Eben besucht - Konzerttelegramm Deutschland/Österreich

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    • Sadko schrieb:

      • So., 28. Juli 2019 (11:00): Salzburger Festspiele (Großes Festspielhaus)
        Gustav Mahler: Symphonie Nr. 9
        Herbert Blomstedt, Dirigent
        Wiener Philharmoniker

      Hab grad in Salzburg die 9. Mahler mit den Wiener Philharmonikern und dem Blomstedt gehört. Hat mir super gefallen (trotz zeitweise merkwürdiger Streichertöne, die waren nicht nur einmal etwas zu tief - davon abgesehen aber sehr gutes Orchester), denn der Blomstedt ist ein hervorragender Dirigent und kein Selbstdarsteller. Und die 9. Mahler ist halt auch eindeutig besser als die 7. Schostakowitsch letztens in Wien.
    • Hallo zusammen,

      ich habe gestern (etwas) außerhalb meines üblichen Reviers gewildert und war in Innsbruck bei der letzten Aufführung der ersten Inszenierung einer Oper von Riccardo Broschi seit dem 18. Jahrhundert.

      Von den bisher erschienenen Presse-Rezensionen ist meine Idee zum Stück deutlich näher an der FAZ als an der NMZ:
      faz.net/aktuell/feuilleton/bue…-festwochen-16326045.html

      nmz.de/online/gesungener-schin…estwochen-der-alten-musik

      Weil ich aber einige Akzente darüberhinaus machen möchte, verweise ich faul auf diese beiden Artikel, um die Grundlagen abzuhandeln.

      Kurz gesagt, ich war vor der Aufführung skeptisch-neugierig, ob das jetzt eine Wiedergutmachung an etwas sein könnte, das den Aufwand eventuell gar nicht lohnt. Derartige Diskussionen haben wir ja in Bezug auf viele 'wiedergefundene' Komponisten. Hinsichtlich der Aufführung gestern kann ich erstmal festhalten, dass ich die historisierende Inszenierung gut ertragen habe (wie schon einige andere Inszenierungen von Sigrid t'Hooft in Göttingen). Einen Kritikpunkt der NMZ-Rezension muss ich unbedingt unterschreiben: die Aufführung war mit fünfeinhalb Stunden deutlich zu lang: nicht nur für ein interessiertes Publikum, sondern auch für die Aufführenden: im Dritten Akt waren leider etliche Unsauberkeiten im Orchester und angestrengte Stimmen bei den Sängern zu hören. Besonders leicht kürzbar wären m.E. die Balletteinlagen von jeweils ca 10-15 Minuten nach jedem Akt. Ziemlich unerträglich war die Buffo-Einlage mit einem Mäuseballett in Commedia dell'Arte-artigen Kostümen, wo sehr lange um einen Speck getanzt wurde ... es war genauso dilettantisch-unpassend (nicht vom Tanz und der Musik her) wie es hier klingt. Der Spannungsabfall nach den hochdramatischen Arien des Merope und des Polifonte am Ende des zweiten Akts war ganz gewaltig und nahezu alle Pausengespräche drehten sich nur darum: was hat das mit dieser hochdramatischen Opernhandlung zu tun? Das war leider der Tiefpunkt eines an Höhepunkten überreichen Nachmittags und Abends.

      Ich kannte vor dem Besuch genau zwei Arien aus der Feder von Farinellis großem Bruder: je einmal gesungen von Simone Kermes und Cecilia Bartoli auf ihren Kastraten-CDs (Colori d'Amore und Sacrificium). Die große Arie des Merope am Ende des ersten Akts 'Chi non sente', ein inniges Stück, in dem der in seine Heimat nach vielen Jahren zurückkehrende Charakter des Farinelli, Epitide, darüber räsonniert, wie sehr ihm das Schicksal mitgespielt hat, ist kaum besser zu singen als gestern von David Hansen: warum ein Farinelli mit seiner Stimme seine Zeitgenossen so verzaubert hat, gestern konnte man es in diesen knapp zehn Minuten wirklich nachvollziehen: das war eine Sternstunde. Wie sehr Riccardo Broschi es verstand, die Vorzüge der Stimme seines Bruders hervortreten zu lassen und wie genial das musikalisch wiedergegeben war: Großartig! Leider konnten in meinen Ohren nicht alle Momente dieser Aufführung auf diesem Niveau mithalten: Anna Bonitatibus hat sich in der Titelrolle im ersten Akt richtiggehend geschont für die kommenden großen dramatischen Szenen (sie hat als einzige Partie sehr lange Accompagnato-Rezitative, die mich an die Seria-Einlegearien aus Mozart'scher Feder v.a. der Salzburger Zeit erinnerten). In den anderen beiden Akten war dann allerdings die große Sängerin wieder besser zu erkennen.

