Dvořák: Rusalka. Oper Köln, Premiere am 10.03.2019

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    • Jetzt bin ich aber gespannt :D "hochspannende Inszenierung" klingt nämlich wirklich interessant, denn ich finde, die Rusalka kann man supertoll machen oder total furchtbar... ich harre deines Berichtes! :D
      Btw: Meiner Meinung nach ist die wahre Hauptfigur eeeeigentlich der Wassermann. Aber damit steh ich wohl ziemlich allein da.
    • Das Bühnenbild (Ulrich Leitner) stellt eine sich eben überschlagende Welle dar; aus der Tiefe des Wellentales steigen die Protagonisten herauf und nach vorn (und wieder zurück). Der Wassermann ist hier ein tiefreligiöser, von der Welt und den Menschen enttäuschter Mann, der sich mit den Seinen in die Wald- und Wassereinsamkeit zurückgezogen hat. Er trägt einen langen, altmodischen Mantel und auch sonst altmodische Kleidung, vielleicht nach Art der Amish (Kostüme: Irina Spreckelmeyer). Zu Beginn liegen eine Menge toter oder verendender Fische herum, die von ihm umarmt und dann eingesammelt und aufgebahrt werden. Den Frechheiten und Anzüglichkeiten der Waldelfen entgegnet er mit Kreuz und Bibel. Eine wichtige Rolle spielt ein großes Bett, das im ersten Akt wie von Schlingpflanzen und Wasserrosen bedeckt scheint. Aus diesem Bett taucht Rusalka auf, mit langen Zöpfen und antiquiertem Knöpfleibchen, die ihrem Vater die Liebe zu dem Menschenprinzen und ihren Wunsch, ein Mensch zu sein, gesteht; sie bleibt für lange Zeit nur mit dem Oberkörper sichtbar. Während sie den Mond um einen Gruß an den unbekannten Geliebten bittet, tauchen unter dem Bett sechs weitere Rusalkas auf, die offenbar schon Beine und Füße haben und zu gehen lernen, Projektionen ihrer Träume und Wünsche. Nachdem Ježibaba, eine aufgetakelte, Zigarren qualmende Zynikerin, ihr den Zaubertrank eingeflößt hat, heben die Waldnymphen sie aus dem Bett auf den Boden und legen ihr Orthesen an Ober- und Unterschenkeln an. Mühsam versucht nun auch die echte Rusalka, das ungewohnte Gehen auf Beinen und Füßen zu erlernen; zu stehen wird ihr erst in der Begegnung mit dem Prinzen gelingen.

      Im zweiten Akt ist aus dem Wasser- ein Brautbett geworden, auch die Hochzeitskleidung steht auf Gliederpuppen bereit. Während Heger und Küchenjunge (der hier ein Mädchen ist) sich die Mäuler über die stumme Braut zerreissen, testen sie schon mal das Bett auf Beischlaftauglichkeit, werden dabei aber von Rusalka überrascht, die anschließend stumm versucht, dem Prinzen die Begebenheit zu berichten und zu erfahren, was sie da wohl gesehen hat. Der aber ist nicht in der Lage, seine Braut zu verstehen und zeigt sich unter dem Druck des höfischen Geredes bereits genervt von seiner Braut, der er die schicken Schnürstiefelchen vor die Füße knallt, mit deren Funktion sie aber heillos überfordert ist. Stattdessen träumt sie im Bett von ihrer Annäherung an den Geliebten, und wiederum tauchen ihre Doppelgängerinnen, diesmal samt Prinzen-Doppelgänger, unter dem Bett hervor. Der echte Prinz aber kann sich auf das stumme Wesen, das ihn so bezaubert, nicht einlassen, und so hat die fremde Fürstin, eine jüngere Ausgabe der Ježibaba, leichtes Spiel mit ihm; und noch während die Hochzeitsgesellschaft den Brautchor singt, verschwinden die beiden unter Rusalkas Augen im Hochzeitsbett.

      Im dritten Akt ist Rusalka zu ihrem Teich zurückgekehrt und liegt zusammengekauert auf dem Bett, das jetzt nur noch ein nacktes Gestell mit Lattengeflecht ist. Den Vorschlag der Ježibaba, den Geliebten zu töten, um wieder zu ihrer alten Existenz zurückkehren zu können, weist sie zurück; das Messer, mit dem sie sich zuvor die langen Zöpfe abgeschnitten hat, behält sie aber. Für den Todeskuss, den der Prinz sich von ihr wünscht, wird sie es brauchen. Am Ende geht sie allein, aufrecht und sicher auf den Füßen jetzt, ihren eigenen Weg.


