Was ist Expressionismus - in Literatur, Malerei, Musik ...

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    • Was ist Expressionismus - in Literatur, Malerei, Musik ...

      Angeregt durch eine Diskussion über den Impact des 1. Weltkrieges auf die Künste, in der offenbar sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber aufeinander prallten, was denn den Expressionismus ausmacht, hier also das spezielle Schlachtfeld für den Expressionismusbegriff. Wikipedia liefert für expressionistische Literatur einen mehr gut gemeinten als gelungenen Versuch der Definition. Also lege ich mal unbekümmert los ohne lexikalische Hilfe, sicher keine gute Idee.

      Der Expressionismus kam so um 1910 in der deutschen Lyrik auf, bald darauf eroberte er das Theater. Natürlich erscheint er in vielfältiger, in sich widersprüchlicher Art, aber ein paar besonders typische Wesenszüge sind verbreitet. Inhaltlich ist es eine jugendliche Kunst, quasi pupertär, ein Ringen nach dem wahren Menschen, eine Auflehnung gegen die verknöcherte Vätergeneration, das Ganze individualistisch, emotional und irrational, letztlich ohne Idee, wo die Reise hingehen soll. Das Umstürzlerische kippt ins Katastrophale, die Überspanntheit führt zu den Irren. Die jugendliche Provokationslust freut sich am Hurenthema. Formal lebt die Dichtung oft vom Widerspruch einer streng klassischen Gliederung in gereimte Verse und Strophen - das Sonett ist populär - und den mitunter exaltierten verbogenen Bildern, die quasi in diesem Gefängnis toben.

      Von vielen jungen Expressionisten wurde der Ausbruch des 1. Weltkrieges als Erlösung begrüßt und dementsprechend meldeten sich auch viele freiwillig, sodass diverse Expressionisten den Krieg nicht überlebten. Als Thema passt die Front natürlich wunderbar in die schon früh Katastrophen und Verrückte thematisierende expressionistische Produktion, der Aufbruchscharakter findet dort aber keine Bestätigung, auch den wahren neuen Menschen findet man dort dann doch nicht ...
      Bsp.: "Krieg" von August Stramm (gestorben 1915)
      gutenberg.spiegel.de/buch/august-stramm-gedichte-152/1

      Ein Gedicht, das exemplarisch und einflussreich ist, wäre "Weltende" (1911) von Jakob van Hoddis, dessen übriges Werk (zu recht) obskur geblieben ist.
      gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-7560/3
      Alfred Lichtenstein hat diese skurril-anarchische Untergangsvision in seinem lyrischen Werk fortgesponnen.

      Für Antrieb, Ziel und Innenleben des Expressionisten sind die Gedichte von Ernst Stadler (gestorben 1914) aufschlussreicher. Die Erwartung der Erneuerung ist eine persönliche, innerliche: "Vorfrühling" (1914)
      gutenberg.spiegel.de/buch/der-aufbruch-2085/12

      Die Weltfremdheit des sich in Nabelschau ergehenden Expressionisten wird in einem späten Drama besonders greifbar, wenn in Georg Kaisers Gas-Dramen (1918/20) der Weltverbesserer von den zu Beglückenden abgelehnt wird. Eine leicht lächerliche Figur machte er aber eigentlich immer, oder?
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    • wichtige expressionistische Lyriker deutscher Sprache:
      1874 – 1915 August Stramm
      1883 – 1914 Ernst Stadler
      1886 – 1956 Gottfried Benn
      1887 – 1912 Georg Heym
      1887 – 1942 Jakob van Hoddis
      1887 – 1914 Georg Trakl
      1889 – 1914 Alfred Lichtenstein
      1891 – 1950 Yvan Goll

      wichtige expressionistische Dramatiker:
      1878 – 1945 Georg Kaiser
      1886 – 1980 Oskar Kokoschka
      1887 – 1936 Reinhard Goering
      1890 – 1940 Walter Hasenclever
      1892 – 1916 Reinhard Sorge
      1893 – 1939 Ernst Toller
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    • Der Begriff kommt aus der Kunstkritik und wurde schon 1911 von den Literaten übernommen. Für die Musik wurder er erst später in Erwägung gezogen, insofern muss man wohl von der Malerei und Literatur ausgehen. In der Musik wurden zuerst Schönberg und Skrjabin damit etikettiert, was Schönberg nicht mochte (den hat man auch als Futuristen bezeichnet).

