DUKAS: Ariane et Barbe-Bleue - À la recherche de la liberté perdue

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    • DUKAS: Ariane et Barbe-Bleue - À la recherche de la liberté perdue

      Liebe Capricciosi!

      Ich wollte ja schon lang mal, wenn ich mehr Zeit habe, einen Eröffnungsbeitrag zu dieser Oper schreiben; Zeit habe ich immer noch nicht, aber damit eine Diskussion in Gang kommen kann, werfe ich wenigstens einmal ein paar dürre Zeilen hin:

      Paul Dukas' einzige Oper, uraufgeführt 1907 an der Pariser Opèra-Comique, hat von Komponistenkollegen und Dirigenten hohes Lob erfahren. Begeistert äußerten sich u.a. so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Fauré, Schönberg, Berg, Messiaen, Szymanowski,Toscanini und Beecham. Dass sich "Ariane et Barbe-Bleue" auf den Spielplänen trotzdem nicht recht halten konnte, mag sich vielleicht aus den historischen Umständen (Paris im Salome-Wahn) und aus (alles in allem vernachlässigbaren) dramaturgischen Schwächen erklären. Gerechtfertigt scheint es nicht. "Ariane et Barbe-Bleue" ist ein höchst originelles Meisterwerk, das kompositorische Mittel aus ganz verschiedenen Traditionen (Leitmotivtechnik, motivisch-thematische Arbeit, impressionistische Orchestrierung, Verarbeitung von Volksmusik, Strukturelemente der Instrumentalmusik [Variationssätze, Sonatenhauptsatzform u.ä.]) zu einer organischen Einheit zusammenbindet, die bei aller intellektuellen Tiefe auch für ein Laienpublikum ganz unmittelbar an der farbenreichen Oberfläche genießbar ist. Besonders eindrucksvoll ist dabei der erste Akt mit dem Öffnen der sieben Türen, der von Toscanini auch als Orchestersuite ohne die Stimmen von Ariane und der Amme aufgeführt wurde. Die Klimax der siebenten Tür mit ihrem immer weiter anschwellenden "unterirdischen Gesang" entwickelt nicht nur auf Ariane eine eindrucksvolle Sogwirkung. Zu den musikalischen Qualitäten kommt ein eigentlich sehr aktuelles Thema, wobei das wie "Pelléas et Mélisande" auf ein ultrasymbolistisches Schauspiel von Maurice Maeterlinck zurückgehende Libretto sehr viele Deutungsebenen ermöglicht.

      Eigentlich handelt es sich bei der gesamten Oper fast um eine einzige Arie der Ariane, mit einzelnen Einwürfen anderer Personen. Die brangänenhafte Amme (La Nourrice) ist fast nur eingeführt, um Ariane eine Gesprächspartnerin im ersten Akt zu geben; sobald Ariane auf die gefangenen Frauen trifft, verliert sie augenblicklich jede Kontur, Bühnenpräsenz und Text. Dafür ist die Partie der Ariane eine wirkliche Herausforderung, mit einem enormen Ambitus und zwei Stunden Dauereinsatz, und man fragt sich, wie Maeterlincks Lebensgefährtin Georgette Leblanc, die zwar eine Gesangsausbildung hatte, hauptsächlich aber als Schauspielerin aktiv war (und die Debussy in der deutlich anspruchsloseren Rolle der Mélisande bekanntlich nicht gut genug war), das bei der Uraufführung eigentlich bewältigen konnte. Vielleicht liegt auch in den enormen Anforderungen an die weibliche Titelpartie ein Grund dafür, dass die Oper relativ selten auf den Spielplänen erscheint. In den letzten Jahren lässt sich allerdings doch ein bescheidener Boom beobachten, wobei auch konzertante Aufführungen nicht selten sind. Angesichts der plastischen Bildhaftigkeit der Musik, der eine Inszenierung sicherlich nur mit Mühe Paroli bieten kann, ist das vielleicht sogar verständlich, wenn auch trotzdem schade.

      Fast alle modernen Interpretinnen der Ariane auf den wenigen erhältlichen Aufnahmen hatten jedenfalls ihre liebe Not mit der Partie, meistens mit der hohen Lage. Es gibt daher eigentlich nur eine einzige wirklich empfehlenswerte Einspielung, dies umso mehr, als sie mit der scheinbar völlig unangestrengten Katherine Ciesinski nicht nur die beste Ariane, sondern mit dem Nouvel Orchestre Philharmonique unter Armin Jordan auch die weitaus beste Orchesterleistung und das beste Dirigat aufweist:



      Französischsprachige Rezensenten haben beim Erscheinen beklagt, dass die Sängerinnen der Ariane und der Nourrice keine französischen Muttersprachlerinnen seien. Tatsächlich ist eine vorbildlichere Textgestaltung vorstellbar (insbesondere bei der bulgarischen Nourrice, Mariana Paunova), aber in Anbetracht der Alternativen muss man um die hervorragende stimmliche Gestaltung schon froh sein.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Lieber Areios! Danke für diesen (schon überfälligen) Eröffnungsbeitrag. Ich habe diese Oper, die mir vorher völlig unbekannt war, im April 2018 in Graz einmal gehört und habe das Gesamtpaket sensationell gefunden. Die Musik hat mich gepackt (obwohl französische Opern normalerweise nicht zu meinen Favoriten zählen), die Sänger (Manuela Uhl, Iris Vermillion) haben mir sehr gut gefallen, und die Inszenierung (von Nadja Loschky) habe ich ganz ausgezeichnet gefunden. Hier kann man einen 7minütigen Trailer mit Erläuterungen der Regisseurin sehen: youtube.com/watch?v=CYWv6zTt4eM
      Leider war ich damals in der letzten Aufführung und habe daher keine weitere mehr hören können, sonst wäre ich sicher nochmals hingefahren (ist ja von Wien aus keine Weltreise)
      Mir gefällt die Dukas-Ariane viel besser als Herzog Blaubarts Burg von Bartók, ich glaub aber, dass man für die Ariane eine gute Inszenierung braucht, konzertant kann ich mir das Stück gar nicht vorstellen (wir haben es 2006 konzertant in Wien gehabt, ich war nicht dabei, aber es wurde von Freunden damals als langweilig empfunden, was mit einer guten szenischen Realisierung meiner Vermutung nach nicht passiert wäre).

      Danke für den Tipp, aber Bielefeld ist mir doch zu weit dafür, genauso wie Toulouse, dort kommt es nämlich auch demnächst.
    • Sadko schrieb:

      Lieber Areios! Danke für diesen (schon überfälligen) Eröffnungsbeitrag. Ich habe diese Oper, die mir vorher völlig unbekannt war, im April 2018 in Graz einmal gehört und habe das Gesamtpaket sensationell gefunden. Die Musik hat mich gepackt (obwohl französische Opern normalerweise nicht zu meinen Favoriten zählen), die Sänger (Manuela Uhl, Iris Vermillion) haben mir sehr gut gefallen, und die Inszenierung (von Nadja Loschky) habe ich ganz ausgezeichnet gefunden. Hier kann man einen 7minütigen Trailer mit Erläuterungen der Regisseurin sehen: youtube.com/watch?v=CYWv6zTt4eM
      Leider war ich damals in der letzten Aufführung und habe daher keine weitere mehr hören können, sonst wäre ich sicher nochmals hingefahren (ist ja von Wien aus keine Weltreise)
      Da war ich damals auch, allerdings schon ein paar Vorstellungen früher. Ich hab meinen Bericht von damals auch als Basis für den Eröffnungsbeitrag hergenommen: Dukas: Ariane et Barbe-Bleue - Oper Graz (6. 4. 2018) ;)

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Areios schrieb:

      Da war ich damals auch, allerdings schon ein paar Vorstellungen früher. Ich hab meinen Bericht von damals auch als Basis für den Eröffnungsbeitrag hergenommen: Dukas: Ariane et Barbe-Bleue - Oper Graz (6. 4. 2018) ;)

      Liebe Grüße,
      Areios
      Oh, danke für den Link, ich hab jetzt Deinen Bericht gelesen! Ich bin großteils Deiner Meinung zur Aufführung! (außer dass ich nicht finde, dass es eher ein intellektuelles Vergnügen war; ich find, man konnte auch die Stimmungsbilder auf der Bühne genießen, ohne sich Gedanken zu machen, was sie bedeuten)
      Danke übrigens für den Hinweis auf eine Jenůfa-CD aus Graz, die könnte ich mir tatsächlich besorgen (obwohl ich fast keine CDs hab).

      Newbie69 schrieb:

      @Sadko:
      Ja, Nadja Loschky ist wirklich großartig!! :thumbup:
      Ich hoffe, dass sie wieder einmal in meiner Nähe inszeniert! Ihre Inszenierungen laufen ja meistens an Bühnen, die ziemlich weit von mir entfernt sind..
    • Quasimodo schrieb:

      Newbie69 schrieb:

      Nadja Loschky ist wirklich großartig
      Na, dann bin ich ja auf die Rusalka-Premiere am 10. März in Köln doppelt gespannt!

      Ich habe in Bielefeld bislang drei Opern besucht, die sie inszeniert hat: "L' Incoronazione di Poppea", "Jakob Lenz" und "La Traviata" und ich fand allesamt äußerst gelungen (und hatten auch sehr gute Kritiken). :thumbup: Die Einführungsveranstaltungen waren auch sehr interessant, wenn sie auch nie viel über die Inszenierung verraten hat (was ja aber auch verständlich ist). Habe ich schon deshalb besucht, weil dort ja immer mind. zwei Arien gespielt/ gesungen werden und es sich daher schon immer lohnt. Ich denke, sie ist eine tolle Frau: sehr talentiert und zudem sympathisch. :thumbup: Na, dann wünsche ich dir vorab schon mal viel Spaß am 10. März! :)
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • Areios schrieb:

      "Ariane et Barbe-Bleue" ist ein höchst originelles Meisterwerk, das kompositorische Mittel aus ganz verschiedenen Traditionen (Leitmotivtechnik, motivisch-thematische Arbeit, impressionistische Orchestrierung, Verarbeitung von Volksmusik, Strukturelemente der Instrumentalmusik [Variationssätze, Sonatenhauptsatzform u.ä.]) zu einer organischen Einheit zusammenbindet, die bei aller intellektuellen Tiefe auch für ein Laienpublikum ganz unmittelbar an der farbenreichen Oberfläche genießbar ist.
      Schöne Charakterisierung einer Musik, die gerade durch die Dichte der Arbeit mit dem Material - ich denke, das kann man auch gut hören, ohne die Partitur zu analysieren - sehr eindringlich wirkt: ein Zug durchs Ganze, den ich wie einen großen Sog erlebe. Für mich ist das eine der großartigsten Opern überhaupt! Auch das originelle Libretto ist etwas Besonderes. Man könnte es feministisch oder auch antifeministisch interpretieren, für mich ist das ziemlich unklar.

      Die erwähnte Aufnahme mit Armin Jordan (der auch Debussys Maeterlinck-Stück Pelléas et Mélisande ganz vorzüglich eingespielt hat) finde ich rundweg überzeugend, mehr noch als die mit Leon Botstein (Lori Phillips, Patricia Bardon, Peter Rose, Ana James, BBC Symphony Orchestra):


      Auf der Bühne habe ich Ariane et Barbe-Bleue vor Jahren in Frankfurt erlebt und erinnere mich an eine etwas blasse Inszenierung.

      Vielen Dank für die informative Einführung!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • [Nadja Loschky]

      Habe inzwischen festgestellt, dass ich schon einmal eine Inszenierung von Ihr gesehen habe, Brittens "Midsummernight's Dream" in Kassel (2012). Das habe ich als ziemlich öden Abend in Erinnerung, konnte aber mit dem Stück musikalisch wie dramatisch so gar nichts anfangen; die Inszenierung hat's damals auch nicht 'rausgerissen. Ich nehme mir denn mal vor, von der Kölner "Rusalka" zu berichten.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Gurnemanz schrieb:

      Auch das originelle Libretto ist etwas Besonderes. Man könnte es feministisch oder auch antifeministisch interpretieren, für mich ist das ziemlich unklar.
      Wie meinst Du das? Ich habe die Oper zwar nur einmal gesehen in einer Inszenierung, in der ich das Fortschreiten Arianes im Schloss als psychologische Auseinandersetzung mit sich selbst verstanden habe und in der die früheren Frauen Blaubarts als verschiedene Wesenszüge der Ariane gedeutet wurden (eine Lösung, die für mich absolut Sinn ergibt), und ich sehe diese Oper eigentlich als psychologische Auseinandersetzung, Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und Loslösung von früheren Erlebnissen. Feministische oder antifeministische Anhaltspunkte kann ich da kaum erkennen (gut, eine Frau löst sich von einem gewalttätigen Mann - aber die Auseinandersetzung zwischen den beiden steht ja überhaupt nicht im Vordergrund, das Stück ist ja eigentlich ein Psychogramm der Ariane, wie auch Pelléas et Mélisande mE ein Psychogramm des Golaud ist). Wie würdest Du das Stück interpretieren?

      Quasimodo schrieb:

      Habe inzwischen festgestellt, dass ich schon einmal eine Inszenierung von Ihr gesehen habe, Brittens "Midsummernight's Dream" in Kassel (2012). Das habe ich als ziemlich öden Abend in Erinnerung, konnte aber mit dem Stück musikalisch wie dramatisch so gar nichts anfangen; die Inszenierung hat's damals auch nicht 'rausgerissen. Ich nehme mir denn mal vor, von der Kölner "Rusalka" zu berichten.
      Oh okay, Brittens Sommernachtstraum ist ja kein Selbstläufer, ich kann mir gut vorstellen, dass das ruhige, lyrische, bisweilen vielleicht spröde Stück nicht leicht zu inszenieren ist. Außerdem will ich ihr nicht absprechen, sich seit 2012 weiterentwickelt zu haben. Ich bin gespannt, was Du über die Rusalka erzählen wirst, ich hab diese Oper sehr gern, und sie ist ja ein gefundenes Fressen für Regisseure.
      Wollen wir vielleicht einen eigenen Thread über Nadja Loschky erstellen?
    • Sadko schrieb:

      Gurnemanz schrieb:

      Auch das originelle Libretto ist etwas Besonderes. Man könnte es feministisch oder auch antifeministisch interpretieren, für mich ist das ziemlich unklar.
      Wie meinst Du das?
      Ein Versuch, zugegeben etwas holzschnittartig: Ariane, die selbstbewußte Frau, dringt in die Burg des Patriarchen Blaubart ein, um dessen in Verliesen schmachtende Frauen zu befreien. Diese aber entscheiden sich letzlich dafür, unter ihrem Herren weiterzuleben: Der Emanzipationsversuch scheitert (obwohl Blaubart, der in der ganzen Oper gerade mal fünf Minuten zu singen hat, nicht gerade der schreckliche, angsteinflößende Unterdrücker mehr ist, im Grunde ist er am Ende).

      Je nachdem, ob man nun die Perspektive Arianes einnehmen möchte, nennen wir sie: die feministische, oder ob man den Blick auf die Frauen richtet, die sich der Emanzipation verweigern, also das Scheitern fokussiert, könnte man hier feministische oder feminismuskritische Tendenzen herauslesen.

      Maeterlinck hatte seinem Theaterstück, das der Oper zugrundeliegt, den Untertitel "die nutzlose Befreiung" hinzugefügt. Harry Halbreich erwähnt in seinem Aufsatz, der im Booklet zur Jordan-Aufnahme enthalten ist, daß Maeterlinck "durch Erlebnisse im Leben seiner Gattin, die anderen Leuten vergeblich zu helfen versucht hatte, angeregt worden" sei.

      Sadko schrieb:

      Ich habe die Oper zwar nur einmal gesehen in einer Inszenierung, in der ich das Fortschreiten Arianes im Schloss als psychologische Auseinandersetzung mit sich selbst verstanden habe und in der die früheren Frauen Blaubarts als verschiedene Wesenszüge der Ariane gedeutet wurden (eine Lösung, die für mich absolut Sinn ergibt), und ich sehe diese Oper eigentlich als psychologische Auseinandersetzung, Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und Loslösung von früheren Erlebnissen.
      Auch diese psychologisierende Interpretation hat etwas für sich.

