"Das ist doch Mist! "- Wie reagieren auf schlechte Darbietungen?

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    • "Das ist doch Mist! "- Wie reagieren auf schlechte Darbietungen?

      Eigentlich sollte der Titel lauten: Das ist doch Mist - was kann ich tun? Aber ich befürchte, der wäre zu lang geworden.

      Ich weiß nicht, ob es einen entsprechenden Thread schon gibt und ob dieser hier überhaupt richtig angesiedelt ist. Wenn 'ja' bzw. wenn 'nein' bitte iich die Moderatoren ihn entsprechend zu verschieben.

      Wir kennen ja alle das Problem, dass uns eine Aufführung nicht gefällt. Wie reagieren wir dann und welche Reaktion ist angemessen? Buhen, schreien, pfeifen? Ohne Applaus zu gehen?

      'Buhen' ist immer so eine Sache, weil es wohl für einen Künstler nichts Fürchterliches geben kann, als so etwas hören zu müssen. Hat er sich doch alle Mühe gegeben. Hat er sich aber alle Mühe gegeben?

      Keinen Applaus zu spenden ist womöglich relativ wirkungslos, wenn alle anderen jubeln. Eine Premiere einer Liebermann-Oper an der Scala wurde mal so bedacht, dass das gesamte Publikum ohne Applaus nach Hause ging. Aber das wird man wohl kaum je erleben. (Für Liebermann selber war das wohl eine seiner schlimmsten Theatererfahrungen.)

      Also wie soll man reagieren, wenn man seinen Unmut kundtun möchte, aber niemanden verletzen will?

      :wink: Wolfram
    • Danke für die Erstellung dieses Threads! Anlass dafür war diese Unterhaltung (hier gekürzt zitiert):

      Sadko schrieb:

      Aber wir sind uns ja einig, dass so etwas ein Missstand ist. Das Publikum kann da leider nichts machen, außer zu buhen, und das tu ich nur ganz selten. Ist aber ein anderes Thema.

      Wolfram schrieb:

      Man kann die Aufführung nicht besuchen, aber oftmals ist natürlich jemand dabei, den man eigentlich sehen und hören möchte. Und dann hat man ein Problem. :D 'Buhen' ist wahrlich ein ganz anderes Problem. Sänger auszubuhen halte ich auch für äußerst problematisch, da sie einfach einer Tagesform unterliegen. Anders, wenn sie sich völlig daneben benehmen. Bonisolli meinte mal, während der Turandot-Arie (konzertant) immer vor ihr am Bühnenrand hin- und hergehen zu müssen. Das wäre ein Grund zum Buhen gewesen, hätte aber in dem Moment eher die Turandot noch mehr durcheinander gebracht.

      Sadko schrieb:

      Während einer Aufführung finde ich es fehl am Platze. Beim Schlussapplaus halte ich es für eine ganz legitime Möglichkeit zur Meinungsäußerung. Ich mache von dieser Möglichkeit aber nur sehr selten Gebrauch, und Sänger für eine schlechte Tagesform auszubuhen geht gar nicht. Ja, wäre ein gutes Thema für einen eigenen Thread! (falls es den nicht schon gibt, das weiß ich nicht)

      Jetzt mach ich mich vermutlich so richtig unbeliebt.. aber meine Meinung dazu:

      • Nicht hingehen → sinnlos, andere gehen hin
      • Applausverweigerung → sinnlos, andere klatschen und jubeln
      • schlechte Kritiken schreiben → sinnlos, liest keiner, außerdem schreiben genug andere unkritisch
      • wütende Briefe an die Oper schreiben → sinnlos, verändert nichts
      • die Künstler beim Bühnentürl abpassen und ihnen die Meinung sagen → hab ich noch nicht gemacht (werde ich auch nicht), aber bringt höchstwahrscheinlich nichts.