      MGG unterscheidet bei den Möglichkeiten, den Expressionismusbegriff auch für die Musik zu verwenden, zwischen dem "rücksichtslosen Ausdruck des Innerlichen" wobei zu Schönberg auch Mahler dazukäme, und einer quasi technischeren Variante: Atonalität, hoher Dissonanzgrad und "Prosacharakter" womit vor allem die frei-atonale Wiener Schule abgedeckt wird (also das vor der Zwölftontechnik), außerdem eine extrem enge von Adorno (Schönberg 1909-1911) und eine weite "1. Irritation (Exaltation), 2. Expression (Expansion), 3. Reduktion (Konzentration), 4. Abstraktion (Kristallisation)". Dann folgt der Versuch, ausgehend von den anderen Künsten, den Expressionismusbegriff auf dem Losungsspruch "Wahrheit statt Schönheit" aufzuhängen und mit Formzerstörung und Dissonanzschärfe festzumachen.

      Hier sieht man sofort die Schieflage zum bevorzugt streng klassisch gebauten expressionistischen Gedicht ...
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    • Die Kernphase des Expressionismus ist offenbar in Literatur und Musik gleichzeitig (1909-1918), das musikalische Hauptwerk verspätet: Wozzeck. Dort findet man auch die klassischen Formen wieder, womit die von mir gerade betonte Schieflage ja wieder begradigt ist.

      Dass Strawinskys expressionistische Phase streng genommen nicht zum Expressionismus gezählt wird, hat mich jetzt etwas überrascht. Aber jeder Begriff hat ja seine Dehnbarkeiten.
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    • Der Expressionismus in der Malerei wird von grove art online auf die Zeit von 1905 - 1920 angewendet, 1905 wegen der Gründung der Künstlervereinigung "Die Brücke", als "neuer Humanismus", der das spirituelle Leben ausdrücken soll anstelle der Repräsentation von Dingen, mit Hilfe von verzerrten Formen, symbolistischen Farben und suggestiven Linien, charakteristisch ist auch das Interesse für "primitive" Kunst.

      Hauptvertreter:
      Die Brücke (Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Mueller, etc.), im Umkreis u.a. Nolde.
      Der blaue Reiter (Kandinsky, Jawlensky, Marc)
      Macke, Schiele, Kokoschka
      Skulptur: Barlach, Lehmbruck
      außerdeutsch: Rouault, Soutine
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    • Der Film spielt eine Sonderrolle, expressionistischer Film ist quasi ein verspätetes Anhängsel - entsprechend wird er im MGG-Artikel, der die expressionistische Musik in die anderen Künste einbettet, nichtmals erwähnt, streng genommen ist der expressionistische Film wahrscheinlich gar nicht zugehörig zum Expressionismus. Da wir hier ja mindestens 2 Fans des Stummfilms haben, suche ich jetzt keine Definitionen sondern schreibe frei: Der Film übernahm aus der Malerei expressionistische Elemente, das innere Wesen des Ausdrucks eines Individuums auf der Suche nach einer von Konventionen befreiten Wahrheit im neuen Menschen bringt er aber nicht zum Ausdruck, er reichert eher eine Schauerromantik mit neuen (allerdings in der Kunst bereits außer Mode gekommenen) Ausdrucksformen an. Diese wären: pathetische Mimik und Gesten, verzerrte Formen, geringe Belichtung, schräge Blickwinkel, scharfe hell-dunkel-Kontraste.
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    • putto schrieb:

      Der Film spielt eine Sonderrolle
      Definitiv.

      putto schrieb:

      Der Film übernahm aus der Malerei expressionistische Elemente,
      Richtig.

      putto schrieb:

      das innere Wesen des Ausdrucks eines Individuums auf der Suche nach einer von Konventionen befreiten Wahrheit im neuen Menschen bringt er aber nicht zum Ausdruck,
      Das ist tatsächlich eine Definition, die mir in den Filmen höchstens indirekt aufgefallen ist: man könnte z.B. Graf Orlok generell so auffassen, daß er nach einem neuen Ort für sich sucht, um dort weiterhin bestehen zu können. Es sind also allenfalls vereinzelte Motive in den Charakteren zu finden.

      putto schrieb:

      er reichert eher eine Schauerromantik mit neuen (allerdings in der Kunst bereits außer Mode gekommenen) Ausdrucksformen an.
      Wobei es sich speziell bei Caligari so perfekt anbietet: der Schieflage des Protagonisten eine optische Entsprechung zu geben.

