DE FALLA: La vida breve, Städtische Bühnen Freiburg, 09.05.2009

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • DE FALLA: La vida breve, Städtische Bühnen Freiburg, 09.05.2009

      Nachdem vor wenigen Monaten die Frankfurter Oper einen Versuch mit de Fallas Stück „La vida breve“gewagt hatte (dort in Verbindung mit Ravels „L´heure espagnol“), zeigt nun auch das Stadttheater in Freiburg die gut einstündige Oper des 1876 in Cádiz geborenen Komponisten – ohne Ergänzung durch ein zweites Stück und inszeniert von Calixto Bieito.

      Noch einmal kurz zum Inhalt des Stückes:
      In einem Zigeunerviertel in Granada lebt die junge, arme Salud mit ihrer Grossmutter. Salud hat sich in den hübschen und reichen Paco verliebt, der sie verführt und ihr die Ehe versprochen hat. Der Liebhaber kommt zu spät zu einer Verabredung, Salud macht sich Sorgen, aber die Grossmutter beruhigt das Mädchen. Endlich kommt Paco und zerstreut die Sorgen des Mädchens. Ein alter Zigeuner steckt der Grossmutter, dass Paco schon morgen eine andere, reiche Frau heiraten wird.

      Am nächsten Tag ist die Hochzeit zwischen Paco und seiner Braut Carmela in vollem Gange. Vor dem Haus verfolgen Salud, die Grossmutter und der alte Zigeuner das Geschehen. Salud singt vor dem Fenster des Hauses und macht so Paco auf sich aufmerksam. Salud und ihre Begleitung betreten das Haus. Salud erklärt allen, dass Paco sie betrogen hat. Das Mädchen stolpert und bricht tot vor Paco zusammen.

      Ungewöhnlich ist in Freiburg schon der Bühnenaufbau, die Bühne ist von Anfang an offen und weit nach vorne gezogen. Man sieht ein mehrstöckiges Obdachlosenlager, wie man es aus den Vorstädten südamerikanischer Grossstädte kennt. Ein Verschlag ist an den anderen gebaut worden, ärmlich sind diese Behausungen mit ihren Wänden aus Pappkartons, ihren einfachsten Kücheneinrichtungen und dem allgegenwärtigen Müll, der sich nicht nur links am Bühnenrand in blauen Säcken vor einer Art Müllschlucker auftürmt. Rechts vegetiert einer der Bewohner hinter einem Gitterzaun, zur Familie der Grossmutter und Saluds gehört auch eine wohl verrückte Verwandte, die links unten wie ein Vieh gehalten wird, in einigen der Verschläge flimmern transportable Fernsehgeräte. Nutten und Kleinkriminelle leben hier, Kinder ohne Zukunft, Gewalt ist an der Tagesordnung.

      Mit grosser Detailfreudigkeit hat Bieito das Leben in diesem Slum inszeniert. Über die gesamte Aufführungsdauer hinweg werden in den Verschlägen parallel verlaufende Aktionen zu beobachten sein, während das eigentliche Drama meistens zu ebener Erde stattfindet.

      Eine Eröffnung, wie ein Paukenschlag: die Grossmutter schleppt laut klagend die tote Salud im blutverschmierten Hochzeitskleid herein, von einem grossen, schwarzen Hund begleitet. Die Geschichte läuft dann als Rückblende ab, die Grossmutter erlebt noch einmal das Schicksal ihrer Enkelin.

      Mädchenhaft und schlank von Statur erlebt das Publikum, wie diese Salud nur noch eine Hoffnung zu haben scheint: dass der schmierige Zuhältertyp Paco sie aus diesem Elend befreien wird. Die Grossmutter versucht, Normalität zu leben in dieser ganzen unwürdigen Umgebung, sie umsorgt die Enkelin und den Hund, füttert den Mann hinter dem Gitter und hindert ihre Salud daran, dass diese sich vom obersten Stockwerk in Tod stürzt, als Paco nicht zu Besuch kommt.

      Als dann der Liebhaber doch auftaucht, spürt man instinktiv, dass das keine – wie auch immer – tragfähige Verbindung ist, dass die Hoffnung des Mädchens enttäuscht werden wird und dass auch die Grossmutter genau das weiss.

      Dennoch bereitet die ältere Frau Paco ein einfaches Essen und dennoch richtet sie das Bett, damit Salud mit Paco schlafen kann.

      Rechts in der Nachbarparzelle sitzt ein kleiner Junge, der fasziniert mit einem Messer hantiert, auch er hat eine Grossmutter, die den Jungen aber sichtbar nicht mehr erreicht.

      In dieser Umgebung ist kein Platz für Folklore – zu den Tanzmusiken läuft die Inszenierung unerbittlich weiter. Die Frauen stehen mit Pfannen auf der Bühne, unisono zerschlagen sie Eier an deren Rändern und bereiten den Männern das Essen.

      Die Grossmutter kleidet Salud in das Hochzeitskleid, während auf der ersten Etage ein Gitarist zu spielen beginnt. Die Grossmutter singt dazu und tanzt mit Salud im strengen Rhythmus der spanischen Musik. Als oben Paco mit seiner neuen Flamme erscheint, versucht die Grossmutter immer verzweifelter, ihre Enkelin daran zu hindern, einen Blick auf das Geschehen über den beiden Frauen zu werfen – umsonst, Salud hat gesehen, was sich da abspielt.

      Die Grossmutter schreitet zur Tat – sie wirft die Enkelin auf das Bett, macht Wasser heiss, reisst Salud die Unterhose herunter und beginnt mit einer primitiven, blutigen Abtreibung. Hier wird klar, warum das Mädchen so auf diesen Paco gesetzt hat und warum sie sich selbst töten wollte. Den abgetriebenen Fötus frisst der Hund.

      Zum gleichen Zeitpunkt sieht man rechts auf der Bühne eine Kinderbande. Der Junge mit dem Messer bedroht einen noch kleineren Jungen, der vor Angst zittert. Ohne Empathie sticht der Junge zu und ermordet das andere Kind. Die Grossmutter wird den Leichnam kurze Zeit später mit grosser Zärtlichkeit aufheben und in den Müllschlucker werfen.

      Ein Gitter senkt sich herab – der Chor wirkt wie wilde Tiere, wenn er seine Hände zur nächsten Tanzmusik durch dieses Gitter steckt und die Zähne bleckt.

      Der Showdown läuft mit der gleichen Gnadenlosigkeit ab, wie das gesamte Stück vorher. Psychisch und körperlich zerstört steht Salud in ihrer blutigen Unterwäsche vor Paco – mit einer Waffe werden die Männer in Schach gehalten, bis, inszenatorisch wie in einem Film, zuerst Salud getötet, dann aber auch die Grossmutter wie eine griechische Rachegöttin den Liebhaber Paco erdrosseln wird.

      Rund 80 Minuten dauert dieser Abend, den Calixto Bieito mit der von ihm gewohnten Vehemenz und einer bemerkenswert dichten Personenführung auf die Bühne des Freiburger Theaters gebracht hat.

      Im Zentrum der Aufführung steht die Ausnahmesängerin Leandra Overmann als Grossmutter. Der körperliche Einsatz der Mezzosopranistin ist enorm – die stimmliche Gestaltung fulminant. Die Sängerin schafft es in jeder Phase, Darstellung und Gesang zu einer unglaublichen Einheit zu verschmelzen – egal, ob sie singt oder schreit, ob sie zärtlich oder verzweifelt ist – nie schont sie sich, immer bleibt sie in der Stücksituation und ordnet die Gestaltung dem reinen Schönklang unter. So, wie sich Leandra Overmann verausgabt, möchte man das öfter auf der Opernbühne erleben dürfen.

      Sigrun Schell als Salud steht ihr da kaum nach – sowohl im Gesicht, als auch im Körper der Sopranistin spiegelt sich das Schicksal des jungen Mädchens perfekt wieder. Grandios, wie Sigrun Schell mit zurück geworfenem Kopf in der Abtreibungsszene noch klar zu intonieren vermag und die Kontrolle über ihre Stimme behält. Weitgehend sicher und strahlkräftig gerät die Sängerin nur an wenigen Stellen an Grenzen.

      Solide besetzt die – eher undankbaren – weiteren Partien, Christian Voigt als Paco und Neal Schwantes als Sarvaor.

      Sehr ordentlich der Chor des Freiburger Hauses, der die ungewohnten Aufgaben dankbar übernommen hat. Kleinere Probleme in der Rhythmik waren allerdings genauso wenig zu kaschieren, wie das im zupackend und klangstark aufspielenden Orchester unter der engagierten und befeuernden Leitung von Lutz Rademacher der Fall war.

      Starker Beifall für alle Beteiligten, bei Calixto Bieito mischte sich wenig Protest in den Jubel.
      Der Kunst ihre Freiheit

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Alviano ()

    • Ich war ebenfalls in der Premiere, Alviano und ich sind auch zusammen hin- und zurückgefahren.

      Ein paar Ergänzungen von mir:

      Alviano saß erste Reihe Halbmitte, ich saß vorletzte Reihe Mitte 1. Rang.

      Auch ich habe den Falla in Frankfurt gesehen (wir werden wohl die Artikel aus dem anderen Forum hier einstellen, soweit sie "uns" gehören), damit besser verglichen werden kann.

      Mein erster Eindruck meiner zweiten Bieito Inszenierung (Holländer, Stuttgart war die erste, und am Samstag (in drei Tagen dann) wird die dritte dann Armida in Berlin sein) war:

      Ali Mitgutsch Wimmelbuch auf der Bühne...

      Selbst mit dem "größeren Abstand" war es mir nicht möglich, alle Einzelstränge, die auf der Bühne stattfanden, verfolgen zu können. Es könnte notwendig sein, diese Inszenierung mehrfach anzusehen, um auch nur ansatzweise mitbekommen zu können, was alles wo gerade stattfindet. So ist es sicherlich schwierig (und ohne Fernglas vom Rang aus schon mal gar nicht) festzustellen, welche Filme in den unterschiedlichen Fernsehern laufen (daß diese ausgesucht waren, und gezielt gespielt wurden, war aber offensichtlich!), welche Handlungen (Beispiel: wann holen sich die Fußball guckenden Mitglieder der Männer-WG ihr Bier?) wann warum stattfinden. Daß das Alles geplant, choreographiert stattfindet, ist aber glaube ich, dem Unbedarftesten klar ersichtlich, dazu passieren diese Dinge zu "genau" zu unterschidlichen Momenten.

      In Frankfurt wurde der 2. Akt mit Hilfe der Drehbühne in einer anderen Kulisse gespielt, in Freiburg findet alles in der gleichen Kulisse statt. Das verstärkt den "Fin de..."- oder Trostlosigkeitsaspekt, macht aber "den Reichtum von Paco und seiner Frau" nicht so offensichtlich (hier ist es ja auch der "Zuhälterreichtum, und nicht der Adels-reichtum).

      Wie Alviano schon anmerkte, fand auch ich das nicht 100%-ig sitzende rythmische Musizieren (Aufschlagen der Eier auf der Pfanne) etwas unschön, bei Flamenco et.al. ist der Rythmus schon ein wichtiger Aspekt. Etwas unpräzise war leider auch das Orchester, so daß "Schläge", die auch als Schläge komoniert sind, und damit Wirkung erzeugen sollen, eben nicht als Schlag, sondern ein wenig als "Dahingrollen" rüberkommen.

      Beide Inszenierung, Frankfurt und Freiburg, sind sehr sehenswert, sehr unterschiedlich in der Gestaltung der visuellen Mittel und der Nutzung des Raumes, und lohnen auf jeden Fall einen Besuch.

      Das Theater in Freiburg war zur Premiere nicht ganz voll (Seitenränge waren etwa nur zu einem drittel besetzt), das mag aber auch damit zusammenhängen, daß am gleichen Tag die Premiere von Knabe's "Samson"-Inszenierung in Köln stattfand.

      Ich habe nur zwei "Mißfallensbekundungen" während des geanzen Abends gehört: Ein "Mß das jetzt sein?" bei der ermordung des Kindes am rechten Rand, und einen leisen Pfiff beim Schlußapplaus. Vor mir in der Reihe saßen Calixto's Cheerleader, da wurde gestampft, geklatscht, gepfiffen (positiv!), was das Zeug hielt.

      Matthias

      P.S.: Bilder gibt's z.B. hier: theater.freiburg.de/index/Thea…ieren_Oper.html?SpId=8170
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)