      Der Regisseurin Nadja Loschky gelingt es, die romantische Legende auf eine realistische Situation zu übertragen und gleichzeitig auch das Märchen selbst, ganz märchenhaft, zu erzählen. Dabei bleibt die Personenführung immer nah am Libretto und, vor allem, ganz nah an der Musik, das aber ganz unauf-, und deswegen um so mehr eindringlich. Erzählt wird von zwei einander entfremdeten Welten, und von Zweien, die aus den Zwängen ihrer Welten herauswollen, aber doch zueinander nicht finden können - ein altes Thema der Oper, das hier auf ebenso anrührende wie beklemmende Weise aufgegriffen wird.

      Zu danken ist das vor allem der zutiefst berührenden Darstellung von Olesya Golovneva, mit deren Rusalka man von Beginn an mitfiebert, mitleidet und mittrauert. Und wie diese Rusalka im ersten Akt erst wasserwesenartig geradezu über diesem Bett schwebt und schwankt, dann mühsam das Laufen lernt, wie ihr im zweiten ob der ihr zugefügten Kränkungen die Beine wieder versagen bis sie am Ende des dritten fest auf ihnen, den eigenen Beinen, steht - das muss man wohl einfach miterlebt haben! (Das Titelbild zur Produktion auf der Webseite der Kölner Oper mag einen kleinen Eindruck davon geben.) Die Sängerin kann mit der Darstellerin nicht ganz Schritt halten, was auch für die meisten ihrer hier gehörten Rollen gilt (Lucia, Traviata, Anna Bolena; Alviano hat es auch ihrer Konstanze bescheinigt. Ausnahme: ihre großartige Tatjana!); sie hatte gestern insbesondere Probleme in der tiefen Lage, da fällt das Volumen der Stimme erheblich ab. In drei Fällen hat sie vor dem Schluss einer Phrase gegen die musikalische Linie noch einmal Luft holen müssen, um den folgenden Spitzenton hinzubekommen. Erfreulich jedoch, dass die Stimme, auch in der höchsten Lage, nie scharf oder eng wird, sie in der Regel über ein schönes, gleichmäßiges Legato verfügt und sehr sauber intoniert. Sie hat vielleicht nicht ganz den goldenen Glanz, den man sich für Mesicku na nebi hlubokem wünschen würde; das ist aber alles Kritik auf ziemlich hohem Niveau! Ihre gesangliche Darstellung ist, davon abgesehen, wie die szenische ohne Gleichen!

      Auch insgesamt steht es musikalisch um diese Produktion gut; das Gürzenich-Orchester hat meiner Meinung nach unter seinem jetzigen GMD (F.-X. Roth) noch einmal einen gewaltigen Sprung gemacht; und davon profitieren nun auch die Gastdirigenten, hier Christoph Gedschold, seines Zeichens Kapellmeister der Oper Leipzig. Wunderbar gelingen die Farben der romantischen, manchmal schon ans impressionistische gemahnenden Abschnitte, wunderbar die leicht wagnerhaft-dramatischen Stellen, herrlich auftrumpfend die Dvorak-typischen "Filmmusiken". Gedschold kann mit dem Orchester herunter bis an die Grenzen der Hörbarkeit gehen, aber auch so richtig die Sau 'raus lassen, überdeckt dabei aber nie die Sänger, die immer perfekte Unterstützung finden. Einziger Wermutstropfen ist und bleibt in Saal 2 des Staatenhauses die Positionierung des Orchesters. War es in der Salome noch mehr oder weniger mit auf der Bühne (rechtes hinteres Drittel) gewesen, saß es diesmal, wie meist in diesem Saal, links von der Bühne. Die Sänger können so in direktem Kontakt zum Publikum singen, dem Orchester aber fehlt der Klang in der Breite. Sitzt man weiter hinten (wie wir gestern), geht das so gerade, schön ist es aber nicht.
      Fehlerfrei der Chor der Oper Köln, außer in der Hochzeitsszene immer aus dem off singend.

