Eben besucht - Konzerttelegramm Deutschland/Österreich

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    • Eben besucht - Konzerttelegramm Deutschland/Österreich

      Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein entsprechender Thread, in dem wir, unabhängig vom Ort, über gerade besuchte Konzerte berichten, noch nicht existiert. Ich kann ihn halt nur nicht finden. Von daher hier die Bitte an die Moderatoren, den folgenden Beitrag dahin zu kopieren. Falls solch ein Thread vorhanden ist.

      Wolfram
    • Xingyu Lu - Klavierabend

      Heute gab es fern ab größerer Konzertstätten einen Liederabend mit Xingyu Lu in der Kunststätte Bossard in der Nähe Jesteburgs, was wiederum in der Nähe Hamburgs sich befindet.

      Xingyu Lu wurde 1999 geboren, begann mit vier Jahren das Klavierspiel, nahm an verschiedenen Wettbewerben (Gina Bachauer, Busoni) teil und studiert nach Anfängen in den USA nun in Hannover.

      Sein Programm bestand aus

      - Bach: Präludium und Fuge Nr. 24
      - Beethoven: Klaviersonate Nr. 30
      - Liszt: Totentanz
      - Paderewski: Melodie von 'Miscellanea' op. 16/2
      Scherzino von 'Album de Mai", op. 10/3
      - Schumann: Sinfonische Etüden op.13

      Zugabe: Liszt

      Klar erwartete ich in der Provinz in einem kleinen Saal mit ca. 60 Zuschauern keinen neuen Horowitz. ^^ Aber darum ging es auch nicht. Ich freute mich hier in der kulturell doch ziemlich vertrockneten Heidelandschaft endlich einmal ein klassisches Konzert in netter bis schöner Umgebung zu hören. Und wurde was das anging auch nicht enttäuscht.

      Positiv überrascht war ich durchaus von der Schönheit seines Tons, von der Gewalt seiner linken Hand, von der Präzision seines Spiels (trotz spürbarer und sichtbarer Angespanntheit).

      Den Bach ging er sehr romantisch mit viel Pedal und noch zu wenig schwebender Leichtigkeit an, der Beethoven zerfiel doch in zu viele 'schöne' und interessante Momente. Aber der Liszt gelang ihm ziemlich gut, weil er dort seine durchaus vorhandene Virtuosität zeigen und seinem Hang zum 'Donnern' frönen konnte. Wobei 'er gab dem Affen Futter' dem nicht gerecht werden würde. Der Paderewski nach der Pause war gefühlvoll, nett, die Sinfonischen Etüden von Schumann dann aber vielleicht der Höhepunkt des Abends, weil es ihm doch gelang, die einzelnen Abschnitte als berührende Seelenzustände (so habe ich sie jedenfalls empfunden) darzustellen.

      Das war alles jetzt noch nicht 1A. Ich hatte ständig das Gefühl, das er hier zu viel, dort zu wenig geben würde, das man hier anders phrasieren sollte, hier pointierten sein müsste, dort mehr 'Singen' gut käme oder weniger Pedal und 'Donnern' mit der linken Hand.

      Aber eigentlich war das auch alles egal, denn hier erlebte ich einerseits ein ziemliches Talent und andererseits jemanden, der irgendwie auf dem Weg ist, der mit Sicherheit (hoffe ich jedenfalls) weiter in die Musik eindringen wird und vielleicht, vielleicht und hoffentlich doch noch mal von sich Hören lässt.

      Nur so nebenbei: Dadurch, dass ich ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Kunststätte Bossard bin, fragte man mich, ob ich ihn nicht morgen zum Bahnhof fahren könnte, was ich natürlich sofort bejahte. Mal sehen was er auf der Fahrt erzählen wird über seine Ausbildung, seinen Werdegang, seine Hoffnungen und Träume. Vorausgesetzt, dass ich etwas aus ihm herauslocken kann. :) Nur schade, dass ich ihn schon um 7:00 Uhr abholen soll. Für einen Sonntag fast schon menschenrechtsrelevant. :D

      :wink: Wolfram
    • Lieber Wolfram!
      Ich denke, Du hast recht, einen solchen Thread gab es bisher offenbar wirklich noch nicht. Super, dass Du diese Lücke geschlossen hast. Möge der Thread mit interessanten und kontroversen Schilderungen gefüllt werden! :D

      Schön, dass Du einen Klavierabend erleben konntest, der Dir gefallen hat! Der Mann ist ja noch sehr jung, mal schauen, was wir noch von ihm hören werden.