      Außerordentlich zufrieden war ich mit den sängerischen Leistungen von Filippo Menaccia als Werkzeug der Intrigen (aber eben auch des Happy End) Anassandro, Vivica Genaux als in die Titelfigur verliebter Ratsherr Trasimede und von Hagen Matzeit als Lisisco und des kurzfristig für Jeffrey Francis eingesprungenen Carlo Alemanno in der Rolle des Erzschurken Polifonte. Nicht richtig verstanden schien mir die Rolle der Argia, wie sie Arianna Vendittelli sang: Ihre Arien wechseln zwischen auffahrend-selbstbewusst und gurrend, ständig betont ihre Figur ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit in Liebesdingen, ich träume von anderen Sängerinnen für diese Rolle, die die unterschiedlichen Charaktere der Arien besser ausdifferenzieren können.

      Alessandro de Marchi hatte nicht nur die nimmermüde musikalische Leitung des langen Abends, sondern im Vorfeld auch die Einrichtung der Oper vorgenommen. Ich halte das Stück (in gekürzter Fassung) für sehr überzeugend spielbar, grade auch weil ich den knapp 60 Jahre lang immer wieder vertonten Text von Apostolo Zeno für sehr gelungen halte (einen kleinen Abstrich würde ich im Dritten Akt machen, aber das führt wirklich zu weit). Es war meine erste Livebegegnung für mich: ich bin mir nicht sicher, ob ich die Orchestrierung in allen Fällen für gelungen halte, manches war mir zu gleichmäßig. Ihm stand ein außerordentlich farbenprächtiges Orchester zur Verfügung: Streicher, Blockflöten, Traversflöten, Oboen, Fagott, Trompeten, Hörner und Pauken, das gibt's bei Händel nicht in einer Oper ..... Einige Arien hätten in meinen Ohren einen deutlich lebhafteren Puls vertragen, aber das sind Geschmacksfragen. An einer vom Publikum zu Recht umjubelten Opernproduktion gibt es meines Erachtens nichts zu deuteln: De Marchi hat dem Barockopern-Liebhaber mit diesen Aufführungen einen großen Gefallen getan: sie können sich eine eigene Meinung über die Qualitäten von Riccardo Broschi als Opernkomponist bilden.

      An der überwältigenden Wirkmächtigkeit der Musik, die Riccardo Broschi seinem kleinen Bruder auf den Leib geschrieben hat (ich denke besonders an die Arien am Ende des Ersten und Zweiten Akts, sowie die mit dem großen Oboensolo am Anfang des Dritten sowie das Duett mir Argia), ist meines Erachtens nicht vorbeizukommen: David Hansen, das neu formierte Innsbrucker Festwochenorchester und v.a. Alessandro de Marchi haben hier Großes und sehr Überzeugendes geleistet. Ob das allerdings auf eine CD oder DVD zu retten ist, wage ich zu bezweifeln .... Diese Form der Überwältigung kann nur ein Live-Erlebnis bieten ....

      Und wird der Händelianer nun zu einem Broschi'aner? Ich bin auf jeden Fall in meiner Neugier sehr angeregt, mir noch viel mehr davon anzutun ....

      Gruß Benno
    • Danke für deine wundervolle und differenzierte Besprechung. Es hat Spaß gemacht ihn zu lesen! Ich hatte den FAZ-Artikel schon zuvor entdeckt und habe mich nun sehr über einen Live-Bericht eines Capriccioso gefreut! Danke auch für bzw. an dein "Sitzfleisch", das diesen kurzweiligen Beitrag mitermöglicht hat! :clap:

      David Hansen würde ich auch sehr gerne einmal erleben! Ich werde mal nach Veranstaltungen von ihm Ausschau halten. Von Hagen Matzeit hatte ich vor allem aus der Essener Reimann-Medea einen tollen Eindruck, obschon das ein ganz und gar anderes Werk war. Es freut mich, dass diese tollen Solisten in Innsbruck in insgesamt so guter Form gewesen zu sein scheinen.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Hallo, lieber Diskursprodukt,

      sehr gerne geschehen. Ich habe gestern Abend dann noch im Programmbuch gelesen: David Hansen hat De Marchi überzeugt, mal eine Broschi-Oper ganz zu spielen. Soviel Überzeugtheit bei den wichtigsten Beteiligten ist natürlich von Vorteil. Und wenn zu Überzeugtheit auch noch Können kommt. Ich habe gesehen, dass wenigstens in Wien noch eine konzertante Aufführung im Theater an der Wien am 21. Oktober gegeben wird:

      theater-wien.at/de/programm/production/862/Merope

      Evtl. lockt das den einen oder die andere Capriccioso/a ja doch noch ... auch wenn es von Hagen vermutlich etwas weit für Dich ist.

      Gruß Benno