Ernst Krenek, Karl V. Bühnenwerk mit Musik in zwei Teilen, op. 73 in einer Inszenierung von Carlus Padrissa am Nationaltheater München

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    • Ernst Krenek, Karl V. Bühnenwerk mit Musik in zwei Teilen, op. 73 in einer Inszenierung von Carlus Padrissa am Nationaltheater München

      Hallo zusammen,

      ich habe gestern Abend die zweite Aufführung der genannten Oper gesehen. Und bin sehr begeistert. Evtl. hat der eine oder andere die Premiere am Sonntag in BR Klassik verfolgt, auf staatsoper.tv wird am 23.2. gesendet.

      Es war meine erste Begegnung mit einer szenischen Fassung des Stücks, im Herbst 2000 hatte ich das Vergnügen, eine konzertante Fassung in der Kölner Philharmonie zu erleben. Da das Stück alles andere als ein Selbstläufer ist: der Komponist gehört nicht zur ersten Reihe der Komponisten im 20. Jahrhundert, er hat es als Zwölftonmusik komponiert, es ist keine klassische Liebesgeschichte, sondern ein ziemlich philosophisches Stück, sind die Aufführungen selten, aber lohnend. Ich verweise auf den recht knappen deutschen Wikipedia-Artikel. Eine gute Handlungseinführung (who is who) in das Stück bietet auch die Website der Staatsoper.

      Wie vieles Andere, das die Bayerische Staatsoper in den letzten Jahren an Stücken aus der ersten Hälfte des 20. Jhs. gestemmt hat (beliebig genannt: Schreker, Die Gezeichneten, Prokoffjew, Der feurige Engel), ist das Stück auch für ein Haus wie die Staatsoper eine hohe Herausforderung: z.B. die Titelrolle adäquat zu besetzen, benötigt schon sehr viel Mut (von Seiten des Sängers wie des Opernhauses): eine physisch anstrengende Rolle, nahezu ununterbrochen singend und sprechend aktiv auf der Bühne. Bo Skovhus ist ein Erlebnis in dieser Rolle. Ich hatte schon des Öfteren das Vergnügen ihn zu hören, aber so exakt passend besetzt und agierend wie hier war er durchaus nicht immer. Angesichts des groß besetzten Orchesters ist eine Sterbeszene hier natürlich immer mit voller Kraft zu singen, schon gar, weil das Nationaltheater immer eher mehr Klang vom Sänger fordert als andere, kleinere Häuser.

      Die Inszenierung von Carlus Padrissa versucht nur selten, mehr zu bieten als das zwischen verschiedensten Zeitebenen herumspringende Stück. Dafür ist die Struktur des Stücks auch fordernd genug: immer wieder wird aus dem Beicht-Dialog im Heute in memorierte Szenen aus Karls Leben gesprungen. Da kommt z.T. mit viel Verve in der Musik die Erinnerung an den Sacco di Roma hereingebrochen. Die Inszenierung ist an diesem Punkt nahezu mustergültig: leise und kleiner Erinnerungen kommen herangeschlichen, turbulente Szenen kommen turbulent in die Beichtszene hereingestürmt. Ich war insgesamt sehr positiv überrascht, wie genau viele Details der Inszenierung auf Angaben des Libretto Bezug nehmen. Durch zahlreiche Videoprojektionen (u.a., fängt das 'Jüngste Gericht' des Tizian, auf das im Stück auch Bezug genommen wird, an, sich zu bewegen), den bei Fura dels Baus fast schon kanonischen Einsatz von Artisten und etliche Chorszenen war viel Leben auf der Bühne. Nicht alle Videoprojektionen waren so leicht mit dem Stück in Bezug zu setzen wie der sich bewegende Tizian, aber damit kann ich gut umgehen. Grundsätzlich hat diese Inszenierung deutlich weniger das Stück übergebügelt als ich das schon mal gesehen habe.