      Jetzt bleibt mir nur mehr, Dir morgen eine interessante Fahrt zu wünschen, in der Du ja hoffentlich ein bisschen mit ihm ins Gespräch kommen wirst. Und ja, um 6 Uhr aufstehen ist sonntags eher mühsam :/
    • Wir haben bereits einen Thread -> "Eben besucht - Konzerttelegramm International". Abgesehen natürlich von verschiedensten Threads zu deutschen (Groß-)städten.


      Zum Beispiel



      Konzerte in Dortmund
      Vom Konzertleben in Dresden
      Konzerterfahrungen in München
      Konzerte in Stuttgart
      Konzerte in Frankfurt
      Konzerte in Hamburg
      Konzerte in Darmstadt

      bis hin zu

      Konzerte in Schwerin

      womit wir dann bei

      Konzerte aus der Provinz

      landen :D








      Jetzt habe ich diesen Thread hier in Konzerttelegramm Deutschland/Österreich umbenannt. Bei den vielen österreichischen aktiv schreibenden Mitgliedern hier wäre "national" rein auf Deutschland bezogen schon fast eine Beleidigung... :D
      Hoffe, das ist im Sinne des Threaderöffners.

      audi
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • BUNTE BENEFIZVIELFALT

      Ein persönlicher Konzerteindruck

      Das Kunstforum Gilching e.V. lud am 25.5.2019 in der Aula des Christoph-Probst-Gymnasiums Gilching zu einer Benefizveranstaltung zugunsten der Nachbarschaftshilfe Wörthsee e.V. mit einer Klaviergeschichte mit Kindern, Jugendballett, Kammermusik, Kunstlied, Soloklaviervortrag und einem Jazzduo.

      Eröffnet wurde der Benefizabend mit der von Kindern unter der Leitung von Dora Novak-Wilmington vorgetragenen und am Klavier gespielten Klaviergeschichte „Promenade eines Bären“ von Martina Neander. Es folgte ein Jugendballett des Ballettzentrums Starnberg und des Tanzzentrums Starnberg zu Bildern im Hintergrund. Für den Großteil der Musik dazu und für die kompositorisch anspruchsvollen Zwischenspiele sorgte der Percussionvirtuose Leander Kaiser, vor allem am Marimbaphon und am Vibraphon.

      Mit dem Alter der Mitwirkenden änderte sich auch das Alter des Großteils des Publikums in der Folge.

      Das Klaviertrio Nr. 2 C-Dur op. 87 von Johannes Brahms wurde von Johanna Tüscher (Violine), Franz Amann (langjähriger erster Solocellist des Bayerischen Staatsorchesters) und Kazue Weber-Tsuzuki auf höchstem Niveau musiziert. Das wie man in Gesprächen zwischendurch mitbekam fachkundige Publikum erhielt in der kurzen Einführung durch die Mitveranstalerin den Hinweis, der 1. Satz enthalte zwei Hauptthemen und sechs Nebenthemen. Der 1. Satz erklang bodenständig fließend, der 2. Satz ungarisch wehmütig, der 3. Satz als ein unheimlicher Geisterritt mit gefestigterem Trio und das Finale meistermusikantisch flott.

      Die stimmkräftige Sopranistin Lea-ann Dunbar, 2020 die Woglinde im Bayreuther „Ring“, bildete nun mit der Pianistin Sophie Raynaud zusammen ein kongenial aufeinander abgestimmtes, stilistisch fabehaft flexibles Klavierliedduo, für Nachgesänge von Felix Mendelssohn-Barholdy, Richard Strauss (Die Nacht op. 10/3, Text Hermann von Gilm, was für ein exzeptionell gutes Richard Strauss Lied, für mich eine echte Entdeckung), Gabriel Fauré, Claude Debussy, Johannes Brahms (Vergebliches Ständchen op. 84/4, fröhlich keck), Alban Berg (Die Nachtigall aus Sieben frühe Lieder, sich ins Große weitend), Antonín Dvořák (Rusalkas Lied an den Mond, immer wieder zu Herzen gehend) und Frederick Loewe (I could have danced all night aus My Fair Lady).

      Der 1982 in Moskau geborene Pianist Dimitrij Romanov warf sich nun am Steinway Flügel man möchte fast sagen todesmutig impulsiv und voll auf Risiko gehend in die gewaltige halbe Stunde von Franz Liszts Sonate h-Moll. Da hatte endlich einmal einer den Mut und die Chuzpe, allen Effekt hochvirtuos auszukosten und sich aber auch Zeit zu nehmen für das ganz große Geheimnis des Werks. Das war gelebte Musik, nicht die gekonnte Wiedergabe von Abrufbarem, sondern genauso gekonnt jeder Klavieraugenblick als entscheidend und wegweisend und ganz im Jetzt, als große Klaviermusik die es nur in diesen Momenten gibt gespielt. Selbst wenn man das Werk durchgehend antizipierend kennt, immer zu wissen glaubt was kommen muss – Romanov verblüffte mit Schattierungen und präsenter Energie, sodass man gebannt vom ersten bis zum letzten Ton mitfiebern konnte.