      Insofern ist der Filmexpressionismus etwas anderes als der übliche Begriff. Dazu kommt aber auch, daß der Film die einzige Kunstform ist, die um 1918 noch sehr jung war. Erst ab 1915 begannen die Filmemacher weltweit, die übliche Länge von 1-2 Rollen (gut 15-30 Minuten Laufzeit) hinter sich zu lassen und strebten größere erzählerische Bögen an. Ich persönlich würde Birth Of A Nation (1915) als den ersten Film bezeichnen, der sich kollektiv im Bewußtsein der Kinogänger als Kunstwerk etabliert hatte; davor gab es Ansätze, die in diese Richtung gingen, aber Griffith war der erste, der es so umfassend realisierte.

      Außerdem reden wir allgemein über den phantastischen Film in Deutschland: heute zählt dieses Oeuvre zumeist zum Horror (mit einigen Abstecher in die SF). Da geht es um den Einbruch des Unheimlichen in die reale Welt, die zum Schrecken führt. Da paßt der Begriff des Individuums, der die Konventionen sprengen will, überhaupt nicht hinein.

      Das ist sicherlich der Hauptgrund, warum der Begriff Expressionismus in Bezug des Films nicht passen mag.
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • In der Malerei setzen die expressionistischen Tendenzen schon lange vor 1905 ein, z.B. bei van Gogh.

      Das Interesse für die Seele, das Bestreben, das Innere künstlerisch nach außen zu kehren, ist im 4.Viertel des 19.Jahrhunderts gar nicht so selten. Man muß das auch in Parallele zu den Forschungen Sigmund Freuds sehen.
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • putto schrieb:

      Die Kernphase des Expressionismus ist offenbar in Literatur und Musik gleichzeitig (1909-1918), das musikalische Hauptwerk verspätet: Wozzeck. Dort findet man auch die klassischen Formen wieder, womit die von mir gerade betonte Schieflage ja wieder begradigt ist.
      Zählt nicht die 4. Sinfonie von Schostakowitsch (Mitt der 30er Jahre) komponiert
      auch zum Expressionismus? Zumindest Edwin hat sie mal so ettiketiert...
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • nochmals "Caligari" . . .

      Maurice Ravels Begeisterung für diesen Film sollte doch nicht unerwähnt bleiben . . .

      <= nachzulesen z. B. hier …
      books.google.de/books?id=qN8a8…w%20real%20cinema&f=false

      u n d

      … mit "Werbung in eigener Sache" bin ich (klaro!) s e h r zurückhaltend - - -
      hier aber mal der Hinweis auf meinen eigenen Eintrag bzg. (des oben bereits 2mal erwähnten) August Stramm . . .

      Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

      :wink:
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • Der Expressionismus stellt in der (deutschen) Literatur (und wohl darüber hinaus) insofern einen eher vager Begriff dar, als man ihn auf der Basis eines Zeitstils oder einer Geisteshaltung betrachten kann. Und natürlich sind diese Sichtweisen nicht scharf zu trennen. (Noch gravierender wäre es mit dem Konzept der Moderne, aber das steht ja hier nicht zur Diskussion.)

      Versteht man darunter im Prinzip nur das Jahrzehnt um den Ersten Weltkrieg oder integriert man die Neue Sachlichkeit der Zwanziger Jahre? Schließlich gibt es die Stoffe dieser Strömung nicht ohne die Neuerungen der Jahre davor; der entscheidende Unterschied besteht im affektiven Bezug zur Materie. (Weitere Analogie: Steht die literarische Aufklärung im Gegensatz zum Sturm und Drang oder muss man Letztere subsumieren? Für mich ist das zweite Konzept aus verschiedenen Gründen unabdingbar. Das erste findet man in den Sachbüchern aber bei Weitem häufiger - zumindest der äußeren Gliederung nach.)