      Sängerisch ist, wie nahezu immer in der Bayerischen Staatsoper, wenig Luft nach oben. Neben Bo Skovhus haben mich sehr überzeugt: Gun-Brit Barkman als Eleonore, Anne Schwanewilms in der sehr bewegenden Sterbeszene der Isabella, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Franz, Kevin Conners in seinen diversen Nebenrollen sowie die Sängerinnen der Geister und Uhren jeweils am Ende der beiden Akte. Tolle Textverständlichkeit bis in den zweiten Rang, große Expressivität. Das Bayerische Staatsorchester und der Chor haben ihre Sache ebenfalls sehr gut gemacht.

      Etwas unzufrieden bin ich mit der Leistung von Erik Nielsen, der mit dieser sauschweren Partitur sein Debüt an der Staatsoper gegeben hat. Hier hätte ich mir neben all der Präzision doch noch etwas mehr Klangfarben und an mancher Stelle auch Intensität beim Musizieren gewünscht: so z.B. bei der toll gesungenen Sterbeszene der Isabella oder am Beginn des Zweiten Akts. Aber das ist angesichts der Qualität des Erreichten schon fast Beckmesserei ....

      Mein Tipp lautet also: wer am 23.2. nichts Besseres vorhat, sollte sich die Aufführung auf staatsoper.tv nicht entgehen lassen. Neugierige sowieso. Für Fans von Zwölftonmusik ist das vermutlich ein Musstermin.

      Gruß Benno
    • So., 14. Juli 2019: MÜNCHEN (Staatsoper): Ernst Krenek, Karl V.

      Aus dem Operntelegramm hierher kopiert, da passend.
      AlexanderK, Moderation


      Auf den heutigen Karl V. hatte ich mich sehr gefreut, meine positive Erwartungshaltung hat allerdings sich nur teilweise erfüllt, was unter anderem damit zusammenhängt, dass mir das Genre der Oper zunehmend unerträglicher wird: Was für eine effekthascherische, bemüht-elitäre Spielerei! Von mir aus könnte man 90% der Opernaufführungen einsparen und dafür zahlreiche (geldsparendere) Liederabende (und hin und wieder auch Kammermusik und Sinfonien) geben, diese Musik erfordert mehr Aufmerksamkeit und geistige Bemühung als Oper. Wie auch immer, Krenek/Křenek mag ich ja sehr gerne (wobei er nicht zu meinen allerersten Favoriten zählt), und merkt man doch eindeutig, dass Krenek ein intelligenter und feinfühliger Mann war, der zwischen den Zeilen Relevantes mitgeteilt hat, sehr deutlich im Reisebuch aus den Österreichischen Alpen (sehr schade, dass dieser hervorragende Liederzyklus doch recht unbekannt ist!), aber auch im mir bis heute vollkommen unbekannten Karl V. Letzterer ist ja die erste Zwölftonoper, und ich als Fan dieser Musik bin dafür deswegen nach München gefahren.

      Es ist ein Dilemma mit Opernraritäten: Erstklassige Sänger haben selten Lust/Kapazität, eine Randrepertoirepartie zu studieren, um sie dann ein paar wenige mal darzubieten, zumal im üblichen Spielplan bedauerlicherweise nur wenige und immer dieselben vielleicht ca. 100 (?) Werke regelmäßig auftauchen. Daher muss man sich damit abfinden, bei Raritäten nicht die allererste Garnitur geboten zu bekommen, auch heute war es so: Bo Skovhus (Titelrolle) ist ein solider Sänger, aber schon längst nicht mehr der Jüngste mit schon lang mit keiner unverbrauchten Stimme. Gun-Brit Barkmin war die Eleonore, und hat ja eine recht schöne Stimme, allerdings vermag ich nicht zu beurteilen, ob sie auch heute wie üblich falsch (will sagen: deutlich zu hoch) gesungen hat. Ich mag die Stimme von Anne Schwanewilms sehr gern, auch wenn sie so klingt wie jemand, der jahrelang mit einer falschen Technik gesungen hat und die damaligen Gewohnheiten nicht mehr loswird, dieses Eindrucks konnte ich mich auch heute nicht erwehren, für die Isabella war sie meinem unbedarften Ersteindruck entsprechend durchaus eine gute Besetzung. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Franz I.) ist ein guter Sänger, aber für ein großes Haus zu klein, und was soll überhaupt die blöde Idee, ausgerechnet ihn zeitweise einige Meter über der Bühne zu platzieren?! Sobald er AUF der Bühne gestanden ist, war's akustisch besser. Michael Kraus (Luther) hat mir nicht gefallen, wie auch die zahlreichen anderen Rollen keinen bleibenden Eindruck hinterließen (zum Beispiel sehr unspektakulär der Pizarro des Kevin Conners). Ausgezeichnet dagegen Orchester und Chor, aber das Dirigat von Erik Nielsen kann ich nicht beurteilen. Die Inszenierung von Carlus Padrissa ist sehr opulent und eindrucksvoll, wenngleich es sicherlich Aufwand bedeutet, die Bühne unter Wasser zu setzen.