      Also lautet die Frage: Welche Möglichkeiten hat das fachkundige Publikum, sich gegen völlige Fehlbesetzungen zu wehren? Und aus meiner Sicht kann das nur Buhrufen sein. Es geht hier weder um persönliche Animositäten ("Ich bin ein Fan der Sängerin x, ich hätte lieber sie gehört!") noch um das Abstrafen einer schlechten Tagesverfassung. Aber wenn jemand (was unlängst in Wien der Fall war) für eine Premiere engagiert wird, der offenbar in keiner Weise die technischen Voraussetzungen besitzt, um eine Rolle wenigstens passabel interpretieren zu können (während es gleichzeitig genügend Kolleginnen gibt, die die Fähigkeiten hätten! Aber die sind halt nicht so attraktiv und werden nicht so gepusht), dann ist das skandalös und muss Konsequenzen haben. Natürlich ist es nicht angenehm, mit Buhrufen bedacht zu werden, aber Opernsänger ist ein Beruf wie jeder andere, und wenn ein Anwalt den dritten Klienten in Folge schlecht vertritt, kriegt er auch anständige Probleme.

      Ich persönlich buhe nur ganz selten (ungefähr 1-2mal im Jahr, und ich gehe mehrmals pro Woche in Konzerte/Opern). Aber wenn ich es notwendig finde, dann tu ich es. Ungleich häufiger schrei ich sehr laut bravo, wenn es mir gefallen hat.
    • Sadko schrieb:

      Nicht hingehen → sinnlos, andere gehen hin

      Applausverweigerung → sinnlos, andere klatschen und jubeln

      schlechte Kritiken schreiben → sinnlos, liest keiner, außerdem schreiben genug andere unkritisch

      wütende Briefe an die Oper schreiben → sinnlos, verändert nichts

      die Künstler beim Bühnentürl abpassen und ihnen die Meinung sagen → hab ich noch nicht gemacht (werde ich auch nicht), aber bringt höchstwahrscheinlich nichts.
      Genau da liegt ja das Problem. Irgendwie passt alles nicht und trotzdem möchte man doch seine Meinung kundtun. Oder etwa nicht. Ist es euch völlig egal und ihr geht enttäuscht, um einen Haufen Geld womöglich ärmer, stillschweigend aus dem Haus?

      Sadko schrieb:

      Aber wenn jemand (was unlängst in Wien der Fall war) für eine Premiere engagiert wird, der offenbar in keiner Weise die technischen Voraussetzungen besitzt, um eine Rolle wenigstens passabel interpretieren zu können (während es gleichzeitig genügend Kolleginnen gibt, die die Fähigkeiten hätten!
      Dann müsste man ja eigentlich die Intendanz ausbuhen oder das Besetzungsbüro. Kann die Sängerin wirklich etwas dafür? Vielleicht ist sie von ihrer Agentur getrieben worden? Vielleicht erhofft sie sich die große Chance (von der so viele der legendären Sängerinnen ja berichten) und meint, sie könnte es schaffen? Schließlich ist Wien ja auch nicht Kleinkleckersdorf, sondern ja immer noch ein Sprungbrett.

      Schwierige Sache. Das Ausbuhen eines Sängers/einer Sängerin finde ich eigentlich nur ok, wenn sie/er deutlich zeigt, dass sie/er an dem jeweiligen Abend nicht gewillt ist, eine entsprechende Leistung auch wirklich zu präsentieren. Also z.B. die Haltung von 'Ich finde das alles blöd hier.', 'Ich gehöre hier gar nicht her.', 'Diese Inszenierung ist ja grauenvoll.' und Ähnliches.

      Ansonsten gibt es:
      Sänger, die überfordert sind - Besetzungsbüro, Agentur, Selbstüberschätzung. (Altes Problem: Wie macht man ihnen das deutlich?)
      Sänger, die zu alt sind - Ehrfurcht vor der Lebensleistung, also kein 'Buhen' und schließlich weiß man, was einen erwartet.
      Sänger, die das falsche Fach singen - wieder Agentur, Besetzungsbüro, Selbstüberschätzung und von daher auch kein Buh.
      Sänger, die an dem Abend einfach nicht gut drauf sind - Tagesform (!) und daher erst recht kein Buh.

      Übrigens gilt das wohl für Dirigenten oder Solisten ähnlich.

      Aber es bleibt eine schwierige Sache. Ich habe da auch keine Patentlösung. Meistens verzichte ich schlichtweg auf Applaus, was ja (s.o.) nicht unbedingt hilfreich ist. Einerseits stellt sich nun die Frage, ob mein Qualitätsanspruch so absolut ist, dass ich meine, dass meine ausbleibende Anerkennung bis zum Interpreten durchdringen sollte. Andererseits habe ich ordentlich Geld bezahlt, wurde mir (gefühlt und erhofft jedenfalls) eine bestimmte Leistung verkauft, heimst der Künstler ja auch gerne Jubel und Bestätigung ein.

      Irgendwie bin ich immer noch nicht weiter, denke aber auch, dass es keine endgültige Lösung gibt.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Eigentlich sollte der Titel lauten: Das ist doch Mist - was kann ich tun? Aber ich befürchte, der wäre zu lang geworden.

      Ich weiß nicht, ob es einen entsprechenden Thread schon gibt und ob dieser hier überhaupt richtig angesiedelt ist.
      Ich habe den Thread ins Unterforum "Musik erfahren" verschoben.

      Außerdem die Überschrift tatsächlich erweitert. Längere Titel sind kein Problem. Zu allgemeine aber schon. Man sollte wissen, was einen erwartet.

      audi
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Ich halte Buhen generell für unzulässig. Es ist asozial. Richtig: asozial. Weil "asozial" letztendlich bedeutet, dass das entsprechende Verhalten nicht unseren üblichen sozialen Normen entspricht.

      Oder wurdet ihr, als Nichtkünstler, jemals im Leben in aller Öffentlichkeit ausgebuht? Mir ist das als Ingenieur noch nie passiert, auch wenn nicht immer alles perfekt ist, was ich abliefere. Auch Putzfrauen oder Friseure müssen sich nicht dermaßen runterputzen lassen.

      Soweit zum Thema "asozial". Aber es ist auch unhöflich gegenüber den anderen Zuschauern. Es handelt sich ja erst mal nur um ein Geschmacksurteil. Mein Sitznachbar kann das ganz anders sehen. Stell dir vor, du sitzt in einem Restaurant und ständig buhen irgendwelche Leute, weil ihnen das Essen nicht schmeckt. Mich würde das nerven. Und zwar auch dann, wenn alle zur gleichen Zeit mit dem Essen fertig sind. Die Buh-Rufer sind Wichtigtuer, meistens Männer. Sie haben kein Recht, mir ihre unmaßgebliche Meinung ins Ohr zu blöken. In einer gerechten Welt könnte ich diese Spinner auf Schmerzensgeld verklagen.

      Übrigens ist es in der Regel gar nicht möglich, direkt nach der Aufführung zu einem differenzierten Urteil zu kommen. Ich sage das als Einser-Schüler, Mathematiker und promovierter Ingenieur. Und lebenslang seine Umwelt beruflich wie privat analysierender Mensch. Zu einem halbwegs fundierten Urteil kommt man erst nach einer gewissen Auseinandersetzung mit der Sache. Von nix kommt nix. So wie auch eine Aufführung das Ergebnis eines längeren Prozesses ist. So etwas dann nach ca. 30 Sekunden "Analyse" öffentlich zu bewerten, ist überheblich. Es ist eine typisch männliche Unsitte, die sofort abgeschafft gehört.


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Sie haben kein Recht, mir ihre unmaßgebliche Meinung ins Ohr zu blöken.
      Sowas darf man nur in Internetforen. :versteck1:

      Auch ich buhe nie. Das finde ich pöbelhaft. Zu Bravorufen lasse ich mich gelegentlich hinreißen. Dann freuen sich die Darbietenden.

