"Das ist doch Mist! "- Wie reagieren auf schlechte Darbietungen?

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    • Ja, Deine Beobachtung ist aus meiner Sicht komplett richtig! Ein Freund hat vor ein einigen Jahren einige Zeit lang in Leipzig gelebt und hat es dort irgendwo (vielleicht im Gewandhaus, vielleicht in einem anderen Konzertsaal in der Reichweite) gewagt, nach einem Konzert "Bravo!" zu rufen, worauf ihn eine ältere Dame darauf hingewiesen hat, man wäre hier nicht an einem Fußballplatz. :verbeugung1: :verbeugung1:

      Meine Meinung ist schon seit längerer Zeit, dass die Opernfans ein etwas... "eigenes" Völkchen sind. Ich darf das sagen, ich gehör auch dazu :thumbup:
      Mir macht seit einiger Zeit Instrumentalmusik ohnehin mehr Spaß, das ist anspruchsvoller, und dort gibts keine Sänger, die von der Musik ablenken. :versteck1:
      Ich weiß leider nicht, wie sich die Art der Zuschauerreaktionen in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat, weil ich erst seit 10 Jahren in die Oper geh. Aber ich vermute, Wien war in dieser Hinsicht immer schon bisschen extrem :D Es gibt ja auch die Geschichte, dass der junge Stehplatzbesucher Eberhard Waechter beim Bühnentürl einen Dirigenten ausgebuht hat und daraufhin von der Sopranistin abgewatscht wurde, oder dass der Dirigent Hans Graf von Bonisolli-Fans abgepasst und abgewatscht wurde, weil er dem Bonisolli ein Da Capo verweigert hat. Also sowas passiert jetzt nicht mehr, auch in Wien nicht :rolleyes:
    • Sadko schrieb:

      Bei ca. 150-200 Opern-/Konzertbesuchen im Jahr
      Wie toll! Das erinnert mich an meine besten Opernjahre, als man quasi im Opernhaus wohnte. ^^ Was waren das für schöne Zeiten. (Meine Güte, das klingt jetzt aber sehr rentnermäßig. :D )

      Sadko schrieb:

      Was ich übrigens extrem störend finde, sind Leute, die sofort nach Verklingen des letzten Tones Applaus oder - noch schlimmer - einen Bravoruf hören lassen. Was soll das?
      Ich weiß, was du meinst (Rosenkavalier Finale I. Akt oder 'Abschied' im 'Lied von der Erde' und so fort), aber es hängt doch auch sehr von dem letzten Ton ab. Wenn eine Arie mit einem 'C' endet, muss die Reaktion kommen. Wenn nicht, ist das auch grauenhaft. Wenn nach der Manrico-Stretta niemand klatscht, ist es vielleicht genau so schlimm für den Sänger als würden alle buhen. Womit wieder die Frage im Raum steht, wie ich dem Sänger mein Missfallen kundtun kann ohne ihn allzu sehr zu verletzen.

      Sadko schrieb:

      Btw: ein Geschleuder einer Perlenkette? Wohin wurde sie geschleudert? Richtung Bühne?!
      Also, die Dame hatte sie noch in der Hand, aber es ging natürlich in Richtung Bühne. Fairerweise muss ich dazu schreiben, dass in der Folgevorstellung direkt nach dem Schlusston III. Akt jemand aus dem Parkett (!) schrie: 'Man sollte Frau Berghaus erschießen.' Und das war ein Mann. Ich habe selten in einer Aufführung so gezittert vor Erschütterung, Ekel, Abscheu, Entsetzen.
      Übrigens war das kein Buh. Man kann Buh und Bravo (ich habe schon Blumen auf den bestimmten Sänger regnen sehen) immer noch toppen.