      Das Finale bestritt das Jazzduo Thorsten Klentze (Gitarre – das CD-Angebot im Foyer weist ihn als Legende aus, Zusammenarbeiten unter anderem mit Jost H. Hecker und Charlie Mariano) und Wolfgang Wahl (Saxophon), großteils lyrische Modern Jazz Eigenkompositionen von Wahl, die erste gleich eine Reverenz an Charles Mingus, später auch ein deutschsprachiges Jazzchanson zum Thema Mitleid, alle Stücke aufgebaut mit Duoumrahmung und dann zunächst einem ausführlichen Wahl-Solo, in diesen Abschnitten mit vorher beim Spiel aufgenommener nun durchlaufender Begleitung.

      Der recht gut besuchte vielfältige Abend begann um 18 Uhr und endete gegen 23 Uhr, eine erstaunliche Mischung auf künstlerisch beachtlich hohem Niveau.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • audiamus schrieb:

      Wir haben bereits einen Thread -> "Eben besucht - Konzerttelegramm International". Abgesehen natürlich von verschiedensten Threads zu deutschen (Groß-)städten.
      Konzerte in drei dieser deutschen Großstädte (jawoll!) sind auch hier für die geneigte Nachwelt verfügbar:
      Konzerte im Rhein-Neckar-Raum

      :tee1:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • audiamus schrieb:

      Jetzt habe ich diesen Thread hier in Konzerttelegramm Deutschland/Österreich umbenannt. Bei den vielen österreichischen aktiv schreibenden Mitgliedern hier wäre "national" rein auf Deutschland bezogen schon fast eine Beleidigung...
      Hoffe, das ist im Sinne des Threaderöffners.

      Hudebux schrieb:

      Lieber Wolfram, ist es Dir wichtig, dass der Thread auf Berichte aus Deutschland und Österreich beschränkt bleibt? Falls nein, könnte der Thread nicht einfach „
      Eben besucht - Konzerttelegramm“ heissen?
      Lieber Hudebux, lieber audiamus, grundsätzlich fand ich die Idee mit 'Deutschland/Österreich' gut, bin mir nun aber nicht mehr sicher. Ich habe keinen Überblick darüber, ob wir hier a) auch Mitschreiber aus anderen Ländern haben und b) wie häufig Konzertberichte aus anderen Ländern irgendwo gepostet werden. Von daher wäre die Öffnung zu 'Eben besucht - Konzerttelegramm' grundsätzlich vielleicht wirklich ein guter Vorschlag.

      Da ich den Thread 'Konzerte aus der Provinz' nicht kannte, ist es in diesem Fall aber vielleicht am Sinnvollsten das Ganze dahin zu verschieben.

      :wink: Wolfram
    • Sadko schrieb:

      Schön, dass Du einen Klavierabend erleben konntest, der Dir gefallen hat! Der Mann ist ja noch sehr jung, mal schauen, was wir noch von ihm hören werden.
      Lieber Sadko, ich habe dabei bemerkt, wie sehr 'man' oder speziell 'ich' durch das Leben in einer Großstadt verdorben wird. ;) Natürlich habe ich während des Konzertes ihn verglichen mit denen, die ich gehört habe und musste mich dann immer wieder selber zur Raison bringen. Es ist schon ziemlich blöd, wie wenig unvoreingenommen ich, jetzt rede ich nur von mir, an junge Talente herangehe, die ihre ersten Auftritte haben. Aber immer, wenn ich mich während des Konzertes dahingehend zurechtgeruckt hatte, war ich doch ziemlich begeistert. (Wobei ich immer noch sagen würde, dass der Beethoven wirklich sehr verbesserungswürdig war. Sorry. :rolleyes: ) Jedenfalls gelobe ich Besserung. ^^ Hier im dörflichen Umfeld gibt es immer wieder mal Konzerte mit Nachwuchskünstlern, die ich nun häufiger besuchen werde. Ich bin da halt verdorben. Wenn ich in Hamburg einen Horowitz, Richter, Serkin, Barenboim oder eine Argerich hören konnte, bin ich natürlich nicht zu Nachwuchstalent XY gegangen. Das ist schon auch eine Form der zuschauermäßigen Arroganz, die sich a) nicht gehört und b) einem mögliche Entdeckungen verbaut. In der Oper war ich übrigens nicht so, aber da bekommt man 'Nachwuchstalente' ja auch eher im Gesamtpaket geboten.