      :alter1:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Auch ich buhe nie. Das finde ich pöbelhaft. Zu Bravorufen lasse ich mich gelegentlich hinreißen. Dann freuen sich die Darbietenden.
      ich grundsätzlich auch nicht.
      Doch wenn es nach einer fetzigen und unterhaltsamen RT-Premiere zum Bravo auch Rabatz/Geblöke vom Auditorium gibt und dazu dann Solisten und Regieteam Hand-in-Hand dann provozierend/ostentativ das gemischte Feedback entgegennehmen, dann kommt sowas durchaus mit Gaudi-Level rüber...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Der Kulturmensch, der buht, zeigt, dass er was von der Sache versteht.
      Wie der, der die Klaviersonate mitdirigiert.
      Da weiß die Umgebung, vor wem sie Respekt haben darf.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Ich persönlich würde nie an einem kleinen Haus buhen (dort muss mit wenig Budget ums finanzielle Überleben gekämpft werden), auch dann nicht, wenn ein sonst verlässlicher Sänger eine schlechte Tagesform hat oder ein Interpret kurzfristig eingesprungen ist oder oder. Die Gründe, die mich in den letzten fünf Jahren dazu bewogen haben, sechsmal zu buhen (3mal bei Regisseuren, 3mal bei Sängern), waren ganz andere.

      Ich hab schon geschrieben, dass im Musikgeschäft viel schief läuft. Es ist eine traurige Tatsache, dass vielfach falsch besetzt wird, dass junge Sänger ohne Technik in große Partien gestoßen werden, dass es aber auch exzellente Sänger gibt, die nicht die "Karriere" machen, derer sie würdig wären, und die nicht im Rampenlicht stehen (Beispiele: Claudia Mahnke, Krassimira Stoyanova, Peter Mikuláš, Iris Vermillion, Genia Kühmeier etc.). Das ist ungerecht. (wobei diese es wahrscheinlich auch vorgezogen haben, den ruhigen Karriereweg zu gehen, anstatt verheizt zu werden)

      Und wer, wenn nicht das Publikum, soll dagegen protestieren? Natürlich kann man auch zum Entspannen in die Oper / ins Konzert gehen, den Fokus auf die Inszenierung legen und mit allem Gebotenen zufrieden sein, aber so bin ich nicht eingestellt. Wenn mich die Aufführung gelangweilt hat oder ich danach noch schnell einen Zug erreichen muss, geh ich auch gleich nach dem Ende, aber bei wirklich guten Leistungen applaudiere ich lange und schrei oft laut Bravo. Gleichzeitig muss es aber auch erlaubt sein, in ausgewählten Fällen sein Missfallen kundzutun, und dass es vor 50 Jahren in Wien noch ganz anders zugegangen ist, zeigt dieser sehr interessante Fernsehbeitrag auf Youtube: Wiener Staatsoper, 1968: "Stehplatzbeschimpfung".

      Generell ist Langeweile das Schlimmste, was dem Theater passieren kann, denke ich. Langeweile und fader Einheitsapplaus, weil ja alle sooo gut waren und man ja keinen Sänger vor den Kopf stoßen darf, weil ja alle Künstler so zart besaitet sind.. das ist keine gute Entwicklung.

      Ecclitico schrieb:

      Die Buh-Rufer sind Wichtigtuer, meistens Männer. Sie haben kein Recht, mir ihre unmaßgebliche Meinung ins Ohr zu blöken. In einer gerechten Welt könnte ich diese Spinner auf Schmerzensgeld verklagen.
      Übrigens ist es in der Regel gar nicht möglich, direkt nach der Aufführung zu einem differenzierten Urteil zu kommen. [...] So etwas dann nach ca. 30 Sekunden "Analyse" öffentlich zu bewerten, ist überheblich. Es ist eine typisch männliche Unsitte, die sofort abgeschafft gehört.
      Sorry, aber Dein gesamter Beitrag (vor allem das Zitat) kann ja nur ein Scherz sein. Nur weil Du nicht nach 30 Sekunden beurteilen kannst, ob eine Leistung gut oder vollkommen inakzeptabel war, heißt das nicht, dass ich das nicht kann. Und eine "männliche" Sache ist das Buhen generell gar nicht, ich kenne genug Frauen, die das öfter als ich machen. Und zu "es gehört sofort abgeschafft": Ich nehme an, Dir ist klar, dass Du hiermit forderst, die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken?

