Fischer zu hören, aber es ist vermutlich nicht besonders gut (weder physisch noch psychisch) für jemanden (der sonst gesund ist), den ganzen Tag auf der Couch zu liegen und Musik zu hören.
      Oder konkreter: Die meisten Menschen haben so etwas wie einen ästhetischen Sinn, den man trainieren oder verkümmern lassen kann. Genauso wie jemand, der hauptsächlich fast food isst, seinen Geschmackssinn tendenziell verkümmern lässt, so lässt der Schlagerkonsument seinen ästhetischen Sinn verkümmern. Er entwickelt also einen wertvollen und lohnenden Aspekt seines Daseins nicht. Das ist nicht unbedingt verwerflich (wie z.B. jemand wäre, der sich durch fortgesetzte Tierquälerei zum Sadisten ausbildet), aber mindestens bedauerlich.
      Nun kann man nicht alle seine Potentiale entfalten, allein aus Zeitgründen, aber auch, weil nicht alle ähnliche Neigungen und Begabungen haben. Ein Schlagerhörer ist ein ästhetischer Couch-Potato. Genauso wie der eine sein Potential für Sport, Bewegung usw. verkümmern lässt, vernachlässigt der andere seinen ästhetischen Sinn (bzgl. Musik).
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Benutzername schrieb:

      Kultureller Dialog lebt m.E. sogar von Erkenntnissen, die sich intersubjektiv "bewahrheiten".
      Lieber Benutzername, danke für Deine Anmerkungen zur Intersubjektivität. Ich weiß, daß es da unterschiedliche Wahrheitskonzepte gibt, ohne die hinreichend durchdringen zu können. Dafür weiß ich einfach zu wenig.

      Werde aber drüber nachdenken und mich wieder melden, wenn mir etwas dazu einfällt.

      Schwierig finde ich es halt, ein Werturteil wie "Diese Musik ist schlecht" als ausschließlich subjektiv oder als ausschließlich objektiv zu begreifen. Beide Extreme finde ich unbefriedigend. Da könnte der Begriff des "Intersubjektiven" schon weiterhelfen...

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Dass man davon ausgeht, dass es bessere und schlechtere Kunst/Musik gibt, halte ich für selbstverständlich, die Frage ist für mich nicht interessant - eher, was denn nun wirklich als "schlecht" bezeichnet werden kann (dass Beethovens 3. gut ist, versteht sich von selbst). Alles, was aus den Archiven gekramt und eingespielt wird, ist gut genug, würde ich sagen. Deshalb zielte ich oben auf diejenigen, die versuchen, was sie nicht können. Ob die Früchte noch zur Kunstmusik gehören, ist freilich die Frage. Insofern gäbe es schlechte Musik aber keine schlechte Kunst, da "Kunst" bereits ein (positives) Qualitätsurteil beinhaltet, einen Mindeststandard, der über "schlecht" liegt. So etwas sehe ich bei "Musik" nicht, aber da kann man auch anderer Meinung sein, und den Begriff erst ab einem bestimmten Qualitätsniveau verwenden.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • putto schrieb:

      ist freilich die Frage. Insofern gäbe es schlechte Musik aber keine schlechte Kunst, da "Kunst" bereits ein (positives) Qualitätsurteil beinhaltet, einen Mindeststandard, der über "schlecht" liegt. So etwas sehe ich bei "Musik" nicht, aber da kann man auch anderer Meinung sein, und den Begriff erst ab einem bestimmten Qualitätsniveau verwenden.
      vielleicht versteh ichs falsch - ich möchte aber auf einen zumindest möglichen Doppelsinn von "schlecht" verweisen - einmal einfach im eher handwerklichen Sinne von "minder" - nicht gekonnt, kindlich, ahnungslos, eventuell "jenseits von Gut und Böse" etc., das andere Mal eher "moralisch", also tendeziell wie "böse". Eine "böse" Musik kann ja durchaus "gekonnt" sein, zu früheren Zeiten hätte man eine Menge Attribute zur Verfügung gehabt - hohl, aufgeblasen, leer-virtuos, usw., usw. Letzteres wäre durchaus "Kunst", aber eben "schlechte". Das ist wohl heute etwas außer Gebrauch gekommen, ob mit recht?