      Sadko schrieb:

      Jetzt bleibt mir nur mehr, Dir morgen eine interessante Fahrt zu wünschen, in der Du ja hoffentlich ein bisschen mit ihm ins Gespräch kommen wirst. Und ja, um 6 Uhr aufstehen ist sonntags eher mühsam
      Das Gespräch war ganz informativ. Es ging v.a. um seine bevorstehende Bachelor-Prüfung, um sein Lieblingsrepertoire, um die Mühen, ein neues Stück einzuüben etc. Auffallend war aber v.a. seine Lockerheit und Erleichterung. Er war halt den Abend verständlicherweise sehr, sehr angespannt.

      :wink: Wolfram
    • Lieber Wolfram! Ich finde nicht, dass man dadurch verdorben wird, man wird vielmehr anspruchsvoller, denke ich. Ich sehe nicht ein, wieso ich in das Konzert eines mir unbekannten Künstlers gehen soll (und dafür bezahlen), wenn ich gleichzeitig auch das eines Künstlers hören kann, den ich kenne und für gut befinde. Außer - und das kommt sogar sehr oft vor - der mir unbekannte Künstler bietet ein tolles Programm, das mich interessiert. Aber wenn ich wen nicht kenne, informiere ich mich in der Regel zuerst mal auf Youtube - und wenn mir das zusagt, gehe ich hin (wenn es sich bei mir ausgeht).
      Aber ich verstehe natürlich auch die andere Seite, denn natürlich brauchen junge, noch nicht etablierte Künstler ein Publikum (in der Oper ist es, wie Du ja geschrieben hast, leichter, weil man da viele Sänger einfach so "mitnimmt" ohne ihretwegen hinzugehen).
      Jedenfalls freut es mich, dass Du auf der Autofahrt die Gelegenheit hattest, ihn in einer entspannteren Atmosphäre ein bisschen näher kennenzulernen!

      Ich habe nicht gewusst, dass es bereits entsprechende Threads gibt. Meiner Meinung nach wäre es am besten, diesen Thread in diesen zu verschieben, damit es nicht mehrere Threads über dasselbe Thema gibt und man nichts mehr findet etc.
    • Sadko schrieb:

      Ich sehe nicht ein, wieso ich in das Konzert eines mir unbekannten Künstlers gehen soll (und dafür bezahlen), wenn ich gleichzeitig auch das eines Künstlers hören kann, den ich kenne und für gut befinde.
      Lieber Sadko, wenn es die Gleichzeitigkeit gäbe. :D Aber hier in der 'Walachei' sieht es doch ein wenig anders aus. Natürlich könnte ich mich nach Hamburg aufmachen, aber das ist aus Zeitgründen nicht immer machbar. Und so war ich eigentlich ganz froh, in interessanter Umgebung dieses Konzert höre zu können und dachte auch gleichzeitig, dass es doch eigentlich auch ganz gut wäre, mal was ganz 'Junges' zu vernehmen.

      Sadko schrieb:

      Ich habe nicht gewusst, dass es bereits entsprechende Threads gibt. Meiner Meinung nach wäre es am besten, diesen Thread in diesen zu verschieben, damit es nicht mehrere Threads über dasselbe Thema gibt und man nichts mehr findet etc.
      'Internationale' Konzerterlebnisse - na, ob da Jesteburg mithalten kann? ^^

      :wink: Wolfram
    • Ich verstehe Dich natürlich! Aber mein Satz schaut zitiert schon ziemlich arrogant aus, so habe ich es nicht gemeint. Ich schätze jeden Musiker an seiner Stelle, und ich weiß, dass abseits der Spitzenorchester viel Tolles geleistet wird, bzw. die sogenannten Spitzenorchester auch manchmal ziemlich danebenspielen. Ich bin immer neugierig, gute neue Solisten kennenzulernen, und die meisten Konzertbesuche wähle ich wegen der Stücke aus, da für mich ist nebensächlich, wer spielt. Aber wenn ich beim selben Stück die Wahl habe, entscheide ich mich für die Interpreten, die ich besser finde, logischerweise. Wenn man nicht so viele Konzerte in der Umgebung hat, geht das natürlich nicht so leicht, ich weiß..