      Aber mir scheint, daß diese Oper sehr vielschichtig und vieldeutig ist. Gerade diese Rätselhaftigkeit, zusammen mit einer wunderbar schlüssig durchkomponierten Musik, finde ich faszinierend!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Gurnemanz schrieb:


      Ein Versuch, zugegeben etwas holzschnittartig: Ariane, die selbstbewußte Frau, dringt in die Burg des Patriarchen Blaubart ein, um dessen in Verliesen schmachtende Frauen zu befreien. Diese aber entscheiden sich letzlich dafür, unter ihrem Herren weiterzuleben: Der Emanzipationsversuch scheitert (obwohl Blaubart, der in der ganzen Oper gerade mal fünf Minuten zu singen hat, nicht gerade der schreckliche, angsteinflößende Unterdrücker mehr ist, im Grunde ist er am Ende).

      Je nachdem, ob man nun die Perspektive Arianes einnehmen möchte, nennen wir sie: die feministische, oder ob man den Blick auf die Frauen richtet, die sich der Emanzipation verweigern, also das Scheitern fokussiert, könnte man hier feministische oder feminismuskritische Tendenzen herauslesen.

      Maeterlinck hatte seinem Theaterstück, das der Oper zugrundeliegt, den Untertitel "die nutzlose Befreiung" hinzugefügt. Harry Halbreich erwähnt in seinem Aufsatz, der im Booklet zur Jordan-Aufnahme enthalten ist, daß Maeterlinck "durch Erlebnisse im Leben seiner Gattin, die anderen Leuten vergeblich zu helfen versucht hatte, angeregt worden" sei.

      Sadko schrieb:

      Ich habe die Oper zwar nur einmal gesehen in einer Inszenierung, in der ich das Fortschreiten Arianes im Schloss als psychologische Auseinandersetzung mit sich selbst verstanden habe und in der die früheren Frauen Blaubarts als verschiedene Wesenszüge der Ariane gedeutet wurden (eine Lösung, die für mich absolut Sinn ergibt), und ich sehe diese Oper eigentlich als psychologische Auseinandersetzung, Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und Loslösung von früheren Erlebnissen.
      Auch diese psychologisierende Interpretation hat etwas für sich.

      Aber mir scheint, daß diese Oper sehr vielschichtig und vieldeutig ist. Gerade diese Rätselhaftigkeit, zusammen mit einer wunderbar schlüssig durchkomponierten Musik, finde ich faszinierend!

      Ich würde zustimmen, dass mindestens diese drei Ebenen im Werk vorhanden sind; aber noch viel mehr: Einerseits muss man die Fokalisierung bedenken: Wir erleben die Handlung durch die Perspektive der Ariane, die Blaubart als tyrannischen Patriarchen sieht (obwohl das eigentlich durch die Darstellung Blaubarts selbst konterkariert oder zumindest in Frage gestellt wird). Aber wird uns die Situation hier korrekt dargestellt oder verzerrt Ariane alles? Ist sie nicht vielleicht auch ein Eindringling in ein funktionierendes Beziehungsgeflecht, das sie aufgrund ihrer ideologisierten Moralvorstellungen ablehnt? Sind die Frauen etwa gar keine Opfer? Oder: Ist Arianes Perspektive eine humanistische, die der Frauen aber eine revenge-feministische? Bleiben sie nur deshalb beim wehrlosen Blaubart, um jetzt den Spieß umdrehen zu können, anstatt mit Ariane die Spirale der Gewalt zu verlassen.

      Dann, ganz wichtig, vielleicht sogar die wichtigste Ebene: Das Werk hat eine sehr starke poetologische Prägung. Die früheren Frauen tragen die Namen der weiblichen Hauptfiguren von Maeterlincks früheren Dramen, der Großteil davon von seiner Lebensgefährtin Georgette Leblanc uraufgeführt. Blaubart ist Maeterlinck selbst, Ariane ist Georgette. Die Frauen sind seine Schöpfungen, sie befinden sich in seiner Gewalt. Durch ihre Schauspielkunst erweckt Georgette sie aber zum Leben, "führt sie ans Licht". Wem gehören die Frauen nun? Dem Autor oder der Schauspielerin? Wer hat mehr Anteil an dem Leben dieser Figuren? Wo gehören sie hin? Maeterlinck verhandelt hier, dass seine geistigen Schöpfungen sein geistiges Eigentum sind, sie sind von ihm nicht zu trennen und werden ihn bis an sein Lebensende pflegen. Georgette-Ariane aber ist eine Frau aus Fleisch und Blut: Sie ist frei, zu gehen, wohin auch immer sie will.

