Zeit-Campus-Artikel über freiberufliche Musiker und ihre Lebenssituation

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    • Danke für deinen Beitrag, Anne. Ich sehe das sehr ähnlich. Ich habe viele Jahre in einer großen Übersetzungsagentur gearbeitet. Die meisten Übersetzer werden freie Mitarbeiter. Die Kollegen (ich bin kein Übersetzer) haben mir gesagt, dass im Studium nur fachliches vermittelt wird, aber gar nicht auf die Nebenaspekte der Berufausübung, die sich dann schnell als Hauptsachen herausstellen, wenn man seine Miete zahlen will. Nun muss das nicht direkt von der Uni geleistet werden, aber wenigstens sollten Hinweise auf die sehr guten Kurse der IHK hingewiesen werden. Niemand der Kollegen und freien Mitarbeiter hatte davon gewusst und sie haben fast alle administrativ dillettiert. Auf einem anderen Blatt steht, dass eine freier Mitarbeiter ein selbständiger Unternehmer ist und nur die wenigsten denken unternehmerisch. Nach meiner Erfahrung ist den wenigsten Studenten selbst kurz vor dem Abschluss klar, wie die Lebenswirklichkeit in seinem Beruf aussieht. Faszinierend wieviele Studenten Berufsfelder studieren, bei denen sie wissen, dass bestenfalls 20% der Absolventen dort auch Arbeit bekommen. Was sagt der Kunsthistoriker ohne Arbeit zu dem Kunsthistoriker mit Arbeit? "Einmal Pommes mit Majo, bitte!"

      :wink: Frank
    • Es gibt doch noch einige andere Studiengänge, die einen angeblich nicht auf das (Berufs-)Leben vorbereiten - Lehramt zum Beispiel. Ich finde solche Aussagen bzw. Feststellungen einerseits bedenklich und wichtig, andererseits sind sie mit Vorsicht zu genießen. Denn man vergisst doch allzu leicht, wie grün der Schnabel beim Studienbeginn war, und nimmt viel des Gelernten schnell als selbstverständliches Wissen hin. Wenn ich mich mit meinem 19-jährigen Ich vergleiche, ist der Unterschied zwischen damals und jetzt sicher nicht viel kleiner als zwischen 19 und 10...

      Es ging mal ein Tweet durch die Medien von einem Mädchen, das "keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherung hat, aber ein Gedicht in vier Sprachen analysieren kann". Da fragt man sich erstmal - warum lernt man nicht ersteres, dafür aber letzteres? Habe ich mich auch eine Weile gefragt. Wozu brauche ich auch heute das Endoplasmatische Retikulum? :huh:
      Aber ich weiß schon, wozu: Während der Ausbildung wird man zu einem mündigen, verständigen Charakter. Man lernt Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass sie einen interessieren könnten, wird zu einem interessanten Gegenüber, bildet seine Intuition, Meinung, Kreativität aus. Worauf soll das alles basieren, wenn die Birne leer ist? 8o Es wird ein breites, stabiles Fundament gelegt. Den Mörtel unter dem Haus gucke ich später auch nie mehr an. Aber wenn er fehlt, wackelt selbst das schönste Haus, was man drauf baut...

      Klar, ein bisschen mehr Lebensnähe wäre wünschenswert. Vielleicht ist seit meinem Abitur 2009 in der Schule ja auch etwas passiert? Aber man sollte doch vor allem auch die Dinge lernen, die einem später wirklich niemand mehr zeigt, und die man sich nicht so leicht selbst erarbeiten kann, wie Marketingkram und Steuer (auch wenn vor allem letzteres es wirklich... wirklich... nervig ist... :heul1: )

      LG Anne
    • Stilbluete schrieb:

      Man darf sich auch mit dem Gedanken vertraut machen, zu unterrichten
      Die wenigsten Musiker sind wohl grundsätzlich nicht dazu bereit, zu unterrichten. Im Gegenteil: Als ich das Musikstudium begonnen habe, ist die Mehrzahl meiner Kommilitonen mit dem Ziel der späteren Unterrichtstätigkeit als Hauptquelle des Lebensunterhalts angetreten. Dass die wenigsten später eine Orchesterstelle erhalten oder gar eine Solistenkarriere starten können würden, war damals durchaus den meisten klar.

      Stilbluete schrieb:

      Teil des Musikunterrichts für Schüler und Studenten von Honorarkräften und Lehrbeauftragten geleistet wird, die in die Selbständigkeit gezwungen und schlecht bezahlt werden!
      Über Neujahr habe ich mich mit Freunden getroffen. S., die in Weimar Musik mit dem Hauptfach Geige studiert hat und seit etlichen Jahren viele Privatschüler unterrichtet, erzählte mir, dass kürzlich eine städtische Musikschule an sie herangetreten sei. Das Angebot bestand darin, für 11 Euro pro halbe Stunde zu arbeiten, natürlich als Honorarkraft, kein Anspruch auf Honorar im Krankheitsfall (auch dann nicht, wenn der Schüler die Stunde ausfallen lässt), keine Sozialabgaben, kein Fahrgeld bei insgesamt 40 Kilometern Hin- und Rückweg. 22 Euro brutto die Stunde - das ist ein akademisch ausgebildeter, hochqualifizierter Musiker den Institutionen unserer Gesellschaft wert....