      Samuel Youns (Wassermann) Stimme hat mittlerweile ein enormes Volumen erreicht, bei ihm habe ich aber immer Angst, dass das stentorhafte Potential der Stimme ihn auch zu einem stentorhaften Singen verleitet. Das konnte er gestern aber weitgehend vermeiden oder immerhin eindämmen. Und dass die sich litanieartig wiederholende Klage ubohá Rusalko bledá! Běda! auch litaneimäßig gesungen wird, passt ja eigentlich.

      Mirko Roschkowski singt den Prinzen weitgehend klangschön; Probleme bekommt er, wenn er in der Mittellage gegen das volle Orchester ansingen muss, dann wird die Stimme eng, und quäkig. In der oberen Lage kann er freier Aussingen, und das etwas nasale Timbre stört nicht sehr. Den Spitzenton gegen Ende des letzten Duetts (ein c'') hat er zwar, er kommt aber farblos und unschön.

      Die Stimmform von Dalia Schaechter (Ježibaba) war schon immer erheblichen Schwankungen unterlegen. Gestern begann sie unstet und tremulös; im dritten Akt wurde es erheblich besser. Für diese Partie mE nicht gar so erheblich. Frau Schaechters Bühnenpräsenz gleicht das locker aus; ihre Ježibaba war weniger furchterregend als beklemmend.

      In allen Nebenrollen wird auf Bestniveau gesungen! Adriana Bastidas Gamboas Organ hat inzwischen auch ein gewaltiges Volumen erreicht; beim ersten Auftritt der Fremden Fürstin singt sie den Prinzen nachgerade an die Wand (was sicher nicht unkollegial gemeint war und zur Szene bestens passte). Heger (Insik Choi) und Küchenjunge (Vero Miller) singen und spielen ebenfalls hervorragend. Den Vogel aber schießen die drei Waldelfen ab - nicht nur, dass sie ein perfektes Terzett abgeben, sie spielen auch prächtig (sie sind weit über die Partien hinaus auf der Bühne) und sorgen für ein schräg-komisches Gegengewicht zur traurig-düsteren Handlung: Emily Hindrichs, Regina Richter, Judith Thielsen. Erwähnt sei noch in der Minirolle des Jägers Opernstudiomitglied Hoeup Choi.

      Großer, anhaltender Beifall, mit Händen und Füßen und Mündern! Die paar Buhs (für die Regie) von rechts hinten dürfte auf der Bühne keiner mitbekommen haben. Etwas gestört hat allerdings das ständige Sausen der Windmaschine, das schon vor Einsetzen der Musik zu hören war - es stellte sich dann aber heraus: der Wind war echt, es war der ums Haus tobende Sturm von gestern abend :D . Sehr gestört hat allerdings der Banause in der ersten Reihe rechts, der noch mit dem letzten Akkord zu klatschen anfangen musste :neenee1:

      Es war übrigens die Kölner Erstaufführung dieser 1901 in Prag uraufgeführten Oper.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Endlich bin ich dazugekommen, Deinen Bericht zu lesen. Danke für die Schilderung! Schön, dass Rusalka jetzt auch Köln erreicht hat!

      Man müsste die Produktion natürlich live sehen, um sie beurteilen zu können, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich überzeugt hätte. Der Wassermann als religiöser Bekehrer? Hab ich das richtig verstanden? Das nimmt doch der Figur und somit der Oper viel Bedrohlichkeit (ein religiöser Bekehrer würde wohl auch nicht sagen: "Mach, was Du willst. Wenn Du unbedingt ein Mensch werden willst, dann geh halt zur Ježibaba, aber beschwer Dich dann nicht!"). Leute, die mit Kreuz und Bibel in der Hand herumrennen, nimmt ja keiner mehr ernst, und sie stellen auch keine Bedrohung dar. Aber der Rusalka-Wassermann ist ja eine ganz schilldernde und letzlich bedrohliche Figur, in deren psychischer Abhängigkeit sich Rusalka befindet. Wie siehst Du das bzw. ist dieser Aspekt in der Produktion auch durchgekommen oder hat Dich eine andere Sichtweise dieser Figur überzeugt?

      Quasimodo schrieb:

      Sehr gestört hat allerdings der Banause in der ersten Reihe rechts, der noch mit dem letzten Akkord zu klatschen anfangen musste :neenee1:
      Ich hasse das. Der kann ja wirklich von Glück reden, dass er nicht neben mir gesessen ist. :thumbdown:
    • Sadko schrieb:

      Der Wassermann als religiöser Bekehrer? Hab ich das richtig verstanden?
      Weniger Bekehrer als Sektierer, so habe ich das gesehen.

      Sadko schrieb:

      Das nimmt doch der Figur und somit der Oper viel Bedrohlichkeit (ein religiöser Bekehrer würde wohl auch nicht sagen: "Mach, was Du willst. Wenn Du unbedingt ein Mensch werden willst, dann geh halt zur Ježibaba, aber beschwer Dich dann nicht!").
      Dem kann ich nicht zustimmen, da sind schon Dvořáks Musik (und Samuel Youns Stentorstimme) davor.

      Sadko schrieb:

      Leute, die mit Kreuz und Bibel in der Hand herumrennen, nimmt ja keiner mehr ernst, und sie stellen auch keine Bedrohung dar.
      Dem kann ich schon gar nicht zustimmen!

      Sadko schrieb:

      Aber der Rusalka-Wassermann ist ja eine ganz schilldernde und letzlich bedrohliche Figur, in deren psychischer Abhängigkeit sich Rusalka befindet.
      Er ist auch in dieser Inszenierung eine bedrohliche Figur, weniger gewalttätig als manipulativ. Das Bett stellt im ersten Akt auch irgendwie seinen Einflussbereich dar, es ist ja mit Schlingpflanzen und auch mit Netzen bedeckt. Rusalka und ihre Doppelgängerinnen (die außer als ihre Traum-Doubles auch als ihre Schwestern verstanden werden können) werden dort festgehalten und können sich nicht ohne weiteres befreien. Die Szene mit Rusalka als Kind kann auch als Indoktrination mit der Bibel verstanden werden. Sein ewiges bĕda! bĕda! bĕda! hat hier aber eher was von "siehst du, ich hab' es ja gesagt!", aber durchaus in einem gemeinen Sinn.

      Richtig ist aber, dass der Wassermann nicht so sehr im Fokus der Inszenierung steht wie Rusalka selbst; es ist die Geschichte ihrer (mehrfachen) Befreiung, aber von was sie sich befreit, ist nicht so im Vordergrund.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Alles klar, danke für die Erläuterungen! Ich wollte Dir überhaupt nicht widersprechen (das kann ich ja gar nicht, weil ich die Inszenierung nicht kenne), ich wollte nur eine Rückfrage zu Deiner Beschreibung stellen. Ich hoffe, es ist nicht falsch angekommen!

      Quasimodo schrieb:

      Sadko schrieb:

      Leute, die mit Kreuz und Bibel in der Hand herumrennen, nimmt ja keiner mehr ernst, und sie stellen auch keine Bedrohung dar.
      Dem kann ich schon gar nicht zustimmen!
      Als ich Deinen Text gelesen hab, hatte ich beim Wassermann einen gewissen älteren Mann vor Augen, der oft in der Wiener Innenstadt (u.a. Technische Universität, vor der Oper, ...) herumgeht, vornehmlich junge Leute anredet mit dem Ziel, sie zu bekehren und sie zum Sex-Verzicht vor der Ehe und zum Bibel-Lesen zu bringen. Als er Ende 2018 einmal auf mich gestoßen ist, hab ich ihm gesagt, dass ich die Bibel für ein lesenswertes Buch halte, aber kein Interesse an Religion und allem, was er sonst noch so erzählt, habe, worauf er mir die Hölle prophezeit hat. Wie auch immer... als ich Deine Beschreibung gelesen habe, hatte ich die Assoziation zu diesem Mann, und ich muss bei ihm immer an den Leiermann in der Winterreise denken ("Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an"). Daher habe ich geschrieben, dass Leute mit Kreuz und Bibel keiner mehr ernstnimmt und sie keine Bedrohung darstellen. Damit möchte ich die zahlreichen Verbrechen, die im Namen einer Religion verübt wurden/werden, in keiner Weise schönreden.

      Jedenfalls finde ich, dass die von Dir beschriebene Inszenierung eine interessante Sichtweise darstellt, sehr psychologisch, aber das ist ja sehr angemessen. Wie wurde eigentlich Rusalkas Stummheit gelöst? Einfach so, dass sie nur mehr gestikuliert oder hat sich die Regisseurin etwas "Besonderes" dafür einfallen lassen?