      Die (zweifellos wertvolle) Abhandlung von Glaser/ Lehmann/ Lubos (Wege der deutschen Literatur), ursprünglich aus den 1960ern, setzt dem Begriff keine Abgrenzung mehr in die Gegenwart und benennt als Gegenbegriff (vor allem) den Surrealismus. Idee einer gegensätzlichen Geisteshaltung im gesamten 20. Jahrhundert im Anschluss an das Fin de siècle?

      Grobe Konzepte - das ist mir klar -, aber vielleicht Anregungen zum Diskutieren.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • EinTon schrieb:

      putto schrieb:

      Die Kernphase des Expressionismus ist offenbar in Literatur und Musik gleichzeitig (1909-1918), das musikalische Hauptwerk verspätet: Wozzeck. Dort findet man auch die klassischen Formen wieder, womit die von mir gerade betonte Schieflage ja wieder begradigt ist.
      Zählt nicht die 4. Sinfonie von Schostakowitsch (Mitt der 30er Jahre) komponiert
      auch zum Expressionismus? Zumindest Edwin hat sie mal so ettiketiert...
      Ähnliches Problem wie in meinem vorausgehenden Beitrag. Bezüglich deren Haltung kann ich mir schwerlich ein radikaler expressionistisches Werk vorstellen. Dann jedoch wird es schwierig (traditioneller Formtypus bei inhaltlicher Sprengung; zeit- und nationalgeschichtlicher Hintergrund ...) - wobei putto ganz dezent auf die wiedererstandenen "klassischen Formen" hingewiesen hat.

      Nun gut - Musik gehorcht ohnehin ihren eigenen Gesetzen, auch historisch betrachtet. Man denke nur an den Stil (das Ideal, die Haltung, die Epoche ...) der Romantik.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Der Expressionismus stellt in der (deutschen) Literatur (und wohl darüber hinaus) insofern einen eher vager Begriff dar, als man ihn auf der Basis eines Zeitstils oder einer Geisteshaltung betrachten kann. Und natürlich sind diese Sichtweisen nicht scharf zu trennen. (Noch gravierender wäre es mit dem Konzept der Moderne, aber das steht ja hier nicht zur Diskussion.)

      Versteht man darunter im Prinzip nur das Jahrzehnt um den Ersten Weltkrieg oder integriert man die Neue Sachlichkeit der Zwanziger Jahre? Schließlich gibt es die Stoffe dieser Strömung nicht ohne die Neuerungen der Jahre davor; der entscheidende Unterschied besteht im affektiven Bezug zur Materie. (Weitere Analogie: Steht die literarische Aufklärung im Gegensatz zum Sturm und Drang oder muss man Letztere subsumieren? Für mich ist das zweite Konzept aus verschiedenen Gründen unabdingbar. Das erste findet man in den Sachbüchern aber bei Weitem häufiger - zumindest der äußeren Gliederung nach.)

      Die (zweifellos wertvolle) Abhandlung von Glaser/ Lehmann/ Lubos (Wege der deutschen Literatur), ursprünglich aus den 1960ern, setzt dem Begriff keine Abgrenzung mehr in die Gegenwart und benennt als Gegenbegriff (vor allem) den Surrealismus. Idee einer gegensätzlichen Geisteshaltung im gesamten 20. Jahrhundert im Anschluss an das Fin de siècle?

      Grobe Konzepte - das ist mir klar -, aber vielleicht Anregungen zum Diskutieren.
      Mir ist nicht klar, was Du mit den Stoffen von Expressionismus und Sachlichkeit meinst und den Zusammenhang mit den "Neuerungen der Jahre davor" - kannst Du das ausführen? Sonst kann ich nur raten, worum es geht, Expressionismus und Neue Sachlichkeit sind doch zu große Gebiete, als dass man gleich wüßte, was Du meinst.