      Beryllo schrieb:

      Auf einem anderen Blatt steht, dass eine freier Mitarbeiter ein selbständiger Unternehmer ist und nur die wenigsten denken unternehmerisch.
      Gewiss denken gerade unter den Musikstudenten nicht so viele wirklich unternehmerisch. Diejenigen, denen unternehmerisches Denken besonders naheliegt, studieren in der Regel (die von diversen Ausnahmen bestätigt werden mag) etwas anderes als Musik, Kunstgeschichte oder Germanistik.

      Meine Erfahrung geht dahin, dass man "unternehmerisches Denken" in irgendwelchen Crash-Kursen an der Uni (seien sie nun englisch oder deutsch übertitelt) kaum von heute auf morgen lernen kann. Lernen kann man das in längerer eigener Praxis - und womöglich lernt man es noch nicht einmal dann. Ich bin jetzt seit über 20 Jahren selbstständig, stoße mit meiner Arbeit mittlerweile - um das mal ganz unbescheiden zu sagen - auf ziemlich große Anerkennung, habe also durchaus "Erfolg", kann (bei sehr hoher zeitlicher Belastung - ich warte jetzt schon auf den hämischen Kommentar von einer bestimmten Seite) auch ganz ordentlich davon leben - aber ich denke nach wie vor nicht wirklich "unternehmerisch", was daran liegen könnte, dass ich gar nicht so denken möchte. Das völlige Primat des Ökonomischen über alle anderen Bereiche des Lebens halte ich nämlich für eine Grundseuche unserer Zeit (was nichts daran ändert, dass es mich ärgert, wenn erwartet wird, dass Instrumentallehrer mit Hochschuldiplom unter dem Lohnniveau eines jeden Klempners arbeiten).

      Beryllo schrieb:

      Ich habe viele Jahre in einer großen Übersetzungsagentur gearbeitet. Die meisten Übersetzer werden freie Mitarbeiter. Die Kollegen (ich bin kein Übersetzer) haben mir gesagt, dass im Studium nur fachliches vermittelt wird, aber gar nicht auf die Nebenaspekte der Berufausübung, die sich dann schnell als Hauptsachen herausstellen, wenn man seine Miete zahlen will.

      Für Übersetzer ist die Lage wohl noch viel schlimmer als für Musiker/Musiklehrer. Ich habe neulich einen schon älteren, aber sehr interessanten Artikel des bekannten (2007 verstorbenen) Schriftstellers und Übersetzers Hans Wollschläger gelesen: Wollschläger hatte seinerzeit für seine Tätigkeit als Übersetzer einen Stundenverdienst von ca. 7,50 Euro ermittelt - und sich bitterlich darüber beklagt, wie unsere nicht gerade arme Gesellschaft auf breiter Front mit ihren Kulturschaffenden umgeht....

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      22 Euro brutto die Stunde - das ist ein akademisch ausgebildeter, hochqualifizierter Musiker den Institutionen unserer Gesellschaft wert....

      Das ist aus meiner Sicht eine Kurzschlussargumentation. Offenbar ist es doch so, dass die fragliche Musikschule auf dem Markt genug Unterrichtende findet, die für € 11,- die halbe Stunde in einem selbständigen Verhältnis bereit sind, zu arbeiten. Das ist nicht "die Gesellschaft", sondern im Zweifelsfalle der Musikschuldirektor, der leider auch von seinen Instrumentalkünsten alleine nicht leben kann und darum eine verwaltungslastige Stelle angenommen hat, aber seinen Chefs zeigen muss, dass er in der Lage ist, seinen Laden auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgreich zu führen.

      arundo donax schrieb:

      Meine Erfahrung geht dahin, dass man "unternehmerisches Denken" in irgendwelchen Crash-Kursen an der Uni (seien sie nun englisch oder deutsch übertitelt) kaum von heute auf morgen lernen kann.

      Ich denke mal, dass die allermeisten, die ein Musikstudium erfolgreich bewältigt haben, nicht auf den Kopf gefallen sind und in einem Crash-Kurs vielleicht zumindest das eine oder andere Aha-Erlebnis haben und dies als Impuls nehmen können, mit eigenem Antrieb ihre Situation zu verbessern. - Vielleicht könnte ja auch jemand, der Oboe im Selbststudium gelernt hat, schon in der ersten Stunde eines ausgebildeten Lehrers entscheidende Impulse zur Verbesserung erhalten. - Aber ja: Einige haben das "im Blut", andere müssen sich das erarbeiten. Wie bei allen Kompetenzen.