      Falls von Interesse: Die drei Sänger, die ich in den letzten Jahren ausgebuht hab, waren eine vollkommen inakzeptable Premieren-Klytämnestra, ein vollkommen inakzeptabler Premieren-Heerrufer und eine vollkommen inakzeptable Repertoire-Pamina (eine Sängerin, die überhaupt nicht singen kann, aber viele großen Rollen kriegt, weil sie halt optisch attraktiv ausschaut, einen anderen Grund kann es nicht geben). Das alles an der Wiener Staatsoper. Dazu stehe ich, die Buhs waren ohne jedes schlechtes Gewissen. Ich kann und will nicht alles akzeptieren, das man mir als zahlendem Opernbesucher so etwas vorsetzt, und zwar an einem Haus, das angeblich das erste Haus der Welt ist oder zumindest sein will.

      Felix Meritis schrieb:

      Man kann auch kritische Bemerkungen auf den Ensemble- oder Künstlerhomepages platzieren. Habe ich einmal getan und es kam sogar eine Diskussion zustande.
      Daran hab ich noch nicht gedacht, aber was soll man denn schreiben: "Tut mir leid, Sie haben nicht das Format, um in Wien in Hauptrollen aufzutreten. Nehmen Sie noch ein paar Jahre Gesangsunterricht, arbeiten Sie an Ihrer Technik, sodass Ihnen nicht immer die ganze Luft an den Stimmlippen vorbeischießt, lernen Sie besseres Bühnendeutsch und fangen dann an kleinen Häusern an!". So etwa?
    • Sadko schrieb:

      Sorry, aber Dein gesamter Beitrag (vor allem das Zitat) kann ja nur ein Scherz sein. Nur weil Du nicht nach 30 Sekunden beurteilen kannst, ob eine Leistung gut oder vollkommen inakzeptabel war, heißt das nicht, dass ich das nicht kann. Und eine "männliche" Sache ist das Buhen generell gar nicht, ich kenne genug Frauen, die das öfter als ich machen. Und zu "es gehört sofort abgeschafft": Ich nehme an, Dir ist klar, dass Du hiermit forderst, die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken?

      Nein, das fordere ich nicht. Ich fordere nur, dass du andere Leute nicht belästigst. Das ist wie mit dem Rauchen. Ob Rauch gut oder schlecht riecht, darüber kann man streiten. Aber wer Rauch zufälligerweise gut findet, hat nicht das Recht, andere Leute damit zu belästigen. Also rauche bitte da, wo es andere nicht stört. Und buhe da, wo es keiner hört. Schreib Leserbriefe. Mach einen Blog. Organisiere Feedback-Gespräche für interessierte Zuschauer. Das wäre zusätzlich noch der Sache dienlicher als dieses Rumgeblöke, das eh keiner ernst nimmt.


      Falls von Interesse: Die drei Sänger, die ich in den letzten Jahren ausgebuht hab, waren eine vollkommen inakzeptable Premieren-Klytämnestra, ein vollkommen inakzeptabler Premieren-Heerrufer und eine vollkommen inakzeptable Repertoire-Pamina (eine Sängerin, die überhaupt nicht singen kann, aber viele großen Rollen kriegt, weil sie halt optisch attraktiv ausschaut, einen anderen Grund kann es nicht geben). Das alles an der Wiener Staatsoper.

