Mozart: Sonate für Klavier KV 310 (300d)

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    • Mozart: Sonate für Klavier KV 310 (300d)

      Das ist für mich die Welt von Mozarts g-Moll Symphonie KV 183, von der Don Giovanni Ouvertüre und vom Dies Irae aus dem Requiem, alles andere als eine Spieldosen- und Mozartkugelwelt, eine unheimliche Welt des tiefsten, tragischsten Schmerzes.

      Diese oft als 9. gezählte Klaviersonate Wolfgang Amadeus Mozarts, a-Moll KV 310 (300d), entstanden 1778 in Paris, bietet im 1. Satz (Allegro maestoso) einen dramatischen Lauf gegen die Zeit, im 2.Satz (Andante cantabile con espressione) einen großen Gesang und im Mittelteil (der Durchführung) verblüffende Beethoven- und Schubert-Antizipationen und im 3. Satz (Presto) einen unheimlich um sich selbst kreisenden Spuk mit nur kurzer, wie eine Fata Morgana Oase aufblitzender Dur-Aufhellung zwischendurch.

      Ich konnte diese Sonate als Jugendlicher am Klavier übend kennenlernen, seither hat sie mich in ihrer erschütternden Aura mit all der Tragik, ihren Abstürzen, in ihrer ganzen unbegreiflichen kompositorischen Größe nicht mehr losgelassen.

      Da ist das heftig Schmerzerfüllte des 1. Satzes, das Hauptthema mit seinen pulsierenden Punktierungen, das nahezu kreisende Sechzehntellaufen im Schmerz, wie dann die Durchführung in scharfe Kurvenpassagen stürzt, in denen man hin- und hergeworfen wird (man interpretatorisch aber extrem kontrolliert bleiben muss, weil Mozart die Musik dynamisch sehr genau abstuft), über ein heftiges Aufbäumen hin zur Reprise, in der jetzt teilweise die Bassstimme mahnt, und knapp vor dem Ende stürzt die Musik noch zweimal brutal über Felsklüfte ab.

      Da ist dann der große, weit ausschwingende Gesang des 2. Satzes, in dessen Durchführung aber scheinbar unglaublich Beethoven und Schubert mitspielen mit allem was deren Durchführungsintensivierungen so hergeben, wieder schmerzerfüllt, leidenschaftlich, dramatisch.

      Das Presto-Finale „toppt“ das Unheimliche der Sonate noch, seltsam verhalten dahinhuschend, dämonisch, depressiv. Verheißt eine A-Dur Stelle Aufhellung? Nein, unbarmherzig wird der Spuk zu Ende geführt.

      Paul Badura-Skodas Werkeinführung bei Henle:
      henle.de/de/feuilleton/mozart-klaviersonaten/#KV310

      Persönliche Höreindrücke:



      Fasziniert hat mich damals die LP-Hülle der ersten Aufnahme die mir zugänglich war, eine 1973 veröffentlichte LP-Neuauflage des 1968 in Wien entstandenen „A Mozart Piano Recital with Alfred Brendel“ (Vanguard Cardinal Series) mit dem Notenabdruck der ersten Takte am Cover. Brilliant brachte 2013 eine Box „Alfred Brendel - The Legendary Mozart & Beethoven Recordings” in den Handel, mit der diese Aufnahme auch auf CD verfügbar ist. Brendel findet sofort einen energisch strengen Tonfall und tönt dann sehr sorgfältig ab, wo es die Klaviernoten vorschreiben, ohne dabei ins Dozierende, allzu Überbetonende zu fallen. Es ist eine kontrollierte, aber hochmusikalisch feinfühlige Aufnahme. Beim 1. Satz wiederholt Brendel die Exposition, beim 2. nicht.