      Aus meiner geringen Erfahrung heraus möchte ich beisteuern, dass es leider auch diejenigen gibt, die meinen, alleine auf Grundlage ihrer inneren Werte eine Stelle zu erhalten zu müssen, die ihnen (in ihrer Wahrnehmung) angemessen sei. Werbung für sich selbst zu machen, Kontakte zu knüpfen, Netzwerke aufzubauen, halten sie für unter ihrer Würde. - Wenn man es sich leisten kann, ist das natürlich ok ...

      arundo donax schrieb:

      Das völlige Primat des Ökonomischen über alle anderen Bereiche des Lebens halte ich nämlich für eine Grundseuche unserer Zeit (was nichts daran ändert, dass es mich ärgert, wenn erwartet wird, dass Instrumentallehrer mit Hochschuldiplom unter dem Lohnniveau eines jeden Klempners arbeiten).

      Schon Marx erklärte alle Kriege für Wirtschaftskriege ... so brandneu ist das mit dem Primat des Ökonomischen vielleicht nicht.

      "Unter dem Lohnniveau eines jeden Klempners": € 22,- pro Stunde sind € 880,- pro Woche oder > € 3.500,- brutto im Monat. Ich bin nicht sicher, ob die Mehrzahl der angestellten Klempner so viel bekommt. - Dass auf der Handwerkerrechnung etwas anderes steht, Größenordnung so zwischen € 40,- und € 60,-, bedeutet, dass in dem zu zahlenden Arbeitslohn auch der Unternehmergewinn und bspw. das Risiko fehlender Aufträge eingepreist ist. -> Crash-Kurs.

      arundo donax schrieb:

      wie unsere nicht gerade arme Gesellschaft auf breiter Front mit ihren Kulturschaffenden umgeht....

      Auch Bach hatte sich schon beklagt, dass seine Einkünfte in Leipzig nur ein Bruchteil von dem waren, was er am Hof zu Köthen hatte. Bei höheren Lebenshaltungskosten in Leipzig.

      Ich finde diesen Unmut über "die Gesellschaft" persönlich nicht ganz angemessen. Immerhin hat die Gesellschaft auch ein Studium über Jahre hin finanziert. Ich verstehe den Unmut und die Enttäuschung, nicht in seinem Traumberuf arbeiten zu können. Aber jammern hilft doch niemandem. Es ist, wie es ist.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Unter dem Lohnniveau eines jeden Klempners": € 22,- pro Stunde sind € 880,- pro Woche oder > € 3.500,- brutto im Monat.
      Die 22 Euro werden ja nicht pro Arbeitsstunde sondern pro Unterrichtsstunde bezahlt, und das ist keineswegs dasselbe. Deine Rechnung setzt voraus, dass der Unterricht ohne jede Vor- oder Nachbereitung gegeben wird, dass es keine Schülerkonzerte, Wettbewerbsteilnahmen, Konferenzen, Musikschulfreizeiten usw. gibt. Ich hatte selbst mal Klavierunterricht, und mein Lehrer kam zu jeder Stunde mit einem individuell ausgearbeiteten Konzept. Ich habe eben mal etwas recherchiert. Die Vollbeschäftigung eines Musiklehrers ist definiert als 30 Unterrichtsstunden zu je 45 Minuten pro Woche zuzüglich der genannten "Zusammenhangstätigkeiten". Er käme dann also bei 22 Euro pro Stunde nicht auf 3500 sondern auf 2640 Euro brutto, und das auch nur, wenn "Stunde" hier 45 Minuten bedeuten würde, andernfalls wären es nur 1980 Euro brutto. Zudem bezog sich das Angebot, von dem Arundo Donax geschrieben hat, offenbar auf einen Honorarvertrag, keine Festanstellung (die es, wie ich neulich irgendwo gelesen habe, an den meisten Musikschulen inzwischen kaum noch gibt). Das bedeutet im Normalfall, dass nur die gegebenen Stunden bezahlt werden (keine Ferien, keine Krankheitszeiten, kein Mutterschafts- oder Erziehungsurlaub usw.). Umgerechnet auf ein Monatsgehalt kommt also ein erheblich geringerer Betrag raus.

      Mauerblümchen schrieb:

      Aber jammern hilft doch niemandem. Es ist, wie es ist.
      Aber es muss nicht bleiben, wie es ist.
    • Mauerblümchen schrieb:

      Ich verstehe den Unmut und die Enttäuschung, nicht in seinem Traumberuf arbeiten zu können.
      Vielleicht hatte Hans Wollschläger ja heimlich den Wunsch, als Jetpilot seine Brötchen zu verdienen - man weiß es nicht so genau. Aber es gibt gute Gründe dafür, zu vermuten, dass er durchaus in seinem Traumberuf gearbeitet hat. Und auch ich mache die Arbeit, die ich mache, grundsätzlich sehr gerne und möchte stattdessen keinesfalls in einem Berufsorchester abgemalt sein, nachdem ich mehrfach das Vergnügen hatte, die realen Umstände in einer solchen Institution kennenzulernen. Ich sehe nicht, was der Unmut über die Situation vieler Instrumentallehrer, die nur schlecht dotierte Honorarverträge erhalten, mit "Enttäuschung" zu tun haben soll. Lass doch einfach mal mehr oder minder subtile persönliche Unterstellungen bleiben, wenn du möchtest, dass man sich mit deinen sonstigen Argumenten auseinandersetzt!