      :wink: Wolfram
    • Sadko schrieb:

      Aber ich vermute, Wien war in dieser Hinsicht immer schon bisschen extrem Es gibt ja auch die Geschichte, dass der junge Stehplatzbesucher Eberhard Waechter beim Bühnentürl einen Dirigenten ausgebuht hat und daraufhin von der Sopranistin abgewatscht wurde, oder dass der Dirigent Hans Graf von Bonisolli-Fans abgepasst und abgewatscht wurde, weil er dem Bonisolli ein Da Capo verweigert hat. Also sowas passiert jetzt nicht mehr, auch in Wien nicht
      In unserer so leidenschaftslosen und überaus korrekten Welt geht das natürlich nicht mehr. Und im Ernst, klar sind das Grenzüberschreitungen. Aber das sind natürlich auch die Geschichten, die zu einem Teil zu diesem Opernmythos beigetragen haben. Oper endet ja nicht mit dem letzten Ton. Oper war immer und sollte es vielleicht auch sein, etwas, was einen die ganze Nacht emotional mitreißt und einen zu manchmal seltsamen Handlungen bewegt.

      Als die Callas 1958 eine Norma-Vorstellung in Rom wegen Krankheit nach dem I. Akt abbrechen musste (nun war auch noch der italienische Staatspräsident im Publikum) wurde ihr Haus in Mailand mit Kot beschmiert, im italienischen Parlament darüber diskutiert, ob man sie als Griechin nicht außer Landes weisen sollte, patroullierte die Polizei bei ihrem nächsten Auftritt in der Scala. Das ist alles völlig daneben und absurd und mindestens für die Callas auch grauenhaft. Aber es zeigt auch die Wirkungsmacht, die Oper entwickeln kann. Und je besser Oper ist und je besser auch ihre Sänger, desto höher schlagen die Emotionen. Man kann auf der einen Seite nicht im Gesang die Gefühle 'anstacheln' und auf der anderen Seite ein völlig kontrolliertes Publikum erwarten.

      :wink: Wolfram
    • Oh haha, ich wollte nicht angeben! Ich hab auch genug andere Sachen im Leben zu tun, aber ich hör einfach gern Musik und habe das Glück, in einer Stadt zu leben, in der das sehr reichhaltige Kulturprogramm zu extrem niedrigen Preisen konsumiert werden kann, und das nütz ich halt aus, siehe hier :D
      Und nein, klingt nicht rentnermäßig. Rentner haben ja oft genug Zeit, ihr Leben in der Oper oder im Konzert zu verbringen (wenn die Karten billig genug sind), die würden so etwas nicht sagen :jaja1: :!:

      Ja natürlich! Da habe ich mich ungenau ausgedrückt. Aber ich hab heute zum Beispiel einen Fliegenden Holländer gehört und habe es sehr angemessen gefunden, dass nach Verklingen des Erlösungsschlusses für ein paar Sekunden Stille herrschte. Das hatte eine viel stärkere Wirkung als sofort einsetzender Applaus.

      Okaaaay, also die Äußerung mit dem Erschießen geht ja überhaupt nicht. Da hätte die Polizei einschreiten können, da versteh ich keinen Spaß. Es gehört nicht zum Thema, aber was war an diesem Tristan bitteschön so schlimm?!

      Wolfram schrieb:

      Und je besser Oper ist und je besser auch ihre Sänger, desto höher schlagen die Emotionen. Man kann auf der einen Seite nicht im Gesang die Gefühle 'anstacheln' und auf der anderen Seite ein völlig kontrolliertes Publikum erwarten.
      Und Deinem Schlusssatz stimme ich komplett zu. Genauso ist es. Oper ist eben keine Kammermusik. (völlig wertfrei, welches Genre besser ist)
    • Sadko schrieb:

      Oh haha, ich wollte nicht angeben!
      Lieber Sadko, das meine ich auch überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich beneide dich. Ich würde gerne nochmal die Lust für so viele Opernabende aufbringen. Aber nach so und so vielen Aufführungen in Hamburg, die ich vorzeitig beendet habe und gefrustet nach Hause fuhr, habe ich irgendwann für mich beschlossen, dass es nun reicht, dass ich meine Lebenszeit besser verbringen kann.

      Sadko schrieb:

      Und nein, klingt nicht rentnermäßig. Rentner haben ja oft genug Zeit, ihr Leben in der Oper oder im Konzert zu verbringen (wenn die Karten billig genug sind), die würden so etwas nicht sagen
      Also preiswertere Karten für Rentner gibt es in Hamburg nicht. Ist halt ein sozialdemokratisch regiertes Bundesland. ^^ Nein, das meinte ich gar nicht, sondern diese anklingende Haltung: Früher war alles besser. Was natürlich vollkommender Quatsch ist, aber andererseits vielleicht auch stimmt. Jedenfalls in bestimmten Aspekten. Je älter man wird, desto mehr Vergangenheitsfussfesseln schleppt man mit sich und will sie ständig abschütteln, was aber nicht immer gelingt. ^^

      Sadko schrieb:

      Es gehört nicht zum Thema, aber was war an diesem Tristan bitteschön so schlimm?!
      Ehrlich gesagt - keine Ahnung. Ich muss gestehen, dass ich nach dem I. Akt auch ziemlich auf Zinne war, aber dann habe ich plötzlich kapiert, worum es ihr eigentlich ging und dann war ich ihr total verfallen. Berghaus zeigt hier ziemlich deutlich die Unmöglichkeit der Liebe, der Verschmelzung von Menschen, des Ineinanderaufgehens. Aber gleichzeitig hat sie dafür Bilder gefunden, die mir buchstäblich den Atem geraubt haben. Und damit meine ich, dass ich in bestimmten Momenten wirklich das Atmen vergessen habe. Nun ist diese Inszenierung roundabout 30 Jahre alt, aber jeder, der die Möglichkeit hat, sollte sie sich anschauen. Die letzte Vorstellung unter Nagano habe ich zwar nur gut 30 Minuten durchgehalten. Schon das Vorspiel war extrem langweilig und ich dachte, dass das irgendwie wie beim Sex wäre. Wenn das Vorspiel schon Scheiße ist, dann... :D Aber das sollte niemand, der den Tristan in HH noch nicht gesehen hat, davon abhalten. Die Inszenierung, wenn auch logischerweise heutzutage verwässert, ist schlichtweg genial, grandios und in ihrer Wucht überwältigend. Und Sänger für dieses Werk zu finden, ist wohl eh nicht ganz leicht.
      Fast möchte man sagen: Ab nach Hamburg, Tristan schauen, Ohren zu und Augen auf. ^^

      :wink: Wolfram
    • Okay, gut :D Dann ist es nicht falsch angekommen. Ich hab schon seit längerem eine starke Musik-Phase, aber zB 2016 war ich viel weniger kulturell aktiv.
      Eine kurze Zwischenfrage, die zwar überhaupt nicht zum Thema gehört, aber mich sehr interessiert: Hängt Dein Hamburger Opernfrust mit der seit 2015 amtierenden Direktion zusammen`? Man hört ja allerhand Merkwürdiges, und die Stimmung soll im Haus unter dem Nullpunkt sein (wenn auch, wie mir erzählt wurde, neuerdings mit leichter Besserungstendenz).
      Ich habe bis jetzt erst drei Aufführungen im Hamburg erlebt (1x Frau ohne Schatten, 2x Hänsel und Gretel), und wenn es bei der angekündigten Besetzung bleibt, fahre ich im September zur Nase mehrmals hin. Eventuell schon früher zum Don Carlos.

      Jaa, ich denke darüber auch nach. Manches war früher besser, manches war früher schlechter. Die Welt verändert sich, so ist das eben.. Man wird immer Sachen finden können, die man subjektiv besser gefunden hat.

      Okay, danke für die Beschreibung! :thumbsup: Ich denke, dass sich Frau Berghaus gute Arbeit geleistet hat. Dem Theater kann doch nichts Schlimmeres passieren als gelangweilt aufgenommen zu werden und letzlich niemanden mehr zu interessieren. Also finde ich auch Missfallenskundgebungen (nicht: Drohungen mit dem Erschießen) in Ordnung - um wieder den Bogen zum Thema dieses Threads zu spannen.
    • Sadko schrieb:

      Daran hab ich noch nicht gedacht, aber was soll man denn schreiben: "Tut mir leid, Sie haben nicht das Format, um in Wien in Hauptrollen aufzutreten. Nehmen Sie noch ein paar Jahre Gesangsunterricht, arbeiten Sie an Ihrer Technik, sodass Ihnen nicht immer die ganze Luft an den Stimmlippen vorbeischießt, lernen Sie besseres Bühnendeutsch und fangen dann an kleinen Häusern an!". So etwa?
      Es handelte sich damals um eine Aufführung von Mendelssohns Paulus in Wien (mindestens 15 Jahre her), bei der ich die Leistung des Tenorsolisten für unter aller Sau hielt und mit diversen Kürzungen nicht einverstanden war. Ich schrieb dann im Gästebuch des aufführenden Chors (dessen Leiter auch Dirigent gewesen war), dass ich mich sehr über eine leider allzu seltene Aufführung des Paulus und über die Leistung des Chors sehr gefreut hätte, aber den Tenorsolisten für fehlbesetzt und die Auslassung gewisser Nummern für verstümmelnd gehalten hätte. Ich bekam dann Antwort, u.a. mit Ausdruck des Bedauerns über die Indisponiertheit des Tenors.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Wolfram schrieb:

      Interessant ist ja, dass v.a. in der Oper sich das Problem mit Buh und Bravo und all dem dazwischen stellt. Im Konzert, im Theater habe ich das viel seltener und längst nicht so massiv erlebt.
      Das scheint mir auch so. Und wenn im Konzert überhaupt gebuht wird, dann gilt das meistens dem (nicht anwesenden) Komponisten, weil dem Buher das Stück "zu schräg" war.
      Mir persönlich ist in über 40 Jahren Konzerterfahrung noch kein Fall vorgekommen, wo die Interpreten ausgebuht wurden. Ist das typisch? Und wenn ja, warum ist das eigentlich so?

      Was ich allerdings oft beobachte, ist das Verweigern des Beifalls, wenn das Stück nicht in die Hörgewohnheiten passt.
      Typisches Szenario: "Das moderne Stück" innerhalb eines Symphoniekonzerts.
      Wenn da ein Schönberg, Webern, Zimmermann, Boulez, Maderna, Hartmann...(modern :grins3: ) oder vielleicht sogar eine Uraufführung kommt, dann gibt es doch einige, die froh sind, dass es vorbei und nicht klatschen. Ich versuche, dass dann immer zu kompensieren :clap: :clap:

      Hat jemand überhaupt schon mal ein Buh gehört bei der Aufführung eines Stücks von (sagen wir mal) vor 1910?


      :wink:
    • Bravos freuen den/die Künstler/in.

      Bravos freuen mich nach einem Auftritt und eine andere Reaktion derer, die mit mir auftreten, habe ich noch nie erlebt. Buhs habe ich Gott sei Dank noch nie erlebt, unser Publikum war bisher wohl zu höflich dazu, oft auch informiert darüber, dass die meisten von uns die Auftritte nicht (haupt-) beruflich absolvieren. Da genießen wir ggf. Welpenschutz. Möge das so bleiben, wir sind wahrscheinlich doch in der Regel dünnhäutiger als Vollprofis.

      Die ggf. unterschiedliche Intensität des Applauses ist jedoch deutlich für die Darbietenden spürbar. Das darf man nicht unterschätzen und ich glaube, dass Leute, die etwa bei der Wiener Staatoper engagiert sind, es sehr wohl spüren, wie unterschiedlich die Publikumsreaktion ist, auch ohne Grölen. Ich bin überzeugt, dass dies dann analysiert wird, wie meine Mitstreiter/innen und ich es auch tun.

      Wissend, was ein singender Auftritt einer Person abverlangt, werde ich nie ein Buh von mir geben, sehr wohl aber ein Bravo, wenn mir danach ist. Unsereins ist meist so gestrickt, dass die positive Verstärkung zum Leistungshoch antreibt. Wenn es sch... gelaufen ist, weiß man das ziemlich zeitsynchron selbst, da braucht man nicht noch eine drauf.

      Ich meine, fachkundigerweise Tagesform von grundlegenden technischen Mängeln oder gar falsche Fachbesetzung unterscheiden zu können (letztere sieht man den Agierenden fast vorher schon an) und letzteres kann mich dann auch ärgern, wenn ich mal im Publikum sitze. Nur ist halt Fakt, dass die Person sich nun mal dort hineinbegeben hat und mit Sicherheit irgendwie merkt, dass was nicht stimmt. Das Gefühl kann weder eine -einmalige- hohe Gage noch der (unberechtigte) Hype dauerhaft unterdrücken.

      Das hält mich auch nicht davon ab, außerhalb der Aufführungssituation im angemessenen Rahmen darüber zu sprechen, jedoch: In der Aufführung und im Bühnenraum muss fairerweise jedem/r die Chance durch ein angemessenes Verhalten gegeben werden.

      Allerdings darf das Bravo auch nicht als Maß aller Dinge genommen werden. Es kann durchaus dadurch entstanden sein, dass z.B. sängerische oder musikalische Mängel (etwa durch zu wenig Vorbereitung -was mir zuletzt auch zu schaffen machte aufgrund einer zähen Infektion) durch starke Präsenz überspielt wurde oder ein beliebtes Stück dargeboten wird. Mit diesem einmaligen Effekt ist "das Ding keinesfalls für immer gebongt".

      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Wolfram schrieb:

      Wenn eine Arie mit einem 'C' endet, muss die Reaktion kommen.
      Ja! Es gibt nicht viele Bässe, die soweit mit Schmackes runterkommen! Allerdings meines Wissens aber auch keine Arie, die dort endet... 8o
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Sadko schrieb:

      Eine kurze Zwischenfrage, die zwar überhaupt nicht zum Thema gehört, aber mich sehr interessiert: Hängt Dein Hamburger Opernfrust mit der seit 2015 amtierenden Direktion zusammen`?
      Kurz dazwischen. ;)
      Nein, der 'Opernfrust' (als solches würde ich ihn gar nicht mal beschreiben) fing schon früher an. Da gibt es ein ganzes Bündel von Ursachen, was hier aber zu weit führen würde. ^^

      :wink: Wolfram
    • Scherzo schrieb:

      Hat jemand überhaupt schon mal ein Buh gehört bei der Aufführung eines Stücks von (sagen wir mal) vor 1910?
      Ja, in der Tat bei einer Aufführung des 'Lied von der Erde'. Da wurde der Dirigent ausgebuht, was mich wirklich empört hat, weil es sich um Yehudi Menuhin handelte.

      Das mag jetzt völlig inkonsequent sein, aber ich finde, es gibt Künstler, da verbietet sich grundsätzlich ein Buh. Klar, warum sollten bestimmte Künstler ausgenommen werden. Trotzdem hätte es sich eigentlich von vornherein bei Menschen wie Menuhin oder Peter Ustinov, bei dem ich das leider auch erlebt habe, aufgrund ihres Einsatzes für die Menschlichkeit verbieten sollen.

      :wink: Wolfram

      PS: Auch inkonsequent, aber mich störte der rauchende Altbundeskanzler auch nie. Ich fand, der hatte auch Sonderrechte. :D
    • Wie sieht es eigentlich bei Regisseuren aus? Ich habe das Gefühl, dass heute v.a. diese Gruppe Buhs entgegennehmen muss. Wird es von diesen möglichweise anders aufgenommen?

      Ich frage dass, weil ich von einem namhaften Regisseur des sogenannten RT weiß, dass er während einer Premiere ganz hektisch im Haus herumlief und dabei sagte: 'Was habe ich falsch gemacht? Es hat noch niemand gebuht.'.

      Gehören da die Buhs vielleicht zum eingeplanten 'Spiel', die man auch braucht, damit die eigene Arbeit (à la 'Skandal bei der Premiere' und so) in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen wird? Ich weiß es nicht, aber ein 'Buhorkan' in den Medien schafft doch sicherlich mehr Aufmerksamkeit als die Meldung, dass die Inszenierung oder auch die UA nur mit freundlichem Beifall aufgenommen wurde.

      :wink: Wolfram
    • In diesem Thread geht es nur um "Musik", richtig?

      Sonst fiele mir da spontan die Uraufführung v. Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" (in Frankfurt, 1966) ein ... Kann man sich auf Youtube anschauen. Was daaaaa los war ... 8| So etwas kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Was sich die Darsteller (und am Ende auch der Regisseur) da v. Publikum bieten lassen mussten ... Chapeau, sag' ich nur.
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • Newbie69 schrieb:

      Ich frage nur, weil dieser Thread im Bereich "Musik: Erfahren" erstellt wurde.
      Das hat dankenswerterweise Audiamus gemacht, weil ich mir nicht sicher war, wo ich den Thread ansiedeln sollte. aber selbst wenn das so ist, dann behandeln wir das Sprechtheater halt off topic. :D

      Letztlich ist, was Buhs und Bravos angeht und ihre Anwendung, der Unterschied zwischen Oper und Theater ja auch nicht gegeben.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Nein, der 'Opernfrust' (als solches würde ich ihn gar nicht mal beschreiben) fing schon früher an. Da gibt es ein ganzes Bündel von Ursachen, was hier aber zu weit führen würde. ^^
      Alles klar, danke für die Info!

      Felix Meritis schrieb:

      Es handelte sich damals um eine Aufführung von Mendelssohns Paulus in Wien (mindestens 15 Jahre her), bei der ich die Leistung des Tenorsolisten für unter aller Sau hielt und mit diversen Kürzungen nicht einverstanden war. Ich schrieb dann im Gästebuch des aufführenden Chors (dessen Leiter auch Dirigent gewesen war), dass ich mich sehr über eine leider allzu seltene Aufführung des Paulus und über die Leistung des Chors sehr gefreut hätte, aber den Tenorsolisten für fehlbesetzt und die Auslassung gewisser Nummern für verstümmelnd gehalten hätte. Ich bekam dann Antwort, u.a. mit Ausdruck des Bedauerns über die Indisponiertheit des Tenors.
      Oh okay, verstehe. Danke für die genaue Erläuterung. Besagter Wiener Paulus muss schon wirklich lang her sein.
      Gegen Kürzungen kann man natürlich immer protestieren, das ist klar. Auch Indispositionen lassen sich leicht entschildigen, und für solche hat man als Besucher natürlich viel Verständnis. Jeder kann bisweilen einen schlechten Tag haben, sei es durch Krankheit oder aus anderen Gründen. Darum geht es mir aber nicht.
      Ich hab übrigens vor 1½ ein höfliches Mail an die Wiener Staatsoper geschrieben, in dem ich mich beschwert habe, dass die Qualität der mittel- und langfristigen Einspringer oftmals weit unter der Qualität der angekündigen Sänger liegt (es geht hier nicht um ein kurzfristiges Einspringen, sondern darum, dass oft schon wochen/monatelang klar ist, dass jemand nicht singen wird und man uns dann in letzter Minute einen völlig unzureichenden Ersatz vorsetzt), erhalten habe ich eine ebenfalls höfliche, aber eigentlich nichtssagende Antwort. Etwas anderes hab ich auch nicht erwartet. Die Staatsoper wird niemals schriftlich zugeben, dass manche ihrer Sänger schlecht singen. Und ich habe keine Lust, die Verantwortlichen im Wochentakt mit Mails zu bombadieren, es bringt eh nichts. Daher habe ich nur dieses eine Mail geschrieben und nicht mehr.

      Ulrica schrieb:

      Bravos freuen den/die Künstler/in.

      Bravos freuen mich nach einem Auftritt und eine andere Reaktion derer, die mit mir auftreten, habe ich noch nie erlebt. Buhs habe ich Gott sei Dank noch nie erlebt, unser Publikum war bisher wohl zu höflich dazu, oft auch informiert darüber, dass die meisten von uns die Auftritte nicht (haupt-) beruflich absolvieren. Da genießen wir ggf. Welpenschutz. Möge das so bleiben, wir sind wahrscheinlich doch in der Regel dünnhäutiger als Vollprofis.

      Die ggf. unterschiedliche Intensität des Applauses ist jedoch deutlich für die Darbietenden spürbar. Das darf man nicht unterschätzen und ich glaube, dass Leute, die etwa bei der Wiener Staatoper engagiert sind, es sehr wohl spüren, wie unterschiedlich die Publikumsreaktion ist, auch ohne Grölen. Ich bin überzeugt, dass dies dann analysiert wird, wie meine Mitstreiter/innen und ich es auch tun.

      Wissend, was ein singender Auftritt einer Person abverlangt, werde ich nie ein Buh von mir geben, sehr wohl aber ein Bravo, wenn mir danach ist. Unsereins ist meist so gestrickt, dass die positive Verstärkung zum Leistungshoch antreibt. Wenn es sch... gelaufen ist, weiß man das ziemlich zeitsynchron selbst, da braucht man nicht noch eine drauf.

      Ich meine, fachkundigerweise Tagesform von grundlegenden technischen Mängeln oder gar falsche Fachbesetzung unterscheiden zu können (letztere sieht man den Agierenden fast vorher schon an) und letzteres kann mich dann auch ärgern, wenn ich mal im Publikum sitze. Nur ist halt Fakt, dass die Person sich nun mal dort hineinbegeben hat und mit Sicherheit irgendwie merkt, dass was nicht stimmt. Das Gefühl kann weder eine -einmalige- hohe Gage noch der (unberechtigte) Hype dauerhaft unterdrücken.

      Das hält mich auch nicht davon ab, außerhalb der Aufführungssituation im angemessenen Rahmen darüber zu sprechen, jedoch: In der Aufführung und im Bühnenraum muss fairerweise jedem/r die Chance durch ein angemessenes Verhalten gegeben werden.

      Allerdings darf das Bravo auch nicht als Maß aller Dinge genommen werden. Es kann durchaus dadurch entstanden sein, dass z.B. sängerische oder musikalische Mängel (etwa durch zu wenig Vorbereitung -was mir zuletzt auch zu schaffen machte aufgrund einer zähen Infektion) durch starke Präsenz überspielt wurde oder ein beliebtes Stück dargeboten wird. Mit diesem einmaligen Effekt ist "das Ding keinesfalls für immer gebongt".

      :wink: :wink:
      Hallo Ulrica, ich finde Deinen Text lesenswert, aber aus meiner Sicht beschreibst Du das Problem aus der Perspektive einer Sängerin, die nicht hauptberuflich Sängerin ist, also nur "zum Spaß" auftritt und davon nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten muss. Dass soll Deine künstlerische Leistung und die Leistung Deiner Kollegen überhaupt nicht abwerten, aber die Situation ist ja ganz anders bei Sängern, die an der Wiener (oder Hamburgischen oder oder) Staatsoper engagiert sind, also an einem sogenannten "ersten Haus". Ich bin mir auch ehrlich nicht sicher, ob alle Sänger so selbstkritisch mit sich umgehen wie Du es im zitierten Text beschreibst. (es ist ja generell so unter Profisängern, dass man kaum ehrliches Feedback bekommt)