      Ist nicht von Interesse. Aber aus reiner Neugierde: Die drei Sänger haben anschließend ihren Job verloren? Oder gab es möglicherweise Personen, die möglicherweise Ahnung haben (natürlich weniger als du), die sich möglicherweise einer differenzierteren Leistungsbeurteilung befleißigen, die möglicherweise - warum auch immer - dafür bezahlt werden, Sänger zu bewerten, einzustellen, zu entlassen, und die möglicherweise zu einem anderen Urteil kommen als du? Könnte doch sein, oder?

      Es geht hier nicht darum, ob ein Arbeitsplatz gut oder schlecht besetzt ist. Jeder von uns kann mal einen schlechten Tag haben oder sogar gänzlich überfordert sein mit seinem Job. Aber so etwas lässt sich nicht durch Rumgebuhe 30 Sekunden nach dem letzten Ton klären. Dafür hat Gott das Fußballstadion geschaffen (müsste ca. am 8. Tag gewesen sein), da ist so etwas akzeptiert, und die Beteiligten können damit umgehen. Ein Opernhaus ist aber kein Fußballstadion.


      Thomas
    • Danke für Deine Antwort, jetzt kann ich Deine Sichtweise ein bisschen besser verstehen, obwohl ich nach wie vor nicht Deiner Meinung bin.

      Also ich rauch nicht, aber es gibt da einen ganz großen Unterschied. Egal ob man sich vom Passivrauch gestört fühlt oder nicht, er ist gesundheitsschädlich, das ist klar. Von Buhrufen kann man sich subjektiv gestört fühlen, aber gesundheitsschädlich sind sie sicher nicht. Also vergleiche ich die beiden Dinge nicht miteinander. Wenn Du Buhrufe ablehnst, müsstest Du aus meiner Sicht konsequenterweise auch Bravorufe ablehnen, oder?

      Die von Dir vorgeschlagenen Möglichkeiten zur Unmutsäußerung hast Du nicht ganz ernst gemeint, oder? Wie auch immer, Blogs nehmen ja noch weniger Leute ernst und sind Zeitverschwendung (am schlimmsten sind Restaurantblogs: "uuugh Leute, schauts mal, ich war in dem Restaurant, das ja voll in ist, und ich hab ein Review geschrieben, folgt mir, teilt mich, ich bin so geil!").

      Natürlich haben die Sänger nicht ihren Job verloren. Ich bin mir aber gaaar nicht so sicher, ob derjenige, der als Operndirektor für diese drei Besetzungen letzlich verantwortlich ist, wirklich mehr Ahnung hat als ich (wenn man sich anschaut, wie er besetzt und wen er (nicht) engagiert, drängt sich die Vermutung auf, dass "jung und schön" schon als Anforderung ausreicht).

      Nochmals: Es geht nicht um eine schlechte Tagesform, sondern es geht um katastrophale Leistungen, die durch mangelnde grundlegende Fähigkeiten verursacht sind. Nebenbei: Ich bin kein Fußballfan, aber zwischen Opernfans und Fußballfans gibt es eine recht große Schnittmenge und zahlreiche Ähnlichkeiten...
    • Sadko schrieb:

      Ich bin kein Fußballfan, aber zwischen Opernfans und Fußballfans gibt es eine recht große Schnittmenge und zahlreiche Ähnlichkeiten...
      Scheint so...

      Aber nix gegen Fußball. Und du hast durchaus Recht, dass ein Feedback seitens des Publikums sinnvoll sein kann. Aber es muss halt ein Mehrwert daraus entstehen.

      Ich würde mich gerne in der Pause oder nach der Aufführung mit Leuten austauschen. Erst dann kann man zu einem differenzierten Urteil kommen. Ich versuche es zwar gelegentlich, aber Leute mit Lust zum Meinungsaustausch vor Ort sind wirklich rar. Es ist ja auch nicht so einfach. Auch wenn sich die Sache für die Buh-Rufer einfach darstellt...