      Gruß

      Bernd
    • Bedenklich finde ich die ganzen privaten Musikschulen mit Honorarverträgen, die im Prinzip darauf basieren, Arbeitskraft auszunutzen.

      Ich sag's mal so: Ich habe deutlich mehr Anfragen als Plätze, und könnte vermutlich ohne Probleme eine "Musikschule" (bewusst in Anführungszeichen) aufmachen. Das würde heißen: Ich nenne mich ab sofort "Annes Klimperkiste", nehme sämtliche Schüler-Anfragen an und schicke die Leute zu Person 2. Das Geld, Betrag X, geht an mich. Weil ich ja die Musikschulleitung bin und die Schüler an Land ziehe, behalte ich Betrag Y und zahle an Person 2 nur X-Y. Leichtverdientes Geld für mich. Blöd nur, dass ich natürlich niemanden anstellen kann, sondern Person 2 auf jämmerlicher Honorarbasis arbeitet.

      Wenn man die privaten Musikschulen fragt, sagen sie vermutlich: Ja, schlimm, aber wir können uns leider keine Festangestellten leisten.
      Dann sage ich: Tja, bedauerlich, in dem Fall sollte man einfach keine Musikschule aufmachen. Was ich stattdessen mache: Anfragen einfach so an Person 2 weiterleiten. Gutes Karma für mich und schön für die anfragenden Schüler und Person 2. Mir wurde in meinem Leben sicher schon viel mehr geholfen, als ich anderen geholfen habe.

      Dass solche Preise von einer städtischen Musikschule angeboten werden (stimmt das wirklich?) finde ich absolut bedenklich und wirklich schlimm. :cursing:
      Meine Schlussfolgerung daraus wäre: Ich suche mir einen anderen Beruf. Aber diese Entscheidung kann jeder für sich selbst treffen.
    • Auf der anderen Seite werden Projekte als sozial gefeiert, die gratis-Musikunterricht durch Profi-Musiker (anstelle der Lehrer) in Volksschulen bringen. Soll doch jeder die Möglichkeit haben, und Musik fördert die Entwicklung.
      Gibt es wieder zwei Seiten der Medaille ...
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Sandra schrieb:

      Zudem bezog sich das Angebot, von dem Arundo Donax geschrieben hat, offenbar auf einen Honorarvertrag, keine Festanstellung (die es, wie ich neulich irgendwo gelesen habe, an den meisten Musikschulen inzwischen kaum noch gibt). Das bedeutet im Normalfall, dass nur die gegebenen Stunden bezahlt werden (keine Ferien, keine Krankheitszeiten, kein Mutterschafts- oder Erziehungsurlaub usw.). Umgerechnet auf ein Monatsgehalt kommt also ein erheblich geringerer Betrag raus.
      Genauso verhält es sich. Es gibt kaum noch Festanstellungen (an meiner Musikschule werden schon seit 15 Jahren nur noch Honorarkräfte eingestellt), und häufig (in meinem Fall ist es glücklicherweise anders) werden noch nicht einmal die Stunden, die von Schülern abgesagt werden, bezahlt. Wenn ich Ferien, Feiertage und krankheitsbedingte Ausfälle berücksichtige, komme ich bei einem Musiklehrer mit 60 Schülern, die jeweils eine halbe Stunde Unterricht haben, grob überschlagen auf durchschnittlich 1600 Euro Brutto(!)einkommen im Monat.


      Sandra schrieb:

      Aber es muss nicht bleiben, wie es ist.
      Dieser Meinung bin ich ebenfalls.

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • Handelt es sich dabei nicht um (verbotene) Scheinselbständigkeit? Das ist freilich ein Problem, das nicht nur Musiklehrer betrifft.
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    • Sandra schrieb:

      Die 22 Euro werden ja nicht pro Arbeitsstunde sondern pro Unterrichtsstunde bezahlt, und das ist keineswegs dasselbe. Deine Rechnung setzt voraus, dass der Unterricht ohne jede Vor- oder Nachbereitung gegeben wird, dass es keine Schülerkonzerte, Wettbewerbsteilnahmen, Konferenzen, Musikschulfreizeiten usw. gibt. Ich hatte selbst mal Klavierunterricht, und mein Lehrer kam zu jeder Stunde mit einem individuell ausgearbeiteten Konzept. Ich habe eben mal etwas recherchiert. Die Vollbeschäftigung eines Musiklehrers ist definiert als 30 Unterrichtsstunden zu je 45 Minuten pro Woche zuzüglich der genannten "Zusammenhangstätigkeiten". Er käme dann also bei 22 Euro pro Stunde nicht auf 3500 sondern auf 2640 Euro brutto, und das auch nur, wenn "Stunde" hier 45 Minuten bedeuten würde, andernfalls wären es nur 1980 Euro brutto.