      Eine bereits erwähnte Sängerin hat 2011 mit unter 25 Jahren einen Gesangswettbewerb gewonnen und wurde sofort ins Ensemble der Wiener Staatsoper engagiert, wo sie mittlerweile bis heute viele großen Rollen "gesungen" hat (Papagena, Susanna, Gilda, Adina, Musetta etc etc.). Die Stimme ist furchtbar, die Sängerin hat technisch überhaupt nichts drauf. Das sollte bitteschön jeder hören (denn es ist eine Tatsache und keine persönliche Meinung!), auch wenn man nicht genau beschreiben kann, dass ihr die Luft an den Stimmbändern vorbeischießt, die Stimme ohne Sitz scheppert, völlig einförmig klingt und mit Überdruck erzeugt wird, von ihrem "interessanten" Deutsch einmal ganz abgesehen.. Das sind bitteschön Tatsachen. Aber abgesehen dass sie vom - und das sage ich ganz absichtlich - ahnungslosen Touristenpublikum, das jeden Abend zahlreich da ist und sich generell IMMER begeistert zeigt, bejubelt wird, sind sehr viele soganannte Kritikenschreiber taub für ihre Unzulänglichkeiten. Besonders unterhaltsam finde ich, dass, wenn man in einem anderen Internetforum beschreibt, was einen an ihr stört, gleich relativiert wird mit "Das Auge hört doch auch ein wenig mit". NEIN, tut es nicht!! Hören und sehen sind zwei verschiedene Sachen, und es macht mich grantig, dass sie - und das mutmaße ich einmal ganz frech - ihr Engagement in Wien nur ihrem Aussehen verdankt. Immerhin, letztens haben ein paar Kritiker angemerkt, dass die Stimme "zu dramatisch" wird oder "zu belegt" klingt, was elegante Umschreibungen sind für "die Stimme scheppert wie die einer ausgesungenen Sängerin nach 35 Karrierejahren". Dass nahezu in jeder Rezension auf ihre Optik bzw. ihre "großartige Bühnendarstellung" verwiesen wird, passt doch perfekt ins Bild.

      Sie ist nur ein Beispiel für zahlreiche andere! (wobei ich nicht verschweigen will, dass es auch ein paar wenige wirklich gute Neuengagements gibt!)

      Und da frag ich jetzt alle Künstler-Versteher, die sich zu Beginn dieses Threads so zahlreich geäußert haben: Was soll man tun? Ich persönlich bin nicht gewillt, diese Provinzsuppe, die man an der Wiener Staatsoper großteils vorgesetzt bekommt, zu akzeptieren, die sollte das Publikum dem Direktor gewaltig versalzen. Ich habe ohnehin die Konsequenzen gezogen, ich gehe kaum mehr in die Staatsoper (nicht zuletzt wegen der szenischen Fadesse/Bedeutungslosigkeit), und weiche den Vorstellungen, in denen besagte Sängerin besetzt ist, soweit als möglich aus. Aber ich habe sie vor ein paar Jahren schon einmal ausgebuht, und wenn ich wieder einmal eine derart katastrophale Leistung von ihr höre, lasse ich mir dieses Recht auch ganz bestimmt nicht nehmen.

      Wolfram schrieb:

      Wie sieht es eigentlich bei Regisseuren aus? Ich habe das Gefühl, dass heute v.a. diese Gruppe Buhs entgegennehmen muss. Wird es von diesen möglichweise anders aufgenommen?
      Ja, ich habe auch erlebt, dass manche Opernbesucher Buhrufe bei Sängern inakzeptabel finden, aber dafür Buhrufe bei Regisseuren des Regietheaters vollkommen angemessen (bis hin zu im Internet geschriebenen Texten, man möge die Typen mit dem Baseballschläger verprügeln oder ärgeres). Ich habe den Eindruck, generell mehr Buhs für Regisseure zu hören als für Sänger. Inwieweit das aber geplant ist und zum "Erfolg" beiträgt, weiß ich nicht. Mein Eindruck ist jedenfalls, dass die "wilde" Zeit schon länger vorbei ist und die meisten "modernen" Inszenierungen kaum mehr aufregen, außer vielleicht im hyperkonservativen Wien.

      Newbie69 schrieb:

      @Wolfram:
      Danke für deine Rückmeldung, lieber Wolfram! Ich frage nur, weil dieser Thread im Bereich "Musik: Erfahren" erstellt wurde.
      Eventuell könnte man ja den Thread erneut verschieben? Auch ich bin der Ansicht, dass Sprechtheater nicht ausgeklammert werden soll.