      Und natürlich das Problem der Freiheit: Spätestens seit der Französischen Revolution ist "Freiheit" in unserer westlichen Welt ein zutiefst positiv besetztes, dabei zugleich aber weitgehend sinnentleertes Schlagwort. Jeder Mensch, den man so auf der Straße trifft, würde "Freiheit" abstrakt als einen erstrebenswerten Zustand ansehen. Ganz viele würden sich aber, wenn sie die Wahl haben, für Optionen entscheiden, die ihre eigene Freiheit einschränken, und gegen Optionen, die ein Mehr an Freiheit bringen. Denn natürlich bringt Freiheit Unsicherheit, Ungewisseheit, ein Mehr an Verantwortung und potentieller Schuld mit sich; viele Menschen, auch wenn sie einem abstrakten Ideal der Freiheit huldigen, trauen sich in der Realität die Freiheit gar nicht zu. Diese Problematik müsste vielleicht breiter diskutiert werden, gerade auch im Hinblick auf das aktuelle Demokratieverständnis weltweit. Maeterlincks Frauen bieten da jedenfalls eine fiktive Fallstudie - sogar oder gerade dann, wenn man sie als psychologische Auseinandersetzung mit sich selbst versteht.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Ich finde Eure beiden Beiträge sehr interessant! Dass man sich so über diese Oper unterhalten kann, spricht ja eindeutig für ihre Qualität.

      Gurnemanz schrieb:

      Ariane, die selbstbewußte Frau, dringt in die Burg des Patriarchen Blaubart ein, um dessen in Verliesen schmachtende Frauen zu befreien.
      Nur dieses Detail würd ich nicht so stehenlassen. Ich habe das Stück bisher so verstanden, dass Ariane nicht von vornherein weiß, was sie in den Verliesen erwartet, sondern dass sie erst im Laufe des Stückes draufkommt. Und ist Ariane wirklich so selbstbewusst? Ja, einerseits schon, anderseits gibt es ja auch die Amme, durch die sie ermutigt und in ihrem Tun immer weiter bestärkt wird (das passt ja auch zu einer psychologisierenden Interpretation). Vielleicht hätte sie ohne die Amme schon aufgegeben und wäre geendet wie die gefangenen und verängstigen Frauen?

      Danke, Areios, für die vielen Informationen. Besonders der Abschnitt mit der poetologischen Lesart ist sehr interessant, der scheint mir sehr schlüssig. Aber es ist hier ja so wie bei allen (?) guten Kunstwerken: Es gibt keine einzig richtige Interpretation..
    • Sadko schrieb:

      Ich finde Eure beiden Beiträge sehr interessant!
      Danke!

      Sadko schrieb:

      Ich habe das Stück bisher so verstanden, dass Ariane nicht von vornherein weiß, was sie in den Verliesen erwartet, sondern dass sie erst im Laufe des Stückes draufkommt.
      Im Libretto steht es eigentlich ganz deutlich: Zu Beginn Gerede im Volk, daß Ariane die sechste Frau wäre, die Blaubarts zum Opfer fiele. Auch die Amme warnt Ariane beim Betreten der Burg: Es stimme, daß Blaubart fünf Frauen getötet habe. Ariane: Sie seien nicht tot. Nur der siebte Schlüssel sei wichtig. Als sie endlich die siebte Tür findet, ertönt auch der Gesang der fünf gefangenen Frauen. Alles noch im ersten Akt.

      Ich werde das Libretto demnächst nochmal lesen, dann evt. Genaueres.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Oh alles klar, sorry! Da sieht man, was herauskommt, wenn man sich über Opern äußert, die man kaum kennt...
      Mir war nicht in Erinnerung, dass Ariane bereits gesagt bekommt, was sie erwartet. Man könnte natürlich auch die Möglichkeit annehmen, dass sie es (trotz mehrfacher Information!) verdrängt, weil sie der Faszination Blaubarts erliegt und es einfach nicht wahrhaben will - aber bevor ich da weitere Vermutungen äußere, sollte ich mich näher mit dieser Oper befassen

      Gurnemanz schrieb:

      Ich werde das Libretto demnächst nochmal lesen, dann evt. Genaueres.
      Ja bitte, würde mich interessieren, wenn Du etwas Neues dazu sagen kannst!