      Danke! Ich hatte die "€ 22,- pro Stunde" von arundo donax für bare Münze (im Sinne des Wortes ;) ) genommen.

      So ist die Lage freilich anders. Ja, € 2.640,- plus die Tage im Monat, die über vier Wochen hinaus gehen.

      Dabei hat ein Gymnasiallehrer (mit bundeslandindividuellen Abweichungen) so um die € 3.600,- brutto. Damit sollte es für mein Gefühl schon vergleichbar sein.

      oeffentlichen-dienst.de/news/6…-gehalt-lehrergehalt.html

      Sandra schrieb:

      Das bedeutet im Normalfall, dass nur die gegebenen Stunden bezahlt werden (keine Ferien, keine Krankheitszeiten, kein Mutterschafts- oder Erziehungsurlaub usw.). Umgerechnet auf ein Monatsgehalt kommt also ein erheblich geringerer Betrag raus.

      Das ist ein weiterer Knackpunkt. Bei drei Monaten Schulferien im Jahr sind also € 2.640,- x 9 auf zwölf Monate zu verteilen. Macht € 1.980,- pro Monat.

      Und dass im Krankheitsfalle nicht weitergezahlt wird, geht eigentlich gar nicht ...

      arundo donax schrieb:

      und häufig (in meinem Fall ist es glücklicherweise anders) werden noch nicht einmal die Stunden, die von Schülern abgesagt werden, bezahlt.

      Das geht natürlich auch nicht. Der Lehrer ist im Zweifelsfalle vor Ort und hatte die Anfahrt.

      arundo donax schrieb:

      Lass doch einfach mal mehr oder minder subtile persönliche Unterstellungen bleiben

      Lieber Bernd, wenn Du das so wahrnimmst, dann lebe doch einfach mal vor, wie Du es gerne hättest, und ergeh Dich für Deinen Teil nicht in Unterstellungen, ok? ;) Könntest ja z. B. mal nachfragen, ob etwas persönlich gemeint sein sollte, bevor Du Deinerseits eine Unterstellung vom Stapel lässt.

      putto schrieb:

      Handelt es sich dabei nicht um (verbotene) Scheinselbständigkeit? Das ist freilich ein Problem, das nicht nur Musiklehrer betrifft.

      Hängt wohl auch vom Grad der Beauftragung ab. Wenn einer regelmäßig 30 Stunden pro Woche für ein- und dieselbe Musikschule schrubbt, dann liegen mehrere Kennzeichen vor, die von Gerichten ggf. herangezogen werden:

      - nur ein Auftraggeber über einen längeren Zeitraum
      - kein Angestellter (Solo-Selbständig bzw. Solo-Entrepreneur)
      - arbeitet primär in den Räumen des Auftraggebers
      - zahlt keine gesetzlichen Sozialbeiträge, sondern in private Sicherungssysteme ein

      Das könnte man z. B. im Crash-Kurs lernen.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Stilbluete schrieb:

      Es gibt doch noch einige andere Studiengänge, die einen angeblich nicht auf das (Berufs-)Leben vorbereiten - Lehramt zum Beispiel. Ich finde solche Aussagen bzw. Feststellungen einerseits bedenklich und wichtig, andererseits sind sie mit Vorsicht zu genießen. Denn man vergisst doch allzu leicht, wie grün der Schnabel beim Studienbeginn war, und nimmt viel des Gelernten schnell als selbstverständliches Wissen hin. Wenn ich mich mit meinem 19-jährigen Ich vergleiche, ist der Unterschied zwischen damals und jetzt sicher nicht viel kleiner als zwischen 19 und 10...

      Es ging mal ein Tweet durch die Medien von einem Mädchen, das "keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherung hat, aber ein Gedicht in vier Sprachen analysieren kann". Da fragt man sich erstmal - warum lernt man nicht ersteres, dafür aber letzteres? Habe ich mich auch eine Weile gefragt. Wozu brauche ich auch heute das Endoplasmatische Retikulum? :huh:
      Aber ich weiß schon, wozu: Während der Ausbildung wird man zu einem mündigen, verständigen Charakter. Man lernt Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass sie einen interessieren könnten, wird zu einem interessanten Gegenüber, bildet seine Intuition, Meinung, Kreativität aus. Worauf soll das alles basieren, wenn die Birne leer ist? 8o Es wird ein breites, stabiles Fundament gelegt. Den Mörtel unter dem Haus gucke ich später auch nie mehr an. Aber wenn er fehlt, wackelt selbst das schönste Haus, was man drauf baut...