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Und du hast durchaus Recht, dass ein Feedback seitens des Publikums sinnvoll sein kann. Aber es muss halt ein Mehrwert daraus entstehen.

      Ich würde mich gerne in der Pause oder nach der Aufführung mit Leuten austauschen. Erst dann kann man zu einem differenzierten Urteil kommen. Ich versuche es zwar gelegentlich, aber Leute mit Lust zum Meinungsaustausch vor Ort sind wirklich rar. Es ist ja auch nicht so einfach. Auch wenn sich die Sache für die Buh-Rufer einfach darstellt...
      Ja, ich teile Deine Meinung, dass Buhrufe nicht unbedingt ein konstruktives Feedback darstellen. Aber Bravorufe sind ja auch kein konstruktives Feedback. Beides ist halt eine Art Statement.
      Ich schreib ja über die meisten meiner Opernbesuche hier und in einem Wiener Internetforum (nicht: T.....) subjektive Berichte, aber ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass ich das nur zum Spaß mache und keine Auswirkung auf die Qualität der Aufführungen hat. Dem Direktor ist doch vollkommen egal, was irgendwer anonym irgendwo im Internet schreibt.

      Das haben wir gemeinsam, auch ich tausche mich gerne in der Pause oder nach der Aufführung mit anderen Besuchern aus. Mir fällt es leicht, Kontakte zu knüpfen und das auch zu tun, es ist doch recht leicht, mit anderen Leuten zuerst Augenkontakt aufzubauen, und in der Pause (oder nachher beim Anstellen für die Garderobe oder sogar noch nachher in der U-Bahn) findet sich ja immer Gesprächsstoff, der die Aufführung betrifft. Wahrscheinlich ist das eine Eigenheit des Wiener Stehplatzes, aber ich dort kenne viele Leute und kann mich viel über Opernaufführungen austauschen. Mit manchen wenigen hat sich über die Jahre auch schon eine Freundschaft entwickelt, die weit über opern-bezogene Bekanntschaft hinausgeht. Aber wir schreiben ja in einem Internetforum, damit wir uns auch zusätzlich mit Leuten austauschen können! Das finde ich super.
    • Ecclitico schrieb:

      Ich halte Buhen generell für unzulässig. Es ist asozial. Richtig: asozial. Weil "asozial" letztendlich bedeutet, dass das entsprechende Verhalten nicht unseren üblichen sozialen Normen entspricht.

      Oder wurdet ihr, als Nichtkünstler, jemals im Leben in aller Öffentlichkeit ausgebuht? Mir ist das als Ingenieur noch nie passiert, auch wenn nicht immer alles perfekt ist, was ich abliefere. Auch Putzfrauen oder Friseure müssen sich nicht dermaßen runterputzen lassen.
      Nun haben sich ja in unterschiedlichen Lebensbereichen verschiedene Formen der positiven wie negativen Kritik etabliert und im Opernbereich ist das nun einmal die gesamte Bandbreite von Bravo über Applaus bis zum Buh. Logischerweise wird niemand einer Friseurin oder einem Friseur ein Bravo oder ein Buh hemmungslos ins Ohr brüllen. Da läuft eine Anerkennung traditionell halt u.a. über das Trinkgeld. Von daher hinkt der Vergleich.

      Ecclitico schrieb:

      Die Buh-Rufer sind Wichtigtuer, meistens Männer.
      Das ist, mit Verlaub, Quatsch. Ein besonders hemmungsloses Buh, an das ich mich erinnere, kam nach der Premiere des Berghaus Tristan in HH und wurde vom einem wütenden Geschleuder einer Perlenkette begleitet. Mehr als augenfällig handelte es sich dabei um eine ältere 'Dame'. Und auch sonst habe ich oft genug erlebt, dass es beim Buhrufen keiner Quote bedarf. :)

      Ecclitico schrieb:

      Nein, das fordere ich nicht. Ich fordere nur, dass du andere Leute nicht belästigst.
      Sadko hat darauf ja schon geantwortet, aber wenn Buhrufer die Bravorufer belästigen, dann gilt das umgekehrt natürlich auch und alle müssten sich wegen Rücksichtnahme dann ja relativ stillschweigend aus dem Haus stehlen. Was den Akteuren sicherlich auch wieder nicht gefallen würde. ;)

      Ecclitico schrieb:

      Ein Opernhaus ist aber kein Fußballstadion.
      Das würde manch Italiener bestimmt nicht unterschreiben. ^^

      Ich bin ja auch kein Freund von Buhs. Aber ich kann auch verstehen, dass Zuschauer, die oftmals teuer für eine ihnen irgendwie auch versprochene Leistung bezahlt haben, so enttäuscht sind, dass sie nicht mehr anders können. Und wenn ich als Akteur gerne die positive Zustimmung akzeptiere und das dem Zuschauer zubillige, dann gilt das auch für das Gegenteil, dann muss ich als freie Meinungsäußerung auch das Buh hinnehmen.

      Aber es sollte eine Ausnahme bleiben und ich wäre froh, wenn mir als Zuschauer andere Möglichkeiten aufgezeigt werden würden. Auf der Homepage des Künstlers sich kundzutun, ist da, glaube ich, nicht der richtige Weg, weil den Protest schließlich ja auch immer andere mitbekommen sollen, was bei dem Homepage-Dialog nicht mehr möglich ist.

      Und sozusagen die negative Missfallenskundgebung erstmal zu überschlafen, d.h. Abstand zu gewinnen, bedeutet natürlich auch, dass ich mit dem Bravo, selbst mit dem Applaus erstmal warten müsste. Wo kommen wir denn da hin?

      :wink: Wolfram
    • Wolfram, ich bin mit Deinem letzten Beitrag vollkommen einverstanden, ich seh es genauso. Wie gesagt, Buhrufe sind bei mir die absolute Ausnahme! Bei ca. 150-200 Opern-/Konzertbesuchen im Jahr schrei ich geschätzt bei jedem zweiten Bravo und buhe wirklich selten (geschätzt 1mal im Jahr).

      Was ich übrigens extrem störend finde, sind Leute, die sofort nach Verklingen des letzten Tones Applaus oder - noch schlimmer - einen Bravoruf hören lassen. Was soll das? Das Schönste ist doch die Stille nach dem letzten Ton. Diese Momente sind kostbar. Nach einigen Sekunden soll von mir aus jeder so laut klatschen/jubeln/buhen, dass das Opernhaus wackelt. :D

      Btw: ein Geschleuder einer Perlenkette? :thumbsup: Wohin wurde sie geschleudert? Richtung Bühne?!
    • Interessant ist ja, dass v.a. in der Oper sich das Problem mit Buh und Bravo und all dem dazwischen stellt. Im Konzert, im Theater habe ich das viel seltener und längst nicht so massiv erlebt. Höchstens noch in Rockkonzerten, wobei sich da anscheinend niemand über lautstarken Protest aufregt. ?(

      Die Oper mit dieser speziellen Mischung von Musik, Gesang und Drama muss offensichtlich in einer ganz besonderen Weise Emotionen berühren und ansprechen, so dass eben auch solche harschen Reaktionen wie Bravo- und Buhstürme möglich sind.

      Andererseits ist das wohl auch ein Zeitphänomen. Oft höre ich alte Live-Aufnahmen und denke nach einer Arie, dass nun aber das Haus 'runterkommen' müsste und dann höre ich nur einen relativ gepflegten Applaus. (Hängt allerdings schon sehr stark vom jeweiligen Land ab.) Mir scheint, dass ab den 60iger Jahren, diese 'Bravo- und Buh-Kultur erst so richtig massiv in den Opernalltag eingezogen ist. Aber das, wenn es denn so stimmt, ist wieder ein anderes Thema.

      :wink: Wolfram