      Die Beschreibung klingt negativer als es war; objektiv war es schon in Ordnung, subjektiv nicht. Jedenfalls war es nach meinem vorigen Kulturbesuch Labsal meinen Ohren, denn am Mittwoch, 10. Juli 2019, besuchte ich "Die Tagebücher von John Rabe" im Wiener Ronacher, und ich habe nie zuvor einen größeren Unsinn gehört: Eine billige Aneinanderreihung von Bach, Schostakowitsch, Puccini, Verdi etc., rein belanglos, total vorhersehbar, äußerst oberflächlich, nur vordergründig, null tiefgründig. Wie kann man in der Gegenwart SO ETWAS komponieren??? Ich habe noch NIE eine schlechtere Oper gehört, eine reine Katastrophe. (Sogar Michael Obst, Staud und Trohjan waren VIEL besser.) Die Ausführenden (Sänger, Inszenierung, Orchester) kaum positiv erwähnenswert. Dagegen war der Krenek wahrer Balsam meinen Ohren.
    • Sadko schrieb:

      [...] aber auch im mir bis heute vollkommen unbekannten Karl V. Letzterer ist ja die erste Zwölftonoper, und ich als Fan dieser Musik bin dafür deswegen nach München gefahren.

      (Hervorhebung durch den Zitierenden)

      Dies ist nicht korrekt. Die vermutlich erste Zwölftonoper dürfte (nach allen verfügbaren Kriterien) "Von heute auf morgen" von Arnold Schönberg gewesen sein (UA 1.2.1930).

      Allerdings kann man kritisch anmerken, dass "Von heute auf morgen" nur ca. eine Stunde Spielzeit aufweist. Vermutlich unter anderem deswegen (?) listet wikipedia "Karl V." als erste "abendfüllende" Zwölftonoper. Auch dies ist aber infrage zu stellen. Vergleichen wir mal:

      Karl V. (Krenek) - Komposition 1930-1933, UA 22.6.1938
      Moses und Aron (Schönberg) - Komposition (Akt 1 und 2) 1930-1932 (die Oper bleib Fragment!), UA (szenisch) erst 1957
      Lulu (Berg) - Komposition 1929-1935 (ebenfalls unvollendet), UA (des Fragments) 2.6.1937

      Nun kann man gegen "Moses und Aron" und gegen "Lulu" ihren fragmentarischen Charakter anführen, aber dies ändert nichts daran, dass die erste abendfüllende aufgeführte Zwölftonoper offensichtlich "Lulu" war (mit deren Komposition obendrein noch vor "Karl V." begonnen worden ist).

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Oh, upps, da hast Du natürlich vollkommen recht. Danke für die Korrektur und Richtigstellung.

      Krenek ist zwar nach wie vor der Erste, der mit einer vollendeten abendfüllenden Zwölftonoper an die Öffentlichkeit getreten ist, aber nichtsdestoweniger war meine Äußerung sehr ungenau bzw. falsch. Danke für das genaue Lesen!


      Giovanni di Tolon schrieb:

      Wie vieles Andere, das die Bayerische Staatsoper in den letzten Jahren an Stücken aus der ersten Hälfte des 20. Jhs. gestemmt hat (beliebig genannt: Schreker, Die Gezeichneten, Prokoffjew, Der feurige Engel)
      Da möchte ich noch Janáčeks Totenhaus (2018) erwähnen. Das war eine super Produktion (S. Young, Castorf). Generell bin ich aber kein Fan der Münchner Oper, und das Programm der kommenden Spielzeit interessiert mich nicht besonders.