      Klar, ein bisschen mehr Lebensnähe wäre wünschenswert. Vielleicht ist seit meinem Abitur 2009 in der Schule ja auch etwas passiert? Aber man sollte doch vor allem auch die Dinge lernen, die einem später wirklich niemand mehr zeigt, und die man sich nicht so leicht selbst erarbeiten kann, wie Marketingkram und Steuer (auch wenn vor allem letzteres es wirklich... wirklich... nervig ist... :heul1: )

      LG Anne


      Ich seh's ähnlich.
      "Es ging mal ein Tweet durch die Medien von einem Mädchen, das "keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherung hat, aber ein Gedicht in vier Sprachen analysieren kann". Da fragt man sich erstmal - warum lernt man nicht ersteres, dafür aber letzteres?"

      Ist es tatsächlich Aufgabe von wissenschaftlichen oder künstlerischen HOCHSCHULEN, ihre Absolventen zur Lebenstüchtigkeit zu erziehen? (Warum haben die das Attribut "wissenschaftlich" bzw: "künstlerisch"?) Ist das die Aufgabe von Gymnasien? Und wenn wir schon so etwas für Sekundarstufe und Hochschule fordern sollten - wer weist die Azubis in den Ausbildungsberufen darauf hin, daß der Beruf, den sie gerade erlernen, eventuell einer ist, bei dem man sich keine goldene Nase verdient oder/und ein hohes Risiko für Arbeitslosigkeit trägt? Oder ist das nicht die eigentliche, originäre Aufgabe der Eltern (oder sonstiger Erziehungsberechtigter), inkl. des nachfolgenden Supports? Was hätten die denn dann sonst für eine Verantwortung?

      Und ganz ehrlich: ich bin schon länger an einem Punkt, bei dem ich nicht weiß, ob ich etwas, was mir momentan als unnötiges (Trivia-)Wissen vorkommt, nicht doch irgendwann brauche. Vor allem, wenn ich (wie als junger Mensch) noch gar nicht weiß, wo die Reise hingeht. Das läßt sich nämlich immer erst hinterher bewerten, ob irgendwas tatsächlich (bislang) nicht brauchbar war.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Stilbluete schrieb:

      Bedenklich finde ich die ganzen privaten Musikschulen mit Honorarverträgen, die im Prinzip darauf basieren, Arbeitskraft auszunutzen.
      Bei den privaten Musikschulen bzw. Vermittlungsagenturen läuft es in der Tat oft noch ärger als bei den kommunalen Musikschulen.

      Eine gute Freundin von mir arbeitet in Bonn für eine Firma, die Musiklehrer für den Streicher- oder Bläserklassenunterricht an Schulen (hauptsächlich Gymnasien) vermittelt. Sie hat es in einer harten Verhandlung geschafft, einen immer noch ziemlich lausigen, aber wenigstens nicht ganz so jämmerlichen wie den ansonsten von dem Laden angebotenen Stundenlohn herauszuholen, aber bezahlt werden natürlich nur die gegebenen Stunden. Wenn der Schüler krank oder auf Klassenfahrt ist, guckt der Lehrer in die Röhre; es muss ständig eine umfängliche Anwesenheitsliste geführt werden, und bei der monatlichen Abrechnung gibt es regelmäßig Ärger. Auch ansonsten ist der Tonfall der "Firma" gegenüber den "Angestellten" unter allen Kanonen; andauernd treffen bei meiner Freundin Mails mit unglaublichen Inhalten ein. Hier ein Beispiel:

      "Sehr geehrte, liebe Lehrer,
      offensichtlich hat die derzeitige intensive Berichterstattung in sämtlichen Medien und Social Networks zum Thema „sexuelle Übergriffe auf Schutzbefohlene“ bzw. in der „Me-Too“-Debatte dazu geführt, dass Kinder, Eltern und Schulen diesbezüglich ganz besonders kritisch, empfänglich und empfindlich sind. Auch wir als xxx wurden davon leider nicht verschont. So wurde uns u. a. auferlegt, von sämtlichen für uns arbeitenden Musikern und Instrumentallehrern ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis anzufordern und auf Verlangen vorzulegen. Sofern nicht bereits erledigt, bitten wir Sie, uns das Zeugnis bis spätestens 30. April 2018 vorzulegen.
      Da viele von Ihnen Einzelunterricht ohne Anwesenheit weiterer Personen erteilen, empfehlen wir Ihnen dringend (sofern Sie dies bisher nicht sowieso schon immer so gehalten haben), zu Ihren SchülerInnen absolute Distanz zu wahren, d. h. die Kinder NICHT anzufassen, weder um ihre Hände zu führen oder die Kinder gerade/korrekt hinzustellen/hinzusetzen. Die Kinder dürfen auch nicht umarmt werden. Zur Begrüßung/Verabschiedung reicht ein Händedruck – bitte nicht mehr! Lob, Komplimente und ggfs. Tadel sind ausschließlich auf den Unterricht/das Instrumentenspiel zu beschränken. Bitte verzichten Sie auf private/persönliche Komplimente und Gespräche.
      In den meisten Fällen können Sie durch eigenes Vormachen den Kindern zeigen, was Sie von ihnen wollen. Lockerungsübungen müssen nicht von Ihnen am Kind durchgeführt werden, sondern Sie können Sie vormachen, genauso wie das korrekte Sitzen/Stehen/Halten des Instrumentes. Wenn eine Berührung des Kindes unumgänglich ist, machen Sie das Kind vorher darauf aufmerksam, dass die Berührung nur dazu dient, dem Kind etwas deutlich zu machen und ihm zu helfen. Im Falle einer Verletzung holen Sie sich am besten Hilfe (anderer Lehrer, OGS-Personal). Bitte dokumentieren Sie für die Eltern grundsätzlich derartige (und alle anderen außergewöhnlichen) Vorfälle im Aufgabenheft (sofern vorhanden) oder auf einem gesonderten Blatt.
      Wir möchten Sie mit diesen Maßnahmen schützen, damit Sie nicht in Situationen zu geraten, die von den Kindern falsch interpretiert werden könnten. In jüngster Vergangenheit wurden zwei unserer Lehrekräfte beschuldigt, nicht die notwendige Distanz zum/zur SchülerIn gewahrt zu haben. Weder die jeweilige Lehrkraft noch wir sind auf Grund der Gegebenheiten in der Lage, das Gegenteil zu beweisen. Das hat für die betroffenen Personen zum Teil dramatische Folgen, und abgesehen davon wird damit – unabhängig davon, ob die Vorwürfe gerechtfertigt sind oder nicht - der Ruf der xxx geschädigt. Deshalb: Schützen Sie sich selbst (und damit uns), indem Sie grundsätzlich zu Ihren SchülerInnen DISTANZ wahren.
      Ein pünktliches Erscheinen zum Unterricht (mindestens 10 Minuten vor Beginn der ersten Einheit), ein gepflegtes Äußeres (kein Zigarettenrauch, kein Mund-/Körpergeruch) und höflich distanziertes Auftreten gegenüber Kindern und besonders Eltern sowie Schul- und OGS-Personal ist für uns selbstverständlich. Genauso wie der Ablauf, sollten Sie einmal überraschend verhindert sein (z. B. bei Krankheit). Hier ist folgender Weg einzuhalten:
      1.Eltern per SMS oder WhatsApp über Ihren Ausfall informieren (dafür steht in dem von mir übermittelten Plan jetzt neben allen uns bekannten Telefonnummern auch die Email-Adresse der Eltern)
      2.Schule bzw. OGS telefonisch informieren
      3.MICH per email informieren.
      Des möchten wir noch einmal darauf hinweisen, dass wir von Ihnen mit jeder Abrechnung eine Angabe benötigen, ob die Kinder tatsächlich anwesend (x) waren oder nicht (k=krank, e=entschuldigt, a=abgesagt, f=unentschuldigt gefehlt, n=nachgeholt, LA=Lehrer abgesagt, LK=Lehrer krank) – es reicht nicht aus, einfach nur Kreuzchen zu machen! Wenn Kinder ohne Ihre vorherige Kenntnis nicht zum Umterricht erscheinen, bitte (insbesondere bei Grundschulen!) in der OGS nach dem Kind fragen bzw. das Kind suchen (lassen). Die Zeit für die Suche geht selbstverständlich von der Unterrichtszeit ab, deshalb ist es für uns ganz wichtig, die Sie sowohl mich als auch die Eltern über das Fernbleiben/die Verspätung spätestens am Tag nach dem unentschuldigten Fehlen darüber per Email informieren. Die Anwesenheitsliste kann auf dem von uns zur Verfügung gestellten Excel- bzw. PDF-Plan geführt werden, muss sie aber nicht. Sie kann uns auch formlos zugesandt werden. Ich muss sie nur monatlich erhalten ;=).
      Bitte stellen Sie sicher, dass Sie sich ab sofort an die o. a. Vorgaben/Empfehlungen halten, schon im eigenen Interesse. Es gilt, Ihren und unseren bislang guten und unbescholtenen Ruf zu wahren und zu schützen. Wir rechnen daher fest mit Ihrer Unterstützung."

      Die Stadt Jülich hat es leider verabsäumt, mich über Problempunkte wie Mund- und Körpergeruch aufzuklären. Glücklicherweise habe ich heute vor meiner Unterrichtstätigkeit selbstständig daran gedacht, mich zu duschen und mir die Zähne zu putzen.

      Meine Freundin hat bei dem Laden angeheuert, weil sie als alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Mädchens unbedingt vormittags arbeiten möchte. Und in dem Fall hat man als Instrumentallehrer leider nur sehr begrenzte Möglichkeiten.