      "International" im ursprünglichen Wortsinn unterscheidet ja nicht zwischen Weltstädten und Gemeinden. :D Ich finde nicht, dass man das in den Threads unterscheiden und die Konzerte in kleineren Städten somit indirekt abwerten muss. Aber wie Du willst, das ist nicht meine Entscheidung :)
    • Sadko schrieb:

      Aber mein Satz schaut zitiert schon ziemlich arrogant aus, so habe ich es nicht gemeint.
      So habe ich das auch nicht verstanden. :P

      Sadko schrieb:

      "International" im ursprünglichen Wortsinn unterscheidet ja nicht zwischen Weltstädten und Gemeinden. Ich finde nicht, dass man das in den Threads unterscheiden und die Konzerte in kleineren Städten somit indirekt abwerten muss. Aber wie Du willst, das ist nicht meine Entscheidung
      Mir ist das eigentlich auch egal. Lassen wir das die Moderation entscheiden. ;)

      :wink: Wolfram
    • Dann befüllen wir mal diesen Thread - ob oder wie Beiträge später inanderen Threads verschoben werden, ist ja noch offen!

      Heute vormittag war ich im Wiener Musikverein bei einer Aufführung von Franz Schmidts Buch mit sieben Siegeln. Ein durchaus gutes Werk, wenn auch nicht meine erste Wahl. Perfekte Musik für Sonntag vormittag.

      Sadko schrieb:


      • So., 23. Juni (11:00): Wiener Musikverein (Goldener Saal)
        Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
        Internationaler Franz Schmidt Chor
        Alois J. Hochstrasser, Dirigent
        Robert Holl, Bass (Stimme des Herrn)
        Johannes Chum, Tenor (Johannes)
        Nicola Proksch, Sopran
        Barbara Hölzl, Alt
        Jan Petryka, Tenor
        Thomas Tatzl, Bass
        Robert Kovács, Orgel
        Franz Schmidt
        Das Buch mit sieben Siegeln. Aus der Offenbarung des Johannes - Oratorium für Solisten, Chor, Orchester und Orgel

      Heute war es ziemlich eine fade Sache.

      Chum hat sich in dieser sehr langen Partie recht gut geschlagen, auch wenn er über seinem Zenit ist. Er ist hörbar ein Ex-Sängerknabe. Am Ende waren nur leichte Ermüdungserscheinungen zu bemerken, vollkommen verständlich bei dieser langen Partie.

      Holl ist auch nicht mehr der Jüngste, hat die (kurze) Stimme des Herren aber gut gemacht. Er hat eine Badewannenstimme, aber für diese Partie passt das ja auch. Der Holl war am Orgelbalkon, der Chum neben dem Dirigenten vorn, und die anderen (passablen) vier Solisten zwischen Orchester und Chor.

      Chor eigentlich recht gut.

      Der Dirigent schien nicht ganz auf Zack, er war manchmal deutlich hinten nach.

      Der Organist hat mir sehr gut gefallen!

      Orchester: Totale Katastrophe, am schlimmsten die Geigen, Bratschen und Hörner. Naja, was erwartet man sich von einem Laienorchester. Das das Pendant zum Wiener Singverein.

      Der Musikverein war sehr schütter besucht, so wenig habe ich überhaupt noch nie erlebt. Trotzdem es jemand geschafft, während einer sehr leisen Holl-Stelle sein Handy läuten zu lassen, sowas stört! Da wird doch extra jedesmal mehrsprachig vor Beginn durchgesagt, dass man das Handy abdrehen soll, und manche Spezialisten schaffen das trotzdem nicht???
    • Heute war ich beim Diplomprüfungskonzert, das traditionell am Ende der Saison mit dem RSO im Musikverein stattfindet und üblicherweise hörenswert ist, weil dort junge, engagierte Leute ein großteils interessantes Programm zusammenstellen (so zum Beispiel letztes Jahr). Heute war es jedoch ziemlich öde. Außerdem waren nur zwei Drittel Teil einer Prüfung, wieso? Gibt es keinen guten Dirigier-Nachwuchs? (heuer nur zwei Kandidaten, sonst ca. fünf bis sechs)

      Sadko schrieb:


      • Do., 27. Juni 2019: Wiener Musikverein (Goldener Saal)
        ORF Radio-Symphonieorchester Wien
        ---
        Igor Strawinsky
        Suite aus dem Ballett „Der Feuervogel“; Fassung 1919
        Luiz de Godoy, Dirigent (Konzertdarbietung)
        ---
        Camille Saint-Saëns
        Symphonie Nr. 3 c-Moll, op. 78, „Orgelsymphonie“
        Yeojin Kim, Dirigent (Diplomprüfung "Orchesterdirigieren" an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien)
        Stefan Donner, Orgel
        ---
        Silvestre Revueltas
        La noche de los Mayas; als „Symphonische Suite“ bearbeitet von José Yves Limantour
        David Ricardo Salazar, Dirigent (Diplomprüfung "Orchesterdirigieren" an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien)