      das nur dazwischengeworfen, muß jetzt weg.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Achso, OK, das moralisch Schlechte habe ich hier ausgeblendet. In der Tat hätte der Threadnamen dann eher "Gibt es böse Musik?" heißen müssen, aber man kann ihn natürlich auch moralisch auffassen.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • "Ist das Kunst oder kann das weg?"

      putto schrieb:

      Insofern gäbe es schlechte Musik aber keine schlechte Kunst, da "Kunst" bereits ein (positives) Qualitätsurteil beinhaltet, einen Mindeststandard, der über "schlecht" liegt. So etwas sehe ich bei "Musik" nicht, aber da kann man auch anderer Meinung sein, und den Begriff erst ab einem bestimmten Qualitätsniveau verwenden.
      Anderer Meinung bin ich nicht bei "Musik", wohl aber bei "Kunst", bzw. ich verstehe den Begriff anders: Wenn ich eine Tomate an eine weiße Wand werfe, ist der dadurch entstandene Fleck zwar Kunst, aber sie taugt nichts, ist also "schlecht" (und der Akt vielleicht "böse", wenn ich das nicht gedurft hätte: Sachbeschädigung).

      Ebenso Musik: Wenn ich vor mich hinpfeife, entsteht zwar Musik bzw. allgemeiner Kunst, aber nun mal weder "gute" Musik noch "gute" Kunst.

      Das nur, um Mißverständnisse zu vermeiden, ich will nicht um Worte streiten... ;)

      :wink:

      PS: Da ich schon beim Wortklauben bin: "schlecht" hatte früher eine andere Bedeutung: einfach, "schlicht", und war nicht unbedingt abwertend gemeint.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Kater Murr schrieb:

      Die meisten Menschen haben so etwas wie einen ästhetischen Sinn, den man trainieren oder verkümmern lassen kann. Genauso wie jemand, der hauptsächlich fast food isst, seinen Geschmackssinn tendenziell verkümmern lässt, so lässt der Schlagerkonsument seinen ästhetischen Sinn verkümmern. Er entwickelt also einen wertvollen und lohnenden Aspekt seines Daseins nicht. Das ist nicht unbedingt verwerflich (wie z.B. jemand wäre, der sich durch fortgesetzte Tierquälerei zum Sadisten ausbildet), aber mindestens bedauerlich.
      sehr schön formuliert!
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Capella-Wolfgang schrieb:

      Hier habe ich zufällig bei Youtube eine Musik gefunden, die mir wirklich "schlechte Musik" zu sein scheint, warum auch immer. youtu.be/1Fty23qExQA
      Oder findet sich jemand, der das anders empfindet? Selbst wenn man den grauenhaften Text weglässt? (Falls der Link nicht klappt, kann man auch in die Suchleiste bei Youtube "Krupp und Krause Lied" eingeben - die Fahnen mit dem Reißerschluss)

      Dazu läßt sich jetzt allerhand sagen. Aber möchtest Du nicht vorher begründen, warum das für Dich "wirklich schlechte Musik" zu sein scheint?
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Ich fang mal neu an mit ein paar Thesen:

      1. Wenn wir über gute oder schlechte Kunst reden, dann fällen wir zweifellos ein ästhetisches Urteil
      2. Ein ästhetisches Urteil ist (bis zum Beweis des Gegenteils) ein Geschmacksurteil
      3. Geschmacksurteile sind subjektiv und stets auf einen Einzelfall bezogen (identisch mit ... sind nicht diskutierbar)
      4. Ästhetische Urteile/Geschmaksurteile sind per se nicht beweisbar, weil eben rein subjektiv auf den Einzelfall bezogen - daher rühren auch die Schwierigkeiten allgemeingültige Kriterien für "gute" oder "schlechte" Musik aufzustellen.
      viele Grüße

      Bustopher


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      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)