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Auch ansonsten ist der Tonfall der "Firma" gegenüber den "Angestellten" unter allen Kanonen; andauernd treffen bei meiner Freundin Mails mit unglaublichen Inhalten ein. Hier ein Beispiel:
      Zu viel möchte ich gar nicht zu dieser E-Mail schreiben. Wie du auch schon andeutest, findet sich das eigentlich Skandalöse nicht in der E-Mail, sondern in den Arbeitsbedingungen dahinter. Bei einer Festanstellung in einem ordentlichen Arbeitsverhältnis mit entsprechender Entlohnung finde ich diesen Text weitestgehend (und gegen Ende allerdings eher weniger) nachvollziehbar. Denn es steht doch auch der Arbeitgeber in der Pflicht zu Prävention und Information. Der Knackpunkt an dieser Geschichte ist einmal mehr wieder die Konstellation, wie sie mittlerweile leider in vielen Musikschulen anzutreffen ist und die kaum mehr als "klassisches Arbeitsverhältnis" bezeichnet werden kann - aber das wurde ja bereits ausführlich in den vorangegangen Beiträgen diskutiert. Ich halte diese Aufweichung übrigens auch für ein Übel.
    • Der Distanz-Inhalt hat aber nichts mit den ausbeuterischen Ambitionen zu tun, das ist ein grundsätzliches Problem - zumindest solange es um körperliche Distanz geht. Dass man keine persönlichen Gespräche führen darf und keine Komplimente verteilen - hm - das ist schon etwas streng, kommt mir vor. Für mich geht das sowieso alles zu weit, aber was die mee-too-Geschichte betrifft, sind die Anweisungen an das Lehrpersonal tatsächlich zum Schutz des Lehrpersonals hilfreich, fürchte ich. Womöglich wird ja der Händedruck auch noch verboten, verbeugen wäre eine Alternative.
      :S
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    • putto schrieb:

      Für mich geht das sowieso alles zu weit, aber was die mee-too-Geschichte betrifft, sind die Anweisungen an das Lehrpersonal tatsächlich zum Schutz des Lehrpersonals hilfreich, fürchte ich. Womöglich wird ja der Händedruck auch noch verboten, verbeugen wäre eine Alternative.
      Ich frage mich, was solche Distanz-Gebote für Auswirkungen auf die Kinder haben: Wenn sie in ihrem ganzen Alltag erfahren und erleben, dass nicht nur jegliche körperliche Berührung sondern schon eine gewisse emotionale Nähe zum Bereich des Verbotenen oder mindestens Anrüchigen zählt, muss das Auswirkungen auf ihre eigene Entwicklung haben. Ich bin deshalb sehr gespannt, was für eine Generation da heranwächst. Mir scheint das ein soziales Experiment mit unkalkulierbarem Ausgang zu sein.
    • Mal eine ganz praktische Frage: wie soll man denn gewisse Aspekte des Instrumentalspiels unterrichten, wenn man seine Schüler nicht berühren darf? Die Haltung beim Violinspiel muss man nunmal ggf. korrigieren dürfen, Nachahmen allein tut es da m. E. nicht. Ähnliches dürfte für die Hand- und Armhaltung am Klavier gelten.

      In der Tat finde ich es auch bedenklich, dass hierdurch ein Standard implementiert wird, der jegliche Berührung als potenziell anrüchig definiert. Dagegen waren die 50er Jahre ja geradezu libertär...

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • auf jeden Fall ist eine Verbesserung der Lage von Musiklehrkräften wünschenswert. Frage dabei: >Die Kosten für die Schüler (bzw. derren Eltern) erhöhen oder die Unterstützumng durch öffentliche Gelder verstärken? In letzterm Fall stellt sich die frage, wie mn sich die Rolle der "richtig" freiberuflichen Musiklehrkräftte oder privaten Musikschulen denkt, die ggf. mit öffentlich geförderten Musikschulen konkurrieren. Soll man auf deren Minderung oder Verschwinden setzten bzw. dieses in Kauf nehmen?

      Mauerblümchen schrieb:

      Dabei hat ein Gymnasiallehrer (mit bundeslandindividuellen Abweichungen) so um die € 3.600,- brutto. Damit sollte es für mein Gefühl schon vergleichbar sein.
      das wäre ein "Gerechtigkeits-" (kein Markt-)Argument, welches mir doch etwas zu weit geht. Ein Schulmusiker muß sicher nicht dasselbe in seinem Instrumentalfach leisten wie ein für Instrumentalunterricht Ausgebildeter. Aber er hat doch eine ganz andere Breitenausbildung: neben seinem Instrument Gesang, Chor- und Orchesterleitung, "Schulpraktisches Klavierspiel", Musikpädgogik, Musikgeschichte/Musikwissenschaft, dazu kommt das "Zweitfach", dann Referendariat mit 2. Staatsexamen. Das ist schon eine sehr aufwendige Ausbildung.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).