      In Kurzfassung:

      Feuervogel = für Stravinsky-Verhältnisse langweilig, und außerdem wirklich schlecht gespielt (im Höllentanz sind weite Teile des Orchesters einmal komplett hinausgeflogen, der Dirigent hat weiterdirigiert, was auch richtig war)

      Orgelsymphonie = gut dirigiert/gespielt! Also das Werk ist in der Kategorie "leichte, eingängige Musik", aber schon gut anhörbar. Die Orgelstellen haben mir spitze gefallen, die Orgel ist schon ein verdammt tolles Instrument.

      Revueltas = ein unglaublicher Krawall, das müsste das richtige Werk für den Currentzis sein. Seehr viele Schlagzeuger (Soli!) das war ein paar Minuten lang fetzig, aber dann nur mehr nervig. Das Dirigat war irgendwie viel zu zahm, ich kann mir vorstellen, dass man aus dem Stück was machen könnte. Das sollte meiner Vermutung nach viel expressiver klingen, nicht so beläufig.

      Und: Das RSO ist halt doch nur das RSO und kein Spitzenorchester, weit nicht. Trotzdem ist es wertvoll für Wien, auch wenn das Programm der nächsten Spielzeit an Langweile und Mainstream kaum zu überbieten ist.
    • Schubertiade Schwarzenberg 28.06.2019 - Robert Holl, András Schiff and friends

      Gestern Abend war ich wieder in Schwarzenberg.
      Anlaß dazu war ein Konzert von mehrstimmigen (und Solo-) Gesängen mit Baßbariton Robert Holl und einigen seiner ehemaligen Studenten, die jetzt alle etablierte Sänger sind aber sich immer wieder zum gemeinschaftlichen Singen treffen. Partner (nicht nur) am Klavier war András Schiff.

      Das Programm war folgendes:
      Gesang der Geister über den Wassern (Goethe), D 714
      Grenzen der Menschheit (Goethe), D 716 - Robert Holl
      Im Gegenwärtigen Vergangenes (Goethe), D 710
      Der Jüngling und der Tod (Spaun), D 545 - David Jagodic und Georg Klimbacher
      Mondenschein (Schober), D 875
      Der blinde Knabe (Cibber), D 833 - Robert Holl
      Ständchen (Grillparzer), D 920 - Solistin: Sophie Rennert

      Die Nachtigall (Unger), D 724
      Gondelfahrer (Mayrhofer), D 809
      Der Jüngling auf dem Hügel (Hüttenbrenner), D 702 - Robert Holl
      Totengräbers Heimwehe (Craigher), D 842 - Robert Holl
      Nachthelle (Seidl), D 892 - Solist: Jan Petryka
      Zur guten Nacht (Rochlitz), D 903 - Solist: Georg Klimbacher
      Gesang der Geister über den Wassern (Goethe), D 714

      Ausführende waren:

      Sophie Rennert, Mezzosopran

      Johannes Bamberger, David Jagodic, Markus Miesenberger, Jan Petryka, Tenor
      Yves Brühwiler, Georg Klimbacher, Clemens Kölbl, Bariton
      Robert Holl, Baß

      András Schiff, Klavier

      Hariolf Schlichtig, Yuuko Shiokawa, Viola
      Rafael Rosenfeld, Xenia Jankovic, Cello
      Brita Bürgschwendtner, Kontrabaß

      Wie man sieht, ein anspruchvolles Programm mit einigen der schönsten mehrstimmigen Gesängen Schuberts, weniger bekannten Liedern, um die Themen Nacht, Vergangenheit, von der eher heiteren (Ständchen) bis düsteren (Totengräbers Heimwehe) und philosophischen Seite (Gesang der Geister über den Wassern). Dieser Gesang der Geister über den Wassern, für achtstimmiges Männer-Ensemble und tiefes Streichquintett unter der Leitung von András Schiff eröffnete das Konzert. Ein absoluter Höhepunkt der Goethe-Schubert Konstellation, den man wegen der unüblichen Besetzung und der hohen Ansprüchen an alle Beteiligten nicht of zu hören bekommt.

      Hier wurden die Qualitäten sofort dargestellt: acht Solisten, jeder mit einem individuellen Timbre und einer persönlichen Stimmfarbe, die zu einem echtem Ensemble zusammenschmelzen, vokale Kammermusik auf höchstem Niveau, dazu in perfekter Symbiose mit den Streichern.