      Zur Abgrenzung zur Gegenwart: Auch im MGG werden die Fortsetzungen des Expressionismus (Hartmann, Rihm) genannt. 1909-18 sei aber der Kernbereich. Was mich eher irritiert, ist die Fokussierung auf Atonalität. Insofern passt es ja auch nicht mehr, Hartmann als Fortsetzer zu sehen, da er nicht atonal schreibt.
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    • putto schrieb:

      Mir ist nicht klar, was Du mit den Stoffen von Expressionismus und Sachlichkeit meinst und den Zusammenhang mit den "Neuerungen der Jahre davor" - kannst Du das ausführen? Sonst kann ich nur raten, worum es geht, Expressionismus und Neue Sachlichkeit sind doch zu große Gebiete, als dass man gleich wüßte, was Du meinst.
      Da habe ich all das im Hinterkopf, was frühestens der Naturalismus und, soweit sie nicht pauschal dies ausklammern, andere Strömungen um die Jahrhundertwende thematisieren (Georg Büchner wäre insofern ein Naturalist, davon bin ich überzeugt): die Nöte des vierten Standes, das Industriezeitalter, die wissenschaftliche Sichtung der menschlichen Seele. Solche Stoffe werden von der Neuen Sachlichkeit gleichermaßen thematisiert, aber mit gänzlich anderen Mitteln - man denke an die journalistische Sichtweise und den bitteren Humor eines Kästner, eines Tucholsky, eines Fallada, wobei Letzterer nicht die literarische Qualität der beiden anderen erreicht.

      Inwieweit sich solches auf Musik übertragen lässt - darüber müsste ich erst nachdenken. Immerhin ist der Unterschied zwischen den expressionistischen Balletten nach 1910 und einem Kurt Weill schon groß - oder doch nicht ... ?
      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • putto schrieb:

      Zur Abgrenzung zur Gegenwart: Auch im MGG werden die Fortsetzungen des Expressionismus (Hartmann, Rihm) genannt. 1909-18 sei aber der Kernbereich. Was mich eher irritiert, ist die Fokussierung auf Atonalität. Insofern passt es ja auch nicht mehr, Hartmann als Fortsetzer zu sehen, da er nicht atonal schreibt.
      In der Musik verwendet man bekanntlich noch häufiger als in der Literatur die Vorsilbe Neo- (und neuerdings Post-, was wohl aus der Philosophie stammt). Post-Expressionismus - vielleicht wäre es eine Lösung, mit der man gut leben kann.

      Probleme mit einer Fokussierung auf die Atonalität habe ich auch - eher hätte ich auch, denn bezüglich der Musik will ich nicht Hintergrundswissen vortäuschen, das ich vor Deinem kurzen Beitrag und dem MGG-Verweis soeben eigentlich gar nicht hatte. "Expressionismus" ist ja nun kein Konzept für ein formales Modell, was die Dodekaphonie doch wohl (zunächst) vorstellt - aller geistesgeschichtlichen Hintergründe und Konsequenzen zum Trotze. Die Frühlingsweihe ist mustergültiger Expressionismus. Bei Schönberg fällt mir zunächst der Überlebende aus Warschau ein. Steht der exemplarisch für Zwölftonmusik, wenn er denn welche ist, was ich, ohne nachzusehen, nicht beschwören möchte?
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      putto schrieb:

      Mir ist nicht klar, was Du mit den Stoffen von Expressionismus und Sachlichkeit meinst und den Zusammenhang mit den "Neuerungen der Jahre davor" - kannst Du das ausführen? Sonst kann ich nur raten, worum es geht, Expressionismus und Neue Sachlichkeit sind doch zu große Gebiete, als dass man gleich wüßte, was Du meinst.

