Wanted: Musik aus dem Dreißigjährigen Krieg

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    • Wanted: Musik aus dem Dreißigjährigen Krieg

      Liebe Leute,


      wie manche von Euch wissen, stelle ich an meiner Schule mit ner ganzen Menge Schülerinnen und Schülern jedes Jahr ein Theaterprojekt auf die Beine.
      Dazu gehört auch die Arbeit mit meinem Theaterorchester.


      Dieses Jahr gibt es was lokal Unterfränkisches.
      Der Archivar unseres kleinen Städtchens hat eine handgeschriebene Chronik eines Amtmannes und späteren Bürgermeisters ausgegraben und es unternommen, sie in sechsmonatiger Arbeit buchstabengetreu in den Computer zu kloppen. Der Arme.


      Das Manuskript umfasst 151 Seiten und ist in einem frühen Neuhochdeutsch, vermischt mit unterfränkischem Dialekt, keiner Orthographie und einer Sauklaue verfasst.
      Es beginnt zur zweiten Halbzeit 1631 und endet nach dem Finale 1650.


      Ich bin seit geraumer Zeit dabei, den Text in die Sprache der Gegenwart zu übertragen und, wo möglich, mit Verweisen auf historische Persönlichkeiten und überregionale Ereignisse zu versehen.
      Dies wird dann die Basis für unser neues Theaterstück werden, bei dem ich dann natürlich dramaturgisch vorteilhafte Elemente hinzuerfinden muss. Wie z.B. Frauen. :D


      Ich suche also nun (geile) Orchester- bzw. Ensemblemusiken, die aus der Zeit (und möglichst aus dem deutschsprachigen Raum) stammt, als Intermezzi zwischen den Szenen. Möglicherweise auch die eine oder andere hübsche Sache für eine Vokalstimme und Instrumente.
      Denn diese Epoche ist so garnicht meine Baustelle.


      Besetzung spielt keine Rolle, da wir die Sachen wie gehabt eh unterfrankenfreundlich für lauter Bläser ummodeln und dem dieses Schuljahr vorhandenem Instrumentarium anpassen müssen.


      Wer gute Vorschläge hat - ich wäre dankbar! Gerne auch gleich mit Aufnahmevorschlag.
      Und natürlich etwas, von dem anzunehmen ist, dass man dafür auch Noten zu kaufen bekommt.


      Ich danke im Voraus


      audi




      Für Tüftler eine kleine Kostprobe. Ein Eintrag vom Mai 1645.


      Jn diessem Aussgehendte Abfili ist noch dia gantze Franzhösische Armato Zu 16000 man Zu Ross Vndt Fuss in dass Bistumb Wörtzburg alsa in dem Ockssenfurdter Gey ankomen Ihre Fürstl. Gndt. Zu Wortzburg alsobalten besprechen lassen ob er Wolle ihnen der Cron Franckreich alle befürdterung leisten Die böss Vbern Meyn solle ihre hoch Fürstl. Gndt. alsobalten ein Raumen Vndt sich gantz Vndtergeben auch die orma leüdt übel ler trackirt mit gelt bress mit Vnzucht Vndt Junge Kind dass sie gestorben sein, gleicher gestalt mit allten verlebten Weibern dass sich dass armen Vadterlandts auch dass gantzen Hämischen Reichs verterblicher Vndtargang Jomerlich sehe liss, Weille ober Gott der Allmächtige seine Göttliche Vndt gawaltige handt in Viellem nit ehro seine losst den wan die hochste Not vor der handt ist auch ein bebelohner alless gutss Vndt ein stroffer alless obless ist hat der Gütige Gott durch seinen Göttlichen Vndt Barhertzigen Willen in diesser höchster gefahr sich auch vber vnss erbarmt vndt die gantze Franzthossische Armato den 6. May durch die Chur Borische Armato der Genrall Freyherr Johan deWert gefürt hat bey Hebschtusn ober Mörgthal eingefallen, dass gantze Frantzhösische FussFulck ins Blut gelegt die Reüdterey Vber den halben Deill Nitergemacht Verfulgt biss nocher Retzbach Vbern Meyn getrieben dass Vber 200 pferdt ersoffen der Frantzhüsche.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Vielleicht ist auch hier etwas dabei ?

      Hans Leo Haßler:

      "https://www.youtube.com/watch?v=q-XSslqTORo"
      "https://www.youtube.com/watch?v=9KqzAY5Ylkw"

      Adam Krieger:

      "https://www.youtube.com/watch?v=XqU8hAZxuBw"

      Dietrich Buxtehude:

      "https://www.youtube.com/watch?v=KGls95ScM4o"

      VG

      Palisander
    • Palisander schrieb:

      Fündig wird man vielleicht auch bei Schein und Praetorius. Die sind aber wohl schon zu alt.
      Schein (1586-1630) kommt noch hin, Praetorius (1571-1621) weniger. 1618-1648 ging der Dreißigjährige Krieg.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • das "Görlitzer Tabulaturbuch" (1650) von Samuel Scheidt (1587-1654) enthält eigenartig herbe Choralaussetzungen für Tasteninstrument, die sich gut für diverse Besetzungen einrichten lassen sollten:

      hz.imslp.info/files/imglnks/us…r_Tabulaturbuch_Score.pdf

      (vgl. z.B. "Aus tiefer Not" Nr. 63/64)
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • …. wir haben seit ein paar Tagen tatsächlich diesen ominösen G u h g l hier in der Einöde, denke mal an 8) 8)
      - - - - in letzterer Zeit gar eine Hand voll solcher Art Frauen, die nach gleicher Berechtigung heischen . . . . . .

      nee mal ganz im Ernst jetzt . . . im Frühsommer 06 hatte es mich ja zurück in die alte unterfränkische Heimat bugsiert . . .
      irgendwann war die Fußball - WM auch herum, und ich musste immer noch einige Monate ohne Internet auskommen <= war prä-suizidal, mal ehrlich jetzt . . .

      SRY für das OT - ige hier, musste mal gesagt sein :jaja1: :jaja1:
      >>>>Wer Rechtschreibefehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • gab auch mal ne CD mit Musik des bereits (in Beitr. 9) erwähnten Matthias Weckmann, die tatsächlich "Wie liegt die Stadt so wüste" hieß, auch mit zwei 4, 5min. (klaro tödlich ernsten, irgendwie aber auch einfach schönen) Instrumentalstücken bei . . . ist derzeit aber weder in Maria-Josephs-Hütte noch an der Wolga aufgelistet . . .

      noch unbekannter als Weckmann dürfte Melchior Franck sein . . . wenigstens oben in Coburg wissen sie ihn scheints zu ehren:
      de.wikipedia.org/wiki/Melchior…platz-Melchior-Franck.jpg
      irgendwann hatte es ihn von N auf die Veste Coburg verschlagen . . . soll dann später dort arm und kirchenmäusig verstorben sein . . .

      die eindringlichsten seiner 1615er Bußpsalmen sind für mich "meditative Musik at its best" . . . paar Minütchen mal reinhören könntest Du wohl:



      <= kann beides türlich auch nach nebenan (gerne auch für länger) mal ausgeliehen werden :wink: :wink:
      >>>>Wer Rechtschreibefehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • audiamus schrieb:

      Dies wird dann die Basis für unser neues Theaterstück werden, bei dem ich dann natürlich dramaturgisch vorteilhafte Elemente hinzuerfinden muss. Wie z.B. Frauen. :D
      Wem ein tugendsam Weib bescheret ist,
      die ist viel edler, dann die köstlichen Perlen.
      Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen,
      und Nahrung wird ihm nicht mangeln.
      Sie tut ihm Liebs und kein Leid sein lebelang.

      Johann Hermann Schein, Motette Nr. 22 aus dem Israelsbrünnlein 1623

      Fünfstimmig, geht sicher auch instrumental (vor allem, wenn der Text in Unterfanken als unpassend empfunden wird).

      Eine schöne Aufnahme von Radio Bremen:


      :tee1:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • audiamus schrieb:

      Ich dachte einfach, ich befinde mich in einem Klassik-Forum, um persönliche Empfehlungen erhalten zu können.
      So. Dachtest Du. Dann schau doch mal auf die Startseite dieses Forums. Da steht ganz groß "Kulturforum". Und ich glaube, die URL lautet auch so ähnlich. Das muss auch so sein, weil man sonst keine kulturellen Errungenschaften wie Shishas behandeln könnte. :D

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Ich stecke mal den Rahmen ab:

      Hieronymus Praetorius (1560–1629)
      Hans Leo Hassler (1564–1612)
      Christoph Demantius (1567–1643)
      Christian Erbach (c. 1568–1635)
      Michael Praetorius (c. 1571–1621)
      Heinrich Schütz (1585–1672)
      Jacob Praetorius (1586–1651)
      Johann Schein (1586–1630)
      Samuel Scheidt (1587–1654)
      Heinrich Scheidemann (c. 1595–1663)

      Johann Vierdanck (c. 1605–1646)
      Andreas Hammerschmidt (1611/1612–1675)
      Philipp Friedrich Buchner (1614–1669)
      Franz Tunder (1614–1667)
      Johann Jakob Froberger (1616–1667)
      Matthias Weckmann (c. 1616–1674)
      Johann Rosenmüller (1619–1684)
      Johann Heinrich Schmelzer (c. 1620–1680)
      Johann Caspar Kerll (1627–1693)
      Christoph Bernhard (1628–1692)

      Also: von Musik, die um 1618 seit einigen Jahren verbreitet war (sagen wir: komponiert um 1600) bis zu dem Zeitpunkt, als sie um 1650 ganz neu war - da wären wir bei den oben genannten Komponisten gut dabei. Da würde ich diese zwanzig Namen nennen, von denen es brauchbare Werke für dich geben sollte.

      Instrumentalmusik für deine Zwecke ist da nicht bei allen vorhanden - Schmelzer würde allein aus dem zeitlichen Rahmen fallen (war außerdem am Habsburger Hof tätig), Hammerschmidt hat fast nur geistliche Musik komponiert. Da schlage ich vor:

      Johann Vierdanck - Sonaten
      Samuel Scheidt - Ludi Musici
      Johann Schein - Banchetto Musicali

      Heinrich Schütz hat viel Vokalmusik geschrieben - da wäre fürs Ende des Dreißigjährigen Krieges ein Stück aus der Geistlichen Chor-Music (Dresden, 1648) vielleicht ganz passend.

      Das als erster Einstieg... :jaja1:

      Grundsätzlich wird es eh darauf hinauslaufen, daß du selber mal bei youtube schaust, was man an brauchbarer Musik finden kann - ich habe nur die Zeit eingegrenzt, damit du gut suchen kannst. Beachte auch manche Vokalmusik oder Orgelstücke, vielleicht gibt es da auch was für dich. Auf Unterfranken habe ich mich bewußt nicht eingeschränkt - da wäre die Ausbeute nicht wirklich groß.

      Ansonsten: viel Glück fürs Projekt... :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Palisander schrieb:

      Der von Audiamus genannte Zeitraum umfasst eigentlich nicht mehr so sehr die Musik des Frühbarocks oder gar der Renaissance. Das ist eher schon Hochbarock......
      Ohne eine scharfe Grenze festlegen zu wollen - alles bis 1650 würde ich noch dem Frühbarock zurordnen wollen ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)