Genies? Waren es Lester Young und Stan Getz?

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    • Genies? Waren es Lester Young und Stan Getz?

      garcia schrieb:

      Der Versuch, Lester Young und Stan Getz gegeneinander ausspielen zu wollen, und dann noch auf so durchsichtige Weise, fällt natürlich auf die Versucher zurück

      Alles Weitere gern im Nachbarthread... Aber über solchen Blödsinn müssen wir ja garnicht weiter reden

      Stan Getz war ein absolutes Genie, auch wenn ich (da sind wir uns nah) seine Bossasachen nicht so mag, wenn er zu seinem Instrument griff kam da Bewunderungswürdiges raus, immer.

      Immer. Und das können nur wenige von sich sagen.
      Ich nehme das mal auf, ohne so ganz genau zu wissen, wie man das Thema anfangen könnte.

      Gehen wir daher chronologisch vor : Lester Young (1909 - 1959) ist zusammen mit Charlie Parker (1920-1955) noch heute DER Musiker gewesen, die das "moderne Saxophonspiel" maßgeblich nahezu im Alleingang prägten. Der Satz ist sicher zumindest angreifbar, aber zunächst einmal mMn absolut zutreffend.

      Lester Youngs Karriere begann in den späten 1920-er Jahren, also zu einer Zeit, als man mit dem Jazz noch in der Nähe der Steinzeit agierte, als es gerade mal "Bigbands" gab, die um die 10-13 Musiker umfassten, als es kaum brauchbare Saxophonisten überhaupt gab (ich weiß, auch der Satz ist angreifbar: Sidney Bechet, Johnny Hodges, Benny Carter, Harry Carney, Coleman Hawkins, Bud Freeman oder Happy Cauldwell lassen grüßen), die einen eigenen Stil entwickelt hatten.

      Youngs größter Einfluss wurde dann auch kein schwarzer Musiker, sondern der weiße C-Melody-Saxophonist Frankie Trumbauer, einem Musiker, der sich in einem Kreis um Bix Beiderbecke , dem legendären Kornettisten, befand.

      Stan Getz (1927 - 1991) war da gerade mal geboren, daher können wir her keinerlei Vergleiche heranziehen.

      Youngs Familie zog nach Algiers, einem Vorort von New Orleans, als Lester noch ein Kind war. Er lernte zunächst Schlagzeug, dann Violine, eine Zeit lang sogar Trompete, erst dann Altsaxophon. Sein Vater war selbst Musiker und konnte nahezu alle wichtigen Instrumente selbst spielen, sein Bruder Lee sollte ein recht guter Drummer werden, der später mit u.a. Nat King Cole spielen sollte. Lester als auch Lee gehörten zur Familienband, die für den Karneval und andere Veranstaltungen gebucht werden konnte. Später zogen sie nach Memphis und weiter nach Minneapolis. 1927 verließ er die Familienband, nachdem es immer wieder Streitigkeiten gab.

      Von 1927-1929 spielte er bei den "Bostonian's zunächst Alt - und Baritonsax, dann Tenor, weil der Kollege einfach nicht gut genug war. 1930 ging er zu Walter Page's "Blue Devils", später mit anderen Bands. 1932 traf auf einen gewissen Charlie Christian, der 1939 die Jazz-Gitarre revolutionieren sollte. 1932 hörte er das erste Mal Frankie Trumbauer, von dem er sich alle Platten kaufen sollte. Dazu kam noch der Einfluss von Bud Freeman, ebenfalls einem Weißen, der bereits ein sehr guter Tenorsaxophonist gewesen war. Diese beiden Musiker waren die Schlüsselfiguren zu seinem eigenen Stil.

      DER Star am Saxophonisten-Himmel, besonders auf dem Tenorsax, war aber Coleman Hawkins, der bis 1934 im Orchester von Fletcher Henderson spielte. Er hatte einen voluminösen, machtvollen Ton. Mit ihm konnte er sich auf einer Session 1933 dann auch messen. 1934 dann kurz bei Count Basie, wurde er Nachfolger von Hawkins bei Henderson. Doch er spielte völlig "anders" als dieser: Dünner Ton, den Beat nicht auf dem Schlag spielend, sondern nach Hinten weg schiebend, mehr relaxed, "entspannter", "cooler" und weniger extrovertiert als jener von Hawkins. Er passte nicht zur Henderson-Band, da halfen auch nicht die täglichen "Hörstunden" bei Hendersons Ehefrau, die Young die Aufnahmen von Hawkins immer wieder vorspielte, in der Hoffnung, Young würde dann dessen Stil übernehmen.

      Young ging nun zu Andy Kirk, aber vor allem seine zweite Zeit bei Count Basie von 1936-1940 war maßgeblich für das, was kommen sollte. Hier entfaltete er seinen eigenen Stil, hier wurde der zu jenem Vorbereiter und auch Vollender einer Entwicklung, die man damals nicht für möglich hielt. Er lieferte sich "heiße" Tenor-Duelle mit seinem Kollegen Hershel Evans, der 1939 verstarb und durch Buddy Tate ersetzt wurde. Evans als auch Tate spielten klar die Hawkins-Richtung, während Young eben Young spielte.

      Auch seine vielen Aufnahmen mit der Sängerin Billie Holiday wurden berühmt. Holiday gab ihm auch den Spitznamen "Prez", was "Präsident" bedeutete (ab 1937). 1938 wirkte er auch am legendären Carnegie Hall-Concert der Benny Goodman-Band als Gast mit, wie weitere seiner Basie-Kollegen und Musikern aus der Duke Ellington-Band.

      Ende 1940 verließ Young die Basie-Band, von da an leitete er eigene Bands, teilweise mit seinem Bruder Lee an den Drums. 1943-1944 kehrte er zu Basie zurück. 1944 wirkte er noch im Kurzfilm "Jammin' the Blues" mit, ehe er quasi vom Drehort weg eingezogen wurde. Bei der Army wurde er, der einen sehr verletzlichen Charakter hatte, dann von sadistischen Vorgesetzten quasi kaputt gemacht. Im Grunde endet hier Youngs Zeit als stilbildender Musiker. Daher mache ich hier einen Break.

      Stan Getz, dessen richtiger Name eigentlich Stanley Geyetzky lautete, war der Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine. Auch er spielte in seiner Anfangszeit Altsaxophon. Bereits 1943 brannte er von Zuhause aus durch und ging zur Bigband von Jack Teagarden, dem großen texanischen Posaunisten, der später mit Louis Armstrong auf Tournee gehen sollte. Teagarden wurde sogar der Vormund von Getz. 1944-1945 spielte er bereits mit Stan Kenton Tenor, 1945 bei Benny Goodman, der ihn aber feuerte, weil er noch zu unreif war, 1946 bei Randy Brooks, dann bei Jimmy Dorsey.

      1947 spielte er mit Jimmy Giuffre, Zoot Sims, Herbie Steward in der Band von einem Trompeter mit dem Namen Tony Di Carlo. ein gewisser Gene Roland schrieb für diese ungewöhnliche Band die Arrangements und spielte auch Klavier. Diese Band hört der Bandleader Woody Herman, der gerade ein neues Orchester zusammenstellte. Er engagierte Getz, Steward und Zoot Sims für seine Band, Giuffre ging zu Jimmy Dorsey. Bei Herman waren zu dieser Zeit Ralph Burns, Neal Hefti und Shorty Rogers für das neue Bandbook verantwortlich.

      Ralph Burns war es gewesen, der mit dem Stück "Four Brothers" - das waren Getz, Sims, Steward, und der neu dazu gekommende Baritonsaxophonist Serge Chaloff (auch er aus einer Einwanderer-Familie aus Russland stammend) für den neuen lang verantwortlich, den er einführte: Den lakonischen Stil Lester Youngs auf einen ganzen Saxophon-Satz übertragen in den damals modernen Jazz übertragend. Denn ab etwa 1943/44 wurde der Stil Lester Youngs für eine neue Generation von Musikern wichtiger als jener von Coleman Hawkins. Dazu kam die moderne Technik und die modernen Läufe des Bop über Charlie Parker dazu.

      In "Four Brothers" spielten allie vier Saxophonisten Soli, doch weitaus berühmter wurde er mit dem Stück "Early Autumn" , einer wunderschönen Ballade aus der Suite "Summer Sequence" von erneut Ralph Burns. Es war der vierte Teil daraus. Hier konnte man den extrem "coolen" Ton , der trotzdem wunderschön war, wirklich bewundern. Es sollte der Durchbruch für Getz werden.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Stan Getz verließ im Frühjagr 1949 die Herman-Band. Zunächst war er selbst Bandleader, arbeitete aber auch für Sarah Vaughn, Ella Fitzgerald oder "Jazz at the Philharmonic" von Norman Granz. Anfang der 1950-er Jahre leitete er wieder eine eigene Band, zu der auch der ausgezeichnete Gitarrist Jimmy Raney gehörte. 1952 schrieb er das Stück "Dear Old Stockholm", der zum Jazz-Standard werden sollte.

      Lester Young und auch Stan Getz hatten große Probleme mit Drogen, Young auch mit Alkohol. Hier kann man wieder Gemeinsamkeiten finden, die man beiden Musikern nicht gewünscht hätte. Während Young damit vor allem seine Zeit bei der Army vergessen wollte, war es bei Getz eher eine typische Mode-Erscheinung der damaligen Zeit, die viele Musiker kaputt machen sollte. Darunter Charlie Parker, Fats Navarro, Sonny Berman oder auch Bud Powell. Kaum ein Musiker der Generation ab Jahrgang 1920 bleib davon verschont.

      Young war auch entsetzt darüber, dass er "sein" Spiel ab ca 1945 herum bei fast allen Saxophonisten hörte, aber auch selbst bei Trompetern oder Gitarristen konnte man die Dinge hören, die Young mit quasi erfand. Und mit dem Tenoristen Paul Quinichette gab es zudem einen Musiker, der den Stil Youngs so verinnerlicht hatte, dass er wie er klang. Er bekam sogar den Namen "Vize-Pres" dafür verhängt. Andere wie Getz, Sims, Steward, Brew Moore, Warne Marsh, Allen Eager, später dann Richie Kamuca, Bill Perkins, Phil Urso, Seldon Powell, Giuffre sollten noch mehr aus Youngs Stil übernehmen. Für Young war das einfach unbegreifbar.

      Stan Getz wanderte 1954 erst einmal ins Gefängnis. Anschließend ging er mit JATP auf Europa-Tournee. Dort blieb Getz erst einmal mehrere Jahre. 1961 meldete er sich mit einer Aufnahme mit Streichern wieder zurück. Anschließend wurde er bekannt, als er den Cool Jazz-Stil mit dem Samba Südamerikas verband, und ein neuer Tanz entstand, der Bossa Nova. "Desafinando", 1962 eingespielt auf der LP "Jazz Samba" mit Charlie Byrd an der Gitarre, wurde ein Hit, "The Girl from Ipanema" 1963 mit Astrud Gilberto, Joao Gilberto und Antonio Carlos Jobim wurde ein absoluter Welthit. Getz war wieder ganz Oben auf der Liste. Zu diesem Zeitpunkt war Lester Young bereits vier Jahre tot......

      Auch hier wieder ein Cut.

      Wer nun ein Genie war oder nicht, vermag ich immer noch nicht beantworten können, aber diesen Satz habe auch nicht ich geschrieben, sondern der von mir geschätzte User Garcia. Soll er es mal erklären, ich bin gespannt, wie er das anstellen mag. Meine Meinung dazu ist eigentlich klar. Doch ich will sie nicht schreiben, das wäre Beeinflussung. Nur so viel, ich verwende dieses Wort nur extrem selten. Louis Armstrong, Duke Ellington und Charlie Parker würde ich dazu zählen, Miles Davis auch. Doch dann wird es eng. Es gbt meiner bescheidenen Meinung nach noch welche, aber waren auch Lester Young und/oder Stan Getz eines gewesen?
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Vielleicht sollte man, um die im Eröffnungsposting zitierte Aussage von garcia ("Der Versuch, Lester Young und Stan Getz gegeneinander ausspielen zu wollen, und dann noch auf so durchsichtige Weise, fällt natürlich auf die Versucher zurück") nachvollziehen zu können, erwähnen, dass ich zuvor das böse Wort "What Prez deserves Stan gets" erwähnt habe. Ein Ausdruck des Neides schwarzer Musiker auf den unglaublichen kommerziellen Erfolg, den Stan Getz in den 60er Jahren mit seinen Bossa Nova-Alben hatte.
      I remember when I was 13 or 14 I wanted to become a conductor. But I thought: How can this be? I don't look like a conductor. Conductors look very old, come from Germany and have white hair. But I come from Mexico, am a kid and I'm a woman.
      (Alondra de la Parra)
    • music lover schrieb:

      "Der Versuch, Lester Young und Stan Getz gegeneinander ausspielen zu wollen, und dann noch auf so durchsichtige Weise, fällt natürlich auf die Versucher zurück"
      Also, ich denke mal, dass niemand hier die Beiden gegeneinander ausspielen möchte. Vielleicht hätte ich die Überschrift anders wählen müssen, das wäre eine Möglichkeit gewesen. Doch eigentlich geht es MIR darum, gewisse Unterschiede zwischen diesen beiden "Giganten des modernen Tenorsaxophon-Spielens" aufzuzeigen, und auch ein wenig zu verdeutlichen, warum ICH Einen davon als "Genie" und den Anderen eben als "nur" exzellenten Vertreter seiner Zunft" bezeichnen würde.

      Denn bei aller Wertschätzung beider Musiker: Stan Getz war NICHT stilbildend gewesen, aber Lester Young. Young hat seine Spielweise im Grunde völlig alleine entwickelt, denn gerade Frank Teschemacher verstarb bereits sehr früh 1932. Young selbst fiel erst bei Fletcher Henderson wirklich mit seiner Spielweise auf, Platten sind sogar erst ab 1936 nachweisbar.

      Erst das Duo Sonny Rollins/John Coltrane brachte wieder echte Neuerungen in das Spiel der Tenoristen, bzw. in den ganzen Jazz mit ein.

      Getz würde ich da eher als den "Perfektionierende" bezeichnen. Er führte Young, Parker und irgendwie auch Warne Marsh zusammen, so dass eine Art "Lester plus Bop"-Stil entstand, mit Tendenz zum Cool Jazz der späten 1940-er Jahre. Doch bis etwa 1954 hatte er auch ein Faible für schnelle Tempi. Man höre z.B. sein berühmtes Shrine Auditorium-Konzert mit Bob Brookmeyer und die LP "For Musicians Only" mit Dizzy Gillespie als Leader (1956) lassen da gute Hörmöglichkeiten zu..

      Stan Getz war auch nicht der Erste, der Bossa Nova spielte, das war in der Tat Dizzy Gillespie, der ca ein halbes Jahr vorher bereits ein Album mit dieser Musik einspielte. Damit entfällt sogar hier etwas, denn er hat den Bossa durchgesetzt, aber eben nicht "erfunden", das war Gillespie gewesen. Leider wird das immer wieder gerne übersehen. Das Album kam nur später heraus, warum auch immer.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)