      Da habe ich all das im Hinterkopf, was frühestens der Naturalismus und, soweit sie nicht pauschal dies ausklammern, andere Strömungen um die Jahrhundertwende thematisieren (Georg Büchner wäre insofern ein Naturalist, davon bin ich überzeugt): die Nöte des vierten Standes, das Industriezeitalter, die wissenschaftliche Sichtung der menschlichen Seele. Solche Stoffe werden von der Neuen Sachlichkeit gleichermaßen thematisiert, aber mit gänzlich anderen Mitteln - man denke an die journalistische Sichtweise und den bitteren Humor eines Kästner, eines Tucholsky, eines Fallada, wobei Letzterer nicht die literarische Qualität der beiden anderen erreicht.
      Aber das spricht jetzt nicht dafür, die Neue Sachlichkeit in den Expressionismus zu integrieren, genausogut könnte man beide dem Naturalismus zuschlagen. Freilich bergen die Ismen die Gefahr, zu sehr auf ihre Unterschiede zu schauen und womöglich ein Kunstwerk nur ernstzunehmen, wenn es in eine der Schubladen passt, aber wenn man sich dessen bewusst ist und sie vor allem zur Kontextualisierung eines irgendwo zwischen den Ismen lagernden Individualkunstwerkes verwendet, ist ein recht strenger enger Begriff schon sinnvoll. Also wenn man bei Schostakowitschs 4. erläutert, was an ihr expressionistisch ist, dann hat man sie in Zusammenhang mit anderen Kunstwerken gebracht, ohne jetzt eine Handvoll davon einzeln benennen zu müssen, und mit Konzepten von anderen Künstlern. Zu sagen, sie sei ein Musterbeispiel für den Expressionismus, hieße vielleicht, den Begriff auszuleiern, was ihn auf Dauer unbrauchbar macht.
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    • andréjo schrieb:

      putto schrieb:

      Zur Abgrenzung zur Gegenwart: Auch im MGG werden die Fortsetzungen des Expressionismus (Hartmann, Rihm) genannt. 1909-18 sei aber der Kernbereich. Was mich eher irritiert, ist die Fokussierung auf Atonalität. Insofern passt es ja auch nicht mehr, Hartmann als Fortsetzer zu sehen, da er nicht atonal schreibt.

      In der Musik verwendet man bekanntlich noch häufiger als in der Literatur die Vorsilbe Neo- (und neuerdings Post-, was wohl aus der Philosophie stammt). Post-Expressionismus - vielleicht wäre es eine Lösung, mit der man gut leben kann.

      Probleme mit einer Fokussierung auf die Atonalität habe ich auch - eher hätte ich auch, denn bezüglich der Musik will ich nicht Hintergrundswissen vortäuschen, das ich vor Deinem kurzen Beitrag und dem MGG-Verweis soeben eigentlich gar nicht hatte. "Expressionismus" ist ja nun kein Konzept für ein formales Modell, was die Dodekaphonie doch wohl (zunächst) vorstellt - aller geistesgeschichtlichen Hintergründe und Konsequenzen zum Trotze. Die Frühlingsweihe ist mustergültiger Expressionismus. Bei Schönberg fällt mir zunächst der Überlebende aus Warschau ein. Steht der exemplarisch für Zwölftonmusik, wenn er denn welche ist, was ich, ohne nachzusehen, nicht beschwören möchte?
      Ich fange an, mich zu ärgern. Die Zwölftonmusik ist quasi der Gegenentwurf zum Expressionismus. Im anderen Thread wurde das auch dauernd verwechselt. Mustergültig ist Schönberg 1909-11. Kurze, formlose, frei atonale Stücke. Der Sacre gehört nach MGG nicht zum Expressionismus sondern zum Barbarismus - eigentlich logisch. Die Zwölftonmusik ist großteils der Form nach neoklassizistisch. Weder Sacre noch Überlebender sind expressionistische Musterbeispiele sondern eher Grenzfälle.
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    • Dass die Atonalität zum Expressionismus ebenso dazugehöre wie die Formlosigkeit ist insofern logisch, als der Triumph der "Wahrheit" über die "Konvention" in ähnlicher Weise die Tonalität kippte wie die aus derselben hervorgegangenen (oder Hand in Hand damit entstandenen) Formen. Das Problem, das ich damit habe, ist, dass man damit nur von einer Komponistengruppe spricht (Schönberg und Nachfolger), und wenn Bergs Wozzeck die klassischen Formen zelebriert und man das als verspätetes Hauptwerk akzeptiert, dann kann man auch nicht an der Atonalität als definierendem Merkmal festhalten. Massive, schreiende Dissonanzen müssen genügen, denke ich.