      András Schiff setzte sich dann an sein Bösendorfer (er ist ein bekannter Steinway-Hasser). Ich hatte ihn vor ein paar Jahren im selben Raum am Brodmann-Hammerflügel gehört. Für einen Raum der Größe des Angelika-Kauffmann-Saales und dazu mit einem stimmgewaltigen Ensemble ist allerdings der Bösendorfer besser geeignet und so konnte Schiff die Rolle des maestro al pianoforte übernehmen, eine Rolle mit viel Abwechslung, beinahe symphonischer Partner in Totengräbers Heimwehe, Stimmungserzeuger in Nachthelle, diskrete Stütze in Die Nachtigall, alle Schattierungen dazwischen in den anderen Stücken. Eine Rolle, die Schubert selber gerne übernahm (und als Klavierpartner spielte er auch für Vokalquartette, die aus den besten Sängern seiner Zeit zusammengestellt waren), und die András Schiff mit Stilsicherheit und der richtigen Schubertschen Mischung von Selbstbewußtsein und Hintergrund-Präsenz erfüllte.

      Die acht Sänger des Abends traten in unterschiedlicher Zusammensetzung auf: Quartett, Quintett (D875), Doppelquartett ... und wechselten auch vom ersten zum zweiten Tenor bzw. Baß ...

      Robert Holl war als Baß in den Ensembles beteiligt und trat als Solist in vier Liedern auf, wobei András Schiff mit einem improvisierten Zwischenspiel Der Jüngling auf dem Hügel und Totengräbers Heimwehe verband.

      Es war ein richtiges Fest, wie man sich die historischen Schubertiaden vorstellen kann: der Maestro am Klavier, Johann Michael Vogl mit ein paar solistischen Erscheinungen und Freude, die zusammen im Dienste der Musik waren. Irgendwie erreichte diese gemeinsame Begeisterung auch den Saal, der Applaus war spontan und herzig.

      In der Schubertiade Schwarzenberg habe ich gelegentlich Konzerte erlebt, die dem star system in nicht immer positiver Weise Tribut zollten. Dies war hier das absolute Gegenteil. Wenn auch die jungen Solisten nicht mit Exklusiv-Verträgen bei bekannten Labels geschmückt sind, haben sie alle eine erfolgreiche Karriere. Einer der Beteiligten faßte aber den Geist des Konzerts so zusammen: "Musik ist ein Mannschaft-Sport" - und zu dieser Mannschaft gehörten auch die zwei erfahrungsreicheren Partner.

      Einzige Frauenstimme war Sophie Rennert, die sich aber perfekt in die Mannschaft integrierte.

      Der Gesang der Geister über den Wassern rundete als letztes Stück das Konzert wieder ab. Keine Zugabe notwendig, und dies kam auch herüber. Der Schlußapplaus war begeistert aber keiner verlangte nach mehr.

      Es war einer der Abende, wo alles stimmte. Die herrliche Alpenkulisse gehörte dazu, die Temperatur war nicht mehr so unerträglich heiß, der Schubert-Freund war einfach glücklich.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Oha - da bin ich wirklich neidisch, lieber Philbert. Diese Ensemble-Gesänge sind kleine Wunderwerke, allen voran sicher der "Gesang der Geister", aber auch die "Nachthelle" mit ihrer Klangmalerei oder das hingetuptte "Ständchen" - nicht identisch mit dem gleichnamigen Lied aus dem "Schwanengesang". "Nur wer die Sehnsucht kennt" und "Nachtgesang im Walde" wären weitere Beispiele für äußerst hörenswerten Schubert, der mir hier noch näher bei sich selbst scheint als etwa in seiner KV 550-Imitation der 5. Sinfonie.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Die 5te Sinfonie war aber nicht für die Öffentlichkeit gedacht - im Unterschied zu den Vokal-Ensembles. Nur wer die Sehnsucht kennt als deutsches Madrigal ist tatsächlich fantastisch, Nachtgesang im Walde auch - aber der Konzertveranstalter braucht 4 Hornisten :) . Immerhin könnte es sein, dass die Truppe um Robert Holl und András Schiff durch deutschsprachige Länder tourt (die Logistik ist nicht einfach, denn alle sind beschäftigt). In diesem Fall würde ich den Besuch eines solchen Konzerts wärmstens empfehlen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Schubertiade Schwarzenberg 27.06.2019 - Schwanengesang - Andrè Schuen Daniel Heide

      Ich muß gestehen, daß ich nicht so gerne den Schwanengesang im Konzert höre.
      Der Grund ist wohl, daß es ein vorgefertigtes Konzertprogramm ist, das nur aus Höhepunkten besteht. Dazu sind die Heine-Lieder oft größer als die Interpreten. Mir gefallen im Konzert Programme, die auch weniger bekannte Lieder miteinbeziehen, wo die Interpreten nicht ständig unter Spannung stehen. Die echten Zyklen, die Müllerin und die Winterreise, sind wegen der eigenen Dramaturgie ein anderer Fall. Die anderen bekannten Liedersammlungen (Schumanns Dichterliebe oder op. 39, Brahms' Magelone, Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen ...) sind nicht abendfüllend, so daß der Programmgestalter Freiraum hat.