      Laut Friedhelm Flammes Friedrich Gulda Buch hat Friedrich Gulda die Sonate erstmals am 6.2.1952 bei einer Italientournee in Turin gespielt, sie dann im Februar 1953 für die Decca in London aufgenommen, danach noch zweimal, am 19.3.1953 für den WDR in Köln und im Frühjahr 1967 für RIAS Berlin. Ein Livemitschnitt aus Lugano vom 19.1.1968 liegt außerdem vor, und die posthum bei der DGG veröffentlichte Aufnahme aus der Mozart-Sonaten-Gesamtaufnahme in Weißenbach am Attersee vom November 1982 ergänzt nunmehr diese Liste.



      Die im Februar 1953 in den Decca Studios in West Hampstead (London) entstandene erste Gulda-Aufnahme von KV 310 (enthalten auf 2 CDs Decca 480 3442 sowie in der 2015 erschienenen DGG 10 CD Box „Friedrich Gulda - The Mozart Tapes, Concertos & Sonatas“) zeigt einerseits schon deutlich Guldas grundsätzlich lineareren Spielansatz, er spielt die Sonate aber hier leichter, sanfter, weicher als Brendel, aber auch im 1. und 3. Satz mit ganz eigen feinfühligem „Schmerzgefühl“. Den 2. Satz geht Gulda streng durch, fast wie einen Marsch, lapidar, wie ein Uhrwerk nahezu. Im Gegensatz zu Brendel wiederholt er auch hier die Exposition.



      Erfahrung und Persönlichkeit ändern sich im Lauf der Jahre, das wird für mich spürbar mit Guldas Liveaufnahme aus Lugano 1968 (enthalten in der Great Pianists Box von Aura). Das Spiel wirkt im 1. Satz bei beibehaltener Linearität eine Spur impulsiver, aber der 2. Satz hat einen völlig neuen Charakter, er singt und swingt, man spürt den Jazzer dahinter. Das Demütige, Innige wird aber nie verraten.



      Eine einzige musikalisch-verinnerlicht schmerzliche wie leidenschaftliche Offenbarung ist für mich die in der CD Box Klavier Kaiser der Süddeutschen Zeitung enthaltene Aufnahme der allzu früh an einem Lymphtumor verstorbenen rumänischen Pianisten-Legende Dinu Lipatti (1917-1950) aus seinem Todesjahr. Leider wiederholt Lipatti nichts, aber was er spielt ist für mich vollendet empfundenes Mozart-Klavierspiel. Es muss diese „Weltweisheit“ im Mozart-Spiel sein, zu der wohl Friedrich Gulda sein Leben lang gelangen wollte. Das unheimlich Getriebene des Finalsatzes erhält bei Lipatti selbst im A-Dur Teil keine Aufhellung. Joachim Kaiser konstatiert im Begleittext „absolutes und doch festlich-lebendiges Gleichmaß“ sowie im Finale ein „wunderbar bewegtes Sinnbild untröstlich depressiven Kreisens“.



      Den aktuellen Hörvergleich für diese Threaderöffnung runde ich mit der posthum veröffentlichten Friedrich Gulda Aufnahme aus dem Jahr 1982 ab. London 1953 und Lugano 1968 sind lange vorbei, jetzt bestimmt energischer Trotz die raschen Sätze. Gulda wiederholt nun auch Durchführung und Reprise im 1. Satz. Ganz anders „weltweise vollkommen“ als Lipatti, eine genauso universale pianistische Persönlichkeit, aber ein völlig anderer Charakter, so gelingt hier meinem Hörempfinden nach der 2. Satz. Der Jazz prägt nicht mehr den Flow, eher das klassisch Gulda-Lineare, alles sich halt auf Guldas Art tief empfunden vermittelnd. Hat man noch Lipattis Schatten-Durabschnitt im Finale im Ohr fällt auf, wie heller leuchtend Gulda die Stelle spielt. Und doch: Gulda hat diese Mozart-Aufnahmen von 1982 bis auf eine nicht freigegeben zur Veröffentlichung, er war noch nicht dort wo er hinwollte – aber hörbar mit Herz und Seele am Weg.

      Herzlich willkommen im Thread zu Mozarts Klaviersonate KV 310!
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK