Ball im Savoy in der Komischen Oper Berlin (28.03.2019) oder: Ein Blick 'Zurück in die Zukunft'

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    • Ball im Savoy in der Komischen Oper Berlin (28.03.2019) oder: Ein Blick 'Zurück in die Zukunft'

      Das Operetten-Genre hatte in Deutschland noch vor wenigen Jahren das angestaubte Image eines uncoolen Ü-80-Vergnügens, gesellschaftsfähig eigentlich nur noch durch den Sylvester-Evergreen „Die Fledermaus“. Barrie Kosky, der Intendant der komischen Oper in Berlin, erlöste als Regisseur 2013 diese Form des Musiktheaters vom Siechtum: Sein von ihm inszenierter „Ball im Savoy“ von Paul Abraham gab dem Genre teilweise seine ihm noch in den 1930er Jahren innewohnende Coolness zurück. „Ball im Savoy“ ist Entertainment pur: Bunt, Tanz, Show, Witz, etwas Travestie – heute würde man Queerness sagen, ein jazzendes Orchester und großartige Darsteller.
      Dass dieses Stück 2019 in Berlin wiederaufgeführt wurde, ermöglichte mir als Operetten-Hörer-Spätgeborenem eine Art Reise zurück in die Zukunft. Schließlich konnte ich diese legendäre Inszenierung zum ersten Mal sehen – allerdings mit dem Hintergrund, dass ich aktuelle Operetten-Inszenierungen kenne. Der Blick auf die Mutter der derzeitigen Operettenrevolution erlaubt damit einen Blick darauf, welche Entwicklungen die Inszenierungspraxis seitdem genommen hat – und wie gut sich der Klassiker heute noch schlägt.
      Eines vorweg: „Ball im Savoy“ in Berlin macht immer noch mächtig Spaß, selbst wenn es etwas kürzer hätte sein können. Anderen Operetten-Inszenierungen sind teilweise aber sogar noch überzeugendere Lösungen in einzelnen Bereichen gelungen - auch weil sie Koskys Geniestreich als Ausgangspunkt nehmen konnten.
      Choreografie
      Im Berliner „Ball in Savoy“ gibt es Tanz- und Stepptanzszenen, die sich hinter denen von Musicals nicht zu verstecken brauchen. Hier hat der Operettenbetrieb aber rasant aufgeholt. So war zum Beispiel die Tanzakrobatik in „Blume von Hawaii“ des Lehár-Festivals in Bad Ischl noch eine Spur mitreißender. Und solch ein witziger Tanzeinfall wie der Handtuch-Tanz in „Viktoria und der Husar“ des Gärtnerplatztheaters fehlt im Ball.
      Queerness
      2013 waren Travestie-Elemente in der Operette vielleicht noch eine Überraschung. Seit dem gibt es aber kaum eine Inszenierung selbst in Stadttheatern, in der nicht zumindest ein muskulöser, bärtiger Tänzer in weiblicher Kleidung auftaucht. Das Spiel der Geschlechter auf die Spitze treibt es im Moment der Nürnberger „Ball im Savoy“ mit den Geschwistern Pfister. Da wird der alte Macho Mustapha Bei von einer Frau, Andreja Schneider, verkörpert und die lebenslustige Komponistin Daisy Parker von Christoph Marti.
      Bühnenbild
      Das ‚Schattenspiel‘ zu Beginn der Inszenierung von „Ball im Savoy“ verzaubert noch heute. Ansonsten sind Bühnenbild und Beleuchtung eher konventionell. Hier sind moderne Operninszenierungen fortschrittlicher, und auch im Operettenbereich gibt es zumindest eine Aufführung, die deutlich weiter geht: „Axel an der Himmelstür“ in der Volksoper Wien überraschte mit einer Schwarz-Weiß-Gestaltung, die brillant die Filmästhetik der 1930er Jahre aufleben ließ.
      Personality
      Was „Ball im Savoy“ heute noch herausragen lässt: die prägnanten Darsteller, allen voran die Diva Dagmar Manzel und das Energiebündel Katharine Mehrling mit ihrer Jazz-/Musical-Stimme, dazu Mr. Musical Helmut Baumann. Natürlich haben andere Häuser Hochkaräter, solch geballtes Charisma ist jedoch einzigartig. Marlis „Lulu“ Petersen hatte in der Frankfurter Inszenierung der „Lustigen Witwe“ aber ebenfalls einen sehr hohen Glamour-Faktor.
      Paul Abraham
      Als Spätgeborener kann man gar nicht glauben, dass Paul Abraham fast vergessen schien, so viel Power haben seine Jazzoperetten. Man sehe sich nur Martha Eggert in ihrer ausgeflippten Garderoben-Tanzszene zu Beginn des „Blume von Hawaii“-Films von 1933 an. Sie sind das Bindeglied zwischen klassischer Operette und Musical, zwischen der alten und der neuen Zeit. Dazu ist seine Lebensgeschichte – die von Klaus Waller geschriebene Biografie sollte Pflichtlektüre sein – tragisch, taugt aber damit für gehobene Partygespräche. Bis hin zu der kolportierten Episode, er habe auf der Madison Avenue in New York geistig verwirrt eines seiner Stücke dirigiert. Kosky hat Abraham dem Vergessen entrissen (selbst wenn es bereits 2009 in der Kölner Philharmonie eine konzertante Aufführung der „Blume von Hawaii“ gab) und einen Abraham-Boom ausgelöst. In dessen Folge wurde selbst ein relativ unbekanntes Stück wie „Roxy und ihr Wunderteam“ in Dortmund und Augsburg erfolgreich aufgeführt. Der Berliner „Ball im Savoy“ hat keine Alleinstellung mehr – zum Glück!
      Wie überhaupt immer mehr Häuser, darunter renommierte Spielstätten wie die Musikalische Komödie in Leipzig, unbekanntere Werke auf den Spielplan setzen. Es müssen nicht mehr immer nur Klassiker wie „Die Lustige Witwe“ oder „Die Csárdásfürstin“ sein, es gibt viel zu entdecken…
      Die Metaebene
      Koskys „Ball im Savoy“ ist mit ihrer überbordenden Lebenslust – selbst bei heiklen Themen wie Ehebruch - eine perfekte Revueoperette, die nichts anderes sein will als perfekt zu unterhalten und so aussieht, wie sich beispielsweise die Macher von "Babylon Berlin" die Operetten im Berlin vor der Naziherrschaft wohl vorstellen. In neueren Operetten wird dagegen immer häufiger eine Metaebene eingezogen. Dabei geht es nicht um die Unart eines zumeist eher überflüssigen und störenden Erzählers. Sondern es geht im einfachsten Fall darum, einer Operette eine Legitimation zu geben, dass sie mit ihren in der Vergangenheit spielenden Storys oder der nicht immer vorhandenen Political Correctness überhaupt noch aufgeführt werden. Eine Lösung ist z.B. ein Spiel im Spiel durch einen Kinokontext – wie bei „ Die Lustige Witwe“ in Frankfurt oder teilweise „Die stumme Serenade“ in Coburg.
      Beliebt sind Bezüge auf die ungefähre Entstehungszeit, wie in „Die Faschingsfee“ des Gärtnerplatztheaters, die auf den 1. Weltkrieg verweist. Deren Regisseur, der Gärtnerplatz-Intendant Josef E. Köpplinger, scheint eh besessen vom Thema Tod. Neben der „Faschingsfee“ hat er es sehr überzeugend in seiner fantastischen „Viktoria und ihr Husar“ bespielt, während der auf der Bühne agierende Tod in seiner „Lustigen Witwe“ fast dazu geführt hat, einem das Stück zu verleiden.
      Die bislang überzeugendste Metaebene schuf sicherlich Thomas Enzinger mit seinen Inszenierungen von Abrahams „Blume in Hawaii“ in Bad Ischl (Gewinner Jahresfrosch 2018 des Operetten-Boulevards von BR Klassik) und Dortmund. Dort spielt Abraham selber mit, und das ganze Stück ist nichts anderes als eine für ihn arrangierte Aufführung in der Nervenheilanstalt. Hier lernt man nicht nur etwas über den großen Komponisten und werden Political Correctness-Klippen (Hawaii zur Kolonialzeit, Rassismus...) umschifft, sondern: Durch den Gegensatz von großartigem Entertainment mit der Tragik der Lebensgeschichte Pauls Abrahams wird eine emotionale Intensität erreicht, wie es wohl selten ist im Musiktheater.
      Im Berliner „Ball im Savoy“ gibt es am Ende einen Moment, der ahnen lässt, welche Tiefe möglich gewesen wäre: Als das Ensemble Abrahams tieftrauriges Lied „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ singt.
      Ein Fazit
      „Ball im Savoy“, in seiner letzten Saison noch bis Mitte Juni 2019 auf dem Spielplan der Komischen Oper, ist ein Must-See: Es ist eine tolle Inszenierung und für die neue Geschichte der Operette in Deutschland der absolute Meilenstein. Die Inszenierungspraxis hat sich aber weiter entwickelt – natürlich ist Barry Kosky ebenfalls nicht stehen geblieben. Diese Entwicklung führt dazu, dass Operette in Deutschland ein Revival erlebt und wieder ernst genommen wird. Dies zeigt sich auch daran, dass sich bedeutende Regisseure wie Peter Konwitschny mit „Der tapfere Soldat“ des Genres annehmen. Ebenso erfreulich: Es gibt wieder Uraufführungen neuer Operetten wie „Drei Männer im Schnee“ in München. Operette lebt!