      In Schwarzenberg wurde der Schwanengesang als klassischen Liederabend in zwei Teilen mit Pause gegeben: zuerst die Rellstab-Lieder (mit zusätzlich Herbst D945 vor Abschied), dann die Heine-Lieder, umrahmt von Liedern nach Johann Gabriel Seidl (Bei dir allein D.866/2, Der Wanderer an dem Mond D.870, Wiegenlied D.867, Am Fenster D.878 davor, Die Taubenpost danach). Ein guter Einfall, der dazu den Hiatus Abschied - Der Atlas vermeidet.

      Schon in Liebesbotschaft waren gewisse Elemente des Abends klar: Daniel Heide ist kein Teilchenbeschleuniger und gibt Andrè Schuen einen Raum, den dieser mit schönen Legato-Bögen füllen kann. Der Bariton verfügt über alle stimmlichen Mittel, um diesen Raum zu füllen: Atemkontrolle, Stimmfarben und eine präzise Dynamik.
      Mit Kriegers Ahnung konnten die beiden ihr Gestaltungpotenzial voll ausschöpfen: eine reiche Farben- und Dynamikpalette, wobei die Dramatik nicht opernhaft übertrieben wird und das Träumerische zum Ausdruck kommt: wie in Frühlingstraum der Winterreise ist das Glück nur eine Vision und "Gute Nacht" ein Abschied.
      Bei Frühlingssehnsucht waren die ersten Strophen subtil differenziert, um eine Steigerung zu erzeugen: die Sehnsucht eben, die dann von der letzten Strophe mit ihrer Moll-Wendung abgefangen wird.
      In Ständchen erinnerte Schuen daran, mit welcher Eleganz er Melodien von Tosti singen kann. Feinstes mezza voce, das von Heide am Klavier ausbalanciert wurde, indem er ein reines Schubertsches Moment musical darbot. So konnte dieses abgesungene Lied auf einmal wieder verzaubern.
      Die Begeisterung ließ nicht nach. In Herbst bekamen wir eine feinste Legato-Studie, mit der die erste Strophe von Abschied kontrastierte, die von Schuen staccato gesungen wurde. Hier vermied Heide die gerittene Trivialisierung - ein weiteres Beispiel der Ausgewogenheit der beiden Partner.

      Nach der Pause konnten wir wieder das nuancierte mezza voce von Schuen in Wiegenlied genießen. Hier fiel mir auch, daß wie zuvor in Herbst Schuen keine extra-Verzierungen einbringt. Er bleibt einfach bei den Noten und differenziert die Strophen durch Farbe und Dynamik, die auch in piano Nuancen kennt.
      Beim Atlas kommt wieder das fff aus voller Kehle, eine Spur zurückgehalten, weil der Höhepunkt noch kommen muß. Stimme und Klavier konkurrieren, um in den folgenden Liedern eine mysteriöse Stimmung zu erzeugen, aus der der Doppelgänger sich entfaltet, ein langsames crescendo, das zur fff-Explosion kommt. Diese Gruppe der Heine-Lieder war tatsächlich die Krönung des Abends.

      Die Taubenpost ging ein bißchen unter, da wir noch im Heine-Rausch waren, konnte den Abend aber zu einem ruhigen Abschluß bringen.

      Wenn der Schwanengesang so dargeboten wird, sind die Bedenken, die ich anfangs geäußert habe, völlig irrelevant.
      Es war nicht das erste Mal, daß ich Schuen und Heide erlebt habe (das erste Mal war in Oxford 2016, auch mit einem reinen Schubert-Programm) und deshalb waren meine Erwartungen groß, aber mit diesem Konzert wurden sie noch einmal hochgeschraubt. Dazu muß man sagen, das der Angelika-Kauffmann-Saal sich wieder als beinahe ideal für einen solchen Liederabend erwiesen hat.

      Das begeisterte Publikum wurde noch mit zwei Zugaben beschenkt: Wanderers Nachtlied II D768 und Der Wanderer D649.
      Alles, wie immer, IMHO.