      (Es ist aber nicht so, dass der MGG-Artikel so simpel gestrickt wäre - es ist auch die Rede von zerstörtem Akzentstufentakt, Sprüngen in den Gesangslinien etc.)
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    • putto schrieb:

      Aber das spricht jetzt nicht dafür, die Neue Sachlichkeit in den Expressionismus zu integrieren, genausogut könnte man beide dem Naturalismus zuschlagen. Freilich bergen die Ismen die Gefahr, zu sehr auf ihre Unterschiede zu schauen und womöglich ein Kunstwerk nur ernstzunehmen, wenn es in eine der Schubladen passt, aber wenn man sich dessen bewusst ist und sie vor allem zur Kontextualisierung eines irgendwo zwischen den Ismen lagernden Individualkunstwerkes verwendet, ist ein recht strenger enger Begriff schon sinnvoll. Also wenn man bei Schostakowitschs 4. erläutert, was an ihr expressionistisch ist, dann hat man sie in Zusammenhang mit anderen Kunstwerken gebracht, ohne jetzt eine Handvoll davon einzeln benennen zu müssen, und mit Konzepten von anderen Künstlern. Zu sagen, sie sei ein Musterbeispiel für den Expressionismus, hieße vielleicht, den Begriff auszuleiern, was ihn auf Dauer unbrauchbar macht.
      Meine Idee bei solchen Ismen ist immer das Kontrastprinzip sowohl diachron als auch synchron. Der Expressionismus folgt in der deutschen Literatur chronologisch erstaunlich mustergültig dem Naturalismus. Die Parallele besteht in den Stoffen, der Kontrast in der Haltung des Künstlers: strengste Objektivität versus radikale Subjektivität. Zeitgleich steht der Naturalismus gegen das Fin de Siècle (den Symbolismus, den Impressionismus, den Jugendstil, die Neuromantik und der Termini mehr): Hinwendung zur Wirklichkeit versus Abwendung von ihr. Das funktioniert erstaunlich gut und hat in meiner Tätigkeit als Deutschlehrer bei der Abiturvorbereitung immer geholfen, den Schülern so etwas wie ein Gröbstverständnis zu vermitteln, quasi auf einem hübschen Arbeitsblatt.

      Wenn man dann noch die häufige Zuordnungsverunklarung des Einzelschöpfers oder des Einzelwerks in Erwägung zieht und das Moment der Künstlichkeit von begrenzenden Jahreszahlen sowie den häufigen ad-hoc-Charakter der Begriffsbestimmungen, hat man viel gewonnen weg von einer zu naiven Sicht. - Beim (deutschen literarischen) Expressionismus i.e.S. funktioniert die Abgrenzung nach hinten erstaunlich gut übrigens; aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.

      Wichtig ist meines Erachtens, dass man zumindest die Augen dafür geöffnet bekommt, dass Epochen und Strömungen sich überlappen, dass Kontraste das Nebeneinander und nicht nur das Aufeinander bestimmen. Und noch wichtiger ist für mich das Hegel'sche Prinzip einer diachronen Dialektik. Keine Zeittendenz arbeitet ohne die Erkenntnisse der vorausgehenden und ggf. der zeitgleichen kontrastierenden. Es gibt keine Weimarer Klassik ohne Sturm und Drang und es gibt keine Weimarer Klassik ohne den Rationalismus der Aufklärung und es gibt keine Klassik ohne Romantik und umgekehrt. So banal das erscheint, so wichtig ist es doch, um gewisse Klischeevorstellungen abzubauen.

      Der erste Satz in Deinem Beitrag, den ich weiter oben zitiere, zeigt die Crux. Ich kann bei der Interpretation eines Kunstwerks fast immer alles "genauso gut" ("genausogut" ?! :D ) anders machen, wenn ich einen Blick auf das Individuum des Künstlers oder das einzelne Kunstwerk werfe und einen persönlichen Schwerpunkt setze bei der Betrachtung.

      Wie sagt der Große Eichmeister am Ende der Novelle Das falsche Gewicht zum kleinen Eichmeister Eibenschütz, der soeben ermordet wurde: Alle Deine Gewichte sind falsch, und alle sind sie doch richtig. ;)

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.